Veröffentlichungsreiche der Abteilung Regulierung von Arbeit ... - WZB

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Veröffentlichungsreiche der Abteilung Regulierung von Arbeit ... - WZB

Veröffentlichungsreiche der Abteilung Regulierung von Arbeit

des Forschungsschwerpunkts Technik-Arbeit-Umwelt des Wissen­

schaftszentrums Berlin für Sozialforschung

FS II 92-201

Der soziale Raum "Betrieb".

Zur Strukturierung der betrieblichen Sozialwelt

aus der Sicht der bourdieuschen Sozialtheorie

Johanna Hofbauer*

* wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für

Allgemeine Soziologie und Wirtschaftssoziologie,

Wirtschaftsuniversität Wien, Augasse 2-6, A-1090 Wien

Berlin/Wien, April 1992

ISSN 0724-5084

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH (WZB)

Reichpietschufer 50, D-1000 Berlin 30,

Telefon: (030) 25 49 1- 0


ZUSAMMENFASSUNG:

Der soziale Raum "Betrieb". Zur Strukturierung der betrieblichen Sozialwelt aus der Sicht

der Bourdieuschen Sozialtheorie.

Die Frage der betrieblichen Strukturbildung erlangt in der heutigen industriesoziologischen Debatte

erneut Aktualität. Im deutschsprachigen Raum zeigt dies die Entwicklung von Konzepten, wie

"Sozialverfassung" (Hildebrandt/Seltz), "Sozialordnung" (Kotthoff/Reindl) oder "Mikropolitik"

(Ortmann). Das Interesse an der sozialen Dimension des Betriebs, an der politischen und

kulturellen Fundierung betrieblicher Sozialwelten läßt jedoch neue Fragestellungen formulieren,

die sich mit den bislang gängigen Erklärungsmustem vielfach nicht oder nicht zufriedenstellend

beantworten lassen. In dieser Situation scheinen zwei Dinge erforderlich: zum einen die kritische

Auseinandersetzung mit dem etablierten Theorieangebot; zum anderen die Öffnung von Grenzen

gegenüber allgemeinen soziologischen Theorien, insbesondere gegenüber neueren Entwicklungen.

Der vorliegende Text kommt diesem Anspruch insofern nach, als er zunächst die konzeptionellen

Strategien und Probleme einiger, für die Geschichte der Industriesoziologie maßgeblicher Ansätze

diskutiert (hier: die "kontrolltheoretische", "kontingenztheoretische" und "technikdetermmistische"

Begründung betrieblicher Strukturen); im weiteren wird der Beitrag von Giddens' "Structuration

Theory" und Crozier/Friedbergs "Gameskonzept" erörtert; schließlich, und hauptsächlich geht es

aber darum, die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu darzustellen. Die Navigation durch das

Bourdieusche Theoriegebäude stützt sich auf einen Kompaß an industriesoziologischen Fragen.

Ziel ist es, die Relevanz von Konzeptionen wie Habitus, Feld, Kapitalien, sozialer Tausch für die

Fragen der Erklärung betrieblicher Strukturbildung aufzuzeigen.

ABSTRACT:

The Social Space "Business Corporation". Structuration of the Social World of the

Corporation from the Point of View of the Social Theory of Bourdieu.

The question of the social generation of corporational structures is gaining importance in todays'

debates of industrial sociology. In thé German speaking context this is indicated by the

development of concepts, such as "Sozialverfassung" (Hildebrandt/Seltz), "Sozialordnung"

(Kotthoff/Reindl) or "Mikropolitik" (Ortmann). Yet, the interest in the social dimension of the

corporation, in the political and cultural foundation of the social worlds of corporations provokes

questions, which in many cases may not or may not satisfactorily be answered by the current

explanatory patterns. In this situation the requirement seems to be twofold: first, for a critical

discussion of already established theories; second, for an intensified discussion of general social

theories, especially of new developments. This text meets these requirements in so far as it first

discusses some of the main concepts in the history of industrial sociology (here: "labor control

theory", "contingency theory" and "technology deterministic theory"); further, the contribution of

Giddens' "Structuration Theory" and Crozier/Friedbergs "Games Concept" is discussed; finally, and

in the main instance, the social theory of Pierre Bourdieu is portrayed. The navigation through the

theoretical universe of Bourdieu is guided by a compass of questions of industrial sociology. The

purpose is to show the relevance of concepts, such as habitus, field, capitals, social exchange for

questions concerning the explanation of structure generation of enterprises.


VORWORT

Ein Text, welcher wie der folgende vom Thema " Strukturbildung" gezeichnet ist, verdient, so

meine ich, ein paar Vor-Worte zu seiner eigenen Strukturierung. Ich möchte mich und die

werten Leserinnen und Leser nicht länger aufhalten, sondern nur ein, zwei, kurze Bemerkun­

gen dazu machen, insbesondere und zunächst zur Beziehung "Industriesoziologische Fragen

und Bourdieusche Antworten".

Diese Beziehung wird hier ausgehend von erkenntnistheoretischen und methodologischen

Fragen an die Industriesoziologie, vertreten durch einige ausgewählte Konzepte, geknüpft

werden. Solche Orientierung an Grundsätzlichkeiten wül ein merkbar höheres Maß an

Tiefenschärfe für bestimmte Problemfelder erzeugen und damit schließlich eine theoretische

Alternative ins Blickfeld bekommen, welche in industriesoziologischen Arbeiten zum Thema

heute noch weitgehend unsichtbar ist. Die Gründe dafür sind wohl sehr vielfältig. Ich möchte

dem hier nicht genau nachspüren, glaube aber, daß es unter anderem an verschiedenen, im

einzelnen sicherlich begründeten Übersetzungsschwierigkeiten liegt. Übersetzung, das heißt

zweierlei: Erstens, die Herstellung von Verständnis für Theoretisierungs- und Erklärungs­

weisen unterschiedlicher wissenschaftlicher Kulturen. Zweitens, die buchstäbliche Uber-

Setzung theoretischer Konzepte in empirische Forschungsprogramme und Fragestellungen.

Beim Schreiben des vorliegenden Textes ging ich davon aus, daß die eine Arbeit, die empi­

rische Umsetzung, nicht ohne die andere, die inhaltlich-theoretische Vorab-Klärung, zu

machen sei. Diese Vorarbeit wollte ich hier leisten. Dazu war es nötig, den gesamten Apparat

an Bourdieuschen Denkwerkzeugen auseinanderzunehmen, um bestimmte Teile, die er­

fahrungsgemäß hierzulande immer wieder Rezeptionsprobleme bereiten, möglichst ausführlich

zu rekonstruieren, mit eigenen Beispielen bzw. mit den letztlich vielsagendsten aller mög­

licher Kommentare, nämlich Bourdieus eigenen Worten zu erläutern und wieder im Zusam­

menhang des weiträumigen Theoriegebäudes zu plazieren.

Die eigentliche Hauptarbeit, konkrete empirische Forschungsarbeiten anhand dieser Werk­

zeuge durchzuführen, ist jedoch noch ausständig. Der vorliegende Text muß deshalb selbst

wieder eine Vielzahl an Fragen offen lassen - Fragen, die so manchen Leserinnen und Lesern

zu Recht als die eigentlich brennenden erscheinen mögen. Der Text ist so gesehen unfertig

und kann wohl nur den Status einer Zwischenstation beanspruchen. Sollten aber die ersten

Schritte, die hiermit getan wurden, genügend Anregung für einen fruchtbaren Fortgang der

auf konkrete Forschungspraxis bezogenen Auseinandersetzung mit dem Bourdieuschen Denk­

werkzeug bieten, so wäre zumindest meinem Anspruch genüge getan. Denn ich sehe meinen


Beitrag viel eher als Auftakt, denn als Abschluß einer Diskussion, die, so hoffe ich, von den

Überlegungen in diesem Textes zusätzlich angeregt wird, und in deren Verlauf Möglichkeiten

der Umsetzung des hier vorgestellten Erklärungspotentials entwickelt werden.

Abschließend noch ein Wort zur Zitationspolitik: Ich habe mich beim Verfassen dieses Textes

bemüht» das breite Spektrum des Bourdieuschen Werks möglichst vollständig zu erfassen,

konzentrierte mich bei der Auswahl der Textstellen und Quellen aber auf bereits ins Deutsche

übersetztes Material bzw. auf einige wenige noch nicht ins Deutsche übersetzte, aber zumin­

dest im englischen Original vorliegende Artikel. Diese Auswahl erschien mir sinnvoll wegen

der erfahrungsgemäß leichteren Zugänglichkeit dieser Publikationen. Nichtzuletzt ging es mir

aber auch darum, den Rezeptionsgewohnheiten der Leserinnen und Leser auf diese Weise eher

zu entsprechen als durch Zitationen aus französischen Originalen und Sekundärliteraturen.

Johanna Hofbauer

Wien, Aprü 1992


INHALT

Einleitung oder: diesseits und jenseits der Pole 1

I. TEIL

1. Perspektiven der Erklärung betrieblicher Strukturbildung 7

1.1. Perspektivenwandel in der britischen Debatte 7

1.2. Beiträge zum Perspektivenwandel in der deutschen Industriesoziologie 9

2. Fragen zur theoretischen Begründung und Konzeptualisierung des "Sozialen" 12

2.1. Kontrolltheoretische Ansätze 14

2.2. Kontingenztheoretische und technikdeterministische Ansätze 16

2.3. Giddens' "Theory of Structuration" und Crozier/Friedbergs "Gameskonzept" 18

3. Zur Erklärung betrieblicher Strukturbildung

II. TEIL

auf der soziologischen Grundlage der Bourdieuschen "Theorie der Praxis" 25

3.1. Der soziale Raum "Betrieb" 25

3.2. Strukturierte Praxisformen und strategische Praktiken - das Habituskonzept 26

3.3. Sozialer Raum "Betrieb" und Felder 31

3.4. Soziale Felder als Kräftefelder 34

3.5. Zur »Ökonomie der Sozialwelt« 37

3.6. Kapital und Arbeit 39

3.7. Sozialer Tausch und Strukturbildung 43

4. Resümee und Zusammenfassung 47

Literatur


Einleitung oder: diesseits und jenseits der Pole

"Sociality necessarily pervades

organizations and should not evade their

conceptualization" (Clegg 1989, 98).

"Von allen Gegensätzen, die die

Sozialwissenschaften künstlich spalten,

ist der grundlegendste und verderblichste

der zwischen Subjektivismus und Objektivismus"

(Bourdieu 1987, 49)

Für die Industriesoziologie scheint das bislang dominierende Angebot an Erklärungen

betrieblicher Strukturbildung zunehmend erweiterungsfähig und -bedürftig zu werden.

Denn nicht zuletzt angesichts aktueller empirischer Befunde, stößt man auf offene Fragen,

die anhand des traditionellen industriesoziologischen Theorieangebots nicht oder zumindest

nicht zufriedenstellend zu beantworten sind. In dieser Situation wird von verschiedenen

Seiten das Symptom "Theoriedefizit" diagnostiziert. Wie auch immer gerechtfertigt diese

Diagnose sein mag, muß man ebenso vermuten, daß das Problem nicht nur eines der Quan­

tität ("Zu-Wenig-Theorie") sein kann, sondern auch eines der Qualität ist.

Das Problem der Erklärung betrieblicher Strukturbildung in letzterer Fassung angehend,

verfolgt die vorliegende Arbeit das Ziel, durch eine Auseinandersetzung mit grundlegenden

theoretisch-methodologischen Problemen die gegenwärtige Diskussion in der

Industriesoziologie voranzutreiben. Als Ausgangspunkt dazu wird eine Fragestellung

gewählt, die in ihrer verdichteten Form einen bekannten Topos der allgemeinen Soziologie

widergibt: die Frage der "konzeptionellen Vermittlung zwischen sozialer Struktur und

Praxis".

Damit sollte u.a. folgendes deutlich werden: Die Industriesoziologie ist gegenwärtig mit

einem Problem konfrontiert, das zu den Grundfragen der Soziologie überhaupt zählt und das

aktuell unter dem Titel "Mikro-Makro-Problem" gerade heute wieder zu einem zentralen

Gegenstand der Theorie-Debatte geworden ist.

Der Industriesoziologie stellt es sich freilich in ganz spezifischer Form. Dann nämlich, wenn

die Konzeptualisierung von derart widersprüchlich erscheinenden Phänomenen ansteht, wie:

die Unterschiedlichkeit betrieblicher "Sozialordnungen" (Kotthoff/Reindl 1990), die Nicht-

linearität der Arbeitsprozeßentwicklung, oder die Uneinheitüchkeit in der Implementations­

praxis neuer Technologien konstatiert wird; andererseits jedoch festgestellt werden muß,

daß betriebliche Sozialorganisationen offensichtlich weder beliebig gestaltbar, noch per

1


Dekret restrukturierbar, um nicht zu sagen "überwältigbar" sind (etwa von andernorts

erprobten, im konkreten Fall jedoch nicht greifenden Organisations- und Management­

modellen; oder von betriebsfremden, d.h. nicht aus der jeweiligen betrieblichen Praxis selbst

hervorgegangenen Untemehmenskultur- bzw. Unternehmensphilosophie-Konzepten).

Augenscheinlich verhindern hier in der Industriesoziologie, genauso wie in der allgemeinen

Soziologie, polarisierte Sichtweisen ein adäquates Verständnis der betrieblichen Praxis: Der

objektvistische Blick marxistischer und strukturfunktionalistischer Ansätze vernachlässigt

die Mikroebene der sich täglich ereignenden friktions- und konfliktreichen, bedeutungs­

geladenen, in jedem Fall höchst voraussetzungsvollen Strukturierungsprozesse der

(betrieblichen) Sozialorganisation. Oder, um es mit Bourdieu (1979, 164) zu sagen: er ist

verleitet, zur "Logik der Sache" zu machen, was vielmehr "Sache der Logik" ist (man denke

bspw. an Bravermans Postulate zur Entwicklung des modernen Produktionsprozesses), und

damit die Bedeutung sozialer Organisierungsprozesse auf der betrieblichen Mikroebene zu

verkennen. In der Konsequenz wird die konzeptionelle Integration eines zu

"unübersichtlich" gewordenen Gegenstands selbst zum Problem bzw. bereitet sie offen­

sichtlich einige Mühe.

Aus der subjektivistischen Sicht, die rationalistisch-voluntaristischen Modellkonstruktionen

zugrundeliegt, bleibt andererseits immer wieder unklar, wie sich die Fülle an divergierenden

Interessen und Entscheidungen schließlich zu geregelten, strukturierten sozialen Hand-

lungs- und Verhaltensweisen formt. Das heißt industriesoziologisch gesprochen, wie bspw.

betriebsspezifische "Verhandlungskulturen" (Bechtle 1989) erzeugt und etabliert werden, die

die täglichen Mikropolitiken zu tragen vermögen; oder, wie sich bestimmte Legitünations-

prinzipien als wirksam, d.h. als allgemein verbindlich durchsetzen, um in Form ange­

messener Erwartungen und konformer Interessen zur Reproduktion bestehender

Herrschaftsverhältnisse beizutragen.

Objektivismus und Subjektivismus scheinen somit gleichermaßen ungeeignete Aus­

gangspunkte zu sein, um den gegenwärtigen Anforderungen an industriesoziologische

Theoriebildung gerecht zu werden: den Betrieb als "soziales System" bzw., spezifischer

noch, als "sozialen Raum" (Bourdieu) zu begreifen.

Die kritische Auseinandersetzung mit der konzeptionellen und methodologischen Tradition

hat nun heute aber bereits Ansätze hervorgebracht, die das bestehende Erklärungsspektrum

deutlich erweitern. Industriesoziologie, die sich um eine komplexere Sichtweise ihres

Forschungsgegenstandes bemüht, kann sich deshalb mittlerweüe auf einem Theoriefeld

2


ewegen, das sich sowohl diesseits als auch jenseits der erwähnten Polarisierungen geöffnet

hat. Aus den vielfältigen Rekonzeptualisierungsbeispielen, die hier mögliche Bezugspunkte

für industriesoziologische Forschungsarbeit bieten, seien im folgenden zunächst Arbeiten

diesseits der Pole erwähnt: Wierborn und Clegg für wichtige Erweiterungen im Bereich des

objektivistischen Paradigmas in der marxistischen Theorietradition; und Elster für die Ent­

wicklung einer differenzierteren Perspektive im Bereich des subjektivistischen Paradigmas

der Rational-Choice-Theorien.

Wierborn (1986) ist vor allem deshalb hier zu erwähnen, weil er einen der zentralen

Eckpfeiler der marxistischen Theorietradition, den "Ideologie"-Begriff in seiner klassischen

Auffassung als "falsches Bewußtsein" verstanden, einer kritischen Reflexion unterzieht.!

Entgegen der einseitigen und letztlich reduktionistischen Deutung des Begriffs etabliert

Therborn ein differenzierteres Verständnis - und dies ausdrücklich innerhalb der marxis­

tischen Denktradition. Er stellt dabei nicht die Überzeugungskraft herrschender Bedeu­

tungsmuster, Ideologien, in Frage. Im Gegenteil. Statt aber ideologische Strukturen als

etwas der Persönlichkeit Äußerliches zu betrachten, analysiert er sie als Produkte von

Prozessen der ideologischen Formierung des Subjekts - Prozesse, die, ob ihres "dialectic

character", immer schon unter zwei Aspekten zu betrachten sind: einerseits der Unter­

werfung der Subjekte "under a particular force or order"; und andererseits der

"qualification" der Subjekte als "makers or creators of something" (Wierborn 1988,16 ff.)2

Ein weiteres Beispiel ist Clegg (1989), der in seinen "Radical Revisions" bestehender

Machtkonzeptionen auf eine Erweiterung der marxistischen Theorienperspektive zielt,

indem er den "relations of production" die "relations ofmeaning" hinzufügt. Dabei versteht

1) Therborn folgt damit einer von Althusser (1977) vorgezeichneten Argumentationslinie: Altbusser hat den

Subjekt-Begriff als einen zentralen Begriff der marxistischen Ideologie-Theorie entwickelt, und die

Konstituierung des Subjekts als einen Prozeß der ideologischen Formierung ("ideologische Anrufung des

Subjekts") aufgezeigt Subjekt sein heißt somit ideologisch geprägt sein, d.h. nicht nur mit bestimmten

politischen Meinungen, sondern viel genereller noch mit bestimmten Erwartungen, Einstellungen,

Neigungen, Ambitionen, Befürchtungen, etc. ausgestattet sein.

2) Dazu nur eine kurze weitere Erläuterung: "subjection" und "qualification" sind Therborn zufolge die zwei

Seiten eines Prozesses, welche schon von daher ihrer Tendenz nach korrespondieren. Dennoch ist diesem

Prozeß der Widerspruch immanent. Die konkrete Veränderung in den Bedeutungs- und Sinnstrukturen

führt Therborn darauf zurück, daß sich im latenten Spannungsverhältnis zwischen "subjection'' und

"qualification" ein manifester Widerspruch entwickelt. (Ebd., 46). Dies bspw. im Zuge des Wandels beruflicher

Kompetenzen und Qualifikationen (etwa durch weitreichende bildungspolitsche Maßnahmen), der

nicht von einem gleichlaufenden Wandel der symbolischen Integrationsmechanismen begleitet wird.

Exemplarisch dafür ist der Fall einer höher qualifizierten Arbeitnehmerschaft, deren "Selbstverständnis''

(welches sich in ihren Erwartungen und Interessen ausdrückt) mit traditionellen Motivationsstrategien und

Kontrollpraktiken in Konflikt geraten müssen. In einem solchermaßen produzierten Widerspruch entsteht

Therborn zufolge ein Veränderungspotential, das zur Reorganisation der Arbeitsbeziehungen und der

zugrundeliegenden ideologischen Strukturen führen kann.

3


er letztere als selbst wesentliche, d.h. nicht nur derivative Bestimmungsfaktoren der

Produktion und Reproduktion betrieblicher Sozialordnungen. Ähnlich wie Therborn betont

also auch Clegg die normativ-ideologische bzw. kulturelle Dimension der Arbeitsorganisa­

tion und forciert u.a. mit dem folgenden, fast schon axiomatischen Satz eine zunehmend

auch die deutschsprachige Industriesoziologie dominierende Sichtweise: "The person is not

only one who sells their labour power and thus alienates their 'species-being' but also one

who constitutes, and is constituted by a moral universe of meaning." (Ebd., 98) Mit der

Wahl dieses konzeptionellen Ausgangspunkts eröffnet Clegg ein mehrdimensionales Ver­

ständnis des Sozialen. Es ist dies ein Verständnis, das im weiteren auch zu einer Umkehr

der theoretisch-analytischen Prioritäten führen könnte, etwa indem von einer bestehenden

gesellschafts- bzw. betriebsspezifischen Kultur aus deren funktionelle Ordnung erforscht

wird. Das würde also heißen, daß einmal "die symbolische Ordnung in der materiellen

Tätigkeit" (Sahlins 1981, 15, Hervorhebung J.H.) in den Vordergrund gestellt wird, und

nicht, wie üblich, vice versa. Damit wäre jedoch eine kulturanthropologische Sichtweise

eingeschlagen, die sich bereits jenseits der kritisch-marxistischen Industriesoziologie

bewegt.

