Zeitschrift für romanische Philologie

scans.library.utoronto.ca

Zeitschrift für romanische Philologie

LAT. AMBITUS IIM KOMANISCHEN. 547

hörten dagegen ausschliefslich der Volkssprache an;i durch die

Umbildung zu ambde, ande, aiidare wurde ihr Ursprung früh verdunkelt;

für die mittelalterlichen Kleriker waren sie eben so undurchsichtig

wie sie es für uns noch heutzutage sind: daher wurden

die a«^ßr^-Formen einerseits durch ambulare wiedergegeben, anderseits

als attdare unverändert beibehalten (s. Du C. v. andare), genau

so wie man, da afr. andain, andame unbekannter Herkunft war, ein

andetia bildete, das weder lateinisch noch romanisch, nur ein Ver-

legenheitsprodukt ist.

Die Frage hat aber noch eine andere Seite: ambire ist sicher

nicht ins Romanische übergegangen; ob ein unmittelbar von ambitum

abgeleitetes ambitare das Grundwort zu andare sei, ist

sehr zweifelhaft: irgend welche Beweise für eine solche Annahme

liegen nicht vor. Die Untersuchung, deren Ergebnisse in dieser

Abhandlung niedergelegt sind, weist auf ambitus als auf die

einzige Grundform der im I. und IL Abschnitt behandelten romanischen

Bildungen; pik. ander, savoy. aiidä, prov. andä, landd

sind sicher Ableitungen von einem Primitivum dnde, ända. Gehören

prov. anär, it, a-ndare,"^ sp. andar zu derselben (kuppe, so ist es

wahrscheinlich, dafs sie gleichfalls Ableitungen von dem Hauptworte

sind. Ist dem also, so ist nicht weiter auffällig, dafs sich

nirgends eine Spur von ambitare zeigt; wir haben es dann überhaupt

nicht mehr mit dem hypothetischen ambitare, sondern mit

wohlbeglaubigtem ambitus zu tun, — und dies führt zu einem

letzten Punkte,

5. Es wird nämlich die Forderung erhoben, das für aller,

resp. andare in Vorschlag gebrachte Substrat dürfe nur ein Wort

sein, das im lateinischen Wortschatze überliefert, nicht erschlossen

sei, das aufserdem ,deve esser stato molto diffuso' (Bovet); als Stammform

eines weit verbreiteten, viel gebrauchten Verbums müsse es

in der antiken und mittelalterlichen Literatur oft bezeugt sein.

Die Berechtigung dieser Forderung soll hier unbedingt anerkannt

werden, jedoch selbstverständlich nur in Beziehung auf die Grundform

ambitus, nicht auf die Ableitungen, zu denen aufser ambitarius,

ambit-ellus, ambit-anus auch ambit-are gehört. Was

nun ambitus betrifft, so läfst sich der Nachweis führen, dafs es

mit den verwandten ambire und ambitio in der nachaugusteischen

Zeit immer mehr in Aufnahme kam, neue Bedeutungen entwickelte,

von denen manche nicht ins Romanische übergingen, immerhin

aber seine Lebenskraft bezeugen, und dafs es bis tief in das Mittelalter

hinein sich aus zahlreichen Literaturwerken und Urkunden

belegen läfst. Für die frühere Zeit sei auf die einschlägigen

1 Andain , Heuschwaden ', landon .Maulkorb für Kühe' gehört der

Bauernsprache an, landon .Gängelband' der Kinderstube, auch mailänd. atit,

abraz. a7ida sind Ausdrücke der Landwirtschaft.

2 Mailand, antell , friaul, antagn (s. S. 518) neben mail. piem. andana

lehren, dafs der Nexus mVt, wenigstens im Norditalienischen, zu nt und nd

werden konnte (vgl. frz. coute und coude).

35*

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine