Alles, nur nicht die Gobelins! - Welcker-online.de

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über dem Vorleser ersparen. Der ungemein herzliche Empfang vor der ersten

und die so verständnisvolle Aufnahme mancher ihrer Teile, ja selbst die Erinnerung

an die vielen schönen Abende, die ich gerade auf Berliner Podien erlebt

habe, all dies kann mir nicht über das schwere Mißbehagen hinweghelfen,

mit dem ich der ersten Vorlesung dieses Jahres die zweite und die weiteren

folgen lassen soll. Ich wäre bereit, diese Reihe unter pflichtmäßiger Entschädigung

des Publikums noch heute abzubrechen, wenn es mir nicht

gelingen sollte, es von vornherein von dem Ernst zu überzeugen, mit dem ich

auf die Einhaltung des natürlichen Vertrages dringen muß, der zwischen dem

Sprecher und seinen Hörern besteht. Der widerwärtige Vorfall, durch den der

Beginn der ersten Vorlesung so verhäßlicht wurde und auf den ich unter allen

Umständen zurückkommen müßte, auch wenn er nicht seine noch widerwärtigere

Fortsetzung in einem jener Preßechos gefunden hätte, die zur akustischen

Belästigung die sichtbare fügen — dieser Vorfall zeigt, daß ein gewisser

Teil des Publikums aus eigenem Gefühl noch nicht zur Kenntnis der Bedingungen

gelangt ist, unter denen die Aufgabe, als einzelner in geschlossenem

Raum zu einer Vielheit zu sprechen — und nicht als Redner der frischgeformten

Meinung, sondern als Sprecher des gestalteten Wortes —, einzig durchgeführt

werden kann. Es sei hier nicht der Möglichkeit gedacht, daß irgendein

Skandalmacher irgendwelchen Geschlechts, der von mir etwas läuten gehört

hat, meine Vorlesung mit dem vorgefaßten Plan besuche, sie zu stören. Daß

die Machtmittel, die in solchem Fall das Recht des Saalmieters sowohl wie

der Unwille des aufnahmswilligen Publikums an die Hand gibt, gegen so unlautere

Meinungsopponenten gebraucht werden müßten und dürften, das

kann ja gar nicht bezweifelt werden. Nicht von geplanten Störungen will ich

sprechen, vielmehr einräumen, daß es sich auch um eine solche handeln könne,

die sich aus dem natürlichen Widerstreben des Individuums ergibt, das

mit dem Besuch der Vorlesung einen Mißgriff getan hat und unter dem Druck

dieses Gefühls sich der Wirkung des Vortrags nicht nur entzieht, sondern entgegenstellt

und gegen sie wehrt. Es würde mir nun nicht in den Sinn kommen,

irgendeinem Menschen, der hierher gelangt, ohne zu wissen, was er zu

erwarten hat, oder der sich meinungsmäßig geradezu das Gegenteil erwartet

hat, das Recht auf Überraschung und Enttäuschung zu bestreiten oder ihm

diese zu verargen. Mich selbst überrascht oder enttäuscht es ja keineswegs,

daß hier in Berlin auch Leute in meine Vorlesungen kommen, die, obschon

weit entfernt von der bübischen Absicht, einen Skandal zu inszenieren, ihn

spontan aus dem Grunde beginnen möchten, weil sie eben erwartet haben, sie

würden hier etwas zu hören bekommen, was ihren selbst aus diesem Krieg

noch geretteten Glauben in Gott, Kaiser und Vaterland befestigt, also die

Hoffnung auf jenen erfolglosen Dreibund, bei dem sichtlich Gott sich am

stärksten gegen das Unternehmen gewehrt hat. Daß es solche Individualitäten

gibt, das ist es, wovor mir schaudert, nicht aber, daß sie sich in bestem,

wenngleich nicht gutem Glauben in meine Vorlesungen verirrt haben und daß

sie enttäuscht, gekränkt, empört sind, ja sich bis ins innerste Mark um ihr

Eintrittsgeld betrogen fühlen, wenn sie in der ernsten Zuversicht, von einem

überlebenden Kriegslyriker gestählt zu werden, nun eine Beweisführung anhören

müssen, nach der Gottes Gnaden zwar dem Kaiser, aber eben darum

nicht dem Vaterland zugute kommen. Leider jedoch vermag ich das Recht auf

Unzufriedenheit, das sie mit dem Erwerb der Eintrittskarte erworben haben,

nicht darüber hinaus zu erweitern, daß sie dort, wo sie nicht applaudieren

können und nicht schweigen wollen, das tun dürfen, was Menschen von abweichender

Gesinnung, aber normaler Gesittung tun mögen: zischen. Denn

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