Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

SCHULTZ-GORA, , AUGEN DES HERZENS' IM PROV. UND ALTFRANZ. 339

Ist die interessante Metapher romanischen Ursprungs oder liegt

sie schon im Lateinischen vor? Ich kann sie weder im Latein

der Klassiker noch auch im späteren Latein nachweisen, was

natürlich garnicht ausschliefst, dafs sie in dem letzteren doch und

vielleicht am ehesten bei Kirchenschriftstellern vorkommen mag.

Läge keine Herübernahme aus dem Lateinischen vor, so würde

die Kühnheit der Bildung füglich überraschen; i sie wäre immer

noch gröfser als bei einem etwaigen ,Thränen des Herzens', wenn

diese Metapher wirklich, wie Ebeling 1. c. meint, in der alten

Sprache begegnete, was meines Wissens nicht der Fall ist, 2 denn

es würde hiebei immer die dem Mittelalter geläufige physiologische

Anschauung zu Grunde liegen, dafs das Herz das Thränenwasser

absondere, so dafs ein Vaiga del cor (Flamenca^ V. 4127) keineswegs

auf gleicher Linie steht wie die lar?nes du caeiir bei A. de

Musset. Dementsprechend ist es denn auch zu beurteilen, wenn

auch ,das Herz weint' vereinzelt begegnet: Seigneurs, tont le euer

7ne lermü^ (Mommerque et Michel, Theätre fran9. p. 565), abgesehen

davon, dafs hier ein Verb der Sitz der IMetapher ist, was

die Kühnheit mindert.

Niemandem, der die Eingangs angeführten Beispiele liest,

wird entgehen, dafs eine Übersetzung , Augen des Herzens' durchaus

nicht in allen Fällen sinngemäfs wäre. Mehrfach verlangt der

Zusammenhang , Augen des Geistes', und diese Bedeutung ist sehr

begreiflich, da ja das Herz nach der Auffassung des Mittelalters

nicht blos der Sitz der (religiösen oder weltlichen) Empfindung,

sondern ebenso gut der des Intellektes ist. Ja, es schiebt sich

die Frage vor, ob nicht bei unserer Metapher euer = , Geist' das

Ursprüngliche sei und ob daher nicht , Augen des Geistes' als

Ausgangspunkt für , Augen des Herzens' zu gelten habe. Es

dürfte zunächst natürlicher erscheinen, dafs dem erkennenden und

vorstellenden Geiste ein Schauen zugeschrieben wird als dem

empfindenden Herzen. Dann verdient wohl auch Beachtung, dafs

späterhin, als man aufhörte, dem Herzen Verstandesfunktionen zu

vindizieren , 4 ks yeux du eoeur nicht mehr recht vorzukommmen

^ Sie ist freilich auch bei Minnesingern anzutreffen, doch ist vielleicht

die Frage berechtigt, ob nicht die beiden Belege welche Mätzner 1. c. für

ougen des herzen beibringt (Walther von der Vogelweide, Uolrich von

Lichtenstein) sich durch romanischen Einflufs erklären.

^ Ebeling hat die Stelle aus dem Lai de l'ombre 480 Li vermeus li

monte eii la face Et les larmes del euer as ieus nicht richtig aufgefaCst, denn

del euer gehört zu monte , vgl. z. B. Du euer nie vient la lernte aux iex

(Theätre fran9. p. 293) und so auch noch bei Th. Gautier, Le cap. Fracasse

II, 228 : Le sein d' Isabelle se gonfla d^un soupir et une lärme 7no7ita de son

eceur ä ses yeux. Dieselbe Ausdrucksweise ist übrigens auch bei den Minnesängern

nacjizuweisen, z.B. bei Uolrich von Guotenburg (Haupt, MF. S. 79

V. 6— 7): jjz zuo den ougen {daz ist ein wunder) Von dem herzen daz wazzer

mir gät.

2 Vgl. S'eu chan de hoca, de cor plor (Gr. 461, 107 Str. l).

* Es braucht kaum bemerkt zu werden, dafs bei ,mit dem Herzen verstehen'

(Ev. Math. 13, 15) oder ,mein Herz begriff dich da' in Wirklichkeit

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