Kriegsvortrage \&}, Friesland und die Friesen in den Niederlanden

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Kriegsvortrage \&}, Friesland und die Friesen in den Niederlanden

Kriegsvortrage \&},

der Rheinisehen Friedrich-Wilhchns-Uui versitiit Bonn tt.Rh.

Aus der Vortragsreihe:

„Holland und Flandern"

Friesland und die Friesen

in den Niederlanden

von Prof. Dr. J. M. N. Kapteyn-Groningen

Bonn 1942

Heft 71

Verlag Gebr. Scheur (Bomer Universitats-Buckdruckcrei), Bonn


Kriegsvortrage

der Rheinischen Friedrieh-Wilhelins-Universitat Bonn a. Rh„

berausgegeben vom Gaudozentenfiihrer und dit. Rektor

Prof. Dr. Karl F. Chudoba


Kriegsvortrage

derRheinisehen Friedrich-Wilhelnis-Universitat Bonna.Rh.

Heraus Sel.cr: Gandozentenführcr u. dzt. Roktor Prof. Dr. Karl F. C h u d o I) a

Aus «Ier Vortragsreihe:

,HolIand und Flandern"

Friesland und die FrMèn

Heft 71

in den Niederlanden^

von Prof. Dr. J. M. N. Kapteyn-Groningen

Bonn 19t2

Verlag Gebr. Scheur (Bonner l' n i v e r s i t a t s - B u c h d r u c k c r e i), Bonn


Kriegsvortrage

der Rheinischen Frieclricli-Wilhelms-Universitat Bonn a. Rh.

lierausjïe^ebcn vom (ïaudnzenlenführer und dzt. Rektor

Prof. Dr. Karl F. Chudoba


Verohrle Anwesende!

*) Als die Einladung zu einer Gaslvorlesung an Ihrer l niversitat

au mieh erging. habe ieh diese ehrende Aufforderung freudig be-

grüBt. Alte Beziehungen aus den zwanziger Jahren binden mieh an

lhrc Hoehsehulo. Es goreiehl mir zu besonderer Freude, daE ieh

sie lieule wiedersehe. Als ieh Bonn zur Zeit der Rulirbesegungr, be­

slichte, da sland es urn die Universitat, um die Rlieinlandc und um

das gesamte deulsehe Reieh scldiinm. die Lage seliien aussiehtslos.

Heute, naeh gut siebzehn Jahren. stebt Ihr Vaterland im Entschei-

dungskampf, den es, nieht uur fiir sieh. sondern für das ganze Ger-

nianentuin, ja für Europa siegreich bestehen wird. Die Idee des

grotten Reiehes der (hermanen, die Kaiser Heinrieli dem Erslen

vorgesehwebt hat, und die seine Nachfolger vertreten liaben. die

alte aueli im Volke lebendige Sehnsurht wird sieb erfüllen.

leb miielite mit Ihnen einen Bliek auf die Niederlande im allge-

meinen und auf Friesland und die Friesen insbesondere werfen,

auf die konstitutiven Faktoren. die Land und Leuten ibr Gepriige

verhellen baben, die gemeinsamen Ziige beleuehten und darm ein

wenig ausfiibrlieber auf die Friesen eingehen. auf ihre Gesebiebte

und ibre beutige Lage, mit einem Ausbliek auf ibre Zukunft.

Vor einigen Monaten bat Ibr beriibmter Landsmann. der %elt-

reisende Dr. Colin RoB. in den iNiederlanden eine Reibe von N or-

tragen vor den Ortsgruppeu der Niederliindiseb-Deutseben Kultur-

geineinschaft gehalten. Er spraeh i,ueh in Groningen, und zwar iiber

das Thema: der Eurasiatisebe Stepj)enkonlinent von Dsebingiskan

bis Stalin. Der Titel ist bezeiehnend. Dr. Colin RoB (ing mit der

ül)errasebenden Bemerkung an, er babe sieb bei der Erforsehung

geograpbiseber Verbaltnisse von der berkömmliehen Betraebtungs-

weise befreit, er betraebte immer den ganzen Erdglobus, d. b., er

denke nur noeb in Riiumen. die ïiaeb keiner Seite vollkommen ab-

*) Anm.: Meine Darstellan? schliet.il sich stellenwcise an Hielkrma in dein

Sarnmelwerk ..Friesland" an.

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gcriegelt und nirjjeiids ohne weitere Zusammonhiinge für sieh da

seien. i\ur eine solehe Betrachlungsweise eiilspreche den wirklielien

\ erhaltnissen.

Sie entsprieht jedenfalls der hemigen Lage. Colin RoB sieht z. B.

den l ral nicht als eine naliirliehe Gronzc an. die Europa von Asien

trennt: unser Weltteil bilde! sozusagen uur eine Halbinsel. einen

Auhaiig zum groBasiatischen Kaum und seinen Steppen, deren Be-

wohner eben auch, weiinsebon anders, in luigemessonon Raumen

denken. Diese Perspektiven eines beiühmten Geographen linden

sieh in kleinerm AusmaB in einer neuerdings gehaltenen Rede des

Führers der nationalsozialistiseheii Bewogung in den INiederlanden,

des Ingenieurs Mussert. «ieder. Er bemerkte: ..Am 10. Mai des

jabres 19H) bildete die Grebbe linie unsere Ostgrenze. heute liegt

sie im Ural". Sollte Ihnen die Frage kommen, ob den die Nieder­

lande. oder gar uur ein Bruebteil dieser ÏNiederlande. dieses kleinen

Fleekebens Frde, noch einer besondern Betraehluiig wert sei. «o

hitte ieb Sie zu 1iherlegen, ob es sieb bier nieht um einen Gedanken-

gang handelt, der. obgleieh in viel kleinerm AusmaB, doch der An-

sehauung eines Colin RoB wesentlieh verwandt ist, uur daB Mussert

zwangslauli» vom engen Kaum in weite Raume gedrangl wurde.

wo das Kleine seinen Anleil am (; roBen orhalt. Und wenn man

dies nicht geiten lassen will. so sebe man die Niederlande doch

j.denialls an als das Land zw isehen den eigenen deutseheu West­

grenzen und dom Ozean. am l fer der auch für Deutschland so

wichtigen Nordseo, das alte Dellagebiet des Rheins mit seinen

Zwelgstróinen Lek. Waal und Ysel. und im Süden das Delta der

Maas und der Schelde, auch das heutige Friesland gehorte einmal

dazu. Für Holland bcdeutet die Nordsee eher eine Biunensee. sie

ist es von jeher für diese Lande gewesen. Eine Diinenreihe er-

slreckt sieh an der Kiisfe entlang. von den soelandischen Insein im

den bis zu den Watteninseln in der deutschen Bucbt. Wo die

MeeresHuten diese Dünen durehbrechen. befinden sieh die Mün-

dungen der breiten Flüsse. die sieb zu Seegatten, Seegaten erweitern

l(;at heiBt hier Eingangs-. bzw. Ausgangstor): auch das Flie, der

Strom Flevo in der alten Überlieferung. der sieh durch den zor-

störenden Ansturm der Elemente naebber zu der Siidersee ausge-

weitet bat, war eine solche Miindung; im Norden bat das ein-

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flutende Wasser zwisehen den Insein und dein Festland die seichten

Watten gebildet. In diese Gewisser staut sieh das Meerwasser und

flieBt wiederum zurüek in ewigem Rhythmus, aher aueh im ewigen

Kampf mit den Bewohnern des Landes. Wo die Düneureihen

durehbroehen sind, und an den Ufern der FluBmündungen gehieten

sehwere Deiehe, imponierende Monumente der dureh die Erfahrung

von Jahrhunderten hochentwiekelten, zuerst friesischen, daim auch

hollandischcn Wasserbaukunst dem fliissigen Element Einhalt.

Allein nicht nur diese bilden die notwendigen Wasserwehren des

Landes. aueh im Innern wird es dureh FluB- und Polderdeicbe vor

Uberschwemmung gesehiitjt. —

lm fernen Osten also, wo die endlose. wasserarme Steppe sieh

ausdehnt, soll die gefiihrdete politische Grenze dieses Landes der

kleinen AusmaBe sein, raumlieh klein, aher auch in seinem orga­

nisch dadureb bedingten, vielleicbt nieht groBzügigen, jedoeh feincn

Kulturgestaltung. Wer die Niederlande, Land und Leute, in ihrem

Wesen zu verstenen sueht, soll vor allen Dingen festhalten, daB

sie, wie gesagt, vorwiegend ein Deltaland mit Deltabewohnern sind.

Naeh Westen und Norden ein Küstenland. nach innen von un-

zabligen breiten und schmalen Wasserliiufen durchfurcht, die sieh

stellenweise zu kleinen Seen erweitern; das Klima feueht ohne

überinaBige Hi§e oder Kiilte: keine Berge und mithin keine Taler,

wohl aber Niederungen und Polder, der diluviale Geestboden im

Osten, der alluviale im Westen und Norden fiach; primarer und

tertiarer Boden nur in dem südlichsten Teil der Provinz Limburg;

die Geest und die blanken Diinen blonder Sand, streekenweise iiber-

deekt mit hrauner Heide, oder intensiv kultiviertes Aekerland; die

alluvialen Niederungen grünhewachsen oder hleigraues Bauland;

die Atmosphare überaus zart abgetönt. Und darüber sieh wölbend

der Himrnel mit seinem ewig wechselnden Wolkenspiel, deun:

„Holland is het land der luchten". Wer unsere Malerei verstellen

will, soll die niederlandisehe Landschaft aus eigener Anschauung

kennen.

Dieses Land ist, naeh Belgien, das am dichtesten bevölkerte der

Welt, auch dies ist ein bestimmender Faktor in der niederlandischen

Landschaft, fast überall ist der Boden besiedelt, die Umrisse von

Stadten und Dörfern mit ihren Turmspiljen am Horizont, ihren

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Ilauserii und Gehöften geliören schr wesentlich in das Landschafts-

bild. Im iibrigen Wasser und immer wieder Wasser, man darf mit

Reeht behauptcn, daB das Wasser vielfaeh die gröBere. sogar die

bestimmende Rolle in den Miederlanden spielt, die Siedlungen sind

fast durehweg dureh die Gewiisser bedingt, sowobl was ibre Lage,

wie die Siedlungsformen betrifft. Wie überall, verleiben Boden-

beschaffenheit und Klima dem Volke ziini nieht geringen Teil das

(ieprage und seine charakteristisohe Eigenart. Ein Küstcnland und

ein Kiistenvolk. Froilieh, im Osten bedeuten die Landesgrenzen

nur eine politisehe Sebeide zwisehen den Niederlanden und dem

Deutsehen Reieh: landsebaftlieh, naeh der Besehaffenheit des Bo­

llens, ist sie kaum. bzw. überhaupt nieht vorhanden. und was die

Bevölkerung betrifft. so bat die zentralisierende Verfassung des

modernen niederlandisehen Staales vielfaeh Beziohungen naeh

Westen gesehaffen. wo man sieh friiber naeh Osten verblinden

wuBte. Das Gefiihl dor alten, natürliehen Verbundenheit der

Friesen mit Friesen, der Saehsen mit Sacbsen und der Franken

mit Franken dies- und jenseits der Grenze ist damit jedoob nieht

erlosehen, wenn aueh zurüekgedrüiigl und versteekt, oder als Uber-

lieferung aus der Vergangenbeit vorhanden.

Naeh Westen bin senkt sieh der alluviale Boden und verliert sieh

unter den Diinen bindureh in die iNordsee, und damit audert sieh

aueh die Gesamtansicht der Niederlande. Die Gestaltung dieses

Bodens und dieser Landschaften, wie sie sieh heute darbietet, ver-

gegenwartigt man sieh am besten dureh eine Betraebtung der Ge­

wiisser an Hand historiseber Karten dureh die Jabrhunderte. Deun

das Wasser gibt und nimint. dureh Ansebwemmung von


Wie selion bemerkt, sind die .Niederlander im alten Westfries-

Iand, in Nordholland und südwiirts kein Volk, das in groBcn Aus-

maBeu denkt. Sogar die Seefabrt und die Koloniën iindern daran

wenig. Freilieb: das niederlandisolte Küstenvolk besaB einmal einen

mit kühnem Wagetnut verbundenen unternebmenden Handelsgeisl

und besi^t ibn wobl noeb, wennsebon es seit lange die alte ge-

sebiebtsbildende Kraft eingebiiBt bat. Die Zeit der Seebelden und

der Kolonisierung über See jedoeb ist langst vorbei. Der englisebe

Sprueh: sailors go round the world without going into it. Seefabrer

umkreisen die Welt ohne in sie hineinzugehcn, bat eine gewisse

Bereehtigung und aueh der niedorlandisohe Trop Mtganger, mag er

aueh seinen Horizont dureh die Berührung mit fremden Vólkern

erweitert haben, ist kein Weltbiirger. Ehensowenig liist er sieh in

einer farbigen Basso auf, sondern er bleibt Niederlander: seinen

Aufenthalt in den Tropen betraehtet er als eine Episode, naeh

deren Vollendung er in die Heimat wiederkehrt, genie an „Patria'%

wie es beiBt, an deren Klima und den Feuten eine miBlalIige

Kritik übt, aher sie dennoeh aufriehtiger licht als zuvor. Es ist nur

natürlich, daB das seefabrende Niederland sieh heute, naehdem die

alten, einmal sebr bedeutenden Hiifen an den nordhollandischeii

und friesiscben Kusten der ehemaligen Siidersee. heute Ysehneer

(=-see) versandet sind, noch immer am sinnfalligsten in einigen

groBen Handelshafenplatjen offenbart, nl. in Amsterdam und

Rotterdam. Auch das alte friesische Kerngebiet des Nordens bat

seine Handelsbafen besessen, nur noch die Sage erinnert an die

ehemalige Herrliehkeit der Königstadt Staveren: von Hindelopens

friiberer „groBer Fabrf naeh Norden und Westen zengt noch das

dortige Museum: die iibrigen Hansestadte: Bolsward. Snoek, haben

ibre weitverzweigten Beziehuiigen zum alten Hansiscben Raura

langst verloren und sind dem alles an sieb ziehenden EinfluB des

hereits im 15. Jabrh. emi>orbliibenden Amsterdam erlegen. Nur

Harlingen in der Provinz Friesland an der Nordseeküste und

Delfzyl im ehemaligen ostfriesischen, heute Groninger Uferland

der Emsmümlung sind Hafenpliitje von einiger übcrnationaler Be-

deutung. Diese beiden jedoeb werden voraussichtlich dureb eine na-

türliche goopolitisrh-ökonomisclie Planting naeh dem Kriege einen

neucn groBen Auf schwung erfahren. Heute aher sind Amsterdam

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und Rotterdam nicht mehr typisch hollandische Stadte, Rotterdam

am wenigsten, sondern GroBstadtc im modernen Sinne mit Welt-

hafen. Aber sie tragen nicht dieselbe Signatur. Amsterdam ist

nicht nur Welthafenplatj, sondern auch der Sitj eines Welthandels,

Rotterdam, mit dem deutschen und mitteleuropaischen Kontinent

als Hinterland Durchgangs- und Umsohlagshafenplatj. Amsterdam

bat dureh scine Lage eine weite und tiefgreifende kulturelle Wir-

kungssphare über den ganzen Siiderseeraum und die nördliehen

Landschaften geschaffen, bereits seit ungefahr 1400, als es anfing

die Hansestadte zu verdrangen. Dieser EinfluB bat sieh auch über

Friesland erstreckt. Eine solche Expansionskraft kann Rotterdam

nicht einmal über die Provinz Südliolland aufweisen. Der Amster-

damer Kaufrnann alten Schlages fühlt sieh als Kulturtrager und

Hiiter alter Werte, ibm gilt der Rotterdamer nur als „Neuer". In

diesem BewuBtsein ist der Amsterdamer dem Hamburger und Bre-

iner Patrizier verwandt; er ist übrigens überhaupt der typische \ er-

treter des GroBkaufmannsstolzes, den man in den Landstadten

nicht findet. Amsterdam fühlt sieh dem Staat gegenüber als einen

Stadtstaat für sieb; der riebtige Amsterdamer ist Chauvinist, er

mag zu den Kreisen der altangesessenen Handels- und Regenten-

gesehleehtern geboren, oder nur ein kieinbürgerlieher SpieBer sein.

Freilich niramt die Stadt seit den lekten Dezennien in zunehmen-

dem MaBe eine Menge auswartiger, fremdartiger Elemente auf,

die ihr, wie überall, den unangenehmen Charakter einer modernen

GroBstadt verleihen. Wo Joost van den Vondel sang:

„Aen d'Aemstel en aen 't Y

Daer gaet bet heerlijk ope\

Zij, die als keyserin

De kroon draegt van Europe,"'

da spürt man von der kaiserlichen Würde dieser Krone, die Kaiser

Maximilian ihr einst verlieh, immer weniger.

Im übrigen jedoeb sind die Niederlande, tro^ einer sehr beacht-

lichen Industrie, ein vorwiegend agrarisch es Land, denn

aueh die Industrie ist, mit wenigen Ausnahmen, wie die Textil-

industrie, meist eine Begleiterscheinung der Landwirtschaft. Die

Stadte sind Lamïstadte mit landlichem Charakter in agrarischer

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Umgebuug. Und zwar tritt dies nirgends klarer und eindeutiger

hervor als in Friesland und Groningen, dem saxonisierten altfriesi-

selien Raum. Im Gegensag zu den erwahnten Seestadten mit ak-

tivem Fern- und Zwischenhandel, treibcn die Landstadte, und erst

recht die friesisclien, den passiven Handel mit den Erzeugnissen

des eigenen Bodens; diese jedoeb führen sie naeh allen Teilen der

Erde aus. Ihr besonderes Verdienst ist es, daB sie diesen Erzeug­

nissen dureh ein fortgesetjtes Veredelungsverfahrcn einen Weltruf

versehafft haben. In Leeuwarden, der Hauptstadt der Provinz

Friesland, wie in Groningen, der Hauptstadt der Provinz gleiehen

Namens, klopft das Herz dieser Provinzen. In Friesland überwiegt

die Viehzucht, in Groningen heute der Aekerbau, sie tragen nieht

mehr dasselbe Geprage.

Der friesisehe Bauer wohnt auf seinem sauber gehaltenen Einzel-

hof: der Bau ist in allen Teilen des alten Friesland wesentlieh

derselbe, nur mit wenigen Varianten, je naehdem er „Greidboer",

d. h. Viehweidebauer oder „Bouwboer", Aekerbauer, ist. Die bei­

den Typen, das dreigeteilte Haus, der sogen. Kopf-, Hals-, Rumpf-

Typ, wie der jiingere, die sogen. Stelp, Stolp, mit Walmdachern

sind aus einer Urform hervorgegangen, die allgemein friesiseh

war, und sieh also auch über Ost- und Nordfriesland in den jüngern

örtlich versehiedenen Entwicklungsformen erstreekt. Diese Stelp-

höfe finden sieb aueh vereinzelt in den Provinzen Holland und bis

in Seeland hinein, zweifellos von Friesland her beeinfluBt. Die

friesisclien Bauernhoftypen gehören wesentlieh in die friesisehe

Landschaft, sie sind zurüekzuführen auf die Urbesiedelung auf den

Terpen oder Warften. Charakteristiseh für die Landschaft sind

aueh die alten Kirehspieldörfer, mit denen das flache Land dicht

besiedelt ist; die Spitsen ihrer Türme schmücken. weithin siehtbar,

den Horizont. Verstreut, jedoeh meist in der Nahe der Dörfer,

liegen die noch iibrigen, freilieh mit nur wenigen Ausnahmen um-

gebauten, friiher hefestigten, stattliehen Sige der friesisclien ad-

ligen Gescbleehter, Naehkonimen der spatmittelalterlichen GroB-

hauern, demi einen feudalen Adel, wie er z. B. in Gelderland he-

sonders vertreten ist, bat Friesland nie gekannt.

Die gröBeren Zentren bilden naturgemaB die Stadte, an erster

Stelle die heutige Hauptstadt Leeuwarden, ohgleieh sie nicht die

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alteste ist. Auch sie tragen ein eigenes Geprage und erinnern in

ihren alten Gebauden noch vielfaeh an die Hansezeit. Ihre ehe­

maligen ma. Stadt- und Marktreehte aus dein 15. Jahrhundert, die

uns in Hss. erhalten sind. zeugen von der ausgesproehen agrarisehen

Struktur des Landes. Diese alten Gehaude. Privathiiuser der Pa-

trizier. oder iiffentliehe, wie Ratliauser. Wagehauser. Verwallungs-

gehaude der Deich- und Poldergenossensehaften u. dgl. mehr sind

meist im Renaissancestil aus friesischem Backstein erhaut. In ihrer

Linienfiilirung wie im Ornament sind sie nirgends von groBem

monumentalen Stil und AusmaB. jedoch von feiner. warmer arehi-

tektoniseher Schönheit. Exponente des Formgefiihls einer reiehen

Biirgerschafl. der das Behagliche. Vertranliche in engen Verluilt-

nissen Hebt. Entspreebend war auch die innere Ausstattung, heute

vielfaeh Museumstiicke. Nicht wesentlieh jedoch verscbieden sind

diese Gehande von denen unserer holiandiseheii und seelündisehen

Sliidte, deutlieh spricbt sieb bier eine innere Verw andtscbaf t des

ganzen Westens aus. die alleren Gehaude Amsterdams nicht ausge-

sehlossen. Ein Auslander bal sie einmal als ehinesiseh hezeicbnet.

ein Vergleicb. der vollkommen verfeblt ist. Die jiingem biirger-

licben Wolmungen. Finfamillonhauser. mit ibrem P(lasterornament

und Mauerbewurf haben unverkennbar den EinfluB einer Kultur-

strömung vom Niederrhein her. dureh den NehenfluB die Ysel er-

fahren. dieser EinlluB zeigt sieb in allen niirdlicben und nordiist-

licben Proviuzen. nicht aher im AXesten: so wie man sie bier in

Bonn erblickt. fimlcn sie sieh in allen Y'selsladten und in uuserm

Norden. nur meistens etwas kleiner, da man im allgemeinen noch

immer das Einfamilienbaus bevorzugt. Der modern demokratische

Massenbau bat daim auch diese Wohnungen mit seinen gesebmack-

losen einfiirmigen Hauserrciben baufig verdriingt. Sie finden sieh,

wie allgeineiii, in den neuen Vierteln.

Für Malerei und plastische Kunst ist der Friese wenig veran-

lagt: was die erstere betrifft. steht das Volk hinter den holliin-

diseben Volksgenossen zurück. eine eigene musikaliscbe Seböjifer-

kraft ist kaum vorhanden.

Boden. Klima. Siedlung, Bauart. Erwerbsquellen und Industrie

verleiben also dem Lande der Friesen zwar ein eigenartiges Ge­

prage, allein dies alles bedeutet noch keine Sonderstellung, nur

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eine dureh die geographisohe, melir oder wenigor isolierte Lage

und die Besehaffenheit des Bodens bedingte Abtönung gegenüber

den andern Teilen des Landes, in denen dieselben Züge in weeh-

selndem Verhaltnis allerdings vorbanden sind.

l'nd doeh bedeutet diese Frage: niinmt Friesland eine Sonder-

stellung ein, und. wenu sie niebt zu leugnen ist, inwieweit ist dies

der Fall und wodureb ist diese Sonderstellung dann bedingt?,

dennoeb bedeutet diese Frage ein Probleni. utul zwar in einer Zeil

historiseber Entsebeidungen, wie wir sie heute erleben. für die

Friesen wie für unser Volk als Ganzes ein sebr wiebtiges Probleni.

Niebt nur ein politisebes. Denn friesisehes Blut bat im Lauf der

Gesebiehte das siiehsisehe wie das friinkisehe durebse^t. der Ge-

samteharakter unseres Volkes tragt für den genauen Beobaehter

davon die unverkennbaren Spuren, und noch heute gehort das

Friesenvolk, trog manches Problematisehen. zu den begablesten

Elementen der niederlaudiscbeii Bevölkerung. Man kann dieses

Probleni kurz ('assen dureh den Aiisdruck: ..de Friesche beweging",

oder was auf dasselbe binausgeht: ..de vrije Fries"".

Herkunft und Rasse. Gesebiehte und Spraehe der Friesen kom­

men hier in Betracht. Über die Herkunft ist man noch nicht einig,

in Einzelfragen ebensowenig über die rassisebe Zusammensetsung

des Volkes. Fest stebt nur. daB der nordisehe Sehadel, besonders in

iilterer Zeit, weitaus üherwiegt. Die Zusammensetsuiig: demi auch

dem oberflaohliehen Betraehter muB es auffallen, daB es einen ein-

beitliehen Typus in Friesland nicht gibl. Die Frage der Herkunft

ist für meiiien Yortrag nicht sehr wichtig. Die Rassenzusammeii-

sctjuug oder -misehung dabingegen verdient wohl kurz erörlert zu

werden. Allmers hat in seinem Marscbenbiich einen IJnlerschied

zwisehen den Friesen und den niedersacbsiscben Geesthewohnern

feststellen wollen. Seine Cbarakteristik des friesisclien Typs ist

allgemein bekannt: ..Eine derbe. breitschulterige, fleischige, oft

stark ins Korpulente geilende Gestalt, mehr groB als klein, Hande

und Finger stark und breit, ... das gerötete Gesioht von rund-

lichem Schnitte — das ist der echte Friesenlypus .. . Der nieder-

saehsische Geestmann ist dagegen durrbgehend mager, schmaeh-

tiger und aufgesehossener, von kurzem Oberbau und langen,

sehmalen Beinen. wenn auch mitunter starkknochig und sein Ge­

il


sioht haufig von scharferen und eckigeren Umrisscn.'" Und Günther

in seiner Rassenkunde des deutsehen Volkes ' 4

, S. 274, bemerkt

dazu: „Diese Unterschiede mögen heute schon mehr verwischt

sein". Niemand jedoch, der sieh die Bevölkerung unserer Provinz

Friesland ansicht, wird mit Allmers einverstanden sein. Fragt man

die nieht-friesischen Niederlander. woran sie den richtigen, echten

Friesen erkennen, so wird man einstimmig hören: Der eigentliche

I'riese ist hochgewaehsen, mager, schmachtig, haufig mit gesenkten

Schultern, feinen Knoohen, das Gesieht schmal, tatsadilich alles

schmal. Die Farbe der Haare und der Augen ist dureh Rassen-

miscbung weehselnd, die sehmalen wie die fleisehtgen sind sowohl

Blonde wie Brunetten. Umstritten ist eben die Herkunft dieser

brunetten Rundköpfe oder wenigstens Kurzsehiidel. DaB es ein

nichtgermanischer Einsclilag ist. darf als sicher angenommen wer­

den. Man hat ihn auf Grund der Schadelmessiingen der Warften-

skelette als jung heurteilt, so Recke, Nyèssen u. a., und geglauht

feststellen zu mussen, daB er immer mehr überhand nirnmt, was

zum Untergang der rassischen Friesen führen soll: ,.The passing

of the Frisians". Die Herkunft dieser Friesen sehreibt man den

neuen Elementen zu, die von auswarts als Beamte u. dgl. kommen,

daher die Mehrzahl von ihnen in den Stadten wobnt. Diese Auf-

fassung erscheint mir nicht annehmbar. Einmal ist das untersuehte

Sehiidelmaterial viel zu klein, an spez. friesisehen Ursehadeln hat

man bis jetjt noch nicht 50 gefunden, aher die SehluBfolgerung ist

deswegen besonders übereilt, weil man die psycbisehen Eigen­

schaften zu wenig naeh der vergleiehenden Methode beaehtet und

Friesland zu sehr einer Einzelbetrarhtung unterzogen bat. Die

friesisehen Marsehen sind ein Kiistenland, und dieses Kiistenland

liegt an der Nordsee, und auch die Nordsee ist ein Raum, anthro-

pologisch, wie kulturell eine „Iiinderverbindende StraBe", was man

nie auBer Adit lassen soll. Zieht man das Ganze in Betracht, so

kann kein Zweifel sein, daB iihnlielie Verhaltnisse an der ganzen

Kiiste nicht nur der Nordsee, sondern auch an der norwegisehen

vorliegen. Der danisehe Gelehrte Axel Olrik hat in seinem Buehe

Nordisk Andsliv. Nordisehes Geistesleben. für die Nordleute der

alten und heutigen Zeit zwei Volkstypen festgestellt. Er bemerkt

über ihre körperliehen und seelischen Eigenschaften u. a. folgendes:

12


„Der Volkstypus beweist noch heute, daB die Nordleute ïiieht ge-

meinsamen Ursprung haben, sondern ungleicher Herkunft sind . ..

Diejenigen Forseher haben wohl recht, welehe meinen, daB die Be­

völkerung im wesentliehen aus zwei voneinander stark abweichen-

den Völkerfamilien entsprungen sei. Der eine Typus ist hochge­

waehsen, rotwangig, hlauaugig, hat oft blondes Haar, liinglicbes

Antlity und langliehen Schadel; der andere, von minder hohetn

W'uehs, hat meist schwarzes oder braunes Haar, braune Augen,

dunkle Hautfarbe, ein breites Gesicht und die kurze, runde Hirn-

sehale. Die Langschadel findet man am meisten in den binnen-

landischen Bauernbezirken — wir pflegen sie als den „nordisehen

Typus"' zu bezeiehnen —: die Kurzscbadel findet man besonders

in den Küstengegenden, so fast an der ganzen Westküste Nor­

wegens und in Danemark am haufigsten auf den Insein . . . Der

Langschadel ist verstandig und willensstark. Er laBt sieh nicht leieht

aus der Fassung bringen; er ist weitbliekend in seinen Planen und

schnellentsehlossen bei der Ausführung; er ist niicbtern gegenüher

religiösen und künstlerischen Strömungen .... Der Kurzscbadel ist

mehr ein zaher Arheiter, aber kleinlicher in seinem Denken, er

gibt sein Spiel leieht verloren gegenüher einer unerwarteten Situ-

ation; er hangt immer fest an den altererhten Gewohnheiten seines

Bezirks, deshalb wird es ihm sehwer, sieh um gröBere Interessen

der Gesamtbeit zu scharen oder weitreichende Plane zu entwerfen

. .. er hat Empfanglichkeit für religiöse Eindrücke und Aidage für

Dichtkunst und Musik - kurz, er ist ein Stimmungsmensch, doch

mit dunklerer oder hellerer Grnndfarhe"" . . .

Was OIrik hier von den Nordleuten bemerkt, gilt sozusagen

Wort für Wort für die westerlauwerschen Friesen von heute, nur

daB Mischtypen haufig vorkommen, wie es auch gar nicht

anders sein kann, und aueh ein falischer Einsehlag vom Osten her

kommt noch hinzu. Daraus erklürt sieh wohl auch der proble­

matische Charakter des friesisehen Volkes, mehr als aus der geo-

graphisehen Lage; in seiner Gesehiehte spielt es auch eine Rolie.

Über die Gesehiehte des friesisclien Volkes soit dem Anfang des

S Jahrhunderts sind wir im klaren. Damals erstreckte sieh ihr

Gebiet nördlich der südhollandischen Ysel und naeh Osten, an der

Meeresküste entlang bis zur Weser. Ein Jabrbundert spiiter bis

13


zum Sincfal oder Zwin in Flandern, wahrend nördlieh die frie-

sischc EinfluBsphïre sieh mit ziemlieh grotter Sieherheit als sehmaler

Kiistenstrieh bis zur danisehen Insel Röm und über den holsteini-

sehen Landrüeken bis zum hcutigen Sebleswig ausdehnle. Im

V,. Jahrh. heherrsebt der friesisehe Seehandel und die Sehiffabrt

sowohl die baltisebe Ostseekiiste wie Süd- und Westcngland,

Nordfrankreieh und den Rbein hinauf, soweit er sebiffbar war. Die

Zeit zwisehen 500 bis 900 hezeiel.net Elis Wadstein geradezu als

die friesisehe Periode in der Gesehiehte der westgermanisehen See-

fahrt. Die um 800 kodifizierte Lex Frisionum trennt Friesland in

drei ïeile, den zwisehen Zwin und Flie, den vom Flie bis zum FluB

die Lauwer», drittens den zwisehen Lauwers und Weser. Von diesen

dreien darf man den mitlleren als Stamm- und Kernland be­

trachten: die beiden Fliigel als Ausbreitungsgebiete. wo das Friesi­

sehe hald mehr. bald weniger vorherrsehte. Germaniseher Sitte ge-

miiB lebten diese Friesen unter selbstgewahlten Königen. Besonders

treten in der volkstiimliehen Überlieferung der heutigen Friesen die

Kiinige Ablgillis und Redbad hervor: leRteror als der Verteidiger

des Friesentums gegenüher den von Osten aiidrangenden Franken.

Es ware verfeblt. dieses ausgedebnte Friesland von damals als

emen Staat zu betrachten: sogar einen geseblossenen Stamm bil-

deten sie kaum: eber koimte man sie noch eine friesisehe Viïlker-

scbafl neniien. Die Ausdebnung war eine iikonomisehe Durch-

dringung. ibr Handel und ibre Sehiffabrt beberrsehten das Land

wie die Gewiisser. und sogar diese heiden waren noch nicht einmal

prima r. ebensowenig wie die Hausindustrie. Primiir waren die un-

mittelbaren Erzeugnisse des Bodens: Binder, Seliafe, Milch, Flaehs

und Hanf. Die verarbeiteten Produkte: Tucbe. Molkereiprodukte.

Botter und Kiise, Leinwand und Segeltuch. Schiffstaue u. dgl. Als

naeh dem Jabre 1000 dureh die Eindeichung das brache Uferland

naeh der Seeseite abgetreimt wurde. verschwand naeh und naeh

die Sebafzucht und damit die Tuehindustrie. Im wesentliehen ist es

noch so bis auf den heutigen Tag. Die friinkische Ausdebnung naeh

\X esten stieB beim friesisehen Kiinig Redbad auf Widerstand, naeh

seinem Tode war dieser Widerstand gebrochen. Bekanntlieh hat

Karl Martell i. J. 734 die Friesen in ihrem Kernland gesehlagen

und es bis zur Lauwers unter seinc BotmiiBigkeit gebracht; 801

14


hat Karl der GroBe aueh das östliohe Friesland bis zur Weser

unterworfen. Das zentrale Friesland wurde von Grafen verwaltet,

Friesen oder Niehtfriesen. aus deren Gesehleebtern das hollandisohe

Grafenhaus hervorgegangen ist. Das mittlere Friesland erfuhr die

weebselnden Sehieksale der friinkiseben Kroidiinder, bis es 925

ondgültig dem hl. Köm. Reieh deutseber Nation einverleibt wurde.

Es ist wichtig, aueh für die Be.urtcilung der heutigen Lage. daB

die Friesen sieh hei der Verteidigung ibrer Rechte immer auf diese

..Freiheil" berufen haben. die sie glaubten verbrieft zu bcsitjen

und die sieb allmiiblich zu einer heiligen Mythe gestaltete: sie er-

kannlen keinen anderen Herin an. als nur den deutsehen Kaiser

des hl. Römiseben Reicbes. Naeh einer bekannten Sage sollte sogar

der friesisehe Edelmann Gemma van Burmaiinia sieh geweigert

babeu bei seiner Eidesleistung vor Philipp dein Zweiten zu knieën,

denn ..Wy Friezen knibbelje allinne foar God!" Jedesmal. wenn

die zentrale Gewalt erseblaffte. regte sieb sofort wieder der alte

Ansprueh auf Freiheit und Eigenverwaltung. bis ins 17. Jahrhun-

dert hineiii. S o ontsta n d d e r G e g e n s a t z F r i e s i s c b -

Hol land is oh. In unserin Friesland erstarb allmahlieh die

griifliehe Gewalt: die Braunsebweiger Bruiionen erwarben sie dureh

eheliehe Verwandtsebaft. sie beslichten jedoeb Friesland nur sollen

und kümmerten sieb wenig um die Friesen. Westlich vom Flie be-

bauptetcn sieh die westfriesiseben Grafen, aus diesen Teilen gebt

die naebmalige Grafschaft Holland hervor. im Jahre 1076 hefreit

Floris I. sieb endgiiltig vom friesisehen EhifluB.

Seither entwiekelt sieh ein selbstaiidiges Holland, es gehort nieht

mehr zu Friesland. Die bollündiseben Grafen müssen min um die

Herrsebaft über das ganze friesisehe Land, die sie beansprueben.

kiimpfen, was ihnen für den südlieben Teil. zwisehen Kenneiner-

land und Flie, der heutigen Provinz Nordholland. aueh gelingt:

dieser Teil, in den Niederlanden Westfriesland genannt. ergab

sieb im Jahre 1289 dem Grafen IToris V. von Holland. Von mm

an reioht Friesland von der Südersee bis zur Weser. Das Flie

weitete sieh unter dem Andrang der herrschenden Stiirme aus Nord-

wesl zu einem Seearm aus und sebuf damit eine ausgepriigte

Grenze. Die Friesen. abgedrangt und sieh selbst üherlassen. ein

Volk von Bauern ohne Grafen. ohne 'Adel, obne bedeutende

15


Stadte, organisieren ihre eigenen Angelegenheiten; zur Bildung

eines Stammesherzogtums, wie sonst im deutschen Reich, kam es

nielit, es schlieBen sieh Doich- und Wasserbaugenossensehaften zu

Gemeinwesen mit eigenen Gesetjen zusammen, es entwiekelt sieli

ein starkes BewuBtsein der Zusammengehörigkeit, das seither nicht

erlosehen ist, und das sieh noch heute in der Gestalt moderner wirt-

schaftlieher Genossenschaften auswirkt.

Die Eroberungsgelüste der hollandischen Grafen werden seil

dein 26. September 1345, naeh der Schlacht bei Warns, wo Wil­

helm IV. mit einer groBen Schar seiner Ritter den Tod fand, ond­

gültig preisgegeben.

Die so eroberte Freibeit jedoch haben die Friesen politiseb nieht

auszunügen verstanden. Innerer Zwist (die Scbieringers und Vet-

koopers) und Parteiung machten eine geschlosscne slaatliehe Ord-

nung unmöglicb. Erst ein Jabrhundert spater, i. J. 1489 nabm diese

innere Zerrissenheit ein Ende, allein nicht von innen heraus, son­

dern indem man fremde Hilfe anrief.

Die Auflösung der Frisia magna schritt noch weiter. Ein n e u e r

Gegensatz entwickelte sieh zwisehen dem westerlauwerschen —

der heutigen Provinz — Friesland, und dem östl. Fliigel, und zwar

dessen westlichem Teil, der heutigen Provinz Groningen. Dieses

ursprünglich ostfriesische Land orientierle sirh bald naeh dem

Osten. naeh dem heutigen Ostfriesland, bald naeh dem westerlau­

werschen. Eine Sturmflut trennte i. J. 1362 das Groninger Fries­

land vom Osten und so zerfiel das alte groBe Friesland in d r e i

T e i I e, von denen der mittlere, also Groningen, seit dem 15. Jahrh.

allmahlieh saxonisiert wurde und mithin eine siichsische Enklave

bildet. Kirclilich gehorte das Groningerland zum Bistum Munster,

wiihrend westerlauwersch Friesland zu Utrecht gehorte. Um den

ewigen Zerwürfnissen, — ein zentrale Gewalt sie zu unterdrücken

war nicht vorhanden —, einigermaBen Einhalt zu tun, batten die

ostfriesisehen Lande sieh bereits im 11. Jahrh. zu einem Bunde ver-

einigt. Der Zweek war die Rechtssioherheit naeh innen und die

politisehe naeh auBen herzustellen. Man nannte ihn den Upstal-

beam: beain, Baum = gesAlossene Gruppe, Verband. Man kam

16


alljahrlich am Dienstag naeh Pfingsten zu gemeinsamer Beratung

und Reehtsse^ung zusammen. Im 14. Jahrhundert wurde die

von jeher sachsisrhe S t a d t Groningen, welche die „Ommelande""

vollkommen unter ihre Gewalt gebraeht hatte, der Sitz des Upstal-

heams. Er sollte nun die friesisehe Freihcit vor den Angriffen des

hollandischen Grafen Wilhelm Hl. schihjen. Im J. 1338 schloB der

Buud sogar einen Vertrag mit Frankreich gegen die Koalition

Holland, England und Deutsehland.

Aueh der Upstalheam hat es nicht vermocht einen friesisehen

Staat zu grimden. Die Saxonisierung der Groninger „Ommelande"'

führte abermals zu einer Antithese, und zwar eine, die noch heute

nicht iiberwunden ist, aher jegt unhedingt überhriickt werden muB.

— So warf westerlauwerseh Friesland sieh i. J. 1498 dem Herzog

Albrecht von Sachsen in die Arme. Man hatte nun eine kraftige

Regierung, aher man hatte sie bekommen auf Kosten der Selbst-

behauptung naeh eigener friesiseher Art. Auch die friesisehe

Spracbe, die bis dahin die allgemeine, auch Urkunden-, Kanzlei-

und Rechtssprache gewesen war, sank allmahlieh zu einem Bauern-

dialekt herab. Als Karl V. Friesland vom Herzog Albrecht ge-

kauft hatte, trat saehsische Rechtsordnung und Verwaltungsrecht,

die Karl von den Sachsen übernahm, an die Stelle des altheimi-

schen. Ihn selbst haben die Friesen in ihrem Lande nie gesehen.

Friesland war eben ein entferntes. unbeachtetes, abseits gelegenes

Land.

Seither ist von einer eigenen politisehen Gesehiehte Frieslands

kaum noch die Rede. sie ist dem machtig emporsteigenden Holland

gegenüher nur von untergeordneter Bedeutung. Notgedrungen trat

man i. J. 1579 der Utrechter Union bei, freilieh mit einem eigenen

Statthalter (Willem Lodewijk von Nassau), einer eigenen Hoeh-

schule in Franeker und einer eigenen Admiralitat. Erst die franzö-

sische Revolution jedoch hat gründlieh mit dem Prinzip der „friesi­

sehen Freiheif' aufgeraumt. Eine ncue Staatsordnung trat, naeh

einer Zwischenzeit, wo Friesland noch föderalistiseh mit den iib­

rigen Landschaften verblinden war, an die Stelle der Union; seit

der Bataviseben Republik v. J. 1798 und dem von Napoleon Bona­

parte gegründeten einheitlichen Königreiche der Niederlande, ge­

hort Friesland zu diesem Einheitsstaat, ohne Sonderrechte.

17


Allein, dureh das ganze 19. Jahrh. und in starkerem Grade noch

im 20sten liat es sieh gezeigt, daB der alte Mythos von der friesi­

sehen Freiheit zwar zurüekgedrangt, aher nieht erlosehen ist. Der

AnstoB kam hereits zu Anfang des 19. Jahrh. aus Deutsehland, von

den nationalistisehen Tendenzen der Romantik. Im Jahre 1827

wurde eine friesisehe Gesellsehaft für Gesehichts-. Altertums- und

Spraehkunde gegriindet. die zwar nur wissensehaftliehe Ziele ver-

folgte, jedoch ausgesprochen im Sinne der BrüderGrimm. DieBrüder

Halbertsma standen mit ihnen in dauerndem Verkehr. Im Jahre

1844 folgte das ..Selski]) for Fryske Tael en Skriftenkennisse".

Der geistige V ater war bezeiehnenderweise ein Mann aus dein ein-

fachen Volke: Harmeii Sytstra. Er riehtete sein Augemnerk auf das

ehemalige groBe Friesland, er hekampfte seharf den hollandischen

EinfluB auf die .Spraehe und Sitten der Friesen und versuehte die

alten Beziehungen mit den noch friesiseh sprechendeii Nurdfriesen

wieder herzustellen. Zudem war er. ehenfalls im Sinne der Brüder

Grimm. Sagenforscher und Volkskundler überhaupt: die friesisehe

Spraehe wieder zu Ebreu zu bringen jedoch stand immer im Miltel-

punkt seiner Bestrebungen.

Naeh einer Periode der Ersohlaffung ist die friesisehe Beweguug

in den achtziger Jahren wieder starker geworden. Es war kein

Friese, der diesmal den Weckruf erbob, sondern der Hollander P.

de Clercq (1900). Es wird nun als Programm u. a. die Forderung

des Unterrichts im Friesisehen und die Herstellung einer friesi­

sehen Bibelübersetsung erhohen und ein neuer Verhand „Jong

Fryslan" gegriindet. W ahrend man sieb bis dahin nur zum Zeitver-

treih mit dem Friesisehen bescbaftigt batte, entsteht nun eine nach-

drüekliche Spracbbewegung. Neben die bisherige Strömung, welehe

die liberalen, antiklerikalen Kreise trugen, kommt nun auch das

..Christlik Selski]» for Fryske tael- en skriftenkennisse"', das für

die friesisehe Spraehe als Kirchensprache eintritt. Merkwürdiger-

weise aher wurde eine solebe Predigung aueh von religiös-sozial-

demokratiseher Seite gefordert. Auch die Katboliken sind schlieB-

lich gefolgt.

Besomlers diese Strömungen auf religiöser Grumllage haben den

Boden für eine neue Phase der friesisehen Beweguug bereitet, in

der das Bestreben für die Erballung der alten Landessprache sieh

18


steigerte zu einem Kampfe für die Entwicklung des Friesisehen

von einer Bauernspraehe zu einer literarischen und Kulturspraehe

und die Anerkennung des Friesisehen als offizielle, also aueh aml-

liehe Spraehe.

Der Entwicklungsverlaiif der friesisehen Beweguug erstreekt sieh

also, wenn man mit de Clercq anfangt. über 10 Jahre. Heute

gipfelt die Beweguug in dem Kampl' um die friesisehe Spraehe.

nieht jedoeli nur um die Spraehe als solehe allein. sondern um die

Spraehe als Tragerin und Iuhalt des friesisehen Nationalismus auf

jedem Gebiet, auf dem der materiellen. wie auf dem der geistigen

Eigenart: ökonomiseh, sozial, religiös, iisthetiseb. Aueh politiseb?

Hier berührl man eine auBerst beikle Frage. Deun. dies soll vor-

greifend sehon jetjt betont sein: naeh allein, was ieh bis jetjt ber-

vorgehoben habe. wird es niebt wunder nebmen. das das friesisehe

Volk weder dureh seine rassiseben, aueh seelisehen Eigenschaften 1

,

noeb dureh seine geograpbisebe Lage, noeh aueh dureh seine Ver-

gangenheit, die von einer straffen Herrsebaft und Verwaltung unter

eigenen Herrsehern kaum etwas weiB, dureh eine politisehe Sebule

gegangen ist. Polilische Zueht und Einsiebt und friesisehe Freiheit

vertragen sieb nur zu oft sebleeht. Diese Tatsaebe zeigt sieli immer

und immer wieder, wo das Volk in ehrliehem. aufriebtigem Be-

streben sieb abmiibt. in sieh einig zu werden und mit klarem Auge

der Wirkliehkeit. dem für es Erreiebbaren ins Auge zu sehauen.

Sollte ihm das niebt gelingen, so könnte der Ausgang tragisch

werden, da eben dieses Volk zu den begahtesten Elementen des

niederlandiscben Volkes geziihlt werden muB. ein Baustein zum

Ganzen, den es nicht entbehren kann.

Wie stebt es nun um diese Spraehe innerhalb der westgermani-

sehen Gruppe? Was verstellen wir unter dem Wort friesisch? Die

Spraehe, die noch heute, oder früher einmal. gesproeheii wird, hzw.

wurde. Als Friesen jedoeb empfindeii sieJi diejeiiigen, die sieh einer

geschiehtlichen. gemeinsamen. eigenen Konlinuilat. und zwar, ob-

gleieb keineswegs aussehlicBlieb, doch an erster Stelle was ibre

Spraehe anbetrifft. bewuBt sind, neben und im Gegensat; zu anilern

solcben Koiitiimitaten. Spracligemeiiiscbaften, Stammesgemein-

schaften, genieinsehaftliehe Raume irgendweleber Art, Volk, früher

sagte man aueh Nation, decken sieh niebt immer, wenn sie aneb

19


ineinander übergreifen. Bei den westerlauwersclien Friesen jedoeb

doeken sie sieh vollkoramen, ein seltener Fall, und diese Friesen

sind sieh dessen sehr wohl bewuBt. Man soll dabei auch nieht ver-

gessen, daB die Spraehe, wenn es vielleicht etwas paradox er-

seheinen mag, noch das zuverlassigste, und an materiellem wie

geistigem Inhalt reichste Kriterium böherer, eigentlieh kultureller

Zusammengehörigkeit ist, und das handgreifliehste, am praziseslen

im Feststellen ilircr, der spracblichen, Verwandtschaften. Die

eigene Stellung des Friesisclien innerhalb der nachstvorwandten

Dialekte ist unleugbar. Sie beschrankt sieh nicht auf das Laut-

material, sondern erstreekt sieh aueh auf den Sa^bau und den

Wortsohats, und auf die sog. innere Sprachform.

Für den nichtfriesisclien Niederlander ist das Friesisehe, wenn

er nicht in die Spraehe eingedrungen ist, eine germanische Fremd-

sprache. Erst bei fortgeseBtem Studium entdeekt man die Zusam-

Hienbange mit den saehsischen und frankisehen Mundarten und die

Beziehungen zu den Groninger Dialekten, die sieh, wenigstens auf

den Marsehen im Norden, auf alter friesischer Grundlage ent-

wiekelt haben.

Wie ieh vorhin bemerkte, ist die friesisehe Spraehbewegung zu

einer alles umfassenden nationalen Kulturbewegung ausgewaebsen,

die sieh also auch über die Fragen ökonomisclier Art erstreekt

und sogar gelegentlich eine politisehe Note bekommt. Es gab elf,

heute meist aufgelöste Verbande, die als Organe der Bewcgung zu

betrachten waren: religiöse naeh den versehiedenen konfessionellen.

kircblicheii Verbanden: politisehe: sozialdemokrarisch, antirevo-

lutionar. Volkspartei; einen Jonger-ein (d. h. die Flanke der,

.fungeren): Akademiker von allen Hoehschulen des Reiehes; die

friesisehe Unterrichtsliga; den Verband friesischer Ve.reinigungen

aufierhalh Frieslands. Weiter den von der Provinz unterstütjten

provinziellen friesisehen Unterrichtsrat. Und neuerdings „De fryske

Rie", d. b. den friesisehen Rat auf neuer völkiseher Grundlage, als

Abteilung der Stiftung ,.Saxo-Frisia'\

Es ist ein allbekannter Zug des westerlauwersclien Volkscharak-

ters, daB seine Trager nicht davon ahlassen können, sieh zu

bekümpfen. Man hetraehtet ihn als einen Beweis des friesisehen

„Individualismus", allein ganz zutreffend karin dies doch nidit sein,

20


denn - und hier erinnere ieh nochmals an den agrarischen Grund-

charakter des friesisclien Volkes - in ihrem landwirlschaftliclien

Cenossonsohaftsw esen, den sog. kooperativen Verbanden sind sie

allen iibrigen Teilen des niederlïndischen Volkes %orangogangen.

Hier zeigt sieb der iiüeliterne \\ irkliebkeitssiiin von seiner besten

Seite. Es sind deun auch weniger die Bauern als die bürgorlicheii

Kreise. in .lenen die Beweglichkeit und Leidenscbaften. verbunden

mit Sentimentalilal und einem rationalistische!! Idealisuius, der

genie aufs Ganze gehl, ibr Spiel treiben. Blickl man jedoeb. auch

hei diesen Bewegungsfriesen. vveiui ieh so sagen (larf. lictor, so

zeigt sieh, daB bei aller Verscbiedenbeit in Grundsation. Zielen und

Taktik, diese Verbande eine innere Einbeit bindet. Besonders in

dem Kampf für die gosetdiohe Zulassimg des Friesisehen als Lehr-

faeh auf den Volksscholen trelen sie geschlossen ein, und haben

sie deun auch bei der Regieruiig scboii einiges erreiebt.

Die Friesisehe Spraehe in der i'redigl und im amtlieben Lebcn

durcbzufübreii, ist allcrdings sehon als ldeal aufgestellt worden,

jedoch vorderhand noch keine breiinende Frage.

Es ist klar, daB angesichls der tiefen Bedeutung. welche die

Spraehe, und ersl recht die Spraehe der Valer im Lebcn des Volkes

bat, eine Gefahr wird, wenn man mit ibr einen leideiiscbaftlichen

Kultus treibt, und diese Gefahr zeigt sieh demi auch gelegentlicli.

Die Extremisten sind schuld, daB man bisweilen den Eindruck ge-

winnt, die friesisehe Beweguug wiire separatistisch, und damit aus-

gesprochen politiscb. Sie ist es aher, abgesehen \ielleicht von ver-

einzelteii AuBerilngeii, nicht. Die friesisehe Beweguug ist in ihrem

Urspriing wie in ibrer spütereu Entwieklung eine liational-kultu-

relle, ibre führenden Marnier werden nicht miide. dies immer

wieder zu betonen, und wenn sie Forderungen erhehen. die ohne

eine politisehe Autonomie überhaupt nicht zu erfiillen sind, so ist

das wiederum die Auswirkung ibrer Unreife in poliliscben Dingen.

Der friesisehe Nationalisnuis war in ihren Anfaiigen romantisch

und sie ist es heute noch. Gedichte wie Bragi von Schepers, die

ebemalige Zeitschrift Iduna u. dgl. hesagen auch genug. Der sozial-

demokratisehe Piter Telles Troelstra überse^te Eddastrophen ins

Friesisehe; sein Gedicht Redbads Dea (Radbods Tod) ist durebscBt

21


von Walhalla. ..\\ „dan fen de hege Hlidskialf', Thors Hamuier

und Walkyren:

Aus den Havamal übersctjt er:

Priizgje de dei net joar 'l joun (abend) is,

Rtymje. tist' it suaeid hesl, dyn swird.

Priizgje de breid nei de hrillojl.

t' lïjier.


volk lebt in dor Verstreuung." Wenn in Osl-Friosland zwisehen

Eins und Weser bereits seil Jahrhunderten, das kleine Saterland

ausgeiioinmen, kein Friesiseb mehr gosproohcn wird, bei den Ost-

friescn lebt das BewuBtsein der . Stammcsverw andtschaft noeb

kriiftig bis auf den heutigen Tag und ein groBer Teil des Vereins-

lebens ist dort auf die Erhaltung des friesisehen Volkstums ge-

riehtel. Das Bestrehen. seit 1900 aktiv geworden, das kulturelle

Band zwisehen den drei Frieslanden an der Nordseekiiste wieder

herzustellen. fiibrte im Jahre 192,. zu dem Ergebnis, daB in .lever

ein groBfriesischer KongreB staltlinden komite. Seitber ist diese

Form der Zusammenarbeit ausgebaut worden. Im Jahre 1927 folgte

der KongreB in Leeuwarden. 1930 in Husuni in Nordfriesland.

1937 in Medemblik in \\ est friesland.


politisehen Verhïltnisse sieh naeh dem Kriege gestalten mögen.

Es steht zu hoffen, daB aueh die Groninger Universitiit ihren Beruf

in dieser sehieksalssehweren Zeit erkenne.

Für diese Aufgahc in weiteren Kreiscn zu wirken, habe ieh die

Stiftung „Saxo-Frisia" gegriindet, mit einer Zweigahteilung ,,De

Fryske Rie". Die landsehaftliehen eigenen Werte zu aktivieren in

volkisebem Sinne, und die allgemeinen natürliehen Bindungen auf

gesehiehtlicher Grundlage zu fördern, ist ibre Aufgabe.

Die Friesen mögen ihren Ansprucb auf ,,freie Friesen" behalten.

Nur sollen sie dureh Selhstkritik und Wirkliebkeitssinn klar er­

kennen, was ibre Freiheil bedeuten soll. Finden sie, naeh Jahr­

hunderten zaher Ausdauer in der Erbaltung ihres Volkstums dire

eigene Form, ibr eigenes. bistorisebes Geseg. daim werden sie

erst recht eine Perle unseres Volkes und ein wertvolles Element

innerbalb des farbenreiehen germanischen Ganzen sein. Einen

nicht-nordiscben Einseblag haben sie nun einmal, Problematiscbes

ehenfalls, aher es handelt sieh hier um die Erziehung zu einem ge-

formten Ausgleieb. Damit erfüllt sieh dann aueh der friesisehe

Freiheitstraum, dem ein nun sehou nieht mehr ganz junger Friese

dichterisehen Ausdruek verliehen bat. In seinem Gedicht erklingen

versebiedene Saiten. der Grundton jedoch zeugt von echt fricsi-

sehem Nationalgefühl. Wie die Erzeugnisse der friesisehen Lite-

ratur überhaupt, zeigt es die kennzeichnenden Züge: ein stolzes

Gefühl der Verbundenbeit mit dem Boden, nationale Eigenart,

einen ausgesprocbenen Idealismus. romantische Sehnsucht naeh dem

Unendliehen. und doch wiederum durehsegt von nüebterner natio-

naler Gesellschafts- und sozialer Kritik:

24


Heft 7Ï

Ik dreamde my in liin,

IK DREAMDE MY.

Del „iid him iependocht yn skienste priel:

11 leit sa ryk en bliid yn 'l heg,. I jacht

tin '( hal fjm vin as der 't de lummel met.

De sjongers dourmje oer 'l jjild,

lil, tinei, de „„leen klinkt al ierde' ram.

Op blanke tsjilken trillel danuedrip,

t l tüzen allers sliigl de uijreek op.

Ik dreamde my in jolls,

In lokkieh jolls /en Aid en ki-e/lich skaei,

•** h

''" r

/


ICH TRAUMTE MIR.

leb traumte mir ein Land,

Das weithin sieh anflnl in sehóuster Pracht;

Es liegt s„ relch und froli in hohcr l.uft

Lnd es hal kein Ende als da, wo es dem Himmei begegnel.

Die Sïnger streifen übei's Feld,

l nd dureh die Wolbung kling! der Pieis der ganzen Erde.

Auf Manken keleheu zillert der Taulropfen.

