Zeitschrift für romanische Philologie

scans.library.utoronto.ca

Zeitschrift für romanische Philologie

VIVIEN, 677

zurückreiten sehen, einen Toten auf dem Pferd heranbringend,

denken zunächst, dieses könne die Leiche eines Spielmanns sein,

den Guillaume sehr schätzte; denn er war tapfer in der Schlacht,

und konnte singen von Fioove?it, von Roland, von Girard de VienneA

Ist diese Laisse echt, so dürfte sie den Beweis liefern, dafs der

Bearbeiter des Vivien ein Spielmann war, und uns zugleich einen

Teil seines epischen Repertoires kennen lehren.

Diese Bearbeitung, worin die ursprüngliche Fassung um die

beiden Feldzüge Guiilaume's vermehrt war, erhielt den Namen

Chanson de Guillaume (Vers 1 1). Die Angaben der ersten Laisse

kündigen nur Ereignisse des ersten Teiles (V. i— 1979) an. Dies

läfst darauf schliefsen, dafs der Titel Chanson de GuiUatnne, zunächst

wenigstens, nur auf diesen ersten Teil gemünzt war. Ihm wurde nun

eine weitere Fortsetzung angehängt, deren Verfasser hauptsächlich an

dem Gedanken Anstofs nahm, dafs Vivien ohne Beichte und Absolution

gestorben war. Es schien ihm femer, dafs die von

Guillaume und Gui ins Werk gesetzte und etwas summarisch berichtete

Rache zu dem gewaltigen Verlust, den Frankreich durch

Viviens Tod erlitten hatte, in keinem V^erhältnis stand. Er hat

daher den gefallenen Helden wieder aufleben lassen, damit Guillaume

ihm die Beichte abnehmen und Absolution erteilen könne. Aufserdem

erschien ihm die von ihm erfundene Person Rainoarts, der

mit Keulenhieben auf die Sarrazenen losschlägt, besser zum Rächer

Viviens geeignet als Guillaume und mehr dem rohen Geschmack

einer ungebildeten Menge angemessen. Da er die Lage von Larchamp

nicht kannte, vermutete er das Schlachtfeld in der Nähe

von Orange, der Stadt, die ihm aus der Prise d^ Orange als Guiilaume's

Wohnsitz geläufig war. Da er Corberan (= Kerboga) erwähnt

V. 2299, mufs er nach dem ersten Kreuzzug gedichtet haben.

Ich vermute nun, dafs der Rainoari der einzigen Handschrift

ursprünglich als Fortsetzung eines andern Vivien verfafst worden ist,

eines stärker umgearbeiteten, also weniger altertümlichen Vivien.

So dürfte es sich erklären, wenn im Vivien Tatsachen vorkommen,

denen Angaben der Fortsetzung widersprechen; z. B. wenn Guillaume

in dieser {Vers 2410) Guiborc damit tröstet, dafs sie keinen ihrer Verwandten

verloren habe, was mit der Erzählung von Guischarts Tod in

Vivien (V. 1217) in schneidendem Widerspruch steht, dagegen zur

Erzählung des Cove?iani Vivien stimmt wo Guischart aus Guiborc's

Neffen zum Bruder Viviens geworden ist. Ich erblicke hierin ein

Anzeichen dafür, dafs der in Rainoari fortgesetzte Text eine

Chanson war, die sich bereits dem Texte des Covenanl Nivien

näherte.2

1 Wenn auch Chlodwig und Pippin erwähnt werden, so kannte der

Spiehnann jenen wohl aus Floovent, diesen als Vater Karls des Grofsen aus

einer nicht sicher bestimmbaren Chanson.

2 Man kann auch auf die Zahlen sieben Tausend V. 2515 und fünfzehn

Tausend V. 2 '^Sj verweisen, die in Vivien keine Entsprechung haben. (Denn

die Angabe in V. 1233 geht auf eine um mehr als zwei Tage zurückliegende

Vergangenheit).

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine