Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

676 H. SUCHIER,

Chanson umgestaltet worden, deren Text kürzlich wieder aufgetaucht

ist. Natürlich müssen wir, wenn wir von dieser Bearbeitung reden,

von den Änderungen oder Auslassungen absehen, die sie in der

einzigen Handschrift entstellen. Man wird dem Bearbeiter, aufser

den beiden Expeditionen Guillaume's nach Larchamp, zwei einschneidende

Änderungen zuschreiben dürfen: die Einführung des

verwandtschaftlichen Bandes, das Vivien und Guillaume von Barcelona

verknüpft, und die Identifizierung dieses letztern mit dem

epischen Guillaume, dem bereits eine Gruppe von Liedern gewidmet

war. So so ist unter der Hand des Bearbeiters aus der Chanson de

Vivien eine Chanson de Guillaume geworden.

Hier mufs ich zwei Vorbehalte machen. Ich behaupte nicht,

dafs der Bearbeiter die Chanson in ihrer Urform gekannt hat. Man

kann niemals sagen wie viele Bearbeitungen ein solcher Text durch-

laufen hat. Ich glaube freilich, dafs die Umgestaltungen der ursprünglichen

Chanson, wenn es solche überhaupt vor der erhaltenen

Bearbeitung gegeben hat, weder zahlreich noch eingreifend gewesen

sind. Mein andrer Vorbehalt betrifft die angebliche Verwandtschaft

zwischen Vivien und Guillaume von Barcelona. So lange sie nicht

durch historische Quellen bezeugt ist, müssen wir sie für erdichtet

halten. Da jedoch die Geschichte die Eltern des Vivianus eben

so wenig kennt wie die des Hruodlandus, kann man nicht wissen

ob die Sage jene Verwandtschaft erfunden hat.

Offenbar war der 850 eingetretene Tod Wilhelms von Barcelona

in der Urfassung nicht erwähnt, was dem Bearbeiter ermöglicht

hat, die Botschaft zu erfinden, durch die Vivien Guillaume um

Entsatz bittet. Der Bearbeiter läfst dann Guillaume zwei kriegerische

Unternehmungen nach Larchamp ausführen: eine unglückliche, an

der Guischart, Guiborc's Neffe, teihiimmt; eine mit glücklichem

Ausgang, der zum Teil auf Rechnung von Viviens jüngerm Bruder

Gui zu setzen ist. Viviens Leiche wird beide Male nicht gefunden.

1

Eine merkwürdige Laisse ist diejenige, die die Verse 1252

1273 umfafst. Die Barone Guillaume's, die ihn vom Schlachtfeld

1 Paul Meyer lial konstatiert, dafs die Chanson de Guillaiimt in einer

Stelle der Enfances Vivien nachgeahmt ist (Romauia XXXII, 604). Eine

zweite Nachahmung findet sich im Siege de Barbastre: nämlich in tler Erzählung

wie Bueve Boten nach Frankreich entsendet, um seine A'erwandten

um Hilfe zu bitten. Ich verweise auf Beckers Analyse in den Beiträgen zur

romanischen Philologie, Halle 1899, S. 259— 260 und auf die von Densusianu,

Prise de Cordres S. XCIV und in meiner Ausgabe der Narbonnais II,

S. XXXIX zitierten Verse. Die Boten sollen Bueve's Verwandten die Dienste

ins Gedächtnis rufen, die er ihnen bei frühern Gelegenheiten geleistet hat,

gerade wie Girard Guillaume an Viviens gute Dienste erinnern soll. Der

Satz der Chanson de Guillaume: A ces (Hs. ses) enseignes qu'il me vienge

socure 648 wird im Siege de Barbastre mehrmals wiederholt, z. B. A icestes

ansaignes . . . Me

viifiie eres secorre. — Auch könnte der junge Gui, der

dem Heere Guillaume's folgt, das Vorbild des jungen Roland gewesen sein,

der in Aspremont dem Heere Karls nacheilt. — Vers 584— 585 der Chanson

de Guillaume erinnern im Wortlaut an Aymeri 597—613.

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