Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

ENTWICKL. D. GOTTESGERICHTL. ZWEIKAMPFS IN FRANKREICH. 3Qg

Als Guenelons Kämpe gefallen ist, fragt Karl, was mit den

Geiseln des Verräters geschehen solle:

3951 Respundent Franc: ,,Ja mar en vivrat uns'"

Die andern schweigen. — Den Hochverräter zu töten verlangen

alle, aber die Franken übertrumpfen sie, indem sie eine grausame

Todesstrafe verlangen:

3962 Sur tuz les altres l'unt otriet li Franc

Que Guenes moerget par merveillus ahan. —

Die Gegnerschaft der Romanen und der Kirche gegen diese

Sitte zeigt sich bereits in der älteren Zeit an zahlreichen Beob-

achtungen. Das besprochene Edikt in den Novellen zum salischen

Gesetz verhallte spurlos. Eine Szene von höchstem Interesse, der

Zusammenstofs zweier Weltanschauungen ist es, wenn Ludwig

der Fromme dem Zweikampf entgegentreten will. Zwar preist

Ermoldus Nigellus des Kaisers Älilde in diesem Kampfe, aber seine

Einleitung, die anschauliche Szene, wie er den königlichen Beamten

kopfschüttelnd mit leerer Bare abziehen läfst, zeigen seine innere

Meinung. Er, der trotz seines geistlichen Stands im Feld die

Waffen getragen hatte, (Wattenbach, Deutschlands Geschichisqiiellen

7. Aufl. S. 228) verachtete den schwächlichen Widersacher der

Stammessitte. Nicht anders Einhard: Die Überzeugung von der

Schuld Bera's, die Verachtung gegen die infidelitas, klingt durch

die wenigen Zeilen als eine Mifsbilligung der unzeitigen Milde des

Kaisers hindurch. Wie diese drei, dachten Ludwigs Söhne, dachten

Ludwigs Barone und sein ganzes fränkisches Volk. Wo aber

soziale Moral sich einem ursprünglichen oder auch nur stark national

denkenden Volke entgegengestellt hat, ist ihr Prediger an das

Kreuz geschlagen worden. Die notwendige Folge dieses Kon-

fliktes, der in Bera's Gottesgericht ein beredtes Beispiel findet,

war das Lügenfeld im E Isafs. Die fränkisch und national-egoistisch

denkenden Söhne standen gegen den christlich denkenden Vater.

Scharen gingen vom Kaiser zu den Rebellen über, denen sie sich

im Geiste verwandt wufsten. Die übrigen forderte Ludwig selber

auf, ihn zu verlassen: „Ite ad filios vieos. Nolo ut uUus propter me

vitam aut j)ie?nbra dimittat'^^

Und so blieb er allein zurück gegen sein ganzes Volk, als

der einzige, der der kommenden Welt in seiner Anschauung angehörte,

als Märtyrer einer vorzeitigen Entwicklung.

Ich kann mir nichts tragischeres denken, als diese Vorgänge

des Lügenfeldes bei Strafsburg. Und es ist ein Zeichen dafür,

wie in den folgenden Jahrhunderten das Verständnis für Tragik

im Volke schwand, dafs diese grandiose Szene nicht poetisch

festgehalten wurde.

Aber man mufs auch bedenken: soziale Moral ebnet, und

Tliegani Vita Hludowici. Perlz, Mon. Germ. II. S. 598.

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