Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

662 H. SUCHIER,

Nach der Strenge, mit der Karl der Kahle im Jahre 844 gegen

Bernhard verfahren war, indem er ihn hinrichten liefs, konnte der

Frankenkönig von Bernhards Sohn aufrichtige Ergebenheit nicht

erwarten. Wilhelm schlofs sich bald Pippin von Aquitanien an

mid half ihm bei Lavaur eine fränkische Truppe überfallen, der

sie empfindliche Verluste beibrachten. Karl trotzend erhob Wilhelm,

als Nachfolger seines Vaters, Anspruch auf das Herzogtum Septimanien

und die Grafschaft Barcelona. Er kann sehr wohl gegen

normannische Seeräuber Bordeaux verteidigt haben, dessen Graf-

schaft 1 wahrscheinlich Pippin ihm als eifrigem Anhänger übertragen

hatte. Sei dem wie ihm will, das Epos schreibt diesen Kampf um

Bordeaux Wilhelm von Barcelona zu, den es mit Guillaume au

cotirt 7iez identifiziert.

Bernhards Sohn kam im Frühjahr 850 in Barcelona ums

Leben ohne Nachkommenschaft zu hinterlassen 2; er war erst

24 Jahre alt. Auch wenn er länger gelebt hätte, auf keinen Fall

konnte Vivianus, der für König Karl im Felde stand, von diesem

aufrührerischen Vasallen Hilfe erwarten. Daher scheinen mir die

vom Epos gesetzten Beziehungen zwischen Vivien und Guillaume

der Wirkhchkeit nicht entsprechen zu können.

Wenn ich nicht irre, sind die Hindemisse, die sich gegen

meine Annahme der Identität des Vivien mit Vivianus aufzutürmen

schienen, nach einander verschwunden, und die Übereinstimmungen

des Epos mit der Geschichte entsprechend gewachsen. Die Belagerung

von Bordeaux ist eine geschichtliche Tatsache: eine

heidnische Flotte kommt aus Spanien und belagert die Stadt, die

vom Herzog Wilhelm verteidigt wird. Diese Begebenheiten fallen

ins Jahr 848. Auch die Schlacht, in der Vivien fällt, entbehrt

nicht der historischen Züge: ihr verhängisvoller Ausgang wird durch

die Flucht einiger Grofscn und ihrer Truppen veranlafst. Viviens

Leiche bleibt, nach der Chanson, auf dem Schlachtfelde liegen;

die Sarrazenen verstecken sie unter einem Baum, damit sie nicht

von den Christen gefunden werde. Sie bleibt also unbegraben.

Dieser Zug wird als historisch bestätigt in dem Werk eines Zeit-

genossen — es ist 853 geschrieben — ,

3

nämlich in den Revelationes

des Audradus Modicus, wo wir den folgenden Satz lesen:

Vivianu7n ab hosiibiis interfcciinn divoraverutit ferae silvariim.

^ die durch den Tod des Siguinus — Vater Huons von Bordeaux —

(845) erledij^t war.

- Darf hier daran erinnert werden, dafs auch der Guillaume der Chansons

de geste kinderlos stirbt?

^ Es fällt auf, dafs ein Gerücht, das unter den Zeitgenossen umlief,

dem Grafen Lambert eben so sehr den Tod Bernhards als den des Vivianus

üur Last legte (Pevtz, Mon. IL 253). Dieses Gerücht, das Vivianus mit der

Familie Wilhelms des Heiligen in Verbindung brachte, kann zu der Verwandtschaft

hingeführt haben, die das Epos statuiert. — Versetzen wir uns einen

Augenblick in die Anschauung Molinier's, der Wilhelm von Bordeaux und

AVilhelm von Barcelona aus einander hält, so könnte Wilhelm von Bordeaux,

der sonst ganz unbekannt ist, ein Verwandter des Vivianus und ein Anhänger

Karls des Kahlen gewesen sein und die Schlacht von 851 erlebt haben.

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