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MI05S01E 01.08.2006 9:54 Uhr Seite 1

Sept./Okt. 5/06 . www.missio-muenchen.de . ISSN1862-1988

>> Korea: Zerrissenes Land

der Morgenstille

>> Thailand: Endstation für

Flüchtlinge aus Myanmar

MENSCHEN, KIRCHE, KONTINENTEmagazin


pdfMI05S03E 01.08.2006 11:11 Uhr Seite 3

Liebe Leserin, lieber Leser,

>> wer glaubt, ist nie allein. Unter diesem Motto steht der baldige Besuch

von Papst Benedikt in Bayern. Er selbst hat dieses Wort erstmals Ende

April des vergangenen Jahres in der Predigt bei seinem feierlichen Einführungsgottesdienst

als Papst verwendet. Hunderttausende, die auf dem

Petersplatz in Rom versammelt waren, konnten persönlich spüren, wie der

Glaube Menschen als Gemeinschaft zusammenbringt und froh stimmt.

Allein aus diesem Grund ist der Papstbesuch so wertvoll.

Wer glaubt, ist nie allein. Das gilt nicht nur für solch ein Großereignis,

nicht nur für die gottesdienstliche Versammlung. Es soll überall wahr werden,

wo Christen zusammenkommen und leben. Das Beispiel Jesu treibt

uns an, niemanden auszuschließen, sondern in die Gemeinschaft derer einzuladen,

die an die Frohbotschaft Jesu Christi glauben und sie umsetzen

wollen. Unser Horizont endet dabei nicht am eigenen Kirchturm, sondern

hat eine weltweite Perspektive. Diesen wesentlichen Aspekt unseres

Christseins aufzuzeigen, ist eine der Aufgaben des missio magazins. So

können Sie in dieser Ausgabe lesen, wie sich der Flüchtlingsdienst der

Jesuiten für Flüchtlinge aus Myanmar einsetzt, die illegal in Thailand

leben. – Ein Beispiel für die weltweite Solidarität der Christen.

Wer glaubt, ist nie allein. Das können wir auch so verstehen, dass unser

Glaube uns nicht abkapselt, sondern zur Begegnung mit anderen ermutigt.

Wie fruchtbar das sein kann, wird an dem Künstler Jyoti Sahi deutlich,

der im vergangenen Jahr unser Gast im Weltmissionsmonat war.

Seine Mutter war Britin und Christin, sein Vater Inder und Hindu. Seine

Bilder verbinden beide Stränge seiner Herkunft. Hier berichtet er über

Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Glauben und Kultur.

Wer glaubt, ist nie allein. Ich hoffe, dass diese Aussage sich mit Ihrer eigenen

Erfahrung deckt. Deshalb lade ich Sie nochmals ein, sich an unserer

Umfrage aus Anlass unseres neuen Logos und missio Mottos zu beteiligen.

Auch wenn Ihre Antwort nicht mehr in das Buch aufgenommen werden

kann, das wir Papst Benedikt im September überreichen werden, wollen

wir sie dennoch dokumentieren. Also geben Sie uns Antwort: Was glaubst

Du? Wofür lebst Du? Was gibst Du?

Herzlicher Gruß,

geeignet und sollten nur von einem spezialisier

Pater Eric Englert

editorial 5/2006

Titelfoto: Fritz Stark, Archiv

TITEL 5/2006

Symbol für das geteilte

Land: In den Baracken

von Panmunjeom

treffen sich noch heute

Nord- und Südkoreas

Delegationen, um über

Familienzusammenführungen

oder

Wirtschaftshilfen zu

verhandeln. Nur ein

schmaler Betonstreifen

markiert hier die Grenze,

bewacht von einem

nordkoreanischen und

einem UN-Soldaten.

02 03


pdfMI05S04D 01.08.2006 11:12 Uhr Seite 4

inhalt 5/2006

04 05

KONG

MIA

44 Jahre

36 THAILAND

Aus Angst vor Verhaftung,

Folter und Tod ist Kong Mia

von Myanmar nach Thailand

geflohen. Dort lebt er mit

anderen Flüchtlingen auf

engstem Raum.

18 KOREA

Blick in ein fremdes Land:

Julia Bönisch und Fotograf

Fritz Stark haben Christen in

Südkorea besucht. Den

Norden des geteilten Staates

konnten sie nur durch ein

Fernglas betrachten.

06/07 BLICKFANG

Wasser in einem Meer aus Sand: Ein neu

gebohrter Brunnen in der Wüste Malis

zieht Mensch und Tier magisch an.

08/09 STICHWORT

Pater Heribert Welte unterrichtete

15 Jahre an einem chinesischen Priesterseminar.

Dort wurde er bespitzelt und

abgehört. Im missio magazin schildert

er, was Redefreiheit für ihn bedeutet.

10 NACHGEFRAGT …

… bei Jyoti Sahi.

Der indische Künstler sagt: „Gott ist

ein Tänzer.“

12/15 FACETTEN

Sicherheit als Mitgift / Tourismusboom /

Fair-Kauf steigt / Magie im Vatikan /

Stiftung ecclesia mundi / Unsere Spender

16/17 SEHEN, HÖREN,

ERLEBEN

Aktuelle Ausstellungen / Medientipps /

Kulturkalender

18/27 KOREA

Kirche im geteilten Land: Wie eine

deutsche Schwester und ein koreanischer

Pater Nord und Süd erlebten.

30/31 GLOSSE/KARIKATUR

Die Wellküren sind froh, dass sie

nicht dabei waren.

32/33 GUSTO

Spezialität aus Thailand:

Kokossuppe mit Zitronengras.

34

36 18 08

34/35 IM VORDERGRUND

Glaube: In der westlichen Welt wächst

die Sehnsucht nach Spiritualität.

36/41 THAILAND

Leben in der Illegalität: Der

blutige Bürgerkrieg in Myanmar

treibt Flüchtlinge ins Elend.

42/43 MOMENTE DER STILLE

44/45 DIALOG

GUT GEDACHT

IMPRESSUM

46 ANDERSWO …

… Durst löschen: Jedes Volk braut sich

sein Lieblingsgetränk – Schlammiges,

Fruchtiges und Hochprozentiges.

08 STICHWORT

Treffen zum Gebet:

In China kontrolliert

der Staat das

kirchliche Leben.

34 IM VORDERGRUND

Glaubensbekenntnis

auf dem Rasen: Der

Brasilianer Lucio bejubelt

sein Tor und Jesus.


pdfMI05S06D 01.08.2006 11:13 Uhr Seite 6

WASSER IN EINEM

MEER AUS SAND

Foto: Michael Martin

blickfang mali

Ein neu gebohrter

Brunnen in der Wüste

Malis zieht Mensch

und Tier magisch an.

Mit aller Kraft versucht

der Rinderhirte, das

Wasser vom tiefen

Grund der Quelle an

die Oberfläche zu

bringen. Denn jeder

Tropfen, mit dem der

Junge seine Familie

und seine Tiere versorgen

kann, ist kostbar:

Mali ist ein Meer aus

Sand. 65 Prozent des

Landes sind heute

Wüste oder Halbwüste.

Der ganze Norden

wird von der Sahara

eingenommen, in

der Mitte erstreckt sich

die wüstenähnliche

Sahelzone. An diesem

unwirtlichen Platz

bedeutet Wasser Nahrung,

Gesundheit und

Leben, Hoffnung auf

eine bessere Zukunft.

06

07


pdfMI05S08D 01.08.2006 11:14 Uhr Seite 8

Pater Paul

Heribert Welte

„Ich durfte das Wort

,Atheismus‘ nicht

benutzen. Denn

wer Atheismus

kritisiert, greift die

Regierung an.“

REDEFREIHEIT

>> Was Freiheit wirklich bedeutet,

wurde mir bewusst, als ich

1990 zum ersten Mal in Shanghai

unterrichtete und dabei die Kontrolle

und Aufsicht der staatlichen

Behörden zu spüren bekam.

1990 konnte ich zwar in einem

Zimmer im Seminar wohnen, doch

Freunde warnten mich vor versteckten

Wanzen. Später wurden

die auswärtigen Dozenten gemeinsam

in einem anderen Haus untergebracht.

Es war auf dem Fußweg

und über viele Stufen zu erreichen.

Vermutlich waren wir auch dort

gut überwacht: Ich merkte zum

Beispiel einmal, dass die Angestellten

mein im Gespräch oft gebrauchtes

„Yes, yes“ nachmachten.

Später zeigte sich die Kontrolle

noch deutlicher. Da wurde mir

nämlich ein gutes Zeugnis ausgestellt

über das, worauf es bei der

Überwachung ankam: Dass ich

nicht allein ausging, keine den Autoritäten

unbekannten Unternehmungen

betrieb, dass ich mich ruhig

verhielt, keinen Wirbel machte

und keinen Kontakt zur „Untergrundkirche“

hatte.

Im Hinblick auf China spricht

man nämlich oft von zwei Kirchen.

Die auf Betreiben der kommunistischen

Regierung gegründete „Patriotische

Vereinigung Chinesischer

Katholiken“ hat sich vom Papst losgesagt.

Sie wählt und weiht ohne

Genehmigung des Papstes Bischöfe,

die eine Bischofskonferenz gebildet

haben. Die Gläubigen und

Gemeinden, die sich an die Weisungen

und Befehle der Patriotischen

Vereinigung halten, nennt

man im Ausland (dummerweise) oft

„Patriotische Kirche“, „Nationalkirche“

oder gar „Staatskirche“. Weil

sie vom Staat anerkannt ist, hat sich

neuerdings der Name „Offizielle

Kirche“ eingebürgert. Ich ziehe jedoch

in schlechtem Deutsch den

Ausdruck „Obergrundkirche“ vor.

> Fotos:

china

Die Volksrepublik China ist

offiziell ein atheistischer Staat.

Zwar erkennt die Regierung vier

Religionen an – den Daoismus,

den Buddhismus, den Islam und

das Christentum –, den Gläubigen

sind dennoch enge Grenzen

gesetzt, von Glaubensfreiheit

kann in China keine Rede sein.

Besonders hart treffen die

Repressionen die römischkatholische

Kirche: Sie ist offiziell

verboten. Der Staat erlaubt nur

Kirchen, die sich ihm unterordnen,

wie etwa die „Chinesische

Katholische Patriotische Vereinigung“.

Sie erkennt als oberste

Instanz nicht den Papst, sondern

die Kommunistische Partei an und

ernennt eigenmächtig Bischöfe.

Pater Welte, 76, hat trotz

zahlreicher Kontrollen und Einschränkungen

15 Jahre in

Priesterseminaren unterrichtet.

Hier beschreibt der Dominikaner,

was der Begriff REDEFREIHEIT

für ihn bedeutet.

Von ihr muss man die so genannte

„Untergrundkirche“ unterscheiden.

Sie widersetzt sich der

Patriotischen Vereinigung; sie fühlt

sich besonders papsttreu und distanziert

sich von der „Obergrundkirche“;

manchmal in heftiger

Weise. In den Augen des Staates ist

sie illegal. Ihre Mitglieder, vor allem

die Bischöfe und Priester, müssen

stets mit Inhaftierung rechnen.

Die „Obergrundkirche“ hingegen

hat einen legalen Status. Sie

kann an bestimmten Orten Gottesdienste

halten, Schwesterngemeinschaften

gründen, Priesterseminare

eröffnen. Doch all das geschieht

unter starker staatlicher Kontrolle

durch das „Büro für Religionsangelegenheiten“,

das auch andere

Kirchen und Religionen überwacht.

Bald nach Ende der „Kulturrevolution“

konnte die „Obergrundkirche“

Priesterseminare eröffnen.

Doch solche Seminare stehen

unter der Kontrolle des Staates. Die

Studenten müssen Kurse über den

Sozialismus mitmachen. Gelegentlich

müssen auch die dort tätigen

Priester an politischen Schulungskursen

teilnehmen. Als ich 1990 in

Shanghai unterrichtete, wohnte ein

politischer Berater ständig im Seminar.

Dort fanden regelmäßig Besprechungen

der Seminarleiter mit

Leuten des Büros für Religionsangelegenheiten

statt.

Diese staatliche Kontrolle erstreckt

sich auch auf die von außerhalb

Chinas kommenden Dozenten.

Offensichtlich wurde jeder Einzelne

unter die Lupe genommen,

schon bevor er im Seminar dozieren

durfte. Gleich am Tag nach meiner

Ankunft wurde ich von Leuten des

Büros für Religionsangelegenheiten

empfangen. Dabei zeigte sich, dass

der Chef der für die Katholische

Kirche zuständigen Abteilung gut

über mich informiert war: Er wusste,

dass ich Deutscher und Dominikaner

bin, dass ich in Taiwan unterrichtet

hatte, dass die Dominikaner

ehemals in der Provinz Fukien als

Missionare gearbeitet hatten. Als

ich 1994 nach Xi An kam, wurde

mir gesagt, dass zuvor einige Telefonate

zwischen Xi An und Shanghai

stattgefunden hatten. Später

mussten alle ausländischen Dozenten

Kopien ihres Passes und ihrer

akademischen Grade vorlegen.

Gleich beim ersten Treffen wurde

mir von einem Beamten des Büros

für Religionsangelegenheiten mitgeteilt,

was ich tun und lassen sollte.

Er sagte sinngemäß: „Du darfst

keine andere als nur die Lehrer-

Schüler-Beziehung zu den Seminaristen

haben.“ Was damit gemeint

war, verriet er nicht. Vermutlich

bedeutete das: Ich durfte

nur meine Vorlesungen halten. Ich

sollte niemanden beeinflussen, von

der „Obergrund-” in die „Untergrundkirche“

zu wechseln, in einen

Orden einzutreten oder einen Studienplatz

im Ausland zu suchen. Er

sagte auch: „Über den Papst kannst

du glauben, was du willst. Doch

es muss klar sein, dass sich der

Papst auf keinen Fall in die Kirche

Chinas einmischen darf!“

Exemplare der Bücher, die ich

im Unterricht verwendete, musste

ich im Büro für Religionsangelegenheiten

abgeben. 1990 wurden

meine Vorlesungen und Predigten

auf Tonband aufgenommen. Als

ich in einem Kurs etwas über Atheismus

sagen musste, verbot mir der

Studienleiter, das Wort „Atheismus“

zu benutzen. Denn wer Atheismus

privat, Hansjosef Theyßen

kritisiert, greife die Regierung an. So

musste ich eben Atheismus mit

„Gottes Wirklichkeit verneinendes

Denken“ umschreiben.

Im Laufe der Zeit lernte ich

Bischöfe, Priester und Schwestern

der „Obergrundkirche” kennen.

Gewiss, nach ihren Statuten hat

sich die Patriotische Vereinigung,

die die „Obergrundkirche“ beherrscht,

vom Vatikan losgesagt,

und manche Führer der Patriotischen

Vereinigung wollen die

Annäherung der chinesischen „Obergrundkirche“

an die Universalkirche

und den Papst verhindern.

Doch ich bin davon überzeugt, dass

sich die meisten ihrer Bischöfe und

Priester und besonders die einfachen

Gläubigen der Universalkirche

und dem Papst von Herzen verbunden

fühlen und – im begrenzten

Rahmen ihrer Möglichkeit –

die volle Einheit suchen.


pdfMI05S10E 01.08.2006 11:14 Uhr Seite 10

nachgefragt bei...

10 11

Foto: Christoph Mukherjee

JYOTI SAHI, 62 JAHRE,

ist ein Grenzgänger zwischen Kulturen. Der Sohn einer englischen

Christin und eines Hindu arbeitet als Künstler in Indien. In seinem

Werk verbindet er Christliches mit der Tradition seiner Heimat.

Herr Sahi, in Ihrem Elternhaus

ging es oft turbulent zu. Wie kamen

Sie als Kind mit den verschiedenen

Kulturen zurecht?

>> Meine Eltern ließen sich viel

Freiraum, so führten beide ihre Traditionen

fort. Weil ich damit aufwuchs

und nichts anderes kannte,

war das für mich kein Problem.

Aber als ich mit 15 Jahren von Indien

nach England ging, wurde alles

komplizierter. Plötzlich wollten

alle von mir wissen, wer ich bin

und wohin ich gehöre. Das werde

ich heute immer noch gefragt. > Ich sage: Ich bin ein Produkt

der Immigration, aber sehr britisch.

Denn Indien ist eine bloße Idee der

Briten. Als sie dorthin kamen, fanden

sie viele Kleinstaaten, die sie

zusammenschlossen – eine künstliche

Nation, die vorher so nie existierte.

Das Ganze nannte man Indien.

Aber die dauernde Frage nach

meiner Identität gibt mir Kreativität.

Das zwingt mich, mir Gedanken

zu machen, und all das fließt in

meine Bilder. > Ja. Sie versuchte zwar nie, aus

mir – dem halben Hindu – einen

ganzen Christ zu machen, aber ich

sah natürlich, wie sie ihren Glauben

lebte. Mein Vater war ebenfalls

religiös. Als Junge feierte ich deshalb

sowohl Weihnachten als auch

hinduistische Feste. > Ich bin Katholik. Auch mein

Vater ließ sich taufen, als er sehr alt

war. Dank meiner Mutter hat er

sich intensiv mit der Kirche beschäftigt

und kam zu dem Schluss,

dass auch er dort glücklich würde.

Ich war bei seiner Taufe Pate. So

habe ich eine besondere Verantwortung

für ihn übernommen.

Trotzdem sind die Gegensätze gerade

in der Religion nicht immer

einfach zu vereinbaren gewesen. > Indern ist das Bild eines leidenden

Gottes fremd. Wenn man

Christus am Kreuz darstellt, ist das

für einen Hindu schockierend. In

der indischen Kunst soll man

nichts Hässliches zeigen. Die Quelle

der Kunst ist Tanz. In Indien ist

Gott ein Tänzer. > Bestimmt. In europäischen

Kirchen wird nicht getanzt. Die

Menschen haben viel zu viel Angst

vor der Körperlichkeit, alles geht

steif und förmlich zu. Ich habe in

Indien einen christlichen Ashram

gegründet. Dort möchte ich zeigen,

dass es auch anders geht. > Die Hippie-Zeit ist längst vorbei.

Mein Ashram ist eine Malschule

und ein Ort der Besinnung.

Mit einem Satz definiere ich es so:

Ein Ashram ist ein Ort, an dem

Türen für Gäste nie schließen.


pdfMI05S12D 01.08.2006 12:37 Uhr Seite 12

facetten international

12 13

SICHERHEIT ALS MITGIFT

Hindu-Hochzeit: Ein

Paar feiert

seine Vermählung.

Standesamtliche Registrierung der Heirat

soll indische Frauen schützen

>> Das Oberste Gericht Indiens

hat die standesamtliche Registrierung

der Heirat zur Pflicht gemacht.

Bisher genügte es, wenn sich

die Paare vor Zeugen in einer Kirche,

Moschee oder zu Hause das Jawort

gaben. Das neue Gesetz könnte

ein wichtiger Schritt zum Schutz

der Frau sein. Die Heiratsurkunde

soll den Frauen die Möglichkeit geben,

sich juristisch zu wehren, wenn

sie zu früh verheiratet werden oder

sich hohen Mitgiftforderungen gegenübergestellt

sehen.

Das offizielle Heiratsalter liegt in

Indien für Frauen bei achtzehn und

für Männer bei einundzwanzig Jahren.

Doch die Statistik zeigt, dass

rund die Hälfte aller Ehen vor Erreichung

des Mindestalters geschlossen

werden. Viele Eltern treiben

ihre Töchter zur frühen Heirat.

Auf dem Land wird die Ehe mit

durchschnittlich 15,3 Jahren vollzogen.

Darauf ist auch die hohe

Müttersterblichkeit zurückzuführen.

Mehr als 150 000 Frauen sterben

jährlich bei der Geburt. Grund

sind die oft dicht aufeinanderfolgenden

und viel zu frühen Geburten.

Eine staatliche Kontrolle soll hier

Abhilfe schaffen. Obwohl auch das

Mitgiftsystem seit 1961 offiziell abgeschafft

ist, wird es aus Prestigegründen

immer noch praktiziert.

Die Forderungen der Familie des

Mannes sind oftmals so hoch, dass

die Familie der Frau durch eine

Heirat in den Ruin getrieben wird.

Die überhöhten Mitgiftforderungen

führen im schlimmsten Fall dazu,

dass weibliche Föten abgetrieben

werden. Abtreibung ist in Indien

erlaubt – die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung

jedoch verboten;

trotzdem wird sie illegal in

vielen Kliniken durchgeführt, weil

die Eltern von Töchtern Sorge vor

der finanziellen Belastung haben.

Neben der neuen gesetzlichen Regelung

schützt vor allem nur eines

indische Frauen: Bildung. Wer einen

Universitätsabschluss hat, kann

sich oftmals dem unmenschlichen

Mitgiftsystem entziehen.

TOURISMUS-

BOOM

Bringen Prominente mehr

Besucher nach Afrika?

>> Wo die Reichen und Schönen

sich aufhalten, da möchte

auch meistens das gemeine Fußvolk

hin. Und weil Schauspieler

wie Angelina Jolie und Brad Pitt

sowie der britische Prinz Harry

seit einiger Zeit auf dem schwarzen

Kontinent weilen, sind auch

andere Reisende auf ihn aufmerksam

geworden. „Wir freuen uns,

dass die Schönheit und Vielfalt

unseres Landes auch Prominenz

aus Hollywood anzieht“, sagt

Maureen Posthuma, Leiterin des

namibischen Fremdenverkehrsamtes

in Frankfurt. Die Bekanntheit

der prominenten Besucher

trägt sicherlich dazu bei, dass

immer mehr Touristen das Land

im Süden Afrikas entdecken.

Dennoch möchte die Behörde

nicht von einem direkten Zusammenhang

sprechen. Schon seit

2004 nimmt die Besucherstatistik

zu. Auf rund 150 000

wird die Zahl der ausländischen

Urlauber pro Jahr geschätzt. Tendenz

steigend.

Auch das kleine Königreich Lesotho,

das in Südafrika liegt, berichtet

von gestiegenen Anfragen.

Der britische Prinz Harry

engagiert sich dort karitativ.

Die wohl berechtigtste Hoffnung

auf mehr Tourismus liegt in der

Fußballweltmeisterschaft 2010

in Südafrika. Und dann locken

wieder Adel und Prominenz,

nämlich „König“ Fußball. > Bananen, Blumen, Wein – die

Supermarktketten bauen ihr Angebot

an fair gehandelten Waren aus.

Doch nicht aus Nächstenliebe.

„Das Interesse der Kunden an fair

gehandelten Produkten nimmt zu“,

sagt Dieter Overath, Geschäftsführer

von TransFair. „Deswegen setzt

sich jetzt auch der Handel verstärkt

MAGIE IM VATIKAN

>> Kaum ein anderes Segment im

Büchermarkt boomt zur Zeit so

stark wie die Ratgeberliteratur. Ein

sorgenfreies Leben, Erfolg in Beruf

und Liebe, neues Selbstbewusstsein

oder übersinnliche Erfahrung – alles

ist im Angebot. Die Zunahme von

pseudo-religiösen Gruppierungen

stellt die christliche Seelsorge vor

neue Herausforderungen. Denn viele

Priester und kirchliche Mitarbeiter

wissen oftmals nicht, wie sie auf

diese Phänomene reagieren sollen.

Aus diesem Grund hat die vatikanische

Universität „Angelicum“ seit

Mitte Mai dieses Jahres einen

neuen Lehrstuhl für „nicht-konventionelle

Religionen und Spiritualität“

eingerichtet. Der Vatikan will

der Ausbreitung von Sekten damit

verstärkt entgegenwirken.

FAIR-KAUF STEIGT

für unsere Waren ein.“ Als Gründe

für die steigende Nachfrage nennt

Overath die sich häufenden Lebensmittelskandale

und das stärkere

Engagement des Handels, der mittlerweile

offensiver für TransFair-

Produkte wirbt.

Erst vor einem Jahr ist sie auf den

Markt gekommen und ist bereits

ein Verkaufsschlager: Die Bio-Banane.

Sie verkauft sich schon fast so

gut wie das umsatzstärkste fair

gehandelte Produkt, Kaffee.

Die faire Bohne verzeichnet zum

Vorjahr ein Absatzplus von zehn

Päpstliche Universität richtet Lehrstuhl für Esoterik ein

40 Prozent mehr fair gehandelte Produkte gingen

in Deutschland über den Ladentisch

„Inhaltlich wird sich das Angebot

zum einen auf das Kennenlernen

der gegenwärtigen esoterischen Szene

erstrecken, aber auch auf die vielen

konfliktträchtigen Sinn- und

Therapieangebote“, sagt der deutsche

Religionshistoriker und Priester

Michael Fuss. Er ist der erste

Dozent am neuen Lehrstuhl. Außerdem

sollen die Studierenden lernen,

Menschen zu begleiten, die eine

Sekte verlassen haben und nach

Orientierung suchen. Wissenschaftliche

wie praktische Kenntnisse

über Therapiemöglichkeiten und

psychologische Methoden stehen

im Lehrplan.

