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Grillparzer—Feier

Die unabänderlich falsche Maßverteilung, mit der sich das Urteil der

Welt und Nachwelt, jenes vom Journalismus, dieses von der Literaturgeschichte

beirrt, an den geistigen Werten vergreift, zeigt sich an kaum einem

Beispiel so sinnfällig wie an dem des Klassikers Grillparzer, der vornehmlich

aus dem Bedürfnis Österreichs nach einem Klassiker entstanden und dessen

Ruhmzuweisung in der kindischen Befriedigung über den »dritten nach Goethe

und Schiller« beschlossen erscheint. Ist selbst die Position des zweiten

schon etwas fragwürdig geworden, so wird sich dieses Österreich doch nie die

Ehre nehmen lassen, über alle Geister hinweg, die einen weit höheren dichterischen

Rang einnehmen als jener und gar der dritte, den unmittelbaren Anschluß

an ein Deutschland durchzuführen, dessen Dioskurenbedürfnis. sich in

solch unleidlicher Kuppelung manifestiert. Und so problematisch etwa die Erscheinung

Hebbels sein mag, so bietet sie doch — nebst aller nicht kunstgelösten

Problematik — wenigstens ein Problem gegenüber der papiernen Ebenheit

der Welt Grillparzers, den die Literarhistoriker in die Nähe jenes rücken,

um ihn von Halm, dem Verwandten seiner Blutleere, abzusondern. Keines der

Grillparzerdramen, so außerordentlich sie zur Unterlage einer hohen Schauspielkunst

taugen mochten — wie eben ein dünner Text der vollen Melodie

dient und der volle ihrer nicht bedarf —, wäre imstande, einer lesenden Nachwelt

die Überzeugung beizubringen, daß der Versuch, den Himmel Griechenlands

über dem Wienerwald zu wölben, geglückt sei. Sein Epigramm ist Einfall

ohne Durchbruch; seine Lyrik kommt, da Gedanken von mäßigem Eigenwuchs

in einer überkommenen, wenngleich gut gehaltenen Sprache die äußere

Gewandung finden, überhaupt nicht in Betracht. Überall die mittlere Kultur

eines vorhandenen, unerschaffenen Ausdrucks und dennoch, vielleicht eben

darum, der österreichische Klassiker. Die Literarhistoriker, die berufsmäßig

von Kunst weniger wissen als der naivste Leser, mögen es weitergeben und

die psychologischen Schwätzer wie jener Bahr mögen, wenn sie dazu noch an

dem Begriff Österreich laborieren, aus der Übereinstimmung des persönlichen

und des ethnischen Wesens zugleich Ehre für das Land und für seinen

Dichter aufheben — die mäßige Höhe, in der man vom Kahlenberg sich jenes

besieht, dürfte auch diesem ein für allemal den Rang bestimmen, und abgesehn

von einem mageren Bedürfnis, das, auf Stoff und Gesinnung beschränkt,

selbst heute noch an Radetzky—Verklärungen sich befriedigt und in all seinen

christlich—deutschen Belangen auch mit einem Taferlklassiker vorlieb nehmen

würde, setzt sich sein Wirken in keiner lebendigen Wirkung fort. Wie

sollte dies auch der Gestaltung einer Welt gelingen, in der bei aller Vornehmheit,

Würde und Feinheit der formalen Bildung doch ein vor allen Gewalten

des Lebens und des Staates unterduckendes Gemüt seine Benediktion findet,

wo »des Innern stiller Frieden« irgendwo am Horizont von dem »Streich«,

den der Feldherr »führen« möge, drapiert wird und wo selbst der Traum von

des Lebens bunten Abenteuern nur als der Umweg zu der bleibenden Erkenntnis

sichtbar wird daß der Österreicher im Ausland nichts zu suchen

habe. Eine Literaturkritik, die die Kraft nach dem Stoff und das Wesen nach

der Form wertet, wird füglich Raimund, der der echtere Dichter war, um der

volkstümlicheren Färbung willen hinter den Bildungsdichter stellen und ahnt

vollends nicht, daß Nestroy, an dessen Gebiet außen weder des Meeres noch

der Liebe Wellen anschlagen, in jeder Zeile mehr Lyriker, Dramatiker und

Epigrammatiker war als der ganze Grillparzer.

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