Zeitschrift für romanische Philologie

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LAT. AMBITÜS IM ROMANISCHEN. 545

Verba auf -are: auch die Silbenzahl war gleich, und an der-

selben Stelle wurde die Synkope vollzogen: nach dieser gewifs

schon früh erfolgten Synkope waren 6/7 der beiderseitigen Bestandteile

identisch: man mufste daher notgedrungen den Eindruck

gewinnen, als entstammten sämtliche Formen einem und demselben

Substrate, und doch war dies ein Fehlschlufs: le vrai quelquefois

peut n'etre pas vraisemblable. Lebt nun aber tatsächlich ambitare

im Romanischen fort, so verliert jenes Argument mit einem

Schlage seine Beweiskraft.

2. Bovet meint S. 5, ambulare werde als alleiniges Substrat

für die a/kr-andare-¥onxxen ,combattuto per la sola ragione delle

difficoltä fonetiche'. Dies trifft hier nicht zu. Wenn ich für midare

{ ambulare ablehne, so ist das Bestimmende für mich der

Umstand, dafs neben ambulare ein anderes Wort, nämlich ambitare

auftritt und seine Ansprüche geltend macht. Wird es mit

diesen Ansprüchen abgewiesen, so bleibt ambulare als beatus

possidens in seinem ungeschmälerten Erbe.i

In zw^eiter Linie spielt allerdings auch die phonetische Frage

mit: es ist bis jetzt nicht gelungen, den Übergang von ambulare

zu andare in befriedigender Weise zu erklären: die mit grofsem

Aufwände von Scharfsinn aufgestellten Entwicklungsreihen haben

in der Regel nur diejenigen überzeugt, die sie ersonnen haben.

Auch das WullT-Bovet'sche amAare mit / gras ist diesem Geschicke

verfallen (man sehe Schuchardt's und Gröbers Kritik, Ztschr. XXVI,

393. 639; auch Stucke verhält sich ablehnend). Ein Gelehrter

wie Schuchardt, der doch gewifs dem , Zwange der Lautgesetze'

vorurteilslos gegenüber steht, hat sich durch jenes vergebliche

Mühen veranlafst gesehen *ambitare als Substrat für andare anzusetzen,

freilich ein ambitare das mit ambitus, ambire nichts

gemein hat und das er mittels Suffixwechsels aus ambulare ge-

winnt: so rettet er unter Preisgabe der lautlichen wenigstens die

ideelle Einheit der romanischen Bezeichnungen für , gehen '.2

1 Zu Gunsten der Einheit von aller und andare kann man sich auf die

nordfranzös. Formen aner, anium, Konj. ainz berufen (s. Bovet, S. 17 A. i

und Studie, 1. c. S. 6), die wichtig genug sind um eine eigene Untersuchung

zu verdienen; sie sind übrigens wenig zahlreich, und ich weifs nicht, ob sie

sämtlich kritisch ges-ichert sind. Mit dem oben S. 514 besprochenen pik. ander

könnte aner nur unter der Voraussetzung identisch sein, dafs die pik. wallon.

Vereinfachung von 7id } n(n) (vgl. Jouancoux v. merchant) schon altfrz. sei

oder war aner Kurzform aus en ander} Das Wichtigste für unsere Untersuchung

ist, dafs andain, wall, andel, lothr. andier, provenz. ando , sp. it.

andana keine Ableitungen von einem Verbum, also auch nicht von aner

(ander?) sein können.

2 In den Publications of the Modern Language Association of America

(1904), Bd. XIX, 2, The Etymoiogy of the Romance Words for ,to go', bemerkt

Carl C. Rice, man dürfe sich zu gunsten eines durch Suffixwechsel aus

ambulare hervorgegangenen ambitare nicht, wie Schuchardt tut, auf miscitare,

crepitare berufen, die von miscere, crepare gebildet seien, not

from the corresponding verbs in -ulare.

Zeitschr, f. rom. Phil. XXIX. -li

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