Gastdozenten aus unterschiedlichen

Kulturkreisen werden am

Lehrstuhl für die Studierenden

Vorlesungen halten.


pdfMI05S14D 01.08.2006 11:16 Uhr Seite 14

facetten missio münchen

>

14 15

kurzes

Im Oktober, dem Monat der

Weltmission, ist in der LIGA

Bank München die Ausstellung

„Damit die Hoffnung

nicht stirbt” zu sehen. Der

Fotograf Fritz Stark und

Pater Roger Gerhardy zeigen

eindrucksvolle Bilder

von einem missio Projekt in

Lilongwe, Malawi.

Ort: LIGA Bank München,

Luisenstraße 18 (U-Bahn-

Haltestelle Königsplatz),

80333 München. Nähere

Informationen bei Dr. Verena

Weber, Tel. 089/5162-256,

v.weber@missio.de

Zum „Blick in die Weltkirche“

lädt die Dauerausstellung

von missio in Altötting ein.

Dargestellt werden die Geschichte

der Missionierung

und die Ursprünge des

Ludwig Missionsvereins.

Wenn Sie Interesse an einer

Führung haben (Einzelperson

oder Gruppe), melden

Sie sich bei Sr. Mansueta

Meister, Tel. 08671/85579

ECCLESIA MUNDI

Die Stiftung von missio gibt seit knapp drei

Jahren Spenden und Werte weiter

>> „Wer weiß, wie sich die nachfolgenden

Generationen um die Anliegen

in der Weltkirche kümmern.

Mit unserer Stiftung schaffen wir

nachhaltige Hilfe“, sagt ein Ehepaar

aus Nürnberg, das missio unterstützt.

Die beiden haben vor

knapp zwei Jahren eine Treuhandstiftung

bei ecclesia mundi gegründet.

Die beste Lösung für eine langfristige

und effektive Hilfe, wie die

beiden finden.

Das Prinzip einer Stiftung ist einfach

und erfolgreich. Der Geldbetrag,

der in sie fließt, wird angelegt.

Das Kapital bleibt unangetastet,

die Zinsen jedoch kommen

Das Monument bei missio München: Ein

farbenfrohes Mosaik dankt den Stiftern.

Projekten in Afrika, Asien und

Ozeanien zugute.

Die Stiftung ecclesia mundi wurde

2003 ins Leben gerufen und hat

mittlerweile rund 120 Unterstützer.

„Die Gründung fand großen

Zuspruch. Denn zum einen kann

auf die Wünsche der Spender

genau eingegangen werden, und

Foto: missio

zum anderen ist es möglich, die

Zukunft von bestimmten Projekten

zu sichern“, sagt Verena Weber,

Ansprechpartnerin bei der „Stiftung

für die Weltkirche“. Wem zum

Beispiel die Priesterausbildung am

Herzen liegt, der kann festgelegen,

dass die Zinsen in Projekte für

junge Seminaristen fließen.

Wie gestiftet wird, kann der Einzelne

entscheiden: Spenden, Zustiftungen,

Stiftungsfonds oder die

Gründung einer eigenen Treuhandstiftung

unter dem Dach der Stiftung

ecclesia mundi sind wählbare

Varianten. Für jeden Unterstützer

gibt es die passende Möglichkeit,

langfristig, eben auch über das eigene

Leben hinaus, zu helfen. Bei

Fonds und Treuhandstiftungen hält

der Stifter in der Satzung verbindlich

fest, welche Aufgabe die Stiftung

erfüllen soll und welchen Namen

sie trägt. Sich selbst oder einen

lieben Menschen zu verewigen, ist

für viele ein schöner Gedanke.

Die Verwaltung und Rechtsträgerschaft

wird von der missio eigenen

Stiftung ecclesia mundi übernommen.

Stifterisches Engagement wird

vom Staat in besonderer Weise belohnt:

Zusätzlich zu den steuerlich

abzugsfähigen Spenden können

Zuwendungen an eine Stiftung in

Höhe von bis zu 20 450 Euro im

Jahr vom steuerpflichtigen Einkommen

abgezogen werden. Ein

Bonus der sich für viele, die höhere

Summen spenden, beim Finanzamt

positiv bemerkbar macht.

Kontakt: Dr. Verena Weber, Telefon

089/5162-256, eMail: v.weber@missio.de


pdfMI05S16D 01.08.2006 11:16 Uhr Seite 16

>

16 17

kunst

SCHATZTRUHE

Manuskriptenschrank –

hölzern, mit Rotlack

bemalt, ausgehendes

19. Jahrhundert.

>> Intensiv in ihr Gespräch vertieft sitzt das Pärchen

unter dem blühenden Baum. Der Mann umschlingt

ehrfürchtig eine Gebetskette, die Frau

hält einen Palmblattfächer in ihren Händen. Ein

zwitschernder Vogel begleitet ihre Unterhaltung.

Festgehalten ist diese idyllische Szenerie auf diesem

hölzernen Manuskriptenschrank aus Thailand.

Anhand von Kleidung und Frisuren der Figuren

lässt sich das 133 Zentimeter hohe Möbelstück auf

das ausgehende 19. Jahrhundert datieren. Es

stammt aus einem thailändischen Kloster, einem

so genannten Wat. Dort stand der Schrank in der

Bibliothek und beinhaltete religiöse Handschriften

und Faltbücher. Der besondere Lacküberzug

schützte das empfindliche Holz vor gefräßigen

Insekten und zu viel Feuchtigkeit und sorgte dafür,

dass die darin gelagerten Schätze Generationen

von Schülern zugänglich blieben. Der Manuskriptenschrank

ist Teil der Sammlung im Völkerkundemuseum

in München. ausstellungen > veranstaltungen

DIE WÜSTE

Einblicke in

einen faszinierenden

Lebensraum

Wüste bedeutet mehr als

lebensfeindliche Ödnis.

Wie sich Tiere und Menschen

den harten Bedingungen

angepasst haben, zeigt die

Ausstellung in Rosenheim.

Sie führt durch die

Sandwüsten Afrikas, in die

einsamen Trockengebiete

Australiens und die Steppen

Innerasiens. Originalexponate

illustrieren die

Kulturen der Aborigines, der

Tuareg, Nasca oder Pueblo.

Bis 3. Oktober 2006,

Lokschuppen, Rosenheim

KIRCHENMALEREI

Religiöse Bilder von

Gebhard Fugel

Das Heimatmuseum

Hergensweiler zeigt den

biblischen Bilderzyklus des

Malers, der 1890 die

Deutsche Gesellschaft für

Christliche Kunst gründete.

Die Sammlung wird mit

religiöser Volkskunst der

Region ergänzt.

Bis 5. November 2006,

Heimatmuseum

Hergensweiler

ORIENT UND OKZIDENT

Frühe Götterbilder und

Opfergaben

Wie huldigten Menschen der

Frühzeit ihren Göttern? Wie

stellten sie sie in der Kunst

dar? Diesen Fragen geht das

Pfalzmuseum anhand zahlreicher

Plastiken und Reliefs

aus dem Vorderen Orient,

dem Mittelmeerraum und

Mitteleuropa nach.

Bis 30. September 2006,

Pfalzmuseum Forchheim

GEISTLICHE GESÄNGE

Neue Kirchenmusik im

Passauer Dom

Der französische Komponist

Jean Langlais erblindete, als

er gerade einmal zwei Jahre

alt war. Trotzdem schrieb

er zahlreiche geistliche Lieder

und 13 Messen. Eine der

bekanntesten, die Messe

„Salve Regina”, führen

Passauer Domchor und

Dombläser während der

Tage neuer Kirchenmusik auf.

5. Oktober 2006, 19:30 Uhr,

Dom St. Stephan, Passau

FESTIVAL DER

NATIONEN

Justus Franz präsentiert

Nachwuchs-Elite

Bereits zum elften Mal holt

Stardirigent Justus Franz

talentierte junge Musiker

zu seinem Festival nach

Deutschland. Zum Auftakt

spielt die Geigerin Soyoung

Yoon aus Südkorea gemeinsam

mit dem Orchester

Beethoven und Mozart.

Außerdem auf dem Programm

stehen Schumann,

Schostakowitsch und Ravel.

Vom 23. September bis

zum 1. Oktober 2006,

Bad Wörishofen, Kursaal

AKADEMIEKONZERT

Gregorianischer Choral

und Orgelimprovisationen

Die Regensburger

Kathedrale St. Peter ist das

geistliche Herz des Bistums.

In dem beeindruckenden

Dom gibt die Choralschola

der Hochschule für

Kirchenmusik Gregorianische

Choräle zum Besten.

13. Oktober 2006,

19:30 Uhr, Dom St. Peter,

Regensburg

Margot Käßmann

WIE IST ES SO IM HIMMEL?

>> „Ist Gott durchsichtig? Warum muss man Süßes

teilen?” Kinder fragen ihren Eltern oft Löcher in

den Bauch und geben erst Ruhe, wenn sie wirklich

verstanden haben. Doch wie antwortet man, wenn man

selbst nicht so genau weiter weiß? Die evangelische

Bischöfin Margot Käßmann bietet mit diesem Buch

all jenen Eltern Hilfe an, die ihre Kinder nicht mit

kurzen Sätzen abfertigen wollen. So empfiehlt sie, auf

Jan de Leeuw

DAS SCHWEIGEN

DER EULEN

>>Der 13-jährige Arnoud

verbringt die Sommerferien

im Heimatdorf seiner toten

Großmutter. In ihrem

Nachlass findet er geheimnisvolle

Briefe, die ihn tief in

die eigene Familiengeschichte

und in die Zeit des Zweiten

Oliver Bolch/Urs Morf

BEZAUBERNDES THAILAND

>> Das über 750-jährige Königreich Thailand ist nie

kolonialisiert worden. Das einstige Siam hat dank dieses

geschichtlichen Glücksfalls seine eigenständige Kultur

und seine Traditionen bewahren können. Die Bilder

des Fotografen Oliver Bolch dokumentieren Leben und

Kunst, Spiritualität im Alltag und die Vielfalt land-

Milbry Polk/Mary Tiegreen

FRAUEN ERKUNDEN DIE WELT

>> Die Fotojournalistin Milbry Polk hat mit der

Autorin Mary Tiegreen diesen inspirierenden Erzähl- und

Bildband herausgegeben. Er dokumentiert die Lebenswege

84 außergewöhnlicher Frauen, die unsere Welt entdecken

und erforschen: Angefangen bei frühen christlichen

Pilgerinnen wie der Heiligen Birgitta von Schweden

über Visionärinnen wie Kathryn Sullivan, die als erste

Frau einen Spaziergang im All wagte.

Frederking & Thaler, 256 Seiten, 227 Farb- und

82 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 19,90 €.


pdfMI05S18D 01.08.2006 11:51 Uhr Seite 18

36 37

BRÜCKE IN

DIE FREIHEIT

Korea ist ein zerrissenes Land: Während

südlich der Grenze Wohlstand herrscht,

wird der Alltag im Norden von Armut und

Hunger bestimmt. Die deutsche Schwester

Bertwine und der koreanische Pater

Antonius kennen beide Seiten. Sie hat in

einem Lager im Norden gelitten, ihm

gelang nur knapp die Flucht. – Die

Geschichten zweier mutiger Menschen.

EINE REPORTAGE VON JULIA BÖNISCH

UND FRITZ STARK (FOTOS)

reportage korea

Die Freiheitsbrücke

zwischen Nord- und

Südkorea: 1953 flüchteten

13 000 ehemalige

Kriegsgefangene über

diesen Weg. Heute ist

die Route vermint und

versperrt.

18 19


pdfMI05S20D 01.08.2006 11:52 Uhr Seite 20

D

Blick in ein fremdes

Land: Südkoreanische

Schüler schauen durch

Fernrohre nach Nordkorea

(u.). Die Grenze

markiert der Imjin-

Fluss und ist streng

bewacht (M.), ein

Übergang unmöglich.

Deshalb ist die

Bahnstation an der

Demilitarisierten Zone

(ganz rechts) nur eine

Touristenattraktion.

20 21

>> ie breiten Holzplanken der

Freiheitsbrücke knarren bei jedem

Schritt. Aus verborgenen Lautsprechern

erklingt leise, getragene

Klaviermusik und mischt sich in

den Rhythmus der Schritte der

Fußgänger. Von der Brücke herab

schauen sie auf einen bepflanzten

Teich. Kleine, schillernde Goldfische

schwimmen darin, Seerosen

treiben auf dem Wasser. Die Szenerie

wirkt idyllisch, wären da

nicht diese drückende Hitze und

der schmutziggraue Dunst, der

einem fast die Sicht ans andere

Ufer nimmt. Und wären da nicht

die Soldaten, die Maschinengewehre

und der Stacheldraht.

