Stalins Torte - Radisson Blu

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Stalins Torte - Radisson Blu

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Stalins Torte

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Vom sozialistischen Größenwahn bis zum Chaos der Perestrojka:

Im Moskauer Hotel Ukraina spürte man, wie es um Russland

stand. Nach einem Umbau hat es neu eröffnet.

VON Johannes Voswinkel | 02. Juni 2010 - 08:00 Uhr

Das Hotel Ukraina ist ein Wahrzeichen der Stadt – und der Stalin-Ära

© Epa/Yuri Kochetkov

Das neueste Luxushotel Moskaus verspricht Fünf-Sterne-Kapitalismus mit sozialistischem

Antlitz. Radisson Royal Hotel steht frisch über den stockwerkhohen Eingangstüren

aus schwerem Holz, die ein Motor öffnen hilft. Doch erst der Zweitname darunter lässt

nicht nur bei Moskauern die Ohren klingen: Hotel Ukraina. Das Ukraina war schon vor

der dreijährigen Renovierungspause ein besonderes Haus. Die Eingangshalle ziert das

Deckengemälde Feiertag der Arbeit und Ernte in der gastfreundlichen Ukraine. Es zeigt

Getreidegarben, Kürbisse und sozialistische Jungmenschen auf dem Weg in die lichte

Zukunft. Dahinter folgt eine niedrige Kassettendecke mit Kronleuchtern, wie sie fast

genauso in der Metrostation Majakowskaja hängen. Ölbilder mit Birkenwäldern und

wandernden Pioniergruppen runden die Erinnerung an die frühen fünfziger Jahre ab. Im

Ukraina kann man wohnen wie bei Stalins.

Der sowjetische Diktator wollte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Amerikanern

beweisen, dass auch Russland kühn in die Höhe bauen konnte. Sieben Hochhäuser, die

»sieben Schwestern«, ließ der »Vater aller Völker« errichten. Sie sollten zugleich die

Kirchtürme Moskaus in den Schatten stellen und dem Stadtbild neue Orientierungspunkte

schenken. Das 206 Meter hohe Hotel Ukraina wurde 1957 eröffnet, vier Jahre nach Stalins

Tod.

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Beim Bau der Hochhäuser brachen reihenweise Rekorde. Manche architektonischen

Skizzen entstanden binnen zwei Wochen, weil Stalin es so wollte. Beim Betrachten

der Bauzeichnungen hielt er gerne einen Stift gezückt, um hier einen Seitenflügel zu

kappen und dort eine Turmspitze aufzupfropfen. Das Außenministerium, eine der »sieben

Schwestern«, krönt seither eine Spitze in einer speziellen Leichtbaukonstruktion. Anders

hätte der von Stalin in letzter Minute befohlene Turm die Statik des Gebäudes überfordert.

Ein Deluxe-Room im Ukraina

© Radisson Royal Hotel

Dennoch fehlt dem wiedergeborenen Ukraina vieles, was die anderen Luxushotels in

Moskau bieten: Es liegt nicht in Sichtweite des Kremls wie das Baltschug Kempinski oder

Ritz Carlton. Es zehrt nicht von der revolutionären Geschichte wie das Metropol und das

National, in denen die Bolschewiken um Lenin den Komfort schätzen lernten.

Bei historischen Ereignissen gibt sich das Ukraina bescheiden: Im März 1970 schrieb

Egon Bahr hier auf einem Hotelbriefbogen an Bundeskanzler Willy Brandt, die

sowjetische Führung habe DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zu einem deutsch-deutschen

Gipfeltreffen »gezwungen«. Monate später fand es in Erfurt statt. Beim Putsch gegen

Staatspräsident Gorbatschow im August 1991 bezogen Scharfschützen in den oberen

Stockwerken Stellung. Gegenüber, vor dem Weißen Haus, dem damaligen Parlamentssitz,

bestieg Boris Jelzin einen Panzer und beschwor das freie Russland. Es fiel kein Schuss.

Jelzin ging als Sieger aus der Auseinandersetzung mit den Altkommunisten hervor. Zwei

Jahre später, als Jelzin das renitente Parlament im Weißen Haus beschießen ließ, galt das

Hotel als schrapnellgefährdeter Galaplatz für Kameraleute.

