Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

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H. SUCHIER,

2. Inhalt der Chanson de Vivien.

Der erste Teil der Chanson de Guillawne (Vers I— 1979) hat

folgenden Inhalt.

Unter der Regierung König Ludwigs fährt die sarrazenische

Flotte König Derameds, die von Cordova aufgebrochen und an

Frankreichs Küste gelandet war, die Gironde aufwärts. Das heidnische

Heer verwüstet das Land. Während ein Teil des Heeres

Bordeaux belagert,! sondert ein andrer Teil der Flotte sich ab

und schifft seine Mannschaften in der an der Küste gelegenen

Landschaft Larchamp aus.^

Die Kunde von dem Einfall wird in Bourges Tedbald gemeldet,

der seit achtzehn Jahren Graf von Berri ist, ferner seinem

Neffen Esturmis und dem Grafen Vivien. Unverzüglich führen

sie ihre Truppen gegen den Feind. Das Heer der Christen zählt

zehn Tausend Mann, das der Sarrazenen hundert Tausend. Beim

ersten Zusammenstofs mit dem Feinde ergreifen Tedbald und

Esturmi die Flucht; die Feiglinge des Heeres schliefsen sich ihnen

an. Eine grofse Zahl von Viviens Kriegern unterliegt den Angriffen

der Sarrazenen. Nach einiger Zeit bleiben ihm nur noch

hundert, etwas später zwanzig, zuletzt nur noch zehn Mann. In

der äufsersten Not entsendet er seinen Vetter Girard zu seinem

Oheim Guillaume, um diesen um Hilfe zu bitten. Es herrscht eine

unerträgliche Hitze. Vivien wird tödlich verwundet. Als er gefallen

ist, legen die Heiden seine Leiche unter einem Baume

nieder; denn sie möchten nicht, dafs sie von den Christen gefunden

würde.

Girard gelangt nach Barcelona, dem Wohnsitz des Grafen

Guillaume. Der Graf ist erst vor drei Tagen von Bordeaux zurückgekommen,

wo er die Strapazen langer Kämpfe ausgehalten hat.

Doch entschliefst er sich, auf Viviens Bitte die ihm Girard über-

bringt, schon am Abend des selben Tages an der Spitze von dreifsig

Tausend Maim aufzubrechen. Nach einem angestrengten Nachtmarsch

kommt man am andern Morgen auf Larchamp an. Die

1 Das geht aus dem folgenden hervor, vgl. Vers 934. Ich glaube, dafs

der Text gerade im Eingang der Chanson Lücken aufweist, wo, vermuüich,

das Gedächtnis des Gewährsmannes versagte.

* Später werde ich die Gründe angeben, aus denen ich die Schreibung

Larchamp bevorzuge, im Gegensatz zu Paul Meyer und andern, die PArchamp

schreiben.

3 Da ich auf diese Personen nicht wieder zurückkomme, schliefse ich

hier eine Bemerkung an. Tedbald von Berri ist der Geschichte unbekannt.

Die Verse 229. 230 erinnern an den Grafen Thibaud le Tricheur von Ch.irtres,

der im X. Jahrhundert lebte und Gebiete von Berri als Lehen beanspruchte

und besafs, vgl. Clouet in den M^m. de la Soc. hist. ... du Cher, II. Reihe,

Band II, Bourges 1873, S. 83—88. Nach der Chanson residiert Tedbald in

Bourges, das im IX. Jahrhundert die Hauptstadt des Königreichs Aquitanien

war (vgl. reg7ie de Berri V. 357). Sein Reich dehnte sich bis zum Meere

aus 52. 170. In Bezug auf Eslurmi sei auf Romania XXXIII, 93 und auf

P. Paris, Les manuscrits fran9ais III, 118, venviesen.

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