Die Freiheitsbrücke führt nirgendwo

hin. An ihrem Ende

stoppt ein fünf Meter hoher Zaun

jeden Besucher, ein Weitergehen

ist unmöglich. Dahinter erstrecke

sich vier Kilometer vermintes Niemandsland:

Die Demilitarisierte

Zone wird von einer „Waffenstillstandskommission“

der Vereinten

Nationen überwacht. Dann beginnt

Nordkorea.

Hier, auf der südlichen, demokratischen

Seite ist das geteilte Korea

zur Touristenattraktion geworden.

Ganze Busladungen kommen

aus der Hauptstadt Seoul, um das

Militäraufgebot zu bewundern, einen

Blick auf die andere Seite zu

werfen und einen Wachwechsel zu

beobachten. Eine Schulklasse drängt

sich an den Stacheldraht, um den

kaum 20-jährigen Soldaten bei der

Arbeit zuzusehen: Das Gewicht

ihrer Kampfanzüge und Waffen

drückt, unter ihren Helmen läuft

der Schweiß die Schläfen hinab.

Trotzdem starren sie diszipliniert

und unentwegt durch ihre Feldstecher

ans andere Ufer, ins Land

der Feinde. Die Schüler haben es

da leichter. Im angrenzenden Freizeitpark

können sie sich bei Achterbahnfahrten

aufheitern. Disneyland

trifft Kalten Krieg.

Die Freiheitsbrücke führt über

den Imjin-Fluss, an dessen Ufern

im Koreakrieg blutige Gefechte

stattfanden. Als die verfeindeten

Parteien den Waffenstillstand

schlossen, flüchteten fast 13 000

ehemalige Kriegsgefangene über

die Brücke in den Südteil Koreas.

Mit lauten, dankbaren Rufen sollen

sie auf ihrem Weg die Freiheit

begrüßt und so der Brücke ihren

Namen gegeben haben.

Auch heute noch, mehr als 50

Jahre später, sind Zeichen der

Hoffnung zu sehen. Besucher haben

bunte Tücher, Plakate und

Bilder an die Absperrung geheftet.

„Wir wünschen uns eine friedliche

Wiedervereinigung“, steht da zu

lesen, oder „Wir beten für unsere

Familien im Norden“. Die Teilung

Koreas hat etwa zehn Millionen

Familien auseinander gerissen.

Bis heute gibt es für viele von ihnen

keine Chance auf Kontakt zu

den Verwandten auf der jeweils anderen

Seite. Viele Südkoreaner wissen

nicht, ob Eltern und Geschwister

im Norden überhaupt noch leben.

Und bald werden die beiden

Länder schon so lange getrennt

sein, dass niemand mehr persönliche

Erinnerungen an den abgetrennten

Teil hat. Die Wiedervereinigung

ist für junge Koreaner

längst nicht mehr so wichtig wie

für die Kriegsgeneration.

Darum will Schwester Bertwine

die Erinnerungen wach halten.

Die 92-jährige Benediktinerin

aus dem kleinen bayerischen Dorf

Theilheim bei Würzburg liebt Korea,

obwohl sie hier die schlimmsten

Jahre ihres Lebens verbracht

KIRCHE IN KOREA

reportage korea

Die ersten Christen kamen im

18. Jahrhundert über China nach Korea.

Der neue Glaube wurde von den

Herrschenden jedoch als Bedrohung für

die bestehenden Machtverhältnisse

betrachtet. Deshalb verfolgten sie die

Christen etwa ein Jahrhundert lang.

Erst 1899 gewährte Korea dem Volk

Religionsfreiheit. Die Teilung des

Landes nach dem Zweiten Weltkrieg

bedeutete auch eine Teilung der Kirche.

Während das Christentum im Norden

völlig unterdrückt wird, gibt es im

Süden heute 3,3 Millionen Katholiken.


pdfMI05S22D 01.08.2006 11:53 Uhr Seite 22

Ein Bild aus frühen

Tagen: Ein altes

Schwarzweißfoto

zeigt Schwester

Bertwine (im Bild

unten rechts) mit

anderen Benediktinerinnen.

Heute ist die

92-Jährige die letzte

Überlebende der

Insassen des Lagers

Oksadok.

Schwester

Bertwine, 92

„Das Ende der

Einzelhaft und unser

Wiedersehen hat

uns unglaublich

glücklich gemacht.“

22 23

hat. „Die schlimmsten, aber auch

die schönsten“, sagt sie. „Nach

Deutschland will ich jetzt nicht

mehr zurück.“

Gemeinsam mit 17 Benediktiner-Patern,

22 -Brüdern und 20

Mitschwestern hat Schwester Bertwine

drei Jahre in einem nordkoreanischen

Arbeitslager gelebt. Sie

hätten mit einem Schiff nach

Deutschland zurückkehren können.

Dort wären sie während des

Koreakrieges von 1950 bis 53 zwar

arm, aber sicher gewesen. Statt

dessen waren sie bereit, für ihren

Glauben, das Land und seine Leute

zu sterben. „Wir haben überhaupt

nicht daran gedacht, nach Hause

zu fahren“, sagt Schwester Bertwine.

„Das kam einfach gar nicht

in Frage. Wir hatten doch unsere

Aufgaben zu erledigen.“ 17 Benediktinern

kostete diese Entscheidung

das Leben. Sie starben in dem

Lager namens Oksadok.

Oksadok heißt übersetzt „Dorf

des Edelstein-Sandes“. Ein poetischer

Name, doch die Realität war

bitter. Schwester Bertwine wurde

am 14. Mai 1949 verhaftet, mitten

in der Nacht. Das war das Aus für

ihre Arbeit mit koreanischen Frauen

und Kindern, das Aus für ihre

Arbeit als Lehrerin. Religion passte

nicht ins Weltbild des kommunistischen

Regimes, Missionare

hatten in Korea fortan nichts mehr

zu suchen. „Ich durfte nichts mitnehmen

außer einer Decke. Sie verhörten

uns tagelang in einem Gefängnis“,

erzählt Schwester Bertwine.

„Sie behaupteten, wir würden

mit Geheimsendern zum Vatikan

Spionage betreiben.“ Dann

wurden sie alle in Einzelhaft gesteckt,

zwei Monate lang. Zwei

Monate ohne ein freundliches

Wort, ohne Kontakt zu ihren Mitschwestern

und -brüdern, ohne

eine Messe. „Tagsüber mussten wir

auf dem Boden hocken, in der

Zelle war laufen verboten. Zu essen

gab es immer nur Hirse und Soja-

bohnen, das war scheußlich.“ Allein

beim Gedanken daran schüttelt

sich Schwester Bertwine.

Aufgrund der schlechten Ernährung

hat sie ein Darmleiden, so

dass sie bis heute nicht richtig essen

kann. Die Qualen ihrer Zeit im

Lager sieht man ihr trotzdem nicht

an, die Schwester lacht gern und

viel. Mit ihren 92 Jahren hilft sie

sogar im Klostergarten. „Aber eigentlich

war ich ein Schwächling“,

sagt sie und grinst. „Purer Zufall,

dass ich überlebt habe.“

Nach den zwei Monaten Kerker

wurden die Benediktiner ins

Lager gebracht. „Wir mussten im

Unterrock reisen, stellen Sie sich

das vor! Aber das Ende der Einzelhaft

und unser Wiedersehen hat

uns alle unglaublich glücklich gemacht.“

Im Lager selbst war man

nicht auf die Ankunft der Benediktiner

vorbereitet. Selbst ihre

Baracken mussten sie sich erst

noch selber bauen. Und dann begann

die kräftezehrende Feldarbeit,

das mühsame Holzfällen und

KLOSTER WONSAN

reportage korea

Die Benediktiner sind bereits seit 1909

in Korea aktiv. In den zwanziger Jahren

des vergangenen Jahrhunderts bauten

sie in Wonsan ein Kloster mit einer

Schuhmacherei und anderen Werkstätten

auf. Außerdem eröffneten sie

ein Noviziat, einen Kindergarten und

Schulen. Doch auch in dieser Zeit waren

die Missionare in ihrer Arbeit nicht

frei: Die japanischen Kolonisatoren, die

Korea seit 1910 besetzt hatten, unterstellten

die Kirche ihrer Kontrolle. Sie

proklamierten ihren Kaiser als „Gottheit”

und versuchten, das Christentum

aus dem Alltag zu verdrängen.


MI05S24D 01.08.2006 10:34 Uhr Seite 24

24 25

ZERSTÖRUNG DER ABTEI

Die russische Invasion setzte der Arbeit

der Benediktiner ein jähes Ende: Die

Abtei wurde zerstört, das Kloster

gewaltsam enteignet. Fünf einheimische

und drei deutsche Patres wurden hingerichtet.

Auch drei deutsche Brüder

wurden an die Wand gestellt. Das Klostergelände

wird heute wegen seiner

vielen Ländereien als landwirtschaftliche

Hochschule genutzt, in ganz Nordkorea

gibt es keinen katholischen Priester

mehr. Im vergangenen Jahr konnten

die Benediktiner im Norden zwar ein

Krankenhaus eröffnen, offiziell ist die

Klinik jedoch eine staatliche Einrichtung.

Holzkohle brennen. „Und immer

stand ein Aufseher mit der Waffe

in unserem Rücken. Keine ruhige

Minute hatten wir.“ Die Kommunion

konnten die Benediktiner

in Oksadok nur heimlich empfangen.

„Die fingernagelgroßen Hostien

haben wir selber hergestellt.

Den Weizen dafür säten wir verborgen

zwischen Maisstauden aus“,

erzählt Schwester Bertwine. „Und

aus wild wachsenden Trauben konnten

wir sogar Messwein machen.“

Trotzdem hatten die Lagerinsassen

immer Hunger. Draußen Arbeitende

erhielten pro Tag nur eine

Ration von 700 Gramm, die anderen

600 Gramm. So geschwächt

waren die Brüder und Schwestern

ständig krank. „Das schlimmste

waren die Würmer. Einigen von

uns kamen sie sogar aus Mund und

Nase heraus. Schwester Eva und

Schwester Fruktuosa haben das

nicht überlebt, genauso wie 15

Brüder.“ Die Missionare liegen

noch heute auf dem Perlensand-

Hügel begraben.

1953 endlich, nach drei Jahren

Leiden, durften die Benediktiner

nach Hause. Mit der transsibirischen

Eisenbahn brauchten sie drei

Wochen nach Deutschland, wo sie

im Januar 1954 im Lager Friedland

gemeinsam mit anderen

Kriegsgefangenen ankamen. „Meine

Güte, war das ein Hallo“, sagt

Schwester Bertwina. „Schon auf

dem Weg wurden wir gut behandelt,

weil die Koreaner nicht wollten,

dass wir Schlechtes über ihr

Land erzählen. Und in Deutschland

durften wir endlich wieder

unseren Habit tragen!“ 13 Jahre

lang hatte sie ihre Familie nicht

gesehen, 13 Jahre lang keine einzige

Nachricht von zu Hause bekommen.

„Die dachten, ich wäre

tot. Aber da haben sie sich getäuscht“,

sagt sie und lacht befreit.

„Lange habe ich’s daheim trotzdem

nicht ausgehalten.“

Schon 1958 kehrte Schwester

Bertwina zurück – in den Süden,

denn im Norden konnte die

Kirche zu diesem Zeitpunkt schon

nicht mehr arbeiten. Dort baute

sie das erste Noviziat der Benediktinerinnen

mit auf. „Ich hatte

keinen Groll gegen dieses Land.

Im Gegenteil: Ich hatte es sogar

sehr vermisst.“ So konnte Schwes-

ter Bertwina den Aufstieg Südkoreas

verfolgen. Sie sah, wie aus

dem zerstörten, korrupten Land

nach und nach eine Wirtschaftsmacht

und Demokratie wurde.

„Selbst als ich 58 zurückkam,

waren hier nur Hütten und Reisfelder.

Straßen, Autos, Hochhäuser

– davon war noch keine Rede.“

Heute dagegen zählt die Volkswirtschaft

Südkoreas zu den wichtigsten

der Welt, die Hauptstadt

Seoul ist eine hochmoderne Metropole.

