Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

VIVIEN. 66

Züge.i Er ist Graf von Barcelona. Er verteidigt die Stadt Bordeaux

gegen ein sarrazenisches Belagerungsheer. Er steht zu Vivien in

freundschaftlicher und verwandtschaftlicher Beziehung.

Von diesen Zügen ist nur der dritte nicht historisch. Die

beiden andern sind von unbestreitbarer Echtheit. Natürlich kann

ein Zeitgenosse des Vivianus namens Wilhelm nicht der heilige

Wilhelm sein, der schon vor Karl dem Grofsen gestorben war.

Die Gelehrten, die in der Geschichte die Züge aufgesucht haben,

aus denen sich die Gestalt des epischen Wilhelm gebildet hat,

zählen nicht weniger als zwölf verschiedene Wilhelme auf, die den

einen oder andern Zug zu dem Bilde des Sagenhelden geliefert haben

sollen. Ich werde also niemanden in Erstaunen setzen, wenn ich

die Zahl dieser Wilhelme — deren Berechtigung ich übrigens nicht

durchaus anerkenne — um einen vermehre. Dieser dreizehnte Wilhelm,

den ich vorschlage, ist Wilhelm, der älteste, 826 geborene Sohn

Bernhards von Septimanien und der Dhuoda, die ihm ihr berühmtes

Manuale'^ gewidmet hat. Dieser Wilhelm, ein Enkel des

heiligen Wilhelm, war in der Tat Graf von Barcelona, und ist

wahrscheinlich identisch mit dem Herzog Wilhelm, der im Jahre

848 das von den Normannen belagerte Bordeaux verteidigte, wie

die Chronik von Fontenelle bezeugt:

Eodem annö [== 848] Norimanni Bitrdegaliin tirhem ccperunt

ei ducem ejusdem Guilhelmum ncclu. Pertz, Mon. II, 302.

Wie über den Ort der Schlacht von 851 gehen auch hier die

Ansichten der neuern Geschichtsforscher aus einander. Die einen

halten Wilhelm von Barcelona für den selben wie Wilhelm von

Bordeaux; die andern glauben, dafs es sich um zw-ei verschiedene

Personen handelt. IMabillon vertrat die erstere Ansicht. Die Verfasser

der Histoire generale de Languedoc I 8. 1054 (Ausgabe

von Toulouse 1872), mit Einschlufs des letzten Mitarbeiters, E. Molinier,

verteidigen die letztere. Ich gebe aus folgenden Gründen

der erstem Ansicht den Vorzug. Wenn man die beiden Wilhelme

aus einander hält, mufs man zugeben, dafs der von Bordeaux sonst

ganz unbekannt ist. Das dürfte schon gegen Molinier's Annahme

sprechen.

redet in Urkunde III (siehe unten S. 668) von Nortmannoium et Britannorum

crebris atque improvisis inciirsionibus.

3 So Vers 85, vgl. cur 55, sonst ciirb.

^ In Bezug auf den Beinamen al ciirt ries vermutet Calmette, De Bernardo

sancti Guillelmi filio, Toulouse 1902, S. 2, Zusammenhang mit dem Pseudonym

Naso, womit Paschasius Radbertus in seinem gegen 852 verfafsten Epitaphium

Arsenii \= Walae] Bernhard von Septimanien bezeichnet. Diese Ansicht

kann ich nicht teilen. Da Paschasius dem Bernhard seinen Ehebruch mit der

Kaiserin zum Vorwurf macht und ihn admissariiis (Beschäler) nennt, nehme

ich mit Ebert an, dafs Naso für Ovidius steht und einen geilen Menschen bezeichnen

soll. Folglich ist Bernhards lange Nase eben so wenig historisch

als die kurze Nase seines Vaters!

2 publik par Edouard Bondurand, Paris 1887.

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