Auch auf der anderen Seite der methodologischen Pole wurde in den letzten Jahren ein sehr

bedeutendes Theoriefeld erschlossen, das man mit "Erweiterte Rational-Choice-Kon-

zeption" betiteln kann. Geht es den RC-Konzeptionen generell um eine "theoretische

Rückeroberung der Akteurintention als ursächlichem Moment von Handlungen"

(Wiesenthal 1987), so zeichnet darunter wohl am deutlichsten die Arbeiten von Jon Elster

der Mangel an "überraschungsfreier Trivialität" (Ebd., 434) aus. Das ist u.a. darauf

zurückzuführen, daß Elster (etwa 1987) ein Konzept intentionalen Handelns entwirft,

welches dem Individuum Willensschwäche und Selbsttäuschung ("wishful thinking")

zugestehen kann. Konsistent mit seinem erweiterten Rationalitätskonzept sind auch solche

Phänomene des Handelns, die für frühere RC-Konzeptionen noch als "irrational" abgetan

wurden, wie: akteursseitige Stilisierungen zu subjektiver Wahl, was eigentlich objektive

Notwendigkeiten oder Zwänge sind (Entscheidung zum Verzicht auf "saure Trauben");

oder freiwillige Opfer des Individuums aus Rücksicht auf ein langfristiges Ziel ("globales

Maximum").

Mit der Integration dieser Bereiche gelingt Elster nicht zuletzt eine weitreichende

"Resozialisierung" des langjährig RC-geprüften "homo oeconomicus". 3

Frühere Kritiken

an RC-Theorien, sie würden utilitaristisch und voluntaristisch argumentieren, scheinen also

neuere Ansätze, wie jenen Elsters, nicht mehr in derselben Weise treffen zu können.

3) U.a. aus diesem Grund müssen wir später noch einmal auf Elster zurückkommen.

4


Mit dem Gewinn eines differenzierteren Zugriffs auf Akteur und Intentionalitäts- wie

Rationalitätsbegriff, sind jedoch andererseits, und dies durchaus absichtlich, Einbußen an

theoretischer Reichweite gemacht worden. Und so könnte man sagen, daß - quasi in Analo­

gie zum global maximierenden Individuum, das zu strategischen Verzichten bereit ist, um

sein Ziel zu erreichen - die neuere Variante der RC-Theorien einen theoriestrategischen

Verzicht leistet: jenen auf apriorisch formulierte und universalistische Erklärungsansprüche

und im weiteren dann auch auf den Entwurf einer allgemeinen Gesellschaftstheorie. Diese

Art Bescheidenheit der neueren RC-Theorie zeichnet sie zunächst aus, da sie nunmehr zu

halten vermag, was sie verspricht: für ihre speziellen Fragestellungen überzeugende

Antworten zu liefern. Jedoch wird, wie auch Wiesenthal im bereits zitierten Aufsatz fest­

stellt, im Endeffekt der Bereich genuin soziologischer Erklärungen geschmälert.

Dies hat erwartungsgemäß Folgen für eine Industriesoziologie, die mit diesen Theorien

arbeitet. Für Fragenkomplexe, die im besonderen Maße von Interesse für die Industrie­

soziologie sind, scheint jedenfalls kein adäquater Bezugsrahmen zur Beantwortung vorzu­

liegen, so z.B.: wie sich die soziale Prägung von Interessen ("Präferenzen"), differenziert

nach sozialen Gruppen vollzieht; wie die Chance der Interessendurchsetzung im mikropoli­

tischen Prozeß vor dem Hintergrund makroskopisch betrachteter Positionsverteilung, d.h.

der Positionierug des Individuums in Machtstrukturen zu sehen ist; wie man an die globalere

Frage der sozialen Erzeugung sozialer, (mikro)politischer und kultureller Beziehungsstruk­

turen herangehen könnte, sodaß auch eine, bereits oben erwähnte klassische Anforderungen

an soziologische Theoriebildungen geleistet werden kann: die konzeptionelle Verbindung

zwischen Struktur- und Handlungsebene herzustellen.

Für die Bewältigung dieser und ähnlich gelagerter Problemstellungen bietet sich nun eine

theoretische Perspektive an, die nicht mehr diesseits, sondern jenseits der methodologischen

Pole liegt, indem sie die beiden quasi zu einer Synthese auf einem anderen Niveau führt -

wobei der Bereich genuin soziologischer Erklärung, wie es oben hieß, nicht geschmälert,

sondern, im Gegenteil, weitestmöglich ausgedehnt wird: die Arbeiten des französischen

Soziologen Pierre Bourdieu, die, bisher nur in der Soziale-Ungleichheiten-Forschung und

in der Kultursoziologie4 breiter diskutiert, wohl auch gerade der neueren industriesoziolo­

gischen Forschung interessante Entwicklungsmöglichkeiten weisen können. Daß dem so ist,

soll hier nicht einfach postuliert werden, sondern im Wege einer Rekonstruktion zunächst

der Entwicklung aktueller Forschungsperspektiven und Problemstellungen der Industrie-

4) Vgl. etwa die Sammelbände Kreckel (1983) und Eder (1989), sowie die Aufsätze von Hometh (1984) und

Müller (1986).

5


Soziologie, im weiteren dann der Diskussion des vorliegenden Theorieangebots, schließlich

einer Darstellung der Bourdieuschen Theorieperspektiven nachvollziehbar gemacht werden.

Wenn nun das Feld der Diskussion jenseits der klassischen Pole geöffnet und die Per­

spektiven weiterführender Ansätze angedeutet wurden, so sei an diesem Punkt nochmals der

Gedankengang an den thematischen Kern dieser Arbeit zurückgebunden, und gleichzeitig

ihr argumentatorischer take-off festgehalten: Inhaltlicher Fokus der Diskussion wird die

Frage der Erklärung betrieblicher Strukturbildung sein, wie sich die neuere Industriesozio­

logie damit konfrontiert sieht. "Warum und inwiefern sich das Problem der Erklärung

betrieblicher Strukturbildung heute aber aufs Neue stellt" wird dabei genauso zu themati­

sieren sein, wie die Frage, welche Indizien für einen begründeten Perspektivenwandel in der

Industriesoziologie sprechen; weshalb die Reichweite traditioneller Erklärungsmuster als zu

begrenzt erscheinen muß; und schließlich, noch einmal konkret, welche Erklärungsansätze

heute vorliegen, die insbesondere für die aktuellen Problemstellungen der Industriesoziolo­

gie interessant sind.

Im Versuch, sich der Beantwortung dieser Fragen schrittweise zu nähern, soll zunächst an

einige industriesoziologische Arbeiten erinnert werden, die zur Entwicklung der aktuellen

Forschungsperspektiven des Fachs beitrugen. Daraus seien vorerst einige "Labour-Process-

Debate" bezogene britische Beiträge genannt, gefolgt von den im deutschsprachigen Raum

mit zunehmendem Interesse diskutierten Neuformulierungen und -thematisierungen

betrieblicher Strukturbildungsdimensionen.

6


I. TEIL

1. Perspektiven der Erklärung betrieblicher Strukturbildung

1.1. Perspektivenwandel in der britischen Debatte

Von Seiten der britischen Industriesoziologen wurden bereits im Rahmen der "zweiten

Welle" der "Labour-Process-Debate"5 Konzepte entwickelt, die Bravermans (1974) als zu

eindimensional kritisierte Fassung des "Modemen Produktionsprozesses" deutlich erweiter­

ten. Bravermans zentrale Thesen - wie die zunehmende Dequalifizierung und Degradierung

der Arbeit (Proletarisierung), weiters die fortschreitende Segmentierung und Fragmen­

tierung der Tätigkeiten (funktionelle Arbeitsteilung), schließlich die expandierende

Kontrolle des Kapitals über die Arbeit, kurz: die Fortführung des historischen Prozesses der

Taylorisierung des Arbeitsprozesses - wurden praktisch in allen Punkten einer eingehenden

Kritik unterzogen. Insbesondere Bravermans grundlegende Konzeption eines weitgehend

linearen Entwicklungsprozesses und einer sich universal vollziehenden Entwicklungslogik

mußte zurückgewiesen werden, angesichts der Fülle an empirischen Arbeiten, die regionale

und branchenmäßige Disparitäten, sowie gegenläufige Tendenzen feststellten: Requalifi-

zierungsprozesse, funktionelle Reintegration, Formen des mehr oder weniger organisierten

"Unterlaufens" der Managementkontrolle (durch Arbeitswiderstand, Lei­

stungszurückhaltung, etc.), heterogene Arbeitskräftegruppe und entsprechend unter­

schiedliche Interessen. Bravermans Szenario von Gegenwart und Zukunft industries­

gesellschaftlicher Produktions- und Arbeitsprozesse induzierte insgesamt eine breite Aus­

einandersetzung, in Folge derer sich neue, im Vergleich zu seinen Perspektiven erweiterten

herausbildeten.

Für die Entwicklung eines derartigen Perspektivenwandels im angelsächsischen Raum

waren bspw. Friedmans (1977) und Edwards (1979) Arbeiten ausschlaggebend. Ihre

Schlußfolgerungen aus einerseits gegenwartsbezogener und andererseits historiographischer

Analyse, sprachen für eine differenziertere Sicht von Arbeitsprozeß und darin konstituierter

Kontrollstrategien. Damit wurden nicht nur Kontrollformen und Managementstrategien 6

5) Für die deutsche Industriesoziologie hat sich v.a. der von HüdebrandtlSeltz (1987) herausgegebene

Sammelband als wertvolle Einführungslektüre zu Stand und Entwicklung der Debatte erwiesen. Auch

Lothar Lappe (1986) muß hier erwähnt werden. Er stellt der britischen Sicht des labcur process die theoretischen

und empirischen Perspektiven der deutschen Industriesoziologie gegenüber. Da hier nur einige

der markantesten Beispiele aus der britischen Industriesoziologie erwähnt werden können, sei an dieser

Stelle umso mehr Lappes interessante und sehr informative Diskussion empfohlen.

6) Vgl. Edwards (1979) Konzeption der drei historisch aufeinanderfolgenden Kontrolltypen: einfache,

technische, bürokratische Kontrolle. Auf der anderen Seite Friedmans (1977) Konzept der "direkten Kon-

7


vielschichtiger gedacht, sondern auch Möglichkeiten zur Konzeprualisierung feinkörnigerer

Entwicklungsmodelle angezeigt (wobei allerdings Edwards selbst wiederum dafür kritisiert

werden mußte, ein lineares Entwicklungsschema seiner Kontrolltypen aufzustellen, bspw. in

Thompson [1987]).

In dieser Hinsicht konnte weiters Burawoy mit seiner wohl bekanntesten Arbeit

"Manufacturing Consent" (1979) einen entscheidenden Einfluß auf britische und darüber

hinausreichende Diskussionsfelder nehmen. Burawoy, dessen Arbeiten bekanntlich ent­

scheidend auf seinen eigenen Erfahrungen als Industriearbeiter beruhen, widmet sich in

dieser Arbeit dem Phänomen der Reproduktion betrieblicher Macht- und Herr­

schaftsverhältnisse. Er geht dabei aber, im Unterschied etwa zu Braverraan, davon aus, daß

die betrieblichen Akteure auch auf "shop-fioor"-Ebene, interessegleitet und strategisch

handeln (s. dazu Anm. 7). Burawoy sieht diese also als aktive Teilnehmer der für die

betriebliche Strukturbildung zentralen Spiele des "making out". Mit Nachdruck lenkt er

somit immer wieder die Aufmerksamkeit auf die alltäglichen sozialen Auseinan­

dersetzungen um die Strukturierung des Arbeitsprozesses, in denen die Arbeiter sehr wohl

ihre politischen Spielräume nutzen - wenn diese Spielräume auch auf solche der Entschei­

dung über ihre Leistungsintensität beschränkt sind. In diesem Sinne sollte bei Burawoy nicht

mehr so sehr den "politics of production" der institutionalisierten Interessenvertreter,

sondern den "politics in production" der unmittelbar in den Produktionsprozeß involvierten

Akteure (v.a. eben auch jener auf "shop floor" Ebene) eine Hauptrolle zuerkannt werden.

Richtungsweisend ist in diesem Zusammenhang v.a. auch Burawoys Beobachtung der kon-

sens- und legitimationsstiftenden Wirkung sozialer Praxis. Burawoy begründet dies damit,

daß allein durch die Teilnahme an den für alltägliche betriebliche Praxis konstitutiven

Spielen (v.a. des "making out"), jeder betriebliche Akteur unweigerlich die herrschenden

Regeln vollzieht, und auf diese Weise gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zur Produk­

tion des allgemeinen "Konsenses" leistet. Auf Basis dieser Beobachtung, die Burawoy zu

den genannten Neuformulierungen der Reproduktionsmechanismen betrieblicher Macht-

und Herrschaftsverhältnisse veranlassen, können dann auch traditionelle analytische

Dilemmata (wie das sogenannte "Management-düemma") in ein "in und durch Praxis" ent­

schärftes Spannungsverhältnis übergeleitet werden.?

trolle" und der "verantwortlichen Autonomie". Die simplizistische Konzeption des Managements, als einer

hinsichtlich ihrer Interessen homogenen und strategisch geschlossen auftretenden Gruppe, hat bspw. Luder

(1987) mit Nachdruck kritisiert.

7) Das "Managementdilemma" läßt aus dem ambivalenten Verhältnis von Systemintegratton einerseits und

Sozialintegration andererseits ein "Diszipliiüerungs- und Konsensproblem" für betriebliche Führungskräfte

entstehen (Vgl. bspw. Flecker/Volst 1988). Konkret auf dieses Dilemma gemünzt, kann man

8


1.2. Beiträge zum Perspektivenwandel in der deutschen Industriesoziologie

In der deutschsprachigen Industriesoziologie hatte sich eine differenzierte Sicht des

Arbeitsprozesses durch Bezug auf soziale Kontexte und lokale Praktiken besonders inner­

halb der akteurs- und interessen- bzw. strategiebezogenen Ansätze entwickeln können.

Auffallend an den rezenteren Arbeiten im Bereich dieser Ansätze ist eine veränderte

Diktion, die zugleich ein verändertes empirisches wie theoretisches Problembewußtsein

innerhalb der vielzitierten "Zunft" anzuzeigen scheint. Diese Modifikation des industrie­

soziologischen Vokabulars - absehbar an Begriffen wie die "Politikarenen"

(Aichholzer/Flecker/Schienstock 1989), "Mikropolitiken" (Ortmann 1988), "Verhand­

lungsfelder und Verhandlungskulturen" (Bechtle 1989) sowie, noch weitreichender gefaßt,

die "Betrieblichen Sozialverfassungen" (Hildebrandt/Seltz 1989), etc. - deutet auf eine

Erweiterung der aktuellen industriesoziologischen Forschungsperspektiven hin, wonach

betriebliche Sozialstrukturen nicht mehr allein als abhängiger Variablenkomplex, deter­

miniert von den abstrakt formulierten Prinzipien kapitalistischer Produktionslogik hinge­

nommen werden wollen und können. Stattdessen rücken auch hier die "politics in

production" mehr und mehr ins Zentrum des Interesses. Mehr noch: sie scheinen sich als

privilegierter, weil fruchtbarer(er) Zugang zur Erklärung der vielfältigen sozio-kulturellen

Ausgestaltungen betrieblicher Sozialsysteme durchzusetzen.

Die Hinwendung der industriesoziologischen Forschung auf die konkrete soziale und

(mikro)politische Praxis im Betrieb, zieht nun die bereits angedeutete Konsequenz nach

sich: soll es statt einer homogenisierenden Sicht der Dinge um die heterogenen, jeweils

spezifischen Formen und Inhalte der sozialen Auseinandersetzungen um die Strukturierung

des Arbeitsprozesses auf der Basis der jeweils bestehenden objektiv-institutionalisierten

und subjektiv-internalisierten Strukturen gehen, so muß sich das Forschungsfeld der

Industriesoziologie zwangsläufig verdichten. Denn eine komplexere Vorstellung von den

Produktions- und Reproduktionsmechanismen betrieblicher Strukturen führt die Viel­

schichtigkeit sozialer Beziehungen innerhalb eines beobachteten Betriebes vor Augen,

genauso wie die Vielfältigkeit sozialer Strukturen im Vergleich zwischen den Betrieben.

nun mit Burawoy davon ausgehen, daß die Beschäftigten zwar aus eigenen Interessen handeln und eigene

Entscheidungen treffen, dabei aber letztlich doch wieder die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen

reproduzieren. Ihre strategischen Praktiken gefährden demnach die Managementziele

(Produktivitätssteigerung und Herrschaft) nicht, sondern laufen letztlich auf die Verfolgung dieser Ziele

hinaus. Wobei weder diese reproduktive Wirkung ihrer strategischen Praktiken, noch die geschickten

Interventionen des Managements als solche für sie durchschaubar sein mögen.

9


Das heißt im weiteren nun aber auch, daß die Frage der sozialen Erzeugung bzw. Produktion

und der Reproduktion empirisch heterogener Sozialstrukturen anders zu stel-len ist! Je mehr

der Arbeitprozeß nämlich als "autonom" gegenüber einer verallge-meinerten indu­

striegesellschaftlichen Produktionsweise angesehen wird, desto deutlicher verlangt er nach

einer eigenständigen Erklärung. Die empirisch uneinheitlichen Erscheinungsbilder von

Arbeitprozessen sind ja nicht mehr auf mehr oder weniger große Abweichungen eines

generellen Typs reduzierbar. Vielmehr muß man die jeweils besonderen

"Sozialverfassungen" bzw. "Sozialordnungen" (Kotthoff/Reindl 1990) in ihrer vollen

Bedeutung als Produkte betriebsspezifischer sozialer Strukturierungsprozesse sehen.

"Vielschichtigkeit" und "Vielfältigkeit" betrieblicher Strukturen wollen dann nicht mehr

einer abstrakten Logik geopfert werden, sondern als zentrale "Merkmale" des indu­

striesoziologischen Forschungsgegenstandes anerkannt werden.

Diese "Anerkennung" zeigt sich zunächst im Bemühen um eine adäquate beschreibende

Erfassung je spezifischer Produktions- und Arbeitsverhältnisse. Im weiteren und darüber

hinaus muß sie jedoch auch im Bemühen um eine adäquate theoretische Fundierung und

Konzeptualisierung betrieblicher Strukturbildung bestehen (siehe dazu genauer später, Kap.

2). Wenn sich die Industriesoziologie empirischen Fragen - wie "unterschiedliche Möglich­

keiten und Grenzen der Gestaltung von Sozialstrukturen und Regelsystemen" oder

"Klassifikationen unterschiedlicher Verhandlungskulturen und Politikarenen" - analytisch

nahem will, muß sie sich also einen entsprechenden theoretischen Bezugsrahmen schaffen,

innerhalb dessen verschiedenste sozialorganisatorische "Gestalten" erklärt werden können.

Bemerkenswert an dem bisher besprochenen industriesoziologischen Perspektivenwandel

sind darüber hinaus noch die folgenden Aspekte: nicht allein der gegenstandsbezogene

Interessenhorizont verschiebt, oder besser erweitert und verfeinert sich; auch das Spektrum

an Sichtweisen wird reichhaltiger - letzteres ist wahrscheinlich nicht zuletzt auf die zu­

nehmende Öffnung einerseits in Richtung benachbarter Soziologien (bspw. der Organisa-

tionssoziologie)8 und andererseits in Richtung allgemeiner Gesellschaftstheorie^ zurückzu­

führen.

8) Als prominente Beispiele für Autoren der solchermaßen an organisationssoziologische Forschung

angeschlossenen Arbeiten, sind zu nennen: der bereits zitierte Beitrag von Clegg (1989); weiters BurawoylWright

(1990), die auf die Bedeutung der hegemonialen Kontrolle und der Selbstkontrolle in Fragen

des "Agency"-Problems hinweisen; sowie natürlich Croziers bzw. Crozier/Friedbergs (1979) Ansatz der

Machtspiele vor dem Hintergrund der Kontrolle von Ungewißheitszonen (letztere werden unten näher

besprochen).

9) So bezieht sich bspw. Traxler (1989) auf RC-Theorien (u.a. auf Elster), während Schimank (1986 und

1987) an die (Luhmannsche) Systemtheorie anschließt. Darüber hinaus ist Giddens' Theory of Structura-

10


Es könnte sich hierbei um eine Art "Koevolution" handeln, d.h. um zwei sich wechselweise

bedingende Weiterentwicklungsprozesse. Demnach wäre auf der einen Seite ein Bedürfnis

nach brauchbar(er)en Erklärungen des mit herkömmlichen Konzepten nicht zufriedenstel­

lend bewältigbaren, veränderten Erscheinungsbildes an betrieblichen Realitäten geschaffen

worden; auf der anderen Seite hätte die Rezeption dahingehend interessanter theoretischer

Neuerungen die Forschungsfragen selbst verändert und die entsprechende Sensibilität für die

(mikro)politische, kulturelle, soziale Dimension im Betrieb mitproduziert.

