Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

PAUL ANÜRAUD, LA VIE ET L (EU VRE DU TROUßADOUER ETC. 347

Man wird die prinzipielle Frage aufwerfen dürfen, ob es sich heutzutage

noch empfiehlt, — wie Andraud in dem obigen Werke getan — , Leben und

Werke eines provenzalischen Trobadors zum Gegenstand einer umfassenden,

erschöpfend sein wollenden Untersuchung zu machen, bevor man für letztere

durch Herstellung eines kritischen Textes der sämtlichen Werke des Dichters

die sichere Basis geschaffen hat. Ich bin geneigt, diese Frage zu verneinen.

Denn da unsere Hauptquelle für die Kenntnis der Lebensumstände provenza-

lischer Trobadors neben den meist recht knappen Biographien die in ihren

eigenen Liedern enthaltenen Andeutungen zu sein pflegen, die Handschriften

aber in der Attribution der Lieder nicht selten auseinandergehen, und auch

der Text der Lieder in den verschiedenen Handschriften, welche sie überliefern,

häufig differiert, so ist es klar, dafs die erste Aufgabe des Biographen, der zu

definitiven Ergebnissen gelangen will, stets die wird sein müssen, mit allen

Mitteln philologischer Kritik die literarische Hinterlassenschaft des Dichters

so genau als möglich abzugrenzen und auf Grund der Überlieferung sämtlicher

Handschriften den Texten ihre ältest- erreichbare Gestalt wiederzugeben. Der

Literarhistoriker, der sich dieser Aufgabe entschlägt, setzt sich der Gefahr aus,

durch Verwendung ungeeigneten oder unvollständigen Materials die Sicherheit

des ganzen Baues zu gefährden. Besonders nachdem Andraud, wie wir hören,

eine kritische Ausgabe seines Trobadors bereits in Vorbereitung hat, würde

es sich, wollte er einmal die Arbeit teilen, m. E. unter allen Umständen

empfohlen haben, zuerst den kritischen Text der Lieder zu veröffentlichen —

in der Einleitung wären die Attributionsfragen zu erledigen gewesen — und

erst als zweiten Teil die Untersuchung über Leben und Werke des Dichters

folgen zu lassen.

Sehen wir indessen von diesem prinzipiellen Bedenken ab, so verdient

Andrauds schöne Studie unsere volle Anerkennung. Der Verf. besitzt eine

sichere Kenntnis der provenzalischen Sprache und vereinigt mit Strenge der

wissenschaftlichen Forschung die Gabe eminent lichtvoller, fesselnder Dar-

stellung. Das Buch gehört formell entschieden zu dem besten, was über

provenzalische Literatur geschrieben ist. Der Verf. hebt in der Einleitung

hervor, dafs er seine Aufgabe mehr vom Standpunkt des Kultur- als des

Literarhistorikers aus in Angriff nehme: Sans negliger la valeur propre des

poesies que Miraval nous a laissees , noiis nous sommes attache surtout ä

ßxer, son ceuvre aidant, certains traits de la civüisation meridionale ä la

veille ineme des evenements qui allaient, en ruinant cette civüisation, arrcter

dans son developpement la poesie qu'elle avait fait cclore. Wer indessen

hieraus den Verdacht schöpfen sollte, die Arbeit eines philologischen Dilettanten

vor sich zu haben, den würde die weitere Lektüre des Werkes schnell eines

andern belehren; sie würde ihm zeigen, dafs der Historiker bei Andraud den

geschulten Philologen nicht aus- sondern in sich schliefst.

Die Darstellung gliedert sich in zwei Hauptabschnitte: Der erste be-

handelt das Leben, der zweite die Werke des Dichters; ^\q Appeiidicesh\\xig&Vi

den Text der Biographie und der razos, eine Übersicht der älteren auf Raimon

bezüglichen Arbeiten, von denen einige im Wortlaut mitgeteilt werden, sodann

die Urkunden, in denen der Dichter erscheint, eine Übersicht der metrischen

Schemata der Gedichte und dankenswerter Weise auch ein Register. Der

zweite Hauptabschnitt, der Inhalt und Stil von Miravals Gedichten charakterisiert,

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