Futuristische Wolkenkratzer

schrauben sich in den Himmel, die

Straßen sind zu jeder Tageszeit mit

Neuwagen verstopft, grelle Leuchtreklamen

in englischer Schrift lokken

in Vergnügungsviertel. Seoul

ist laut, hektisch. Vom „Land der

Morgenstille“, wie Korea sich

selbst nennt, ist nicht viel zu sehen.

Statt dessen prägen eilige Männer

in dunklen Anzügen das Straßenbild.

Traditionelle buddhistische

Tempel mit Pagodendächern

sind im Zentrum so gut wie gar

nicht mehr erhalten. Auch in den

grauen Trabantenstädten außerhalb

der Hauptstadt muss man sie

lange suchen. Dort reihen sich triste

Plattenbauten aneinander.

Pater Antonius, 56

„Die russische Marine,

ihre U-Boote und

Minen konnten uns

nichts anhaben. Gott

muss seine Hand am

Steuer gehabt haben.“

reportage korea

Nordkorea will mit gewaltigen

Militäraufmärschen

seine Stärke demonstrieren

(l.). Pater Antonius

zeigt ein Bild seiner Eltern,

die mit ihm aus Nordkorea

geflohen sind (u. Mitte). In

der Klosterkirche in der

Nähe des südkoreanischen

Waegwan sind Schwestern

ins Gebet versunken (u.).

Eine Tafel erinnert an Brüder

und Patres, die in Korea

ihr Leben ließen (u. r.).


pdfMI05S26D 01.08.2006 13:43 Uhr Seite 26

reportage korea

Modernes Südkorea

(o. l.). Pater Antonius’

Gemeindemitglieder

feiern die Heilige

Messe (o. l.). An der

Grenze in Panmunjeom

(M.) stehen sich nordkoreanische

und UN-

Soldaten gegenüber.

An der Freiheitsbrücke

schreiben Kinder

Grüße auf eine südkoreanische

Flagge (r.).

26 27

In einer dieser grauen Siedlungen

betreut Pater Antonius

Kang eine Gemeinde. Auch er hat

noch eine ganz persönliche Verbindung

nach Nordkorea: Er wurde

dort geboren, und beinahe hätte er

auch sein ganzes Leben dort verbringen

müssen. „Dann hätte ich

kein Priester werden können“, sagt

er. „Christen werden in diesem

Land unnachgiebig verfolgt.“

Zu verdanken hat er seine Rettung

dem amerikanischen Kapitän

Marinus Larue, der 1950 mit dem

Frachter SS Meredith Victory in

Nordkorea vor Anker lag. „Die

Meredith hatte 200 Tonnen Kerosin

geladen. Trotzdem hat Larue so

viele Flüchtlinge auf das Schiff gebracht

wie möglich.“ 14 000, die

Einwohnerzahl einer Kleinstadt,

drängten sich schließlich an Deck

und in den Lagerräumen. Seine

Mutter war darunter, mit ihm,

dem sieben Monate alten Säugling.

Der Vater wartete schon im Süden

auf sie. Auf der Meredith war es so

eng, dass die Passagiere stehen

mussten, drei Tage lang. Sie schliefen

im Stehen, sie trösteten sich im

Stehen, sie bekamen sogar Kinder

im Stehen. „Aber alle haben über-

lebt. Selbst die russische Marine,

ihre U-Boote und Minen konnten

uns nichts anhaben. Gott muss seine

Hand am Steuer gehabt haben.“

Die Meredith war das letzte Schiff,

das Flüchtlinge von Nord nach

Süd bringen konnte. „Diesem Schiff

und Kapitän Larue habe ich mein

Leben zu verdanken“, sagt Pater

Antonius. Auch Larue ist später

Benediktiner-Pater geworden. Die

Flüchtlinge zu retten sei ein Gebot

christlicher Nächstenliebe und

selbstverständlich gewesen, sagte er.

Er wollte nie, dass man Aufsehen

um ihn macht. „Ich habe ihm ei-

nen Dankesbrief geschickt“, erzählt

Pater Antonius. „Aber er hat

nie geantwortet. Seine Mitbrüder

sagten mir, für ihn sei das keine

große Sache gewesen.“

Was aus seiner Familie, seinen

Großeltern, Tanten und Cousins

im Norden geworden ist, weiß

Pater Antonius nicht. Deshalb hat

die Freiheitsbrücke für ihn eine besondere

Bedeutung. Vielleicht, so

hofft er, kommen eines Tages seine

Verwandten über die Holzplanken

gelaufen, rufen laut vor Freude und

machen dem Namen der Brücke

wieder Ehre.

korea

Korea ist – abgesehen vom aus

zwei Teilstaaten bestehenden

Zypern – das letzte geteilte Land

dieser Erde. Der 38. Breitengrad

trennt die ostasiatische Halbinsel

in die sozialistische „Demokratische

Volksrepublik Korea“ und die

demokratische „Republik Korea“.

Die Spaltung besteht erst seit dem

Ende des Zweiten Weltkrieges.

Japan hatte Korea bis dahin annektiert.

Die beiden Siegermächte

Russland und USA bestimmten

1945 jedoch, dass sich die

Streitkräfte nördlich des 38. Breitengrades

den Sowjets zu ergeben

hätten. Südlich davon begann das

Territorium der Amerikaner. Die

Vereinten Nationen übernahmen

das Mandat für die Wiedervereinigung,

konnten die beiden

Landesteile jedoch nicht dazu bringen,

gemeinsame Wahlen durchzuführen.

So wählten 1948 nur die

Südkoreaner einen Präsidenten.

Der von den Sowjets protegierte

Kim Il-sung rief daraufhin im

Norden die Demokratische Volksrepublik

Korea aus und ließ sich

zum Ministerpräsidenten des neuen

Staates wählen. Er errichtete eine

Diktatur nach Stalinschem Vorbild

und erschuf einen nahezu religiösen

Personenkult um sich.

Truppen der Nordkoreanischen

Volksarmee griffen 1950 Südkorea

an, um die Wiedervereinigung

gewaltsam und zu den eigenen

Bedingungen zu erzwingen.

Südkorea konnte sich nur dank

amerikanischer Hilfe verteidigen.

Bis zum Waffenstillstandsabkommen

im Juli 1953 fielen dem Krieg

drei Millionen Zivilisten und über

900 000 Soldaten zum Opfer.

Bis heute existiert kein Friedensabkommen

zwischen den beiden

Staaten, an der vier Kilometer

breiten Demilitarisierten Zone am

38. Breitengrad stehen sich noch

immer eine Million Soldaten gegenüber.

Der nordkoreanische Diktator

Kim Il-sung starb zwar 1994, doch

wurde er nach seinem Tod zum

„Ewigen Präsidenten“ erklärt und

die Führung des Landes ohne

Wahlen in die Hände seines Sohnes

Kim Jong-il gelegt.

Die Bevölkerung leidet furchtbar

unter dem autoritären Regime:

Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit

existieren schlichtweg nicht,

Regimekritiker werden in Arbeitslagern

mundtot gemacht oder

öffentlich hingerichtet. Dazu kommt

die hoffnungslose wirtschaftliche

Lage des Landes: In den neunziger

Jahren sollen bis zu zwei Millionen

Menschen verhungert sein. Die

Welternährungsorganisation

schätzt, dass heute mehr als die

Hälfte der Bevölkerung an

Unterernährung leidet. Gesicherte

Informationen gibt es darüber

jedoch nicht, da das Regime die

Einwohner vollkommen von der

Außenwelt abschottet. Ausländischen

Journalisten, die über die

Missstände berichten könnten,

wird die Einreise verweigert. Auch

Hilfsorganisationen sind unerwünscht.

Von sich Reden macht

Nordkorea derzeit wegen seines

Atomprogramms: Das Land hat

unerlaubt Atomwaffen entwickelt.

Die Internationale Gemeinschaft

bemüht sich, das Land zu einem

Verzicht auf das Programm zu

bringen. Erst im Juli dieses Jahres

provozierte Kim Jong-il jedoch,

indem er sieben Raketen in

Richtung der USA abfeuerte.

Südkorea dagegen hat sich zu

einer der bedeutendsten

Volkswirtschaften der Welt entwickelt

und ist Weltmarktführer

in verschiedenen Technologiebranchen.

Doch bis dahin war

es ein weiter Weg, der über

mehrere Militärregierungen führte.

Echte demokratische Verhältnisse

herrschen erst seit knapp

20 Jahren.

Karte: Infochart Diehl

In Seoul steht das alte

Stadttor Namdaemun

(o. l.). In der Demilitarisierten

Zone sind eine

Million Soldaten stationiert

(o. l.). Die Grenze

zwischen den koreanischen

Staaten verläuft

in Panmunjeom mitten

durch den Tisch in

einer Baracke (u.). Hier

verhandeln die Vertreter

beider Staaten auch

heute noch.


pdfMI05S30D 01.08.2006 11:54 Uhr Seite 30

Foto: Hans-Peter Hösl

glosse die wellküren

>

30 31

glosse

Die Wellküren touren seit

20 Jahren auf renommierten

Kleinkunstbühnen

durch Deutschland,

Österreich und die Schweiz.

Die Schwestern Moni,

Burgi und Bärbel stehen für

die weibliche Synthese aus

bayerischer Volksmusik

und Kabarett. Mit musikalischem

Genie verknüpfen

sie Tradition und Aktualität,

Landleben und Weltkultur.

Sie stammen, wie ihre

Brüder, die Biermösl Blosn,

aus der 17-köpfigen

Volksmusikantenfamilie

Well aus Günzlhofen, einer

kleinen Gemeinde zwischen

München und Augsburg.

SIND WIR FROH, DASS

WIR NICHT DABEI WAREN, ALS ...

... unsere Dorfältesten

das neue missio magazin

gelesen haben.

>> Moni: Also, wir ham ja jetzt

auch seit kurzem an schwarzen

Pfarrer in Oberschweinbach.

Burgi: An echten afrikanischen!

Aber in Deutschland studiert hat

er und Doktor ist er auch!

Moni: Und trotz allem: Ich find

ihn total sympathisch!

Bärbi: Also, wie ihr daherredet,

schlecht könnt’s einem werden!

Moni: Ich glaub’, dass des ein

Zeichen ist. Dafür, dass es jetzt

andersrum geht bei uns!

Bärbi: Wie andersrum?

Moni: Ja, vor 200 Jahren sind

unsere Missionare nach Afrika

runter und haben den Wilden da

ihre Götzenbilder und Totems und

des ganze Voodoo-Zeug ausgeredet

und statt dessen a Kirch hingebaut.

Die Wellküren (v.l.n.r.): Burgi Well, Barbara Well-Pixis, Monika Well-Hösl

Burgi: Und heute holen wir die

christliche Mission wieder zurück

– nach Oberschweinbach!

Moni: Re-Import quasi! Wegen

dem Werteverfall überall bei uns

im Dorf.

Burgi: Sodom und Gomorrha,

wo du hinschaust! Höchste Zeit,

dass unsere Jugend vom Saufen

im Bauwagen oder von der

Playstation wieder in d’ Kirch

zum Ministrieren geht!

Moni: Also, dass halt wer kommt

und jetzt unsere Götzen und

falschen Heiligen ...

Burgi: Die ganzen Flachbildfernseher,

die wir zur WM gekauft

ham.

Moni: Und die Krombacher

Biertragl.

Burgi: Und des ProSiebenSatEins.

Moni: ... wieder rausmissioniert!

Bärbi: Und dafür brauchen wir

ausgerechnet einen Afrikaner?

Moni: Freilich, weil nur die sich

mit heidnischen Stammes-Ritualen

und Warlords richtig auskennen.

Bärbi: Bei uns!

Burgi: Ja Stamm-Tische und

Schützenvereinsvorstände ham

wir da genug.

Moni: Und die bestimmen am

Ende immer noch, wo’s bei uns

lang geht – mit den Werten

und überhaupt!

Bärbi: Und der arme Pfarrer soll

des jetzt so einfach alles richten?

Moni: Ja, Missionare ham’s halt

nicht leicht, des war damals in

Afrika auch nicht anders.

Burgi: Viele sollen ja an Malaria,

Gelbfieber und anderen grausligen

Krankheiten gestorben sein ...

Moni: Wir san übrigens seit vier

Wochen auch Geflügelpestsperrgebiet.

Burgi: ... und durch Menschenfresser!

Moni: I sog nur Rotenburg.

Burgi: ... und durch Folter!

Moni: I sog nix.

Burgi: So ein Missionarsleben war

halt schon immer ein gefährliches

Abenteuer.

Moni: Und jetzt ham sich auch

noch die Stammesältesten des

Dorfes gegen ihn verschworen.

