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Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

diese Suggestion

diese Suggestion zustande? Durch welche stilistischen Mittel verleiht der Dramatiker den Worten seiner Personen den Schein von Leben, der uns allein seine Ergriffenheit zu übermitteln vermag? Der Erkenntnis dieses stilistischen Grundgeheimnisses nähern wir uns vielleicht am besten, indem wir zunächst einige ebenso naheliegende wie gründliche Irrtümer abwehren. Zunächst: Illudierende Lebenskraft wird in den Worten einer Person nicht etwa dadurch erweckt, daß sie mit voll- kommenster Klarheit und erschöpfendster logischer Präzi- sion ihr Gemeintes, ihr Innenleben auszudrücken vermag. Nichts suggeriert uns weniger das Lebensgefühl eines erotisch entzündeten Menschen, als der gewiß tadellose, treffende und erschöpfende Satz: ,,Ich konstatiere, daß die von mir für Sie gehegten Gefühle erotischer Natur sind." In der Richtung dieses Beispiels, das für Kenner unserer theatralischen Massen- produktion nicht einmal allzu grotesk scheinen dürfte, ist aber der Grund für viele berühmte Fälle vom Versagen auf dramatischem Gebiete zu finden. Schillers ,, Jungfrau" und „Jungfrauen" überhaupt wirken eben deshalb so wenig mädchenhaft, so wenig menschlich, so wenig lebendig, weil sie von ihrer kindhchen, unschuldigen, jungfräuUchen Natur so erschöpfend und so korrekt zu sprechen wissen. Und, um noch ein Beispiel aus derberer Sphäre zu geben, was wirkte für den ästhetisch kultivierten Zuschauer erheitern- der und harmloser zugleich, als Sudermanns dämonische und gefährliche Männer und Weiber, die so ausführlich und interessant über ihre dämonische und gefährliche Natur zu sprechen wissen. In all diesen Fällen wirkt die eben nicht vom Gefühl, sondern vom Verstände ausgehende, durchaus logische Sprachbildung auch auf unseren Verstand und nicht auf unser Gefühl. Und der Abstand zwischen dem verstandesmäßig bezeichneten Gefühl und der tatsäch- lich in uns erregten Gefühlsleere wirkt auf uns erheiternd. 28

Ebensowenig wird aber der Rede einer dramatischen Ge- stalt dadurch suggestive Lebenskraft zuteil, daß ich mit möglichster phonographischer Treue die Redensart realer Menschen nachahme. Dieser Irrtum lag ja vor drei Jahrzehnten dem jungen deutschen Naturalismus nahe, und im Zeitalter der ,, experimentierenden Poesie" haben Holz und Schlaf ganze Gesprächsfolgen stenographisch aufgenommen, um sie dann möghchst treu als dramatische Dialoge zu ver- werten. Es ist nun interessant, wie völlig leblos im künst- lerischen Sinne diese Protokolle wirken, wie wenig diese Art zu sprechen uns irgendeinen der unterredenden Men- schen wirkhch lebendig macht. — Daß die Sprache, von der die dramatische Illusion ausgehen soll, in keinem Augenblick ihr Maß von der Sprache des wirkhchen Lebens emp- fangen kann, sondern ebenso oft über sie hinausgehen, wie hinter ihr (in einem rein quantitativen Sinne) zurückbleiben muß, das zeigt die einfachste Überlegung. Nicht ohne Grund sagen mancherlei Sprichworte, das Glück oder die Liebe oder auch der Haß sei ,,stumm"; tatsächlich steht bei vielen Naturen die Ausführlichkeit und Stärke sprachlicher Äuße- rung beinahe in einem umgekehrten Verhältnis zur Stärke und Intensität der Affekte, unter denen sie stehen. In der sprachkünstlerischen Form aber muß sich alles in Worten ausprägen, auch das Innenleben solcher Menschen, auch die Liebe eines Othello, der Gram eines Hamlet, der Stolz einer Cordelia, deren psychologisch ,, wahrscheinlichster" Ausdruck schweigend wäre^). Innerhalb der dichterischen Szene ist keine andere Gestaltung als durch Worte möglich, und es ist ein ziemlich einfacher Irrtum, dagegen auf die große Wirkung hinzuweisen, die in einigen ganz isoherten Fällen vom ^) Damit erledigt sich auch zugleich der bekannte naturalistische Einwand gegen den Monolog. Der Monolog ist immer existenzberechtigt, wenn er den später aufzuzeigenden Grundgesetzen dramatischer Sprache genügt: wenn er produzierend und zugleich (innerlich I) zweistimmig ist. 29

Kritik einer neuen Übersetzung von Lessings Schauspiel Nathan ...