Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

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K. JABERG,

2. Erst mit der Verpflanzung ins Französische war eine Bedeutungsverschlimmerung

des Wortes rc^f^//" möglich. Im Englischen

wäre zu einer solchen gar kein Grund vorhanden gewesen. Ausschlaggebend

war also die Versetzung in ein neues INIilieu. Allgemein:

Die Versetzung in ein neues ?*Iilieu kann der erste

Anlafs zu einer pejorativen Bedeutungsentwicklung sein.

In der Tat tritt eine solche häufig ein:

I. Wenn ein Wort aus der Gelehrtensprache in die

Umgangssprache oder aus der Sprache der Gebildeten

in die Sprache des Volkes gelangt.

II. Wenn ein Wort aus einer Sprache in eine andere

versetzt wird.

Es kann sich nun entweder nach der Versetzung allmählich

ein ungünstiger Gefühlswert mit einem Worte verbinden, indem

derselbe zunächst bei einem Individuum auftritt, nach und nach

aber allgemein wird i ; oder es kann die Versetzung in ein fremdes

Milieu mit der bestimmten Absicht geschehen, dem versetzten Wort

eine verächtliche oder eine komische Nuance zu geben. Das oben

angeführte roshif gehört offenbar der ersten Kategorie an, dies

geht schon daraus hervor, dafs sein ungünstiger Gefühlswert keineswegs

usuell ist. Wenn aber Saltabadil (V. Hugo, Le roi s'amuse

II, i) das provenzalische adnisias statt des französischen adieu verwendet,

so tut er dies in scherzhafter Absicht; er weifs, dafs die

sonderbare Wortform im Französischen komisch wirken wird. Mit

solchen Wörtern aber, die schon bei der Versetzung und auch

nachher nie anders als pejorativ gebraucht worden sind, haben

wir uns hier nicht zu beschäftigen; sie sind später, in dem Kapitel

über Bedeutungsübertragung, zu besprechen. Ob die Pejoration eine

nachträgliche, unbewufste, oder ob sie eine mit der Versetzung be-

absichtigte, bewufste war, ist allerdings oft schwer zu unterscheiden.^

Der Gegensatz zwischen zwei INIilieux kann nun aber noch in

anderer Weise seinen Einflufs auf die Bedeutungsentwicklung ausüben.

Es wird nämlich

III. ein Wort3, das einem nach allgemeiner Anschauung

tiefer stehenden Milieu angehört, von einem höheren

Milieu als niedrig, gemein angesehen.

So erscheinen dem gebildeten Franzosen alle diejenigen Wörter als

,mots bas', die nur der niedrigen Volkssprache angehören.* Wenn

bonne compagnie, et semblenl tiainer apies eux le bruissement des robes de

soie. II y an a de vilains, il y en a d'aristocialiqiies, il y en a de bourgeois.

Tel elait vilain en naissant, qui a ele d^crasse par un grand (Jcrivain ; Icl

autie, dont le nom remontait aux croisades, s'est encacaill^ ä la liallc ou dans

les inauvais lieux."

1 Vgl. Zs. XXVII, 25 ff., besonders 38 fr. — Über die weitere Entwicklung

s. unten S. 60 f.

» Vgl. unten S. 61 ff. und 65 ff.

3 Oder eine spezielle Bedeutung eines Wortes.

* Dazu sind (seit Malherbe) zum grofsen Teil auch die Dialcktwörter zu

rechnen, sind ja doch die Dialekte nach unter Franzosen weitverbreiteter Auf-

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