Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

IBERO-ROMANISCHES UND ROJylANO-BASKISCHES. 559

flecks, und er erinnere sich an spät mhd. sprichwörtlich: „So das

Rehböcklein fliehet, blecket ihm der Ars"; doch auch das könnte

mit „Stummler" gemeint sein. Ich erfasse Baists Gedanken nicht

recht. Jener mhd. (nicht vielmehr ahd.?) Satz bezieht sich doch

sicher nicht auf den weifsen, sondern auf den blofsen, nicht vom

Schwanz bedeckten Hintern des Rehs. Ganz ebenso heifst es von

der Ziege: „Die Geifs bedeckt sich nicht mit dem Wadel, als sollte

man da das Pacem küfsen", höchstens wird zugegeben: „Der

Ziege wächst der Schwanz nicht länger als dafs sie sich den Arsch

bedecken kann." Wie bei der Ziege fällt die Stummelschwänzigkeit

auch beim Reh in die Augen; darauf hinzielende Redewendungen

sind aber begreiflicherweise seltener. So sagt der Portugiese

Ferreira de Vasconcellos (i6. J. Jhrh.) in seinem Lustspiel Eufrosina

„ein Reh mit einem Schwanz sehen" {ver corga com raho) in dem

Sinne von „etwas Wunderbares, Widernatürliches sehen" (Moraes

Silva). Ich weifs nicht ob der weifse Hinterfleck irgendwie die

gleiche Rolle spielt, und das Reh irgendwo nach ihm benannt

worden ist; wie bemerkenswert er auch dem Naturbeobachter und

dem Jäger sein mag, das was der gewöhnliche Mensch an dem

Tiere wahrnimmt, bevor er noch denkt sich ihm zu nähern und

es zu jagen, ist die Ähnlichkeit mit dem Haustier, der Ziege, und

daher wird nicht nur im Lateinischen und Romanischen, sondern

in den verschiedensten Sprachen das Reh als eine Art Ziege, eine

Wildziege oder Bergziege bezeichnet. Die Herleitung corzo von

*curlius wird durch abr. curce „Ziegenbock" bekräftigt. Auch

O. Keller Thiere des class. Alterth. S. 104 dachte, wie ich erst jetzt

sehe, bei coj-zo an curius, aber mit Hinblick auf die Kürze des

Geweihes, verglichen mit der des Edelhirsches. Ganz abgesehen

nun von allem einzelnen, kann ich nicht mit Baist ein Bedenken

gegen eine Etymologie darin erblicken dafs sie einer aus irgend

welchem Gesichtspunkte oder nach irgend welcher Analogie gehegten

Erwartung nicht entspricht. Welches von zwei Kennzeichen

eines Dinges das auffälligere ist, wird doch mit Recht nur da in

Betracht gezogen werden wo eine doppelte Möglichkeit für die

Deutung eines Wortes vorliegt, wie bei crapaud, welches Nigra auf

die Pfoten der Kröte bezieht, ich auf ihre warzige Haut. Oder

hält es Baist für wahrscheinlich dafs corzo von einem iberischen Wort

stamme welches einen Hinweis auf den weifsen Hinterfleck des

Rehs in sich schliefse? Bei den spanischen Basken heifst das

Reh basaurdz „Wildziege", bei den französischen orkaiz, orkhaiz.

Das letztere stammt ebenso aus dem Keltischen wie (h)ariz „Bär"

(ir. art, kymr. arth); vgl. kymr. iiorch (urkelt. *jorkos), wozu gr.

^0()g, ^OQxaq und das daraus volksetymologisch umgebildete ÖoqS,,

öoQxäg gehören.

Zu span. garulla { ^cartdnmi hatte ich span. gurujo, biirujo,

orujo gestellt; Baist sagt, das sei „wegen des Anlauts" abzulehnen.

Ich hatte von dem „abgeänderten Anlaut" dieser Formen gesprochen

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