Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

62 K. JABERG,

in ein fremdes Milieu, also auf einen Kontrasteffekt spekuliert.'

Handelt es sich aber in allen diesen Fällen um eine beabsichtigte

Wirkung, wovon später die Rede sein wird, so möchte ich im

Folgenden diejenigen Wörter zusammenstellen, wo die Pejoration

möglicherweise 2 nicht eine beabsichtigte, sondern eine der Bedeutungssenkung

der unten zu besprechenden Fremdwörter 3 analoge war.

Wie der einem höheren Stande Angehörende seinen Nimbus

verliert, wenn er in familiären Verkehr mit sozial unter ihm

stehenden Leuten tritt, so verliert auch ein Wort an Prestige,

anders ausgedrückt : sein Gefühlswert sinkt, wenn es aus der Sprache

der Gebildeten (aus der gehobenen Sprache, oder aus der Sphäre

einer bestimmten Wissenschaft) in die allgemeine Umgangssprache

oder sogar in die tieferen Schichten des Volkes dringt. Es wird

nun, wie ich Zs. XXVII S. 39 f. auseinandergesetzt habe, entweder

bei der (oft fast unmerklichen) Senkung des Gefühlswertes bleiben

(vgl. unten adolescent, igfiare), oder diese wird eine Begriffssenkung

nach sich ziehen. Da es sich im ersten Fall um individuell und

je nach der Stilgattung oft sehr variable Nuancen handelt, deren

Betrachtung in das Gebiet der Stilistik gehört, ^ wird man im

folgenden fast ausschliefslich Beispiele der letztem Art (Gefühlssenkung

fortgeschritten zur Begriffsveränderung) finden.

Man bemerke, dafs bei den meisten der aufzuzählenden Wörter

auch der Bedeutungsinhalt Anlafs zur Pejoration gegeben haben

kann. Treibendes Moment scheint mir aber doch dabei die ge-

lehrte Form 5

:

Adolescent, der Jüngling, wird nach dem Dict. gen. in der Prosa

nur mehr ironisch verwendet. Eine mitleidig ironische Färbung

hat das Wort in der Tat fast immer; ich finde es aber auch in

gutem Sinne gebraucht.

Ämplificaiion (Rhctor.), „developpement d'un sujet," „(dans un sens

defavorable) developpement verbeux". Diese letztere Bedeutung ist

doch wohl nicht von der speziellen Bedeutung „composition scolaire

' So wenn man von den „pages immacuUes d'un buvard" oder von

„ingurgiter d'enormes quantit^s de viandes et de boissons" sjiricht.

'^ Ich sage „möglicherweise", weil ich hier besonders unsicher bin, ob

ich mit der Einteilung der Beispiele immer das Richtige getroffen habe.

3 Vgl. unten S. 65 ff.

* Ein Beispiel; fameux hat gewifs dadurch, dafs es ein Lieblingswort

der Volkssprache wurde (vgl. un fameux diner, une fameuse connaissance, une

fameuse belise, un fameux ivrogne) einen familiären Anstrich erhallen (vgl.

eine ironische Verwendung z.B. Debats 21. /IX. 03: ,,Doctrines et piincipes

bruyamment developpds . . . dans mainls articles fameux de la Revue des

Deux Mondes"), und doch kann es sehr wohl noch in gehobenem Stile gebraucht

werden, ohne dafs man an jene populäre Verwendung denkt.

^ Hie und da mag die Pejoration eines gelehrten Wortes (es gilt dies

übrigens auch für Fremdwörter) von einem Mifsverständnisse herrühren. Es

ist eine bekannte Tatsache, dafs ungebildete Leute oft ihre Bildung durch ungewöhnliche

Wörter und Wendungen zu dokumentieren suchen, wobei nicht

selten Form- und Sinnverdrehungen unterlaufen, die gelegentlich usuell werden.

Vgl. z. B. S. 63 bucoUques, S. 65 sophistiquer, S. 68 bizarre.

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