Wie dem auch sei: Die neuere Geschichte der Industriesoziologie zeigt jedenfalls, daß man

den Betrieb, über seine technisch-ökonomische Bestimmung hinaus, verstärkt als soziales

System zu begreifen beginnt. Ein soziales System, das in Form eines mehrdimensionalen

Beziehungsgefüges strukturiert ist. Von zunehmendem Interesse ist es dann auch, den

Betrieb als Ort der Auseinandersetzung um die Strukturierung der Macht- und Herrschafts­

verhältnisse zu untersuchen, d.h. als einen (müao)polüischen Raum. Indem politische Aus­

einandersetzungen sowohl auf Basis spezifischer bestehender Legitimationsprinzipien statt­

finden als auch um diese Prinzipien geführt werden (um Definition und Anerkennung der

Form und Inhalte dieser Auseinandersetzungen), muß schließlich auch die kulturelle

Dimension des Betriebs zu einem zentralen Forschungsgegenstand werden. Das heißt, daß

hier die "symbolische" Ordnung der sozio-politischen Prozesse interessiert - jene

Deutungsmuster und Interpretationsschemata also, die sich in einer spezifischen Sozial­

organisation als legitim durchsetzten und praktisch wirksam sind.

Wie die Entstehung und Etablierung dieser sozialen Strukturen im Betrieb nun zu erklären

ist, kann als ganz zentrale Problemstellung gewertet werden. Umso notwendiger machen es

die derzeit vorliegenden empirischen Beobachtungsgrundlagen, sich mit den daran an­

schließenden, teils sehr grundlegenden Fragen auseinanderzusetzen. Der folgende Abschnitt

wird sich mit dieser Thematik befassen: Ausgehend vom Bezug zu allgemeinsoziologischen

Problemstellungen werden die für die Industriesoziologie relevanten und im Laufe der

letzten Jahren als prominente Referenzpunkte aufscheinenden Ansätze erwähnt. Es handelt

sich also um eine grobe Skizze, auf der lediglich die Eckpunkte des konzeptionellen Feldes

markiert werden sollen. An dieser Stelle sollen weniger die genauen Argumentationslinien

der Ansätze nachgezeichnet werden, sondern mehr die analytischen Ausgangspunkte und

Stoßrichtungen im Zentrum des Interesses stehen. Inhaltlicher Aufhänger der folgenden

dort" zu erwähnen, rezipiert in den Arbeiten von Ortmann (bspw. 1988). Eine ober die Giddensche Konzeption

noch hinausgehende Perspektive zum Thema betrieblichen Strukturwandels ist in Pierre Bourdieus

"Theorie der Praxis", auf die ja später noch näher eingangen wird, angelegt.

11


Darstellung ist die jeweilige konzeptionelle Strategie, die zur Erklärung sozialer (d.h. auch

betrieblicher bzw. organisatorischer) Strukrurbildung verfolgt wird.

2. Fragen zur theoretischen Begründung und Konzeptualisierung des "Sozialen"

In dem oben geschilderten Szenario tauchen in der Industriesoziologie offensichtlich

konzeptionelle Probleme (wieder) auf, mit denen sich die allgemeine Soziologie seit dem

Bestreben ihrer Etablierung als eigenständige Disziplin auseinandersetzt. Das Durkheimsche

Leitmotiv der Soziologie, Soziales sei durch Soziales zu erklären, mag dabei als imaginärer

Angelpunkt der historischen und gegenwärtigen Diskussionen dienen. Im selben Maße wie

dieses Postulat ihnen nämlich als gemeinsame Legitimationsgrundlage diente, hat die

Soziologie kontroversielle, auch sich einander ausschließende Konzeptionen ihres Gegen­

standes entwickelt. Weit von einer geschlossenen Rezeptur entfernt, öffnet sich innerhalb

des Durkheimschen Postulats die spektrale Vielfalt der Soziologien: Sowohl ihre

erkenntnistheoretischen als auch ihre methodischen und methodologischen Debatten ent­

zündeten sich immer wieder an der grundlegenden Problematik, der definitorischen und

konzeptionellen Fassung des "Sozialen".* 0

Wenig überraschend und zufällig ist, daß die Frage nach der Konzeption des "Sozialen" im

betrieblichen Funktionszusammenhang seit jeher gleichermaßen kontroversiell war. Zwar

herrschte unter den deutschen Industriesoziologen lange Zeit relativ breiter Konsens, was

ihre Verankerung innerhalb der kritisch-marxistischen Tradition betrifft!!. Doch auf dieses

einstige Einverständnis, läßt sich vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Wandels

inhaltlicher "Besetzungen" (Forschungsschwerpunkte, Begriffsprägungen) einerseits, und

des ebenso spürbaren Wandels vormals etablierter Denkstrukturen andererseits, nicht mehr

im selben Maße bauen.

10) Vgl. Heinz Bude (1988), der, ausgehend von eben diesem klassischen Postulat, in einer sehr aufschlußreichen

Reklassifikation folgende Soziologien analysiert: jene, die Soziales als "externe Struktur", als

"interne Struktur" und als "serielle Struktur" begreifen; solchermaßen differenziert nach ihren jeweils

unterschiedlichen Vorstellungen über Ort und Funktionsweise sozialer Strukturen, bewegt sich Soziologie

seiner Auffassung nach "von einer Entsubstantialisierung und Entsubjektivierung zu einer Entstrukturalisierung

und Enttotalisierung des Sozialen" (Ders, 2). Wir werden uns, das sei vorausgeschickt, nur mit den

ersten beiden Typen von Konzeptionen befassen: "Soziales als externe Struktur" (in den strukturfunktionalistischen

und -deterministischen Konzeptionen) gegenüber "Soziales als interne Struktur" (v.a. bei

Giddens und Bourdieu)

11) Ein, wie BraczykIKnesebeckjSchmidt (1982) es formulieren, "...bis Mitte der 70er Jahre kaum in Zweifel

gezogenes...'Selbstbild m

(19), gestützt auf eine "kognitive Identität auf der Ebene von Theoriestatus,

Themenzentrierung und Methodenbestimmung" (20).

12


Ganz deutlich zeigt sich deshalb die Bedeutung konzeptioneller Fragen dort, wo es um die

Entwicklung von "Sozial- bzw. Politikmodellen" geht. Gerade hier mag zwar die Fest­

stellung, daß Industriebetriebe nicht nur Güter und Dienstleistungen produzieren, sondern

wesentlich auch soziale Beziehungen ob seiner Trivialität kein Aufsehen mehr erregen. Ganz

sicherlich als nicht-trivial müssen jedoch die konzeptionellen Probleme gelten, die sich bei

einer analytischen Bestimmung dieser Beziehungen stellen. Damit ist nämlich eines der

Hauptprobleme jeglicher soziologischer Erklärung angesprochen: der theoretische Status

von sozialem System und Akteur sowie die Konzeptualisierung der Vermittlungsprozesse

zwischen Strukturen und Strategien .12

Viele der gegenwärtigen industriesoziologischen Arbeiten schneiden diese Problematik an

(wenn auch zum Teil nur indirekt). Ihre methodologischen und konzeptionellen Grundlagen

können, einer üblichen Systematisierungsweise zufolge, auf der soganannten "Struktur-

Handlungs-Achse" lokalisiert werden. Im folgenden kurzen Überblick soll versucht werden,

industriesoziologische (oder für Industriesoziologie relevante) Ansätze auf dieser Achse

einzuordnen. Ziel dieser Vorgangsweise ist, die Diskussion über die zu erörternden An­

sätzen einmal nicht primär aus der Perspektive ihrer empirischen Plausibilität zu führen.

Vielmehr steht der methodologisch-konzeptionelle Ort dieser Ansätze und der von dort aus

jeweils absehbare Erklärungshorizont zur Diskussion.

Der hier nur eng gefaßte Bogen spannt sich von "strukturnahen" Ansätzen (am Beispiel von

kontrolltheoretischen, kontingenztheoretischen und technikdeterministischen Ansätzen) zu

deren Kritiker, die zugleich "Vermittlungsansätze" entwickelt haben (jene also, die Struk­

tur- und Handlungsebene zu integrieren versuchen).^ Zunächst jedoch zu den struktur­

nahen Konzeptionen und der Perspektive, aus der sie Strukturbildungsprozesse betrachten:

12) Den historischen sowie theorie- und gegenstandsspezifischen Besonderheiten entsprechend, ist damit ein

sehr facettenreiches Problem angesprochen. Um nur einige bekannte Kodierungsbeispiele zu nennen: die

Vermittlung zwischen Mikrc— und Makroebene, zwischen objektiven Bedingungen und subjektiven

Entscheidungen, zwischen ökonomisch-funktionalen Imperativen und individuellen Interessen, zwischen

systemischer Entwicklungslogik und konkreten Gestaltungsprozessen, zwischen sozialen Praxisformen und

einzelnen strategischen Praktiken, zwischen Regel und Handlung, etc.

13) Weitere Ansätze, die dieses Bild besser abrunden - v.a. das weitreichende Angebot an handlungstheoretischen

Neuerungen innerhalb der Raüonal-Choice und spieltheoretischen Ansätze -, können im begrenzten

Rahmen dieser Arbeit nicht entsprechend breit diskutiert werden. An entscheidenden Punkten der Bourdieu-Diskussion

wird jedoch auf einzelne Konzepte (Intenionalitäts- und Rationalitätskonzept) Bezug genommen,

wie sie übrigens auch in 4er "Elster-Bourdieu-Debatte" eine Rolle spielten.

13


2.1. Kontrolltheoretische Ansätze

Ganz deutlich wird die Frage nach dem Status von "Struktur und Akteur" in kontroll­

theoretischen Ansätzen mitthematisiert. Im sogenannten "KontTollparadigma" - das wohl

von Braverman am nachhaltigsten geprägt wurde - ist der zentrale Stellenwert der Kontrolle

des Kapitals über Arbeit durch folgende Argumente begründet 14

: Kapitalistische Produkti­

onsweise ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, daß soziale Ordnung zur Optimierung des

ökonomisch-funktionalen Wirkungskreises mittels weitestgehender Reglementierung bzw.

"Kontrolle" des Erlebens und Handelns der Beschäftigten hergestellt wird bzw. werden muß.

Strategien der "Entsubjektivierung" der Beschäftigten (sie werden auf die Funktion einer

Arbeitskraft reduziert) und spezifische Formen des Technikeinsatzes (als wesentlicher

zusätzlicher Kontrollinstanz) übernehmen dabei die wichtige Funktion das dem kapita­

listischen Arbeitsprozeß inhärente "Transformationsproblem" zu bewältigen.

Dieses schon als klassisch geltende "Transformationsproblem" 15

entsteht aus einem zen­

tralen analytischen Ausgangspunkt, der zugleich die spezifische Herangehensweise der

Kontrolltheoretiker an die Frage "Vermittlung zwischen Struktur und Handlung" ver­

deutlicht. Denn die "Transformationsfrage" stellt sich ausgehend vom Postulat des

"doppelten Charakters der Ware Arbeit" und der analytischen Differenzierung von

"Arbeitskraft" und "Person des Arbeitnehmers" und schafft somit das Problem der

"Verflüssigung" der Arbeit, d.h. der Umwandlung potentiell-verfügbarer in tatsächlich­

geleistete Arbeit. Zur Erklärung der solchermaßen theoretisch verankerten Trans­

formationsprozesse muß nun auf diverse analytische "Bindeglieder zwischen Struktur und

Handlung" (Vgl. Traxler 1989,20; Hervorhebung J.H.) rekurriert werden. Wobei sich neben

"Macht und Interesse" eben vor allem "Kontrolle" als zentrale Erklärungsvariable erweist.

Aus kontrolltheoretischer Perspektive wird also die Verbindung zwischen den Anforderun­

gen kapitalistischer Produktionsweise und deren Erfüllung im Arbeitsprozeß in erster Linie

durch Kontrolle des Kapitals über Arbeit, typischerweise in Form technisch-organisatorisch

objektivierter, m.a.W. "struktureller Kontrolle" hergestellt (Hill, zit. in

Schienstock/Flecker/Rainer 1988, 298). Wobei die Erfüllungsgehilfen dieser strukturellen

Funktionsgarantie kapitalistischer Produktionsweise dort gleichzeitig als ihre primären

Nutznießer betrachtet werden: Kapitalist bzw. Manager, die sowohl ein objektives Interesse

14) In Anlehnung an Schimanks (1987) knappe und scharf konturierte Darstellung dieses Paradigmas.

15) Der konzeptionellen Weiterentwicklung innerhalb der Bemühungen um eine "Mikrofundierung des

politökonomischen Ansatzes" liegt eine analoge Version dieses klassischen Problems zugrunde: das

"Agency Problem" (s. etwa Bowles/Gmlis 1990)

14


wie die materiell begründete Macht haben, derartig indirekte Kontrollsysteme einzusetzen

und gegebenenfalls auch direkte, persönliche, Kontrolltechniken anzuwenden.

Die Kurzschlüsse des "Kontrollparadigmas" sind schon vielerorts kritisiert worden. Statt

einer Wiederholung möchte ich an dieser Stelle lieber auf Publikationen zum Thema ver­

weisen, bspw. die bereits zitierte Darstellung in Schienstock/Flecker/Rainer (1988).

Für die Zwecke dieses Aufsatzes ist es aber wichtig festzuhalten, daß innerhalb der traditio­

nellen kontrolltheoretischen Ansätze recht klar die Strukturseite auf Kosten der Handlungs­

seite zur Erklärung herangezogen wird - und zwar in mehrfacher Hinsicht: Erstens bestim­

men objektive Zwänge (manageriale Kontrollstrategien, technische Systeme, materielle

Zwänge) subjektives Handeln. Zweitens wird ausgehend von den abstrakten Prinzipien

kapitalistischer Produktionslogik (Rationalisierung, Ausbeutung, etc.) ein Grundmuster der

Funktionsweise und Entwicklung von Arbeitsprozessen gestrickt. Die Heterogenität an

Produktionskonzepten und Sozialverfassungen wird demnach vernachlässigt, zugunsten

eines einheitlichen Schemas. Und drittens schließlich wird die soziale Dimension des

Betriebes generell in ihrer Bedeutung abgeschwächt, v.a. aber konzeptionell vernachlässigt.

Alternative Formen des Arbeitshandelns, wie Leistungszurückhaltung und Widerstand,

werden vielfach nur als Entfremdungserscheinungen gedeutet, sozio-politische

Auseinandersetzungen nur entlang der Konfliktschiene "Management- versus Beschäftig­

teninteressen" untersucht.

Ebenso als strukturlastig sind Konzepte zu bezeichnen, die betriebliche Strukturbildung von

der (Produktions)Technik oder vom ökonomischen und politisch-institutionellen Umfeld

abhängig denken. Als Ausgangspunkt der Erklärung steht nun nicht mehr so sehr eine gene­

ralisierte Strukturierungslogik. Die empirisch vielfältigen Formen struktureller Verhältnisse

werden aber erst wieder nur als bedingt durch betriebliche î/mwe/ieinflusse bzw. -anfor­

derungen oder als notwendig für eine adäquate Tec/z/iiÄadaption gesehen (Vgl. bspw. Og-

burn 1950), anstatt sie genuin soziologisch, d.h. als Produkte sozialer Strukturierungs-

prozesse zu begründen.

Aufgrund der Strukturlastigkeit kann der Erklärungsanspruch dieses Ansatzes grundsätzlich

nur erhoben werden für ejus Richtung der Verbindung zwischen den methodologischen

Polen: von den objektiven, strukturellen Verhältnissen (repräsentiert im Zwangsapparat

nach kapitalistischer Produktionslogik) zu den Handlungen und Verhaltensweisen des, in

diesen Apparat eingepaßten, diesen Verhältnissen unterworfenen, einzelnen Akteurs. Eine

gleichermaßen gegenläufige Bewegung ist im wesentlichen nicht nachvollziehbar. Sie ist

15


auch nicht oder zumindest weniger relevant als die Erforschung der Auswirkungen objek­

tiver struktureller Verhältnisse auf den Einzelnen. Denn aus der Sicht der solcherart

strukturdeterministisch gefärbten Ansätze gesehen, sind subjektive Handlungs- und Ver­

haltensweisen vordringlich aus ihrer strukturellen Bedingtheit zu erklären. Es geht also all­

gemein darum, die Engführung individueller Handlungs- und Entscheidungsoptionen aus

systemlogischen Zwängen zu erklären. Das Forschungsinteresse richtet sich demgemäß in

erster Linie auf die empirischen Repräsentanzen dieser Zwänge, auf die mehr oder weniger

offenen Reglementierungstechniken des Management.

2.2. Kontingenztheoretische und technikdeterministische Ansätze

In beiden Fällen wird somit sin spezifischer Aspekt als ausschlaggebend zur Erklärung der

betrieblichen Organisationsform herangezogen. Die Kontingenztheoretiker Lawrence und

Lorsch (1967) bspw. führen einen hohen Grad organisatorischer Formalisierung, Zentra­

lisierung und Zielspezifizität - kennzeichnend für ein "rationales OrganisationsmodeU" -

darauf zurück, daß die organisatorische Umwelt entsprechend homogen und stabil ist.

Demgegenüber ist es für Betriebe, die sich in einer turbulenten Umwelt befinden, ange­

bracht, Prinzipien eines "natürlichen Organisationsmodells" zu verwirklichen (mit ent­

sprechend geringen Ausprägung auf den für das rationale Modell typischen Dimensionen,

jedoch mit umso zentralerer Bedeutung der "selbstorganisierenden" informellen Strukturen;

vgl. Scott 1986). Die Entwicklung des einen oder anderen Organisationsmodells wird somit

zu einer Frage der mehr oder weniger guten Anpassung an die betriebliche Umwelt gemacht.

Diese krude evolutionstheoretische Deutung der betrieblichen Strukturentwicklung erhält

eine weitere problematische funktionalistische Wendung, wenn dem einfachen

"Überlebens-Zweck" Variablen wie Effizienz oder Gewinnmaximierung als struktur­

prägende Erklärungsfaktoren hinzugefügt werden. Damit ist nämlich, wie Silverman (1987)

bemerkt, das Forschungsinteresse auf ein Problem gerichtet, daß soziologisch eigentlich

nicht interessant ist. Denn die Frage, inwieweit Betriebe effizient arbeiten, trägt nichts zum

Verständnis dazu bei "why its structure is as it is, unless we make the teleological assump-

tion that organisations take the form that they do as a response to their needs, one of which

is presumably efficiency." (Ders., 19)

Ebenso wie die kontingenztheoretischen Ansätze gehen "technizistische" Ansätze von einem

externen, nun aber produktionstechnik-induzierten Anpassungsdruck aus. In der

organisationssoziologischen Geschichte trifft man bspw. auf das Konzept von Woodward

(1958), das den Grad an technischer Komplexität für bestimmte Produktionsorgansisationen

16


(bspw. Groß- bzw. Kleinserienfertigung) mit einer dafür jeweils angemessenen Form der

Arbeitsorganisation gleichschaltet. Gerade heute muß man diese und ähnliche Konzeptionen

aber problematisieren und die Rolle von "Technik" als zentraler Erklärungsvariable für

Produktionsorganisation und Arbeitsgestaltung in Zweifel ziehen. Denn wie die neuere

Forschung zur Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologien zeigt, ist

Technik kein exogener Faktor. Es ist vielmehr davon auszugehen, daß bestehende und

zukünftige Technikstrukturen wesentlich von betriebsspezifischen sozialen und politischen

Prozessen geprägt sind. Wobei als zentraler Einflußfaktor der jeweiligen Technikgestaltung

weiters die spezifischen kulturvermittelten Aneignungsweisen und Deutungsmuster von

Technik zu berücksichtigen sind. 16

Die Schwächen der kontingenztheoretischen und technizistischen Argumentation liegen

somit recht deutlich auf der Hand. Um abschließend nur folgende zu nennen: Vernach­

lässigung der Bedeutung bestehender sozialer Strukturen (die sich empirisch in Form von

Akzeptanzverweigerung gegenüber aufoktroyierten Technisierungsvorhaben zeigen);

Reduktion des Betriebs auf seine sachlich-funktionale Zweckbestimmung (und damit auch

Funktionalisierung sozialer Zusammenhänge); Nichtbeachtung der von den (innerbe­

trieblichen sozialen Prozessen selbst induzierten Strukturierungsdynamik, stattdessen

Hypostasierung eines spezifischen Erklärungsfaktors (Umwelt, Technik).

Die Grenzen der Erklärungskraft verschiedener Spielarten speziell des funktionalistischen

Paradigmas mit weiteren Argumenten zu belegen, ist angesichts einer ganzen Tradition der

Funktionalismuskritik, wohl nicht nötig (als beispielhafte Betreiber dieser Kritik seien hier

nur die in diesem Aufsatz erwähnten Autoren, wie Giddens und Bourdieu genannt). Ebenso

wurde der "technologische Determinismus" bereits einer eingehenden Kritik unterzogen

(weshalb Lutz bereits 1987 vom "Ende des Technikdeterminismus" spricht). Abgesehen aber

von den offensichtlichen theoretisch-konzeptionellen Mängeln, die eine Rückführung

betrieblicher Sozialstrukturen auf ihre Rahmenbedingungen (betriebliche Umwelt) oder auf

unabhängige Technikvariablen bergen muß, haben vor allem auch rezente empirische

Studien überzeugendes Material zu ihrer Kritik geliefert.17

16) Vgl. zur diesbezüglichen Forschung im besonderen die Arbeiten von Homing (1985) und Joerges (etwa

1988).

