Alles, nur nicht die Gobelins! - Welcker-online.de

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dem, rhetorischem Rhythmus den Kampf gegen die Zeit und ihre

Mißgestalten reimgebunden fortsetzen, bald dem Erlebnis der

schlichtesten reinen Menschen— oder Naturoffenbarung in Frömmigkeit

huldigen.

Eros fehlt nicht im Bereich der Anlässe, die den Versschöpfer

Kraus entzünden; aber er ist nicht der Gott der sentimentalen Gefühle,

sondern der Hüter der mystischen Beziehung zur Sprache,

dieser Geliebten, mit der ihr eifersüchtigster Liebhaber die beglückendsten

und ergreifendsten Abenteuer erlebt. Auf diesem

Boden, der Kampfplatz und Liebesnest zugleich ist, widerfahren

Kraus die Schicksale, die seinen tiefsten Versen Inhalt und Stimmung

geben. Er wirbt um die Entschlüpfende, ringt mit der Übermächtigen,

schleicht der sich Versagenden nach und ist stolz auf

sein Sklaventum, wo andere sich anmaßen, Beherrscher zu sein.

Von dieser Auffassung bestrahlt, gewinnt sein Kampf mit den literarischen

Sprachmißbrauchern das eigenartigste Aussehen. Indem

er sie befehdet, streitet er gegen den Einbruch in das Reich,

das seiner Liebe vorbehalten ist, wehrt er die Ansprüche ab, die

Unzulänglichkeit oder Vorwitz auf sein Heiligtum erheben. Es ist

der Kampf eines Entflammten, dem selbst die unglücklichsten

Stunden der Liebe Beglückung sind, ein Turnier mit Rivalen, die,

wenngleich schwächeren Atems, doch in dem Stärkeren den ganzen

Haß entladen. Der Tiefsinn dieser Verse erschließt sich nicht

leicht; aber da ihr Schöpfer die Gabe besitzt, das, was er singt,

auch in der gedankenvollsten Weise zu sagen, das Unbewußte der

Eingebung durch die Logik des Nach—Denkens zu ergänzen, fährt

der Weg des Verständnisses wechselseitig von der Prosa zum

Vers. In der Satire »Literatur« löst sich der sonst in Monologen

ausgefochtene Streit auch der Form nach in ein dramatisches

Spiel auf, das von genial ersonnenen, nein, glattwegs aus der

Wirklichkeit in die Dichtung eingesetzten Figuren belebt wird. In

der Darstellung des angemaßten Kontrastes zwischen den Vätern,

deren Geschäftigkeit sich im reellen Handel, und den Söhnen, deren

Lebenstrieb sich nur scheinbar auf einem erdentrückten Gebiet

entfaltet, in der leider phonographisch getreuen Parodie einer

arroganten, mit Verfassernamen um sich werfenden Unbildung,

in dem mit bewundernswürdiger Feinarbeit gestalteten

Spiel der Zitate und Beziehungen wird eine scheingeistige Atmosphäre

bei aller Voreingenommenheit und gelegentlichen Grausamkeit

so wahrhaft gezeichnet, daß keine kritische Literaturgeschichte

dieses lebensvolle und in vielfältigen Tönen klingende

Werk übertönen kann, das selbst dort, wo es im Einzelnen vielleicht

ungerecht ist, eine höhere Gerechtigkeit übt. Indem derselbe

Mann, der die Probleme von Sittlichkeit und Kriminalität als

schärfster Durchschauer behandelte, der die Worte in Versen

schrieb, der Goethe, Shakespeare, den jungen Hauptmann hinreißend

vorträgt, der den Krieg als Tragödie zu grausiger Anschauung

brachte, der sich über die Geheimnisse eines Satzes die wertvollsten

Gedanken macht, auch die kurze parodistische Glosse

nicht nur zur heitersten Wirkung, sondern auch zu hoher Ehre

bringt, enthüllt sich in dieser Vielheit der Stoffe und der Ausdrucksmittel

doch immer wieder die Einheit des Menschen, der

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