Burgi: Also der Pfarrgemeinderat.

Moni: Mit Flüchen sollen’s ihn

belegt haben!

Burgi: Hoffentlich überlebt er des

alles, sonst seh’ ich schwarz für

unsere Gemeinde.

Bärbi: Also, wenn’s ihr des so da

reinschreibt’s, dann is in

Oberschweinbach da Deifi los.


pdfMI05S32D 01.08.2006 11:54 Uhr Seite 32

32 33

KOKOSSUPPE

ZUBEREITUNGSZEIT

30 Minuten

GARZEIT

20 Minuten

PRO PORTION

ca. 320 kcal

ZUTATEN

(für 4 Personen)

200 g Hähnchenbrustfilet

4 EL Fischsauce

1 Bund Koriander mit

Wurzeln

1 Stück Galgant (ca. 3 cm)

4 Zitronenblätter

1 Stängel Zitronengras

1 Dose Kokosmilch (400 g),

nicht geschüttelt

4 EL helle Sojasauce

8 Kirschtomaten

etwa 4 EL Zitronensaft

Salz

1 Prise Zucker

1. Hähnchenfleisch kalt abwaschen,

trockentupfen, in Stücke

schneiden. In eine Schüssel geben

und mit Fischsauce vermischen.

Zugedeckt ziehen lassen, bis die

übrigen Zutaten vorbereitet sind.

2. Korianderwurzeln abschneiden,

waschen, sehr fein hacken.

Galgant waschen, in dünne

Scheiben schneiden. Zitronenblätter

und Zitronengras von

harten Blättern befreien, Stängel

weich klopfen und verknoten.

3. Den dickflüssigen Teil der

Kokosmilch in einem Topf

etwa 3 Min. köcheln lassen.

Korianderwurzeln hinzufügen,

1 Minute anbraten. Restliche

Kokosmilch, Galgant, Zitronengras

und -blätter hinzufügen

und zum Kochen bringen.

4. Mit 1 / 2 l Wasser auffüllen,

Sojasauce unterrühren. Wenn die

Suppe wieder kocht, mariniertes

Hähnchenfleisch hineingeben,

5 Minuten sanft garen.

5. Tomaten waschen, vierteln.

Koriandergrün grob hacken.

Rezept und Fotos entnommen aus:

Dara Spirgatis, Margit Proebst

Thailand

Reihe: GU Küchen der Welt

168 Seiten, ca. 120 Farbfotos

Format 21 x 27 cm. Hardcover.

19,90 Euro (D) / 20,50 Euro (A) / 34,90 sFr

ISBN 3-7742-6627-1

Foto: Jörn Rynio

6. Tomaten und Koriandergrün

unter die Suppe rühren, 2 Minuten

ziehen lassen. Suppe mit

Zitronensaft, Salz und Zucker

abschmecken, Zitronengrasknoten

entfernen. Zitronenblätter und

Galgant mitservieren, aber nicht

mitessen.

Tipp: Servieren Sie zur

Suppe ein kleines

Schälchen mit einer

Mischung aus zwei EL

Fischsauce, einem TL

Zitronensaft und einer

fein gehackten, kleinen

roten Chilischote.

>> Woher die Kokosnuss letztendlich

genau kommt, weiß keiner.

Weil die Frucht so gut schwimmt,

wird sie über weite Strecken im

Meer umhergetrieben, ohne ihre

Keimfähigkeit zu verlieren. Einzelne

Nüsse sollen angeblich sogar

Skandinavien erreicht haben. Ans

Ufer gespült, schlägt sie aber vor

allem in subtropischen Gefilden

Wurzeln. Als Ursprungsland kommen

Malaysia, Polynesien oder

Zentralamerika in Frage.

Die Kokospalme wird schon seit

über 1000 Jahren kultiviert. Der

Baum trägt das ganze Jahr über

Früchte, die ständig nachwachsen.

Die Ernte der bis zu 2,5 Kilo

schweren Nuss ist nicht ganz einfach.

In Thailand werden dafür Makaken-Affen

ausgebildet, die in einer

Schule das Pflücken lernen. Ihre

Dressur ist schwierig, da sie nicht

nur das Abdrehen der Nuss üben,

sondern auch auf die Zurufe ihres

Besitzers reagieren müssen. An eine

Leine gehängt, werden die Äffchen

durch das Gewirr der Äste gelotst.

Verfangen sie sich und müssen oben

auf Rettung warten, verlieren sie

das Interesse an der Nussernte, die

für die Tiere ein Spiel ist. Einen

Makaken-Affen zu halten, zahlt sich

für den Besitzer aus, denn er pflückt

bis zu 1200 Nüsse pro Tag. Gute

Ernteaffen sind für die dortige Bevölkerung

von großem Wert. Ihr Besitz

ist mit einem Arbeitselefanten vergleichbar.

Die Tiere kosten jedoch

deutlich weniger Unterhalt, denn

die verspielten Äffchen leben als

Mitglied in der Familie.

Die beliebte Kokosmilch, die aus

der tropischen Küche nicht mehr

wegzudenken ist, kommt jedoch in

der Natur nicht vor. Sie wird aus

dem weichen, zerkleinerten Fleisch

der jungen Nuss gewonnen. Zusammen

mit heißem Wasser oder heißer

Milch eingeweicht, ergibt die

Pressung die Kokosmilch, die bei

uns im Asia-Laden erhältlich ist.

Die schwere Frucht ist nicht ganz

ungefährlich: Laut Unfallstatistiken

der Versicherungen sterben pro Jahr

weltweit 150 Menschen durch eine

herabfallende Kokosnuss.

Fotos: agenda/Böthling

kokosnuss

Ko|kos|nuss, die; -n;

-nüsse Frucht der

Kokospflanze

aus port. (Kinderspr.)

coco „Schreckgespenst“

32 33


pdfMI05S34D 01.08.2006 11:55 Uhr Seite 34

Die Gesellschaft hat ein

neues Lieblingsthema

entdeckt: den Glauben.

In Gesprächsrunden,

Interviews und Büchern

bekennen sich Prominente

neuerdings gerne

öffentlich zu ihrer Religion.

IM SUPER-

MARKT

DER

RELIGIONEN

>> Er wäre ein anderer, wenn er

nicht in einem unverkrampft religiösen

Elternhaus aufgewachsen

wäre. Wenn er nicht die Ferien bei

seinem Onkel im Pfarrhaus oder bei

einer Tante im Kloster verbracht

hätte. Die Religion biete ihm Sicherheit

und Grundvertrauen: Einer

wird’s schon richten. Der Moderator

Thomas Gottschalk spricht bei

einer Diskussion über „Medien und

Werte“ im Bistum Münster offen

über seine katholische Erziehung

und seinen Glauben.

Über die eigene Überzeugung

zu plaudern ist für viele Prominente

kein Tabu mehr. „Es gab eine Zeit,

da meinten viele, dass die Religion

3

Fotos: dpa

1

2

und mit ihnen die Kirchen aus dem

öffentlichen Leben verschwinden

würden. Eine gottfreie Welt, die

dem Menschen als oberstem Wesen

allein anvertraut ist, war der humanistische

Traum,“ sagt der österreichische

Theologe Paul Zulehner.

„Diese Zeit geht nun zu Ende. Die

dem Menschen allein überlassene

Welt scheint nicht so bekömmlich

zu sein, wie viele hofften.“ Und er

scheint damit recht zu haben. Ob

der brasilianische Nationalspieler

Lucio nach einem Tor sein T-Shirt

mit der Aufschrift „Gott ist meine

Kraft“ hochreißt oder in einer

Talkshow der Plausch Richtung

Religion abwandert: Man bekennt

sich wieder. Gerne auch öffentlich.

Die spirituellen Aufbrüche überraschen

dennoch. In den Siebzigerjahren

war es eine sichere Prognose,

dass Religion aus der Gesellschaft

verschwinden würde. Doch die

bestätigte sich nicht. Die Säkularisierung

schreitet zwar fort, aber

parallel dazu findet ein weltweiter

Aufschwung von Religiosität und

Spiritualität statt. Für den Münchner

Soziologen und Theologen Thomas

Bohrmann ist diese Entwick-

4

lung nicht ungewöhnlich. „In unserer

zunehmend technischen und

anonymen Gesellschaft fehlen die

Werte. Und die Religion setzt all

diesem Leistungsdenken entgegen:

Jeder Mensch ist etwas wert, jeder

ist einzigartig.“ So begibt sich die

Gesellschaft wieder auf die Suche

nach Werten. Und wie in einem

Supermarkt greift man sich das heraus,

was einem gut tut.

Christ oder Buddhist?

Auch Statistiken untermauern

den Trend: Die Erzdiözese München-Freising

meldet, dass 2004

die Kirchenaustritte in Bayern um

etwa 25 Prozent zurückgegangen

sind. Und eine Umfrage der Katholischen

Nachrichtenagentur (KNA)

hat ergeben, dass Erwachsenentaufen,

Wiedereintritte und Konversionen

mittlerweile deutlich zunehmen.

Viel Aufmerksamkeit brachte

auch der Medienrummel um den

verstorbenen Papst Johannes Paul II.

und die Neuwahl von Papst Benedikt

XVI. „Bei den Berichten über

Johannes Paul II. haben sich viele

gesagt: ,Ja, ich denke genauso, ich

fühle genauso, und will das nach

außen tragen‘“, erklärt Bohrmann.

Die Menschen hätten im verstorbenen

Papst erkannt, dass materielle

Werte allein nicht glücklich machen.

In der Kirche sähen sie eine

Gegenbewegung zur modernen Gesellschaft.

Dort suchten und fänden

sie Kontinuität und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Auch wenn der Trend der Religionssuche

insgesamt erfreulich ist:

Längst nicht alle suchen den Sinn

ihres Daseins in der christlichen

Lehre. Die asiatischen Religionen

werden im Westen immer beliebter.

Vor allem der Buddhismus

scheint in der Gesellschaft Fuß zu

fassen. Er unterscheidet sich in einigen

Dingen grundlegend von dem

westlichen Verständnis von Religion.

Die Lehre kennt keinen allmächtigen

Gott, zu dem der Gläubige

eine persönliche Beziehung

hat. Und auch die christliche Vorstellung

vom Leben nach dem Tod

gibt es nicht. Der Buddhismus

beruht auf dem Prinzip: Übe, und

mache selbst die Erfahrung.

Nach diesem Grundsatz lehrt

auch der Benediktinermönch und

Zen-Meister Pater Willigis Jäger.

„Die meisten Menschen suchen

nicht den Buddhismus als Konfession,

sondern sie suchen einen spirituellen

Weg“, so Pater Willigis.

Durch Ruhe und Konzentration sollen

die wesentlichen Aspekte des

Lebens wieder verstärkt ins Bewusstsein

treten. Der mystische

Weg der Christen wurde bis ins hohe

Mittelalter hinein als Gebetsform

gelehrt, aber später vernachlässigt.

Um die Attraktivität der

buddhistischen Lehre zu steigern,

hilft aber auch die Prominenz nach.

Der Hollywood-Schauspieler Richard

Gere bekennt sich seit über

20 Jahren zum Buddhismus.

Trend aus Hollywood

Auch andere Berühmtheiten

propagieren den tieferen Sinn. So

wirbt die US-amerikanische Sängerin

Madonna, aus einem streng katholischen

Elternhaus stammend,

für die jüdische Lehre Kabbala. Die

mystische Geheimlehre verspricht

inneren Frieden, Stärke und Selbstbewusstsein.

Dinge, die man mit

Geld nicht kaufen kann. Oder

doch? Schließlich zahlen die Kabbalisten

einen Teil des Einkommens

als Grundgebühr und besuchen

teure Kurse, um die nächste

Erkenntnisstufe zu erreichen. Daher

ist die Sängerin bei jüdischen

Würdenträgern in die Kritik geraten.

Sie trage zur Verflachung und

Verfälschung bei. Trotzdem gilt

Kabbala – die Gemeinschaft wird

als Gemisch aus Religion, Sekte

und jüdisch-esoterischer Zahlenmystik

gesehen – derzeit zu den wohl

angesagtesten spirituellen Trends in

Hollywood. In Deutschland stößt er

allerdings auf wenig Interesse.

Umstrittene Sinnsucher

Die Suche nach dem Sinn nimmt

oft fragwürdige Auswüchse an. Das

bekannteste Beispiel ist die Organisation

Scientology. 1954 von einem

Romanautor gegründet, ist sie in

Deutschland sehr umstritten. Die

Lehre ist einfach: Der Mensch hat

geistig-psychische Defizite. Um diese

zu beheben, braucht er Hilfe. Mit

teuren Kursen, die Glück und Erfolg

versprechen, zieht die „Kirche“,

wie sie sich selbst nennt, ihre

Kunden an. Bekanntestes Aushängeschild

ist der amerikanische

Schauspieler Tom Cruise. Bei keinem

seiner Interviews vergisst er,

auf die positiven Seiten des „Wirtschaftsunternehmens“

hinzuweisen.

Auch wenn es einige schwarze

Schafe im „Supermarkt der Religionen“

gibt. Insgesamt wird das neu

geweckte Interesse an der Religion

positiv gesehen. Die Frage ist nur,

ob die christlichen Kirchen für diese

neue Offenheit der Gesellschaft

gerüstet sind.


pdfMI05S36D 01.08.2006 11:56 Uhr Seite 36

Der blutige Bürgerkrieg in Myanmar hat sie

über die Grenze getrieben. Einen Weg

zurück gibt es für sie nicht, zu groß ist die

Angst vor Verhaftung, Folter und Tod.

Aber auch hier in Thailand ist ihre Zukunft

ungewiss: Tausende burmesischer Flüchtlinge

leben deshalb illegal in Bangkok – untergetaucht

und am Rande der Gesellschaft.

36 37

EINE REPORTAGE VON KRISTIN PAULI

MIT FOTOS VON FRITZ STARK

SHI

KIANG

28 Jahre

reportage thailand

SHI KIANG

Alter: 28 Jahre

Herkunft:

Unionsstaat Mon

in Bangkok seit:

Dezember 2000

Status:

illegal

Ziel für die Zukunft:

„Ich möchte gern

studieren und

Journalist werden.

Dann könnte ich

über mein Leben

und die Situation in

meinem Land

schreiben und den

Menschen dort helfen.”

36 37


pdfMI05S38D 01.08.2006 11:56 Uhr Seite 38

PUMACHAY

Alter: 22 Jahre

KAINGMOE

Alter: 28 Jahre

NAING

Alter: 3 Jahre

Herkunft:

Unionsstaat Arakan

in Bangkok seit:

November 2005

Status:

illegal

Ziel für die Zukunft:

„Ich wünsche mir,

dass ich mit meiner

Familie Heute hier infließt

das

Leben in Bagamoyo

Thailand bleiben kann

ruhig dahin. Das

und bald eine gute

Sklaverei-Museum

Arbeit finde. Denn

erinnert mit Bildtafeln

schließlich

an die

muss

schreckliche

ich

meine Frau Geschichte und mein des

Kind irgendwie Hafenstädtchens. ernähren,

auch wenn wir

alles verloren haben.“

PUMA

CHAY

22 Jahre

Eine Großbaustelle in einem Vorort

von Bangkok: Zwischen Bergen

aus Schutt und ausgehobener Erde

hat die Baufirma Hütten aus Wellblech

errichtet, in denen die Arbeiter

wohnen. Die Unterkünfte stehen

auf Stelzen, denn das Gelände

ist sumpfig. Unter ihnen fließt trübe

das Abwasser, Plastiktüten und

leere Flaschen treiben an der Oberfläche.

Hier hat Shi Kiang* Unterschlupf

bei einem Landsmann gefunden

– zumindest für ein paar

Monate. Der junge Mann teilt sich

mit seinem Freund einen Raum in

einer der Baracken. In der Ecke steht

ein Gaskocher, auf dem Boden liegen

zwei Matten zum Schlafen. Ne-

KAING

MOE

NAING 28 Jahre

3 Jahre

benan hustet ein Nachbar, dann hört

man schnarchende Geräusche. Aber

die dünnen Wände haben auch Vorteile:

Eine von ihnen hat Shi Kiang

so bearbeitet, dass sich das Blech

ein Stück weit verbiegen lässt. Dahinter

ist ein Hohlraum, in dem er

sich versteckt, wenn die Polizei

kommt. Eingezwängt zwischen zwei

Lagen Wellblech harrt er dann unbeweglich

aus, sein Atem geht

flach, sein Herz schlägt ihm bis

zum Hals. Und er hofft, dass er ein

weiteres Mal unentdeckt bleibt.

Angst begleitet Shi Kiang

schon sein halbes Leben lang: Er

kommt aus dem Unionsstaat Mon

in Myanmar, das früher Burma

oder Birma genannt wurde. Hier

kämpfen seit Jahrzehnten Rebellengruppen

gegen das Militärregime

– für mehr Autonomie und

gegen die willkürliche Gewalt der

staatlichen Armee. „Mein Vater

war Bauer und wir hatten zwei

eigene Äcker, die wir bewirtschaftet

haben. Doch dann hat uns die

Regierung das Land weggenommen.

Und als sich mein Vater gewehrt

hat, haben die Soldaten ihn

gefoltert. So lange, bis er kein

Wort mehr gesagt hat“, erzählt

der 28-Jährige. Nachdem seine

Familie ihre Existenzgrundlage

verloren hatte, schlug sich Shi

Kiang eine Zeit lang als Saison-

arbeiter durch. Doch am Ende sah

er für sich keine Zukunft mehr

und beschloss, seine Heimat zu

verlassen und nach Thailand zu

fliehen. Beim zweiten Versuch gelang

es ihm, sich bis nach Bangkok

durchzuschlagen.

Inzwischen lebt er seit fünf

Jahren hier – illegal. Denn die

thailändische Regierung erkennt

ihn nicht als Flüchtling an, da er

nicht unmittelbar vor Kampfhandlungen

aus seinem Land

geflohen ist. Auch sein Antrag

beim Flüchtlingswerk der Vereinten

Nationen (UNHCR) wurde

abgelehnt. „Ich habe einen Brief

bekommen, in dem stand, mein

Leben wäre nicht ernsthaft genug

in Gefahr: Das Dorf, aus dem ich

komme, ist sehr klein. Deshalb sei

es auch nicht wahrscheinlich, dass

mich die Regierungstruppen dort

finden würden.“ Doch Shi Kiang

möchte sich nicht auf diese

„Wahrscheinlichkeitsrechnung“

verlassen und ist untergetaucht:

„Ich will nicht ins Gefängnis und

ich will auch nicht sterben. Ich

will leben – hier in Thailand oder

in einem anderen sicheren Land.“

Die Angst um ihr Leben hat

sie aus ihrer Heimat vertrieben

Auch Kaingmoe ist nach Thailand

gekommen, in der Hoffnung

auf ein besseres Leben für sich, seine

Frau Pumachay und den dreijährigen

Sohn Naing. In seiner alten

Heimat musste er zum Schluss

um sein Leben fürchten: „Ich habe

mit eigenen Augen gesehen, wie

ganze Dörfer zerstört und Menschen

erschossen wurden, nur weil

sie sich geweigert hatten, den Soldaten

ihre Ernte zu überlassen.“

Auch der 28-Jährige wurde Opfer

der Schikanen: „Ich hatte ein Boot,

mit dem ich Reis auf dem Kaladan

River transportiert habe. Entlang

des Flusses gibt es viele Kontrollpunkte.

Dort haben Soldaten auf

mich gewartet: Sie haben meine

Papiere ‚kontrolliert’ und behauptet,

sie seien nicht in Ordnung.“ Er

schluckt. „Dann haben sie mich mit

ihren Waffen gezwungen, meine

Kleider auszuziehen und haben mich

zusammen mit 40 anderen Männern

gefesselt. Einen ganzen Tag

lang mussten wir so dastehen, in

der brennenden Sonne und ohne

einen Schluck Wasser. Ich habe die

ganze Zeit gedacht: Jetzt ist es so

weit, jetzt töten sie dich. Aber zum

Glück haben sie uns nur unser

Geld weggenommen und uns dann

wieder frei gelassen.“

Nach diesem Erlebnis beschließt

Kaingmoe, sein Land zu

verlassen: Er nimmt das Geld, das

er und seine Frau gespart haben,

und bezahlt damit einen Schleuser,

der sie nachts über die Grenze nach

Thailand bringt. „Ich hatte gehört,

dass in Bangkok viele meiner

Landsleute aus Arakan sind, deshalb

sind wir hierher gekommen.“

Bei der Arakan Oversea Organisation

haben er und seine Familie

jetzt erst einmal ein Dach über dem

Kopf und bekommen zu essen. Die

Mittel dafür stammen aus Spenden

von Landsleuten, die in Thailand

reportage thailand

38 39


pdfMI05S40D 01.08.2006 13:27 Uhr Seite 40

reportage thailand

Pater Bernard

Arputhasamy

„Die Menschen

kommen aus

Myanmar, weil ihr

Leben dort in

Gefahr war. Jetzt

sind sie hier und

leben wieder in

ständiger Angst.”

Maung Maung (vorne

links) bringt den

Männern bei, sich auf

Thai und Englisch

richtig auszudrücken.

Sein Unterricht ist ihre

einzige Chance auf

Bildung.

40 41

arbeiten. Aber auch der Flüchtlingsdienst

der Jesuiten (JRS) unterstützt

die Organisation bei ihrer

Arbeit: „Solche Selbsthilfegruppen

sind für viele Flüchtlinge die erste

Anlaufstelle, weil sie den Menschen

dort vertrauen. Aber nicht immer

kann man ihnen dort auch bei

rechtlichen Fragen und im Umgang

mit den Behörden helfen. Darum

kümmern wir uns dann, damit

sie die Chance haben, legal in Thailand

zu bleiben oder in ein sicheres

Drittland ausreisen zu können“, erklärt

P. Bernard Arputhasamy, 38,

vom JRS. Auf eine solche Zukunft

werden die Flüchtlinge auch durch

Sprachkurse vorbereitet: Jeden Samstag

und Sonntag findet in der Baracke

der Arakan Oversea Organisation

Unterricht in Thai und Englisch

statt. Rund 20 Männer wiederholen

dann im Chor die Wörter,

auf die ihr „Lehrer“ Maung Maung

vorne an der Tafel zeigt.

Auch Maung Maung kommt

aus Myanmar. Der 24-Jährige studiert

in Bangkok Wirtschaftslehre.

Ganz legal, von Montag bis Freitag.

Am Wochenende jedoch fährt

er mit dem Bus hinaus an den

Stadtrand von Bangkok, um seine

Landsleute zu unterrichten. „Ich

weiß, dass das nicht ganz ungefährlich

ist, denn nach meinem Studium

werde ich zurück nach Myanmar

gehen und was ich hier tue,

würde meiner Regierung überhaupt

nicht gefallen. Deshalb muss

ich heimlich hierher kommen.

Nicht einmal meine Eltern wissen

Bescheid, denn ich möchte nicht,

dass sie sich Sorgen machen und

will sie auch nicht in Gefahr bringen.

Aber unterrichten werde ich

auch weiterhin. Denn für meine

Landsleute ist das hier die einzige

Chance auf Bildung.” Dass sie auf-

grund ihrer Illegalität keine reguläre

Schule besuchen können, ist vor

allem für die Kinder der Flüchtlinge

dramatisch, die häufig schon

in ihrer alten Heimat lange keinen

richtigen Unterricht mehr hatten.

So auch die 16-jährige Ma Chit

Suu. „Hallo, mein Name ist Ma

Chit Suu“, sagt sie in fließendem

Englisch und öffnet die Tür. Sie ist

ein aufgewecktes Mädchen mit

wachen Augen und lebhaften Gesten.

„Früher hat ihre Mutter sie

unterrichtet. Von ihr hat sie auch

Englisch gelernt“, erzählt Vater

Kong Mia stolz. Doch die Mutter

ist während der Flucht von Myanmar

nach Thailand gestorben. Jetzt

lebt Ma Chit Suu mit ihrem 12jährigen

Bruder und dem Vater in

einer Einzimmerwohnung in Bangkok.

Ein Bett, ein Schrank eine

Kochnische mit Waschbecken –

innerhalb der vier Wände spielt

sich das ganze Leben der Familie

ab. „Ich habe versucht, eine Schule

oder etwas Ähnliches für meine

Kinder zu finden, aber leider vergeblich“,

seufzt Kong Mia. Auch

sein Antrag auf Asyl wurde vom

Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen

abgelehnt: Obwohl er in

Myanmar mehrmals im Gefängnis

saß, weil er sich für mehr Demo-

KONG MIA

Alter: 44 Jahre

Herkunft:

Gebiet Yangon

in Bangkok seit:

Dezember 1999

Status in Thailand:

illegal

Ziel für die Zukunft:

„Ich wünsche mir vor

allem eine Zukunft für

meine Kinder: dass

sie hier in Sicherheit

leben und zur Schule

gehen können –

denn was soll sonst

aus ihnen werden?”

kratie eingesetzt hatte, wurde ihm

der Flüchtlingsstatus verweigert.