17) Beiträge renommierter Kritiker technikdeterministischer Erklärungsmodelle liegen bspw. in dem Sammelband

mit dem bezeichnenden Titel "Technik als sozialer Prozeß" vor (in: Weingart 1989). Im Beitrag von

Schmidt (1989) werden dazu anschauliche Beispiele aus der empirischen Forschung zur Einführung neuer

Informations- und Kommunikationstechnologien angeführt.

17


2.3. Giddens' "Theory of Structuration"und Crozier/Friedbergs "Gameskonzept"

Über die bisher genannten Arbeiten hinaus liegen heute jedoch auch Ansätze vor, die in

Fragen der Struktur-Handlungs-Vermittlung sehr viel elaborierter erscheinen müssen. Für

industriesoziologische Fragestellungen als relevant sind Giddens' "Theory of Structuration"

sowie Crozier/Friedbergs "Spielkonzept" zu erwähnen - beide widmen sich dem Problem

der konzeptionellen Integration von Strategie- und Prozeßorientierung ohne Vernach­

lässigung der strukturellen Rahmenbedingungen des Handelns. Obwohl in unterschiedlichen

soziologischen Feldern lokalisiert - Giddens tritt stärker im gesellschaftstheoretischen im

Feld auf, Crozier und Friedberg sind eher organisationstheoretischen Kontext zu lokalisieren

- ist den Autoren gemeinsam die Kritik an strukturdeterministischen und -funktiona-

listischen sowie voluntaristisch und rationalistischen Erklärungskonzepten.

Zunächst zu Giddens, dessen Arbeit von der Kritik dieser Ansätze überhaupt ihren Ausgang

nimmt und der Entwicklung einer Soziologie gewidmet ist, die das Verhältnis zwischen Struk­

tur und Handlung als ein dialektisches versteht. Struktur und Handlung sind demnach nicht

anders zu begreifen, als die zwei sich wechselseitig bedingenden und erzeugenden Momente

des Sozialen ("action and structure présuppose one another", Giddens 1979, 53). Das Konzept

der "Duality of Structure" stellt somit ein überzeugendes Votum für den Aufbruch der Ein­

seitigkeiten und Eindimensionalitäten von sowohl "methodologischem Individualismus" als

auch "methodologischem Holismus" dar.

Vom kritisierten Dualismus zwischen strukturellem Zwang und willkürlichem Handeln gelangt

Giddens über eine dynamische Strukturkonzeption zu einer anspruchsvollen Handlungstheorie.

Interessant und wichtig bei Giddens ist genau diese methodologische Bewegung: soziale Struk­

turen werden als "medium and outcome" sozialen Handelns konzipiert. Sie sind Produkt

("outcome") vergangener Praktiken, welche auf die regelgeleitete Realisierung der Handlungs­

ressourcen rückführbar sind. Regeln und Ressourcen werden somit selbst schon als Struk-

turierungsfaktoren konzipiert.l8 Sie befähigen ("enable") die Akteure zu kompetenten und

kontextsensitiven Praktiken, Damit sind aber auch Fähigkeiten und Kenntnisse miteinge­

schlossen, die dem Einzelnen nicht notwendigerweise bewußt sind bzw. für ihn nicht artikula-

18) Giddens wendet sich damit gegen die Vorstellung der dem Handelnden) "äußeren Strukturen", genauer gegen

die Konzeptionen der "'externality' of social phenomena to individual acitivity" (Giddens 1984,169). Strukturierungsprozesse

machen Giddens zufolge nicht vor den Grenzen sozialer Akteure halt, sondern bestehen eben

in Gestalt von Regeln und Ressourcen in ihren Köpfen und Körpern.

18


tionsfähig sein müssen. Es handelt sich also um ein "praktisches Wissen", von dem das einzelne

Individuum nur ein "practical", jedoch kein "discursive consciousness"l9 hat.

Mit diesen "praktischen" Fähigkeiten und Wissensbeständen soll auch die Tatsache erklärbar

sein, daß soziale Individuen sehr wohl absichtsvoll handeln und bestimmte strategische Orien­

tierungen einschlagen, ohne über diese ihre Absichten auch immer entsprechend Rechenschaft

ablegen zu können (d.h. im Einzelnen sagen könnten, warum sie so und nicht anders handeln,

warum sie sich auf diese und keine andere Weise verhalten).

Dieser Punkt muß hier in aller Kürze erwähnt werden, da die Giddensche Integration von

Struktur- und Handlungsebene ganz zentral auf der konzeptionellen Erweiterung der Dimen­

sionen "unintended consequences" und "unconscious conditions of action" basiert. Ohne sie

dem "Irrationalen" oder dem "falschem Bewußtsein" zuschreiben zu müssen, sind damit bspw.

auch die nicht als solche wahrgenommenen, aber dennoch wirksamen Machtverhältnisse (die

übrigens, ähnlich wie schon bei Bourdieu, als asymmetrische soziale Beziehungen, bemessen

an den verfügbaren Ressourcen der Akteure gedacht werden) genauso analytisch zugänglich

wie strategisches Handeln, das, wiewohl absichtsvoll, zu anderen als den intendierten Effekten

führt.

Innerhalb des Giddenschen Erklärungssystems können nun objektive Verhältnisse gedacht

werden, die zwar handlungswirksam und verhaltenssteuernd sind, sich jedoch den Akteuren

nicht als äußerer Zwang auferlegen. Denn die sozialen Kontextstrukturen sind Giddens zufolge

als Produkt regelgeleiteter Realisierungen von Handlungsressourcen zu erklären. Die für sozial

kompetentes Handeln erforderlichen Regeln internalisieren die Akteure im Laufe ihrer Sozia­

lisation. Auf deren Grundlage werden Gesellschaftsmitglieder dazu befähigt, den Umständen

der Situation angemessen zu agieren. Indem also soziale Handlungskompetenz auf die sozia­

lisierte Fähigkeit der Akteure zurückgeführt wird, den jeweüs relevanten sozialen Kontext

mitzureflektieren, legt Giddens den analytischen Schnitt nicht mehr zwischen objektiven Ver­

hältnissen und Akteuren, oder kurz: zwischen Struktur und Handlung. Vielmehr sieht er in den

Handlungsintentiönen und strategischen Orientierungen der Akteure selbst bereits wesentliche

Strukturierungsprozesse vollzogen. Dementsprechend heißt es bei Giddens: "Structural

constraints do not operate independently of the motives and reasons that agents have for what

they do." (Giddens 1984,181)

19) Unter "practical consiousness" versteht Giddens die "tacit stocks of knowledge which actors draw upon in the

constitution of social activity"; demgegenüber meint er mit "discursive consciousness" jene Kenntnisse, die

"actors are able to express on the level of discourse". (Giddens 1979,5) Giddens schließt hier offensichtlich an

die klassischen Arbeit von Michael Polanyi an.

19


Trotz aller Bedeutung, die Giddens dem sozialen Kontext beimißt, eröffnet er damit einen

gänzlich anderen analytischen Zugang als objektivistische und strukturdeterministische An­

sätzen das tun können. Denn der Strukturbegriff ist bei ihm in einer Weise definiert, die strate­

gisches Handeln als Erklärungsinstanz miteinschließt. "Strategie conduet" wird allerdings nicht

vom sozialen Kontext (strukturiert durch technische, funktionale, kulturelle, politisch-institu­

tionelle, normative, etc. Variablen) abgehoben, sondern wesentlich im Rekurs darauf bestimmt.

Giddens bezieht sich in diesem Zusammenhang immer wieder ganz explizit auf Arbeiten der

Ethnomethodologie bzw. des Symbolischen Interaktionismus (in der Goffmanschen Variante) -

seine Konzeption rekursiver Strukturierungsprozesse kann im Sinne dieser Autoren gedacht

werden. In Giddens' Strukturierungstheorie wird der alltäglichen, sich in und durch Praxis

vollziehenden Gestaltungsarbeit an sozialen Beziehungen also große Bedeutung beigemessen.

Inwiefern die Betonung praktischer Gestaltungs- und Interpretationsaktivitäten auf der anderen

Seite aber zu Ungereimtheiten mit Giddens' Konzeption struktureller Benachteiligungen in

sozialen Systemen führt, darf darüber hinaus jedoch ebensowenig übersehen werden. Denn

damit macht er das, gerade für die Industriesoziologie wichtige Problem der systematischen

Produktion und Reproduktion ungleicher Einfluß- und Durchsetzungschancen zu wenig deut­

lich. In diesem Zusammenhang wurden neben konstruktiven Kritiken (bspw. Livesay 1989)

auch sehr ernsthafte Bedenken gegenüber Giddens geäußert.

Zum Teil scheint in Giddens' Aussagen über die grundlegende Handlungsautonomie des

Einzelnen auch tatsächlich etwas "Voluntaristisches" anzuklingen. Etliche Verdachtsmomente

dafür stecken im Prinzip der "dialectic of control", wonach Giddens jedem Akteur, auch dem

offensichtlich Machtlosen, noch ein Machtpotential zugesteht, kontrolliert er doch ein

Mindestmaß an Ressourcen, von denen andere wieder abhängig sind. Dieser Handlungs- bzw.

Kontroll-Spielraum, bestehend in der einfachen Option "of doing otherwise" (Giddens 1982),

stellt für Giddens eine wesentliche Grundlage jeglicher, und damit auch seiner Handlungs­

theorie dar. Wenn dem aber so ist, müßten die strukturellen Unterschiede zwischen den Hand­

lungsspielräumen der Akteure, zwischen sozialen Positionen mit mehr oder weniger Einfluß-

und Durchsetzungschancen in seine Handlungstheorie integriert werden.

Gerade was die Bedingungen individueller und damit sozialer Produktion und Reproduktion

dieser Unterschiede betrifft, hat Giddens diese Zusammenhänge zwar allgemein beschrieben,

jedoch deren zugrundeliegende Systematik nicht mit der, für die Industriesoziologie wohl

wünschenswerten Konsequenz aufgezeigt.

20


Mit der Formel von den "dialektischen Kontrollbeziehungen" dürfte Giddens deshalb

erwartungsgemäß industriesoziologische Entgegnungen provoziert haben - vor allem wohl von

Seiten der Verteidiger des kontrolltheöretischen Ansatzes.

Diese mögen auch Crozier/Friedbergs Ansatz mit Skepsis begegnen und vor allem an deren

mancherorts als etwas dubios empfundenen Begriff der "Spiele" einen Brennpunkt der Kritik

finden.

Crozier/Friedberg (1987) stellen zunächst einen Verweisungszusammenhang zwischen den

organisationsstrukturell verteilten Kon troll- und Entscheidungsfreiräumen ("Unsicher­

heitszonen"), den Strategien der Bewahrung und Ausdehnung dieser Spielräume sowie den

erspielten, legitimen Machtpositionen (bzw. "Autoritätspositionen") her. Der von ihnen konzi­

pierte Strukturierungsmodus produziert soziale Beziehungskonstellationen im weiteren nicht als

fait accompli, dem es sich fortan zu unterwerfen gälte. Vielmehr stehen eben die einmal

etablierten Strukturen selbst auf dem Spiel. Denn die fundamentale (spiel)strategische Aus­

richtung der Organisationsteilnehmer zielt auf die Beeinflussung der Strukturen "sozialer

Felder" und damit auf den von ihnen kontrollierbaren Spielraum. Unter Einsatz ihrer

"ökonomischen", "kulturellen" und "sozialen" Ressourcen agieren sie dabei ihren Spielposi­

tionen im jeweiligen Kontext gemäß.

Im Crozier/Friedbergschen Original liest sich dieser Zusammenhang folgendermaßen:

"Keine Situation in einer gegebenen Organisation stellt einen Akteur völlig unter Zwang.

Er behält immer einen Freiheits- und Verhandlungsspielraum. Dank dieses Spielraums

(der für seine Gegenspieler wie für die Organisation insgesamt eine Unsicherheitsquelle

ist) besitzt jeder Akteur Macht über andere Akteure. Diese Macht ist umso größer, je

relevanter die von ihm kontrollierte Ungewißheitsquelle für jene ist, das heißt, je

substantieller sie die Fähigkeit der anderen, zu "spielen" und ihre Strategien zu verfolgen,

berührt." (Crozier/Friedberg 1979, 56)

Auch Crozier/Friedberg geht es also darum, die strategische Komponente der Erzeugung

sozialer Strukturen, stärker ins Licht zu rücken. Ungeachtet der wohl unbestreitbaren Be­

reicherung, die die Industriesoziologie aus der "Spielkonzepf'-Rezeption erfahren hat, sind an

dieser Stelle jedoch einige Kritikpunkte anzumerken. Da ist einmal ihr Strategiebegriff, der

letztlich unbefriedigend bleiben muß, weil er zu "unbestimmt und folglich von geringem analy­

tischen Ertrag" (Traxler 1989, 23) ist. Diese Bedenken muß man aber auch vielen Teilen ihres

übrigen Vokabulars gegenüber anmelden: sie sind im einzelnen nur unpräzise definiert und

21


auch ihre Einbettung in ein kohärentes Begriffssystem ist - zumindest in "Macht und

Organisation" noch - wenig durchformuliert.

All' das scheint besonders insofern problematisch zu sein, als im weiteren die Genese der

jeweils vorliegenden Machtbeziehung, die Entwicklung der Struktur von Ungewißheitszonen

sowie im besonderen die vergleichende Untersuchung der Spielpositionen und -Konstellationen

ebenfalls wenig ausgearbeitet ist. So ist auf der Grundlage ihres Konzepts ganz konkret nicht

nachvollziehbar, wie Machtbeziehungen, Ressourcenverteilungen entstehen, anhand welcher

Kriterien man sie differenzieren, klassifizieren und vergleichen könnte. So gesehen greifen sie

dann doch zu kurz bei ihrem Versuch, die Dualität von Struktur und Handlung durch das

Konzept der "(Macht)Spiele" aufzuheben - wenn auch, und das sei hier abschließend nochmals

betont, ihr Beitrag zum Thema sicherlich zu Recht als wertvoll erachtet wird.

Als Resümee der vorhergehenden Ausführungen bleibt an dieser Stelle festzuhalten, daß

sowohl Giddens als auch Crozier/Friedberg bemerkenswerte Schritte in Richtung einer Inte­

gration der Struktur- und Handlungsebene gemacht haben, im einzelnen aber noch wichtige

Fragen offen lassen.

In Bezug auf Giddens ist es vorwiegend die Frage der konzeptionellen Koppelung von Struk-

turierungsprozessen und Prozessen der (systematischen, weil strukturell verankerten) Produk­

tion und Reproduktion asymmetrischer sozialer Beziehungen. Darüber hinaus ist der Bereich

der "nicht-bewußten" strategischen Handlungsmotivationen noch nicht ausreichend an ein

kohärentes Strukturmodell angeschlossen. Livesay (1989), auf dessen Kritik man sich an dieser

Stelle erneut berufen kann, verweist nun an diesem Punkt der Giddens-Diskussion auf das

Bourdieusche "Habituskonzept", das seiner Auffassung nach hier ganz entscheidend weiter

führt. Inwieweit darüberhinaus auch Bourdieus "Ökonomie der Sozialwelt" die Koppelung von

Ungleichheits- und Strukturierungskonzeption zu leisten vermag, soll im Anschluß gezeigt

werden,

In Bezug auf Crozier/Friedberg geht es demgegenüber primär um die Klärung von Begriffen

und deren Stellung innerhalb eines kohärenten Erklärungssystems. Auch hier bietet sich eine

Auseinandersetzung mit Bourdieus "Theorie der Praxis" an. Obwohl von Crozier und Friedberg

nur sehr distanziert zitiert (Hinweise auf Bourdieu finden sich in "Macht und Organisation" nur

in einer kurzen Anmerkung) müssen gerade ihre begrifflichen Parallelen zu Bourdieu auffallen

(z.B. Begriffe wie Felder, Spiele, und die als Einsätze dienenden Ressourcen, differenziert als

22


ökonomische, soziale und kulturelle).20 Wenn auch bei Bourdieu keine Begriffsexplikationen,

etc. im Sinne klassisch-empiristischer Ansprüche vorliegen, so ist sein terminologisches und

theoretisches System im Vergleich zu Crozier/Friedberg jedenfalls deutlich mehr "refined"

(E.O. Wright).

Mit den nachstehenden Ausführungen werden also zwei Ziele verfolgt. Zum einen geht es

darum, die Kritik an den letztgenannten Ansätzen nicht im Leeren stehen zu lassen, sondern

Möglichkeiten ihrer Weiterentwicklung aufzuzeigen. Zum zweiten, und damit unmittelbar ver­

bunden, geht es um den Versuch, einige zentrale Konzeptionen der Bourdieuschen Theorie

sozialer Praxis für den Objektbereich der Industriesoziologie fruchtbar zu machen.

Es wurde in der (Industrie)Soziologie schon verschiedentlich auf einen Rezeptionsbedarf

Bourdieus hingewiesen.2l Mit der Darstellung der Bourdieuschen Soziologie ist nun auch die

Absicht verbunden, derartige Anregungen aufzunehmen. Daß es sich dabei um einen ersten

Vorstoß zur näheren Erkundung dieses weiten theoretischen Terrains mittels industriesozio­

logischem Kompaß an spezifischen Fragen und Problemstellungen handelt, sollte dem grundle­

genden Vorhaben jedoch nicht im Wege stehen: die (industrie)soziologische Relevanz Bour­

dieus aufzuzeigen und verschiedene seiner Konzeptionen in industriesoziologische

Diskussionsfelder zu plazieren, wie: den "Habitus" für Fragen zum Status des Akteurs und zum

Strategiebegriff; das "soziale (Kräfte)Feld" als Beitrag zur Diskussion um lokale Praktiken

(Betriebsspezifizitäten) und zum Thema Strukturbildung; die "Kapitaltheorie" zur Frage der

Konzeptualisierung strategischer Ressourcen, ihrer (sozialen) Genese und Klassifikation, wie

auch zur Entwicklung eines Strukturbildungskonzeptes; schließlich der "soziale Tausch" für die

Frage der Regulierung sozialer Beziehungen sowie der Produktion und Reproduktion sozialer

Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse.

Alledem stehen jedenfalls immer die beiden, eingangs aufgestellten Motti voran: Sozialität ist

integraler Bestandteil jeglicher Organisation. Dem muß bei der Konzeptionalisierung von

Organisierungsprozessen, auch von betrieblichen Strukturbildungsprozessen voll Rechnung

getragen werden. Strukturbildungsprozesse müssen dabei aber so konzeptualisiert werden, daß

bestehende Strukturen, als soziale Beziehungen und Praxisformen verstanden, aus strategischen

20) Dabei darf man jedoch keinen Moment vergesen, daß diese Parallelität in Wahrheit nur oberflächlich, nur

bezogen auf ein gemeinsames Vokabular, besteht. Theoretisch liegen sie eigentlich völlig konträr: Crozier/Friedbergs

Arbeiten sprechen ganz klar für eine Weiterentwicklung der Handlungstheorie; Bourdieu hingegen

wird üblicherweise (das ist aber nach wie vor strittig) im Bereich genetisch-strukturalistischer/marxistischer

Theorien eingeordnet.

21) Wie bspw. von Livesay (1989) im Kontext der Giddens-Diskussion (s.o.); aber auch von Mill (1986), der die

Bourdieusche "Habitus"-Konzeption in die industriesoziologische Diskussion aufgenommen sehen will.

23


Praktiken erklärt werden können - und umgekehrt die strukturmäßigen Manifestationen ver­

gangener strategischer Praktiken in ihrer Bedeutung als Ausgangspunkte zukünftiger Strategien.

Kurz: es ist die Integration von Struktur und Handlung zu leisten.

Wenden wir uns also an diesem Punkt den eingehenderen Analyse im Zweiten und Haupt-Teil

dieser Arbeit zu.

24


II. TEIL

3. Zur Erklärung betrieblicher Strukturbildung auf der Grundlage der Bourdieuschen

"Theorie der Praxis"

3.1. Der soziale Raum "Betrieb"

Bei der Entwicklung eines Konzeptes betrieblicher Strukturbildung auf der Grundlage der

Bourdieuschen Soziologie, ist davon auszugehen, daß der Betrieb einen "sozialen Raum" dar­

stellt, d.h.: einen, von sozialen Akteuren, "Habitusträgern", und deren Praxisweisen struktu­

rierten Raum. Diese Betrachtungsweise stellt den Aspekt der sozialen Erzeugung betrieblicher

Arbeitsorganisationen in den Vordergrund und liegt damit notwendigerweise konträr zu der

wiederholt kritisierten Vorstellung, betriebliche Strukturen seien als Resultat der mehr oder

weniger direkten Umsetzung abstrakter Prinzipien zu verstehen (ob Kontrollimperativ, tech­

nische Sach- oder ökonomische Verwertungslogik, und dergleichen).

