Zeitschrift für romanische Philologie

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746 BESPRECHUNGEN. PH. AUG. BECKER,

Vivianepen in dem kurzzeilhaltigen Zyklus ihren Platz hatten; denn sie sind

beide in dieser Handschrift mit Kurzzeilen versehen, und nicht nur dies,

sondern die Enfances Vivian zeigen im Vergleich zur Vulgata grölsere text-

liche Abweichungen als gemeinhin der Fall ist, wenn der Boulogner Text aus

der „Wilhelmzyklus "-A^orlage flofs.

Da nun die Boulogner Hs. offenkundig auf zwei Vorlagen beruht, so

sind drei Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen: i. dafs alles, was Kurzzeilen

bietet, der gleichen kurzzeilhaltigen Vorlage entstammt; 2. dafs Enf. und

Chev. Vivian (im Gegensatz zu den übrigen Epen) mit Kurzzeilen in den

„Wilhelmzyklus" eingingen und erst durch den Revisor des Vulgatatextes der

Gleichmäfsigkeit halber dieses Zierrats beraubt wurden, oder 3. dafs die Kurz-

zeile in diesen Epen vom letzten Redaktor des Boulogner Textes im Hinblick

auf seine zweite Vorlage eingeführt wurde, wobei nicht abzusehen ist, warum

er diese Arbeit nicht auch auf Aliscans und die kurzverslosen Teile der Ba-

taille LoMfier ausdehnte? Es springt in die Augen, dafs die erste Möglich-

keit bei weitem die einfachere und daher auch wahrscheinlichere ist.

Auf Grund dieser und der weiter noch vorzubringenden Erwägungen

möchte ich Cloettas Annahme dahin modifizieren, dafs neben dem oben gekennzeichneten

„Wilhelmzyklus" noch eine zweite Epensammlung im Umlauf

war, die aus Enfances Viviafi, Chevalerie Vivian, Aliscans, Bataille Loki-

fier, Moniage Rainoart, Foiicon de Candie und Montage Guillaume I be-

stand, d.h. aus lauter Epen, resp. Versionen mit Kurzzeilen, während der

„Wilhelmzyklus" von Anbeginn nur kurzverslose Textfassungen enthielt.

Diesen Zyklus, der für uns durch die partielle Arsenal-Kopie und durch die

kurzvershaltigen Einschaltungen der Boulogner Hs. vertreten ist, werden wir

am zweckmäfsigsten als „Vivianzyklus" bezeichnen.

3. Der Grandorsche Nachlafs. Beide Zyklen, der ,, Wilhelm-

zyklus" sowohl als der „Vivianzyklus" gehen für einen Teil ihres Inhalts

direkt auf Grandor de Brie zurück, insofern sie beide Aliscans mit der

Grandorschen Fortsetzung enthalten. Dem „ Wilhemzyklus" kamen diese

Lieder durch die gestohlene Abschrift Guillaumes von Bapaumc zu, dem

,,Vivianzyklus" auf unermittcltem Wege, jedenfalls aber nicht durch Ver-

mittlung des Bapaumers. Beide Zyklen enthalten nun aufser Aliscans und

Fortsetzung auch noch Enfances und Chevalerie Vivian gemeinsam, aufserdem

Moniage Guillaume, dieses jedoch in sehr abweichender Version. Da-

durch entsteht die Frage, ob nicht schon Grandor in seinem so sorgfältig

bewachten Manuskript die ganze Gruppe der Vivian-Rainoart-Epen vereinigt

besafs, nämlich Enfances Vivian, Chevaliere Vivian, Aliscans, Bataille Loki-

fier und Moniage Rainoart.

Für diese Vermutung lassen sich folgende Gründe geltend machen.

Vor allen Dingen ist Aliscans kein selbständiges Gedicht, sondern die

Umdichtung der jüngst wieder zum Vorschein gekommenen Chanson de

Willehne oder Chanson Je l'Archant, oder besser gesagt ein Teil dieser

Umdichtung; denn mit der Chanson de l'Archant verglichen, gehören Chev.

Vivian und Aliscans als das einheitliche Rifaccimento jener Chanson untrennbar

zusammen; nur vereint decken sie sich mit dem vollen Umfang

des ursprünglichen Liedes. Wir haben aber keinen Grund zur Annahme,

dafs Grandor Aliscans nur als episodische Teilabschrifl besafs, sondern er

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