Zeitschrift für romanische Philologie

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Zeitschrift für romanische Philologie

W. GLOETTA, GRANDOR VON BRIE UND GUILLAUME VON BAPAUME. 74g

grofsen Wilhelmhandschrift („Wilhelmzyklus") sich in der glücklichen Lage

befanden, aufser dem Grandor- Material sich auch noch die Enfances Vivian

unabhängig voneinander in derselben ihres Anfangs beraubten Textfassung

zugänglich zu machen. Dies wäre ein doppelter Zufall , und den umgeht

unsere Vermutung. [Sagen wir im Vorübergehen, dafs es — nach dem Stand

der Überlieferung zu schliefsen — keiner Schwierigkeit unterläge, Grandor

auch als Verfasser der Enfances Vivian in Anspruch zu nehmen; innerlich

wahrscheinlich ist es aber nicht.]

Von den ungelösten Schwierigkeiten, die übrig bleiben, ist eine der

fühlbarsten die Gegenwart der Synagon - Episode mit Kurzzeilen im Boulogner

Text. Soll man da annehmen, dafs die „Vivianzyklus "-Vorlage des Boulogner

Redaktors das Mon. Gtiillaume um diese Episode erweitert darbot, so dafs

wir ein drittes Kurzvers-Einschiebsel in dieser Hs. zu konstatieren hätten,

oder sollen wir glauben, dafs Mon. Guill. II diese Episode mit Kurzzeilen

aufnahm und solchergestalt in den ,,Wilhelmzyklus" einging und erst durch

den Revisor der Vulgata dieser Anomalie entledigt wurde? Beides wäre

denkbar, da die Synagon-Episode nicht als Episode, sondern als selbständiges

Lied entstand.

4. Die tiradenschliefsenden Kurzzeilen. Wie stellt sich nun

aber nach dem bisherigen Befund die Frage der Ursprüuglichkeit oder

Nichtursprünglichkeit der tiradenschliefsenden Kurzzeilen dar? Bei meiner

Stellungnahme in dieser Streitfrage bin ich bisher von der Ansicht ausgegangen,

dafs wir den richtigen Aufschlufs zur Lösung des Problems am

ehesten durch literargeschichthche Erwägungen gewinnen werden, da text-

kritisch Rezension gegen Rezension steht und der gröfsere oder geringere

Beifall des Geschmacks kein sicheres Kriterium abgibt. Die in Rede stehenden

Epen sind nämlich nicht unabhängig von einander, sondern in bestimmter

chronologischer Reihenfolge und in intimer genetischer Wechselbeziehung,

entstanden. Die Klärung dieser Entstehungsverhältnisse mufs uns zur Beantwortung

der schwebenden Frage die wesentlichen Momente an die Hand

geben. — Von diesem meinem Slandpukt aus mufs ich grofses Gewicht

darauf legen, dafs das älteste Vivianlied, die Chanson de WilleIme , zwar

keine regelmäfsigen kurzzeiligen Tiradenschlüsse, aber doch sporadischen

Refrain hat:

Lundi al vespre

Oimais comence la cancun de Willelme.

Den Sechssilber als ständigen Tiradenausgang bietet zuerst das Moniage

Guillautne I; höher hinauf können wir diese metrische Sonderheit überhaupt

nicht verfolgen. Der springende Punkt ist also, wo wir den EinfluCs dieses

Liedes einsetzen lassen wollen. Erkennen wir an, dafs die Umdichtung der

Ch. de Willelme zu Aliscans bei Kenntnis des Mon. Guillaume I erfolgt ist,

und niemand dürfte dies bestreiten, so ist sehr wahrscheinlich, dafs die um-

gedichtete Chanson bei dieser Gelegenheit unter dem zwiefachen Einflufs des

sporadischen Refrains im Original und des kurzzeiligen Tiradenschlusses im

Moniage besagten metrischen Zierrat annahm. Die gleichen Erwägungen

können wir auch für Enf. Vivian gelten lassen. Daraus ergäbe sich als

naturgemäfse Folgerung, dafs Grandor de Brie seine Epen bereits mit Kurz-

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