Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

PAUL ANDRAUD, LA VIE ET L CEUVRE DU TROUBADOUR ETC. 357

nicht, dafs ein Ehemann nur wegen schöner Redensarten gegen einen Liebhaber,

der ihm nicht in anderer Weise sich feindsehg zeigt, jähzornig Knüttel und

Steine erhebe . . . Aber ich möchte meinen Kopf nicht einbiifsen; denn ich

bin ein so loyaler Liebhaber, und weils meine Herrin so zu ehren, dafs ich,

wenn mein Herr sagt, es regne, ihm erwidere : Solch ein Wetter müsse es ja

wohl sein; denn ich würde glauben, meiner Herrin zu nahe getreten zu sein,

wenn ich in irgend einem Punkte ihrem Gatten widerspräche" [Studj di fil.

rom. in, 638).

Diese Strophen scheinen mir für die Beurteilung von Miravals ganzer

Minnelyrik von gröfster Bedeutung; sie zeigen doch wohl, dafs seine Lieder

als rein konventionelle Huldigungen aufzufassen sind, und müssen die

stärksten Zweifel rege machen an der Authentizität der romanhaften Berichte

der razos.

Die Charakteristik Andrauds scheint mir auch in einem grellen Wider-

spruch zu den Angaben der provenzalischen Biographie zu stehen, welche

einen durchaus vertrauenswürdigen Eindruck macht. Aus dieser ergibt sich

doch mit voller Deutlichkeitj dafs Miraval bei seinen Zeitgenossen sich all-

gemeiner Beliebtheit erfreute, nicht nur als Dichter, sondern auch als Mensch.

Ich breche ab.

Obgleich ich nur auf einzelne Abschnitte des Buches eingehen konnte,

dürfte doch schon aus dem Gesagten sich ergeben, dafs meines Dafürhaltens

Andrauds Biographie unseres Dichters in wesentlichen Stücken ein reines

Phantasiebild, ja — ich kann den Ausdruck nicht umgehen — teilweise direkt

ein Zerrbild gibt. Nicht ein Greis von 60—80 Jahren war Miraval allem An-

schein nach, als er seine Lieder schrieb, sondern ein Mann in der Vollkraft

seiner Jahre. Nicht der blutjunge Raimon Regier v. Beziers war der mit dem

Namen Pastorat bezeichnete Freund des Dichters, sondern der ihm wohl an-

nähernd gleichalterige, viel angefeindete Raimon Regier v. Foix, der trotzige

Vorkämpfer der albigensischen Sache. Dafs Miraval zu einem Raimon VI.

V. Toulouse, damals nächst dem Könige von England der mächtigste Vasall

der französischen Krone, dafs er zu einem R. Rogier v. Foix in nahen freund-

schaftlichen Beziehungen stand, dürfte immerhin für die Beurteilung seiner

Persönlichkeit auch mit in Betracht zu ziehen sein. Die Liebeshändel, welche

die razos von dem Dichter berichten, sind mehr als zweifelhaft; seine Lieder

scheinen gefafst werden zu müssen als rein konventionelle, im Stile der Zeit

gehaltene Preislieder auf vornehme Gönnerinnen. Die Auffassung, als ob Raimon

den politischen Ereignissen der Zeit gegenüber indifferent gewesen wäre und

sich wesentlich damit abgegeben hätte „seine Gönner von galanten Intriguen

und mondänen Anekdoten zu unterhalten" (S. 77) scheint unzutreffend; vielmehr

hat er im Albigenserkriege in kraftvollen Strophen seiner politischen

Gesinnung Ausdruck verliehen. Für den Vorwurf brutalen Spottes, den A.

gegen den Dichter erhebt, fehlt es an jeder ausreichenden Grundlage.

Mufs ich A. somit in einer ganzen Reihe wesentlicher Punkte wider-

sprechen, so soll mich das doch nicht hindern, gerne anzuerkennen, dafs

seine Untersuchung viel Vortreffliches enthält und für weitere Forschungen den

Weg geebnet hat. Wer selbst einmal Leben und Werke eines provenzalischen

Trobadors bearbeitet hat, der weifs, welche Schwierigkeiten hier zu über-

winden sind, besonders hinsichtlich der Aufhellung dunkler, unbestimmt ge-

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