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Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

Neue Kritik der Bühne; dramaturgische Grundlegungen und ...

kommen wir freilich zu

kommen wir freilich zu einem tiefen Punkt, der gleichsam unterhalb unserer ganzen Problemstellung liegt und von dem aus wir unserer ganzen bisherigen Betrachtung noch ein tieferes Fundament geben müssen. s^Jj Das Drama hat ja historisch betrachtet nicht nur sprachkünstlerische Wurzeln. Geschichtlich kommt es vielmehr aus jener uralten mimischen Übung heraus, in der Schauspielkunst und dramatische Poesie noch völlig unge- schieden nebeneinander liegen. Wenn nun nach dem Prinzip der Arbeitsteilung, das auch im Ästhetischen jede Höher- entwicklung zu begleiten scheint, diese theatralische Urkunst sich in Schauspielkunst und dramatische Dichtung differen- ziert hat, so besteht doch heute noch die Tatsache, daß das große theatralische Kunstwerk erst wieder im Zusammen- fluß von Schauspielkunst und Dichtkunst entsteht, und daß deshalb Schauspielkunst wie dramatische Dichtkunst in ihr innerstes Wesen Bedingungen aufnehmen müssen, die diesen Zusammenfluß noch ermöglichen. Das Lesedrama rein dich- terischer, d. h. dramaturgisch unreiner Poeten ist also ebenso eine ästhetische Entartung wie das selbstherrliche, den dich- terischen Plan vernichtende Virtuosentum gewisser Schauspieler. Für die nichthistorische, sondern systematische Analyse des Ästhetikers stellt sich das Phänomen nun so dar: Verschleierung des persönlichen Anteils durch scheinbar objektiv gestaltete frei bewegte Menschen ist Wesen der dramatischen Form. Der Mensch wird fühlbar, künstlerisch darstellbar nur, wo sein Wille, Leidenschaften entfaltend, praktisch handelnd, laut wird: In der dichterischen Nach- bildung des redend offenbarten Menschen muß deshalb der wollende, handelnde Mensch tonangebend sein^). Diese ^) Eine Folge dieser Gebundenheit der dramatischen Rede an den handelnd bewegten Menschen ist jenes Gleichgewicht von Sprechen und Handeln, Wort und Geste, das ich in meiner „Kritik der Bühne" als Inbegriff jeder richtig funktionierenden Technik des Dramas aufgestellt habe. 48

Suprematie des praktisch sprechenden Menschen im Drama ist es dann, die diesem Zweige der Sprachkunst den immer neuen Zusammenklang mit der geschwisterlichen Kunst des Schauspielers verbürgt. Aus dieser Bindung an die vita activa aber folgt zugleich für die sprach künstlerischen Mittel des Dramatikers noch ein zweites und überaus wich- tiges Gesetz. Der praktische Mensch nämlich, der den Kampf ums Dasein führt und sich ununterbrochen mit seinen Mitmenschen zu messen hat, ist uns nur nach einem dualistischen Schema vorstellbar. Ein Kampf ist uns immer nur zwischen zwei Gegnern ausdenkbar, sobald es sich um den Einsatz der ganzen Person, nicht wie bei sportlichen Übungen (Wett- rennen u. dgl.) um den Einsatz einer isoherten körperlichen Fähigkeit handelt. Ein Krieg, in dem es mehr als zwei Parteien gibt, ist für uns das Chaos, fällt außerhalb unserer sozialen Organisation. Der deutsche Erzdramatiker Kleist hat, das Entsetzen jeder Gefühlsverwirrung auszukosten, das Grauenhafte eines solchen Krieges im Anfang seiner „Pen- thesilea" geschildert^). Unser Recht kennt keinen Prozeß mit drei Parteien, zwingt vielmehr jeden Dritten, sich zu- nächst einer von zwei Parteien anzuschließen. Ja die Phy- siker ringen bekanntlich erfolglos mit dem Dreikräfteproblem, d. h. vermögen nicht in einer einzigen Formel die gleich- zeitige Anziehung von mehr als zwei Kräften aufeinander auszudrücken. Es scheint das Grundschema des mensch- lichen Geistes zu sein, das uns zwingt, jedes Verhältnis in Position und Negation duaUstisch auseinander zu legen. Und 1) Es ist viel zu wenig beachtet worden, daß dieser wahnsinnige Weltkrieg zum Schluß auch solche letzte Auflösung alles Kampfsinnes geschaffen hat: an der Ostfront bekämpften sich Ende 1918 tatsächlich Deutsche, Polen und Russen gleichzeitig und durcheinander und ohne Bündnis 1 Und ähnliche Zustände scheinen noch in Rußland zwischen Bolschewisten, Ukrainern, Polen und russischen Antibolschewisten zu herrschen. 4 Bab, Neue Kritik der Bühne. 49

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