Zeitschrift für romanische Philologie

scans.library.utoronto.ca

Zeitschrift für romanische Philologie

134

®- DITTRICH,

dafs tatsächlich ein erhebliches erkenntnistheoretisches Bedenken

dagegen besteht, „Vorstellung" als möglichst allgemeinen Terminus

für die Bedeutungsseite des sprachlichen Gebildes „Wort" zu gebrauchen.

Aber könnte man selbst von diesem Bedenken absehen,

so bliebe doch immer ein durchaus nicht zu beseitigendes rein

psychologisches Bedenken gegen eine solche Terminologie übrig.

Das, was durch die Worte der Sprache bedeutet wird, ist nämlich

durch den Terminus „Vorstellung" auch rein psychologisch bei

weitem nicht gedeckt. Mag man ihn auch noch so weit fassen,

d.h. als Ausdruck sowohl der erkenntnistheoretisch „objektiven"

oder „gegenständlichen" Vorstellungen als auch derjenigen Vor-

stellungen, denen (sie gehören dann ins Gebiet der Phantasie)

keine Gegenständlichkeit im Sinne primärer Wahrnehmungs- oder

Erinnerungswirklichkeit zugeschrieben werden kann (vgl. Grdz. I

§ 1496 fr.). Denn es bliebe trotzdem das ganze, weite Gebiet

dessen ausgeschlossen, was unter dem Terminus „Gemütsbewegungen"

im Sinne von Wundt befafst werden kann, also Gefühle

im engern Sinne, Affekte und Stimmungen, Willensvorgänge, deren

Wichtigkeit als Gegenstand sprachlichen Ausdruckes auf der Hand

liegt. Alle diese „Gemütsbewegungen" sind aber ebensogut wie

die objektiven und nichtobjektiven Vorstellungen „Dinge" in dem

oben festgestellten Sinne: Indem das psychophysische Individuum

mehr oder minder heftig, leidenschaftlich oder ruhiger fühlt oder

will, hat es dieses Gefühl, diesen Affekt, diese Stimmung, diesen

Willen unmittelbar, d. h. ohne dafs sich eine Vorstellung von diesen

„Dingen" zwischen das Individuum und diese Dinge selbst schöbe.

Und benennt das Individuum (als Namengeber) seine Gemütsbewegungen,

so benennt es wiederum diese „Dinge" selbst, nicht

seine Vorstellung von ihnen. Es kann also meines Erachtens auch

von dieser Seite her kein Zweifel bestehen, dafs der Terminus

„das zu benennende Ding" tatsächlich der allgemeinste Ausdruck

für das sei, was nachher, nachdem die Benennung vollzogen ist,

als Bedeutung des neugebildeten Wortes erscheint. — Waren es,

wie wir eben gesehen haben, wesentlich Bedenken erkenntnistheoretischer

und allgemeinpsychologischcr Art, die mich von dem

Terminus „repräsentierende Vorstellung" zurückkommen liefsen, so

die Wortbedeutung nicht an das transzendente, [aufsersubjektiv] existierende

Aufsending geknüpft sein läfst." Ich stimme dem, wie man sieht, völlig bei.

Nur ziehe ich es vor, Marlinak-Meinongs Terminus „Vorstellungsgegonstand"

durch Wundts ,,Vorstenungsobjekt" und für die sprachwissenschaftliche Erörterung

durch den Terminus „Ding" zu ersetzen. Und zwar, weil diese

Termini die notwendige Erweiterung auch auf Eigenschaften, Zustände, Beziehungen,

nicht blofs Gegenstände im engern Sinne, als „Vorstellungsobjekte"

und psychische Objekte überhaupt gestatten. Was den Terminus „Ding"

anlangt, den Martinak als gleichbedeutend mit „aufsersubjektiv existierendes

Aufsending" fafsl, glaube ich besser zu tun, wenn ich ihn in diesem Sinne

nicht verwende, sondern ihn durch ,,Ding an sich" ersetze und auch in

dieser Form nur im metaphysischen, nicht aber im erkennlnistheoretischen

Sinne gelten lasse.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine