RICHARD i

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RICHARD i

RICHARD i


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J

R I C H A R D


R I C H A R D

VON

PAUL


Geschrieben in clcn Jahren 1921 — 1925

I


Allesvon Richard und über ihn, dessen ich hab-

haft werden konnte, ist hier vereinigt, um sein

Bild für die, die seine Bekanntschaft suchen,

so vollstdndig wie möglich zu machen.

Die Deutung seiner Handschrift.

(Richards Einsamkeit)

,,Sie sind sehr einsam. Auch zwischen vielen Menschen

bleiben Sie's."

Einsam? — Lassen Sie einmal überlegen ... Einsam

... Einsamkeit... Man sagt das ja wohl von

grossen Mannern zuweilen, dass sie im Grunde bei

allem Erfolg, bei aller Zuneigung der Menschen

Einsame waren. Und erst recht, wenn sie keinen

Erfolg hatten. Sie waren allein ... sie litten auch

wohl darunter — hm ... also da muss ich Ihnen

doch sagen, dass ich garnicht allein bin, im Gegenteil,

ich fühle eine grosse Verbundenheit — ich bin

sehnsuchtsvoll, ja, aber einsam... das heisst, natürlich

bin ich auch einsam, wie jeder Mensch es ja

schliesslich ist; das ist eben meine Verbundenheit,

dass ich bin wie — fast alle. Man ist allein, aber

manleidet nicht darunter, oder wenn man leidet,so

ist es ein wunderbares Gefühl — denn schliesslich

ist es ja doch ein Gefühl, dieses Einsam-sein. Und

also, wenn ich es bin, so habe ich es nur sehr

angenehm bemerkt...


„1st man denn nicht einsam, wenn man sich selbst

noch nicht gefunden hat?!"

So, Sie meinen, dass ich mich selbst noch nicht

gefunden habe?

„Ja, lieber Richard, Sie schweben in der Luft,

(lachelnd) Sie irrlichtelieren etwas allzuviel urnher.

Es fehlt Ihnen etwas Festigkeit — "

Ich schwebe in der Luft — Warten Sie . .. ja —

das ist ja eine fabelhafte Idee! Das haben Sie

wirklich ausgezeichnet bemerkt. Das ist so: ich

schwebe in der Luft. Aber doch in einer sehr

guten Luft! Und das ist doch die Hauptsache. Dass

die Luft gut ist! Ja, ich schwebe ... Da haben Sie

mich in ein paar Worten vollkommen ausgedriickt.

— Aber dass ich mich noch nicht gefunden habe,

da irren Sie sich doch wohl. Eben dass ich

schwebe, das bin ich ja. Und wem dies gegeben

ist, der versuche auch garnicht, Boden unter die

Füsse zu kriegen. Sondern er lerne, nur immer

besser zu schweben, so dass manch ein Bodenstandiger

wünschen möchte, so zu schweben —

Ah — ich möchte .. . geben Sie mir Ihre Hand —

ich bin sehr begeistert. Weil Sie das so gut gesagt

haben — Ich irrlichteliere zu viel? ich sollte mehr

festes ... mehr, Sie meinen wie ein Mann? — Ach

Sie — Moralpeter! — Nein, eben gerade nichts

Festes! Nur so — in der Luft schweben! ...

Nein, ich werde es nie zu etwas bringen, das meinen

Sie doch. Aber wozu denn auch? Und zu was

denn? Schwebe ich denn nicht in der Luft? 1st das

denn nicht meine Sehnsucht, mein Gliick, schweifend

zu denken und mit allen verbunden zu sein,

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mit all den andern, die auch sich sehnen, all die

Frauen und Miidchen und — ja, die Jungens, die

jungen Manner. Und auch die alteren! Sehnsucht

zu haben — das ist eben (leise) mein Dichter-sein,

dies, dass wir alle allein sind und uns sehnen. Die

Sehnsucht zu den andern zu lieben in den Menschen,

und zu wissen: auch ich, ich wie alle andern


Ja ich weiss: das Festere, das Gröbere, das verachtet

das. Sie finden mich ziemlich verachtlich,

weil — weil ich garnichts „bin", ich nichts mache

und mich nicht durchsetze. So garnicht wollend

und wie eine Frau eben meistens will, dass der

Mann sei. Sie argern sich auch wohl an mir, viele

argert das. Aber lassen Sie: auch diese Manner mit

ihren Tatenl und Sie selber, meine Liebe, sind

doch — einsam, sind doch — kleine Kinder. Kinderchen,

die Manner spielen, und Sie, kleine Mathilde,

sind ja das richtige verlorene Ei in dieser

reklamehaften selbstgewissen Welt. Und darin

eben, in ihrer Verlorenheit, in ihrem Kindchensein,

da ist grade der Punkt, wo ich Sie ganz besonders

gut verstehe.

Wer einmal ein Junge oder ein Madchen war in

seinem Leben, der vergisst das nicht. Und allein

bei denen, die das wirklich vergessen haben, fiihle

ich mich fremd und wie ausgestossen. — Sie aber

und ich und all die andern sind eins in unserer

Einsamkeit und Sehnsucht. — Ja, so, nun werde

ich auch noch pathetisch. Aber das kommt davon,

weil Sie diese diskrete Stelle berührt haben, diese

Sache, mein eigenste Sache — dann, dann strömts

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eben über. — Sie wissen doch, dass ich auch den

Mund halten kann, aber bei so einer schrecklich

wichtigen Sache, dann muss ich reden und kann

nicht aufhören und ...

Richard

Richard liebte unklare Situationen.

Damit meine ich, schon etwas sehr Bezeichnendes

über seinen Charakter gesagt zu haben.

Er schatzte die Offenheit kolossal oder Menschen,

die, was sie taten, nicht verheimlichten. Und dann

sagte er sich, dass in ihnen etwas Primitives steckte,

eine Sache, mit der zu Ieben ja ganz schön war,

denn sie vereinfachte vieles, aber das Primitive

konnte er nicht loben; denn die ganze Entwicklung

lief doch zum Komplizierten hin, benutzte

das Primitive nur als Grundlage. Aber wohl dem,

der diese Grundlage noch nicht verloren hatte.

Franz hatte gesprachsweise einmal auf einen Vorwurf

wegen der Verwirrung des modernen Lebens

geantwortet: wir sind gottseidank kompliziert; also

er meinte, dass das ein Vorzug sei gegenüber den

„Einfaltigen". Kompliziert hiess aber nicht feige,

und Richard liebte (für sich) die unklaren Situationen,

das Nebelhafte — übrigens war das auch

sein Lieblingswetter: nassfeucht, undurchsichtiggraue

Luft, nebelhafte Verschleierungen der Baume,

HSuser, Strassen, Menschen. Silbrige unbestimmte

Silhouetten, die, naher kommend, deutlich

wurden, im Vorbeigleiten ihre fast genaue Zeich-

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nung zeigten, doch immer noch umwoben von

atmospharischen Triibungen, und hinter ihm alsbald

wieder völlig vergeisterten.

Vorbeigehen, — gleiten — wie köstlich dem, der

Entscheidungen hasst. Oder fürchtet. Er konnte

nicht leugnen, dass Angst dabei war. Feigheit bis

zu einem gewissen Grad, übrigens eine ganz vernünftige

Feigheit, die oft nützlich war. Ja, solange

sie vernünftig und überlegt war, konnte man's verteidigen,

aber die instinktmassige (und um die

handelte es sich doch), die war schon gemeiner.

Und so gleichgültig war er auch nicht, dass er

sagte: warum nicht feige — was liegt daran? Er

fand Feigheit, die im Blut lag, argerlich und hatte

was drum gegeben, sie los zu sein, z.B. Geld. Er

hatte ganz gern etwas Geld dafür springen lassen.

Aber hier hiess es, Energie gegen sich selbst anwenden.

Verdammt unangenehm. —

Nun mussen wir uns erinnern, dass die unklaren

Situationen den grössten Platz im Leben einnehmen.

Die Scheidewege mit den Wegweisern Ja

und Nein sind geradezu Seltenheiten. Die Meisten

kommen doch überhaupt nur ein einziges Mal in

ihrer Laufbahn an so einen Ort und wahlen — also

meine Bekannten wahlen dann infolge durch Gewöhnung

verdorbener Instinkte den falschen Weg.

Und ausser meinen Bekannten kenne ich kaum

jemand. Daher weiss ich nicht, was die andern

tun. Wahrscheinlich machen sie es richtiger —

denn die Welt ist noch nicht zugrunde gegangen.

Würden sie aber alle das Falsche wahlen, würde

die Welt dann nicht zu Grunde gehen? Nein. Die

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Welt kümmert sich einen kalten Dreck um die

menschlichen Entscheidungen. Und die Menschheit

kümmert sich — lezten Endes, letzten Endes

— auch nicht drum. Die Menschheit und die Welt

— und meinetwegen Gott oder sonst eine umfassende

Instanz — können garnicht zu Grunde gehen,

bevor nicht ihre Zeit abgelaufen ist. Das wird

mir niemand weissmachen, dass etwas vor „seiner

Zeit" zu Grunde gehen kann. Und die Zeit hat ihr

Gesetz, wir haben sie nicht in der Gewalt. Wir

hatten sie aber in der Gewalt, wenn von unseren

Entscheidungen das Lebensmass der Welt abhinge.

Bitte sehen Sie sich doch mal die Welt an, ich

meine, die Erde, und lesen Sie mal die Zeitungen:

Kriege, Krankheiten, Erdbeben, Verbrechen — also

wenn es nach den Zeitungen ginge, dann, Herr,

ware die Welt schon langst nicht mehr. Aber die

Lebenskraft, die Gesundheit, das Normale, jawohl

das Normale, das Gesunde, die natürliche, gesunde,

normale Lebenskraft, die ist eben ein bischen grosser

— (seitdem wir Geschichte kennen) — grosser

als die Vernichtung, Zersetzung, der Tod. Sie ist

grosser, — denn wie gesagt und wie Sie selbst

zugeben mussen: die Menschheit, wenns an ihr

lage, ware schon langst erledigt — sie ist grosser,

ein bischer grosser, und wir können nichts machen.

Ich meine, in Bezug auf den Lauf der Welt, nicht

wahr, das meinen Sie doch auch, können wir nichts

machen. Wir können doch nur höchstens uns selbst

prügeln oder kaputt machen und höchstens noch

ein paar Andere, die sich das gefallen lassen. Aber

das Gros wird sich wehren — aus bloder Freude

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am Leben. Was haben sie denn von ihrem Leben,

zum Donnerwetter? Nichts, nichts haben sie eben

ausser ihrem Leben, und darum verteidigen sie

löwenartig ihren einzigen Besitz. Wir aber, wir

haben ja mehr als das Leben: wir haben die Ideen,

die ins Leben hineinschneiden, selbstandige Lebewesen,

die unser Leben ruinieren oder erhöhen.

Ja, wir lassen uns vielleicht priigeln; denn wir sind

schliesslich auf das Leben nicht angewiesen.

Sehen Sie, zu solchen Schlussfolgerungen kommt

man, weil man denkt.

Und da wird es Ihnen wohl klar, dass mit Denken

keine Schöpfung zustande kommt. Eher vernichtet

das Denken die Schöpfung, dazu ist es viel

geeigneter. Vielleicht haben Sie schon bemerkt,

dass die grossen Schöpfer der Erde meist keine

klugen Menschen waren; das Genie — doch halt!

warum soil ich von fremden Leuten reden? —

Aber ich fürchte, nicht deutlich gewesen zu sein.

(Schon wieder Furcht!) Namlich: Richard liebte

die unklaren Situationen. Und dann wollte er

seine Feigheit loswerden, die sich hinter den Unklarheiten

verbarg. Ein Widerspruch. Nur einer.

Ich meine, er war auch sentimental. Wenn er sich

mit Friedrich verglich — und das war auch so

ein Unglück: immer Vergleichungen — also mit

Friedrich verglichen, dem zahen Bürschlein, dem

kleinen Mann der rauhen Wirklichkeit, wie er

sich selber ironisch nannte, der behauptete, Glück

würde ihn unglücklich machen, er brauche Widerstiinde,

er sei das gewohnt, diesem tollen Jungen

mit der verteufelten Durchsetzungskraft — neu-

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lich kommt er zu mir, hat drei Nachte nicht geschlafen,

kein Zimmer, die Wirtin hat ihn hinausgesetzt,

er treibt sich in den Cafés herum, in Wartesalen

verbringt er die Zeit bis zum Morgen —

kommt zu mir und legt los, setzt mir seine Plane

auseinander. Mir missfiel seine Unordnung in der

letzten Zeit, und ich hatte mir ausgedacht, wie er

da herauskame, in ruhigere Verhaltnisse, dass er

sein Geschaft erweitern und in ein paar Monaten

geregelt und durchaus, sagen wir, auskömmlich

leben konnte — das wollte ich ihm sagen, wollte

ihm Vorschlage machen. Aber nein, Tausende will

er verdienen, monatlich einige Tausende mit seinem

alten hölzernen Clownskasten von Filmapparat

— es imponierte mir, wie er all das Geld so vor

mich hinzauberte. Er sprach mit dem Feuer eines

unternehmenden, seiner Fahigkeiten, seines Wertes

sicheren Jünglings, wusste alles farbig und

deutlich zu machen. Es riss mich hin. Ich kam mir

mit meinen soliden Vorschliigen (die ich hiibsch

fiir mich behielt — er hatte kaum hingehört, als

ich davon anfangen wollte) etwas spiessig vor und

schwieg — was soli man auch sagen, wenn sozusagen

das Leben selbst in seiner Fiille sich vor uns

ausbreitet — man schweigt — und dann bat er

mich lachelnd um eine Mark.

Er hatte mich zu packen gewusst, eine kleine

diskrete Stelle in mir berührt, meine vage Sicherheit

erschiittert, und diese Bitte um eine Mark

wirklich charmant herausgebracht — ich gab sie

ihm, als materiellen Zoll meiner Achtung — also

mit diesem kurzgeschorenen Friedrich verglichen

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•war Richard tatsachlich von schauderhafter, oft

hündischer Sentimentalitat.

Solche unglückseligen Vergleiche drangten sich

einem wider Willen auf, und das Schlimmste daran

waren die fatalen Wertungen, die an sich verrückt

waren. Theoretisch wies Richard selbstverstandlich

Beurteihingen jeder Art weit von sich, aber

praktisch stiessen sie ihm fortwahrend auf. Mochte

sich auch der Verstand verneinend dazu stellen,

sein Blut erwies sich starker als Ueberlegungen,

Ueberzeugungen, Meinungen oder sonstige Ausgeburten

des Gehirns. Und zwar Wertungen, Massstabe,

die nichts taten als sich andern. Denn wenn

einem Menschen die genügende Kraft der Argumente

gegeben war — wie sollte er sich da nicht

rechtfertigen? Das Gaukelspiel der Sprache im

Dienste der eigenen Ueberzeugung musste jedermann

freisprechen.

So, wenn wir Jemand verachten, dann aber bei

Gelegenheit ihn selber horen, so ergibt sich, dass

er durchaus seinem Wesen entsprechend in diesem

wie in den übrigen Fallen gehandelt hat. Ja, er

wird uns überzeugen, dass er ist wie er ist, handelt

wie er handelt, und überhaupt nichts anderes besseres

tun kann, als er tut. Und wenn wir ihn am

Ende auch vielleicht nicht achten werden, wir

mussen ihm dennoch recht geben. Schliesslich hat

auch Jeder das Recht auf seine Fehler, die Freiheit,

auf seine Weise zu Grunde zu gehen oder zu leben,

was dasselbe ist.

So war jeder Mensch Richard gegenüber gerechtfertigt,

wenn er nur mit ausreichendem Nachdruck

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Erklarungen abgab. Konnte ers aber nicht, so war

er dennoch im Recht, denn Richards Gerechtigkeit

wollte niemand verurteilen, nur weil ihm die Sprache

nicht nachgab. Er sagte sich: Konnte dieser

Mensch reden wie beispielsweise Sokrates oder Cicero,

er würde alles erklaren, und ich würde ihn

freisprechen. Denn ich würde ihn verstehen, verstenen

so wie er es meint, wie er selber es versteht.

Richard, bis über die Ohren verliebt —• ein Zustand,

in dem wir ihn schon ziemlich haufig gesehen

haben, ein etwas alberner Zustand, namlich

für den bedachtigen Zuschauer —- aber man sei

nur selbst einmal verliebt, so wird man anders

darüber denken.

Und diesmal hatte er sogar gute Gründe: Mirjam,

das hübsche, kleine, dunkle, weibliche Wesen hatte

ihm auf eine so unschuldig innige Art tief in die

Augen gesehen, dass er deutlich seine Verpflichtung

zur Begeisterung empfand. Alles drum und

dran war ihm diesmal fast gleichgültig, aber ihrer

Augen wegen setzte er sich tatsachlich am Ende

der Woche auf die Bahn. Denn hier war es der

Fall, dass, wie wohl mehr geschieht, die Umstande

das Zustandekommen naherer Beziehungen erschwerten,

indem sie einige Dutzend Kilometer

zwischen die Leutchen legten, von deren gegenseitiger

innerer Aktivitat so viel gefordert wurde,

um ein glückliches Verhaltnis herzustellen.

Mirjam hatte angedeutet, dass sie am Sonnabend

Nachmittag vielleicht frei sei. Angekommen, geht

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Richard auf Umwegen, um eine gehorige Zeit abzupassen,

zu ihrem Haus.

Er klingelt; man lasst ihn ein, lasst ihn warten.

Schliesslich erscheint Mirjam, verandert, zerstreut,

uninteressiert. Nichts von innigen Augen,

die sich in einen treuherzig, ja hingebend hineinbohren,

stattdessen: Reserve, Beherrschtheit.

Wir kennen die Ursache von Mirjams Haltung:

zwischen der ersten Begegnung mit Richard und

diesem Sonnabendnachmittag lagen acht Tage, und

die Tage gehen fiir ein junges hübsches weibliches

Wesen mit anziehendem Bliek nicht immer erlebnislos

vorbei.

Richard also durfte sich wieder auf die Bahn setzen

und seine paar Dutzend Kilometer zuriickfahren,

und wahrend eine frühlingsgrüne Landschaft

an ihm vorbeiglitt (auf dem Hinweg hatte

er nicht auf sie geachtet), dankte er dem Himmel,

dass er diesmal so leichten Kaufes davongekommen

sei. Enthoben allen Forderungen des Entzücktseins

erfiillt ihn das erhebende Bewusstsein

seiner Freiheit.

Ich hatte gehofft, mit diesen wenigen Worten diese

kurze Angelegenheit zu erledigen — schliesslich

war es ja eigentich gerade das Gegenteil von

dem, was man ein Erlebnis nennt — aber hier

kommen wir auf das, was schon neulich bemerkt

wurde: dass nfimlich ein Erlebnis materiell zwar

in dem besteht, was „passiert", seine geistige Bedeutung

aber erst erhalt durch das, was wir von

uns aus dazutun. Und so ist es auch mit dieser Ge-

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schichte, die wir schnellstens loszusein dachten,

dieser erlebnislosen Geschichte: jetzt erst, da sie

vorbei ist, fangt sie an, für Richard ein Erlebnis

zu werden.

Er konnte also Mirjam aus der Liste seiner Verliebungen

streichen. Sie wünschte of f ensichtlich keine

nahere Bekanntschaft, und er wünschte nicht, sich

aufzudrangen. Garnicht überhaupt daran zu denken,

dass er „eine Eroberung" machen wollte.

Richard hasste gewollte Eroberungen. Wenn er

ohne Absicht wirkte, war es ihm recht; er selbst

auch liebte nur die unbeabsichtigten Wirkungen.

Gerade dass Mirjams Bliek scheinbar bewusstlos

sich dem seinen eingehangt hatte, hatte ihn gerührt.

Sie stand damals da, ein wenig krumm,

sodass sie noch kleiner erschien als sie war, den

Kopf etwas seitlich geneigt, den linken Fuss fast

einwarts — eine Stellung ohne Berechnung, eine

ganz unwillkürliche Stellung wie der Körper sie

wohl ein nehmen kann, wenn die Gedanken mit

fernliegenden Dingen beschaftigt sind. Und wie aus

der Ferne war dabei ihr Bliek in seinen geglitten,

ein tiefer herzergreifender Bliek, den er verdammt

gerne noch einmal gesehen hatte. Richard war

erschüttert, war heimlich durchbohrt, wahrend er

lebhaft sprach und irgendetwas irgendwelchen

Leuten erklarte, die dabeistanden.

Als er gelegentlich wieder nach Mirjam blickte,

stand sie noch immer so traumverloren. Etwas

f eucht-glanzendes strahlte von dort zu ihm, grub sich

ein, blieb ihm in Erinnerung als etwas Köstliches,

etwas, das verdiente, nicht vergessen zu werden.

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;hten,

ia sie

lebnis

Und nun -wollte das Madchen -wohl selber, dass er

vergessen sollte. Alles war nun Bewusstsein gewesen,

nichts mehr von „Spiegel der Seele". Das

Seelchen beherrschte sich hübsch. Wusste es überhaupt,

dass es sich einmal verraten hatte?

Manchmal schamen sich die Menschen des Besten,

was sie besitzen. Oder sie zeigen es nur den Auserwahlten.

Aber das war ja, zum Teufel, schon wieder

Berechnung! Man war sich also seiner herrlichsten

Gabe bewusst und man ging ökonomisch

mit ihr um. Das Beste war bereits verdorben, angefressen

durch das Wissen um seinen Wert.

Und darum kostete es Richard keine Mühe, Mirjam

sofort aufzugeben. Er hatte einen wundervollen

Eindruck gehabt, in einem Augenblick, da sie sich

gehen liess. Ein Augenblick, ein Anblick für Götter!

Nun aber liess sie sich nicht gehen, sie kontrollierte

sich, sie hielt es für nötig, sich in Richards Gegenwart

zu kontrollieren. Das verdarb Richard das

ganze Vergnügen an seiner Gegenwart bei ihr.

So war das. Gewiss, er war traurig, dass dieses

Schone, dieser ergreifende und rührende Bliek

nur etwas Zufalliges gewesen sein sollte. In ihrer

Unbefangenheit hatte Mirjam sich ihm „offenbart",

er hatte in einer seltenen Minute das „Beste" dieses

Menschen gesehen. Das Beste aber, das ist ja wohl

klar, ruft wiederum in dem, der es im andern zu

erfassen vermag, das eigene Beste hervor. Und

Richard war also bereit, Mirjam sein Bestes zu

geben. Worin dies Beste bestand, wusste er nicht,

und das war auch nicht nötig. Es war, wenn man

es denn inWorte f assen will, die Zusammenfassung,

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die Summe aller positiven Qualitaten, die in seiner

Natur zerstreut lagen. Er fühlte in sich eine Spannung,

der er vertrauen konnte.

Also eine Wirkung auf Gegenseitigkeit. Und wenn

nun auf der Gegenseite die Wirkung ausblieb, so

blieb alles aus.

„Dass man die eigene Schönheit verleugnet, dachte

Richard, verleugnet zugunsten — hm — zugunsten

der Lebensberechnung. Dass man den Gott in sich

verleugnet und sich zwingt, „vernünftig" zu sein.

Es ist verstandlich (— draussen zog allerhand

Landschaft vorbei mit Wiesen undKühen und Wind

und sehr fernen Baumchen) — es ist verstandlich,

weil es immer so ist. Es sollte unverstandlich sein!

Man vertraut den andern nicht mehr, weil man

wohl einmal enttauscht wurde — man vertraut

vielleicht sich selber nicht mehr. Man hat Angst zu

geben. Erbarmliches Leben! Wahrhaftig, wahrhaftig,

wenn man aus diesem Leben ein Kontobuch

machte, dann — er spuckte drauf — dann allerdings

war das Leben mit jeder Minute, die man

lebte, zu teuer bezahlt. Arme Madchen, arme Mirjam

im besondern. Da sie aber wohl selbst von

ihrer Armut nichts merkte, wohl gar im Gegenteil

diese Bescheidung in Bezug auf ihre Möglichkeiten

sehr gut fand, dies, was Richard erbarmliche

Rechnerei nannte, als vernünftige Beschrankung

im günstigen Sinne beurteilte, so war ja diese arme

Mirjam keineswegs zu bedauern, sondern eher wegen

ihrer Haltung zu loben. In ihrem Sinne entschieden

zu loben, nicht in Richards Sinne. Zwei

Aehnliche — denn dass sie sich ahnlich in einem

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estimmten tiefenPunkt ihresWesens, harten beide

in jenem Augenblick, dem Bliek derAugen, erkannt

— zwei Aehnliche waren einige Sekunden ihrer

Existenz in vollkommener Uebereinstimmung gewesen,

wundervolle Sekunden, die waren „wie das

Leben selbst", und sofort hatten sie sich wieder

geschieden.

Richard wollte nicht mehr dran denken, aber

dachte noch oft daran. Es war eine Erfahrung

mehr, die er beherzigte. Gewiss, er wurde reifer

durch all die Erfahrungen, die er in sich aufnahm,

er wurde klüger, weiser, aber er anderte deswegen

sein Verhalten nicht. Er wollte sich das Leben

nicht verarmen durch Klugheit, durch Berechnung,

und sein Leben war: sich durch das Weibliche

inspirieren zu lassen. Er war weniger, wenn

er „nur er selbst" als wenn er ein „Doppelklang"

war. Und darum suchte er immer seinen Doppelklang.

Und so sehen wir ihn denn auch alsbald nach

neuer Eingebung Umschau halten.

Ais sie anfingen, war sie einschmeichelnd, und als

sie aufhörten, wurde sie grob und scheusslich. —

Aber Richard lernt nicht. Er liebt noch immer,

wie je.

Es kann geschehen was will, Richard — wenigstens

in diesem Punkte — lernt nichts; er weiss...

Er weiss es besser als alles Geschehen.

„Und vielleicht bist Du sogar verheiratet, und wer

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weiss, wie vielen Madchen Du das alles schon gesagt

hast" — das Madchen war sehr böse.

Richard hielt sie f est: „Vielleicht habe ich es schon

vielen gesagt, und es ist auch so, dass ich viele

schön finde. — Das horst Du nicht gern?"

„O es ist mir gleichgültig, wie vielen Du es schon

gesagt hast. Lass mich los!"

Richard war zu begeistert, und das Madchen zu

böse; er wollte sanft sein, musste aber fest zupacken;

sie wollte sich los machen.

Plötzlich war der Hund weg. Beide standen auf

und riefen seinen Namen. Pfiffen. Oben auf der

Promenade war er nicht, und am Meer war nichts

zu sehen. Es war vollkommen dunkel. Das Madchen

dachte an den Hund und wie sie den Mann

nur loswerde, und Richard hatte gerne den Hund

zurückgeschafft, er fühlte sich schuldig. Er wusste

nicht, was er tun sollte. Das Madchen rief noch

ein paar Mal nach dem Hund, sie sah in die Nacht

hinaus, auf's Meer; ihr war zum Heulen.

Richard rief noch einmal. Der Hund blieb weg.

Als er dem Madchen die Hand zum Abschied hinhielt,

nahm sie sie nicht. Das argerte ihn; er versuchte

noch einmal, ihrer habhaft zu werden. Vergebens.

Das Madchen ging langsam den Kai hinauf, sah

sich dabei fortwahrend nach dem Hund um.

Richard trottete nach Hause. Er verwünschte sich.

Richard hatte gehofft, etwas besonderes zu sein

oder wenigstens zu werden, doch je alter er wurde,

desto enger schloss sich der Kreis der Alltaglich-

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keiten um ihn. Unentrinnbar. Und da er sah, dass

er in keinem Fall ein grosser Mann war, beschloss

er, allen Zwang und Streben fahren zu lassen und

nur natürlich zu sein, er selbst zu sein.

Jetzt war aber die Frage: wie war er? Es gab wohl

eine Menge Situationen, die ihm keine Schwierigkeiten

bereiteten. Aber gelegentlich musste ihm der

Verstand helfen. Und bei solcher Gelegenheit musste

er wissen, wer und was und wie er war, um: sich

entsprechend zu handeln.

Wenn er doch eine Ueberzeugung hatte: überzeugt

ist er von seiner Begrenztheit — und vielleicht ist

sogar die nur zeitlich — überzeugt aber sonst: ob

etwas richtig oder falsch — wer weiss das? — und

wenn nun selbst sein Leben verfehlt ist — die Einmaligkeit

des Lebens bewahrt ihm seinen Reiz,

auch wenn man es verfehlt — man kann nur einmal

ein verfehltes Leben erleben, wie man nur einmal

es erfüllen kann. — Vielleicht erfüllte er es,

indem er danebenhieb — o Gott, es gab für uns

wenig zu wissen, ein Wissen, das gewiss höchst

zweifelhaft war, nur wenig echtes in unserer Welt,

und ein Gott mochte wissen, ob es echt war —

nein, keine Ueberzeugung! das war das Resultat

seiner Ueberlegung — das Leben enthielt alles,

und man konnte machen, was man wollte, man

lebte es mit —

Oft hatte er bestimmte Vorahnungen, eine Stimme

sagte ihm, dass er etwas nicht tun solle.

Manchmal tut er es dann doch, obgleich er genau

weiss, dass ihm daraus Unannehmlichkeiten ent-

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stehen. Er wartet auf die Art der Unannehmlichkeiten

(sie können von allen Seiten anriicken). Und

es geschieht nichts dergleichen, sondern es war

ganz richtig, dass er's tat.

Und so hat er Vorahnungen auf allen möglichen

Gebieten, die sich zum grössten Teil als überflüssig

erweisen, da sie sich nicht erfüllen.

Richard war auch weich. Er war auch schwach.

Ich bin bereit, alles mögliche Schlechte von ihm

zu sagen.

Also: Richard sass vor einem Café in der Sonne.

Auf dem Tischchen vor ihm stand ein Glas mit

einer farbigen trinkbaren Flüssigkeit. Es lagen da

einige Stückchen Zucker und kleines Geback. Richard

dachte an vieles und nichts, er sass da, um

sich auszulüften.

Ein Mann kam an seinen Tisch, murmelte etwas

und hielt seine Hand hin. Ein Bettler offenbar.

Richard verspürte eine unmittelbare Abneigung,

innen schüttelte ihn etwas. Er sah den Mann an, der

weiss Gott weder wohlhabend noch glücklich zu

sein schien. Richard schüttelte den Kopf, er wollte,

dass der Mann sich entferne. (Das war alles, was er

wollte.)

Darauf kam er sich hundserbarmlich vor. Er griff

schnell in seine Tasche und gab dem Mann ein paar

Pfennige. Der Mann dankte und ging.

Darauf kam sich Richard noch erbarmlicher vor.

Ein andermal. — Richard sitzt wieder irgendwo

an der Strasse und wieder streckt sich eine Hand

aus: bittend, fordernd.

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Und da Richard nun schon lange weiss, dass diese

Pfennige ihm Uebelkeit und Brechreiz verursachen,

gibt er ein Silberstiick.

Und da fragt er sich kurz darauf, ob er völlig verrückt

geworden sei.

Und ob er nur dann mit ruhigem Gewissen öffentlich

speisen oder trinken könne, wenn er das

Doppelte des Betrages bei sich habe, den er zu

verzehren gedenke.

Und ob von ruhigem Gewissen gegenüber einem

Bettler bei ihm überhaupt die Rede sein könne.

Und ob — und noch ein Haufen Fragen, auf die es

für ihn keine Antwort gibt.

Es ist da ein Ton in der Welt — da von Richard

die Rede ist, wollen wir ihn Richards Ton nennen

(so hat wohl jeder Mensch einen bestimmten Ton,

auf den sein Wesen abgestimmt ist) — wenn der

angeschlagen wird, dann ist Richard. Da gibt es

kein Denken oder Bedenken, kein Reden oder Sinnen

oder Traumen, sonder das Dasein in höchsteigener

Person tritt auf. Ein unschöpferischer

Zustand der Harmonie und des Seins, eine vollkommen

wache lebenerfüllende „Sache".

Und eben wegen dieses Tons, d.h. dass er selbst,

Richard, sozusagen im All vorhanden war und

erklang, dass die Entsprechung seines Grundtons

in der Schöpfung lebte, und dass er dies wusste,

immer — eben deswegen war Richard Optimist,

d.h. er konnte die Welt nicht schlecht finden, konnte

dass Leben nicht verdammen.

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Richard betete. Dabei dachte er an junge Madchen.

Er sah die Vollkommenheit der Schöpfung,

wenn er an sie dachte, sie waren „das Göttliche"

für ihn, Gottes beste gelungenste Leistung. Er

dachte nicht an eine, sondern — wenn er an die

Madchen dachte, die er kannte und gekannt hatte,

so erinnerte er sich merkwürdigerweise nur an

etwas, das entzücken konnte, nicht an ihre Worte

oder Handlungen, die ihn oft gepeinigt hatten,

sondern an das — nennen wir's: die Atmosphare,

die sie umgab, das Atmospharische, das sie bewirkten

und wirkten. Eine Schwingung die von innen

ausging, und die seine Seele — (Verzeihung für

„Seele") — einatmete, einsog und als etwas verwandtes,

also „seelisches" empfand. Etwas was

mit Hauch, Anhauch des Edelsten, Feinsten, Zartesten,

Reinsten, fast Engelhaften, was in einem

Menschen sein kann, was im Menschlich-Irdischen

auch verwoben ist, eben nur wörtlich-klaglich bezeichnet

ist.

Er dachte an Frauen, und er dankte der Schöpfung

für das Vorhandensein dieser geheimnisvoll wundersamen

Erganzung und Möglichkeit des Mannlichen,

durch Verbindung zu einer unerwarteten

Höhe und Vollendung zu gelangen. Er verehrte (ja

ganz unwillkürlich-spontan) imWeiblichen dasEreignis

des Daseins, dessen immer neues Erlebnis

eine rasende Entfaltung seiner Wesens bedeutete.

Wahrhaftig, unser Richard war fromm, sentimental

ausgedrückt; im Grunde war er — bescheiden.

Worauf ? Auf sein Mensch-sein, auf sein Mann-sein.

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Ein Abend

Sie sprachen von kiinstlerischen Angelegenheiten.

Dr. A. liebte nicht derartige zum Teil schwierige

Gesprache. Es argerte ihn, dass in seinem Haus

immer „Gesprache" geführt wurden. Niemals kam

ein leichter Ton auf, niemals wurden harmlose

Spiele gespielt, keine Karten, kein Domino, nicht

einmal Schach (selbst Schach war nicht bedeutend

genug, die Hausgenossen zu beschaftigen): man

musste sich tiefsinnig unterhalten.

Und ich habe mir die Bemerkungen, die der Dokter

machte, so zu erklaren versucht: dass er einfach

dieses „geistverehrenden" Tones satt war, er wollte

Luft haben. Und so hatten seine Bemerkungen

manchmal etwas uniiberlegtes, jugendlich-naives

(aus einem unwillkiirlichen Protest heraus).

Sie sprachen z.B. darüber, dass auch jeder grösste

Künstler eine gewisse „Manier" in seinen Ausdrucksmitteln

entwickelt habe. Und einer ausserte,

dass ihn das store: dass nicht alles reine Inspiration

sei im Kunstwerk, sondern auch immer viel

Handwerk und Routine dabei.

Sie kennen ja derartige Gesprache. Einmal im

Monat here ich mir so etwas ganz gerne mit an.

Und dann sprachen sie auch iiber die Werke der

Künstler, besonders über die Alterswerke. Ob

nicht gewöhnlich mit dem Aelterwerden auch ein

Abnehmen der Geisteskrüfte festzustellen sei, und

ob sich das nicht in den Werken bemerkbar mache.

Einer sagte: die Maler mussen mindestens 60

Jahre alt werden, dann erst ist es ihnen möglich,

25


Bilder zu schaffen, überlegene, geheimnisvolle, erstaunliche

Werke. Denken Sie an Tizian, an Rembrandt,

Frans Hals.

Wirklich haben diese Meister in ihren Alterswerken

ein Etwas, dass den Jugendarbeiten fehlt: ich

möchte sagen, etwas Mystisches, etwas Ungewollt

- unerklarliches und — packendes, eine geistige

Sphare von hohen Graden.

Und dann sprach man vom Alter überhaupt, vom

Altwerden.

Wie da Greise mit den Handen zittern, das Essen

fast nicht mehr zum Munde führen können, beim

Trinken den Trank verschutten und nicht merken,

wenn ihnen ein Tropfen an der Nase hangt.

Dr. A. sagte: ich wünsche, vorher zu sterben. Es

ist mir ein schrecklicher Gedanke, dies Bild der

menschlichen Gebrechlichkeit einmal selber darstellen

zu sollen.

Hierin stimmte man ihm bei: Was ware auch

dagegen einzuwenden gewesen? Kein Mensch fühlt

gerne die Abnahme seiner körperlichen und geistigen

Krafte, dies langsame Eintrocknen der Lebenssafte.

Niemand fallt gern andern zur Last oder lasst

sich bedauern. Jedenfalls kein normaler, gesunder

und tatiger Mensch. Der Dokter sagte sogar, er

würde sich schamen, als so gebrochener Greis

unsere Erde noch zu belasten.

Finden Sie denn selbst, fragte man, den Anblick

eines zittrigen Greises so furchtbar?

Er sagte: Nein. Ich habe zwar zunachst ein spontanes

Abwehrgefühl bei seinem Anblick. Etwas

straubt sich in mir. Das ist aber nur im ersten Au-

26


genblick. Dann finde ich mehr etwas Rührendes,

ja vielleicht sogar etwas Liebes, Anheimelndes im

Anschaun des Mannes.

Dann sprach man (glaube ich) von Christus. Der

ist ja wirklich ein unerschöpfliches Thema. Ich

weiss nicht mehr, wie man gerade auf Christus

kam. Aber bei einer so schweifenden Unterhaltung

kann man schliesslich auf alles kommen. Und auf

Christus kann man schliesslich immer und von

allen Punkten kommen. (Das beweisen, sagte jemand,

die Priester, die wie die Katzen auf ihren

Füssen immer bei Christus landen). Erna sagte,

dass er ihr unsympatisch sei. (Ich habe vergessen,

warum).

Wir tranken etwas, rauchten. Lena reichte GebSck.

(Sie war hauptsachlich Richards wegen hier.)

Ich erinnere mich, dass ich bei Richard eine gewisse

Unruhe bemerkte, oder eigentlich eine auffallende

Zurückgezogenheit. Er hatte sich erst lebhaft

an der Unterhaltung beteiligt. Jetzt schwieg

er schon eine Weile. Lena fragte, ob er auch alles

verstande (man sprach im Landesdialekt). Er bejahte

und schwieg weiter, ein ausgezeichneter

Zuhörer.

Als dann niemand mehr sprach, sagte er:

Entschuldigen Sie, wenn ich auf etwas zurückkomme,

was vorhin gesagt wurde. Ich bin langsam;

(aber das war nicht der Fall, ich hatte bemerkt,

dass ihm schon seit „vorhin" etwas auf der Zunge

brannte,anscheinend etwas für ihn ganz Wichtiges.

Er hatte sich aber zurückgehalten). Wir sprachen

vorhin von dem Greis mit der zitternden Hand,

27


sagte er, und dem Tropfen an der Nase, den er

nicht mehr fühlt, und der Doktor lehnte für sich

diesen Zustand ab.

Nun, ich möchte nur bemerken, dass ich für mich

diesen Zustand keineswegs ablehne. (Richard ist

ungefahr 30, der Doktor in den Vierzigern.)

Wissen wir denn, was es heist, 60 Jahre alt zu

sein?

Wir wissen es überhaupt nicht.

Oder wussten wir mit 16 wie wir mit 30 sein

würden?

Wir haben uns etwas vorgestellt, etwas, was unserm

Alter entsprach. Jetzt wissen wir, dass sich

die Perspektive der Lebensansicht fortwahrend —

mit dem Aelterwerden — verschiebt.

Mit 16 wollten wir auf keinen Fall auch nur eins

unserer Ideale aufgeben. (Aber das Leben hat sich

starker erwiesen als alle Ideale, d.h. wir erkennen

keine Ideale mehr an, die abseits vom Leben eine

Existenz zu führen wünschen.) Wir würden niemals

resignieren, dachten wir. Wir verachteten

oder bemitleideten Menschen, die resigniert hatten.

Aber das war ja alles nur, weil es damals so unserem

Alter entsprach. Wussten wir denn überhaupt,

was das ist: ein Mensch, der resigniert hat?

Wie er fühlt, denkt, handelt? — Heute stellen wir

selbst resignierte Menschen dar. Dies Erlebnis ist

so gross, dass es uns jede Enttauschung vergessen

lasst. Oder wir sind auf dem Standpunkt der 16jahrigen

stehen geblieben.

Hier unterbrach sich Richard. (Er nahm ein Stück

28


ï er Kuchen. Ich denke, er wollte seine Begeisterung

»ich hindern, mit ihm durchzugehen.) Plötzlich sprachen

alle durcheinander:

lich „Wie denn? Da wollte einer „gerne" alt werden,

ist War das nicht vielleicht nichts anderes als „Furcht

vorm Tode"? Oder schlaue Anpassung an das

zu Schicksal, das uns garkeine Wahl lasst, wenn wir

lange genug leben, jung zu bleiben oder Greis zu

werden?"

ein Nein, sagte Richard, nicht aus Ergebenheit gegen

mein Schicksal wünsche ich alt und alter zu werun-

den und die Gebrechen des Alters zu erfahren,

ich | sondern darum, weil ich diese einzige Gelegenheit

— nicht vorbeigehen lassen will, auch diese Seite des

Lebens kennen zu lernen. 1st nicht „vor Alter

ins mit den Handen zittern" eine Sache, die wir jetzt

ich aus der Situation unserer Gesundheit betrachten

ïen und uns darum nicht wünschen, die aber völlig

ine anders ist, wenn wir selbst alt sind und sie tun.

lie- Schatzen wir denn in der Kunst — da vorhin von

ten Kunst die Rede war — nur die Werke der Grieiat-

chen, nur die Jugend, die Kraft, die Fülle, oder hat

nicht auch gerade der Doktor seine Begeisterung

.111- für Gotik und die Alterswerke Rembrandts verer-

kündet. Lieben wir in der Kunst nicht alle Epoat?

chen, in denen grosse Persönlichkeiten geschaffen

vir haben?

ist Warum sollte im Leben die Sensation des Alterns

sen ein geringeres Erlebnis sein als die der Jugend?

16- Die Jugend haben wir erlebt, — er stand auf —

wir waren selbst Jugend; an uns konnten andere

ck sie begreifen. Wir lebten sie, wie wir jetzt das


29


Mittelalter leben. Und ich möchte keinesfalls auf

das Schlusskapitel verzichten. Das Abnehmen der

Krafte, wie Sie es nennen, das Verandern der Krafte

und die damit verbundene Umwandlung, Verwandlung,

ich wiinsche sie mitzumachen wie ich

bei der Zunahme dabei war. Sonst meine ich,

würde mir, meinem Ich, meiner Einmaligkeit, ein

Teil der Möglichkeiten des Daseins entgehen.

Vielleicht erringen wir mit dem Alter eine grössere

Freiheit. Jetzt würden wir uns noch schamen,

einenTropfen an derNase zu haben, dann schamen

wir uns nicht mehr. Wir gehen leichter über alle

Konventionen hinweg, wenn wir auch körperlich

schwerfalliger gehen als früher. Vielleicht werden

auch unsre Werke geistiger sein und weniger beschwert

von Materie.

Ah — warf man ein — Sie erwarten also vollkommenere,

bessere Werke vom Alter?

Ach, lassen wir die Werke, rief Richard, die werden

wahrscheinlich nur schlechter sein. Ja, wahrscheinlich

werden wir nur mehr verblöden, stumpfer

werden. Schon jetzt fühle ich ein Vermindern

der Krafte. Ich kann nicht mehr viel lesen, mein

Kopf straubt sich, mehr als 10 Druckseiten aufzunehmen,

wahrend ich früher ganze Bibliotheken

verschlang. Auch beim Schachspiel kann ich nicht

mehr kombinieren wie vor 2, 3 Jahren. Aber besteht

denn das Leben aus Lesen oder Schach oder

einer ahnlichen Beschaftigung? Gibt es da nicht

noch ganz andere Dinge mitzumachen?

Aber ware — er war nicht mehr aufzuhalten —

aber ware das Altern auch nichts anderes als ein

30


auf

der

LrSf-

I Verich

ich,

ein

?rösien,

(men

alle

rlich

|rden

be-

Abnehmen — in der Kunst wie im Leben gilt Kraft

wie Schwache gleichviel.

Wenn unser Alter ebenso erfiillt von sogenannter

Schwache ist, wie es unsere Jugend von sogenannter

Kraft war, dann sollten wir uns nicht beklagen,

und ebenso völlig alt sein, wie wir seinerzeit völlig

jung waren. Denn — das wiinschte ich so sehr zu

betonen — etwas zu sein ist etwas ganz anderes als

zu sehen, wie etwas ist.

Das Schaffen eines schlechten Kunstwerkes gewahrt

genau dieselbe Befriedigung wie das eines

guten. NSmlich wahrend des Schaffens. Und für

die Mutter ist das Austragen eines Napoleon genau

dasselbe wie das eines Idioten.

Etwas anderes ist das „Sehen", das Betrachten des

Geschaffenen. Doch uns selber sehen wir nie. Denn

wir wissen nicht, wie wir morgen sind. Wir schaffen

uns, wir werden fortwahrend geschaffen.

Wer ist, macht immer — eine komische Figur.

Aber dass man überhaupt ist, überhaupt zu sein,

das ist das grösste Erlebnis des Lebens in alien

seinen Abschnitten, mag es sich nun auf die Jugend

oder das Alter beziehen.

Der Doktor sagte: ich bin von dem, was Richard

sagt, berührt; aber ich bin nicht überzeugt. —

Das blieb mir von dem Abend in der Erinnerung.

31


P U B E R T A T

But

Ich bin — ich weiss nicht

Mein Herz — ich kann mich nicht fassen —

Es geht mir wirklich schlecht.

Tommy sagt: Mensch, Kopf hoch —

Tommy, dem ich sonst immer sagen muss: Haltung

Tommy. Ich muss ihm dann einen Stoss geben,

damit er sich aufrafft. Niemand kann so völlig

verzweifelt sein wie der dicke Tommy.

Hermann sagt: Mit dir ist was los. Nimm dich

zusammen, Kerl.

Kein Madchen guckt mich an. Sie wissen, dass ich

nichts wert bin.

Und Rut fïihrt nach Paris. Sie war hier noch die

Einzige — nun ist überhaupt nichts mehr da —

man kann sich schlafen legen. Ware das Gescheiteste.

Wir bringen sie alle an die Bahn, Rut, das Prachtmadchen.

Guten Tag, Alter, sagt sie und klopft

dem Papa auf die Schulter. Und zur Mutter: Na,

nun heule doch nicht zum Donnerwetter, schreit

sie. Und zu Herman: Mach keine Schweinereien,

wenn ich weg bin. Und Tommy, shake hands, auf

Wiedersehen, alter Knabe, halt dich wacker.

Und ich werde ganz Paris grüssen.

Das sagt sie alles aus dem Coupéfenster. Wir stehen

draussen am Zug und reden.

Hab dir noch nicht Adieu gesagt, ruft sie. Ich gehe

32


ans Fenster und will ihr die Hand driicken. Da

beugt sie sich raus und gibt mir einen Kuss.

Mir!

Der Zug fahrt ab.

Ich gebe Tommy einen Stoss: Mensch, sage ich,

Haltung.

Ich bin ganz glücklich. Aber alle sind niedergeschlagen,

weil Rut, die Herrliche, fort ist, und wir

gehen.

Mensch, sage ich zu Tommy.

Und jetzt verstehe ich: niimlich die ganze Zeit,

als wir auf den Zug warteten, hatte ich Ruts Arm.

Ich liess sie nicht locker. Nun geht sie weg. Und

sie ist ja der einzige Mensch hier. Hier und überhaupt.

Und darum hielt ich immer ihren Arm fest,

wie wir so auf dem Bahnsteig hin und her gehen

und warten und alle sprechen etwas. Der Zug

kommt an. Lass jetzt endlich Rut los, zischt Tommy

mich an. Und natürlich lass ich gleich los, denn

der Zug kommt ja an und sie muss einsteigen. Ich

denke, Tommy sagt das, weil der Zug kommt. Es

argerte mich trotzdem. Aber jetzt verstehe ich, dass

es die Eifersucht war. In Tommy kochte es, das

begreife ich nun. Der Dicke kochte, etwas musste

heraus, sonst explodierte er. Das Ventil zischte

und liess Druck raus. —

Rut ist weg. Hier ist nichts mehr los. Und mein

Herz liegt wieder auf der Strasse.

Ich bin krank. Ich liebe tausend Dinge. Ich kann

mich nicht halten. Ich bin — ich weiss nicht.

33


Sie schreibt ihm

Ich schreibe ihm. Alles, was ich auf dem Herzen

habe. Und das ist nicht wenig.

Du..

Ich stocke schon. Ich weiss nicht, wie ich anfange.

Worte, das ist ja was Grausiges, wenn alles hindrangt,

alles Gegenwart wünscht. Wie das zieht.

Es verschlagt mir den Atem. Ich will mich in die

Bahn setzen und hinfahren.

Ich muss, ich muss schreiben; wenn ich jetzt nicht

Gebrauch mache von dem einzigen Mittel, eine

Verbindung herzustellen — Himmel, ich fiirchte

fast, dass ich nicht schreiben werde. Ich weiss

schon nichts mehr, was ich schreiben wollte. Mein

Herz ist voll, ja, aber auch mein Kopf, mein ganzer

Körper ist voll, ist übervoll von — ihm. Jetzt

schreiben — dazu fehlt mir die Sachlichkeit. Ich

bin Bewegung, ganz Welle, ganz Sturz, ganz Eifer,

— nein, jetzt mich vor ein Blatt Papier setzen,

denken — das ware wie Hinrichtung.

Ich will bei dir sein, nichts andres als bei dir sein,

und dann werde ich wohl auch etwas zu sagen

wissen. Oder besser noch, still sein. Ich bin übervoll,

und weiss garnichts als dich, als uns beide,

zu fiihlen, deine Augen, zu sehen — und alles.

Alles. Du. Dich.

Ich sehe, es wird nichts draus. Es wird nichts aus

dem Brief.

Wird er es verstehen? Er muss das verstehen.

Ich schreibe nicht.

34


Ich warte und warte —

Nachts

Die Beleuchtung ist hier schlecht und die Strasse

fast dunkel. Ich habe mich unter ein Portal gestellt.

Es regnet.

Ich warte — worauf?

Es ist Nacht.

Trostlos ist es und — jetzt wird Licht angemacht

an dem Fenster.

Eigentlich habe ich etwas anderes zu tun. Man hat

Pflichten. Zum Lachen.

Wer wartet?

Ich habe keinen Grand mich zu beklagen. Im

Gegenteil. Viele haben viel mehr Grund. Und doch.

Dass es einem trotzdem so verzweifelt schlecht

gehen kann!

Ich glaube, jetzt habe ich einen Schatten da oben

gesehen.

Ich glaube, es geht mir schon besser.

Donnerwetter, ist das aber ein Guss. Jetzt wird das

Fenster aufgemacht — das kann nicht sein! Bei

dem Wetter! Ich gebe mir eine Ohrfeige, die

schmerzt. Also traume ich nicht.

Es steht jemand am Fenster und sieht in die Nacht.

Ich sehe rauf zum Fenster. Schritte hallen in der

Strasse. Es regnet schrecklich. Man sieht keine

zehn Meter weit.

Das ist wie auf dem Land und nicht wie in einer

grossen Stadt. Der Regen wascht die Strassen leer

und taucht alles in Natur. Ich bin begeistert.

35


Und da drüben ein matter Lichtschein und ein

Schatten.

Ich bin sehr begeistert. Ich habe vollkommen die

Stimmung eines Gedichtes. Ich fantasiere eine Geschichte

zusammen, die zum Schatten passt. Ich

halte mich im Dunkel des Portals. Jetzt singe ich

ein Lied auf das Leben. Es ist wunderbar und seltsam.

Das Leben. Reich, stromend — man kann es

nicht ausdenken.

Dass man sich in Hauser einsperrt! Dass man

nicht wandert, immer weiter! Wie eingezwangt

lebt man das Leben, das wunderbare, mit seinen

zarten Sonnenuntergangen, mit der Weite des Himmels

und der Erde, ja mit seiner Grosse und Weite.

Fast unbegrenzt ist es, und wir leben es wie — wie

Leute, die fortwahrend was zu verlieren haben.

Aengstlich lebenwir's.einfach feige, und jedenfalls

ohne Grosse und Weite. Wie in einer Eierschale

leben wir, beengt und vorsichtig, dass wir ja nicht

die feine Schale zerbrechen. 1st das überhaupt das

Leben? Das ist eine Erbarmlichkeit! Jetzt, jetzt,

wie der Regen herunterprasselt, ich atme das, die

Baume stehen wie geduckt und schwer atmend,

ich rieche das, ich — der Teufel, ich gehe hinüber

und klingle. Aber da ist gar kein Licht mehr und

kein Schatten. Und der Himmel beginnt zu dümmern.

36


Liebe

Liebe ...

Liebe Liebe Liebe liebe liebe Liebe Liebe Liebe

Liebe Liebe Liebe ...

Ich kann nichts anderes sagen, nichts anderes denken.

Ich liebe wahnsinnig, bin ganz verriickt davon.

Sie ist gar nicht da, ich weiss nicht, wo sie ist.

Aber ich werde sie wiedersehen. Oder auch nicht.

Ich werde krank davon. Es ist gleichgültig.

Ich liebe ...

Liebe liebe Liebe Liebe Liebe Liebe Liebe liebe

liebe liebe —

Das ist wunderbar. Und schmerzlich. Furchtbar

schwer. Aber unbedingt das Wunderbarste, was

es gibt — ohne das, ich wollte nicht leben, ich

kann mir das Leben ohne das gar nicht vor^

stellen.

Es ist ja ein Unding: ein Leben ohne Liebe —

haha, wirklich ein guter Witz.

O ich liebe ...

Man kann das im Grunde nicht sagen. Es ist eine

Sache, ganz für einen selbst. Und dann: es hinausschreien

...

Sie lieben ja auch alle. Der Kondukteur und der

Milchman. Und all die Madchen, überhaupt jeder,

jeder, ich weiss es, dass sie ganz wahnsinnig lieben,

so, wie sie es selber gar nicht wissen. Ich weiss es

besser! Sie könnten ja gar nicht bestehen ohne

eine alles überströmende Liebe, ohne dieses —

Aus dem Weg gehen? Selbstverstandlich. Gehen Sie

37


nur vorbei, ich mache Platz. Was kummert mich

dieser Narr, der mir da auf die Füsse tritt. Der

Teufel hole ihn, ungeschickter Patron! Ich liebe,

ich liebe —

Sie hat mir nicht mehr geschrieben, seit — ich

weiss nicht. Ob ich je noch einen Brief bekomme?

Hier ist die Luft reiner. Etwas Baume, ein kleiner

Teich. Nicht mehr diese erdrückenden Steinmassen


Ehrlich gestanden, habe ich noch nie einen Brief

von ihr bekommen. Ich stelle mir das nur so vor.

Es ware — nun einfach — ich glaube nicht, dass

ich es aushalten konnte.

Ich sehe morgens nach der Post. Wahrhaftig, ein

Brief! Von wem? Ich kenne die Handschrift nicht,

aber ich weiss es sofort, es ist kein Zweifel möglich,

dieser Brief ist von ihr. Von — und dann

würde ich den Brief nicht öffnen. Ich würde ihn

eine Stunde bei mir tragen, ohne ihn zu öffnen.

Auch dann würde ich ihn nicht öffnen. Einen

ganzen Tag lang nicht. Vielleicht noch langer.

Nein, sein Inhalt kann mir unmöglich soviel Glück

bringen, wie — dass sie mir geschrieben hat. Ich

glaube sogar, der Inhalt würde mich etwas enttauschen.

Einfach weil ich zuviel — aber kann

man jemals zuviel lieben?

Ja, ich glaube beinah, dass ich sie zuviel liebe.

Es muss sie schliesslich langweilen, so einer wie

ich, der eigentlich nichts anderes tut, als nur zu

lieben und sonst — sonst? Es muss sie langweilen,

d.h. wenn sie es wüsste. Wenn sie eine Ahnung

hatte. Aber ich hüte mich, sie es merken zu lassen.

38


Und doch, natürlich würde ich nichts lieber, als

er irgendetwas für sie tun. Und dann? dann? das

c, Dann interessiert mich nicht.

Liebe . .. Ich will immer davon reden,

li Ich will sie Euch beschreiben, sagen, wie sie ist.

•? Sie ist schmal und ein wenig hasslich, ja, der

er Mund ist nicht ganz so, wie er sein sollte, ja —

s- nein, das lasst sich nicht beschreiben. Man kann

nur einen Menschen beschreiben, die ausseren Foref

men eines Menschen, aber niemals das Besondere,

r. Einzige.

ss Nun bin ich wieder zu Hause angelangt, zu Hause,

d.h. auf meinem Zimmer, das kahl und gleichn

• guitig, etwas unaufgeraumt und billig ist. Hier

t, riecht es immer nach — ich erinnere mich von

g- früher dieses Geruchs, aber weiss nicht, was es

in ist.

in Ich stelle mir vor, dass sie zu mir kommt, bei

n. jedem Gerausch auf der Treppe stelle ich's mir

>n vor. Und dann — vorbei. Die Schritte gehen weir.

ter, vorbei an meiner Tür, die Treppe hinauf.

•k Man muss schon, denke ich, ein Liebhaber der

li Liebe sein, wenn man das alles ertragt — die —

t- nun ja, all die Enttauschungen. Denn, genau bem

sehen, erlebe ich doch nur Enttauschungen. Sie

kommt nicht, sie schreibt nicht, ich sehe sie nicht

e. — es ist schwer zu ertragen, wenn man doch so

e fürchterlich liebt — und bestimmt halte ich das

a nicht mehr lange aus. Marie sagte gestern, dass

ï, ich sehr schlecht aussehe, und wirklich ist mir

g ganz elend zu Mute. Es ist doch alles aussichtslos

i. und so gar keine Hoffnung. Hoffnung? Worauf?

39


Was hoffe ich denn? Ich weiss es selbst nicht. Aber

immer so zu lieben und nur zu lieben, keinen andern

Gedanken zu haben als diese Liebe — gewiss,

gewiss, ich bin bereit zu leiden, das Aeusserste zu

leiden, ich will mich nicht schonen, aber dies ist

doch wirklich, nicht wahr, allzu hoffnungslos.

Ich liebe immerzu und dann — so leer wird es

plötzlich. So unwirklich, das Leben, alles, der Kopf

wird leer, ich kann es mir nicht mehr vorstellen.

Es miisste etwas geschehen. Aber es geschieht rein

garnichts. Alle Menschen gehen und sind beschaftigt,

aber ich — ich gehe zu Miidchen. Es lenkt

mich ab. Aber dann komme ich wieder auf mein

Zimmer. Schliesslich komme ich doch immer wieder

auf mein Zimmer. Und dann — ich kann nicht,

ich kann nicht. Ich liebe doch, ich liebe — bin ich

denn ganz allein, bin ich denn wirklich der Einzige?

Ach, ich hatte davon nicht sprechen sollen. Niemals.

Das war der Fehler. Ich war so voll davon.

So ganz — Und nun? Zu spat!

Ich habe es gesagt, und nun bin ich wirklich einsam.

Ausgestossen von alien. Ich habe wohl irgendetwas

Unverzeihliches getan.

40


Der Brief

Geliebte ... Liebe ... Geliebtes ...

du Gute, Schutzgeist, du Gute du, du Schone, Liebe,

du Liebe denkt Richard und schreibt:

Eva

das malt er in unsichern rundlichen Buchstaben.

Bei jedem Zeichen zögert er, alle Töne, alle Süsse

malt er in das eine Wort. Wird sie's horen?

O dass ihm doch die Beschwingtheit der sprachebeherrschenden

Dichter geworden ware! jetzt beneidet

er sie um ihre Macht. Wird sie fühlen, dass

alle Innigkeit und Sehnsucht, deren ein Mensch

(— eben so einer wie er — das ist es ja leider —

ah — schrecklich, schrecklich * —) fjihig ist, in

diesem Wort versammelt ist? Wird sie den Klang

horen ihres vor Ueberfülle des Herzens wie gestammelten

Namens?

Richard zweifeit dran, der Zweifel macht ihn

traurig. Und dann — was bleibt ihm auch sonst

— überlasst er's dem Schicksal: Vielleicht! hofft

* niemand kann aus seiner Haut — was soil er tun?

Sich ganz geben, das Letzte — so wird doch wohl

ein Menschliches zum Vorschein kommen, das wert

ist, von einem Menschen geliebt zu werden. Alles,

alles für den geliebten Menschen.' (so wird selbst

ein Ricard unwiderstehlich —) ... Wenn er doch

nur eine bessere Meinung von sich selbst hatte!...

Ja, verglichen mit den andern! — wie sagte damals

41


er — etwas von dieser Liebe muss doch haften

bleiben am Brief, wenn ers auch nicht schreiben

kann, wenn auch ein langer Tag vergeht, bis sie

Mest, was er nicht hat schreiben können.

Gaspard?: „Mit einem Bekannten verglichen bin

ich ein Mensch, mit einem Menschen verglichen

ein Esel" — Gut getroffen, so war es — ah ein

Mensch wollte er sein, wenn auch nur ein kleiner

Mensch, ein echter, für sie — und war nicht ein

wirklicher Mensch in jedem Fall was Grosses! Für

sie — er — ein Mensch — das musste sie aufrütteln

aus ihrem Wahn, aus dieser kiinstlichen Welt des

Kopfes zur wahren Wirklichkeit des Lebens — er

wird den Alb der kranken Vergangenheit verscheuchen

and an die Stelle derTrugbilder die volle Glut

des immer gegenwartigen, immer sich erneuernden

Augenblicks setzen. Durch die unerklarliche

Liebe zu ihr fühlt er sich hierzu fahig, er, der

kleine, der dumme Richard. Ja, wenn er doch

immer dumm und klein bleibe! aber hatte er nicht

seine heroischen Standen, in denen er Herschergesten

oder spöttische Ueberlegenheit mimte —

eine schlecht fundierte Ueberlegenheit! — Aber

sie wird ihn heilen, ihn bessern. An ihr entfachen

sich seine besten Fiihigkeiten, die schaffenden: er

wird ein Mann sein nnd sie zu einer Frau machen!

Dieses Madchen hat das Zeug zu einer wunderbaren

Frau — er denkt an ihre besten Stunden: da

sprach er und handelte, ohne zu denken, nicht er,

ein Grösseres durch ihn; er fühlte sich in Einklang,

gehorsam der unbegreiflichen Natur, ge-

42


tragen von ihren unerhörten Gesetzen. Diese Stunde!

das war die Wahrheit, das Leben — kein

Gedanke! —

Liebe Liebe du Liebste du Liebe —

er sieht ihren Körper ansgestreckt, vom sanften

Mondlicht die Plastik ihrer Gieder umschimmert,

umdammert, nach den Seiten im Dunkel sich verlierend.

Entzückt, begeistert, ganz von Inbrunst

überflutet stretcht er zartlich über die festen Hügel

und vibrierenden Ebenen. Er kann sich nicht satt

sehen, nicht satt fühlen an der nachthell verschleierten

Schönheit dieses geliebten unerweckten englischen

Körpers und fliistert süsse zarte nuttige

Worte, die mehr sind als Worte. Für sie: eine

Bestdtigung, eine Wiedergeburt ihres Glaubens an

sich, die Gewissheit einer neuen Blütezeit.

Richard sieht das alles, hort es, riecht, schmeckt,

fühlt die Geliebte, Sehnsucht überwaltigt ihn, umdunkelt

ihn. Ohne Kraft malt er:

dein Richard

dann faltet er den Brief zusammen

43


Bettelknabe

Armer Knabe, Bettelknabe —

Schenkt ihm eine kleine Gabe!

Weiss denn einer, was er schenkt

Und woran der Knabe denkt?

Unser Knabe liebt Geschmeide

Schone Kleider, Pelze, Seide.

Arme, Beine im Bewegung

Sehen ist ihm schon Erregung

Handschuh, Schuhchen, alles Schicke

Nascht, erhascht er mit dem Blicke

Wenn so viele Fraun vorbeigehn

Möchte er sich fast ent&èhweisehn.

Und du gehst und schenkt ihm was

Und du denkst, das ware was

Denn er dankt dir so begliickt —

Denn dein Gang hat ihn entziickt!

So von euren tausend Gaben

Schenkt ihr immer armen Knaben

Doch ihr wisst nicht, was ihr schenkt

Und der Bettelknabe denkt


U eb er die Unwissenheit

Es ist beinah ausgeschlossen, dass man — ich

meine: einfach dumm bleibt. Ich meine, es ist

völlig ausgeschlossen, dass man so dumm bleibt,

wie man geboren ist. D.h. warum sollte man nicht

so dumm bleiben? Vielleicht noch sogar ein gutes

Stuck dümmer werden? Die Dummheit sozusagen

„entwickeln", gerade so wie man — nun zum Beispiel

die Intelligenz entwickeln kann. Das scheint

mir sogar ein sehr richtiger Gedanke: warum sollte

sich die Dummheit nicht entwickeln lassen, genau

wie die Intelligenz? Nur hat bisher noch niemand

ein Interesse daran gehabt, sie bei sich selbst zu

entwickeln, und daher blieb sie immer in ihrem

Anfangsstadium stecken. Man war vollkommen zufrieden

mit der Portion Dummheit, die „an sich",

„als solche" bereits vorhanden war.

Was ist überhaupt Dummheit? — Ich meinte etwas

ganz anderes. Ich meinte nicht so sehr die Dummheit

wie die Unwissenheit. Man kann, das wollte

ich sagen, doch nicht — und mag man noch so abgeschlossen

leben — unmöglich nichts von — nun

sagen wir — den neuen Erfindungen — und so —

horen. Man kann unmöglich nichts zu horen kriegen

eben von all dem Neuen, das auf unseren Erde

geschieht und geschaffen wird. Die Publikationsmittel

sind auch so unerhört entwickelt, und gerade

die Leiter dieser Publikations- und Popularisationsmittel

sind versessen auf alles Neue, dessen

sie nur habhaft werden können. Und ausserdem

45


sprechen doch alle davon, jederman wird durch

das Neue in Erstaunen versetzt, argert «ich dariiber

oder begeistert sich daran, bleibt jedenfalls nicht

völlig gleichgültig dem Neuen — nennen wir es

einfach „das Neue" — gegeniiber. Und wenn es

auch nur die Sache weniger ist, auf dieses Neue

griindlicher einzugeben, sich genauer zu unterrichten

— jederman wird jedenfalls etwas davon

lauten horen. Und dies Gelaute geniigt ja den

meisten (zu denen auch ich gehore), sie wollen ja

meistens nur diese ungewisse Anregung des Neuen

haben, um dann jeder auf seine Weise dariiber

weiter zu phantasieren — was dann manche nennen:

sich ein Urteil bilden.

Mir geniigt es z.B. schon, wenn ich nur so etwas

Ungefahres zu horen kriege, so die allgemeinsten

Ideen und Richtlinien des Neuen — damit bin ich

dann schon ganz zufrieden. Mehr Genaueres über

so eine neue Sache zu erfahren, würde mich kaum

interessieren. Ich würde es ja doch nicht verstehen

— zumal da ich von dem alten Vorhandenen, mit

dem ich grossgezogen bin, weit über die Halfte

noch nicht verstanden habe.

Ich meinte also, dass selbst die Dümmsten, die

Allerungebildetsten und eben Dümmsten doch von

diesen jeweilig neuen Dingen etwas werden lauten

horen. Und das wird eben doch eine Veranderung,

eine Korrektur ihrer "Weltanschauung zustande

bringen — mag dann diese Weltanschauung auch

nichts anderes sein als ein dumpfes, allgemeines

Gefühl dem Leben und den nachsten Dingen gegenüber.

46


Früher habe ich natürlich die Dummheit wie diese

dumpfenAIlgemeingefühle gründlich verachtet. Bis

ich merkte, dass ich selber dumm und eigentlich

Kaum anderer als solcher unklaren Gefühle fahig

bin. Darauf verachtete ich mich selbst — anders

ging es ja garnicht. Das musste so sein. Doch langsam

verlor die Selbstverachtung ihre Kraft — ich

nahm mich hin, wie ich war — das Leben besiegte

meine Vorurteile. —

Also wir horen von dem Neuen einige Klange bis

in unsere abseitige und stumpfe Welt dringen, und

das bringt unser Denken in Bewegung — obgleich

von eigentlichem folgerichtigen Denken bei unsereinem

nicht gut die Rede sein kann. Unser Denken

— das ist ja auch nur so eine Gefühlsduselei.

Natürlich muss es Leute geben, die dies Neue, von

dem wir horen, genau kennen, bei denen es entstanden

ist, also die grossen klaren Geister, die

Uebermenschen.die sich oft,wenn man ihre nahere

Bekanntschaft macht, als einfache nette Leute entpuppen.

Uebrigens nicht immer. Manchmal sind es

wirklich ganz unertragliche Uebermenschen. Uns

mit ihnen zu vergleichen ware glattweg Iacherliche

Ueberhebung. Aber leider will es das Unglück, dass

wir—im Gegensatz zu früher, zu unserer geliebten,

etwaswirren.begeisterten und lacherlichen Jugendzeit.wo

wir so vieles verachteten und bewunderten

— dass wir im Gegensatz zu damals vor Lacherlichkeiten

keine Angst mehr haben, und tatsachlich

zuweilen einen Vergleich zwischen uns, den gewöhnlichen

Menschen, und jenen Grossen, den

Schöpfern des Neuen, anstellen, der, versteht sich,

47


zu unseren Ungunsten ausfallen muss, aber doch

immer einen ganz eigenen prickelnden Reiz für

uns hat.

Das Neue aber bewegt uns — soweit an uns etwas

zu bewegen ist — auf eine besondere Art; auf eine

andere Art als das Alte. Das Alte, mein Gott, das

war ja schon immer da, schon ich weiss nicht wie

lange. Das gehort bereits früheren Zeiten an, Menschen,

die vor uns lebten, haben sich schon damit

beschaftigt. Unser Verhaltnis dazu ist eigentlich

schon vorausbestimmt. Ganz besonders aber hat

sich jene Zeit mit dem Alten auseinandergesetzt,

in der das Alte neu war. Eben wie wir uns — und

gehören wir auch zu den Dümmsten — auf ganz

besondere Art mit demheutigenNeuen auseinandersetzen.

Dies Neue gehort ja irgendwie zu uns, es ist

doch von derselben Zeit wie wir, es ist zeitgenössisch,

es enthalt Gegenwart. Es mag so absurd sein

wie es will — und zunachst erscheint es fast immer

absurd — selbst das Vernünftigste, wenn es ungewohnt

neu ist, sieht wie eine Fratze aus — jedenfalls

ist es, wenn es auftaucht, von heute und jetzt,

und wir als Jetztlebende haben dabei einWörtchen

mitzusprechen. Wir sind, und wenn wir auch

nichts weiter als unsere dumme Meinung darüber

sagen können, doch sozusagen mitgestaltend an

dem Neuen, an dem Gegenwartigen wirksam. Das

ist es wohl, was das Neue als etwas von unserer

Zeit, alsAusdruck der Gegenwart wichtig für unser

Leben macht, dass wir uns unwillkürlich gedrungen

fühlen, dazu Stellung zu nehmen. Was Plato

oder Sokrates gesagt haben, damit mochten sich

48


die Griechen damals auseinandersetzen, ja sie mussten

es einfach tun. Für uns gehort das schon mehr

zum Luxus. Dagegen das Neue, das die Gegenwart

ausmacht — die Gegenwart, die doch noch immer

das grösste Ereignis des Lebens, unseres Lebens

ist, mag die Vergangenheit auch noch so glanzvoll

gewesen sein — das Neue gehort zu uns und wir

zu ihm. Da können wir uns nicht drücken.

(Da ist mir versehentlich etwas ungeheuer Kluges

entschlüpft: Die Gegenwart ist das grösste Ereignis

des Lebens. Das ist ja eine geradezu aufregende

Bemerkung. Na, Schwamm drüber. Lassen wir die

Bemerkung über uns ergehen, wie wir auch den

grössten Teil des Lebens und sogar der Gegenwart

über uns ergehen lassen — Genug davon.)

Also da hatten wir drei Punkte: erstens die Dummheit,

das Unwissen, das ich für meinen Teil, was

mich persönlich betrifft, als gegeben betrachte. —

Früher hielt ich mich, versteht sich, für ziemlich

klug; als ich namlich gerade anfing, ein paarDinge

zu begreifen, so mit vierzehn Jahren ungefahr. Die

paar Dinge, die ich damals begriff, wurden aber

schnell wesenlos gegenüber der wahrhaft riesenhaften

Menge von Dingen, die ich keineswegs begriff,

— und zwar nicht einmal so sehr wegen

meiner Unintelligenz nicht begriff, sondern aus —

Geistesstumpfheit. Es interessierte mich einfach

nicht, sie zu begreifen. Wir brauchen ja zum„eigentlichen"

Leben so wenig zu begreifen. Ich liess also

die Dinge, die mir nicht „lagen", meinen angeborenen

Neigungen nicht entsprachen, fast unbeachtet.

Und so sind sie mir denn auch ganzlich fremd und

49


unbekanntgeblieben.Und ich kann mich ohne eitle

Bescheidenheit zu den Unwissenden rechnen.

Dann hatten wir zweitens das Neue, das es heutzutage

in unserer Welt gibt, und das ich in meiner

Unwissenheit summarisch „das Neue" nenne, das,

was es friiher in dieser Weise nicht gegeben hat,

die neuen Ideen, Anschauungen, Erfindungen, Einrichtungen,

Formen usw. usw.

Und drittens die Tatsache, dass selbst die Ungebildetsten,

Dümmsten und Unwissendsten unmöglich

von diesem Neuen nicht berührt werden können.

Was aber nun dies Neue gerade heute, in unserer

Zeit, in unserer Gegenwart ist, das zu sagen scheint

mir, einem Unwissenden, ausserordentich schwer.

Ich glaube sogar, dass es selbst einem Wissenden,

einem der auf der „Höhe seiner Zeit" lebt, schwer

fallen wiirde, dies klar zu sagen, denn nichts ist

wohl schwerer, als einen Ueberblick zu haben über

eineZeit,inder man selbst lebt,an der man also mit

all seinen Begrenzungen tatigen Anteil nimmt. Eher

wird vielleicht sogar derAbseitige, z.B.jemand, der

in einem Lande wohnt, in dem es keine akuten

Lebensprobleme gibt (also auch keine zu lösen gibt),

der verhaltnismassig unbeteiligte, ungegenwartige

Lebensbeschauer das alles richtig, nüchtern, objektiv

sehen und auch ausdrücken können. Nur wird

er wahrscheinlich keinen Drang verspüren, es auszudrücken,

denn: es geht ihn ja nicht brennend an.

Er lasst alles auf sich beruhen, hierin dem chinesischen

Weisen Shnelnd: „und alles kommt in Ordnung".

Er verschmaht die Fehler des Handelns,

jene notwendigen Fehler, die jede Tat unumstöss-

50


lich in sich schliesst. — Von ihm haben wir also

keine Aufklarung zu erwarten.

Da ich, wie schon bemerkt, nicht denEhrgeiz habe,

etwas Kluges oder durchaus Richtiges zu sagen,

will ich trotz aller Schwierigkeiten versuchen, dies,

unser heutiges Neues, naher zu bezeichnen.

Um es so umfassend wie möglich zu sagen: alles

lauft darauf hinaus, uns zu beweisen, dass die

Dinge nicht so sind.wiewir bisher annahmen, dass

sie seien. Unsere Erlebnisse, die sich auf das Gefühl

beziehen, werden samt und sonders ihres

wesentlichsten Bestandteils, ihrer unmittelbaren

Echtheit beraubt. Man fühlt namlich nicht so, wie

man meint zu fiihlen. Man denkt nicht, wie man

denkt zu denken. Nebenerscheinungen oder solche,

die man bisher dafür gehalten hat, werden zu

Hauptsachen. Die Umwertung aller Werte ist eine

greifbare Tatsache, ein dauernder Prozess. Die Erfindungen

auf technischem Gebiet könnten einen,

der sich für Technik nicht interessiert, kalt lassen,

wenn nicht auch der Uninteressierte zugleich feststellen

miisste, das gerade sie es sind, die die Menschen

mehr als alles andere verandern.Die altesten

übernommenenGrundbegriffe bef inden sich in Auf -

lösung. Die Zeit ist keine Zeit, der Raum kein Raum

mehr. Das Atom hat langst seine Bedeutung verloren.

Es dient zu rein nichts mehr — wahrend

früher auf ihm die Welt nebst ihrer ganzen Entwicklung

ruhte. Der Glaube ist für einen erwachsenenMenschen

selbstverstandlich einUnding usw.

Das ist nur Einiges, aber es ist schon genug. Ich

meine, es ist genug für einen einfachen Menschen,

51


um sich damit auseinanderzusetzen. Er hat für

Jahre damit zu tun. —

Man wird aus meiner Aufziihlung, wenn auch

weiter nichts, so doch meine absolute Ahnungslosigkeit,

Unwissenheit und Oberflachlichkeit in

diesen Dingen, die ich das Neue nenne, herausgelesen

haben. Ich habe also nicht geflunkert.

Uebrigens erscheinen mir diese Dinge, wenn ich sie

jetzt noch einmal lese, nicht einmal so neuartig, so

ein spezielles Charakteristikum unserer Zeit. Ja,

was ist das denn? Unserm Wissen ist der Boden

entzogen durch eine riesige Masse Entdeckungen,

die noch töglich anschwillt und uns zeigt, dass wir

bisher auf unvollstandiger Kenntnis der Materie

unsere Theorien aufbauten; Tatsachen verfliichtigensich

zuPhantasieerscheinungen.wir kommen,

je mehr Geister und Spukgestalten aus der Welt

weg bewiesen werden, immer mehr dahinter, dass

wir verhaltnismassig eigentlich fast nichts wissen

(ausserdem aber mit diesem Nichtwissen praktisch

doch eine ziemlicheMenge ausrichten können, und

bereits ausgerichtet haben). Na, usw.

Das lüuft für den Einzelnen und natürlich Unwissenden

im Ganzen darauf hinaus, dass er sich auf

nichtsverlassen kann,und jedeMeinung über etwas

für ihn die Gefahr enthalt, dass sie morgen oder

heute bereits schon widerlegt werden kann. Er,

als Unwissender, kann es ja nicht kontrollieren, er

muss hierin den Fachleuten vertrauen. Diese können

allerdings auch wieder von Fachleuten widerlegt

werden, aber sie haben wenigstens ein ganzes

Arsenal von Wissen, ttie sie den Fachleuten, die sie


widerlegen wollen, entgegensetzen können. Was sie

denn auch tun.DerUnwissende kann das nicht; der

sieht nur, dass wieder mal etwas widerlegt ist. Die

Situation stellt sich also ungefahr folgendermassen

dar: alles, was wir wissen, wird fortwahrend widerlegt.

Es ist zwar alles nicht gerade genau umgekehrt,

wie wir bisher annahmen, dass es sei, aber

jedenfalls anders. Und da kann man denn begreifen,

dass einer ganz gern zu den Unwissenden gehort.

Er braucht sich nicht fortwahrend zu korrigieren.

Sagen wir mal grobweg: das Wissen ist eine Sache

fürSpezialisten geworden.Diese können mehr oder

weniger scharf umschreiben, was sie nicht wissen.

Sie sind überhaupt in jeder Hinsicht praziser, genauer,

deutlicher als der Unwissende. Für den

Unwissenden gibt es aber — will er nicht dem

fürchterlichsten Dilettantismus verfallen —. nur

„Schweigen und Zusehen". Er weiss eben heute

mehr denn je „überhaupt nichts". Das tatsachliche

Wissen ist derart dem einfachen Leben entrückt,

es bewegt sich auf so raffinierten Höhen, ist so

kompliziert und abgründig, das der Laie am besten

den Mund halt und garnicht erst den Versuch

macht, sich eine Meinung zu bilden. Die Meinung

kann ja doch nur auf Unwissen und Irrtum beruhen.

Es fehlt ihm ja die Grundlage: dieKontrolle

der Tatsachen. Er muss alles auf Treu und Glauben

hinnehmen. Sollte er doch eine „richtige" Meinung

haben, so muss er das demZufall danken. Ein folgerichtiges

Denken an Hand von Tatsachen ist ihm

unmöglich, weil er nicht alle der Wissenschaft

gegenwartigen Tatsachen kennt. Eine Meinung ist

53


ei ihm das Gleiche wie Aberglauben. Er sollte sich

darauf beschranken, zu sagen: ich finde das schön;

das unschön, das gefallt mir, das missfallt mir —

also ganz imPersönlichen bleiben. Von richtig oder

unrichtig im Sinne eines Urteils sollte er überhaupt

nicht sprechen, von Weltanschauung ganz und gar

absehen. Ueber Dinge reden, von denen man nichts

oder fast nichts weiss, so reden, als ob man wüsste,

ist doch nur Snobismus, eine leere Seifenblase: sie

schuiert ganz hübsch, aber nicht einmal einem

Luftzug halt sie stand, geschweige einem Stoss mit

dem Seziermesser des Eingeweihten.

Man mag mir nun glauben oder nicht, es ist doch

wahr: dass, als ich anfing, dies alles zu sagen, ich

keineswegs dieAbsicht hatte,zu irgendeinemResultat

zu kommen, einen Schluss zu ziehen. Ich fing

an zu reden, weil ich zufallig in einem Buch eine

Stelle las (— vielmehr man las sie mir vor —), dass

der Glaube an Gott einfach ein unentwickelt gebliebener

Rest, ein Ueberbleibsel aus der Kindheit

der Menschheit sei.

So spricht ein Wissender, ein kluger Mann, ein

Mensch mit tiefen Einsichten. Er iveiss es.

Mir scheint zwar sehr wahrscheinlich, was er sagt,

sehr einleuchtend (ich bewundere ihn sogar darum),

aber ich weiss es nicht. Plötzlich ging mir ein Licht

auf: ich kann so etwas garnicht wissen, ob Gott

existiert oder nicht — wie kann ich es wissen,

wenn er es mir selbst nicht beweist. Beweist er mir

jedoch seine Existenz, so können alle Menschen

beweisen, dass er nicht existieren kann—für mich

existiert er dann doch. Und umgekehrt.

54


Solches und vieles andere konnte man sagen, noch

viel Gescheites — aber was ware damit gewonnen?

Tatsachlich kann ich es nicht wissen, mir fehlt

dazu die Kenntnis der Anhaltspunkte. Und darum

sollte ich schweigen und — keine Meinung haben.

Früher hielt ich es selbstverstandlich für meine

Pflicht, mich um jedes und noch was zu kümmern,

mich für alles zu interessieren, mir alles klar zu

machen.

So eine Art „höheresPflichtgefühl". Einem schwebte

so etwas wie ein universeller Mensch vor, so ein

All-Mensch.

Nun, dieses Pflichtgefühl hat sich verloren.

Jetzt meine ich, man sollte weniger meinen, weil

man es doch nicht wissen kann.

Doch auch das ist vielleicht schon „zuviel gemeint".

55


D E R J U N G L I N G

Unsere eigenen Verhaltnisse blieken

wir immer sehr zartlich an

(Serenus an Seneca)

Material für eine Biographie

W^ir sind Schöpfer? — Auch das. — Und dann

sind wir Sammler von Material. Und dann sagen

wir: da habt ihr das Material, werdet damit fertig,

wie ihr wollt und könnt.

Vergebens suche ich den Ausdruck für meine Liebe,

für das Liebliche. Unsere Zeit der dröhnenden

Technik, Geschrei, Rekorde ist nicht geschaffen für

das Zarte. Dies Wunderbare muss schweigen. auch

wenn es schwer fallt. In den Augen, im Anschaun

mussen wir Trost finden. Diese Zeit ist dazu geschaffen,

eine unstillbare Sehnsucht zum Innigen

zu zuchten. Die Dichtungen früherer Jahrhunderte

vergegenwartigen uns die Armseligkeit unseres

eigenen Zustandes. Wenn wir still sind, wenn wir

uns zurückziehen — das ist das Zeichen, dass wir

grenzenlos lieben.

Wenn es mir gelingt, den Dingen gegenüber Distanz

zu wahren, werde ich meist die poëtische Note

treffen.

Dann auch der Phantasie Spielraum gönnen. D.h.,

es gibt Phantasie, die sich am GegenstSndlichen

56


entzündet. (Das ist die der Tatmenschen.) Ich meine

eine, die zur Dichtung führt; verführt.

Nicht undeutlich sein und nicht eindeutig, sondern

vieldeutig sein.

Den Sinn für psychologische Atmospharen beim

Leser anregen.

Nichts mit Nachdruck erstreben. —

Uebrigens: warum sollte ein Buch auf jeder Seite

gut sein?

Wenn man dabei ist, sich die Begriffe von gut und

böse oder schlecht abzugewöhnen, hat man die

Pflicht, auch schlechtes nicht zu streichen.

Wer die Spielregeln kennt, und sich also einrichtet,

der wird in den meisten Fallen ohne viel Aufhebens

das Gescheite tun. Die aber, die ihr Herz

als Einsatz geben, beunruhigen sich bei den geringsten

Anlassen. Immer übertreten sie die Gesetze,

suchen Möglichkeiten, auch wo die TJnmöglichkeit

klar zu Tage liegt. Was liegt ihnen am

Erreichen! Mag der Meister sich in der Beschrankung

zeigen — wir wissen, dass wir keine Meister

sind, und darum plagen uns unsere Grenzen.

Sie zu sprengen, machen wir stets aufs Neue

die erstaunlichsten Anstrengungen, entfalten einen

unverstandigen Aufwand an Gefühl. Wohl ein albernes

Schauspiel für die besser, die gesunder Organisierten,

die sich mit den Gewohnheiten der

Welt glücklicher abfinden. Doch von Zeit zu Zeit

beugt sich die Regel unserm Ansturm des Empfindens,

das Ungewöhnliche wird Ereignis, und wir

erf reuen uns einer herzhafterglühenden Ausnahme.

57


Hera ist von den Madchen der farbigste Typ.

Schwierig, ihr gerecht zu werden. Ich bin dazu

nicht imstande. Doch ich merke, dass die Unpersönlichkeit,

die im Handeln und in der Kunst

Schwache bedeutet, für das Verstehen von Menschen

und Werken von Vorteil sein kann. Ich

glaube, besser zu verstehen. Ja, so viel besser zu

verstehen, dass ich keine Erklarung mehr wage,

ja, zu Zeiten sogar keine Handlung wage. Weil jedes

Für und Wider, jede Helligkeit und jeder Schatten

mir gleich gegenwartig sind.

Und doch bin ich in Hera verliebt — und ware das

keine Handlung, keine Entscheidung?! Ich liebe

sie und, wie immer in solchen Fallen, ergere ich

mich an ihr. D.h. ich übersehe „das Wichtige".

Kleinigkeiten können mich aufbringen, mich aufbrauchen.

Sie entscheiden plötzlich meine Neigungen.

Wem aber dies an mir missfallt, den versöhne der

Umstand, dass ich selbst meine Eigenschaften am

furchtbarsten ausbaden muss. Habe du es einmal

mit einem verkehrten Wesen zu tun! Da donnern

Wetter, Berge stiirzen ein, dass eine lacherliche

Maus geboren werde.

Wie bewundere ich das Madchen, das mich zu nehmen

weiss. Und Hera weiss es. Sie weiss mich in

Wut zu setzen und zu versöhnen: das Spiel treibt

sie gerne.

Ich vergesse mit ihr die Zeit, da ich intensiv gegenwartig

bin. Unverlegen sieht sie mir ruhig und

spitzbübisch in die Augen — lassen Augen sich

sagen? Da muss man hineinsehen! Und wirklich,

58


ich sehe mich satt. — Dann werfen die Lippen

sich auf, der Bliek wird verschwommen, die Arme

strecken sich aus, und ich bin auf einmal recht

gleichgiiltig.

Sie begreift nicht, warum, und ich begreife es auch

nicht. Aber plötzlich ist das Gefühl wie zerhauen:

ich sehe nur noch ein grosses Kalb und langweile

mich ungeheuer.

Bewahre uns, o Taktgefühl, das Paradies, in dem

wir wandeln, zwei Verliebte

Nicht falie das verhangnisvolle Wort: Ich liebe dich

Lass noch weiter

Uns mit Vernunft und Trieb Verstecken spielen

und verhüte

Bejahrte bitterste Ehrfahrung, schlimme Reife

Was irgend einem Ende ahnlich sehe

Selten unterstützt das Leben vorgefasste Absichten.

Es schiebt zwischen unsern ersten Gedanken und

das Resultat Unvorhergesehenes, Neuigkeiten: die

Situation ist verandert — und wer wollte sich auf

die Dauer dem Leben widersetzen?

So verzichten wir auf gedachte Resultate und lassen

uns von unsern eigenen Unternehmungen überraschen

und treiben, als ob es sich um fremde

handelte.

So alt wie ich bin, weiss ich wenig mit meiner

Zukunft anzufangen.

Wenn wir auch tausendmal unser Schicksal vorausbestimmen

— wird es uns noch als dieselben

59


antreffen, die wir im Augenblick sind? Wie verkehrt

sind alle Voraussichten — in den folgenden

Minuten.

Andrerseits: wenn wir wirklich unser Denken

sparen wollten — hatten wir wirklich etwas gespart?

Im Gegenteil. Ich würde fürchten, als reicher

Mann zu sterben.

Eine zahe Neugier, die Sinnlichkeit besonnt den

Weg.

Hilf meinemTraum, gib meiner Sehnsucht Ziele. —

Verderbliche Zweckmassigkeit!

Wenn es mir gelingt, mich unklar auszudrücken,

werde ich behaupten, etwas gewonnen zu haben.

Nur nicht belehren.

Nur nichts erklaren.

Verstehe doch, worin der Zusammenhang liegt!

Nicht im Sinn. Nicht im Sinn. Dann lag er ja auch

im Unsinn.

Und worin er wirklich liegt?

Wenn der Arzt seine Mittel verrat, würden die

Menschen weniger krank sein?

Gönne ihnen ihr Unbehagen. Sie leben nicht zweimal.

Und sollten hier die Erregung eines Missvergnügens

versaumen!

Edle Weisheit, die lehrt, dass wir nach dem Tode

keine Gelegenheit mehr zum Unglück haben. — O

Herr, ich verzeihe dir deine Sünden nicht, ich

koste sie.

Ich versuche, mich selbst möglichst richtig zu

60


sehen. Jedoch nicht um der Wahrheit willen. Ich

mache mir Spiegel. Das ist es. Und das nicht einmal

wegen der Eitelkeit.

Lotte liebt die Wahrheit. Sie sagt einem die unangenehmsten

Dinge ganz unverblümt. Das nennt

sie: einem die Wahrheit sagen.

Ich mache mir Spiegel. Und von Zeit zu Zeit

erhasche ich einen Blick, einen guten Blick, einen

Ueberblick.

Es hat etwas für sich, nichts zu besitzen: man

tauscht sich weniger, durchschaut besser. Man muss

immer und überall sich selbst einsetzen, da man

sonst nichts einzusetzen hat. Und zum Versetzen

auch nichts.

Ich habe im Augenblick nur Schulden. Wenn ich

jetzt sterbe, würde ich eine Menge Geld sparen.

Was mir leicht fallt?

Schweigen — zu Zeiten. Auch viel sprechen —

manchmal. Dann: schweifend zu denken an dies,

an jenes.

Manchmal fallt mir leicht, wass mir manchmal

schwer fallt.

Nichts besonderes.

Ah — ich liebe, ich liebe (aber sollte das nicht

besser Geheimnis bleiben?) das Unausgesprochene.

Wenn mich Madchen schlecht behandeln, wenn

meine Eitelkeit gekrankt wird — dann, im Stillen,

nachher, lachle ich — über mich.

Nie mehr (denke ich) wird es mir so ernst sein,

61


dass ich nicht noch ein Lacheln gewanne —

spater —

Ganze Haufen litt ich — früher — noch vor kurzem

— ja auch zu leiden fallt mir leicht. Ich leide

schnell, leicht und viel. Da ist es denn vernünftig,

harmloser zu sein, als man es ohnehin schon ist —

„die ganze Geschichte nicht so tragisch nehmen"

— das erleichtert vieles.

O Himmel, segne uns.

TJns, die wir mehr besinnen als handeln, die wir

mehr beachten als beachtet werden, die wir Dinge

bedenken „dünn wie das Gedachte" und unter

unserer eigenen Sonne nicht gedeihen wollen.

Vergiss uns nicht!

Heile uns. Verdamme uns. Tue jedenfalls irgend

etwas mit uns. Für das Uebrige werden wir schon

sorgen. Und wenn du zuviel tust, werden wir vom

Gegenteil hinzutun.

Man lernt, das kann man wohl behaupten, mit dem

Aelterwerden ziemlich unangenehme Dinge.

d.h. man konnte das auch so ausdrücken: man

merkt immer deutlicher, dass sogar das Aelterwerden

(und darauf hatten wir gehofft) (denn die

Jugend denkt sich allerhand hinter der Fassade

des Alters, dass sie noch nicht übersehen kann) —

dass also das Aelterwerden unser Wesen nicht geeigneter

und geneigter macht, der Welt und den

Menschen, wie sie nun einmal sind — und dass wir

sie nicht andern können, das wissen wir ja endlich

auch durch und durch — sich zu bequemen.

62


Auch wenn wir Vorurteile und Illusionen losgeworden

sind,dieLagewird dadurch nicht erspriesslicher.

Die Gefiihle haben wir so griindlich analysiert,

dass uns nur mehr die gefallen mogen, bei

denen wir das Denken vergessen. Und sollte es etwa

Beobachtungen geben, die wir noch nicht angestellt

hotten in Bezug auf die schöpferische Schwache

der Menschen? Heisst Ansichten haben nicht, das

Leben der Gegenwart vorwegnehmen, ihm seine

Wirklichkeit rauben? Gleichen Absichten, die sich

auf andere beziehen, mogen sie sichFreiheit.Glück,

Verbesserung nennen, nicht den sogenannten verbrecherischen

Handlungen wie Mord und Diebstahl?

Wenn alles „Gute" seinen Lohn in sich tragt,

so können wir auch niemand mehr „edler Taten"

wegen bewundern, denn so ein Mensch ist nur ein

Lohnknecht — und so sind wir auch die Achtung

losgeworden. Im „Durchschauen" sind wir Meister,

wir zucken die Achseln über den Erfolg, der

uns doch immer nur die Kleinheit unserer Ziele

vor Augen führt, und Reichtum kann uns gewiss

nicht imponieren. Und dennoch drangen wir uns

zu einem Werk. Dass muss allerdings (so weit sind

wir nun) rein privater Natur sein.

O eigner Weg voll Peinlichkeit, Verlegenheit.

Welche Wohltat, andere verlegen zu sehen. Auch

sie, denke ich, auch sie! Nicht ich alleine —

So wird alles Grosse und Grosszügige den verkleinernden

kleinen Schlagen unzahliger Minuten unterworfen.

Wir fühlen uns den Besten nahe in den

Augenblicken, da auch sie nicht wissen, wo rechts

63


und links — da gewinnen sie unsere Herzen. Die

Schwache verbindet uns ihnen, Starke treibt uns

auseinander.

Die sich selber wollen — welche Nachfolger werden

die haben? Bedeutungslose! Schatten!

O eigner Weg voll Peinlichkeit, Verlegenheit.

Kahle möblierte Zimmer, in denen sich unsere

Hauptsachen abspielen. — Es ist Frühling. — Ich

öffne das Fenster, um auf eine tote Mauer zu sehen.

Hier verkümmre ich, hier entfalte ich mich, hier

bin ich ich. Wo anders könnt ich besser leben?

Vielleicht wird etwas, ein kleines, von uns iibrig

bleiben. Aber noch besser, wenn etwas von uns da

ist, wenn wir da sind.

Sich seinemSchicksal anschmiegend, seine Stimme

erlauschend, seinem Ruf folgend.

Ich habe oft versucht, Ordnung zu schaffen. Die

Umstande (das Leben) sind dagegen. Sie scheinen

die Unordnung mehr zu lieben.

Ich habe mir vorgenommen, weder an meine Vergangenheit

noch an die Zukunft zu denken. Dass

man sich das auch noch vornehmen muss! Nein,

ich werde es mir lieber nicht vornehmen.

Dösen, mit einem schönenNamen:traumen, unnütz

sein, unbrauchbar — es hat etwas Anziehendes.

Sich der Gedanken entschlagen: das ist das grosse

Geschenk, das wir uns selber machen können.

Wie ein Dichter schlendern.

Los von allen Verhaltnissen, ausser den eigensten.

So ware das Leben — in jedemFall — zu geniessen.

64


Selbst Krankheit ist dem Dichter erlaubt, ja angemessen.

Auch müde kann er sein. Auch narrisch

sein. Auch andere Gebrechen stehen ihm wohl an,

machen ihn zuweilen noch poëtischer. Als Gesunder

ware er verpflichtet, hier und da handelnd einzugreifen.

Unser Verhaltnis zur Welt entsteht dadurch, dass

wir handeln. Würden wir uns auf unsere Dichterrolle

beschranken, zwecklos und schauend sein,

wie es uns geziemt, wir waren ganz brauchbare

Menschen.

Indessen, wir vergessen nur zu oft, was wir ohne

Umstande sein sollten.undverderben uns so manche

gute Stunde. Wahrend unsere Umgebung uns das

Gorgonenhaupt des Ziels und Nutzens vorhalt, uns

mit dem furchtbarenBlick der materiellen Notwendigkeit

hypnotisieren will, solltenwir uns in unsere

eigenste Dichterhaut zurückziehen, d.h. nicht einmal

zurückziehen, sondern einfach bleiben, wo wir

sind und wo wir also hingehören.

Aber: auch diese Haltung hat ihre Schattenseiten.

Denn ganz ohne Handlung können wir unmöglich

sein. So bekommt alles, was wir zu tun uns veranlasst

fühlen,für uns eine übermiissigeBedeutung.

Wir verlieren ein gut Teil der Leichtfertigkeit, die

wir, um treffend zu handeln, doch auch nicht entbehren

können.

Der Dichter leidet zuviel unter „kleinen Verfehlungen".

Zuviel? — Nein!

Gerade das bezeichnet ihn als den Menschen, dessen

Aufgabe nicht im Derben endet.

65


D E R A U S F U H R L I C H E

J U N G G E S E L L E

(Bemerkungen unterivegs)

HEFT I

Du findest meine Arbeit schlecht? Macht nichts.

Ich schreibe zu meinem Vergnügen.

Ich hatte —

Ich wünschte —

Ich —

schwer den Anfang zu finden

Da ich wenig zu sagen habe, wahlte ich ein umfangreiches

Thema.

Schwierigkeit zu leben

An und für sich würde man es ja nicht aushalten —

aber das Leben selbst hilft einem immer wieder

über das Leben hinweg oder es ertragen.

Früher wollte ich immer etwas.

Wie viel besser ist es, die Gelegenheiten wahrzunehmen.

Und welche Delicatesse, Gelegenheiten

vorbeigehen zu lassen.

Die wir allen Reizen des Lebens offen stehen, werden

uns auch den Wirkungen der Sensationen der

Oberflache nicht entziehen.

66


zu-

Iten

Ich war überzeugt, das Richtige zu wollen. Herrliche

Zeiten, in denen man von etwas überzeugt ist.

Und dann noch gar von etwas „Richtigem".

Sobald ich Berechnungen in meine Handlungen einbeziehe,

habe ich keine Freude mehr an ihnen. Nur

die Handlung ohne Absicht belohnt mich.

Darum: Zwecklosigkeit — das ist meine Berechnung.

Stets wenn ich glaubte, eine Form des Lebens gefunden

zu haben — aber auch sonst hatte ich über

Mangel an Irrtümern nicht zu klagen.

Zuerst dachte ich, man müsste sich den Menschen

gleichmachen, um ihnen zu gefallen. Dann lernte

ich einige kennen die gerade die liebten, die anders

waren als sie — aus Ueberdruss an der eigenen Art.

Manche liebten jemand wegen einer kleine Merkwürdigkeit

oder ausgesprochener Fehler. Gecken,

Verbrecher, Blödsinnige, alle erfreuten sich aus gewissen

Gründen der Zuneigung gewisser Kreise,

aus Gründen, die mit aller erdenklichen Logik im

Voraus nicht zu bestimmen waren.

Was sollte man tun, um den Menschen zu gefallen?

Und welchen Menschen wollte man gefallen? Natürlich

den Einzelnen! Den Persönlichkeiten.

Denen aber gefiel kraft individuellen Geschmacks

immer etwas anderes. Es war vergebliche Mühe,

hier „bewusst" etwas erzielen zu wollen. Also kam

ich zu dem Schlus, dass wegen der Unmöglichkcit

des Unternehmens das Richtigste war, nicht gefal-

67


len zu wollen. Stattdessen meinte ich lieber verachten

zu sollen. Verachtung schien es, würde mir

wenigtens die Achtung der besten der durchschauendsten

Köpfe sichern. Verachtung und Gleichgültigkeit

für die andern. Selbst wenn da keine hinreichenden

Grunde zum Verachten waren. Man

musste aus sich ein „Geheimnis" machen. Das Unverstiindliche

schien am meisten Aussicht zu haben.

Ehrfurcht und Interesse einzuflössen.

So ungefahr formte es sich in meinem Hirn, was

man schliesslich eine Meinung nennt, und bestimmte

für eine Woche meine Haltung den Menschen

gegenüber.

Früher sagte man: Der Mensch ist so und so. (Das

war ziemlich einfach).

Jetzt heisst es: der Mensch ist immer anders. (Und

w r

ehe ihm, wenn er es nicht ist, wir würden sehr

bald das Interesse an ihm verlieren.)

Erfolge, die sich aus Irrtümem ergehen

Ich schreibe eine kleine Geschichte von Johnnys

Eifersucht. Spater lese ich sie Ruth vor.

Jetzt gibt mir Ruth immer, wenn Johnny da ist,

einen Kuss. (Sonst nie.) Die Geschichte von John­

nys Eifersucht hat gefallen.

Friihling

Im nahen Nachtigallenwaldchen wandeln die Liebespaare.

Sie halt mir ihre Wange hin, die ungeliebte,

und ich küsse sie folgsam wie ein Hündchen.

68


(Das

Der Hagestolz

Ich war allein-ich bins allein

Glückseligkeit, allein zu sein

Ich war zu zwein, ich war einmal zu zwein

Gelegentlich, welch Glück, zu zwein zu sein

Auch mal zu drein kann reizend sein

Doch wieder dann zurück

Doch wahres Glück allein

Bei mir-allein.

Unvergessliches

Das Erlebnis mit Eline wird mir immer unvergesslich

sein, d.h. ich weis eigentlich nur noch, dass es

mir unvergesslich sein würde.

An das andere erinnere ich mich nicht mehr.

Ich sagte: Wenn man hier im Café sitzt und sich die

Leute anschaut, dann findet man doch, dass man

der einzige vernünftige Mensch hier ist.

Ja, sagt er, so wenig Phantasie hat man.

69


HEFT II

Alles hangt von unserer Anschauung ab. Aber unsere

Anschauung hangt nicht von uns ab.

Schweigen ist Gold. Ich hange nicht am Golde.

Das Leben zwingt einen oft, sich zu aussern, auch

wenn man nichts zu sagen hat.

Denen es selbstverstandlich ist.

Scherz für ungut.

Wie soil einer schreiben, der schweigt, wenn er

etwas zu sagen hat?

Ich habe etwas zu verheimlichen. Also schreibe ich.

Immer wieder siebzejhnjahrige, achtzehnjahrige,

zwanzigjahrige. Wahrend ich alter werde.

Er schwieg und strahlte aus: Mannlichkeit. Ein

Blick, ein Handedruck, ein Streicheln. So wirkte

er: herzverbrecherisch.

Dass er kein Dichter war, wusste er, darum schwieg

er. Schwieg er, hatte er etwas von einem Dichter.

Die Sympathien strömten ihm zu, umsummten ihn.

Er flatterte, schaukelte in der Süsse, im Duft des

„Neigens der Herzen". Er konnte lachen, wenn er

daran dachte. War glücklich untatig aussen, überschwenglich

gefahrlich unsichtbar.

Unmöglich auch nur den Schatten jener Fülle von

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Gedanken und Empfindungen einzufangen, die ihn

bei seinen Unternehmungen bewegten. Allein schon

die Sensation frischer Wasche beschwingt seinen

Geist auf hervorragende Weise. Ihm gehorte die

Welt, d.h. was wichtiger war, jene Frau, auf die er

es abgesehen hatte. Im Kopf vereinigte er Lilly,

Lucie, Lore, Laura, Liane und Lu zu einen Bouquet

voll ununterbrochener Reize. Die wichtigsten Spekulationen

wurden abgründig erwogen, mit nacheifernswerter

Liebe gab er sich dem Thema seiner

Verführungen hin.

Ah, wie bald verschwindet der Anlass zu unsern

Taten, und nur sie selber bleiben und fordern mit

eigenem Leben ihre Gesetze. Nur anfangs sind wir

die Schöpfer unserer Handlungen, die uns, fortgeschritten,

an der Leine führen. Eben noch bedachten

wir die Welt, und schon sind wir sie in

eigener Person, da denn ein rechter Ueberblick

versagt bleibt.

Warum handelte er? Diese Frage warf er vergangenen

Epochen zu. Er handelte jetzt. Die Schwarmerei

des Betrachtens wich der der Taten.

Er kostet in der Wirklichkeit den Luxus ungenutzter

Situationen, Beziehungen, die das Unmögliche

versprechen, bricht er ab.

Wenn ihn mehr das Temperament oder die Angst,

zu kurz zu kommen, die Eitelkeit, zu versaumen,

die Neugierde, den Spannungsgrad der unbekannten

Materie zu erproben, hinreisst, den Augenblick

auf die Spitze zu treiben, bereut ers mit einem

Nachgefühl von Geschmacklosigkeit.

71


Durch Unvollendung der Phantasie Spielraum lassen

— das belohnt den wahren Künstler in uns,

der nichts mehr ersehnt als die „Kultur der feineren

Sinnlichkeit".

Was er wollte? Er wollte nichts. Er wollte: immer

verliebt sein.

Reizen nachgehen, sich begeistern, jagen, erhaschen,

erobern, sich entziehen, müde sein und von

neuen Reizen befeuert werden.

Offen für alles Unerwartete, frei für alle auftauchenden

Möglichkeiten.

Gelegentliches mitnehmen. Den Zufall umarmen,

ihn entwickeln, erschöpfen, auspressen — und unberührt

bleiben.

Schaudern vor dem Bleibenden. Sich durch Dauer

belastet, geangstet fühlen. Ein ungenaues Verhaltnis

zur Welt, zu den Menschen in seinen nicht

zu bezeichnenden Grenzen bewahren. Seiltanzerkunst.

Und das durch viele Jahre.

Er verausgabt seine Energie im Ausbalancieren der

verschiedenen Anforderungen, die man an ihn

steilte, und der eigenen Wünsche, die ihn bald in

gemütliche oder frivole Umgebung zogen, bald die

besondere Frau umspielen liessen. Vor Resultaten

schreckte er zurück. Die Furcht, sich einmal festzulegen,

entwickelt seine Fahigkeiten des Gleitens,

Jonglierens, Durchschlüpfens auf den höchsten

Punkt, der fast ohne Vergleich ist und eigentlich

72


l lasuns,eine-

rhavon

von niemand gehorig geschatzt wird, da er niemand,

nur dem Künstler, und auch ihm zweifelhaft,

zugute kommt.

Für ihn ist es Zeit, schweigend die Gefühlstonleiter

auf und ab zu laufen.

Sie sprechen, sprechen, sprechen stundenlang über

sichselber. Heute kommt nichts dabei heraus. Anderes

entscheidet. Wenn sie redet, denkt er, dass

sie eine grosse Nase hat, die in absehbarer Zeit

noch grosser zu werden verspricht. Grobe Züge.

Er antwortet und merkt, dass, um auszudriicken,

was er sehr bestimmt im Blute hat, ihm die Heeresmacht

der Adjektive mangelt. Er müsste ein Buch

schreiben, um eine einzige dieser aus dem Urgrund

seiner sehr unbestimmten Natur kommenden „atmospharischen"

Empfindungen zu beschreiben.

Er müsste ein Buch schreiben oder schweigen.

Stattdessen reden sie stundenlang.

Das Resultat ist: eine Stimmung.

Ich selbst, sagte er, bin selbst etwas naiv und werde

es bleiben. Das ist die Blutzusammmensetzung.

Vielleicht wird es mir kraft Ueberlegung sogar gelingen

(wenn man mir Zeit lasst), in einigen Fallen

das Passende zu tun. Doch wird das nie spontan

geschenen. — Wenn ich meine verschiedenen unwillkürlichen

Situationen durchgehe, muss ich

mich auslachen. Das ist peinlich einer Frau gegenüber.

Aber welcher Mann ist denn der Eroberer,

wie die Frau ihn ertraumt? Und wie schuljungenhaft

ist im Grunde der Eroberer!

73


Und dann lachelt die Frau, und wieder ist er blamiert.

Sie braucht nur zu lacheln — er aber muss

reden, reden. Manchmal verrat einen Schweigen

mehr. Und darum redet er immer, damit sie nicht

merkt, dass er keine Persönlichkeit ist. Er denkt

Frauen fliegen auf Persönlichkeiten. Obwohl er

schon hundertmal böse werden musste, weil sie

ihm mit einem Esel untreu wurden.

Friiher meinte er manchmal, was er sagte. Jetzt

hoffte er, es nicht denken zu mussen.

Seine Zeit mit Glück versaumen.

Sollte es nicht gelingen, das Unberechenbare zu

f ixieren!

Sogar

Es konnte Nachwirkungen haben.

Hatte sogar welche.

Aber welche?

Und von welchen Anlassen konnte man sie ableiten?

Vorgefasste Ideen eines Junggesellen.

Das Leben ist kurz. Wie Frauenliebe. In der Kürze

liegt die Würze.

Die Leute denken, wir verführen zu unserm Vergnügen,

wahrend wir einem Pflichtgefühl folgen.

Ehe denn die Ehe war und die Gesetze zum Schutz

der Impotenz erfunden wurden, warst du o gött-

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licher Funke der Geschlechtlichkeit von Ewigkeit

zu Ewigkeit.

Frauen sind Naturereignisse.

Wenn man die Frauen begreifen will, muss man

sich nicht zuviel Gedanken über ihre Handlungen

machen. Sie machen sich auch keine.

Manner kennen Frauen auf eine Art, wie Frauen

die Frauen nie kennen können.

Ich trage es jedem Madchen ernsthaft nach, wenn

ich mich nicht in sie verlieben kann.

Wenn man verliebt ist, benimmt man sich dumm;

aber noch dümmer ist es, nicht verliebt zu sein.

75


HEFT III

Denn wenn wir wussten, was wir schreiben —

würden wir schreiben?

Mit dem Zerstören anfangen. (Dem Zerstören dessen,

was man nicht geschaffen hat.)

Das Ende vorwegnehmen, indem man verrat, worauf

das Ganze abzielt.

Auf den Anfang zuschreiben.

Im Augenblick, da man endet, das Interesse begraben.

Dem Unbekannten nicht vorbeugen durch

Ansichten oder Formen.

Jeden Augenblick des Schreibens zu inspirieren

suchen. Das kann zum Teil durch rechtzeitige

Unterbrechungen geschehen.

(Ein kahlgeschorener Mann, der einen prachtvollen

Haarwuchs hat — das ist immerhin etwas!

Aber wem nur mehr sparlich die Haarchen kommen,

mag er doch kahl geschoren gehen, es hat

wenig zu bedeuten.)

Die grossen (versteckten) Möglichkeiten erzeugen

die grosse Spannung im Werk. (In dem Kahlkopf

den Haarschopf ahnen lassen!)

Und wenn wir sagten, wir harten keine — war

nicht auch das — Weltanschauung!

Sich aussern, ohne sich zu verraten: der Gipfel des

Zu-Erreichenden.

Es gibt Gedanken, die verbirgt man am besten

dadurch, dass man sie ausspricht. Ueberhaupt ist

76


des-

wor-

die Oeffentlichkeit ein sicherer Schlupfwinkel für

die, die die Wahrheit über sich versteekt zu halten

wünschen.

Ich will allein sein, also begebe ich mich ins Getiimmel.

Es war so, dass wir für unsere Seele ein paar neue

Landschaften brauchten. Aber immer wieder neue?

Wohin sollte das fiihren? (Wohin hatte das schon

geführt?!) Warum sollten wir unsere Gefühlskrafte

nicht auch einmal statt in die Breite in die Tiefe

projizieren? Es kam auf einen Versuch an. Ein

Versuch, der uns möglicherweise die Freiheit

kostete.

Wir sind das Opfer unserer Bedürfnisse. Unsere

Wünsche, wenn sie erfüllt sind, zeitigen eine traurige

Leere und Verlassenheit.

So bekamen wir es über, oberflachlich zu sein.

Reisen: oder vor sich selber davonlaufen, wahrend

man sich sucht.

Man kommt auf Reisen im besten Fall um die

Erde, selten zu sich selbst.

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Im Vorüber

Blicke hinter dem Buffet,

wenn ich wo zu Mittag speise,

oder irgends auf der Reise

lacheln sie aus dem Coupé.

Auf den Strassen im Vorüber

winken Augen: bist ein Lieber.

Das ist überall ein Ueben

im Vorübergehn zu lieben.

Am Meer

Am Meer — dies ist das Gerausch

Ein Haus — dies ist die Kulisse.

Sie — er — das ist das Lustspiel.

Gesehen durch die Augen eines Trottels.

Ein blonder Kopf zerzaust vom Wind.

Eine spöttische Grimasse, von Mondlicht beglanzt

und beschattet.

Die Wellen donnern in der Dunkelheit. Lichter

blitzen da vorne und hinten, wenn man gute Augen

hat.

Augen, die lebendig lachen, die Menschen leuchtend

verachten.

Augen, die nur lieben, deren Innigkeit wie Wasser

schwimmt, können nicht so scharf sehen.

„Geliebter"

„Beruhige Dich."

Mit schlechter Stimme ein Lied, alter Schlager

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einer Grosstadt Europas, oder ein Kindervers gegen

den Sturm gerufen. Zitate aus allen Landern, Lebenslagen

und Hamlet. Mit dem Stock im Sand getappt,

sie eingehenkt, stolpert mit, er, ein junger

Mann, markiert altere Mannlichkeit.

Zuriick ins warme Haus. Klavier geschlagen. Schuhe

aus, indem die andre Hand ein Buch rauslangt.

Pfeife stopfen. Tee und: Trautes Heim — Glück

allein.

Wie dann plötzlich ungekannte Gebiete Leben

(für uns) gewinnen. Eben noch kritisierten wir

heftig, da wirft uns ein Wind in eine nie erwartete

Ortschaft, in ein verpöntes Milieu, in uns

fernliegende Umstande, und schon erfüllt der Herzschlag

dieser totgemeinten Gegend uns selbst.

Oder gerade das Pulsieren der Dürre zieht uns so

machtig an, dass wir Stadte und Betrieb beiseitelassen

und uns in die Intensitat der sogenannten

Einsamkeit einbeissen und dann behaupten, dass

dort eine Fülle herrsche, die wir an den allbekannten

Platzen und zwischen der Menge vergebens

suchen.

79


HEFT IV

Die wahren Schicksalsschlage werden uns von

denen beigebracht, die wir lieben. Bei den andern

machen wir uns nichts draus.

Ueber manches machen wir uns so unsere eigenen

Gedanken. Und immer andere. Unsere Gedanken

gehören weniger uns als den Stunden und Tagen,

an denen wir sie haben.

Mag es doch immerhin ein Anderer schon gesagt

haben. Sollten wir ihm diese Wahrheit missgönnen?

oder er uns? Wir wollen nicht urn jeden

Preis originell sein, sicher nicht um den Preis

dessen, was wir nicht sagen.

Ueber Erziehung

Jemand tut irgendwas.

Einer bemerkt dazu: aber so etwas tut man doch

nicht.

Ein dritter Jemand regt sich darüber auf, ist empört:

dass einer es tut, beweist, dass man es doch

tut — gegebenenfalls. Man tut es: einfach eben

doch.

Hierzu aussert ein Vierter: es ist wahr: in der

Theorie wird man niemals zugeben, dass man

irgend etwas nicht tut. Man tut alles — gelegentlich

und — je nachdem. Aber andererseits kann

man beobachten, dass diese Aeusserung „Aber so

etwas tut man doch nicht" — so verkehrt sie sein

mag, so spontan gewisse Naturen sie ablehnen wer-

80


den, bei Einigen eine hervorragende erzieherische

Wirkung ausübt: sie tun es wirklich nicht mehr.

Ich meinte, dass sie eine irrige Anschauung vom

Leben hatte. Nach drei Jahren war sie in ihre Anschauung

hineingewachsen, sie steilte sie mit ihrer

Person dar. Jetzt musste ich zugeben, dass sie in

Bezug auf sich recht hatte.

Was mich betrifft, ist ihre Anschauung noch immer

verkehrt.

Es gibt Falie, in denen man aus Verlegenheit herzlich

wird und nachher die Menschen, zu denen

man's war, einfach hasst. Weil sie einen in die

Verlegenheit brachten.

Oder in der Bahn. Du bist wütend, weil der Mensch

dir gegenüber sich ausgezeichnet unterhalt oder

Schuhe trögt, die du albern findest. Er zieht vielleicht

die Augenbrauen hoch, und du haltst ihn

deshalb für so dumm, dass du ihm gern ein paar

reinhauen möchtest. Keineswegs hattest du übrigens

den Mut dazu. Und du, um dich selbst zu

lautern, bietest ihm höflich deine Zeitung an. Oder

machst unangenehme Gerausche, um ihn zu beleidigen.

Ich für mein Teil schreibe in dies Heft und driicke

dadurch allen Mitreisenden meine Verachtung aus,

die ich für sie empfinde, weil sie rein nichts von

meinen Angelegenheiten wissen.

Briefe über die man sich argert, soli man zerreissen,

bevor man sie gelesen hat.

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Vorsicht!

Wie gerne lassen wir Erfahrungen, die wir selbst

teuer bezahlt haben, anderen zu gute kommen.

Wie zurückhaltend sollten wir in der Beziehung

sein!

Es ist was Fatales um einen lehrhaften Menschen.

Ich möchte verkünden: Liebe, die sich auf dringt,

führt zu Katastrophen.

Aber ich beherrsche mich und bin still.

Verstehen? Etwas verstehen, oder Menschen? Ich

weiss nicht.

Verstehen Sie jemand? Ja, Sie meinen? Da haben

Sie Gliick.

Aber nun denken Sie mal an Margot, die tatsachlich

falsch versteht, und für ihr eigenes Leben

doch richtig — da wird einem schwindlig. Sie

lebt ein konsequentes eigenes Leben mit einem

Haufen von tatsachlich falschem Verstehen. Angenommen

jetzt, sie würde das alles richtig verstehen,

konnte sie da noch ihr eigenes Leben so

konsequent leben? Oder: in wieweit werden wir

durch richtiges Verstehen an uns selber verhindert?

Wahrscheinlich sollten wir uns mit Verstehen

gar nicht so lange aufhalten. Aber dann

wieder: für den Einen ist gerade diese Beschaftigung

sein Vorwartskommen. Es ist ja doch unmöglich,

alle Seiten in Betracht zu ziehen, von

denen man ein Licht auf eine Sache werfen konnte.

Wir sind immer aufs Neue zur Vereinfachung

gezwungen. Oder wir verlieren uns in einem Labyrint

— Und wie gerne verlieren wir uns.

82


Ernst nehmen

Sie nahm sich seblst nicht sehr ernst.

Sie war erstaunlich gross und gut gewachsen.

Es ist merkwürdig, wenn ein grosser Mensch in

vieler Hinsicht von kleinem Format ist.

Dann fand sich jemand, der sie ernst nahm. Und

tatsachlich: sie gewann dadurch.

Er versetzte ihr Komplimente und Peitschenhiebe.

Sie reagierte auf ihn wie ein ernstzunehmender

Mensch.

Ich aber habe keine Lust, Komplimente oder Peitschenhiebe

auszuteilen und darum wird mir diese

Frau niemals blühen, niemals leuchten.

Ich nehme sie nicht sehr ernst.

Ein Unterschied besteht sicher darin: ob wir

einen Menschen auf die gesellschaftlich übliche

Art kennen lernen, d. h., ob uns ein neues Gesicht

gewissermassen serviert wird, oder ob wir eine

Bekanntschaft nach eigenem Gut dunken! vom Zaune

brechen. (Die Raubrittertugenden kommen hier

besser zu ihrem Recht. Es gibt immer Augenblicke,

da es angemessen ist, entschieden durchzugreifen,

wenn man auch sonst vielleicht zarte und empfindsame

Handlungen bevorzugt.)

Manchmal war i c h es, den man sich vom Zaune

brach. Das war weniger nach meinem Geschmack.

Ich werfe mich in den Mantel — tatsachlich: Ich

werfe mich rein, wie ein Abenteurer — und dann:

auf Strassenraub und Unerwartetes.

83


(Liebe füllt die Zeit aus.)

O Gott, der du mir eingabst, Worte der Liebe zu

stammeln, auch da ich nichts fuhlte —

ach sie dachten, Liebe sprache zu ihnen, und sie

erbebten — betrogene Herzen

Uebrigens

Uebrigens gab es sicher einige Tage (und mehrere

Nachte) im Jahr, in denen ich sehr für's Heiraten

war.

Ob ich bei Frauen Erfolg habe? —

Was soil man auf eine oberflachlige Frage recht

Leichtfertiges erwidern?

„Erfolg hat, wer das Nachstliegende ergreift". Es

liegt so nahe, dass es jeder normalerweise ergreifen

kann. Begniige ich mich also mit dem erstenbesten

Nachsten — wie sollte ich nicht allzuviel Erfolg

haben. Wird man wahlerischer, wird auch der

Erfolg seltener und wertvoller.

Habe ich keinen, wo ich ihn wiinsche — vielleicht

wiinsche ich ihn dann nicht mehr.

Habe ich Erfolg, wo ich ihn nicht wiinsche, darf

ich ihn verachten, was meine Einbildung und

Sicherheit machtig starkt.

Gewiss hat man in einigen Fachern seine Routine.

Aber was reizt den edlen Jager: Schwierigkeiten!

Der wahrhaft grosse Liebhaber wird wenig Erfolg

haben — hierin gleicht er dem Unfahigen — da

er ihn an den unmöglichsten Platzen erjagen will.

Daher, wer von sich sagt, ich habe Erfolg bei den

Frauen, verrat seinen mittelmassigen Geschmack.

84


Pech

Liebe ich mal, ist's auch nicht recht. Fahre 3 Stunden,

um — nur um zu sehen, dass sie mit einem

Andern — wollte sie abholen — übrigens: alterer

Herr — übrigens, gehts mich nichts an. Liebe ich

sie vielleicht darum weniger — vielleicht — das

werd ich spater wissen. Augenblicklch sehe ich

nur meine Liebe genarrt — oder ist es beinah eine

Erleichterung? Plötzlich fühle ich mich fahig zu

heroischen Entschlüssen — Lacherlich! — Besser

die sentimentale schrage Haltung bewahren, die

mir steht wie der Stab dem Baumchen, das umzukippen

droht. Und doch — und doch — aber es

soil nicht sein. Schluss. Schnelle Abfahrt hilft mir.

s Das Leben grinst wieder mal über ein seltenes

n reines Gefühl. Und ich mit ihm. Obgleich ich der

n Geschundene bin. — Ja?

g Und was verliert das Madchen? frage ich.

•r Diese Frage lasst darauf schliessen,. dass ich noch

im Besitz meiner Eitelkeit bin: Nichts verloren,

il nichts gewonnen.

Doch! Mein Gefühl für sie! Das gehort unter die

f Rubrik: Unverwüstliche Gewinne.

d

Der Bohémien ist ein Mensch, der das Bürgerliche

nicht hasst, sondern dessen Sehnsucht dahin geht,

ein ruhiges geordnetes Leben zu führen, was ihm

aber infolge seiner Veranlagung nie gelingt.

Der ausführliche Junggeselle ist ein Mensch, der

die Ehe nicht scheut. Er steht zu ihr völlig neutral

(— vor drei Wochen hatte ich geschrieben, er

wünscht sie herbei —). Alle Versuche aber, sich

85


zu verheiraten, missglücken infolge seiner Veranlagung.

Es kommt nie dazu. Und er auch nie.

Einige betrachten den Junggesellen voll Mitleid ob

seiner Einsamkeit, einige voll Neid ob seiner Freiheit.

Einige lassen ihm auch Gerechtigkeit widerfahren.

86


Richard stirbt

Richard war gegen die dreissig, als er starb.

Er hatte schon öfter gekrankelt, aber diesmal hatte

es ihn ernstlich gefasst. Er selber rechnete wohl

damit, dass es nun Schluss sei. —

Eines Tages besucht ihn ein Freund (das bin ich).

Man hatte Richards Bett ans Fenster geschoben.

Der Freund setzte sich zu ihm.

Ich habe das Glück, sagte Richard, dass ich jetzt

hier bin und nicht in der Stadt. Dass ich die Baumkronen

sehe und ein grosses Stuck Himmel. Ich

liebe die Natur, wahrhaftig, mehr als sich denken

lasst. Vor der Natur denke ich nicht, ich bin einfach

da, wie ein Stuck von ihr.

Er war redselig diesen Mittag. — Und der Freund

hörte ihm stille zu.

Ich verstehe nicht, dass ich es soviele Jahre in der

Stadt ausgehalten habe. Und doch wusste ich auch

der Stadt Reize abzugewinnen, aber ich litt auch

unter ihr. Ich litt, wenn ich graue Gesichter sah,

87


die in diese Steinwüste eingepfercht waren, trostlose

Gesichter, befangen in den Suggestionen des

Verkehrs, der Geschafte. Oder keiner Geschafte.

Schreckliche Geschichter gibt es da, furchtbare

Strassen, die wie Anklagen sind, Hauserreihen wie

Faustschlage gegen die Natur.

Und gerade in der Stadt habe ich die Menschen

besonders geliebt, die wie Natur waren. Ich denke,

aus Mangel an Natur.

Hier kann ich ruhig liegen, in die Blatter sehen,

die der Wind bewegt, oder die ruhig im Abend

warten auf die Nacht. Hier liebe ich nicht die

Menschen allein und ich habe auch keine besondere

Sehnsucht nach ihnen.

Oh die Stadt! Mit ihren Steinen, Asphalt, Beton

und Eisen. Es ist kein Wunder, dass man es da

nicht ertragen kann ohne die Frauen. Wenn ich an

sie denke, denke ich an Landschaften. Madchen, die

wie ein See sind mit hohem Schilf an den Ufern,

oder wie ein Wald, durch den einen ein Sturm

führt, oder wie ein Berg, von dem aus man in

Schluchten sieht und über weite Ebenen. Manche

sind auch wie Tiere, Rehe oder Kühe, die auf einer

Wiese stehen — immer ist Natur mit ihnen. Aber

die, an denen die Stadt klebte, konnte ich eigentlich

nicht ausstehen. Stadt hatte ich ja mehr als genug

um mich herum. Landschaften suchte ich! Frauen,

Madchen und junge Manner — es war wohl nichts

anderes als meine Sehnsucht nach der Natur, die

sich in ihnen ein wenig erfüllte.

Ja, und dann wird man alter! Hier liege ich — es

ist wie eine Erfüllung und Auflösung aller Fragen.

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Baume und Himmel, der Geruch von Gras. Ohne

Sehnsucht! — Hattest Du geglaubt, dass ich ohne

Sehnsucht zu denken bin? ... Aber wozu denken?!

Und auch, dass das alles aufhören wird, finde ich

ganz in der Ordnung. Die Sensation des Alters, sagte

er lachelnd, werd ich nun nicht erleben, aber es

ist garnicht wie ein Verzicht. Es muss auch Leute

geben, die mit dreissig Jahren sterben.

Und da frage ich mich, wenn ich hier so liege, was

ich eigentlich bin — nicht gewesen bin, sondern

im Ganzen bin, Vergangenheit und Zukunft eingerechnet.

Und da merke ich, wenn ich es in Worte fassen

will, dass es entschwindet oder dass es unwahr

wird.

Siehst Du den Vogel da auf dem Zweig. Eine Blaumeise.

Die sitzt da jeden Tag zu gewissen Zeiten,

sie muss ihr Nest in der Nahe haben ... Ein wundervoller

Himmel! —

er sah in die Wolken, die sich langsam fortbewegten

und veranderten.

Der Freund sah Richard an. Er lag da, seine

dunkelgriinen Augen blickten offen, seine Haut,

etwas bleich, das dunkle wenige Haar — das Hemd

bis zum Hals zugeknöpft — man müsste unwillkiirlich

an einen Mönch denken. Der Freund dachte:

ein Mensch.

Ja,was ist man?sagte er.Und was ist man anderen?

Die andern! nickte Richard, den Blick in Wolken

undBliittern.Man begreift sich selber erst an ihnen.

Man wiinscht, ihnen etwas zu sein, etwas Gutes und

Klares, weil man ihnen eben etwas Gutes wiinscht,

89


aus Dankbarkeit, weil man so sehr viel von ihnen

empfangen hat. Weil man sie liebt.

Aber sie haben einen nicht nötig, sie glauben, dass

sie einen nicht nötig haben, und für viele stimmt

das. Wenn ich etwas sein kann, so kann ich nur

wenigen etwas sein, das weiss ich. Wenigen, aber

doch vielleicht mehr als man denkt. Denn unsere

Menschen, das sind die stillen, die, die keinen

Radau machen, und denen die Raudaumacher

wenig anhaben können. — Nein, wir sind nicht

schwach! Man soil das Zarte nicht mit dem Schwachen

verwechseln. Viele, die Krach machen, sind

Schwachlinge, und sie mussen den Larm machen,

um sich selbst glauben zu machen, dass sie stark

seien. Sie sind verdammt schwach. Aber manch

einer von uns hat eine Starke, von denen sich die

larmenden Schulbuben nicht traumen lassen. —

Weisst Du, sagte er lebhaft und sah den Freund

amüsiert an, was mir an mir am besten gefallt?

Dass ich mich von all diesen Leuten, die Heilmittel

und Botschaften predigen, die gross sind im Ausüben

von Suggestionen und einen zu einer bestimmten

Ansicht verleiten wollen — dass ich mich

von niemandem habe verrückt machen lassen. Das

lag daran, (er wurde sehr ernst), dass ich selber

immer noch ein bischen verrückter war als jene.

Ich hatte meine eigene Verrücktheit, an die sie alle

nicht herankamen, und das war — ich selber:

Richard —

Ich spreche schon in der Vergangenheit und bin

doch noch da. Die Gedanken eilen ein Stückchen

voraus.

90


Ich bin noch da ... — das sagte er kaum hörbar.

Plötzlich schlief er. Es schien wenigstens so. Der

Freund hielt sich ruhig auf seinem Stuhl.

Nach einiger Zeit bewegte Richard Kopf und Arm,

sah den Freund aus unruhigen Augen an. Er schien

nicht recht zu wissen, wo er war.

Dann atmete er tief, fast seufzend.

Wie lange habe ich geschlafen, fragte er besorgt. —

Vielleicht fünf Minuten.

Es verging eine Weile. Schweigen.

Ich hatte einmal etwas geschrieben, sagte Richard^

(Er war nicht mehr gelassen wie vor dem Schlaf.

Er beeilte sich mit den Worten.) Von einem Menschen,

der hingerichtet wird, und der nun die Tage

und Stunden bis dahin auf die bestmögliche Art

ausnutzen will. Und was tut er? Was denkst Du

wohl, was er tut? — Garnichts besonderes. Er lebt

genau so hin wie ehedem — das heisst — er ist

natiirlich in seiner Zelle eingeschlossen, und kann

daher nicht viel tun — aber seine Gedanken, die

doch frei sind, zu gehen, wohin sie wollen, machen

gar keine besonderen Spriinge, es gelingt ihm keine

Steigerung oder was man vielleicht einen Schluss,

eine Zusammenfassung nennen könnte.

Ich fiihle, dass das ganz richtig gesehen war. Wir

sind, was wir sind, schliesslich unser ganzes Leben

lang und durch unser Leben — und doch, siehst

Du, ist da ein immerwahrender Wunsch, sich selber

zu sehen, man möchte über sich hinaussehen.

Sich sehen im Zusammenhang mit dem, was man

so die Welt nennt, für die man nie recht fassbar

war, und in der man doch gelebt hat.

91


Und wenn dieser Wunsch gross genug ist... es ist

mir, als ob ich mit Dir rede, obgleich Du doch kein

Wort sagst. Du sitzt hier, du kannst so wunderbar

zuhören, und so ist es, als ob wir uns unterhielten.

— Ich habe hier die Tage gelegen, mit der Natur

gelebt und eigentlich nichts gedacht. Vielleicht,

dass mein Verurteilter auch darum so garnichts besonderes

mehr dachte, weil ihn niemand mehr besuchte.

Du sitzt hier und es ist, als ob die Welt ins

Zimmer gekommen ist.

Ja, ich habe noch meine kleine Rechnung zu begleichen

— mit der Welt — ein grossartiges Wort.

Mit der Welt und den Menschen, die of fenbar anders

sind als ich, und dennoch immer und immer wieder

Forderungen am mich steilten, die ich natürlich

nicht erfüllte.

So ist das: die Welt, die Menschen stellen Forderungen,

sie drangen uns zur Stellungnahme, und

dabei will man nichts anderes sein als man selber,

und eben dies argert sie.

Wir wollen diese Sache doch einmal durchdenken

(ich hiitte nicht gedacht, dass ich heute noch denken

würde. Ich dankeDir, dassDu gekommen bist.)

Ja, wir wollen das einmal soweit durchdenken, wie

nur möglich; denn, siehst Du, das ist ein alter Groll

von mir gegen die Welt mit ihren Ansprüchen. Das

hat mich schon oft gepeinigt, und ich will es mir

nun vom Herzen schaffen (vielleicht, dass die Geschichte

von meinem Verurteilten doch nicht richtig

war). — Und Du spielst dabei die Rolle der

Welt. —

Denn dass wir kampfen sollen, Kampfer sein sollen,

92


das ist auch so eine von den Forderungen, die die

Welt an uns stellt, (und heute mehr fordert vielleicht

als in manchen anderen ruhigeren Zeiten).

Ich habe mich niemals recht als Kampfer gefühlt.

Aber nun denn: wir wollen sehen, ob wir nicht

auch fechten können. Wollen doch auch noch einmal

der Forderung der Welt nachkommen, und

sehen, was bei diesem Kampf herauskommt, der

recht eigentlich gegen die Welt gerichtet ist. Wollen

sehen, ob wir die Welt zwingen, auf ihren Platz,

in ihre Grenze zwingen können.

Und Du, Paul, bist die Welt, Du musst parieren.

Ja, ich will mir das vom Herzen schaffen und vom

Halse. Die Vorwürfe, die ich einzustecken hatte,

weil ich nicht so war, wie sie mich wollte.

Was wollte sie denn? und welch Recht hatte sie,

zu wollen?

Ach, wenn wir uns auf das Recht einlassen, so wird

die Welt Grunde genug finden, ihr Recht zu beweisen.

Diese Frage lassen wir hübsch beiseite. Ich

frage anders.

Warum fordert die Welt überhaupt von uns? (Warum

lasst sie uns nicht in Ruhe?) Warum will sie,

das wir sind, wie sie will? Aus Interesse an uns?

Zu unserem Besten?

Nun, wir sind keine Kinder mehr. Um unser Bestes

schert sie sich den Teufel. — Wer stirbt hier?! Wer

lost mir meine Schwierigkeiten?

Nein, nichts anderes als Machthunger ist es und

reinster, völligster Egoismus. — Ihre Wege soil

man laufen. Sie kann es nicht ertragen, dass man

eigene Wege geht. Darum verleumdet sie die eigenen

93


Wege der Menschen. In ihrem Trott soli man sich

bewegen. Jede Selbstandigkeit ist ihr zuwider.

Und was für Wege können denn das nun sein, die

Weltenwege?DummeTrottelwege, wenn esgutgeht,

Höllenwege, wenn der Teufel los ist. Wir aber, die

wir unserer eigenen Verrücktheit nachlaufen —

denn so verrückt wie einer, der versucht, er selbst

zu sein, ist niemand — sind ihr ein Dorn im Auge.

Wir lassen sie fühlen, dass sie nicht allmachtig ist,

ja wir lassen sie wohl auch ein wenig Verachtung

spüren—und das kann sie in ihrer aufgedonnerten

Schwache nicht ertragen. An uns sieht sie, wie

schwach und nichtig sie ist. Und da bewirft sie

uns mit Dreck. Unzeitgemass nennt sie uns, Egoisten,

Weltflüchtler, Unnütze, weil ihre törichten

Fragen nicht auch uns bewegen.

Für sie sollten wir leben! —Da frage ich, wo denn

hier der Egoist steekt?!

Für wen denn sonst leben wir und für wen sonst

denn könnten wir leben?Nicht für die Kurzsichtigkeit

der Welt, nicht nach ihrem Willen leben wir

für die Welt. Nach unserm Gesetz suchen und leben

wir ein Leben lang, wir entwickeln unsere eigene

Welt, und so fügen wir der Welt ein — wenn auch

kleines — Neues hinzu.

Egoisten? Genau das Gegenteil! Hinströmende und

Gebende sind wir, nach unsern Gaben, so wie es

uns gegeben ist. — Unnütze? Die Allernützlichsten,

aber nicht dem engen Verstande.

Weltflüchtler? Ja, weil sie uns banalisieren will,

und grob und dumm und unselbstandig machen

will, wie sie selber ist.

94


Wir fliehen sie eine Zeit. Und am Ende kommt

alles an sie zuriick, was wir gelebt haben. Hochmiitig

sagt sie dann, dass sie uns nicht braucht,

dass sie unsere Gabe nicht haben will. Aber ich

versichere Dir, dass es nur Hochmut ist. Schliesslich

nimmt sie unsere Gaben doch, spater, irgendwann

einmal, und briistet sich mit uns und sagt: er

gehorte mir an.

Wie armselig ist diese Welt, dass sie von uns fordern

muss, von uns Aermsten. Steht es so erbarmlich

mit ihr, dass sie ohne unseren Teil und Hilfe

garnicht mehr auskommt? So wollen wir ihr denn

ein kleines Almosen geben!

Hier — (er nahm die Hand des Freundes) — was

hast Du dazu zu sagen, Welt ? Wo bleibst Du, Jammerwelt

und Egoist, mit Deinen unverschamten Forderungen?

Garnichts sagst Du? — Ich aber bin ein

Vampir (in seine Augen kam ein kleines Feuer;

mehr liessen seine Krafte nicht zu), ein Vampir

und sauge Dir Deine Kraft aus, Dein Blut und

Leben. Ich werde leben und Du musst sterben,

Welt! zitterst Du nicht?! — Ach Du — er liess

den Freund los — mit Deiner Unbeweglichkeit und

Sicherheit! Ihr alle mit Eurer scheinbaren Sicherheit

— ich glaub' sie euch nicht. Woher nehmt ihr

sie denn? Auch mir selber glaub ich sie nicht,

obgleich mir ja im Augenblick recht kampferisch

zu Mute ist und ich so ziemlich auf alles gefasst

bin. Aber Du wirst fortgehen, es wird dunkel

werden, und ich werde allein und schwach

sein.

Und wenn ich sagte, dass ich nie auf eure Welt-

95


Verrücktheiten hereingefallen bin, so stimmt das

ja garnicht.Hundertmal, tausendmal bin ich hereingefallen!—oh,

wie bin ich verwundbar, noch jetzt!

Auf alles bin ich hereingefallen, was nur irgend

den Anstrich des Menschlichen hatte. Wie hatte ich

auch nicht sollen? Aber das war ja ein gesegnetes,

wenn auch ein schmerzliches Hereinfallen. Mit

Leidenschaft bin ich hereingefallen. Ich wollte gewissermassen

hereinfallen, — und bin nicht darüber

zum Menschenhasser geworden. Denn, siehst

Du, ich habe es immer so gehalten — ich meine,

diese Auffassung war mir die natürliche — dass

man mich nicht hereingelegt hatte (und so konnte

ich meine Enttauschungen niemandem nachtragen).

Nicht ich war hereingelegt worden, sondern ich

liess mich hereinlegen. Verstehst Du den Unterschied?

Das war keine Passivitat, ich war nicht

das Opfer, sondern ich war sehr aktiv dabei beteiligt.

Also was sehr Positives. Ich nahm jeden

Reinfall als eine Lehre und einen Gewinn.

Ach, es ist doch gut, wenn man redet. Manchmal

kommt man doch durch's Reden auf ganz gute

Sachen.

Verstehst Du also: reingelegt worden bin ich niemals,

sondern: ich liess mich reinlegen. Mea culpa.

Und so lernte ich die Menschen auf eine tiefere

Weise kennen, als ich es ohne solche Enttauschungen

gekonnt hatte. Ja, ich war versessen darauf

sie kennen zu lernen, einfach besessen war ich.

Warum wollte ich sie denn kennen lernen? —

Manche gehen mit Tieren undPflanzen um; mir genügt

es aber, wenn ich sie sehe. Bei den Menschen

96


aber geniigt mir nicht das blosse Anschauen. Nein.

Und was mich tiefst und zuinnerst verwunden kann,

das sind eben auch: Menschen. Warum denn, warum

denn? Warum war es mir denn nicht gleichgültig,

warum ging ich denn nicht einfach weiter? Warum

noch eben musste ich dagegen kampfen, dass

sie mich einen Unniitzen nannten — nein, ganz und

gar nicht war es mir gleichgültig, ungeheuer gingen

sie mich an, die Menschen. Und nun meine ich

doch, ja ich kann es nicht anders denken, dass,

was mich trieb, sie kennen zu lernen, was diese

unabweisbare Forderung an mich steilte, mich

ihnen immer wieder aufs Neue zu verbinden, dass

es — Liebe war.

Richard schwieg wie verdutzt.

.... dass es Liebe war, wiederholte er, — liess den

Ton der Worte nochmals erklingen, (er wollte sich

offenbar vergewissern, ob der Klang auch gut war

und echt.)

Er sann eine Weile.

Es stimmt, es stimmt, sagte er dann hastig.

Es stimmt.

Entschuldige, wandte er sich zum Freunde (das

andere hatte er wie für sich gesprochen), ich habe

einen kleinen Schreck bekommen.

Manchmal denkt man etwas und sagt es dann, und

dann merkt man, dass es nicht stimmt. Kennst Du

das auch? Durch das Ausprechen bekommt der Gedanke

eine neue Wirlichkeit, und in dieser Wirklichkeit

muss er seine Echheit aufs Neue beweisen,

und da erweist es sich denn oft, dass es mit dieser

Echtheit nicht weit her ist — auch mit Taten geht

97


es mir haufig so — ich will etwas tun; aber ich

muss es erst wirklich tun, um zu sehen, ob es

falsch ist. (Meistens ist es falsch.)

Es stimmt also wirklich, dass ich die Menschen

liebe. Ich kann es sagen, ohne dass es falsch wird.

Ja ich liebe sie, ich liebe sie.

Dass ich das nicht gewusst habe! Und als ob ich es

nicht gewusst habe! Habe ich es nicht selber heute

noch gesagt. Und doch sehe ich das plözlich in

einem — ja, wie eine Offenbarung ist es. — Komisch,

komisch.

So ist das. Die Welt, so sagten wir ja wohl, die

Welt will Macht und ich — ich liebe sie.

Es klingt ja beinahe wie eine Rechtfertigung. Ich

liebe sie, weil — weil — als ob die Liebe nach

Gründen fragt, als ob die Liebe nicht genug, ja

unzahlige Grunde fande.

Vielleicht liebe ich sie — ich weiss, viele sind einfach

so, dass sie besser nicht waren — weil sie sich

lieben lassen, — manche lassen sich garnicht lieben,

aber diese muss man vielleicht noch viel mehr

lieben. — Vielleicht liebe ich sie wegen dieser einzigen

Gelegenheit, zu lieben! Was ware ich, was

bin ich denn, wenn ich — nicht lieben kann.

Und jetzt, verstehst Du, auch darum war ich nicht

zu fassen. Auch darum konnte mich das, was man

so die Welt nennt, nicht kriegen und nicht Sndern.

Was lag mir denn an ihren Meinungen und Richtungen!

Sie will Macht. Ich suche und will Liebe,

und wo ich nicht lieben kann, da ist es, als ob ich

garnicht da bin.

Und darum kenne ich im Grunde auch nur eine

98


Welt, die lieben kann. Die andere Welt, die die Zeit

ausmacht, ist für mich niemals rechte Wirklichkeit

gewesen. Und ich war niemals rechte Wirklichkeit

für sie. Wie oft habe ich mich schon von gescheiten

Leuten wegdiskutieren horen, sie gaben mir viele

gute und logische Grunde, die mir meine Existenz

wegbewiesen. Und doch Iebte ich (ja lebe sogar

noch). Unzeitgemass bin ich genannt —- gescholten

sollte ich sagen, denn hierin lag immer ein schwerer

Vorwurf der Zeit — und insofern die Liebe eine

dauerhafte Angelegenheit ist und eigentlich nicht

eine Erfindung von heute, haben sie auch ganz

recht.

Unzeitgemass sind wir, ja wir, denn das ist ja gewiss

— und es ware plumpeste Ueberheblichkeit,

es anders zu denken — denn wir sind einer wie

hunderttausend.— dass zu allen Zeiten diese Unzeitgemassen

leben und sein werden. Und wenn das

nicht ware, dann müsste es mich betrüben, dass

nicht doch das eine oder andere von mir übrigbleiben

wird. Du bist ja mein Universalerbe (lachelte

er), was das beschriebene Papier betrifft — mach

damit, was Dir gut dunkt — (denn vielleicht würde

der eine oder der andere ein Wort darunter finden,

das ihm wohltate — ich meine das wegen der

„Nützlichkeit" meines Lebens) — aber mach Dir

vor allem keine Sorgen darüber; auch ich mache

niir nun keine Sorgen mehr. Alle Zeiten haben ihre

Unzeitgemassen, und es ist kein Grund, zu meinen,

dass unsere Worte die nicht erreichten, die es wohl

zuweilen recht nötig haben, ermutigt zu werden.

(Mussen sie sich doch gegen eine ganze Welt auf-

99


echt halten!) — Unsere Worte! nicht meine —

denn wenn es — zufallig — meine sein sollten —

unsere Worte können nicht verloren gehen, denn

sie werden immer wieder gesagt werden, von mir

oder anderen.

Verzeihe, dass ich so schrecklich viel geredet habe.

Ich bin doch froh, dass ich's durchgesprochen

habe. Ich bin froh. — Und müde.

Und Du hast ja nun garnichts gesagt. Die ganze

Zeit hast Du mich reden lassen. Du bist doch die

Welt, musstest meine Hiebe parieren — und stattdessen

schweigst Du. Machst es Dir bequem. Bedeutet

das, dass die Welt mich keiner Antwort für

wert halt? Oder soli es gar heissen, dass ich recht

habe? Mit dem, was ich sagte? — UmGottes Willen,

ich habe .. . das ware doch ... nein, so war das

nicht gemeint. (Ich will nicht recht haben; ich bin

kein Sieger). Ich wollte nur meine Meinung sagen,

ja eigentlich wollte ich erst einmal selber wissen,

was ich meine und wie ichs mir denke. Und nun

hab ich's gesagt. Und nun soil die Welt ihre Meinung

sagen. Nun? Die Welt schweigt. Auch gut. Ich bin

müde. Geh jetzt — nein, weisst Du, nein. Nein. Es

wird dunkel. Ich möchte nicht allein sein. Hast Du

noch Zeit? Viel Zeit? — Da auf dem Tisch, links,

bei den Papieren, da muss ein Heft liegen: Blatter

von damals. Ich habe es lange nicht gelesen, es ist

von damals. Willst Du es lesen? Mach das Licht an.

Ich schliesse die Augen.

100


RICHARDS HEFT

Vorwort

M an kann nicht schreiben ohne —

schwer zu sagen, sehr schwer zu sagen, höchst

bedenklich es zu sagen —

nun, man meint doch immerhin, etwas zu wissen,

wenn man schreibt.

Und ganz verkehrt scheint mir das auch nicht.

Man lebt doch, und so weiss man auch.

Es soli nicht gleich heissen, wenn man schreibt:

hort mir zu, ich habe die letzte Weisheit zu verkünden.

Das muss es nicht unbedingt bedeuten.

Und doch weiss man irgend ein Aeusserstes. Und

zwar meine ich, dass jeder Mensch, aber auch

jeder so etwas Aeusserstes weiss; auch ein jeder,

so töricht er immer sein mag, lebt doch — wenigstens

manchmal — sein Leben. Ein Leben, das,

wenn es auch nichts weiter als Nachafferei ware,

doch zugleich sein eigenes, einmaliges, nichtwiederholbares

Leben ist.

Und wenn nun die Bemiihung dahin ginge, dieses

eine, einmalige, originale Leben — so unorginell

es im Allgemeinen auch sein mag — das Besondere

meines Lebens, meines Ich's aufzuschreiben,

um diese Kleinigkeit, diese Nichtigkeit, die, wie

das Meiste, wie fast alles sehr schnell vergessen

sein wird, um dies atomische Etwas zu verewigen,

festzuhalten (für ein paar Jahre — was wird es

weiter sein?) —

101


ich weiss nicht mehr, wie ich diesen Satz angefangen

habe, — was aber dies betrifft: was es

weiter sein wird? ja so meine ich allerdings, dass

es etwas Weiteres sein wird. Nicht für ein paar

Jahre, nicht um diesem Ich noch einige Jahre eines

weiteren Lebens im Gedachtnis der Menschen zu

sichern, würde man so etwas schreiben; dieses Ich

kann ja garnicht sterben, dieses ausserste Wissen,

diese Einmaligkeit und — Vollstandigkeit —• obgleich

das immerhinviel gesagt heisst:„kann nicht

sterben" — dies ist zu gröblich gesagt und muss

missverstanden werden — denn hier ist weder das

Wort „sterben" noch „geborenwerden" am Platz —

nein, nicht darum handelt es sich — sondern um

eine „grössere Verwirklichung".

Man konnte ja auch malen oder musizieren oder

(sonst irgendwelche) Schlachten schlagen. Man

kann aber auch das Wort wahlen und — schreiben.

Und bei diesemSchreiben konnte man geführt sein

von dem Gedanken, dass man etwas Einmaliges

weiss; ich will nicht sagen: etwas Unersetzliches

— o garnicht! es kommt garnicht auf dies Einmalige

meines Lebens an, sondern: es ist einfach

da. Es istvollkommen gleichgültig, steht über jedem

Werturteil, über jeder Meinung, nein, nicht über,

sondern jenseits, oder besser abseits, ausserhalb

jeder Meinung. Es ist da. Und dieses Dasein starker,

kraftiger, wirklicher noch zu machen, dieses

Leben mehr und starker zu haben, zu halten, zu

atmen, zu leben, zu sein, — darum schreibe und

schreibe und schreibe ich. Ich schreibe immer

weiter.

102


Jeder weiss sein Leben, lebt es eben und ist es.

Und ich um ein Uebriges zu tun, schreibe es. Und

Wahrenddessen, wahrend es immer und immer geschrieben

wird, ist es da und ich lebe es

Nochmals die Unw r

issenheit

Es ist bedenklich.

Ich sehe den Mond. Ich verstehe ihn nicht. Und

ich fuhle was dabei. Wie er sein Licht über die

Landschaft giesst —

Stille

Es ist bedenklich; das ist höchst bedenklich.

Ich bedenke, dass unsere Zeit gegen Romantik ist,

gegen „unvernünftige Gefühle", gegen „das Zwecklose",

und für Sachlichkeit. Dass unsere Kultur in

den Stadten gemacht wird. Dass die Wissenschaft

sich aller Gegenstande bemachtigt hat,und dass uns

vollkommenen Laien das eine oder andere Wort

oder Resultat der Wissenschaft zu Ohren gekommen

ist. Alles, aber auch rein alles und nicht zuletzt

das Unbegreifliche und Feme ist in die Sphare

wissenschaftlicher Untersuchung gerückt. Haben

wir aber dies und jenes davon aufgeschnappt, fühlen

wir uns als noch grössere, schabigere Laien als

zuvor. „Die Wissensform der modernen westlichen

Bildung in Bezug auf die Welt ist die kritischwissenschaftliche."

Ich frage mich also beim Anblick des Nachthimmels,

was ich vom Mond und von den Sternen

103


weiss. Es komt sehr wenig dabei heraus. Ich stehe

beschamt gegenüber dem Gewissen unserer Kultur

(das ja in gewisser Hinsicht auch mein Gewissen

ist), und das die Forderung stellt, dass man weiss,

wissenschaftlich gründlich und kritisch weiss, und

das für's Nicht-wissen höchstens ein bischen überlegene

Verachtung übrig hat. Ich komme mir leicht

erbarmlich vor. Nicht gegenüber demWeltall, nein,

gegenüber dem, was Menschen zusammengetragen

und aufgebaut haben, gegenüber demmenschlichen

Wissen, gegenüber der heroischen Leistung jenes

Geschlechts, von dem ich ein Teil bin, an dessen

bewundernswerter Arbeit ich aber keinen Teil

habe. Ein Schabiger, Erbarmlicher.

Das bischen, was ich vom Mond und den Sternen

weiss, ist zu wenig, um nach dem Masstab

heutigen Wissens als Wissen überhaupt in Betracht

zu kommen.

Weiter aber: das Bedürfnis, nun also mehr vom

Sternenhimmel zu erfahren, verflüchtigt sich sogleich,

da in der laienhaften Vorstellung die gegenwartige

Wissenschaft als ein Koloss von so erdrükkendem

Gewicht empfunden wird, dass einem alle

Lust entschwindet, in ihr Gebiet einzubrechen.

Wissen ohne Wissenschaft ist heute und also für

uns Heutige kein Wissen mehr, wird auch vom

Laien nicht mehr als solches angesehen; und so

verzichtet er, der Laie, um sich nicht mit verachtlichem

Halbwissen anzufüllen, ganz und gar auf

die Vermehrung seiner Kenntnisse, soweit sie ihm

im praktischen Leben ohne Nutzen sind. Er überlasst

das Wissen den Spezialisten, den Wissen-

104


schaftlern, und begnügt sich damit, den Mond und

die Sterne „schön" zu finden.

Und so, durch seine eigene hohe Forderung vom

Wissen (die Forderung seiner westlichen Kultur)

zum offiziellen Nichtwissen verurteilt, kommt er in

Opposition zu seiner Kultur, zu seiner Zeit. Er, da

ihm „die Sachlichkeit" verriegelt ist, fiihlt sich

zur Romantik hingezogen, bekommt Sinn für das

Nutz- und Sinnlose. Er ist ausgeschlossen vom Sinn

seiner Zeit und — also gedrungen — gewinnt er

sich und damit seiner Zeit ein neues Feld der eigensten

Betatigung, einen neuen Sinn für dasNicht-

Wissenschaftliche (einen neuen Kunstsinn). —

Da ist noch immer der Mond, etwas fortgewandelt,

giesst sein Licht über dieBaume und macht schrage

Schatten.

Es ist nicht mehr bedenklich, dazustehen und dies

ganze grosse magische Panorama zu betrachten,

ohne zu wissen, ohne zu meinen, ohne zu denken.

Immerhin können wir, auch in dieser wissenschaftlichen

Welt, uns auf die Ur-Wahrheiten berufen:

es soil einmal einer durch meine Nase atmen, mit

meinen Augen diesen Mond sehen, mit meinem

Körper hier dastehen. Es würde ihm schwerfallen.

Wir leben alle, wir sind alle und wissen darum alle

etwas — Unwissenschaftliches. Etwas Tieferes oder

wie mans nennen will. Weshalb auch ein jeder,

auch der Unwissendste, der Wissenschaft in gewisser

Hinsicht immer überlegen sein wird.

105


Blatter in den Wind geschrieben

Vielleicht ist zwischen vielen Worten eins

Das wie ein Schuss imSchwarzen sitzt

Das wie ein Blick der Gottheit blitzt

Vielleicht ist zwischen vielen Worten keins

Blatter in den Wind geschrieben —

das ist vom Leben iibriggeblieben.

Worte in den Wind geschrieben —

nur ein Buch ist iibriggeblieben.

Nur ein Buch?

Ist's nicht genug?

Frag nicht so klug!

Was bleibt einem von einem Buch, das man gelesen

hat? — Vielleicht ein Satz, der einen für uns besonderen

Gedanken ausdrückt, oder der einen Gedanken

auf besondere Weise ausdrückt. Vielleicht

sogar mehrere Satze, wenn man ein gutes Gedachtnis

hat. Vom Gedachtnis hangt fürs Wissen viel ab.

Doch wenn wir auch alle Einzelheiten vergessen,

uns bleibt als — verschwommenes — Gesamtergebnis

unserer Lektüre ein Gefühl der Sympathie,

des Widerwillens, der Gleichgültigkeit, Bewunderung

oder dergleichen.

Ungefahre Gefühle — das ist unsere „Bildung"!

Beim Bücherlesen laufen wir das Risiko, dass wir

106


Gedanken fertig vorfinden, „Wahrheiten", die wir

auf dem Wege waren, selbst zu entdecken. Dass

wir „zu schnell" „zu klug" werden.

Literatur: was nicht aufgeschrieben ist, ist nie geschehen.

Für den Schreiber ist das Schreiben zugleich sein

Material, seine Sinnlichkeit —

für uns ist es „nur denken" —

Gedanken — das ist zu wenig, wenn es den Menschen

befriedigen soil.

Der Gedanke — der Gedanke ist schliesslich auch

nur „eine Art zu denken".

Zu wenig weniger als zuviel Erlebnis hindert am

Schreiben.

Ein grosser Teil aller Produktion entsteht aus einem

Restgefühl. Es fehlt einem was, man will es ausfüllen.

Ich bedauerte, viele Tage nichts geschrieben zu

haben. Da ich nun schreibe, ist das Bedauern fort

und kein Gefühl, dass ich was nachzuholen hatte.

Fasse ich meine Gedanken, Meinungen, Gefühle in

Worte, bekommen sie was Entschiedenes, Deutüches,

Endgültiges, was sie — unausgesprochen —

nicht haben. (Weil ich in der Handhabung der

Sprache unbeholfen bin?)

Ich bewundere besonders jene Schriftsteller, die

107


Gleitendes, Unbestimmtes, vage Geahntes überzeugend

aussprechen können, ohne fest zu werden. Die

in der Sprache das Schwebende bewahren, ohne

schwach zu sein.

Das Unaussprechliche auszusprechen — das ist es,

was ich wünsche.

Die wichtigsten Dinge sind unsagbar. Darum erwarte

man nicht zu viel von einem Buch.

Worte erreichen uns ja nur gelegentlich. Das Leben

aber spricht zu uns taglich und in unendlich verschiedenen

Sprachen (von denen wir übrigens die

meisten nicht verstehen).

Fassen wir das also so zusammen: dass der grösste

Teil dessen, was sich in einem bewegt, was einen

bewegt, sich nicht dazu hergibt, ausgesprochen zu

werden.

Und dass ich also, in steter Bereitschaft zu notieren,

abwarten muss, bis Sagensmögliches bei mir

vorgeht.

Welch Glück, dass unser Leben, Denken und die

Sprache nicht so erstarrt sind, dass man sie festnageln

kann.

„Gib mir einen Punkt ausserhalb der Erde, und ich

hebe die Welt aus den Angeln" soil Archimedes

gesagt haben. Lass deinen Geist einen Standpunkt

ausserhalb der Erde einnehmen, und du kannst

die Menschheit mit fortreissen. So haben es die

grossen Religionsstifter getan. Sie Hessen ihren

108


Geist im Himmel, in derUnendlichkeit Fuss fassen,

und von dort aus bewegten sie ihre Volksgenossen.

Aber es ist gewagt, seinem Geist diesen Sprung

zuzumuten, den Sprung hinaus ins Weltall. Der gewöhnliche

Sterbliche verliert sich bereits, wenn er

nur ein paar Meter von sich selber fortdenkt.

Sei nicht klüger als du selbst bist.

Die Weisheit wird niemals ein Massenartikel werden,

da sie jeder selbst erwerben muss.

Man kann Weisheiten ruhig herausschreien, sie

werden doch nie der Menge zugute kommen.

Man behalt sie darum besser stille für sich, auf dass

sie, da ihnen eine weite Wirkung versagt ist, wenigstens

interne Wirkungen tun.

Urteilen — eine der schwierigsten, gefahrlichsten

Sache von der Welt.

Das urteilende Denken, das zum Hochmut und

nicht zur Bescheidenheit führt, ist auf falscher

Fahrte.

Sich ein zugrundeliegendes Lebensgefühl ermitteln

und erhalten, das unabhöngig sei von den

Ereignissen — eine Art „philosophisches Gefühl"

— das Denken kann uns doch nie genügen.

Es braucht nicht alles Gesagte „richtig" zu s.ein,

es gibt noch andere Eigenschaften, die es wertvoll

machen können.

109


Man kann nicht alles und jedes über den Leisten

des Verstandes hauen.

Hat jedermann das Recht, uns auf die Vernunft hin

anzusprechen?

Voraussetzung ist, dass der Jedermann selbst vernünftig

sei.

In vielen Fallen ist er aber nur naseweiss, und wir

können ihn gewiss mit einem Spottwort abführen.

Ja, einem Unverstandigen vernünftig begegnen,

ware allzu gewissenhaft.

Verstand? — Recht gut für den Verstandigen!

Unverstand muss man anders bandigen.

Das ist auch keine rechte Vernunft, die uns nur

schwach und elend macht.

Sei du nur immer verrückt — wenn du diese Verrücktheit

nötig hast zum Ausgleich, zum vernünftigen

Leben.

Sei um Gottes willen nicht wegen der Vernunft

vernünftig!

Es gibt eine Art, Fragen zu stellen, durch die man

alles aus einem Menschen herausbekommt. Ich war

heute das Opfer dieser Art des Fragestellens —

wofür ich mich ohrfeigen könnte.

Manche Leute behalten in einer Diskussion recht

und im Leben Unrecht. (Umgekehrt ist mir lieber)

Zuweilen gehen wir aus einer Unterhaltung unfreier

hervor als wir hineingeraten sind.

110


•isten

ver-

Wenn ich bei einer Diskussion recht behalte, wenn

man mir recht gibt, komme ich stets in Verlegenheit

— ich weiss dann weder was für eine Miene

ich aufsetzen, noch was ich weiter sagen soil.

Das kommt vor:

Man hort ein Wort von einem Menschen — und

begreift seinen Geist. Man hort eine ganze Rede von

ihm — und man versteht überhaupt nichts mehr.

Man muss die Menschen kennen, um ihre Aeusserungen

zu verstehen.

Wenn ein Mensch uns nicht versteht, so liegt die

Schuld hieran nicht immer an ihm.

Als Knabe war ich stets entrüstet, wenn ich missverstanden

wurde Jetzt erstaune ich glücklich,

Ver- wenn ich recht begriffen werde.

ïünf-

unft

m a n

w a r

un-

Das Meiste, was man an den meisten Menschen hat,

n a t m a n

nicht durch Worte. Das Sprechen, das

zwischen den Menschen unvermeidbare, verhindert

sogar Vieles.

Mit manchen ware man gerne zusammen, wenn

nicht der Zwang und die Gewohnheit des Sprechens

waren.

Im Stillesein konnte man sich mit vielen besser

verstehen. Aber wer hat den Mut, in Gesellschaft

den Mund zu halten?!

Wenn man wirklich sagen konnte, was man meint,

"ware man bald ausgesprochen.

Ill


Klarheit ist auch nur eine Art, die Dinge zu sehen,

aber bedeutet noch nicht, sie richtig zu sehen.

Dass, wenn wir etwas meinen, wir auch zugleich

meinen, dass unsere Meinung was Richtiges enthalte.

Infolgedessen eine Berechtigung bestehe, aus unserer

Meinung Folgen abzuleiten — immer noch in

der Annahme, dass es sich um „was Richtiges"

handle. Wir aus diesen Folgen schliesslich allgemeine

Schliisse Ziehen, und so am Ende zu einem

Weltbild oder Teilbild der Welt gelangen, aufgebaut

auf unserm instinktiven Fiihlen, unserm Meinen.

Dass wir doch einmal begreifen: dass unser Meinen

undAnschauen derDinge mit Richtig und Unrichtig

wenig zu tun hat, und dass es sich darum auch

garnicht handelt. Dass wir uns mit dieser Welt

nicht durchaus zu identifizieren brauchen, sondern:

dass wir selbst etwas sind, ein winzig kleiner

Zusatz der vorhandenenWelt, diewir bereits durch

unser Vorhandensein ein klein wenig verandern;

und dass ein jeder in seinem Dasein eine Variation

der Welt darstellt.

Was ist eine Meinung wert? Genau soviel wie der

Mensch, der sie aussert.

Aber ich — naiv — lasse mich ernsthaft mit jederman

in ein Gesprach ein.

Kann man auch ohne Meinungen leben?

Der Mensch lasst den Menschen nicht in Ruhe; wir

zwingen einander, Stellung zu nehmen.

112


Vorteil des Alleinseins:

Man wird nicht um seine Meinung gefragt. Braucht

also nicht zu urteilen.

Sprechen „über jemand" — eine leidenschaftliche

Beschaftigung vieler Menschen.

Man beurteilt einen Menschen — Seht euch seine

Eltern an! dann werdet ihr ihm vieles verzeihen.

Einen durchschauen — in dem Wort liegt ein entwertendes

Urteil, und in dem Maasse wie es entwertet,

bedeutet es auch Missverstehen.

Wenn man das Verrückte nicht versteht, hat man

wenigAussicht, etwas von denMenschen und ihren

Handlungen zu begreifen.

Wenn einer etwas völlig Unsinniges mit genügendem

Elan und Ueberzeugung (dass es das einzig

Wahre sei) tut, so bekommt es tatsachlich ein gewisses

Wirklichkeitsrecht. Und die Leute denken,

weil etwas da sei, müsse es auch was zu bedeuten

haben.

Wenn ein kleiner Mensch grössenwahnsinnig ist,

merken wir bald das Paradoxe der Situation.

Wenn aber ein grosser Mann grössenwahnsinnig ist

(was auch vorkommt), begreifen wir's überhaupt

nicht. Er hatt es doch, meinen wir, wahrhaftig,

nicht nötig.

113


Man verlangt zuviel von den Menschen, wenn man

Gerechtigkeit von ihnen erwartet. Wir sind keine

Götter. Und sogar bei den Göttern ist Gerechtigkeit

was Seltenes.

Richard.

Er wollte von keinem Menschen etwas; aber nicht,

weil er nichts von ihnen wollte, sondern weil er

dann am meisten an ihnen hatte.

Die Dummheit ist eine Naturanlage der Menschen.

Ich wage nicht, sie ihretwegen zu verurteilen.

Aber die Lebhaftigkeit, mit der manche Menschen

dumm sind, ist doch recht irritierend.

Die Dummen zu den Klugen: Seid froh, dass wir

dumm sind, sonst würde man euren Wert nicht zu

schatzen wissen.

Manchmal halt man sich deshalb für klug,weil man

keine Gelegenheit hat, Dummheiten zu machen.

Manchmal hindern einen nur die Umstande, in dem

einem entsprechenden Umfang Allotria zu treiben.

Wenn man frei seinen Neigungen leben könnte -—

wie viele würden etwas Gescheites tun?

Was bleibt von den Menschen übrig, wenn man sie

isoliert, wenn jeder ganz auf sich gestellt ist?

Die Leute schimpfen immer, wenn man anders ist

als sie, oder als sie es wollen.

P.: Erstens verlangt man von den anderen alles,

114


was man selbst ist, und dann noch etwas eigenes

dazu.

Ueberlasse dich deinen Gedanken und tue nichts.

Wenn du dann auf dem besten Wege bist, grössenwahnsinnig

zu werden, führt dich die Arbeit wieder

auf dein Maas zurück.Wir arbeiten uns gesund, wir

arbeiten uns normal.

Die Dinge elementar sehen, bringt elementare

Handlungen hervor. Wer die Dinge kompliziert

sieht, kommt schwer zum Handeln.

Immer wieder drangen einen die Umstande, eine

Rolle zu spielen; wahrend man gar keine spielen

will; und wenn eine Rolle, dann keine aufgedrangte.

Gute Frage: Was tut der Mensch in den Situationen,

da er nicht weiss, was er tun soil?

Sich selbst wiederzufinden, ist immer wieder eine

angenehme Ueberraschung.

Lebensökonomie bezieht sich nicht allein aufs

Materielle sondern auch aufs Gefühl.

Nicht über unsere inneren Verhaltnisse leben!

Sind wir zur Arbeit geboren?

Zwar macht das Schaffen selbst einen oft gliicklich


Aber wenn man schon vorher glücklich ist?!

115


Man verlangt von sich, solange man den Begriff der

Entwicklung noch nicht aufgegeben hat, dass die

Arbeit mit den Jahren „immer besser" werde.

In dem, was man kann, ist man nicht eitel. Eitel ist

man in seinen Unsicherheiten.

Ueberlegen sein. Die wahre Ueberlegenheit aussert

sich unmerklich für den Unterlegenen.

Es gibt auch noch für den Geringsten Lebewesen,

denen er sich überlegen fiihlen kann.

Wem's Spass macht, der geniesse das.

Ich bin lieber verlegen, als überlegen. Empfinde

mich da mehr „zu Hause".

Ueberschatzte Geringe verhindern die wahre Würdigung

der Besseren.

In einer gewissen Entfernung sieht man keine

Details, sieht man nur das grosse Ganze. Darum

ist die distanzierte Haltung im Leben oft empfehlenswert.

Der grosse Lebenssinn halt alles, auch das Ungereimteste

zusammen. Wir können garnichts so Ausgefallenes

bedenken, das nicht schliesslich im Bilde

des Grossenganzen einen „Sinn" bekame.

Wir sind manchmal gross, weil die Umstande gross

sind und Kleinheit (unsere alte geliebte Kleinheit)

Selbstvernichtung bedeutete. — (Ach, da liegt kein

116


Verdienst drin. Aber auch können wir uns wenig-

stens keinen Vorwurf machen.)

Alles ist interessant — von einem gewissen Gesichtspunkt

aus betrachtet, also auch das Langweilige.

Aber das ist noch kein Grund, dass wir selber langweilig

sind.

Wenn da einMensch selbstbewusst auftritt—früher

hat mir das mal imponiert.

Kühnheit — aus diesem Gesichtspunkt betrachtet

bin ich feige.

Mut, Kühnheit — Der Teufel hole mich, wenn ich

nicht endlich kiihn werde. (Er hat mich schon geholt.)

Mut

das ist es, war ich gerne hatte ..

Wege zu gehen, die noch keiner gegangen ist

Doch ich habe nicht den Mut dazu

Dazu gehort Mut

Mut!

Ich wage nicht einmal

vom Viermeter-Brett mich in den Raum zu stürzen,

da doch unten das Wasser mich auffangt

Mich zu werfen ins Ungewisse

wo das Leben mich auffangt —

ich wage es nicht, ich feiges Aas

117


Die Feigheit zum Leben entspringt einem zu geringen

Körpergefühl. In die geistigen Abwege treiben

einen physische Unregelmassigkeiten.

Mach dir Bewegung, Mensch! Tummle dich!

Miidigkeit durch gesteigerte Aktivitat beseitigen.

Durch Mehrbewegung das schwere Blut in lebhafteren

Umlauf, in Schwung versetzen, den ganzen

Körper in Tatigkeitsrythmus bringen und so die

tragen Stoffe, das Einschlafernde vertreiben.

Gedicht

Manchmal

schwer..

das Leben ...

Das Leben ist zu schwer für gewöhnlicheMenschen.

Und die ausserordentlichen Menschen sind zu gering

an Zahl, die ganze Last fallt doch immer wieder

den gewöhnlichen Menschen zu.

Kinder sind am Tage wohl zehnmal, zwanzigmal

und öfter glücklich und unglücklich. Und sie vergessen

das eine über dem andern.

Trinken auch wir aus diesem Jugendbron! Ueben

wir das Vergessen!

Das Leben ist dann immer schwer, wenn man müde

ist und Anforderungen an sich stellt, die man nicht

erfüllen kann.

Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein. Man braucht

viel Zeit.

118


Etwas zeigen zu wollen (als Künstler), schliesst

immer schon ein Quantum Anmassung ein. Aber

gar zeigen zu wollen, was man nicht kann, ist verzweiflungsvoll.

Man istwenig und will viel.Eine Unmöglichkeit!

Und diese Unmöglichkeit, die man stürmender

Hand möglich machen will, dieses zu hoch gesteckte

Ziel, zerstört uns unser Leben, zerreisst unsere

Harmonie.

Wir haben unser Streben zu hoch gestellt

Freudenverderber an der eignen Welt

O Gott,Du treibst uns durch dieseMühle des Lebens

— es ist nicht recht erheiternd, mit eigenen Augen

zu sehen, wie man zu Spreu zermahlen wird.

Wir sind dazu da, vergessen zu werden. Wir sind

kein Material für Unsterblichkeit.

Was wir doch mit uns viel und immerfort zu tun

haben! Wir sind ja standig — bewusst oder unbewusst

— um die Ordnung unseres Lebens bemüht.

Abstossend, anziehend, verteilend, zusammenfassend.

Immer beschaftigt, das Verhaltnis zu uns

selbst und zu unserer Umgebung in glücklicher

Ausgeglichenheit schwebend zu erhalten.

Wir sagen zwar sehr selbstbewusst: wir leben, aber

in den meisten Fallen hiesse es richtiger: wir werden

gelebt. Mit dem Sterben ist es gerade so.

Mutmassungen über den Wert des Lebens: etwas

119


mehr wie nichts und ein gut Teil weniger, als der

Larm darüber uns glauben lassen will.

Zu manchenZeiten will man fur ein Menschenleben

auf dieser Erde keinen Pfennig geben, und ein

andermal ist es eine recht gute Kapitalsanlage.

Es kommt auch darauf an,wer lebt. Und zwar nicht

nur in irdischer Hinsicht, nicht nur im Hinblick

auf menschliche Schiitzung. Auch die Weltseele

scheint sich aus grossen Seelen mehr zu machen

als aus den kleinen. Klein und gross, schwach und

stark — das sind wohl bleibende Grundmotive für

unsere Schatzung.

Ich meine, auf dieser Erde wird im allgemeinen

das Starke und Grosse immer mehr gelten, als das

Kleine und Schwache. Das Ueberragende, Besondere

mehr als dasMittelmassige.Durchschnittliche,

Alltagliche. Warum das? Ich glaube, dem umfassendsten

Grund hierfür auf der Spur zu sein: Unser

ganzes Weltsystem (nicht nur unser Sonnensystem)

drangt — so sagen es die neuesten Forschungen —

nach Expansion, ist im dauernden Zustand der

Spannung nach aussen. Der Wille, der Wunsch

zum „Grosseren" liegt also der Welt, der Welt im

umfassendsten Sinn, zu Grunde.

Und der Mensch wird von seinem Milieu (der Welt)

einfach in diese Bewegung mit hineingezogen, —

gerissen. Er bewundert, beneidet, verehrt das Grosse,

in ihm selbst liegt der Wunsch zum Grossen.

Vor Gott soil ja alles gleich sein, das Grosse wie

das Kleine. Ich habe aber den Verdacht, dass, insofern

er der Schöpfer dieser nach Expansion stre-

120


enden Welt ist, auch vor ihm das Grosse mehr

bedeutet als das Kleine.

Andere mogen weise sein, geistreich sein; mir bekommt

es nicht. Ich kann's mir nicht leisten.

Wenn ich einmal etwas recht Kluges gesagt habe,

besonders in Gesellschaft, vor Menschen — das

verfolgt mich noch durch Jahre, wie ein Damon,

macht mich ganz elend. Wie ein grosser Katzenjammer

ist es, wenn man sich etwas über seine

Krafte zumutet. Ich will dann alles wieder rückgangig

machen, was ich gesagt habe, den Leuten

erklaren, dass ich doch nur ein Tölpel bin — aber

sie werden es schon selbst gemerkt haben.

Es mag ja ganz richtig sein, was ich da sagte, nur:

ich hatte es nicht sagen dürfen.

Verstehen — ich — die Welt? Mit nichten —

Doch ich versteh: man muss sich nach ihr richten.

Tiefe ist mir nicht gegeben

Darum muss ich flüchtig leben

Ich schlage wie ein Derwisch meine Brust

Gehore nicht ins Himmelreich der Guten

Bin nur Gefass für wenige Minuten

Mein Leben ist hauptsachlich Zeitverlust

;,Die Welt, das Leben sind nur, weil Ich bin

„Mein Denken erst gibt ihnen ihren Sinn —

Mein eignes Leben doch ist ohne Sinn

Und Welt und Leben rollen drüber hin

121


InsDunkel meinesAnfangswünsch ich michzurück

lm Mutterleib liegt uranfanglich Glück

Fastenpredigt

Wie's schon bekanntlich in der Bibel steht:

Berufen viele, wen'ge auserwahlt.

Drum prüfe peinlich, ob du auserkoren;

Wenn nicht, dann, rat ich, drücke dich bei Zeiten.

Man schert die Leute oder wird geschoren,

Sonst gibst hier weiter keine Möglichkeiten.

Ich bin ein bischen glücklich — nicht sehr

ich bin ein bischen unglücklich — nicht sehr

ich bin von allem immer nur ein bischen, — nicht mehf

mein Leben ist ein bischen leicht und ein bischen leef

Der Zweifel ist das Zeichen, dass wir leben —

So sagt man. — Schön. — Doch hatte ich daneben

Auch gerne irgendwelche Sicherheit,

Was zweifelsfreies. Aber weit und breit

1st nichts zu sehn.—Vielleicht doch in der Nahe —

Ich greif den Fuss und beiss mir in die Zehe —

Verdammt, das Blut! — das schmerzt ganz ungemeiD

Und überzeugt mich gründlich, da zu sein.

Die Angewohnheit, sich selbst stets zu beobachten.

Gelegentlich reagiert man „trotzdem" unbewusst.

Man lachelt. Plötzlich denkt man: nun lachle ich;

ich lachle: also scheint mir die Situation eines

Lachelns wert — Und man denkt: wie naiv ich

doch bin. — Und man ist es.

122


Gehe noch immer rum wie ein Vierzehnjahriger

und frage mich bei jedem Menschen nach seinem

„Sinn".

Was können wir in der Hauptsache an einem Menschen

haben? Dass er ein Mensch ist.

Und zwar werden wir durch diejenigen menschlichen

Eigenschaften besonders angezogen werden,

zu denen eine ursprüngliche Bewunderung oder

Neigung uns eingeboren ist. Danach wahlen wir

unsere Helden und Lehrer.

Wir leiden wegen unserer schlechten Zusammensetzung.

Aber obgleich das Leiden oft schlimm ist,

können wir es doch nicht missen. Es bestatigt uns,

dass wir leben und unsern Wert. Wir leiden unsere

Unebenheiten aus, wir leiden uns in den Rythmus

des Lebens hinein.

Sich selbst zu entfliehen ist nur selten das Mittel,

um zu sich selber zu kommen.

Zum Wohl des inneren Menschen gehort wenigstens

eine Stunde Alleinsein taglich.

Kommt einer von einer weiten Reise zurück in die

alten altgewohntenVerhaltnisse—dies wird immer

als eineAbschwachung empfunden.Unterwegs war

alles voll Spannung, Erlebnis, Neuigkeit und Interesse,

voll angedeuteter, geahnter Möglichkeiten,

gesteigertenLebendigkeit.Und nun findet man sich

123


auf dem bis zum Ueberdruss bekannten und beackerten

Felde wieder.

Mein Leben ist „wie von der Reise zuriick". Eine

Abschwachung, ein Schatten seines wirklichen Inhalts.

Der Nachteil, wenn man viele Jahre am selben Ort

bleibt: man denkt zuviel in und über alten Verhaltnissen,

die doch für immer unfruchtbar geworden

sind.

An den schlechten Tagen fühlen wir genau den

Uebergang, wenn die Gedanken, geschlagen durch

die Mattigkeit des Körpers, sich vom Leben ab —

und dem Tode zuwenden. An den besseren ahnen

wir, was unser Geist unternehmen könnte, wenn

wir gesünder waren. Da gibt es eine Menge Stoff,

den er gerne in Angriff nahme, aber im Augenblick

stellt sich Unbehagen ein, verursacht durch physisches

Unbehagen; wir sind flügellahm.

Kranksein

Nicht bei Verstande sein, ausgeliefert den regellosenVorstellungen

eines krankenHirns,aus seinem

Ich gejagt — und bei all dem noch einen Zipfel

der Gesundheit haltend, was uns wissen macht,

dass unser Geist nicht aus eigener Kraft den Weg

des Lebens zurückfinden kann — eine entsetzliche

Sache, von der ihm manche Nachtstunde eine Kostprobe

zu schmecken gibt.

124


Dann immer wieder taucht die erschreckende

Frage auf: ob das nun auch wirklich das Leben

sei: dieser Augenblick; der Ort an dem wir sind;

wir selbst: das Leben. — Oder? Ja, was sonst? Und

nur weil es garnichts anderes sein kann, so ist es

schliesslich „immer wieder das Leben".

Das ist, zum Teufel, ist vielleicht nur Traum

Gedanken, grauenvoll, man glaubt es kaum

Und schemenhafte Bilder ohne Sinn

Ich zweifle dran, ob ich es selber bin

Der hier so liegt und in das Laken pisst

Und ob das wirklich auch. das Leben ist.

Eine Vision verfolgt ihn durch die Nacht: der Ver-

rückte mit normalen Eigenschaften.

Ein ganz leerer, fast mechanischer Mensch, dessen

Mechanismus so gut lauft, dass man ihn für einen

gewöhnlichen Menschen halt.

Welch grauenvoller Irrtum—wenn man selber leer

ist! —

Er hatte Angst vor Tod und Grab

Und musste immer daran denken,

Besonders nachts lenkt ihn nichts ab.

Da malt ihm seine Phantasie i

Aus einem Nichts das graue Ende

Mit tausend Schrecken wie noch nie.

125


Er sieht sich schon verwest und steif

Von Würmern grasslich angefressen

Und zum Vergessen überreif.

Das wird bei ihm zur Leidenschaft

In allem Leben nachzuspüren

Was irgend morsch und leichenhaft.

Und achtet drauf, wenn was verdirbt

Wenn Kriege, Seuchen Menschen schlingen

Und zittert, dass er selber stirbt —

Das Dasein zu ertragen fallt

Verdammt oft schwer. In seinen Augen

1st jederman ein stiller Held.

Sind wir wirklich auf Gesundheit angewiesen?

Dieses Leben, merken wir, ist für das Leben gemacht.

Für wenigstens ein Mindestmass von Gesundheit.

Was darunter ist, mag sich in eine Höhle

zurückziehen und sich in Gedanken mit dem Himmel,

der Holle oder sonst einer Welt beschaftigen,

aber nicht mit dieser, nicht mit dem Leben unserer

Erde, und gewiss nicht mit dem Leben der eigenen

kraftigeren Tage.

Vielleicht, dass die Pressung, die das Schicksal

zuweilen ausübt, uns — als Menschen — zugute

kommt.

Wie viele Menschen zeigen im Unglück einen Mehrwert!

(Um im Glück alsbald wieder nichtig zu

werden).

126


B h r _

zu

Möchte uns doch dieser Zuwachs an Qualitat bleiben!

sollten wir uns auch einmal wieder besser befinden.Dass

ein leichteres Leben uns nicht leichter

mache, die Errungenschaften des Dunkels und der

Resignation nicht fortspüle!

Sobald sich der Körper aber auch nur einigermassen

wohl befindet, der Kopf frei ist, stellt sich

Heiterkeit ein. Die wiedergewonnene Verbundenheit

mit demGesund-Normalen macht uns froh. Wir

denken nicht mehr in Fetzen und Sprüngen, unser

Denken ist kein lebensabseitiger Vorgang mehr,

sondern geschieht aus einem Impuls wie Tasten,

Schmecken, Fühlen oder Verdauen.

Das schone Glück des Zumlebenerwecktseins dessen,

der schon den Tod geschmeckt hat.

Der Glükliche will nicht enden. Hat er auch eigentlich

nichts mehr zu sagen. — Man müsste einen

Menschen bei der Hand haben und — unendlich

reden. Oder — oder etwas anderes. In jedem Fall,

wovon man voll ist, überfliessen.

Da werden — vor Freude — Wünsche laut in

einem, an die man lange nicht gedacht hat, nicht

gedacht, dass sie noch lebten. Das Vermogen zu

wünschen und viele andre verschlafene Krafte

recken den Kopf hoch. — Man lebt! bei dieser

Erde! eine tolle Sache. —

— Einigen helfen gelegentlich ein paar Tranen,

die Freude zu tragen.

„Von Tranen, von zarten Gefühlen spricht man

127


nicht, das ist nicht mannlich. — Man verbirgt als

Mann seine Schwiichen."

Wenn aber unsere Schwachen unsere Starke sind?!

Es will mir so vorkommen, als ob „mannlich, Mannlichkeit,

mannhaft" oft nur eine andere Bezeichnung

für „damlich" ist.

G. sagt: Die grössten Menschen, die ich kannte,

waren demütig.

Wenn demnach Demut eine Tugend der Grössten

ist, ist es dann für uns kleine Leute anmassend,

demütig zu sein?

Der tüchtige Mensch betrachtet das Leben als eine

Zeit, die der Arbeit gehort. Der weise Mensch als

eine Weile, die ihm gehort; er nimmt sich die Zeit,

Gedanken nachzuhangen.

Wenn man nun tuchtig und weise zugleich ist?

Einfach sein. Handlungen vermeiden. Nur das

Unvermeidliche tun, das, wozu wir uns unbedingt

gedrungen fühlen. Das wird dann — auch für uns

selbst — glaubhaft sein. Wir werden uns dann selbst

nicht mehr bezweifeln mussen, wie wir Armen es

bei einer reicheren Tatigkeit sicherlich tun, die

uns notwendig auf Abwege führt.

1st das noch mein eigenes Leben?

Keine Schleichwege, keine Verliebtheiten, nichts

Unregelmassiges.

Und mein bester Spass, Verschwiegenheit — entwertet,

unbrauchbar.

128


Ich bin kein Richter und kein Gericht

Ich bin ein Dichter — mein Wille geschehe nicht.

Ich weiss ganz genau, was ich will.

Namlich: ich wills garnicht so genau wissen.

Immer wieder: viel allein sein, viel bei sich sein,

viel mit sich sein. —-

Und das kann man sogar laut sagen; denn die ganze

Zeitrichtung ist dem entgegengesetzt, alles wird in

Massen zusammengetrieben, alles wird en gros betrieben,

sodass unmöglich die Masse uns horen

wird, sondern nur die wenigen, die ahnliche Neigungen

mit uns verbinden.

Nicht das Viele —

das Wenige ist das Erlebnis

Vieles kann uns ablenken. Ein Zuviel führt uns

wieder auf uns selbst zurück.

Wem wenig begegnet, der erlebt das Wenige umfassend.

Eine Vielheit von Eindrücken verhindert

haufig das Aufkommen eines Erlebnisses.

Es hat mich oft gewundert, Leute zu sehen, die

durch allerhand Katastrophen und Schicksalsschlage

getroffen waren, und die daraus hervorgingen

wie Schulkinder, die noch nichts gelernt

haben.

Wir produzieren selbst unsere Erlebnisse. Ein

Erlebnis ist nur insofern eins, als wir von uns aus

129


zu einem uns begegnenden ausserenEreignis etwas

eigenes Inneres hinzuzugeben haben.

Daher z.B. eine grosse Anzahl von Menschen trotz

allerEreignisse undBegebenheiten in ihrem ganzen

Leben nichts lernen. Sie halten sich was zugute auf

ihr „interessantes" Leben, sie meinen,, dass es von

aussen kame, sie bleiben „Narren ihr Lebenlang".

Unsichere Seelen.

Sie kontrollieren jeden Abend an den Ereignissen

des Tages ihre ..Weltanschauung". Ob auch alles

„gestimmt" hat.

O kindlicher Mensch, kannst du dich nie selbst

vergessen und deine enge Welt! Immer urteilen,

vergleichen, selbstbehaupten. Nicht einfach dazusein!

sondern sich das Dasein erst immer wieder

beweisen zu mussen.

Gut, wir sind alle „biologisch Gefangene". Wir

leben in einem Gefangnis, kommen friiher oder

spater zur Hinrichtung.

Aber nach dem ersten Schrecken hieriiber beginnt

die Gewöhnungund schliesslich gewöhnen wir uns

wirklich an unseren Zustand. Und dann sehen wir,

dass es auch im Gefangnis Leben gibt, kleine Freuden

und lohnende Stunden.

Wir sind Resignierte, doch Geniesser.

Ueber das Uebertreiben.

Ich übertreibe möglichst wenig — nicht wegen der

Ehrlichkeit oder derWahrheit—aus beiden mache

ich mir wenig, ja eigentlich habe ich gegen beide

130


eine Abneigung, sie treten immer mit solcherSelbstsicherheit

auf, einem Stolz oder gar mit dieser

dünkelhaften Bescheidenheit, nein, ich mag sie

nicht — ich iibertreibe allein darum ungern, weil

mich die Wirkungen, die sich aus Uebertreibungen

ergeben, nicht befriedigen. Es sei denn, dass es

einemMenschen natiirlich ist, zu iibertreiben.Dann

mag er es tun. Die Wirkung wird natiirlich sein.

Und das sind die angenehmsten Wirkungen, ich

möchte sagen, die mir genehmsten.

Wir schimpfen nicht mehr auf die Dummheit —

alien Hochmut haben wir fahren lassen — wenn es

nur die „eigene, ursprüngliche Dummheit" ist. Sie

ist uns im Leben schliesslich mehr wert als angeeignete,

nachgesprochene Klugheit.

Die Jugend will das Absolute. Klugheiten in der

Form von Dummheiten zu sagen, ist die Weisheit

reiferer Jahre.

Ich kann's schwer ertragen, dass das, was ich

mache, falsch ist.

Daran muss man sich aber wohl gewonnen.—Denn

wie vieles ist — nachher — falsch. Und manches

schon vorher. Manches machen wir mit Bewusstsein

falsch. Wir treiben's verkehrt, wir sind töricht.

-— Ich weiss es etwas besser als ich's treibe.

Meiner Oberflachlichkeit in meiner Arbeit mehr

Rechnung tragen!

Sie ist ein zu wichtiger, eigener Teil von mir; eine

Kraft, ja eine Tugend. Meine Heiterkeit!

131


Fehler — natürlich haben und machen wir die alle.

Es kommt nur auf eine gute Organisation an: wie

wir unsere Fehler disponieren.

Ich würde in der gleichen Lage wie mein Vater die

gleichen Fehler machen, und darum scheue ich

mich, in die gleiche Lage zu kommen.

Wenn ich mir selbst nichts vorzuwerfen hatte,

konnte ich unmöglich die Fehler anderer ertragen.

Darum: Gott sei Dank, dass ich nicht rechtschaffen

bin.

Man bedenke, dass Gott als einem wahren Schöpfer

auch die Verwegenheit desKünstlers eignet.Wie

beispielsweise von einem Maler, wenn man ihn

über seine Bilder befragt, so wird also auch von

Gott, sollte man sich um Aufschluss über seine

Werke an ihn wenden, keine direkte Antwort zu

erwarten sein.

Lasst uns das Leben leicht nehmen — ohne Furcht

vor Oberflachlichkeit und Banalitat. Es bleibt doch

immer schwer und anspruchsvoll und fordernd

genug.

Wenn sonst nichts — das Leben macht uns schon

zum Mann, zur Frau, zum Menschen.

Das Leben gewinnt es.

Das Leben — wird sind es.

132


Der zusammengenommene Mensch.

Man ist das zuzeiten.

Aber dann auch: sich gehen lassen, völlig off en und

gelost sein, einatmen, ausströmen und sich irgendwo

hinwerfen. Eindringen, ahnen — Geheimnis.

Für wen denn sich zusammennehmen, wenn doch

gerade die Sehnsucht das Mittel ist — unendlicher

zu werden? —

Das Leben ist toll,

und geheimnisvoll.

Sich begnügen — o Himmel —

und dankbar sein, sogar von Herzen dankbar für

alles, was man hat —

und vergessen, wonach eine immerwahrendeSehnsucht

uns durchzieht —

nein! das ist nicht zu vergessen!

Ueberall trage ich meine Sehnsucht mit mir herum.

Ich b v

in dumm

Doch weil ich liebe, überall, innig und leise,

Bin ich auch weise.

Man kann auch Sehnsucht überspannen. Plötzlich

erschlafft sie.

Wir eingewöhnen uns dem Tag, wie er ist, ohne

den Gegenstand, nach dem so lange wir uns sehnten.

Nüchterheit tritt ein. —

133


Sehnsucht ist ein Gift, eine Zauberkraft, die uns so

aus uns selbst Ziehen kann, dass wir ernstlich erkranken.

Meine Kunst: dieSchwere desLebens leicht fühlen.

Meine Tapferkeit: dass ich mich nicht vor der Oberflachlichkeit

fiirchte.

Man gebe von allem Vertrackten, was einem geschieht,

sich selbst die Schuld. (Man nimmt also

die Schuld der Welt auf sich.)

Und dann sei man gnadig gegen sich und verzeihe

sich seine Siinden.

Warum sollen wir strenger gegen uns sein als Gott,

der uns unsere Siinden verzeiht?

Man denkt wohl einmal: ich habe mich nicht selber

gemacht und so bin ich auch nicht „für alles verantwortlich".

Bleibt die Frage: wenn man sich selber gemacht

hatte, ob man besser ware, als man ist.

Irren ist menschlich, und darum schlagt der

menschliche Mensch den Irrtum nicht geringer an

als die gelungene Tat. Ja, er liebt den andern gerade

um seines Irrtums willen.

„Ob ich viele Madchen geliebt habe"?

Ich liebe überhaupt.

Ich würde alle Frauen lieben, wenn es manche mir

nicht unmöglich machten.

134


Ich habe versucht, meinem Herzen alles zuzutrauen,

zuzumuten. — Dazu muss man wohl Richard

sein, um an die Unendlichkeit des Gefühlt, an seine

unbegrenzte Formungskraft zu glauben.

Und noch einmal: Machen wir uns das Leben so

leicht, so bequem, seien wir so oberflachlich wie

nur möglich. Das Leben selbst sorgt schon für

Schwere, für alle Arten von Noten und Schwierigkeiten

und driingt uns ins Abgriindige, in die Tiefe.

Setzen wir dem unseren leichten Sinn, unseren

Schwung entgegen. Das gibt eine gute Balance.

Ein gescheiter Mann erzahlt:

Es ist bekannt, wie sich Till Uilenspiegel benahm,

als er in Gesellschaft einiger Handswerksburschen

bei grosser Hitze eine Wanderung in gebirgiger

Gegend machte. Immer, wenn es hinaufging, und

die Burschen stöhnten und klagten wahrend des

mühseligen Aufstiegs, war Uilenspiegel fröhlich

und lachte, indem er des folgenden Abstiegs gedachte.

Beim Abstieg aber, wenn die Burschen

guter Dinge waren und leicht dahinschritten, weinte

und seufzte Uilenspiegel, weil er den folgenden

Aufstieg voraussah.

Wenn es nun einen Berg hinaufgeht, mache ich es

"wie Uilenspiegel. Geht es aber hinab, so tue ich,

als ob ichs selber ware.

Achte darauf, glücklich zu sein. G. drückt das so

aus: Je individueller man ist, desto mehr tut man

für die Allgemeinheit.

135


ich sage: sei gliicklich. — Dann wirst du für die

Menschen ein Glück sein.

Was einer ist, das geht von ihm aus zu den anderen.

Ich kenne keinen Menschen, der nicht der Mühe

wert ware.

Man muss nur nichts von ihnen verlangen, was sie

nicht freiwillig geben. Man muss sie erkennen in

dem, was sie sind, nicht in dem, was sie — einer

überheblichen Meinung nach — sein sollten. Und

alle s/nd etwas. Sie leben ja, auch sie haben ja

„alles durchzumachen". Dies Leben ist schon so,

dass es aus jedem etwas macht.

Scheltet sie nur; aber wenn ihr scheltet, denkt

nicht dran, was ihr selber seid. Das Schelten würde

euch sonst vergehn.

Versteht nur, sie zu nehmen, und ihr werdet mir

zugeben, dass „an jedem etwas dran ist".

Nur ein liebendes Herz kann weise sein.

Nur wer uns liebt, kann uns ermessen. Erspürt

unser Geheimnis —

Darum: nicht Klugheit begreift die Welt, die wahre

Weisheit heisst Liebe.

136

Ende des Heftes


Richard war schon lange eingeschlafen. Als ich es

bemerkte, hatte ich leise für mich gelesen. Nun

legte ich das Heft zurück auf denTisch und schlich

auf den Fussspitzen hinaus.

137


1

s

A

L

L

B

I

'1


I N H A L T

I.

Die Deutung seiner Handschrift . . 5

Richard 8

Ein Abend 25

II. PUBERTAT

Rut 32

Sie schreibt ihm . . . . . . 34

Nachts 35

Liebe . . . • • • .37

Der Brief M

Bettelknabe *4

Ueber die Unwissenheit . . . 45

III. DER JUNG LING

Material für eine Biographie . . . 56

HeftI

Heft II

IV. DER AUSFÜHRLICHE

JUNGGESELLE

6 G

7 0


Heft 111 76

Heft IV 80

V

Richard stirbt 87

RICHARDS HEFT 101

Vorwort . . . . . . 101

Nochmals die Univissenheit . . 103

Blatter in den Wind geschrieben . 106



K 1101

7/T VI

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