Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

PAUL ANDRAUD, LA VIE ET l'cEUVRE DU TROUBADOUR ETC. 355

in ihnen genannte Ugo ein Joglar ist: Miraval rühmt seine Genügsamkeit; er

sei zufrieden, wenn man ihm nur Bohnen und Zwiebeln vorsetze, während die

anderen „Schlemmer {gloto)" immer nach den besten Bissen aussähen. Die

Annahme liegt nahe, dafs dieser Hugo mit dem Hugonet des anonymen Sir-

ventes identisch ist; der Name spricht also gleichfalls für Miravals Autorschaft.

Andrerseits ist der Hauptgrund, den A. gegen Miravals Verfasserschaft

ins Feld führt, nicht stichhaltig. Denn wer sagt uns, dafs mit dem Pros

coms, marques de bon aire wirklich Raimon VI. gemeint ist? Ich erblicke in

ihm vielmehr dessen Sohn, den späteren Raimon VII. (geb. 1197),

'^^'^ bereits

121 1 gelegentlich seiner Vermählung mit Sancia v. Aragon von seinem Vater

mit der Grafschaft Toulouse beschenkt wurde, s. Devic et Vaissette V

(1842), S. 162, und seitdem den Titel comes Tolosae , marchio Provinciae

führt, s. z. B. a. a. O. S. 603 (Urkunde v. J. I2l8).

Somit glaube ich, das anonyme Sirventes allerdings für Miraval in An-

spruch nehmen zu dürfen. Dann aber wird A.s Vorwurf, Miraval habe sich

gegenüber den grofsen politischen Ereignissen der Zeit teilnahmslos verhalten,

hinfällig; denn das Lied, das in einem überaus kraftvollen Stile geschrieben

ist, ergreift entschieden Partei für die Sache der Albigenser und mahnt in

feurigen Worten den König von Aragon zum Kriege gegen Simon von Mont-

fort; Bertran de Born würde sich dieser Strophen nicht zu schämen brauchen:

„Helme und Harnische und Lanzen mit schönen Wimpeln jetzt in den Gefilden zu

sehen, würde mich freuen, und Abzeichen von mancherlei Art, und wenn eines

Tages wir und die Franzosen Mann an Mann stünden, damit ersichtlich würde,

wer sich auf ritterliche Tat besser versteht. Und weil unser das Recht ist,

glaube ich, dafs der Schade auf ihrer Seite sein würde" (Str. IV).

Gegen die in Rede stehende Auffassung A.s vom Charakter des Dichters

scheint mir auch dessen Coblenwechsel mit Guilhalmi zu sprechen , den A.

S. 183 abdruckt und übersetzt, aber auffälligerweise für seine Charakteristik

Miravals gar nicht verwertet. Denn hier behauptet Guilhalmi, der Dichter

habe „in einem Jahre dreien Herren gedient, weswegen beide Parteien ihn

das ,, Röhrlein" nennten (Qu'el fon de tres ?na?idax en un sol an. Per

qu\imbas partz lo van claman rausel)", — ein Vorwurf, der sich m. E.

doch nur so deuten läfst, dafs Miraval, der ja Ritter war, an irgend welchen

Fehden der Zeit aktiv teilgenommen hatte — an die Albigenserkriege braucht

dabei nicht schon gedacht zu werden — und der weit eher auf einen unruhigen

Landsknechtsgeist schhefsen läfst als auf eine weichliche, ganz im höfischen

Treiben aufgehende Natur, als welche A. den Dichter hinstellen möchte.

In dem sehr umfangreichen 3. Kapitel macht Andraud dann den Versuch,

die Frauen zu ermitteln, denen Miravals Lieder gegolten haben, das gegen-

seitige chronologische Verhältnis der Lieder festzustellen und in den hand-

schriftlich überlieferten rczos die historischen Daten von der romanhaften Erfindung

zu sondern. Ich mufs im Hinblick auf den mir zugemessenen Raum

darauf verzichten, auch dieser Frage näher zu treten. Ich bemerke, dafs

hier, wie in den vorausgehenden Abschnitten, jede Seite Zeugnis ablegt von

gewissenhaften Nachforschungen und überall ein redliches Bemühen zu Tage

tritt, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Aber ich mufs hinzu-

fügen, dafs die Untersuchung sich zum Teil auf überaus unsicherer Grundlage

bewegt, dafs die Prämissen, von denen A. ausgeht, vielfach rein hypothetisch

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