Zeitschrift für romanische Philologie

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370 BESPRECHUNGEN. W. VON WÜRZBACH,

Kirche hatte sich über die Verstorbene nicht zu beklagen. Ihr letztes Testament

vom 20. Oktober 1626, welches in ihrem Totenschein em^ähnt wird, war

nicht aufzufinden. Von dem ersteren scheint Cervantes keine Kenntnis gehabt

zu haben.

Cervantes hatte eine uneheliche Tochter Isabel, welche beiläufig zu der-

selben Zeit, als er heiratete, geboren wurde, und lange Jahre in seinem Hause

lebte. Die alte Streitfrage , wer ihre Mutter gewesen sei , wird durch Pastors

Veröffentlichungen gleichfalls gelöst. Die Tochter selbst nennt sie in ihrem

ersten Testament (vom 4. Juni 1631; I. Bd. Nr. 54) „Ana de Roxas"; an

anderer Stelle wird dieselbe Person „Ana Frattca" genannt. Sie vermählte

sich bald nach Isabels Geburt — diese mufs 1584 oder etwas früher fallen —

mit einem gewissen Alonso Rodriguez. Bis zu dem Tode der Mutter und

des Stiefvaters blieb das Mädchen im Hause seiner Eltern, wird jedoch in

Dokumenten aus dieser Zeit stets „Isabel de Saavedra" genannt. Nachdem

die beiden gestorben waren, übernahm am 9. August 1599 (I. Bd. Nr. 36),

Bartolom^ de Torres, procurador de nümero zu Madrid, die Litiskuratel über

Isabel und deren Halbschwester Ana Franca. Zwei Tage später aber schlofs

die Schwester des Cervantes, Da. Magdalena de Sotomayor mit Isabel durch

deren Kurator einen Vertrag ab, wonach diese als Magd in die Dienste ihrer

Tante trat. Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dafs das ganze Manöver

nur bezwecken sollte, die Tochter in das Haus ihres Vaters gelangen zu lassen.

Die Gattin des Cervantes scheint dagegen keinen Einspruch erhoben zu haben.

Als sich Isabel 1609 mit dem Geschäftsagenten und späteren königlichen

Schreiber Luis de Molina aus Cuenca vermählte, brachte sie ihm Mobilien,

Kleider und Juwelen im Gesamtwerte von 14753 Realen in die Ehe (I. Bd.

Nr. 41), die sie jedoch vielleicht zum Teile von ihrem ersten Gatten Diego

Sanz geerbt hatte. Isabels erste Vermählung wird zwar in späteren Doku-

menten wiederholt erwähnt, allein die Bescheinigung ihrer Trauung mit Diego

Sanz war ebensowenig aufzufinden, wie der Totenschein des letzteren. Es ist

bemerkenswert, dafs Isabel in der Bestätigung Molinas über den Empfang

ihrer Mitgift, als eine eheliche Tochter des Miguel de Cervantes bezeichnet

wird (I. Bd. Nr. 42), was aber wohl nur honoris causa geschah. Als das

junge Paar am i. März 1609 getraut wurde, war nicht nur Cervantes, sondern

auch seine Frau Zeuge, was Pastor einen Akt christlicher Tugend gegenüber

der illegitimen Tochter ihres Gatten nennt (I. Bd. Nr. 43). Weitere 2000 Du-

katen, welche zur Mitgift geholten, bestätigt Molina am 29. Nov. l6ll, jedoch

nur nach vorangegangener fruchtloser Exekution gegen Cervantes, von dessen

Bürgen, dem Sekretär Juan de Urbina erhalten zu haben (I. Bd. Nr. 42, 45).

Das Verhältnis zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn scheint demnach

ein recht herzliches gewesen zu sein.

Isabels Testamente vom 4. Juni 1631 (I. Bd. Nr. 54) und vom 19. Sept.

1652 (II. Bd. Nr. 102) sind höchst interessante Dokumente für den Geist,

welcher im Hause des Cervantes geherrscht haben mufs. Isabel war selbst in

jener bigotten Zeit ein seltenes Exempel von Frömmigkeit. In ihrem ersten

Testament ordnet sie an, dafs ihr Sarg von der Pfarrgeistlichkeit, weiteren

12 Priestern, ferner von 12 Franziskanermönchen und 12 Mitgliedern des

HI. Ordens des heiligen Franciscus (welchem sie selbst angehörte) begleitet

werden solle. In den acht auf ihren Tod folgenden Tagen sollten 200 Messen

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