Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

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K. JABERG,

aus einem höheren Milieu, bleibt aber in einem tieferen, schwindet

also z. B. aus der Litterärsprache und der höheren Umgangssprache,

bleibt aber in der Volkssprache. ^ Die erste Kategorie von Wörtern

erleidet das Schicksal alles Altmodischen: es wird im Kreis der

Jungen lächerlich ; die Wörter der zweiten Kategorie verlieren

natürlich deswegen an Gefühlswert, weil sie, aus einem vornehmen

Hause verdrängt, mit einem gewöhnlichen vorlieb nehmen müssen.

So lange wir die veralteten Wörter (sie sind in dieser Beziehung

vollständig den populären Wörtern analog) in ihrem ursprünglichen

Milieu antreffen, kommt uns ihr Gefühlswert nicht zum Bewufstsein,

da er sich ja an die ganze Sprachschicht knüpft, der sie angehören.

2 Ihr Gefühlswert bleibt also gleichsam latent. Frei wird

er erst dann, wenn ein einzelnes Wort aus seiner Umgebung

herausgenommen und in ein neues Milieu gestellt wird. Dann ist

aber der Effekt wieder ein gewollter. 3 Es kombiniert sich also

bei der pejorativen Entwicklung des Archaismus unbewufste Verschiebung

mit bewufster Übertragung. Um nicht vielfach zusammengehörige

Dinge auseinander zu reifsen, werde ich den

Archaismus im Zusammenhang mit den populären Wörtern (motsbas

etc.) in dem der Bedeutungsübertragung gewidmeten Abschnitte

besprechen. Beiden gemeinsam ist vor allem die Erscheinung,

dafs hier die spontane Sprachentwicklung vielfach durch künstliche

Reglementiererei beeinflufst wird. So hat der Purismus des 17. und

des 18. Jahrhunderts diese Art der pejorativen Bedeutungsentwicklung

in hohem Mafse begünstigt.

Bevor ich zur Einzelbetrachtung übergehe, bleibt mir noch

übrig, darauf hinzuweisen, dafs, was ich Zs. XXVII, 40 f. über das

Verhältnis des Gefühlswertes zur begrifflichen Senkung gesagt habe,

auch hier gilt: „Ein mit einem Worte assoziierter ungünstiger

Gefühlswert bewirkt, dafs es nur mehr für niedrigere Arten des

Begriffes verwendet wird, den es ursprünglich bezeichnete. Dieser

Umstand hat eine Begriffssenkung zur Folge." So bezeichnet rosse

nicht mehr ein Pferd schlechthin, sondern eine Schindmähre und

^ Vgl. gars, baüler, coup in der Bedeutung Mal etc.

2 D. h. wenn ich z. B. Joinville's Histoire de St. Louis lese, so hat wohl

seine gesamte Ausdrucksweise für mich einen gewissen Gefühlston; dieser

Gefühlston (der übrigens keineswegs ein unangenehmer ist) knüpft sich aber

nicht besonders an einzelne Wörter.

3 So holt Destournelles (in MeHc de la Seigliire IV, 2) d;is Wort preux

aus dem alten Sprachschatz hervor, weil es nach verstaubten Riitcrgeschichten

riecht und deshalb die Ahnen des starrköpfig einfältigen Marquis de la Seigliere

vortrefflich charakterisiert. Ähnlich verhält es sich, wenn Don Ruy

Gomez (Hernani III, i) sagt: Qu'une fille aime et croie un de ces jouvenceaux,

Elle en meurt, il en rit; wenn der Marquis v. Auberive bei

Augier, Effr. 1,4 spottet: Vous nous avez renverses, et je me gaudis ä voir

ce que vous avez mis ä notre place; oder wenn Faguet (Dcbats 8. 'XII. 02.)

witzelt: Mais la clef d'or qui ouvre toutes les portes est impuissante ä

forcer celle du coeur de la belle Formose et l'inepte Clitandre s'en aper^oit ä

son dam.

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