Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

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LEO JORDAN,

zerstört gerade die Ideale, welche Träger der nationalen Dichtung

sind. Soziale Moral ist im Grund auch der Kunst entgegengesetzt.

So soll ja Ludwig der Fromme die Zeugnisse nationaler Dichtung,

die Karl hatte sammeln lassen, vernichtet haben. Wie auch in

seinen schwachen Händen Stück für Stück von jener nationalen

Gröfse und Einheit abzubröckeln begann, welche sein Vater geschaffen

hatte. Deshalb konnte die Figur Ludwig's des Frommen

die Sympathie bei seinem Volke nicht erwecken, die sie uns erweckt.

Deshalb konnten die Franken bei seinem Schicksal noch

nicht die Tiefe der Tragik empfinden, die wir empfinden. Einfach

weil sie sich ihm nicht gleichartig fühlten. Wer aber aufserhalb

des Volkes steht, steht auch aufserhalb seines Gesetzes. Die Untreue

gegen ihn, sonst das gröfste Verbrechen von allen, wurde

zur Tugend. Denn sein Abfall von heimischer Art und Sitte war

auch eine Infidelitas und löste alle Bande.

VII.

In den folgenden Zeiten sehen wir bei weltlicher und kirchlicher

Regierung eine immer stärker werdende Bewegung gegen

den Zweikampf, eine Bewegung, die in etwa mit dem Turnierverbot

gleichen Schritt hält. Wir hören von Einschränkungen, Bestimmungen,

die den Kampf an festgesetzten Tagen verbieten, genau

wie im Fehderecht der Gottesfrieden; ja auch unumschriebene Verbote

sind ergangen: Wie dasjenige von Ludwig IX. dem Heiligen,

das den Zweikampf untersagte. (Vgl. Vorberg, Der Zweikampf

S. 4, 5.) Wir können aber auch in dieser Bewegung keine von

Erfolg gekrönte Entwicklung erblicken, sondern nur einen vorübergehenden

Versuch die Sitte aufzuheben. Denn der Zweikampf

besteht heute noch als ein mehr oder weniger anerkanntes Rechts-

mittel einzelner Klassen, in Süditalien, Spanien z. B. als ein solches

ganzer Bevölkerungsschichten.

Kehren wir zu den zu Anfang aufgeworfenen Fragen zurück,

so müssen wir die Urteile Dahn's und Amira's über andere

Völkerstämme als die Franken bestehen lassen. Über diese aber

können wir als Resultat unserer Untersuchung entgegenhalten:

So weit wir den gottesgerichtlichen Zweikampf bei Franken wie

bei Burgunden zurückverfolgen können, nämlich bis in's frühe

VI. Jahrhundert, ist er gesetzlich und hat volle Beweiskraft.

Er ist keine „Verweisung der Parteien auf Selbsthülfe" wie

Dahn will, denn gerade der Gerichtsherr bestimmt ihn, wenn Aussage

gegen Aussage steht. Ihn zur Selbsthülfe zu machen scheint

ein Merowinger in einer Novelle zum Salischen Gesetz beabsichtigt

zu haben.

Er ist nicht sakralen Ursprungs, wie wir einen Augenblick

vermuteten, jedes sakrale Element fehlt ihm im Anfang, fehlt ihm

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