Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

398

LEO JORDAN,

VI.

So sehen wir die rechtlichen Anschauungen der Franken vom

sechsten bis zum zehnten Jahrhundert am alten Herkommen hängen,

ohne dafs die Kirche im Stande gewesen wäre mit denselben aufzuräumen;

wir sehen, dafs die J'ranken den Zweikampf als ihre

Stammessitte noch im IX. Jahrhundert ansehen, dafs Ermoldus

Ni gell US von ihrer Erhaltung die Erhaltung fränkischer Gröfse

abhängig macht. Das zeigt uns, dafs von romanischer Seite ein

ständiger Widerspruch gegen diesen barbarischen Brauch erhoben

wurde, wie z. B. Dahn einen solchen in seinen Studien zur Geschichte

der germanischen Gottesurteile, aus dem Norden erwähnt

{Ljosvetninga-sagci) :

Christ Gilla spricht: übel gelallt mir das, wenn die Zweikämpfe wieder aufkommen;

es ist das Sache von Heidenleuten.

So ist auch Karl's des Grofsen Herrscherwort sicher nicht an

seine Franken, sondern an die Romanen gerichtet, wenn er be-

fiehlt Pertz, Leg. I. S. 157 No. 25 (2. Aufl. S. 150, No. 20):

Ut omnis homo iudicium dei credat absque ulla dubitatione.

So zeigt, das Gottesgericht des Rolandsliedes sich kulturell durchaus

als ein Kind des frühen IX. Jahrhunderts. Bei den Verhandlungen

vor dem Gottesgerichte sind es die Frajic die sich sofort

ernsthaft mit der Anklage auf Hochverrat (vgl. 1920 Karl sagt:

„De ma maisniee a faite tra'isun") befassen:

3761 Respundent Franc: ,,Ore en tcndrum cunscill."

3779 Respundent Franc: „A cunscill en irums"

Die andern Stämme wollen die Sache gütlich beilegen, mit

dem Hinweis darauf, dafs die Toten tod seien:

3798 „Bien fait h remaneir . . .

Morz est Rollanz, jamais nel'reverreiz . . .

N'iert recuvrez pur er ne pur aveir!"

Das ist die nichtfränkische Denkweise, die Karl der Grofse verbot,

der Ermoldus die Anfangszeilen seiner Schilderung entgegenhielt.

Die Franken sind es, die Gottfrid von Anjou zujauchzen, als er

bereit zum Kampf auftritt.2

1 Vgl. ebda S. 27. — Paul, Grundr. der Germ. Phil. Phil. III. S. 219:

„Mit dem 9. Jahrh. begann eine kirchliche Opposition gegen die Gottesurteile."

2 Dafs keiner bereit ist für den Kampf einzutreten, wie Karl anfangs

befürchtet, dafür findet sich ein Beispiel in Thegani Vita Hludovici

(Pertz, Mon. Germ. II. S. 598 No. 38; anno 831):

et ibi supradictus (vgl. vorige Seite) dux venit Bernhardus, et purificavit se

de supradicto stupro (mit Judith des Kaisers Gattin), postquam nullus invenlus

est, qui ausus fuisset cum armis supradictam lem ei inipontre.