Ist die Rede von der "sozialen Erzeugung" nun aber so zu verstehen, daß im Gegensatz zum

Strukturdeterminismus und Objektivismus Beliebigkeit und strategische Willkür als konstitutiv

für die betriebliche Strukturbüdung hingestellt werden? Daß es sich hierbei um eine rein rheto­

rische Frage handelt, liegt auf der Hand. Denn der Begriff "Habitus" deutet gerade auf das

Fehlen jedweder Voluntarismen hin. Unter Zugrundelegung der Bourdieuschen Habitustheorie

ist es mithin möglich, von strategischen Praktiken als Konstituenten betrieblicher Strukturen zu

sprechen, ohne das "rationale Individuum" als conditio sine qua non der Erklärung ansehen zu

müssen. Im selben Maß kann man das Konzept interessegeleiteter Akteure aufrechterhalten,

ohne den Rekurs auf die Kalküle des "homo oeconomicus" (oder des "modernen, aufgeklärten

Subjekts") überstrapazieren zu müssen. Denn statt theoretischer Vorannahmen, die eine quasi

"ontologische" Grundorientierung der Akteure postulieren (wie das Nützlichkeits- und

Vorteilsdenken der MikroÖkonomie, in seiner soziologischen Variante im "Rational-Choice"-

Lager vorherrschend), erklärt Bourdieu strategisches und interessegeleitetes Handeln aus ihren

sozialen Erzeugungsbedingungen. Strategien und Interessen sind demnach in Bezug auf den

Habitus, d.h. als habitusgeleitete Strategien und Interessen zu verstehen. Auf den Habitus,

zweifellos ein Schlüsselbegriff bei Bourdieu wie auch im eben Gesagten, ist nun näher ein­

zugehen.

25


3.2. Strukturierte Praxisformen und strategische Praktiken - das Habituskonzept

Der "Habitus" ist ein Konzept, mit dem Bourdieu die praktische Zusammenführung objektiver

Erfordernisse mit subjektiver Wahl, ohne Zwischenschaltung subjektivistischer oder objekti­

vistischer Prämissen erklären will. Anhand dieses soziologischen Erkenntnisprinzips, das

Bourdieu aus vielfältigen empirischen Studien entwickelte, rekonstruiert er die für bestimmte

soziale Gruppen (Klassen bzw. Klassenfraktionen) typischen Einstellungen, Deutungen und

Bewertungen ("Dispositionen") gesellschaftlicher Praxis - zuerst vermittelt im Laufe der her­

kunftsspezifischen Primärsozialisation, und später durch die Prägearbeiten der Erziehungs­

und Bildungsinstitutionen.22 Als Produkt dieser Prägung des Individuums, stellt Bourdieu

jedoch nicht nur habitustypische Dispositionen^ fest, sondern auch bestimmte Kenntnisse und

Kompetenzen, auf Basis derer wiederum eine bestimmte gesellschaftliche Position typischer­

weise erreicht wird.

Eine bestimmte "Habitusform" bezeichnet also das Produkt dieser (vergangenen und aktuellen)

Strukturierungsprozesse, welche die praktische Herstellung von Übereinstimmung zwischen

einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung und den damit verbundenen Einstellungen im

Laufe des sozialen Lebens bewirken. Habitus produziert m.a.W. Bourdieu zufolge nicht nur den

jeweiligen Standort im sozialen Raum, sondern auch die siginifikanten Standpunkte jenes

Akteurs, der sie verkörpert.24

Die Habitustheorie geht demnach - noch bevor sie eine empirische Unterscheidung von spezi­

fischen (bei Bourdieu: klassen- bzw. Wasserifraktionsspezifischen) Habitusformen vornimmt -

davon aus, daß der sozialen Praxis allgemein ein "Strukturierungsprinzip" zugrundeliegt, das

sich in jedem sozialen Handeln unweigerlich vollzieht. Auf den Habitus als Prinzip der Struk­

turierung, wie auch der Erzeugung strukturierter Praxisformen, ist es zurückzuführen, daß

22) Eine eingehende Diskussion der Funktion und Funktionsweise von Bildungsinstitutionen, mit einer empirischen

Studie für den Fall Frankreich, findet sich in Bourdieu/Passeron (1971).

23) Bei Bourdieu heißt es dazu: "Die Bezeichnung »Disposition« scheint in besonderem Maß geeignet, das auszudrücken,

was der (als System von Dispositionen definierte) Begriff des Habitus umfaßt: Sie bringt zunächst das

Resultat einer organisierenden Aktion zum Ausdruck und führt damit einen solchen Worten wie »Struktur«

verwandten Sinn ein; sie benennt im weiteren eine Seinsweise, einen habituellen Zustand (besonders des Körpers)

und vor allem eine Präsdisposition, eine Tendenz, einen Hans oder eine Neigung." (1979,446, Anm. 39;

Hervorhebung i. Orig.)

24) In komprimierten Bourdieuschen Worten: "Die Homogenität der an eine Position gebundenen Dispositionen

und deren scheinbar ans Wunderbare grenzende Angepaßtheit an die in der Position angelegten Anforderungen

verdanken sich zum einen den Mechanismen, die Individuen auf Positionen hinlenken, für die sie von vornherein

zugeschnitten sind - sei es, daß sie sich selber für Posten wie geschaffen fühlen, die für sie wie geschaffen

sincL.sei es, daß sie den aktuellen Stelleninhabem so vorkommen...; zum anderen der ein Leben lang

währenden Dialektik zwischen Dispositionen und Positionen, Angestrebtem und Erreichtem" [oder eben:

zwischen sozialen Stellungen und Einstellungen, Standorten und Standpunkten; Anm. J.H.]".(1988a, 189)

26


Individuen Handlungen und Verhaltensweisen hervorbringen, die "...objektiv »geregelt« und

»regelmäßig« sein können, ohne im geringsten das Resultat einer gehorsamen Erfüllung von

Regeln zu sein; die objektiv ihrem Zweck angepaßt sein können, ohne das bewußte Anvisieren

der Ziele und Zwecke und die explizite Beherrschung der zu ihrem Erreichen notwendigen

Operationen vorauszusetzen, und die, dies alles gesetzt, kollektiv abgestimmt sein können, ohne

das Werk der planenden Tätigkeit eines »Dirigenten« [bzw. der direkten Kontrolle eines Vor­

gesetzten, Anm. J.H.] zu sein. (1979,164 ff. bzw. sinngemäß auch 1988b, 101)25

Um die Position Bourdieus, die in dieser dichten Definition des Habitus zum Ausdruck kommt,

etwas transparenter zu machen, ist es sinnvoll, sie in Relation zu sehen, d.h. sowohl in ihrer

relativen Nähe als auch in ihrer relativen Distanz zu anderen Positionen des soziologischen

Feldes.

Für den ersteren Fall läßt sich Anthony Giddens anführen. Denn zwischen Giddens und Bour-

dieu besteht ja u.a. insofern eine weitreichende Übereinstimmung, als sie beide davon ausge­

hen, daß strategisches Handeln nicht unbedingt bewußtes Räsonieren voraussetzt, sondern ganz

wesentlich auch einem "practical consciousness" (Giddens) bzw. einem "praktischen Sinn"

(Bourdieu) folgt. Wobei Bourdieus Analyse insofern einen Schritt weiter geht, als er das, was

bei Giddens allgemein "tacit Stocks of knowledge" genannt wird, anhand empirischer Analysen

für spezifische gesellschaftliche Gruppen (bzw. Klassen und Klassenfraktionen) weiter auf­

schlüsselt und systematisiert. Die Frage, warum und inwiefern signifikante Unterschiede

zwischen kulturellem Geschmack, schulischen und beruflichen Ambitionen, Deutungen und

Bewertungen sozialen Lebens, etc. in der Gesellschaft bestehen, die mit ebenso signifikanten

Unterschieden sozialer Praxisformen korrelieren, läßt sich somit durch Rekurs auf den Habitus

beantworten. Indem der Habitus nämlich wie eine "Handlungs-, Wahrnehmungs- und

Denkmatrix" (1979, 169, Hervorhebung J.H.) funktioniert, vermittelt er seinen Träger auch ein

Urteilsvermögen, welches ihnen die Unterscheidung zwischen realistischen und utopischen

Zielen, adäquaten und inadäquaten Aspirationen auf eine soziale Position im sozialen Raum

sowie den darin zulässigen und unzulässigen Praktiken ermöglicht. Allgemein also im

"praktischen Sinn" oder "Spiel-Sinn", konkret dann aber im "Sinn für die eigene Stellung im

Raum" (1985, 17, Hervorhebung J.H.), generieren Akteure die für ihren Habitus typischen

Strategien. Strategien aber, die nach Bourdieu weder "durch die vorhergehenden Bedingungen

unmittelbar determinierte Reaktionsformen" (1979, 169) sind, noch "dem schöpferisch freien

Willen" (Ebd.) überantwortet werden, sondern als habitusgeleitete Strategien verstanden

werden, "die als solche eher unbewußt als bewußt sind." (1988a, 160, Hervhbg. J.H,)

25) Alle folgenden Bourdieu-Zitate werden ab nun nur mehr mit dem Jahr der aktuellsten Publikation angeführt.

27


Die Bourdieusche Re-Konstruktionsarbeit verhilft damit zu der wesentlichen Einsicht, daß der

Erwerb eines spezifischen Habitus im Laufe insbesondere der primären Sozialisation, aber auch

während der lebenslangen, post-primären Sozialisation durch Schule, Arbeit und lebens­

weltliche Sozialräume, die Erzeugung eines Sets strategischer Grundorientierungen bewirkt -

strategische Grundorientierungen, die in und durch soziale Praxis ständig modifiziert werden,

dabei aber nichtsdestoweniger typische Schemata produzieren und reproduzieren, eben

habitustypische Dispositionen, die die Erzeugung unbewußt strategischer Praktiken bewirken.

Für Positionen in relativer Distanz zur Bourdieuschen soll hier stellvertretend Jon Elster stehen.

Die Wahl fällt auf diesen Autor, weil sich zwischen Elster und Bourdieu am theoriestrate­

gischen Punkt u.a. dieser "unbewußten Strategien" eine offene Kontroverse entzündete.26 Auch

eignet sich eine kurze Auseinandersetzung dazu, eine präzisere Lokalisierung der Bour­

dieuschen Position vornehmen zu können.

Zunächst scheint es interessanterweise so, als würde Elsters erweiterte RC-Theorie Bourdieu

auf weiten Strecken entgegenkommen: auch Elster spricht von habituellen Verhaltensweisen,

von Rationalitäts- und Intentionalitätsgrenzen. Unter ersteren versteht er aber, im ersten

Gegensatz zu Bourdieu, nur die einmal (bewußt) eingeübten, später eingeschliffenen und

schließlich rein der Macht der Gewohnheit gehorchenden Handlungen. Und auch in puncto

Rationalitäts- und Intentionalitätsgrenzen, die Elster vor allem anhand der "wesentlichen

Nebenprodukte" thematisiert, wird eine weitere Distanz zwischen den Positionen der beiden

Kontrahenten deutlich.

Mit dem Begriff "wesentliche Nebenprodukte" bezeichnet Elster jene "Zustände", welche letzt­

lich auch sozialem Verhalten zugrundeliegen, die "absichtlich und mit Einsicht nicht herbeige­

führt werden können" (Elster 1987, 155, Hervhbg. J.H.). So kann man bspw. weder

"Souveränität" noch "Unsicherheit"27 willentlich an den Tag legen, folglich auch den Inter­

aktionspartnern keinen entsprechenden Eindruck vermitteln - auch wenn man das eine glaub­

haft machen, das andere vermeiden wollte. Da aber "strategisches Handeln" für Elster immer

nur bewußtes, rationales Handeln ist, ist es seiner Auffassung nach nur konsequent, die

wesentlichen Nebenprodukte, d.h. jene Zustände, die nicht bewußt kontrollierbar sind, schlicht

aus dem Bereich strategischen Handelns auszuschließen.

26) Sehr aufschlußreich ist hier der Artikel von Prabitz (1990), in dem die Elster-Bourdieu-Kontroverse auf Basis

der Textstrategien dieser beiden Autoren re-konstruiert wird.

27) Noch prominentere Beispiele für "states which are essentially by-products" sind der Versuch einzuschlafen

oder spontan zu sein - bei beiden vereitelt allein das bewußte Streben, daß sie glücken, d.h., daß das handlungs-

bzw. verhaltensmotivierende Ziel erreicht wird.

28


Bourdieu hingegen spricht sehr wohl von unbewußt strategischen Praktiken. Eine Auffassung,

die ihm nun die Kritik Elsters einträgt, er begehe einen "intellektuellen Fehlschluß bei Neben­

produkten". (Elster 1983, 141) Bourdieu kontert, indem er Elster vorwirft, er sei "in einer

ultrasubjektivistischen Anschauung befangen, die jedes andere Prinzip des Handelns als das

Bewußtsein, die bewußte Absicht zurückweist". (1989, 395 ff.)

Elster zielt mit seiner Kritik primär auf die "Feinen Unterschiede" (1988a), in denen Bourdieu

Unterschiede kultureller Praktiken anhand habitueller Unterschiede erklärt. Analog zu dieser

kultursoziologischen Analyse geht Bourdieu auch in Arbeiten vor, die hier noch offenkundiger

relevant sind: so zeigt er (gemeimsam mit Passeron) bspw. in der "Illusion der Chancengleich­

heit" (Bourdieu/Passeron 1971), wie soziale Herkunft (aber auch soziales Geschlecht) und

entsprechende Schulkarriere in der Vergangenheit zukünftige Bildungsstrategien mehr oder

weniger naheliegend und wahrscheinlich machen - bspw. studieren Kinder, deren Eltern der

Oberschicht angehören, deutlich häufiger und absolvieren meist auch die distinktiveren

Studienrichtungen, während sich Jugendliche aus peripheren Regionen und aus Unterschicht-

Elternhäusern nur schwer oder gar nicht dazu entschließen können. Daß letztere ihren eigent­

lich unbeabsichtigen Selbstausschluß, und dazu auch noch die Ausschlußmechanismen, die

ihnen von Seiten der Bildungsinstitutionen entgegentreten, vollständig rationalisieren können,

ändert nichts an der sozialen Tatsache: hinter dem bewußtem Entschluß bspw. gegen ein

Universitätsstudium und die statusträchtigen Titel, die damit verbunden sind, steht eine unbe­

wußte Reproduktionsstrategie.,28

Und selbst wenn sich die "objektiven" und "subjektiven Chancen" des Bildungszugangs

mittlerweile für weite Teile der Gesellschaft verbessert haben, d.h., daß sowohl Studium als

auch berufliche Höherqualifizierung zur Selbstverständlichkeit (und Notwendigkeit) geworden

sind, so läßt sich ebenso wieder belegen, daß das Vermögen, das in weitere Bildungsinves­

titionen einzubringen erforderlich bzw. diesen Investitionen förderlich ist, ebenso wieder

systematisch ungleich verteilt ist: praktische Sprachkompetenz, Gewandtheit im Umgang, Ver­

ständnis und Beherrschung des herrschenden Vokabulars, etc.etc. Der Neu-Erwerb dieser

Fähigkeiten erfordert langjährige Bemühungen, letztlich gilt es ja den (gesamten) Habitus zu

28) Zu ähnlichen Schlußfolgerungen für die berufliche Weiterbildung kommt übrigens Noll (1987). Ausgehend

von der Frage nach den Mechanismen, die ungleiche Weiterbildungschancen und -aktivitäten bewirken, konstatiert

er eine Verschränkung von selbstselektiven Wirkungen (geringe persönliche Weiterbildungsmotivationen)

und institutionellen Selektionsmechanismen, und stellt schließlich die These auf, wonach:

"Weiterbildung, die in der Schul- und beruflichen Erstausbildung angelegten und reproduzierten Unterschiede

nicht nur nicht zu kompensieren vermag, sondern sogar noch verstärkt." (Ebd. 157) Und weiter noch ist Noll

zufolge davon auszugehen, daß sich "die Vor- und Nachteile der sozialen Herkunft auf die Weiterbildungsteilnahme

und deren Erfolg ähnlich auswirken wie im traditionellen Büdungswesen" (ebd.).

29


verändern, andernfalls immer Brüche29 sichtbar bleiben. Demgegenüber sind sie für die Inhaber

des entsprechenden "sprachlichen Habitus" (1990, 22) längst selbstverständlich geworden,

weshalb sie ohne Überlegung, d.h. mehr unbewußt als bewußt eingesetzt werden können.

Obwohl also einerseits nicht bewußt angestrebt, andererseits, trotz aller Absicht nicht ohne

weiteres aneigenbar, sind soziale Dispositionen und die darauf beruhenden Praktiken (wie die

oben erwähnten Bildungsstrategien) immer schon strategisch. Das heißt, sie sind immer

absichtsvoll und zielgerichtet, obwohl nicht immer das Ergebnis des sorgsamen Abwägens

zwischen Optionen, sondern Realisierung habitustypischer Dispositionen. Als solche erfüllen

sie auch nicht-explizit angesteuerte Zwecke, wie die Erhaltung der eigenen, ob privilegierten

oder deprivierten, sozialen Position.

Zusammenfassend ist also festzuhalten: Ausgehend von den via Habitus geregelten Praktiken,

stehen Struktur und Strategie nicht mehr als unverbundene Pole einander gegenüber. Denn die

Einstellungen, Erwartungen und Interessen, auf Grundlage derer Strategien entworfen werden,

sind als solche bereits strukturiert. Indem der Habitus als Vermittler zwischen Struktur und

Praxis wirkt, organisiert er einzelne strategische Praktiken zu und aus sozialen Praxisformen.

Die Selektivität in der Wahl bestimmter strategischer Optionen wird somit nicht der Willkür

oder dem Kalkül zugeschrieben. Ebensowenig werden äußere constraints als allein maßgeblich

erachtet. Vielmehr geht es um die vermittels Habitus gelingende Erzeugung von Überein­

stimmung zwischen individuellen und den in einem bestimmten Kontext geltenden gesell­

schaftlichen Erwartungen. Dies setzt eine Strukturierungsarbeit voraus, die jedes soziale

Individuum bereits geleistet hat, noch bevor es gesondert darauf hingewiesen werden muß. Was

für ein bestimmtes Individuum jedoch konkret als denkbar, erstrebenswert oder aber als absurd

oder unmöglich erscheint - diese Prä-Dispositionen sind dann ganz wesentlich im Bezug auf

eben diesen spezifischen Habitustyp, den es verkörpert, erklärbar. (Vgl. Anm. 51)

Als Schlußfolgerung für die Frage der Erklärung betrieblicher Strukturbildung ist festzuhalten,

daß auch die betriebliche Sozialstruktur als ein Beziehungsnetz zwischen Habitusträgern auf­

zufassen ist. Dementsprechend gilt es zu berücksichtigen, daß betriebliche Strukturbildung auf

Prozessen der Realisierung nicht nur bewußter, sondern vor allem auch unbewußter strate­

gischer Praktiken beruht.

29) "Brüche", d.h. Differenzen zwischen den subjektiven habitusmäßigen Voraussetzungen und den objektiv, von

den Feldmitgliedern als Voraussetzung ihrer Anerkennung gesetzten Erwartungen; oder anders gesagt:

zwischen dem Erfüllungsprofil des Aspiranten und dem Anforderungsproß, das von Seiten des sozialen Feldes

der (erstrebten) Feldposition gegenüber gilt. Zu den besonderen "Risiken" bspw. des sozialen Aufstiegs und

Problemen der Glaubwürdigkeit einer nicht habitusadäquaten Position, Vgl. bspw. Bourdieu 1988a, 372 ff.

oder 1988b, 251 ff.

30


Um die soziale Bedingtheit betrieblicher Praktiken bzw. die soziale Erzeugung betrieblicher

Strukturen nun aber auch über den "Habitus" hinaus erklären zu können, ist es sinnvoll (in

Übereinstimmung mit Bourdieu), das "soziale Feld" zu einem weiteren analytischen Ausgangs-*

punkt zu machen. Bei den folgenden Ausführungen will der enge Konnex zum Habituskonzept

aber stets mitgedacht sein. Denn, so wie Habitus nicht ohne den sozialen Raum bzw. die spezi­

fischen sozialen Felder, in denen er erworben wird, vorstellbar ist, so wenig sind sozialer Raum

und Felder ohne Habitusträger, die sie strukturieren, denkbar.

5.J. Sozialer Raum "Betrieb" und Felder

Betriebliche Praktiken oder Strategien sind also ferner aus dem sozialen Kontext eines Feldes

zu denken, d.h. aus einer spezifischen Struktur sozialer Beziehungen. Aus der Feldperspektive

kann man nun eine Feinanalyse des sozialen Raums "Betrieb" vornehmen. Indem man im

gesamten sozialen Raum "Betrieb" unterschiedliche soziale Felder differenziert, ist es möglich,

auch die lokalen Formen betrieblicher Praxis analytisch zugänglich zu machen. Das ist insofern

wichtig, als ja davon auszugehen ist, daß soziale Praxis im Betrieb nicht als homogen ange­

sehen werden kann, sondern als differenziert innerhalb der lokalen Bezugs- bzw. Beziehungs­

felder praktischen Handelns und Verhaltens.