Aus der Ferne erinnert es an eine eckige Hochzeitstorte, die so stabil wie protzig

auf einem breiten Fundament ruht und sich in Etagen nach oben verjüngt. Gotische

Kathedralen, klassizistische Säulentempel, russische Festungsbauten und die Kirchen

von Kolomenskoje sind zu einem Stil verschmolzen. Balustraden, in Stein gehauene

Sowjetsterne, Ecktürmchen und Säulen aller Art zieren die sandfarbenen Fassaden. Die

Wirklichkeit begann zu Sowjetzeiten erst hinter der holzgetäfelten Eingangshalle. Hier galt

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es, zu warten und zu verzichten. Oft waren nur zwei der sechs Fahrstühle in Betrieb. Die

Kellner gingen ihre Arbeit gemächlich an. Nur der Schwarzhandel mit Kaviar, den sie im

Verborgenen aus ihren abgeschabten Aktentaschen zogen, erweckte sie gelegentlich zum

Leben. Mit der Etagenfrau, oft ein Zimmerzerberus, durfte man es sich nicht verscherzen.

Sie war im Besitz des einzigen Badewannenstöpsels auf dem ganzen Flur.

Viele deutsche Moskaukorrespondenten hatten in den oft winzig kleinen Zimmern des

Ukraina Quartier bezogen. Die technische Ausstattung erschöpfte sich meist in der

Abhöranlage. Später kamen mannsgroße Kühlschränke hinzu, laut wie Traktoren. Zur

Nacht zog der lärmempfindliche Gast lieber den Stecker und hielt dabei oft die Steckdose

gleich mit in der Hand.

Zuckerbäckerstil bei Nacht

Die Endzeit der Sowjetunion brachte auch dem Ukraina Chaos. Wilde Gäste mit

© Radisson Royal Hotel

kräftigen Bizeps und dicken Goldkettchen lungerten auf den Sofas herum. An der Bar im

Erdgeschoss warteten die Hausprostituierten im Minirock, um weit nach Mitternacht die

Gäste aus dem Schlaf zu klingeln und ein »russian girl« anzubieten. Dem Frühstücksraum

gingen mal das Geschirr, mal die harten Eier oder das Brot aus. Die kleinen Schildchen, die

geschlossene Schalter mit einer »sanitären Stunde« entschuldigten, ohne dass irgendjemand

dort putzte, vermehrten sich fast so rasant wie die Kakerlaken. Das Zimmer kostete damals

für Ausländer, die länger blieben, unerhörte 300 Mark pro Nacht. Die Rechnung wurde,

wohl hinter dem Rücken des Finanzamtes, in einem Extrastübchen beglichen.

Heute positioniert sich die einstige Touristenabsteige als »Business-Hotel« mit Wellness-

Zentrum, eisbrechender Jachtflotte auf dem Moskau-Fluss und einer Präsidentensuite, die

370 Quadratmeter umfasst und im Schnitt 13000 Euro pro Nacht kostet. Das Hotel richtet

sich, wie es offiziell heißt, an »wohlhabende, erfolgreiche, gebildete und solide Gäste, die

den Geschmack des Sieges und das Aroma des Erfolges kennen«. Wo bei anderen Hotels

der Buch- und Souvenirshop liegt, verkauft Rolls-Royce im Ukraina Autos.

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In den Stockwerken 22 bis 28 liegen die Apart-Hotels – Wohnungen für Dauermieter mit

deutschem Kühlschrank, englischem Porzellan, persischen Teppichen und einem separaten

Eingang. Wer hier ein Bad nimmt, kann durchs Fenster auf Premierminister Wladimir

Putins Büro im Weißen Haus hinabschauen. Höher liegen nur noch Restaurants und direkt

unter der Turmspitze der Hochzeitssaal für romantische Heiratserklärungen und intime

Konferenzen. Wahren Ukraina-Nostalgikern kann im neuen Hotel also nur noch eines

fehlen: der Mangel.

Radisson Royal Hotel , Kutuzovsky Prospekt 2/1, Tel. 007-495/2215555,

www.radisson.com . DZ ab 356 Euro

COPYRIGHT: DIE ZEIT, 02.06.2010 Nr. 23

ADRESSE: http://www.zeit.de/2010/23/Ukraina-Hotel

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