Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

PEJORATIVE BEDEUTUNGSENTWICKLTJNG IM FRANZÖS. 59

er sie in seine Sprache aufnimmt, so weist er ihnen zugleich mit

der Aufnahme eine untergeordnete Stellung an. Sie sind für ihn

'vulgär', 'populär', 'familiär', 'komisch'; von Schriftstellern dürfen

sie nur in gewissen Stügattungen verwendet werden.' Im Unter-

schied zu den beiden zuerst behandelten Fällen tritt also hier eine

Gefühlssenkung zugleich mit der Versetzung in ein neues Milieu

ein. Wer ein populäres Wort, ein Argotwort, ein Dialektwort in

die Schriftsprache oder in die gebildete Umgangssprache einführt,

wählt dieses Wort mit der bestimmten Absicht, einen Begriff nicht

in indifferenter Weise zu bezeichnen, sondern zugleich ein Werturteil,

und zwar ein ungünstiges, darüber abzugeben.

Die Versetzung aus einem tieferen in ein höheres Milieu wird,

weil hier die Pejoration eine beabsichtigte ist, später zu behandeln sein.

Es bleibt ein vierter Fall anzugliedern. Ein Wort^ kann nämlich

IV. deshalb einen ungünstigen Gefühlswert annehmen,

weil es dem Milieu, dem es ursprünglich angehörte,

entschwindet.

Dieses Schwinden kann verschieden weit gehen. Entweder kommt

das fragliche Wort ganz aufser Gebrauch'', oder es schwindet nur

fassung (die offenbar vor allem der Schule zu verdanken ist) nichts anderes

als korrumpierte Formen der Litterärsprache. Jeder, der sich praktisch mit

dem Studium französischer Dialekte befafst hat, wird besonders da, wo das

Französische rasch vordringt, die Erfahrung gemacht haben, dafs die Leute

sich vielfach ihrer Mundart schämen und glauben, man frage sie darüber aus,

um sich über sie lustig zu machen. Damit steht im Zusammenhang, dafs

Dialektwörter den neu eingeführten französischen Doppelformen gegenüber

entweder an Gefühlswert verlieren oder verschwinden , wobei Letzteres häufig

die Folge des Ersteren ist. Vgl. z. B. Gillieron, Patois de Vionnaz die Bemerkung

zu mdre, pdre und paile. Vgl. auch Gauchat, Patois de Dompierre,

S. 5 f.

' Charakteristisch ist folgende Stelle bei Vaugelas, Ed. Chassang I, 2l4f. : . .

Car il ne faut pas oublier cette maxime, que jamais les honnestes gens ne

doivent en parlant user d'un mot bas [„de la lie du peuple"!], ou d'une

phrase basse, si ce n'est par raillerie; Et encore il faut prendre garde qu'on

ne croye pas, comme il arrive souvent, que ce mauvais mot a este dit tout de

bon, et par ignorance pKistost que par raillerie. II ne faut lai^ser aucun doute,

que l'on ne l'ayt dit en raillant. Vgl. Malherbe's Proskrijnionsliste volkstümlicher

Wörter ' qui sentent leur place Maubert' bei Brunot, Doctrine de

Malherbe S. 241 ff. und die Zusammenstellung der volkstümlichen Wörter, die

Vaugelas verdammt bei Brunot, Ilistoire de la langue fran^aise de 1600— 1660

in Petit de Julleviile, Hist. de la langue et de la litt. fr. t. IV, S. yiyf. Daiu

stelle man im modernen Französisch volktümliche AVörter wie lamper lür

'übermäfsig trinken', dazu la lampee, le potin, das Geschwätz (nach Dict. gen.

dialektischen Ursprungs) se rebiffer, renifler sur qqch, bei denen das Bild

volkstüml'ch übertreibend ist, i-equinquer (vielleicht pikardischen Ursprungs

(s. Dict. gen.), u. s. f., dann Argotwörter wie etre baba = verblüfft sein (Gyp,

Mariage de Chiffon p. 25), aguicher = anlocken (Zola Travail p. 302),

fioupiüii = Infanterist, trimer = se faliguer en efforts inutiles (s. Dict. gen.)

u. s. f. Die Liste liefse sich leicht vermehren.

* Ich brauche kaum noch einmal darauf hinzuweisen, dafs es sich auch

um eine einzelne Bedeutung handeln kann.

^ Vgl, deconfire, deconfiture, s'enamourer, fe'al, ferir etc.

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