Das Konzept des "sozialen Feldes" ist aber nicht nur aus Gründen einer derartigen

"Feinanalyse" von Bedeutung. Für Bourdieu erweist es sich als zentraler Ausgangspunkt der

Analyse sozialer Praxis überhaupt.^ Denn innerhalb des Feldes erfolgt die soziale Verortung

des einzelnen Individuums auf einer spezifischen Position. Das Individuum wird damit in einen

spezifischen Kontext gestellt, der kein zufälliges oder unverbindliches Zusammentreffen

"monadischer" Individuen konstituiert, sondern immer schon ein spezifisch organisiertes

"System sozialer Beziehungen" darstellt - mit allen Implikationen des Begriffs. Das heißt im

Sinne eines sozialen Systems, das bereits eine aktuell gültige Verteüung der Positionen und der

daran jeweils geknüpften Dispositionen vorgenommen hat. Oder metaphorischer gesagt,

handelt es sich um ein Spiel-Feld, in dem "naturgemäß" bereits eine bestimmte Definition des

Spiels und der Spielregeln, sowie der Bedingungen der Teilnahme (d.h. der Aufnahme- und

Existenzbedingungen), d.h. der Kriterien der Anerkennung als "Mitspieler" (mit den erforder­

lichen "Eigenschaften" bzw. "Einsätzen"^) wirksam ist.

30) Vgl. zu den folgenden Ausführungen im besonderen Bourdieu/Wacquant (1989) und Bourdieu (1983).

31) Wie später noch zu zeigen sein wird, handelt es sich dabei um die "Kapitalien".

31


Die soziale Verortung in einem spezifischen Feld setzt somit voraus, daß das Individuum die

objektiv an die Mitgliedschaft bzw. die Einnahme einer bestimmten Position innerhalb der

Struktur gebundenen Anforderungen bereits (weitestgehend) erfüllt: d.h.> daß es vor allem die

entsprechenden Dispositionen für die Position mitbringt. Oder, um bei der Spiel-Metapher zu

bleiben: zu einem "Mitspieler" werden kann nur, wer über die entsprechendn Einsätze verfügt

sowie die Spielregeln beherrscht (bzw. schnell genug erlernt) und das, was auf dem Spiel steht,

akzeptiert.

Bourdieu sieht deshalb das soziale Feld, nicht das Individuum als eigentlichen Gegenstand der

Soziologie an. Das heißt nicht, daß das "Individuum" eine "Illusion" für ihn wäre (1989, 6). Es

existiert für Bourdieu jedoch, wie oben schon dargelegt, nur im Sinne eines Habitusträgers, wie

dieser vermöge seiner habitustypischen Dispositionen eine Position in einem spezifischen

sozialen Feld erwirbt und in diesem Feld nur existieren und wirksam agieren kann, insofern er

die vom Feld als die für seine Position legitim erachteten Eigenschaften, Fähigkeiten und

Kenntoisse auf legitime Weise einbringt.32

Im Anschluß an diese allgemeinen Überlegungen zum Feldkonzept gilt es nun zur Kon­

kretisierung und zur besseren Anschaulichkeit auf verschiedene, mögliche Feldtypen ein­

zugehen.

Wurden oben soziale Felder als "Systeme sozialer Beziehungen" definiert, so kann man ihre

Differenzierung anhand der Art ihrer Strukturierung, d.h. der Organisadon sozialer Beziehun­

gen vornehmen. Als Beispiele möglicher Strukturierungsformen seien folgende Feldtypen, wie

sie speziell für die Frage betrieblicher Strukturbildung relevant sein sollten, vorgeschlagen:

vertikal, horizontal und lateral strukturierte Felder.33

Als vertikal strukturierte Felder könnte man bspw. die abteilungsmäßig organisierten betrieb­

lichen Funktionsfelder bezeichnen, da diese meist Akteure ungleicher sozialer Stellungen um­

fassen. 34

Horizontal strukturierte Felder würden demgegenüber ähnlich positionierte Be-

32) Bei Bourdieu heißt es dementsprechend: "...individuals...exist as agents - and not as biological individuáis,

actors, or subjects - who are socially constituted as active and acting in the field under considération by the

fact that they possess the necessary properties to be effective, to produce effects, in this field." (1989,6)

33) Es handelt sich dabei sozusagen um Idealtypen. Empirische YtAàgestalten wird man sinnvollerweise erst aus

einer Fallanalyse rekonstruieren können - und demgemäß auch stärker differenzieren bzw. feiner strukturieren

müssen.

34) Im Produktionsbereich eines österreichischen Papiererzeugers wurde anläßlich einer Fallstudie zum Thema

"Betriebsübernahmen" (Flecker/Hoßauer/Krerm/Pastner 1991) bspw. folgendes vertikal-strukturierte Teilfeld

erkennbar: im funktionellen Umfeld einer Produktionsanlage stehen (1.) eine Person, die die elektronische

Steuerung der Anlage bedient, (2.) ein Maschinenführer, (3.) dessen 1. Gehilfe, (4.) der 2. Gehilfe, etc. in einer

hierarchischen Beziehung zueinander, was sich auch in ihren Qualifikationen ausdrückt: von Verfahrenstech-

32


schäftigtengruppen und Managementebenen umfassen, wie etwa die Gruppe der Abteilung

leiter innerhalb des middle-managements, die ein Feld mit vergleichbaren Positionen bildet,

genauso wie die Gruppe der Facharbeiter gegenüber jener der Angelernten, die Mitglieder der

Stammbelegschaft gegenüber der Randbelegschaft. Nicht-institutionalisierte soziale Netzwerke

und informelle Gruppen könnte man schließlich als /ateraZ-strukrurierte Felder konzipieren,

insofern sie aus Beziehungen quer zu den (horizontalen und vertikalen) Reihen hervorgehen.

In jedem Fall muß man davon ausgehen, daß sich in der Praxis die verschiedenen sozialen

Felder im Betrieb überschneiden und überlagern. Denn ein spezifischer Akteur kann ja in ver­

schiedene Teilfelder involviert sein. Dementsprechend kann man unterschiedliche Positionen

einnehmen, je nach den Beziehungen, in die man gerade eingebunden ist.35 Genauso wird man

unterschiedliche strategische Möglichkeiten entwickeln können, je nach Feld, in dem man

agiert. 36

Im weiteren kommt es aber natürlich ebenso darauf an, welche relative Position man in einem

Feld einnimmt, d.h. welche Stellung man im Bezug auf die anderen Feldmitglieder innehat und,

dies vor allem, welchen Status man von diesen zuerkannt bekommt. Die Frage, ob es um die

formale oder informelle Position geht, spielt bei Bourdieu an sich weniger eine Rolle. Denn in

jedem Fall geht es um die Rekonstruktion der Struktur(en) aus jenen Positionen, wie sie von

den Akteuren an ihrem spezifischen sozialen Ort anerkannt, d.h. als legitim erachtet werden.

Die Formalität ist nun bekanntermaßen zwar der Statuszuschreibung förderlich, kann sie jedoch

nicht gewährleisten oder ausreichend absichern. Entsprechend genügt es nicht die formale

Sozialstruktur zu rekonstruieren. Wesentlich ist vielmehr die praktisch wirksame und solcher­

maßen legitimierte Ordnung der Sozialbeziehungen.

Zusammenfassend ist nochmals die Bedeutung des Feldkonzepts innerhalb der Bourdieuschen

Sozialtheorie zu betonen. Wie oben dargestellt läßt sich das "soziale Feld" als ein spezifisches

nik-Akademiker, über HTL-Absolvent bis zu Facharbeiter und angelernten Hilfskräften (Diese Beobachtungen

waren für die spezifische Thematik der genannten Studie jedoch nicht eigentlich relevant und wurden aus

diesem Grund dort auch nicht weiter thematisiert).

35) Man kann jedoch nicht zugleich in mehrere, verschiedenen Felder konstituierende Beziehungen eingebunden

sein, also nicht zwei solcherart unterschiedene Positionen gleichzeitig einnehmen. Zu einem bestimmten

Zeitpunkt handelt man immer aus der jeweils aktuellen Positionen, innerhalb der dann aktualisierten

(Beziehungs)Struktur. (Vgl. dazu etwa 1985,10).

36) So bspw. ein Abteilungsleiter: mit seinen gleichgestellten Kollegen (andere Abteilungsleiter auf selber Ebene)

wird sich typischerweise eine deutlich andere Form von Beziehung entwickeln als mit den Beschäftigten der

Abteilung, die ihm unterstellt sind. Genauso verschieden wird sich die Beziehung zu einem Kollegen - prinzipiell

gleich welchen sozialen Ranges - gestalten, mit dem er informellen, freundschaftlichen Kontakt hat.

Vgl. zu den Konstruktionsgrundlagen des sozialen Raums, der Felder und relativen Stellungen, ausführlicher:

Bourdieu 1983, 9 ff.

33


Gefüge von Beziehungen zwischen Habitusträgern bezeichnen, deren strategische Horizonte,

über ihre habitustypischen Dispositionen hinaus, im weiteren aufgrund ihrer relativen Posi­

tionen innerhalb einer spezifischen Feldstruktur bestimmt sind. Diese sozialen Positionen

könnte man als Knotenpunkte von Beziehungsstrukturen bezeichnen. Beziehungsstrukturen,

die, wie oben exemplarisch dargestellt, vertikale, horizontale oder/und lateraler Felder im

sozialen Raum "Betrieb" konstituieren.

3.4. Soziale Felder als Kräftefelder

Bourdieu zufolge sind soziale Felder im weiteren als Kräftefelder zu verstehen, womit zwei

prinzipielle Charakteristika sozialer Beziehungen, so wie Bourdieu sie sieht, zum Ausdruck

kommen. Zum einen spricht er vom "sozialen Kräftefeld", weil er davon ausgeht, daß dem

Sozialen ein struktureller Konflikt eigen ist. Ein Konflikt, der sich nicht nur zwischen den

Akteuren abspielt, die einander als Kontrahenten identifizieren, sondern jeder sozialen Be­

ziehung innewohnt. Zum zweiten wird damit das ebenso fundamentale Prinzip der sozialen

Konkurrenz angesprochen. Entgegen dem ersten Anschein erweisen sich beide Prinzipien

jedoch nicht als destruktive Kräfte. Vielmehr sind sie konstruktive und integrative Momente

des Sozialen, dessen Ordnung sozusagen im "Spiel dieser Kräfte" erzeugt und etabliert wird.

Dies läßt sich mit einigen schnellen Überlegungen zeigen.

Eine (soziale) Konkurrenz basiert immer auch auf gegenseitiger Orientierung. So müssen in der

Formulierung der eigenen Strategien die Strategien des Gegenübers schon mitgedacht sein. 37

Außerdem kann es Konkurrenz ja nur um gemeinsam Erstrebtes geben. Soziale Konkurrenz

setzt also voraus, daß gemeinsame Vorstellungen^ über die Inhalte und Formen der Aus­

einandersetzung bereits bestehen.

37) Was Bourdieu über die Bedingung von Kommunikation innerhalb einer bestimmten Diskursfonnation sagt, ist

auch für andere Formen des Austauscht relevant: "...die anticipated conditions of reception are part of the conditions

of production." (1977,649)

38) Daß sich solche gemeinsamen Vorstellungen (man könnte auch sagen: korrespondierende Interpretationen der

adäquaten Handlungs- und Verhaltensstrategien) etablieren können, ist zunächst wieder auf den Habitus zurückzuführen.

Er stellt eine erste (und zwar grundlegende), wie gesagt häufiger unbewußte als bewußte Übereinstimmung

her, zwischen der Kenntnis der herrschenden Spielregeln und der als legitim erachteten Spielzüge,

sowie der angemessenen Bewertung der Einsätze (sowohl der eigenen als auch die der anderen). Die

Durchsetzung feldspezifischer Orthodoxien über Form und Inhalt sozialer Interaktionen ist im weiteren auf die

besondere "symbolische Ordnung" des sozialen Raums bzw. eines spezifischen Feldes zurückzuführen, aus der

bspw. eine herrschende Sicht der Dinge innerhalb einer bestimmten Beschäftigten- und Managementgruppe

gegenüber einer anderen entsteht.

34


Genauso ist "Konflikt", so wie Bourdieu diesen Begriff verwendet, kein destruktives Prinzip.

Hier muß man eher von einem praktischen Konsens im Dissens sprechen, da wiederum davon

auszugehen ist, daß jede Konfliktstrategie, auch jene die intentional verfolgt wird, Bezug auf

den jeweiligen "Gegner" nimmt: Selbst in Extremsituationen (den ohnedies seltenen Gelegen­

heiten der offenen Austragung von Interessenkonflikten anläßlich bspw. von Lohnrunden, per­

sönlichen Karrierekämpfen, etc) verständigen sich die Konfliktpartner. Sie kennen die ange­

messene Form der Auseinandersetzung sowie der damit verbundenen Spielregeln; sie begegnen

einander nicht ahnungs- und erwartungslos, sondern bauen auf gemeinsamen Erfahrungen

bspw. darüber, welche Forderungen angemessen und durchsetzbar oder aber überhöht und als

Verhandlungsspielraum nutzbar sind; sie stellen eine Gesprächsbasis her; sie signalisieren

einander, welche Taktiken und Gesprächsstrategien eingeschlagen werden können, etc. - eine

Summe aufeinanderbezogener Aktionen und Reaktionen, welche schon in der Kenntnisnahme

der Strategien des Gegenübers, in der positiven oder negativen Beantwortung der wahrge­

nommenen Impulse, einen verbindenden bzw. integrativen Faktor darstellen - in welcher

Intention die Impulse auch immer gesetzt sein mochten.

Aus dem "Konfliktprinzip" sollten aber auch nicht unbedingt schon Aussagen über subjektive

Wahrnehmungen abgeleitet werden. Der Begriff bezeichnet nämlich weniger den bewußt

wahrgenommenen Konflikt des empirischen Akteurs (dessen spezifische Situations­

interpretation). Er ist vielmehr Produkt einer theoretisch-analytischen Re-Konstruktionsarbeit.

Ein Prinzip also, das sozusagen auf Basis der empirisch-konkreten Situationsinterpretationen

erst entwickelt wird, dann aber ein, von konkreten Aussagen abstrahierendes Phänomen in

sozialen Beziehungen bezeichnet.39 Das gilt übrigens auch für das Konkurrenzprinzip. Bour­

dieu re-konstruiert in diesem Sinne die beiden Prinzipien "Konkurrenz" und "Konflikt", und

geht davon aus, daß sie grundlegende Momente sozialer Phänomene bezeichnen - auch der

freundschaftlichen, kollegialen Beziehungen, die nach Auskunft der Involvierten ausschließlich

als harmonisch zu bezeichnen wären.

Auf Basis dieser beiden Prinzipien wird jedenfalls eine dynamische Konzeption sozialer Struk­

turbildung geschaffen. Darus kann man auch für die spezielle Thematik betrieblicher Sozial­

organisationen ableiten, daß sie aus dem konflikthältigen Zusammenspiel strategischer Prak­

tiken betrieblicher Akteure hervorgehen. Betriebliche Strukturbildung ist somit ein aus­

einandersetzungsreicher Prozeß des Organisierens sozialer Beziehungen. Eine Momentauf­

nahme dieses dynamischen Spiels der Feld-Kräfte zeigte den Stand der Auseinandersetzungen.

39) Zu den erkenntnistheoretischen Fundamenten dieser Form der wissenschaftlichen Re-Konstruktionsarbeit

siehe Bachelard (1987) bzw. zur Bourdieuschen Variante: s. Anm. 42.

35


Wenn eine bestehende Sozialstruktur aber als Produkt historischer Auseinandersetzungen

bezeichnet wird, und Strukturbildung in der Form laufender Auseinandersetzungen gedacht

wird, erhebt sich sogleich die Frage nach ihrem (theoretisch-allgemeinen) Gegenstand; In

erster Linie geht es um die als legitim erachtete Verteilung der unterschiedlich-gewichteten

Positionen im Feld, um die Positionenstruktur - was für den Einzelnen heißt, daß es um seinen

Status innerhalb des Feldes geht. Im weiteren geht es auch um das mit seiner Position und

verbundene strategische Potential, um die Anerkennung der Ressourcen also (bzw. Kapitalien,

wie später noch zu zeigen ist), und somit auch um seine strategischen Möglichkeiten und

Grenzen. Schließlich steht auch die legitime Verteilung der Gewinne eines Feldes auf dem

Spiel, d.h. für den Einzelnen: die mit seiner relativen Position verbundenen relativen

Gratifikationen^, die wiederum als strategische Ressourcen eingesetzt werden können.

Daß die Akteure ungleiche Chancen der Einflußnahme auf die Strukturbildung haben, wird

besonders in vertikalen Feldern, d.h. in offensichtlich asymmetrischen Beziehungen deutlich.**

Denn hier schafft die (relative) Privilegierung der "herrschenden Fraktionen" mittels sowohl

eines höheren Volumens an Ressourcen (bzw. Kapitalien) als auch mittels jener Ressourcen, die

im spezifischen Feld als relevant angesehen werden, strategische Vorteile. Wobei die herr­

schenden Fraktionen in der autorisierten Realisierung dieses strategischen Vorteils gleichzeitig

auch noch dazu beitragen (wenn auch indirekt, d.h. nicht immer im Bewußtsein dessen), die

gegebene Verteilung der Positionen bzw. Ressourcen oder Kapitalien, also die gegebene

Macht- und Herrschaftsstruktur aufrechtzuerhalten.

Um diese hierarchischen Beziehungen zwischen den Positionen und der darin implizierten,

ungleichen Verteilung der strategischen Ressourcen genauer analysieren zu können, sind nun

das "Konzept des sozialen Tauschs" und das "Kapitalienkonzept" einzuführen - unter dem

gemeinsamen Titel der "Ökonomie der Sozialwelt".

Die vorangegangenen Ausführungen zuvor noch zusammenfassend, sind soziale Beziehungen

als Produkt historischer Auseinandersetzungen, d.h. als strukturierte Kräfteverhältnisse zu ver­

stehen. Die herrschenden Verhältnisse einzelner Felder (Positionen und Ressourcen- bzw.

Kapitalienverteilung) repräsentieren den Stand der Auseinanderstzung. Mit

"Auseinandersetzung" wird hier aber nicht unbedingt schon der institutionalisierte Konflikt, die

40) Relative Gratifikationen sind ihrem Wert nach immer in Bezug auf andere Gratifikationen zu bemessen -

genau wie Wert und Bedeutung der relativen Positionen.

41) Aber natürlich nicht nur in vertikalen, sondern auch in horizontalen Feldern, die ja in der Praxis meist selbst

wieder nie so symmetrisch sind, wie oben, der Vereinfachung halber so definiert. Vielmehr ist davon auszugehen,

daß der soziale Raum generell, im speziellen natürlich auch eine betriebliche Sozialorganisation, grundlegend

von assymmetrischen Beziehungen strukturiert ist - aber eben je nach Feld mehr oder weniger.

36


offene Konfrontation, gemeint. Vielmehr geht es um die Konzeption der inhärenten Dynamik

sozialer Beziehungen, des Prozeßcharakters in der Bildung der Struktur eines sozialen Raumes

oder Feldes. Knorr-Cetina (1981) veranschaulicht diese Vorstellung mit einer treffenden

Metapher und beschreibt Bourdieus Konzeption von H

...(macro)structures as a set of positions

held in place by the interplay of various forces that work for or against it, like the stability of a

physical body which may be explained by motions rather than by its internal endurance or

external persistence" (Dies., 304).

3.5. Zur »Ökonomie der Sozialwelt«

Wenn im folgenden die Grundzüge der Bourdieuschen "Ökonomie der Sozialwelt" entwickelt

werden sollen, dann ist zuallererst eine Subversion des Begriffs "Ökonomie" vorzunehmen, wie

Goux (1976) richtig bemerkt. Denn entgegen dem üblichen wirtschaftswissenschaftlichen

Sprachgebrauch will hierunter nicht nur eine "Theorie der eigentlich ökonomischen Hand­

lungen" (1979, 345) verstanden sein, sondern eine "allgemeine Theorie der Ökonomie der

Handlungen" (ebd.). Das bedeutet im weiteren, daß der "Warentausch lediglich als spezieller

Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch" (1983, 184) gelten muß -

Formen, die im übrigen für die betriebliche Sozialwelt mindestens ebenso relevant sind.

Geht man mit Bourdieu also davon aus, daß Beziehungen in sozialen Feldern als Tauschbe­

ziehungen, Praxisformen als Formen sozialen Tauschs und schließlich Feldstrukturen als

organisierte Tauschrelationen zu verstehen sind, so heißt dies, daß der soziale Raum "Betrieb"

und dessen Felder nicht nur Ort des Tauschs von Arbeitsleistung in Lohn bzw. Gehalt sind.

Indem der Betrieb' soziale Kontakte am Arbeitsplatz knüpfen läßt, Einsätze in Form von

Kenntnissen und Kompetenzen abverlangt; indem er berufliche und soziale Positionen schafft,

aus denen man im spezifischen Feld, darüberhinaus aber auch in anderen Feldern (bspw. im

familiären oder Freundes-Kreis) Anerkennung beziehen kann; indem er schließlich, wie

neuerdings wieder häufiger thematisiert, Identifikationspotentiale bietet, ist er offensichtlich ein

Ort an dem in den verschiedensten Formen eine Vielzahl an Tauschobjekten, gehandelt werden.

Ein adäquates Verständnis von der "Ökonomie der Sozialwelt" setzt im weiteren voraus, daß

ein gängiges Mißverständnis aufgeklärt wird: Der Begriff "Ökonomie", so wie Bourdieu ihn

konzipiert, impliziert keinerlei utilitaristische Annahmen. Denn es ist davon auszugehen, daß

die Tauschsrrategien weniger dem bewußten Nutzenkalkül des Individuums, als vielmehr

seinen habituellen Dispositionen geschuldet sind. Darüberhinaus, und das soll auch hier noch

einmal betont werden, geht es auch nicht um ein Marktangebot, aus dem das optimierende

37


Individuum, seiner idiosynkratischen Präferenzordnung gemäß auswählt. Ziel und Motiv des

Tauschs sind vielmehr in den Imperativen des sozialen Kräftefeldes zu suchen.

Sozialer Tausch basiert also auf Imperativen, die dem Individuum nicht grundsätzlich äußerlich

sind, sondern die es intemalisiert - genauso wie es eine Habitusform erwirbt - und in der

sozialen Praxis reproduziert. Dabei gilt es allerdings zu berücksichtigen, daß sie in der Praxis

nicht so offen zu Tage treten, wie es in dieser Darstellung erscheinen mag. Zumindest erschei­

nen sie nicht in dieser nüchternen, sondern in einer die objektiven Kräfteverhältnisse ver­

schleiernden Form. Der soziale Raum ist ja zuallererst auch ein Raum der "symbolischen

Formen". Die sozialisationsspezifische Vermittlung dieser symbolischen Formen macht zwar

das soziale Individuum zu einem bedeutungstragenden und deutungsfähigen Wesen. Die

Gesetze der Sozialwelt und die Objektiven Kräfteverhältnisse in ihrer letzten Konsequenz zu

durchschauen - d.h. in der Bedeutung, die sie aus Bourdieus gesellschaftskritischer Perspektive

annehmen -, setzt jedoch theoretische Rekonstruktionsleistungen voraus, die in der alltäglichen

sozialen Praxis gerade nicht vorausgesetzt werden können. 42

Gewissermaßen "erschwerend"

tritt hinzu, daß spezifische Kräfteverhältnisse von spezifischen Legitimationsprinzipen gestützt

werden. Wobei die darin begründete "Macht zu symbolischer Gewalt" 43

ebenso ungleich ver­

teilt ist, wie die wirksamen Ressourcen im sozialen Tausch, (s.u.)

Diese grundsätzlichen Überlegungen muß man also im folgenden im Auge behalten, wenn die

Ökonomie der Sozialwelt anhand des Kapitalien- und Tauschkonzeptes dargestellt wird.

Für den Einstieg in diese Thematik, sei daran erinnert, daß soziale Praxisformen als Formen

sozialen Tauschs und soziale Strukturen allgemein als historisch gewachsene Organisationen

von Tauschbeziehungen bezeichnet wurden. Die Objekte des Tauschs werden nun nicht mehr

unter dem allgemeinen Titel strategischer Ressourcen behandelt, sondern in der Bourdieuschen

Terminologie als Kapitalien.

42) Nach Auffassung Bourdieus bedarf die Rekonstruktion objektiver Kräfte- und Sinnverhältnisse einer

"praxeologischen" Erkenntnisweise, welche "unterstellt, daß das Objekt der Wissenschaft gegen die Evidenz

des Alltagswissens mittels eines Konstruktionsverfahrens erorbert sein will" (1979,149)

43) Vgl. dazu das erste Axiom in den "Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt" (1973): "Jede Macht

zu symbolischer Gewalt, d.h. jede Macht, der es gelingt, Bedeutungen durchzusetzen und sie als legitim

durchzusetzen, indem sie die Kräfteverhältnisse verschleiert, die ihrer Kraft zugrunde liegt, fügt diesen

Kräfteverhältnissen ihre eigene, d.h. eigentlich symbolische Kraft hinzu." (12)

38


3.6. Kapital und Arbeit

Für die vier verschiedenen Formen von Kapital, die Bourdieu unterscheidet - ökonomisches,

kulturelles, soziales und symbolisches Kapital, lassen sich sehr leicht bekannte Beispiele aus

dem industriesoziologischen Kontext heranziehen: Eigentums- und Verfügungsrechte, fach­

liche und außerfachliche Qualifikationen, soziale Kontakte und Gruppenzugehörigkeit, sowie

Autorität und Status - allesamt entscheidende strategische Ressourcen, deren Verteilung

zugleich Aufschluß über die Struktur der betrieblichen Machtverhältnisse gibt. Denn, und hier

kann man erneut mit Bourdieu sprechen: Ressourcen dieser Art erlauben nicht nur die

Beschreibung einzelner Positionen, sondern auch deren Unterscheidung. Ein wichtiges Krite­

rium, wenn man hierarchische Strukturen zu analysieren beabsichtigt, die sich, so gesehen, auf

Basis der Differenzierung ungleich-gewichteter Ressourcen (und Positionen) formieren. In

diesem Sinne fungieren die genannten Ressourcen also als Unterscheidungsparameter, die nun

- indem sie stärkere von schwächeren Positionen differenzieren, d.h. höhere und niedrigere

Positionen in einer betrieblichen Hierarchie bezeichnen - gleichzeitig die Vertei­

lungsverhältnisse eines Feldes strukturieren. Sie fungieren also weiters auch als Verteilungs­

parameter. (1985)

Wie kommt es aber zu einer bestimmten Struktur der Ressourcenverteilung? Wie läßt sich diese

von anderen (Feld)Strukturen unterscheiden? Und schließlich: Wie wird der Tauschwert der

Ressourcen bestimmt? Oder mit anderen Worten: Wie ist zu erklären ist, daß in unterschied­

lichen Feldern unterschiedliche Kriterien der Zuerkennung von verschiedenen Formen der

Macht wirksam sind? Es stellen sich somit verschiedene Fragen nach der Genese sozialer

Kräfteverhältnisse und damit verbundener Sozialer Ungleichheiten, die sich mit Bourdieu

folgendermaßen aufschlüsseln lassen: Wie entstehen -Strukturen der Verfügungsmacht über

Ressourcen, wobei Verfügungsmacht in Form der Kontrolle über die eigenen, akteursspezi­

fischen Ressourcen, im weiteren aber auch in Form von Kontrolle über Einsatz und Ver­

wertungsbedingungen der Ressourcen anderer Positionsinhaber zu verstehen ist? Auf welcher

Basis werden die gewöhnlich damit korrespondierenden Formen von Macht wirksam, wie Ver­

teilungsmacht, Durchsetzungsvermögen, und Entscheidungsbefugnis!

Anhand des Kapitalien- und Tauschkonzeptes lassen sich diese Frage einer Beantwortung

näher bringen. Zunächst zur Frage der Erzeugung eines bestimmten Ressourcenvolumens, auf

Basis der Definition des Begriffs "Kapital".

Kapital, das ist die - und hier wird bewußt auf die klassisch ökonomische Tradition Bezug

genommen - im Laufe einer sozialen Biographie "akkumulierte Arbeit" (1983, 183) eines

39


sozialen Individuums. Eine Form von Arbeit, die Produkt der "Investitionen sozialer Energie"

(ebd.) ist und mit dem Ziel ihrer bestmöglichen Verwertung erbracht wird. Laufende Akku­

mulation und bestmögliche Verwertung ist wiederum als sozialer Imperativ, d.h. als notwen­

diges bzw. aufgenötigtes Ziel zu verstehen. Denn das Individuum ist unweigerlich Mitglied

einer Sozialwelt, deren spezifische "Ökonomie" laufende Investitionen abverlangen, andernfalls

die Abwertung der erreichten Position, mit einem Wort: Statusverlust droht.44 Die Beispiele,

anhand derer sich dies veranschaulichen läßt, leiten zugleich zur Definition der Kapitalsorten

über: Laufende Investitionen fordert bspw. die Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen - sie

müssen, wie man sagt, "gepflegt werden", so die Kontakte nicht verloren oder an andere abge­

geben werden wollen. Ein weiteres Beispiel sind die Investitionen in Weiterbildung, die getätigt

werden müssen, wenn einmal erworbene Qualifikationen weder ausreichen, um den sich

laufend verändernden (beruflichen) Anforderungen entsprechen zu können, noch um die damit

erreichte Position (nicht nur den Expertenstatus) halten zu können.

Mit diesen Beispielen sind zwei Kapitalsorten angesprochen (soziales und kulturelles Kapital),

die nun, samt den zwei weiteren (ökonomisches und symbolisches Kapital), im Sinne des

allgemeinen Kapitalbegriffs näher definiert werden müssen: Soziales Kapital besteht in sozialen

Verpflichtungen genauso wie in "Beziehungen", in sozialen Kontakten, in der Zugehörigkeit zu

einer Gruppe, in der Zugehörigkeit zu einem sozialen Netzwerk - es basiert also auf Be­

ziehungsarbeit. Der Akkumulation "kulturellen Kapitals" geht Arbeit an sich selbst oder

Bildungsarbeit voraus. Es bezeichnet die fachlichen und außerfachlichen Kompetenzen und

Fähigkeiten, welche in Form von Bildungs-, Berufs- oder Positionstitel institutionell abge­

sichert werden können. Ökonomisches Kapital bezeichnet die finanziellen Verhältnisse (auch

das Eigentumsrecht an materiellen Gütern) und wird im Rahmen der Erwerbs-Arbeit akkumu­

liert.

Symbolisches Kapital schließlich, verweist auf das Maß der Legitimation aller übrigen Kapital­

sorten. Symbolisches Kapital signalisiert ihre strategische Stärke. In Verbindung mit ökono­

mischem, kulturellem und sozialem Kapital bringt es Ausmaß und Weise ihrer Geltung, Aner­

kennung und Bedeutung zum Ausdruck: bspw. in Gestalt eines prestigeträchtigen materiellen

Eigentums, einer legitimen Fähigkeit, einer Beziehung zu Personen oder Gruppen (Cliquen), an

deren Ruf man als Mitglied mitpartizipiert. Der Erwerb dieser Kapitalsorte ist also offensicht­

lich mit dem Erwerb der anderen Kapitalien verbunden. Die Arbeit, die dafür geleistet wird, ist

aber vergleichsweise prekärer, erfordert sie doch eine "geschickte" Investition der sozialen

Energien (worin investiert man wann, wie, wieviel?).

44) Dies wird von Bourdieu mit dem "Distinktionskonzept" theoretisch begründet. Ausgiebig wird es in den

"Feinen Unterschieden" (1988a) behandelt.

40


Wichtig für unser Thema ist, daß die betrieblichen Akteure zunächst alle derartigen Investi­

tionen bereits im Vorfeld des Betriebes tätigen, unter ihren jeweiligen habitusmäßigen Voraus­

setzungen sowie unter den jeweiligen Bedingungen der Bildungsinstitutionen, des beruflichen

Feldes, der allgemeinen sozio-kulturellen und (beschäftigungs- und bildungs-)politischen

Verhältnisse (die etwa auch altersmäßige und/oder geschlechtsspezifisch ungleiche

"Erwerbsbedingungen" bestimmen). Diese Investitionen müssen aber weiterhin, im Laufe der

Arbeits- und Berufslaufbahn, geleistet werden - dann unter den spezifischen Akkumulations-

und Verwertungsbedingungen des betrieblichen Sozialraums bzw. seiner Felder.

Zur Frage, wie es zu einer bestimmten Struktur sozialer Positionen kommt, ist nun, auf Basis

des Kapitalienkonzepts so viel zu sagen: Als Kriterien für die Bestimmung des sozialen Status

in einem Feld gelten allgemein erstens die Qualität bzw. die Zusammensetzung und zweitens

die Quantität bzw. das Volumen jener Kapitalien, die in einem fraglichen Feld als relevant

angesehen werden. Wobei sich deren Relevanz am Kriterium der Bedeutung, die ihnen von den

Feldmitgliedern zuerkannt werden, bemißt (d.h. am Ausmaß des "symbolischen Kapitals).

Relevantes Kapital ist also m.a.W. dadurch charakterisiert, daß es seinem Inhaber "Stärke oder

Macht" (1985) im Feld verleiht. Formiert sich nun ein soziales Feld, so treten einander Inhaber

von Kapitalien gegenüber, die ihre Positionen gemäß der Bewertungen durch die anderen ein­

nehmen. Natürlich ist das Kränespiel, das sich dabei entwickelt keineswegs ohne Regel und

ohne vorstrukturierte Vorstellung über das, was als Einsatz akzeptiert werden kann, denn in

jedem Fall bauen alle Spielteilnehmer auf früheren Erfahrungen aus bereits entsprechend

strukturierten Feldern.

Soziale Strukturen bilden sich demnach, wie ja weiter oben schon einmal erwähnt, in einem

Prozeß der Auseinandersetzung um die Legitimation der spezifischen Kapitalsorten und um die

Anerkennung ihres Kapital-Volumens durch die Inhaber der Referenzpositionen. Die Struktur

eines sozialen Feldes stellt den Stand der Auseinandersetzungen dar, der sich anhand des

feldspezifischen Gesamtvolumens an den relevanten Kapitalien ersehen läßt. Anhand dieses

Kriteriums - Gesamtmenge und Typen an Kapitalien - läßt sich auch eine analytische Unter­

scheidung und Klassifikation von Feldern vornehmen.

Zusammenfassend (und weiterführend) läßt sich an diesem Punkt festhalten, daß soziale Felder

ganz allgemein unterscheidbar sind anhand der unterschiedlichen Volumina und Zu­

sammensetzungen der Kapitalien, aufgrund derer im jeweiligen Feld spezifische Akku-

mulations- und Verwertungsbedinungen gelten. Diese strukturell vermittelten Bedingungen

41


signalisieren die jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnisse eines Feides.45 Die Kapitalien

sind demnach Faktoren der Hierarchisierung sozialer Beziehungen. Mit den drei Kapitalsorten,

ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital, sind aber nicht schon von vornherein die

Machtfaktoren selbst, sondern nur potentielle Quellen der Macht benannt, die erst in der Ver­

bindung mit symbolischem Kapital - Maß der Legitimität aller übrigen - als solche wirksam

werden. Wenn auch diese vier Grundtypen von Kapitalien gebildet wurden, so scheint es

prinzipiell nicht sinnvoll eine a priori zusammengestellte Liste universal gültiger Machtres­

sourcen aufzustellen. Denn, wie Clegg richtigerweise bemerkt: "almost any phenomenon can be

a resource in the appropriate context. The trick resides in constructing the context in which

those resources one seeks to employ acquire a privileged Status." (Clegg 1989,98).

Genau dieser Gedanke scheint auch Bourdieus Kapitalienkonzept zugrundezuliegen. Weshalb

er von der Analyse der objektiven Kräfteverhältnisse des Feldes ausgeht, um von hier aus, die

"wirksamen"46 Kapitalien zu rekonstruieren. Und von hier, aus vom sozialen Gesamtzusam­

menhang, wird auch die Position eines Akteurs analytisch, und Bourdieu zufolge auch

praktisch, bestimmt: analog zur Klassifikation der Felder, anhand der Quantität und Qualität

der Kapitalien der Positionsinhaber, wie sie in einer feldspezifischen Tauschorganisation

bewertet werden und gültig sind.47

Damit kommen wir abschließend zum Konzept des sozialen Tauschs, das nun in kurzen Zügen,

insbesondere im Hinblick auf Fragen der Analyse sozialer Ungleichheiten und des strukturellen

Wandels, dargestellt werden soll.

45) Bourdieu zufolge verfügt jedes Feld, gemäß seiner Struktur "wirksamer" Ressourcen (s. nachstehende Anm.)

"über seine eigene interne Logik und Hierarchie". (Vgl. 1985,11)

46) Unter den "wirksamen" Kapitalien sind jene "Arten von Kapital" zu verstehen, die zugleich als "Formen von

Macht" fungieren. (1983, 184) Die "tendenzielle Dominanz" unter den potentiellen Machtformen schreibt

Bourdieu dem "ökonomischen Kapital" zu. (1985,11)

47) Dazu ein Beipiel: Eine bestimmte fachliche Qualifikation verhilft zu Anerkennung nur insoweit die damit verbundenen

Kenntnisse geschätzt werden. Beruflicher Status wird zunächst im Kreis der Vorgesetzten und

Kollegen zuerkannt - also im Kreise jener, die die jeweiligen Kenntnisse als relevant ansehen. M.a.W.: Ein

bestimmtes berufliches Know-How wird also in jenem Spielkreis bewertet, wo es tatsächlich auch als Einsatz

dient. Die Anerkennung am Arbeitsplatz kann aber als ein asset fungieren, das man auch in andere Spiele einbringen

kann. Das Ergebnis, ganz allgemein bspw. "beruflicher Erfolg", verhilft über diesen Weg dann meist

auch in privaten Kreisen zu Anerkennung. Differenziert man die Bewertungskontexte nun näher, so ist festzustellen,

daß ein spezifischer fachlicher Status innerhalb eines Feldes ähnlich Qualifizierter wiederum umso

höher sein wird, je mehr Know-How und Kompetenz dem fraglichen Akteur im Vergleich zu den anderen

Feldteilnehmem zugestanden wird.

42


3.7. Sozialer Tausch und Strukturbildung

Indern man die oben genannten Kapitalien in ihrer Funktion als Tauschobjekte betrachtet,

lassen sich Sozialstrukturen in Form von Tauschorganisationen konzeptualisieren. Daraus

ergeben sich mehrere Anschlußstellen zwischen Tauschkonzept und Strukturbildungskonzept,

wie es bis hierher erörtert wurde. Mit sechs konzentrierten Argumentationsschritten, möchte ich

nun einige wichtige Zusammenhänge noch einmal rekapitulieren.

a) Der betriebliche Sozialraum (bzw. seine Felder) konstituiert, gemäß der Ökonomie der

Sozialwelt, Organisationen sozialen Tauschs. Diese Tauschorganisationen sind Sedimente

historischer Tauschprozesse, Produkte historischer Tauschstrategien. Die solchermaßen

manifestierten Organisationen stellen die Ausgangspunkte für zukünftige Tauschstrategien dar

und geben den Stand der Auseinandersetzungen um die Verteilung und Bewertung der Tausch­

objekte, der Kapitalien seiner Mitglieder, wieder.

b) Die Akkumulation und Verwertung dieser Kapitalien beruht demnach auf sozialen Tausch­

prozessen. Ein betriebliches Feld ist Ort mehrdimensionaler Tausch •'Ketten. Leistung und

Gegenleistung können hier prinzipiell in jeglicher Form erbracht werden (nicht nur über die

ökonomisch-finanzielle Schiene). Als Tauschobjekte fungieren bspw.: kulturelles Kapital in

seiner Realisierung als Wissen und Kompetenz; soziales Kapital als Kontakte am Arbeitsplatz;

symbolisches Kapital als Status des Arbeitsplatzes, der Berufs- bzw. Tätigkeitsbezeichnung;

c) Die strukturellen Verhältnisse des Feldes verweisen auf die Tauschbedingungen. Mehr oder

weniger asymmetrische Tauschbeziehungen verweisen auf die herrschenden Verhältnisse, die

Macht- und Kräfteverhältnisse. Sie organisieren und regeln den Austausch zwischen un­

gleichen Kapitaleinsätzen und ungleichen Gratifikationen. Sie kodieren sozusagen die Ver­

teilung verschiedener Tausch-Positionen mit der Verteilung verschiedener Tauschpotentiale

bzw. verschiedener strategischer Chancen und Risiken.

d) Soziale Tauschprozesse erfolgen mit dem inhärenten Ziel der sozialen Anerkennung, d.h. mit

dem Ziel des Erwerbs eines, von den Referenzpositionen akzeptierten Status im Feld. (Diese

Referenzpositionen sind insofern übrigens zugleich die unmittelbaren Konkurrenten im Feld).

Das Ziel "Anerkennung" besteht damit indirekt im Streben nach Akzeptanz des positionsspezi­

fischen Kapitals. Aus diesem Grund kann man sagen: Soziale Tauschprozesse erfolgen mit dem

inhärenten Ziel sozialen Mehrwert zu produzieren. Wie erwähnt handelt es sich dabei um ein

notwendiges bzw. aufgenötigtes Ziel in einer sozialen Konkurrenz um positions- bzw. status­

gemäße Kapitalverwertung (siehe dazu auch Punkt "f").