„Jetzt habe ich keine gültigen Papiere

mehr und kann jeden Tag verhaftet

werden.” Seine eigene Zukunft

ist dem 44-Jährigen inzwischen

nicht mehr so wichtig. „Aber

was soll denn nur aus meinen Kindern

werden?”, fragt er.

„Die Situation der Flüchtlinge

in Bangkok ist schwierig: Sie passen

in kein System und niemand

fühlt sich für ihren Schutz zuständig“,

bedauert Pater Bernard. „Am

schlimmsten aber ist die Ungewissheit.

Wer nicht weiß, was die

Zukunft bringt, hat auch keine

Chance, sich darauf vorzubereiten.

Doch genau das wünschen sich

diese Menschen am meisten.” missio hilfe

Schon seit über zehn Jahren

kümmert sich der Flüchtlingsdienst

der Jesuiten (JRS) überall

in Thailand um Menschen,

die gewaltsam aus ihrer Heimat

Myanmar vertrieben wurden

oder aus Angst vor Folter,

Vergewaltigung und Tod geflohen

sind. Die Mitarbeiter des

JRS versorgen die Flüchtlinge

mit Essen, Geld oder

Medikamenten, damit diese in

Thailand überleben können.

Die Arbeit der Jesuiten in den

Flüchtlingscamps entlang der

Grenze wird bereits von missio

unterstützt. Eine neue Herausforderung

ist es, die Hilfe auf

jene Flüchtlinge auszuweiten,

die bislang nicht zu den

Camps zugelassen wurden:

Sie leben auf sich alleine

gestellt in Städten wie

Bangkok – ohne Rechte, ohne

Unterstützung und in ständiger

Angst, wieder zurück nach

Myanmar deportiert zu werden.

myanmar

Seit den 60er Jahren wird

Myanmar, das ehemalige

Burma oder Birma, von Militärdiktaturen

regiert. 1988 kam es

in der Hauptstadt Yangon zu

Demonstrationen für mehr

Demokratie, die jedoch blutig

niedergeschlagen wurden.

Als 1990 die Nationale Liga für

Demokratie (NLD) die freien

Parlamentswahlen gewann,

wurde die Wahl für ungültig

erklärt und Oppositionsführerin

und Nobelpreisträgerin Aung

San Suu Kyi verhaftet. Auch

gegen ethnische Minderheiten

wie die Karen, Shan oder Mon,

die mehr Autonomie fordern,

geht das Regime brutal vor.

Nach Schätzungen haben die

Kämpfe zwischen Regierungstruppen

und Rebellen bis

heute mehr als 500 000 Menschen

das Leben gekostet.


pdfMI05S42D 01.08.2006 11:57 Uhr Seite 42

Öffne meine Sinne

Foto: Günter Lüttich

Lass meine Seele

dieses Wunder fassen,

meine Sinne es sehn,

meinen Verstand es begreifen.

Öffne Sinne, Seele und Verstand

für Deine Wunder

und für Deine Gebote.

Ich möchte Dich erkennen.

Alle diese Schöpfungen preisen Dich.

Wie wunderbar kannst Du

unsere Augen öffnen.

Durch sie können wir danken

für die Schönheit der

vergänglichen Erde

Herr, öffne alle meine Sinne

zu Deiner Ehre.

aus Afrika

momente der der stille stille

42 43


pdfMI05S44D 01.08.2006 11:57 Uhr Seite 44

im dialog

>

leserbriefe

IMPRESSUM

missio magazin München

Das Magazin des Internationalen

Katholischen Missionswerks

Körperschaft Öffentl. Rechts,

Pettenkoferstraße 26-28,

80336 München

Redaktion: Barbara Brustlein

(Chefredaktion, verantwortlich),

Julia Bönisch, Elisabeth Tyroller,

Bettina Klubach (Redaktionsassistenz)

Art Direktion/Layout:

Petra Kuchenbecker

Druck: u.e. sebald, Nürnberg

Redaktionsschluss: 18. 7. 2006

Erscheinungstermin: 15. 8. 2006

Anschrift der Redaktion:

missio magazin,

Pettenkoferstraße 26,

80336 München,

Telefon 089-51 62-0,

Fax 089-51 62-618,

E-Mail: missiomagazin@missio.de

www.missio-muenchen.de

Anzeigenverwaltung:

sv corporate media GmbH,

Emmy-Noether-Straße 2/E,

80992 München,

Telefon 089-548 52-132,

Fax 089-548 52-192

Anzeigenleitung: Werner Beuse

Erscheinungsweise: sechsmal jährlich.

Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag

von € 10,- enthalten.

Das missio magazin München wird

auf umweltfreundlichem, chlorfrei

gebleichtem Papier gedruckt.

44 45

>> Reportage Philippinen, 4/06

Danke für den farbenfrohen Bericht

von den Philippinen. Mir macht es

Spaß, mich in anderen Kulturen umzusehen.

Dazu eignet sich trotz der

Not das missio magazin.

Maria Knorr, Bayreuth

Reportage Südafrika, 4/06

Die Reportage über Nontandos

großen Traum, irgendwann den ersten

südafrikanischen Frauenfußballclub

zu gründen, zeigt einerseits,

dass sich Südafrika auf einem

guten Weg hin zu mehr Gleichberechtigung

befindet – aber auch,

wie lang dieser Weg noch sein

wird. Denn wie in der Mannschaft

geht es im Alltag noch lange nicht

zu, da gelten noch die alten Regeln.

Doch mit Fußball kann man das

Zusammenleben wunderbar erproben,

es ist ein Spiel, das Spaß macht

und in dem jeder nach den gleichen

Regeln spielt. Außerdem findet in

vier Jahren in Südafrika mit seiner

belastenden Vergangenheit die

Fußball-WM statt. Es steht zu hoffen,

dass dieses Fest Menschen zusammenbringt,

die ansonsten nichts

miteinander zu tun haben – von

der Finanzspritze für die Infrastruktur

ganz zu schweigen.

Christine Riedlberger, München

Stichwort „Hass”, 4/06

Als Lehrerin an einer Berufsschule

bin ich oft „Hassobjekt” für pubertierende

Jugendliche, die mich als

Medium benutzen, an dem sie sich

aufreiben können. Diese Schüler

entwickeln zum Teil eine so starke

Abneigung gegen mich, dass sie

versuchen mir zu schaden, indem

sie meinen Unterricht boykottieren

und sabotieren. Und ich bin immer

wieder erstaunt, wie leicht es ist,

dieses Verhalten im Lauf der Zeit

zu verbessern und zum Teil sogar

ins Gegenteil zu verkehren, indem

ich auf diesen zur Schau getragenen

„Hass“ nicht mit „Gegenhass“ reagiere,

sondern diese Jugendlichen

weiterhin genauso respektvoll wie

alle anderen Schüler behandle.

Sabine Wohland, Berlin

Hass macht nicht nur das Leben

der Mitmenschen kaputt, er zerstört

auch das eigene innere Leben.

Kreszenz Schützeneder, Simbach a. Inn

Bericht Rohstoffe, 4/06

Kompliment zu dem gut gestalteten

Heft! Ich bin noch nicht lange

Abonnent, aber schon ein Fan. Der

Artikel über Rohstoffe hat mich

besonders interessiert. Schade, dass

es trotz oder gerade wegen der

gegenseitigen Abhängigkeit – wir

brauchen Rohstoffe, die Entwicklungsländer

brauchen Devisen und

vieles mehr – kaum möglich ist, so

zusammen zu arbeiten, dass es für

beide Seiten lohnt. Die rohstoffreichen

Länder sind auf Know-how,

Geld oder Kontakte zu den Absatzmärkten

angewiesen. Die Firmen,

die dies liefern, sollten auch einen

Anteil zur lokalen Entwicklung

beitragen, ausbilden und aufbauen,

statt die Länder auszubeuten und

mit korrupten Regimes zusammenzuarbeiten.

Wir als Konsumenten

sollten die vorbildlichen Unternehmen

und Projekte unterstützen.

Britta van Boven, Groningen

(Niederlande)

Die Redaktion freut sich über Anregungen,

Kritik und Beiträge, behält

sich jedoch vor, die Zuschriften und

Leserbriefe zu kürzen.

missio magazin, Pettenkoferstraße 26,

80336 München, Telefax 089/51 62-

618, leserbriefe@missio.de


pdfMI05S46E 01.08.2006 11:58 Uhr Seite 46

anderswo durst löschen

DURST IST

SCHLIMMER ALS HEIMWEH

2

1 Akrobatik: Wer Palmwein

erntet, muss schwindelfrei

und geschickt sein.

2 Flaschenbier ist teuer

in Uganda. Deswegen

trinken die Kneipengäste

Pombe aus einem

großen Tonkrug.

3 Ein Fidschianer trinkt

Kava: Das kühle Getränk

sieht aus wie Schlamm.

>> Diese Weisheit aus dem

Münchner Hofbräuhaus gilt wohl

überall auf der Welt. Und da Wasser

der gesündeste, aber sicher nicht

der geschmackintensivste Durstlöscher

ist, haben sich Menschen in

allen Ecken des Planeten seit jeher

Hochprozentiges gebraut.

So trinkt man in Afrika, neben

dem Volksgetränk Tee, bereits seit

Jahrtausenden an Festtagen Bier.

„Pombe“, wie es in Zentralafrika

heißt, oder „Dole“, wie es im Westen

Afrikas genannt wird, ist ein

Gemisch aus Hirse, Mais, Bananen

und anderen Früchten. Es ist nahr-

3

Fotos: Hannes Schindler, Fritz Stark, dpa

haft und enthält wenig Alkohol;

dafür aber viele Kalorien. Afrikaner

lieben das gelblich-süße Bier. Europäer,

die ihr Pils kennen und schätzen,

müssen sich an die fruchtigherbe

Mischung oft erst gewöhnen.

An den Küsten Westafrikas und

in den tropischen Ländern genehmigen

sich die Bewohner gerne mal

einen hochprozentigen Palmwein.

Die Herstellung ist nicht besonders

schwierig: An den Palmen werden

die jungen Blütenstände angeschnitten.

Täglich fließen daraus

dann zwei bis sieben Liter zuckerreicher

Saft, der wie frischer Most

schmeckt. Der milchigweiße Wein

wird erst nach der Gährung stark

alkoholhaltig. Je nach dem wie er

verdünnt wird, kann er zwischen

fünf und 50 Prozent haben.

Auch die Chinesen haben Flüssiges

gern gegoren. Seit 200 Jahren

trinkt man in Peking „Douzhi“.

Die Milch aus gärenden Mungbohnen

enthält viel Vitamin C und belebt

den Körper in der Sommerhitze.

Angeblich macht der einzigartige

saure Geschmack nicht nur Einheimische

süchtig.

Weiter südöstlich, in Ozeanien,

bestimmt seit Jahrhunderten eine

„Südseedroge“ das Sozialleben: Das

Getränk „Kava“, wie es die Menschen

im Königreich Tonga nennen,

wird aus den Wurzeln des

gleichnamigen Pfeffergewächses hergestellt.

Der schlammige, nicht-alkoholische

Trank steht auch auf Fidschi

auf der Getränkekarte und hat eine

entspannende und leicht euphorisierende

Wirkung. Traditionell trinkt

man Kava bei allen Zeremonien,

Fremden wird er als Willkommensgruß

gereicht. Selbst Papst

Johannes Paul II. ließ sich bei seinem

Besuch eine Kokosschale des

bitteren, betäubenden Gemisches

schmecken. Die Identifizierung mit

dem Getränk ist so stark, dass die

Bewohner ihr Königreich sogar

„Kava Tonga“ nennen.

Ebenfalls eng mit der Kultur

seiner Einwohner verwurzelt ist

„Mamajuana“, das Getränk der karibischen

Inseln. Das Gebräu aus

Hölzern und Kräutern wurde früher

wie Tee zubereitet und von den Indianern

als Medizin verwendet, um

die Abwehrkräfte zu stärken. Im

Laufe der Zeit verfeinerten sie es

mit Rum und Honig. Mittlerweile

hat der Likör Kult-Status: Einheimische

wie Touristen schätzen seinen

süß-bitteren und milden Geschmack

– und seine angeblich

aphrodisierende Wirkung.

Nach einem Karibikurlaub

zieht es letztere trotzdem zu ihrem

vertrauten Bier nach Hause. In diesem

Fall verbinden sich Durst und

Heimweh.


pdfMI05S48E 01.08.2006 11:58 Uhr Seite 48

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missio Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH

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