Alles, nur nicht die Gobelins! - Welcker-online.de

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DER VIELSCHREIBER

Wie schrieb er so viel,

was mir nicht gefiel?

Er schrieb nicht, was ihm einfiel,

das war ja nicht viel,

doch er schrieb, was ihm einfiel,

das war viel und gefiel.

Ist im zwanglosen Stil

nur der Zufall im Spiel

und der Beifall das Ziel,

gibt es viel und nihil.

Dorfkirchl schaut zu

Der immer kreuzfidele, lebfrische und leicht anregbare Hermann Bahr,

der sich für alles interessiert, was ihm nicht nahegeht, und zu allem eine Beziehung

findet, wozu er keine hat, scheint es jetzt mit meiner »Sprachlehre«

zu halten. Er, der von Lyrik wahrscheinlich weniger versteht als eine Kuh im

Salzburgischen, die sich jedenfalls damit noch nicht blamiert hat, führt jetzt

die Leserinnen des Neuen Wiener Journals in Sprachgeheimnisse ein, auf die

sie schon immer neugierig waren. Er beklagt zwar, daß der Name eines Dichters,

der zu seinen »stärksten Hoffnungen« gehört (die immer unsere

schwersten Enttäuschungen waren), noch immer so wenig »umlauft« (was

nicht so sehr die Form der dritten Person als der Name eines Geographieprofessors

ist), daß »sogar der Setzer Stephan Großmanns« (und das will viel sagen)

ihn nicht kannte, sondern sogar verdruckt hat. Aber er scheints halt

doch mit der Sprachlehre zu halten. Und so versteht er zum Beispiel schon

ganz gut, was es mit den Fremdwortverdeutschungen für eine Bewandtnis

hat:

Man versuche doch auch nur irgendeines der Worte dort wo es

steht, durch ein deutsches Synonym (wie sagt man denn dafür

deutsch? Ich weiß es nicht!) zu ersetzen, und sogleich stockt der

ruhige große Fluß der Rede Stifters, sie verliert an Einfachheit

und Stille, sie wird gespreizt!

Da hat ihm der Dichter, den er so hoch schätzt — offenbar auch ein

Schüler meiner Sprachlehre, der nicht mit Unrecht Lernet heißt — einen Brief

über die Sprache geschrieben, worin er von jenen Stillsten spricht, »bei denen

der Stil in allem mit dem Inhalt mitgeht, im Satzbau, in den Vokalen, in

der sogenannten Stimmung«, und besonders auf den Helena—Akt hinweist,

wie sich da »tatsächlich am Ende, durch die Gewalt des Wortes allein, die

Burg in ein Arkadien verwandelt«. Er spricht da freilich auch recht primitiv

davon, daß dies alles »schon in den gewählten Worten ausgedrückt« sei. Herr

Bahr aber, ganz unter dem Eindruck meiner »Wortgestalt«, setzt hinzu:

Lernet hätte noch auch auf Stifter weisen können, der ganz dasselbe

will mit seiner Maxime: Gestalten machen, nicht Worte!, und

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