Zeitschrift für romanische Philologie

scans.library.utoronto.ca

Zeitschrift für romanische Philologie

H. SCHUCHARDT, SACHEN UND WÖRTER. 62 I

luftiger und dehnbarer dar als in der romanischen, die ja in

Wirklichkeit nur eine Abteilung jener ist, sich aber unter Dach und

Fach befindet. Sollten manche von Meringers Etymologieen anfechtbar

sein, sie teilten damit nur das Los so vieler von andern

Fachgenossen vorgetragenen; die Richtigkeit des Standpunktes auf

den er sich gestellt hat, ist nicht anfechtbar.

Von welcher Seite auch der Sprachforscher kommen mag, an

den Sachen kann er nicht vorüber. Der welcher um der lautlichen

Verschiedenheiten der Mundarten willen eine Sprachkarte entwirft,

sieht sich dann genötigt auch die Bildungsformen eines Wortes,

schliefslich die Wörter gleicher Bedeutungen auf ihr einzutragen.

Und fragt er nach den Ursachen dieser letzten Art von Verschiedenheiten,

so wird er sie zum Teil in den Dingen selbst entdecken.

Ich habe das in jener Schrift angedeutet; die Luftgebilde

aber die ich in Gillieron und Edmonts französischen Sprachatlas

einzeichnete, beginnen schon Form und Farbe anzunehmen. Gillieron

und Mongin haben ganz vor kurzem eine Abhandlung herausgegeben:

„Scier dans la Gaule romane du Sud et de l'Est" mit

fünf farbigen Karten. Es wird hier ein sehr verschlungener Knoten

auf die feinste und glücklichste Weise gelöst, und zwar mit Werkzeugen

die der Sprachgeschichte, der Sprachgeographie und der

Ethnographie entlehnt sind. Die der letzten sind die entscheidenden:

„la Solution du probleme, du complexus de problemes que nous

avons aborde est dans l'existence et les vicissitudes de la faucille

dentelee" (S. 23), und so ist denn auch das Bild einer gezähnten

Sichel auf dem Titelblatt angebracht. Ich glaube, eine Fortsetzung

wäre berechtigt. Die Anm. auf S. 11 sagt zwar: „Nous ne nous

permettons pas d'affirmer que la faucille dentelee ait existe partout

en France. Son triomphe linguistique deborde peut-etre les limites

de sa presence reelle." Indessen wie viel Raum auch die gezähnte

Sichel im Laufe der letzten Jahrhunderte an die glatte

verloren (vielleicht aber im Altertum erst ihr abgenommen) haben

mag, auch die heutige Verbreitung der beiden Sichelarten ist für

die sprachgeschichtliche Frage nicht ohne Wert. Und zwar nicht

blofs was Südfrankreich betrifft. Die für Südfrankreich untersuchten

Ausdrücke kehren ja anderswo wieder (so secare, resecare,

ser^are „sägen" in Italien, scciare „mähen" in Portugal), und es

fragt sich wie ihre Verteilung in diesen andern Provinzen sich zu

der dortigen verhält. Ich selbst habe in meinem Aufsatz über die

gezähnte Sichel (Globus LXXX, 181— 187) ihr Vorkommen in den

einzelnen Ländern Europas festzustellen versucht, freilich nicht einmal

eine „rohe Kartenskizze" davon entwerfen können. Dabei

leitete mich allerdings ein rein ethnographisches Interesse, obwohl

ich auch die sprachliche Seite der Angelegenheit würdigte, insbesondere

die von „Sichel" abgeleiteten Pflanzennamen verschiedener

Sprachen aus der Ähnlichkeit mit der gezähnten Sichel

erklärte.

Selbst zugegeben dafs einzelnes in der Arbeit von Gillieron

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine