Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

VIVIEN. 65 1

Als am andern Morgen die Flucht des Königs ruchbar wurde,

wurde das Heer von Schrecken erfüllt und dachte nur an Fliehen.

Die Bretonen stürzen sich mit Kriegsgeschrei auf die Franken,

dringen in ihr Lager ein, das viele Reichtümer einschlofs, und bemächtigen

sich aller darin enthaltenen Kriegsvorräte. Sie setzen

den Flüchtigen nach, und hauen die, die sie erreichen, mit dem

Schwerte nieder oder nehmen sie lebend gefangen. Die übrigen

retten sich durch die Flucht. Durch die Schätze der Franken bereichert

und mit ihren Waffen versehen, ziehen die Bretonen heim

in ihr Land.

Auf der Walstatt blieben der Führer des fränkischen Heeres,

der tapfere Graf von Tours Vivianus — man schrieb seinen Unter-

gang der Hinterlist des Grafen Lambert zu — , Gausbertus der

junge, der Pfalzgraf Hilmeradus und viele andere Grafen und

Herren, i

Die Schlacht dauerte also vom Sonnabend bis zum Montag,

und wahrscheinlich fand Vivianus seinen Tod am Montag den

24. August 851.

Der Frankenkönig schlofs in Angers Frieden mit Erispoi, der

ihm rein äufserlich huldigte; denn nicht nur gestand ihm Karl

den Königstitel zu, sondern trat ihm auch die Gebiete von Rennes,

Nantes und Retz ab.

Man wird ohne weiteres zugeben, dafs der Tod des Vivianus

unter ähnlichen Umständen erfolgt ist als der Tod Viviens. Beide

kämpften für das Franenkreich, beide büfsten im Kampfe ihr Leben

ein. Die fraglichen Schlachten dauerten drei Tage: die historische

Schlacht begann am Sonnabend, die epische endete am Montag.

Wenn ich ungeachtet dieser Übereinstimmungen ihre Identität nicht

für erwiesen halten konnte, so schienen mir folgende Widersprüche

einer solchen Annahme den Weg zu verlegen. Einmal ist das

historische Schlachtfeld in der Nähe der bretonischen Grenze gelegen,

während man das Schlachtfeld der Epen ganz wo anders

gesucht hat, nach der verbreitetsten Meinung in der Gegend von

Arles, nach einer andern, die auch Vertreter zählt, in Spanien.

Ferner sind die Feinde des fränkischen Grafen in der Geschichte

Bretonen, also Christen, nach den Darstellungen der Chansons de

geste aber Sarrazenen, also Heiden. Endlich hat der historische

Vivianus zum heiligen Wilhelm keine persönlichen Beziehungen

haben können, da er nicht einmal dessen Zeitgenosse war.

1 Mein Schlachtbericht stützt sich auf die Chronik Regino's, bei Pertz,

Mon. I, 570, der die Erzählung von der Schlacht zum Jahr 860 bringt, was

die meisten Historiker für einen Irrtum halten. Das genaue Datum — der

22. August 851 — ist im Chronicon Aquitanicum, bei Pertz, Mon. 11,253,

angegeben. Der Schauplatz der Schlacht — ultra Vtsnomae ßiivium — ist

aus den Gesta Conwoionis abbatis Rotonensis, bei Pertz, Mon. XV, 455—456,

zu entnehmen. Mein letzter Satz — mit Ausnahme der Erwähnung des

Vivianus, die aus Regino und dem Chronicon Aquitanicum stammt — entspricht

den Angaben der Fonteneller Chronik, bei Pertz, iMon. II, 303.

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