43


e) Die Anerkennung der herrschenden Positionen und damit die Legitimierung der bestehenden

Ungleichheiten sind keine Sache der freien Wahl. Da Herrschaft über symbolisches Kapital

erworben wird, welches wiederum einen vergleichsweise privilegierten Zugang zu symbo­

lischer Gewalt, oder kurz: zu Definitionsmacht verschafft, setzt eine wirksame Infragestellung

der herrschenden Kräfteverhältnisse die Infragestellung der "herrschenden Sicht der Dinge"

voraus (bspw. die vorherrschende Bewertung der Kapitalien und die damit verbundenen

Tauschrelationen). Daß eine derartige Infragestellung nicht allein durch rationale Argumente

erfolgen kann, liegt auf der Hand (im Namen welcher Rationalität könnte man auch gegen eine

etablierte Sichtweise wirksam antreten?). Entgegen einer derart idealistischen Vorstellung

müßte man mit Bourdieu das maßgebliche Potential für die Veränderung der herrschenden

Verhältnisse eher in der Veränderung der alltäglichen (Tausch)-Praktiken suchen, die im

einzelnen machtlos, dennoch Fundament der breiten Auseinandersetzungen um die Verteilung

und Bewertung der strategischen Einsätze im sozialen Tausch sind.

f) Soweit diese Auseinandersetzungen nicht in der Ökonomie der Sozialwelt begründet, und

hier aus der Prämisse abgeleitet werden kann, daß Macht- und Herrschaftspositionen prinzi­

piell knapp und damit umkämpft sind, kann man dem noch eine andere Darstellung hinzufügen:

Macht und Herrschaft, bspw. in Form von Einfluß- und Durchsetzungsvermögen, werden

immer schon als Qualität einer sozialen Beziehung, d.h. relational gedacht. Die topologische

Sichtweise eines Feldes48 würde in diesem Sinne von Beziehungen als Kräftelinien sprechen,

die sich zu einem Kräfte- oder Machtzentrum konzentrieren. Von diesem Zentrum aus

betrachtet, das durch eine (bzw. mehrere) herrschende Positionen gebildet wird, läßt sich der

Status aller übrigen Positionen anhand ihrer mehr oder weniger großen Distanz zu diesem

Kräftepol verorten. Das Ausmaß der sozialen Distanz zu den dominanten Positionen zu ver­

ringern, liegt im objektiven Interesse der beherrschten Positionen, gelingt aber nur durch Auf­

gabe des Terrains (bzw. von Teilen dessen) von Seiten der herrschenden Positionen. Soziale

Konkurrenz rührt also aus einem objektiven Konflikt der Interessen in einem sozialen Feld, der

in ständigen Auseinandersetzungen um Aufwertung und Abwertung der (Tausch)-Positionen

innerhalb des Feldes (die eine ist nur auf Kosten der anderen zu erreichen) resultiert. Über die

Auseinandersetzungen im Feld sind jedoch nicht die mindestens ebenso umkämpften Grenzen

des Feldes zu vergessen: dort geht es um die Selektion der Mitglieder, d.h. um drohenden

Ausschluß bzw. die Chance der Akzeptanz als Mitspieler. 49

48) Siehe dazu bspw. Bourdieu 1985 oder BourdieulWacquant 1989.

49) Speziell dieses Thema hat Boltanski (1990) in seiner Arbeit zur Entstehung und Etablierung der sozialen

Gruppe der "Cadres" ausführlich beleuchtet. Es liegt damit außerdem eine sehr detaillierte empirische Analyse

in einem Themenbereich vor, der an viele der hier erörterten Fragen anschließt und damit nichtzuletzt die

Relevanz der Bourdieuschen Sozialtheorie für die Industriesoziologie unterstreicht

44


Innerhalb dieser sozialen Konkurrenz können die Akteure durchaus strategische Allianzen

schließen oder sich miteinander solidarisieren. Es ist aber davon auszugehen, daß derartige

Bündnisse dann Zustandekommen, wenn sich die Beteiligten vor allen Dingen auch eigene

Vorteile versprechen. Oder anders, im Sinne Bourdieus auch treffender formuliert: kollektiv

verfolgte Strategien kommen dann zustande, wenn es für die Akteure, unter den Bedingungen

der (logischen) Zwänge ihrer eigenenen Position disponiert, opportun scheint, gegen die Macht

der herrschenden Fraktionen gemeinsam aufzutreten.

Eine derartige Fokussierung der Kräfte ist nun auch als die wirksamste Strategie der Infrage­

stellung herrschender Verhältnisse einzuschätzen. Für die deprivierten Positionen in einem

Macht- und Herrschaftsverhältnis, für die "beherrschten Fraktionen", ist dies meist auch die

einzig mögliche Gegenstrategie. Als Mitglieder einer "sozialen Formation" im Betrieb, eines

betrieblichen "Systems von Sinn- und Kräfteverhältnissen" (1973), sind sie ja in einen vor­

strukturierten Raum gestellt, in eine bestehende Tauschorganisation. Innerhalb dieser Tausch­

beziehungen können die Positionen der Teünehmer höchst ungleich verteilt sein - entsprechend

auch die Gewichtung der strategischen Potentiale und Erfolgs- bzw. Gewinnaussichten.

Das Konzept des sozialen Tauschs soll nun gerade ermöglichen, diese Ungleichheiten

herauszuarbeiten. Ungleichheiten, die aufgrund unterschiedlicher sozialer Herkunft, Arbeit

marktpositionen und Kapitalausstattung, unterschiedlich legitimierter Tauscheinsätze und

ungleicher strategischer Ausgangspositionen bestehen. Das Konzept des sozialen Tauschs

(eingebettet in den größeren theoretischen Zusammenhang, der die Ökonomie der Sozialwelt zu

rekonstruieren sucht) impliziert also keinesfalls liberalistische Vorstellungen. Es erlaubt viel­

mehr, die Reproduktionseffekte herrschender struktureller Verhältnisse aufzuklären. Es bietet

andererseits aber auch ein konzeptionelles Instrumentarium zur Erklärung struktureller Ver­

änderungen - welchen Ausmaßes diese strukturellen Veränderungen in der Praxis auch sein

mögen.

Dabei bleibt die Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene, zwischen den Strategien

einzelner Akteure und den objektiven sozialen Strukturen immer aufrecht - ob im Habitus­

konzept, in der Konzeption des sozialen Tauschs, oder schließlich im Feldkonzept. Denn, was

sich für den einzelnen als Kampf um seine Position in einem Kräftefeld mit den legitimen

Mitteln dieses Feldes darstellt, ist für das ganze Feld ein sozialer "Kampf, der um die Wahrung

bzw. Veränderung der jeweils herrschenden Kräfteverhältnisse" (1988a, 55) geführt wird. Aus

dem Zusammenspiel der Mikrokonkurrenzen (den Konkurrenzen der Akteure auf Mikroebene)

entsteht auf der Makroebene die Sozialordnung des Betriebs.

45


Diese Ordnung ist zwar sozial erzeugt, aber nicht ohne weiteres bewußt manipulierbar und

hinterfragbar - und das nicht allein aufgrund der ungleich verteilten Einfluß- und Durch­

setzungschancen in Machtbeziehungen (oder der habituell begründeten unterschiedlichen

Dispositionen und "Vermögen"). Hinzu kommt noch das Phänomen, daß Aufnahme und

Verbleib in einem sozialen Feld - die ersten Zeichen der sozialen Akzeptanz durch die

maßgeblichen Feldmitglieder - mehr oder weniger bewußte Akkulturationsleistungen

abverlangen und laufende Integrationsbemühungen nach sich ziehen. Dies schon allein auf­

grund des sozialen Drucks, der durch die herrschende Praxis der Feldmitglieder vermittelt

wird (die Ordnung der Dinge, die sich in ihren Handlungs- und Verhaltensregeln bzw.

Tauschorganisationen und -kulturen ausdrückt). Darüberhinaus aber auch im eigenen

Streben nach sozialer Akzeptanz eignet man sich unweigerlich die jeweüs feldspezifische

herrschende Sicht an und vermindert dabei etwaige kognitive Dissonanzen, die allerdings

umso weniger wahrscheinlich auftreten, je mehr einen die habitusmäßigen Prädispositionen

von vornherein für eine Position im Feld qualifizieren ("wie dafür geschaffen" machen, s.

Anm. 24).

Damit scheint bei Bourdieu - gegenüber Giddens, und noch deutlicher gegenüber

Crozier/Friedberg - der Gestaltungsfreiraum der Akteure, im Sinne der Entscheidungs­

möglichkeit "of doing otherwise" als einem sowohl "der Sinn für die eigene Stellung im

sozialen Raum", als auch die habitusmäßige Disposition gebietet deutlich eingeschränkt.

Diese "Einschränkung" ist in zweifacher Weise wirksam: einerseits objektiv - durch das

"Ensemble objektiver Kräfteverhältnisse, die allen in das Feld Eintretenden gegenüber sich

als Zwang auferlegen und weder auf die individuellen Intentionen der Einzelakteure noch

auf deren direkte Interaktionen zurückführbar sind" (1985, 10 Hervhbg. i. Qrig.) -, und

andererseits subjektiv, eben aufgrund der habituellen Prä-Dispositionen.

Dabei soll aber keinesfalls eine mechanistische Reproduktionslogik unterstellt werden. Denn

nach wie vor gilt, daß selbst einmal etablierte Sozialordnungen legitimierungspflichtig sind,

und zwar in und durch die Praxis sämtlicher Teilnehmer. 50

50) So zwingt bspw. das "Ende der Eigentumsrealität" {Wagner 1978,111 ff.) betriebliche Führungskräfte zu einem

anderen Stil und zu neuen "Investitionen", wollen sie ihre Position behaupten. Der Ausbau der Managementetagen

und die Erweiterung der Fachstäbe haben zwar neue Machpositionen geschaffen. Diese mußten

jedoch erkämpft werden auf anderen Legitimationsgrundlagen als jenen der früheren "Finnenpatriarchen" -

,

um die Loyalität der Mitarbeiter zu gewährleisten (v.a. jener mit günstigen Arbeitsmarktpositionen) ist eine

integrationsfähige "corporate cultüre" gefragt, soziale Führungskompetenz, Bieten von Weiterbildungs- und

Aufstiegschancen; die Legitimation der eigenen Führungsposition wird darüberhinaus nicht mehr "quasinatürlich"

(über Nachkommenschaft des Eigentümers) gewährleistet, sondern vielmehr über die "Qualität"

der vergangenen Bildungs- und Berufslaufbahn, die Erfolge der aktuellen Managerpraxis, die "Beziehungen"

in Wirtschaft und Politik, etc.

46


Die "objektiven Kräfteverhältnisse" bilden also kein geschlossenes System. Auch die Inhalte

und Formen sozialen Tauschs werden im Prinzip ständigen Veränderungen unterzogen.

Dennoch ist die Struktur einer ganzen Tauschorganisation, v.a. der in ihr manifestierten asym­

metrischen Beziehungen wohl nur sehr langsam veränderbar, und ein Wandel dieser Struktur

nur begrenzt steuerbar. Jegliche "Gestaltungsarbeit" trifft ja immer auf die "Eigendynamik"

äußerst dichter, mehrdimensional strukturierter sozialer Räume bzw. Felder. Nichtzuletzt für

die Frage der Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen sozialen Wandels gilt es also diese

komplexen Zusammenhänge aus materiellen Strukturen, funktionellen Zusammenhängen,

sozialen Beziehungen und Deutungsmustern ("symbolischen Formen") im Rahmen der Analyse

betrieblicher Strukturierungsprozesse zu rekonstruieren.

Welche konkreten Ansatzpunkte für eine solche Rekonstruktionsarbeit die Bourdieusche

"Theorie der Praxis" bietet, soll nun abschließend noch einmal kurz zusammengefaßt werden.

4. Resümee und Zusammenfassung

Die betriebliche Sozialwelt läßt sich mit Bourdieu darstellen als ein Raum aus sozialen Feldern,

in denen die Produktions- und Verwertungsbedingungen nicht nur der Arbeit an materiellen

Wirtschaftsgütern oder Leistungen reguliert sind, sondern auch die Produktions- und Verwer­

tungsbedingungen der strategischen Ressourcen bzw. Kapitalien der Akteure.

Insbesondere für Fragen der Strukturbildung erweist es sich als fruchtbar, den Betrieb nicht nur

als Ort des Warentauschs darzustellen, sondern auch als einen Ort sozialen Tauschs.

Um die Organisationsprinzipien der betrieblichen Sozialwelt auf diese Weise erklären zu

können, ist es dann zuallererst notwendig, nicht mehr von der häufig präjudizierten einfachen,

geschlossenen Tausch-Kette auszugehen. Denn getauscht wird nicht nur kulturelles Kapital der

Beschäftigten in ihr ökonomisches Kapital und das der Unternehmer (oder: Arbeits-

"Vermögen" gegen Lohn/Gehalt). Auch wird nicht Leistung, allein um der monetären Gegen­

leistung willen erbracht.

Ökonomisches Kapital ist zwar die in letzter Instanz entscheidenste Kapitalform. Denn ökono­

misches Kapital ist in der Regel Schlüsselfaktor der Macht, Einkommensstatus der Hauptindi­

kator der Bewertung von Arbeitsleistung. Mitunter sind finanzielle Gründe auch primäre

Karrieremotivationen. Dennoch ist die soziale Dimension im Betrieb keinesfalls auf die mone­

täre und materielle Dimension zu reduzieren. Betriebliche Sozialorganisationen stellen viel-

47


mehr ein mehrdimensionales Beziehungsgeßge dar. Sowohl mit dem "Kapitalienkonzept" als

auch mit dem Konzept des "sozialen Tauschs" läßt sich die noch etwas ungenaue Vorstellung

einer solchermaßen komplexen Sozialstruktur konkreter fassen. Sie kann nunmehr als eine

dynamische (weil "soziale Konkurrenz" und "Konflikt" implizierend), in und durch soziale

Praxis produzierte und reproduzierte Tauschorganisation konzeptualisiert werden, in der sowohl

ökonomische als auch soziale, kulturelle und symbolische Kapitalien als Einsätze dienen.

Die Frage der strategischen Ausrichtung der "Tauschpartner" wird dabei nicht der Willkür,

ökonomistischen Präferenzmodellen oder externen Zwängen überlassen, sondern genuin

soziologisch begründet: mit dem Konzept des "Habitus", dem Produkt der sozialen Prägung,

die zunächst im Rahmen der Herkunftsfelder (die Primärsozialisation im, für die jeweilige

Familie spezifischen Milieufeld; die postprimären Sozialisationswege im sozialen Raum der

Schulen, Lehranstalten, Universitäten, etc.), weiters innerhalb spezifischer Berufs- und

Arbeitsfelder vollzogen wird.51

Als aufschlußreich erweist sich meines Erachtens nach auch die Konzeption sozialer Ungleich­

heiten in Form asymmetrischer Tauschbeziehungen. Denn mithilfe dieses Konzeptes ist es

möglich, strukturelle Ungleichheiten in der Arbeitswelt aufzuzeigen, die sich durch ungleich

legitimierte Kapitalausstattungen und ungleiche Akkumulations- und Verwertungschancen

manifestieren - und das ganz allgemein, also ungeachtet betriebs- und teilfeldspezifischer

Besonderheiten; aber auch im besonderen, will man die Kapitalverteilung (und damit die Herr­

schaftsverhältnisse eines konkreten Feldes) untersuchen und darin die relative Positionierung

der Akteure rekonstruieren.

Weiters sollte sich die Feldperspektive für die Analyse lokaler Arbeitsstrukturen als fruchtbar

erweisen. Eine derartige Feinanalyse der betrieblichen Sozialwelt würde zunächst die unter­

schiedlichen Kräfteverhältnisse und die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Tausch­

organisationen einzelner Mikroräume (auch spezieller Arbeits- und Projektgruppen), und im

51) Aus naheliegenden Gründen steht erst an diesem Punkt eine wichtige Erläuterung zum Habituskonzept: Je

nach Habitus bzw. nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse/Klassenfraktion, die eine ideal typisch

differenzierte Habitusformen hervorbringt, bilden sich charakteristische Strategien heraus: Bewahrung des einmal

erworbenen Status ist kennzeichnend für die "absteigenden Fraktionen" der "beherrschten Klasse"

("absteigendes Kleinbürgertum"); demgegenüber ist Statusgewinn oberstes Ziel der "aufsteigenden Fraktionen"

("aufsteigendes Kleinbürgertum"). Beide Fraktionen sind gleichermaßen in Kräftespiele involviert. Auch die

absteigenden Fraküonen entkommen der sozialen Konkurrenz nicht Obwohl andere Interessen verfolgend (es

geht in erster Linie um Vermeidung von Deklassifikation, nicht um Aufstieg) und andere Einsätze aufwendend,

sind sie ebenso wie die aufsteigenden Fraktionen zu laufenden Investitionen verpflichtet, wenn auch mit

anderen Risiken als die "Aufsteiger" konfrontiert. Die zugrundeliegende "Distinktionslogik" und die Analyse

der verschiedenen Strategien, Interessen, Einsätze und Risiken sind, wie erwähnt ausführlich in den "Feinen

Unterschieden" dargestellt (1988a)

48


weiteren dann die Beziehungen der Felder zueinander transparent machen. Die vergleichende

Analyse der Tauschorganisationen betrieblicher Felder würde somit die unterschiedlichen

Niveaus betrieblicher Strukturbildung identifizieren lassen, und von daher wiederum eine

bessere Einsicht in die konkreten Möglichkeiten und Grenzen betrieblichen Strukturwandels

vermitteln.

Dem ist allerdings hinzuzufügen, daß von Strukturwandel erst dann zu sprechen ist, wenn sich

die Konstellation der Positionen verschiebt. Das heißt, es ist ein Wandel der Konkur-

renzbeziehugen oder Kräftelinien zwischen den Positionsinhabern vorausgesetzt, der von einer

Umverteilung der Menge und der Qualität der strategischen Ressourcen des Feldes begleitet ist,

und damit auch eine Umverteilung der Gratifikationen in diesem Feld herbeiführt. Andernfalls

wird weniger von einer Veränderungen der Herrschaftsverhältnisse die Rede sein, als vielmehr

von Phänomenen veränderter Herrschaftsmodi, d.h. von strukturell-homologen Machtverhält­

nissen und Konkurrenzbeziehungen, die lediglich mit anderen Mitteln, also auf der Basis

anderer, jedoch ebenso wieder ungleich gewichteter Ressourcen und ungleich verteilter Grati­

fikationen reproduziert werden.

Die Bourdieusche "Theorie der Praxis" bietet also mehrere Ansatzpunkte, auch für die analyti­

sche Fassung betrieblicher (Mikro)Räume. Gerade für die heutigen Perspektiven in der

Industriesoziologie aber scheint Bourdieu relevant zu sein, da er es ermöglicht, die Aufmerk­

samkeit ganz entschieden auf den sozialen Aspekt der Produktion und Reproduktion betrieb­

licher Strukturen zu lenken.

In dieser Hinsicht sind, wie oben gezeigt, auch Giddens und Crozier/Friedberg sehr relevant für

die Industriesoziologie. Für Bourdieu spricht jedoch im Vergleich zu ihnen die theoretische

Kohärenz seiner Konzeptionen und die Konsequenz seiner Argumentation - vor allem die For­

mulierung der Zusammenhänge innerhalb eines "dichten" theoretischen Netzwerkes betreffend.

So werden die Möglichkeiten und Grenzen der strategischen Realisierung von Res­

sourcenpotentialen in asymmetrischen Tauschbeziehungen genauso nachvollziehbar, wie die

Begriffe (Spiel)Feld, (Spiel)Einsatz, (Spiel)Regeln und verschiedene Arten von Ressourcen

(ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches) sowohl in ihrer Bedeutung als auch in

ihrer Funktion im sozialen Akkumulations- und Verwertungszusammenhang, bei Bourdieu

wohl deutlich mehr an Kontur gewinnen.

Und noch ein weiteres spricht dafür, Bourdieu für industriesoziologische Problemstellungen zu

rezipieren. Es sind verschiedene seiner Konzepte, die nicht nur im einzelnen weiterführen,

sondern vor allem, wie sie in einen kohärenten Theorienkomplex integriert sind. Ein Theorien-

49


komplex, der sowohl das grundlegende methodologische Problem der Integration von Struktur

und Handlung zu bewältigen vermag, wie auch für darauf aufbauende konkrete Fragestellungen

die erwähnten konzeptionellen Ansatzpunkte liefert. Unter allen konkret anstehenden Fragen

der Industriesoziologie scheint jedoch am wichtigsten die radikal soziologische Perspektive, die

die "Theorie der Praxis" einnehmen läßt - dies auch für die Analyse der sozialen Praxis im

Betrieb.

Bourdieu eröffnet damit erweiterte Perspektiven gerade für eine Industriesoziologie, die sich

vermehrt der sozialen Dimension im Betrieb, oder besser: der sozialen Dimension des Betriebes

zuwendet - was Konzepte wie "Sozialordnung" (KotthoffIReindl 1990) oder die bereits

genannte "Sozialverfassung" (Hildebrandt/Seltz 1990), um nur diese beiden zu nennen, wohl

deutlich signalisieren.

Schließlich läßt sich aus der Auseinandersetzung mit Bourdieu eine theoretisch fundierte kri­

tische Sichtweise der Produktions- und Reproduktionsprozesse betrieblicher Sozialstrukturen

gewinnen. Wenn auch um den Preis des Verzichts auf klare Handlungsanweisungen und soziale

Utopien, sollte damit (zumindest) ein differenzierteres Verständnis sozialer Praxis im Betrieb

möglich werden.

Der vorliegende Text ist jedenfalls von dem Interesse an einem derartigen Verständnis

"motiviert", und folgt der Überzeugung, daß der Betrieb in seiner vollen soziologischen Bedeu­

tung zu sehen ist. Er versteht sich dementsprechend als Versuch, einerseits zur Entwicklung

von Erklärungskonzepten beizutragen, die geeignet sind, den komplexen Phänomenbereich

"sozialer Raum 'Betrieb'" mit genuin soziologischen Mitteln zu analysieren; andererseits dazu

beizutragen, einer fundierten kritischen Herangehensweise an Fragen der Strukturbildung im

betrieblichen Sozialraum (ihrer Bedingungen, Voraussetzungen und Möglichkeiten) ent­

gegenzuarbeiten.

50


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