Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

ENTWICKL. D. GOTTESGERICHTL. ZWEIKAMPFS IN FRANKREICH. 397

also weniger ernst gewesen sei. Gerade in der Milderung der

ernsten Kampfesweise mit Verschärfung des Gesetzes verbunden

liegt meiner Ansicht nach eine grofse Perversität der Anschauung.

Während wir also wohl sagen können, dafs ursprünglich nur dann

der Zweikampf gerichtlich zuläfsig war, wenn Aussage gegen Aussage

stand, oder nur der Kläger Zeugen besafs, haben wir den Zweikampf

auch in solche Fälle eindringen sehen, in denen der Angeklagte

Zeugen besitzt. Es steht dem Kläger bereits frei, das

Zeugnis von zwölf Personen zurückzuweisen und in den Capitiilare

de Lairombus wird unter allen Umständen der Zweikampf dem

Zeugnis vorgezogen. Wenn man auch einwenden kann, dafs diese

Einschränkung des Zeugnisverfahrens nur bei des Diebstahls Verdächtigen

eintritt, so ist sie doch ein Zeichen für die Allmächtigkeit

des Zweikampfs und dieser tritt nun seit dem IX. Jahrhundert

auch dann in seine Rechte, wenn Zeugeneid gegen Zeugeneid

(beide nicht nur angeboten, sondern bereits beschworen!)

steht. Vgl. Hludowici I. Capitularia. Mon. Germ., Leg. II, i.

S. 268, No. i; anno 816.

Quod si ambae partes testium ita inter se dissenserint , ut nullatenus una

pars alteri cedere velit, eligantur duo ex ipsis, id est ex utraque parte unus,

qui cum scutis et fustibus in campo decertent, utra pars falsitatem, utra

veritatem (suo testimonio) sequatur. Et camphioni qui convictus fuerit, propler

periurium quod ante pugnam commisit, dextera manus amputetur; celeri

vero eiusdem partis testes, qui falsi apparuerunt, manus suas redimant.

Das Gesetz befindet sich bereits in Karls des Grofsen Zu-

fügungen zum Gesetz der Langobarden [^01) , allerdings nur, nach

einer Handschrift, ist also vielleicht erst nach dem Gesetze Ludwigs

des Frommen in jenes interpoliert worden. (S. Pertz, Leg. I.

S. 84, No. 9.)

An sich bietet das uns ungeheuerlich erscheinende Gesetz den

Schlüssel für die spätere Entwicklung des Zweikampfs: In ihm

finden wir zum ersten Male eine Verknüpfung zwischen Sakrament

und Kampf, die bis dahin ausdrücklich getrennt waren,

indem der Kampf statt des Eides eintrat, in ihm finden wir zuerst

die Anschauung, dafs nicht die Schuld sondern der Meineid,

die Beleidigung des vorhergehenden Sakraments geahndet

wird. Dafs nicht nur der Schuldige, sondern auch

seine Zeugen und zwar gleichmäfsig hart bestraft werden

ist dagegen eine ältere Anschauung, die wir bereits im Jahre 507

in der Lex Burgundtonum trafen. Also wie im Rolandslied:

3959 Qui tra'ist hume sei ocit e altrui.

Aus diesem uralten Brauche mag sich dann mit abermaliger Verschärfung

der Grausamkeit das sogenannte Stellen von Geiseln entwickelt

haben, wie wir es im Rolandslüd und im späteren Epos

fast durchgehends finden.

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