Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

BESPRECHUNGEN.

Paul Andraud, La vie et Vceuvre du troubadour Raimon de Miraval.

Etüde sur la litterature et la sociele meridionale ä la veille de la guerre

des Albigeois. Paris 1902. VI, 270 S.

Raimon von Miraval gehört zu denjenigen provenzalischen Trobadors,

von denen eine beträchtliche Anzahl Lieder auf uns gekommen ist:

39 Canzonen, 5 Sirventese, eine Tenzone, einen Coblenwechsel und einen

domnejaire glaubt der Verfasser der vorliegenden Studie dem Dichter zu-

schreiben zu können. Unter den 460 Trobadors, die Bartsch in seinem

Gnmdrifs aufführt, sind kaum fünf oder sechs, deren poetische Hinterlassen-

schaft die seinige wesentlich überstiege. Der Grund dafür ist gewifs zu er-

blicken in dem hohen Ansehen, dessen Raimon sich bei den Zeitgenossen er-

freute. Die provenzalische Biographie rühmt sein „bei trobar", seine höfische

Bildung und den Umfang seines Wissens, Elias von Barjols wünscht sich in

einem vor I189 entbtandenen Liede „Herrn Miravals Canzonen", Raimon

Vidal von Bezaudun in seinen poetischen Erzählungen So fo el temps c'om

era j'ais und Abrüs issV e mais intrava zitiert ,,den vortrefllichen Herrn

Miraval {lo cabalos en MiravalV' wiederholt mit hohem Lobe, und noch zu

Ende des 13. Jhs. tut Matfre Ermengaud seiner siebenmal rühmend Erwähnung.

Das Urteil der modernen Kritik freilich lautet, wie in so manchen Fällen, —

s. z. B. Arnaut Daniel, Guiraut von Bornelh — weniger günstig; sie ist nicht

in der Lage, Raimon unter seinen Kunstgenossen einen besonders hohen Rang

anzuweisen: Diez scheint mir im Rechte zu sein, wenn er Leben u. Werke d.

Troub. S. 319 Miravals Lyrik mit den "Worten charakterisiert: „Alle seine

Gedichte sind mit demselben unverkennbaren Charakter der Verstandespoesie

bezeichnet, die sich aber bei ihm bis zu einer gewissen Bildung erhoben hat;

sie sind betrachtend, auseinandersetzend und tragen kaum eine Spur von

Empfindung; selbst den äufseren poetischen Schmuck von neuen Wendungen

und Bildern, die sich so leicht darbieten, hat der Dichter vernachlässigt."

Andererseits stimme ich Andraud durchaus darin bei, dafs es Miraval nicht

an „Esprit" fehlt, dafs „/^ jnot pittoresque", „le trau juste et piguant" sich

nicht selten bei ihm findet. Und überhaupt bleibt zu bedenken, dafs wir von

I\liraval fast nur Canzonen besitzen, auf die allein Diezens Charakteristik sich

bezieht; würde mehr von seinen Sirventesen und würden erzählende Dichtungen,

die er verfafst zu haben scheint, auf uns gekommen sein, so könnte auch unser

Urteil vielleicht günstiger lauten.

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