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Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

Zweiten) die Geburt

Zweiten) die Geburt inneren Lebens in den Worten einer dramatischen Figur gestaltet werden kann. Um zu zeigen, wie das allmähliche Verfertigen der Gedanken direkt, ohne Einwirkung des Dialogs, innerhalb einer Rede durch den großen Dramatiker sichtbar gemacht wird, und wie auf solche Art mit unwiderstehlichster Überzeugungs- kraft sich das bewegte, sekundhch entstehende und ver- gehende Leben uns darstellt — um diesem innersten Kern unserer ganzen Aufgabe zu genügen, will ich nur ein Bei- spiel wählen — aber das größte, das ich überhaupt in der dramatischen Literatur kenne: Lear vor seinen Töchtern. Von dem Gefühl seiner ge- schändeten Königswürde bereits mit Wahnsinn bedroht. Das schauerüche Duett der beiden Weiber— die mit der bornierten Vernünftigkeit der ganz Gefühllosen dem Vater vorrechnen, daß er das Gefolge, das als Zeichen seiner Herrscherwürde ausbedungene, ja nicht nötig habe — spitzt sich bis zu jener schauerlichen Steigerung zu: ,,Was braucht Ihr fünfund- zwanzig, zehn ja fünf . . . was braucht Ihr einen nur?" Und nun setzt Lear ein, offenbar mit dem bewußten Willen zu nüchtern, vernünftiger Darlegung — ruhig mit letzter Kraft 36 „O streite nicht, was nötig sei. Der schlechteste Bettler Hat bei der größten Not noch Überfluß. Gib der Natur nur das, was nötig ist, So gilt des Menschen Leben, wie des Tieres. Du bis 'ne Edelfrau; Wenn warm gekleidet gehn schon prächtig wäre, Nun, der Natur tut deine Pracht nicht not. Die kaum dich warm hält; — doch für wahre Not — Gebt Götter mir Geduld, Geduld tut not! Ihr seht mich hier, 'nen armen, alten Mann, Gebeugt durch Gram und Alter, zwiefach elend! — Seid ihrs, die dieser Töchter Herz empört Wider den Vater, narrt mich nicht so sehr, Es zahm zu dulden; weckt mir edlen Zorn! O laßt nicht Weiberwaffen, Wassertropfen, Des Mannes Wang' entehren! Nein, ihr Teufel, Ich will mir nehmen solche Räch' an euch,

Daß alle Welt — will solche Dinge tun — Was, weiß ich selbst noch nicht: doch solln sie werden Das Graun der Welt. Ihr denkt, ich werde weinen? Nein, weinen will ich nicht — Wohl hab' ich Fug' zu weinen; doch dies Herz Soll eh in hunderttausend Scherben splittern. Bevor ich weine. — O Narr ich werde rasend I . . ." Was diesen erschütterndsten aller Wortfügungen ihre fort- reißende Lebenskraft gibt, ist offenbar, daß sie keineswegs von einem klar gefaßten Ausgang einem bestimmten Ziel zugehen, sondern daß Stoß um Stoß aus der in einem anderen Sinne begonnenen Rede ein neuer Sinn hervorstürzt und Willen, Entschluß, Leben des Sprechenden vor sich her- treibt! In den gespenstisch vernünftigen, dozierenden An- fang bricht bei dem Worte „Not" — bei einem bloßen Zufall der Assoziation also 1 — das Gefühl der eigenen, ungeheuren Not und schwillt in entsetzlichen Sprüngen auf bis zu einem furchtbaren Racheschwur. Hier überschlägt sich die Kraft und zerreißt; wir erleben es an der plötzlichen Verwirrung der nicht zu Ende kommenden Sätze. — Der Schwur, nicht zu weinen, kündigt uns das Heraufkommen der Tränen, dieser Ubersprache des Gefühls an, und nachdem die letzte Kraft für uns in einem ungeheuerlichen Bild gleichsam verpufft ist „in hunderttausend Scherben splittern" — macht die Ankündigung des Wahnsinns den Schluß einer Rede, die mit der Ankündigung kältester Vernünftigkeit begann. Dies in der Sprache abgemalte, in einer letzten Tiefe aber auch durch das Sprechen verursachte, sich Auseinander- falten der Seeleninhalte — dieses Sichtbarmachen der seeli- schen Geburten durch die geniale Anordnung der mit der Sprache bezeichneten, psychologischen Inhalte, das bleibt in allen Fällen das erste und höchste Mittel dramatischer Sprachschöpfung. Außer dieser seelenbildnerischen Funktion aber, die für den Dramatiker in jedem einzigen Fall sich aus dem Wesen und Schicksal des vorgestellten Menschen 37

Kritik einer neuen Übersetzung von Lessings Schauspiel Nathan ...