Aus lausend Altaren sleigt der Weihranch auf.

Ieh triiumte mir ein Volk,

Ein gliieklieh Volk von altem nnd kiafligem Geblüt

Als Herr des Boden»; ihr rullig testes W esen

Verlangt nieht «as nieht sein soll; und verzagl nieht.

Ihr VVesen hat die Glut

Der Morgenröle; das Mannervolk hochgew «ehsen und stark

Aiahni dem Element seine kraft, zwang die Erde zum Blühen

l'nd hraehte in willigen Dienst alles freic Getier.

Die l r

rauen. amnutig und sanft.

Tragen friedlieh und tien ihre wunderbaren Gahen heran.

keine Zwielracht hrieht das lautere Band

Bis dal! einmal - das grolle Ituhen komml.

Einen Diehter traumte ieh mir.

Der Land und Volk l.esang. so fest und hoch

Wie es je fiber die Erde erklang. Wer sah

Sein eigen Volk so herrlieh und so grol.!?

Ilire treue Kraft tragt es.

Er singt von Tal und Tranm. von Glürk und Unglurk.

Aher von Gliiek und Leheti am meisten: in niaehtigein Slrotu

Fliel.it. was von der Zeit ist. naeh der ewigen See.

So trauml' ieli mir.

Aus: ,.Fr>>ke Lan en Fryske Libben."

26

Obe Postma.


Kriegsvortrage

der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitat Bonn am Rhein

Herausgegeben vom GaudozenlenfShrer g. dzt. Reklor Prof. Dr. Karl F. Chudoba

Was sollen wir vom Gegner wissen?

Heft 1, Altmark. Ein neiier UebergriH britisdier Heft 5, Der Korridor im englischen und fran-

Arroganz. Von Prof. Dr. Wolfgang Schmidt. zösischen Urteil. Von Prof. Dr. Wilhelm Vleu-

20 M. gels 35 Rpf.

Heft 2: Frankreid, und das Reich im Wandel der

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W e l , p

°* ridPlchmi,, ° l i , i k V o n P r

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Jahrhunderte. Von Doz. Dr. Leo Just. 9 Korten H»f. , rr ? t'k " V "«..'• ' • ' T., f

9 Kne

60 Rof S'»' ri

nS Grofibritanniens. Wehr-

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• pohtische Betrachtungen zum gegenwartigen

Heft 3, Trager und Methoden der britischen K

'f 0^. Von Doz. Dr. Erid, Feldmann 45 Rpf.

Aufienpolitik. Von Prof. Dr. Wolfgang Sdimidt Helt 8: Politisehe Gewalten in England. (Das

50 Rpf Kabineft Churchill.) Von Prof. Dr. Wolfgang

Sdimidt 50 Rpf.

Heft 4. Die Wandlung der englischen Wirtschafts- Heft 9, Der Kampf der Deutsdien um ihr Recht in

struktur. Von Dozent Dr. Th. Wesseis 30 Rpf. Böhmen. Von Prof. Dr. Adolf Zycha 40 Rpf.

Allgemeine Vortrage

Heft 10, Friedrkh Nietzsche und die deutsche Ge- Heft 15: Die Siedlungsgesdiictite der deutsdien

genwart. Von Prof. Dr. K. Justus Obenauer. Ostalpenldnder im Lichte der Ortsnamenfor-

35 Rpf. schung. Von Dozent Dr. Simon Pirchegger.

Heft 11. Friedrich des Graden schlimmstes Jahr. u , „ 35 Rpf.

Von Prof. Dr. Fritz Kern . . . 35 Rpf. Heft 16. Die deutsche Ernahrungswirtschaft. Von

Dozent Dr. W. Busch 40 Rpf

nung. Von Prof. Dr. Kur, Tackenberg. 40 Rpf. H e f, „, '^J^Z^ aus den" Kafonfe^

Heft 13. Ueber die Stellung der Kohle im deut-

V o

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°ernicke . . 50 Rpf.

schen Wirtschaftskampf vom Standpunkt des

M e

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s Haus Savoyen und der Aufsfieg

Chemikers aus betraditet. Von Prof. Dr. Otto Ital.ens. Von Prof. Dr. Leo Just . 1.— RM.

Schmitz-Dumont 20 Rpf. Heft 20. Der geschichtliche Sinn des Waffenstillstands

mit Frankreich. Von Prof. Dr. Franz

Heft 14. Ungenutzte Möglidikeiten zur Gewin- Steinbach 35 Rpf

nung der Nahrungsfreiheit unseres Volkes. Heft 20a. Von der sdiöpferischen Kraft H«, ic,;„'

Von Prof. Dr. H. Blunck . . . 50 Rpf. ges. Von StudentenKhre* W. Iftel 30 Rpf!

Vortragsreihe: Wissenschaft im Kampf für Deutschïand

Heft 21. Die Kristallstrukturuntersuchung und ihre Heft 27, Rönlaenoloaie und Volt^«,„„^i,„-. v

Aufgaben in der Technik. Von Dozent Dr. Prof. Dr Janter Volksgesundheit. Von

Willi Kleber 45 Rpf.

Hef. 22, Der Stickstoff in unseren Diensten. Von ^taU^aXTrTW

6 0

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Prof. Dr. M. von Stackelberg . . 30 Rpf.

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Heft 23, Kunststoffe als neue Werkstoffe. Von

Dr. habil. Martin . . . . 30 Rpf. Hef, 29,Erbpflege im Dritten Reich. Von Prof.

Heft 24, Deutsche Wissenschaftier als Kolonialpio- ur. r,. rohlisch 50 Rpf.

niere. Von Dozent Dr. Rudolf Lehmensick. p .... ^

40 Rpf. Heft 30= Das Erb- und Erscheinungsbild der Psv-

Heft 25, Ueber die Erwei.erung der deutschen

d 0 p a h e n

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Erzbasis. Von Prof. Dr. K. F. Chudoba. 45 Rpf.

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Heft 26, Biologische Grundlag.en für die Bevalkerungspolitik.

Von Prof. Dr. H. Wurmbadi. 45 Rf.

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Haft 35: Ernst Moritz Arndt und der Rhein. Von Heft 38. Die Sicherung der Westgrenze in der

Prof Dr. K. J. Obenauer . . . 35 Rpf. deutsdien Wehrpolitik von 1870—1914. Von

Prof. Dr. E. feldmann 60 Rpf.

Heft 36: Der aeistige Kampf um den Rhein. Von Heft 39: Der Ruhrkrieg. Umri6 und Erinnerung.

Prof. Dr. L. Just . . 70 Rpf. Von Prof. Dr. F. Kern . . . 50 Rpf.

Heft 40: Der politisdie Kampf im Rheinlande nadi dem Weltkrieg. Von Gauleiter Staatsrat

Grohé 35 Rpf.

Heft 41: Beethoven. Von Prof. Dr. Schiedermair. Heft 42: Verdun 1916—1940. Von General der In-

40 Rpf. fanterie Weisenberger . . . . 40 Rpf.

Heft 43: Wehrmacht / Jugenderziehung / Hochsdiulbildung. Von Generalmalor FriefJner.

40 Rpf.

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Vortragsreihe: Europa und die Koloniën

Heft 45: Das spanischo Koloniaireich. Von Prof. Heft 49: Die Kolonisierung Nordamerikas dureh die

Dr. H. Trimborn 30 Rpf. europaischen Staaten. Von Prof. Dr. G.

Heft 46: Die Grundzüge der deutsdien Kolonialp

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politik vor dem Weltkriege. Von Prof. Dr.

K. H. Dietzel 40 Rpf.

2— RM.

Heft 54: Rassen und Kuituren in Afrika. Von

Prof. Dr. H. Trimborn 1.— RM.

Vortragsreihe: Grledienland

Heft 56- Die Stellung des Griediischen innerhalb Heft 60: Die griechisdie Philosophie. Von Prof. Dr.

der indogermanisdien Spraehe. Von Prof. O. Beier 30 Rpf.

Dr. G. Deeters 30 Rpf. Heft 61: Die Darstellung des Mensdien in der

griediischen Kunst. Von Prof. Dr. E. Long-

Heft 57: I. Die Einwanderung der Griechen. >° ,z

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II. Die Götter der Griechen. Von Prof. Dr. Heft 62: Vom Heroon zur Martyrerbasihka. Neue

H Herter . . . 50 Rpf. archaologische Balkanfunde und ihre Deutung.

Von Prof. Dr. T. Klauser . . 65 Rpf.

Heft 58: Homer. Von Prof. Dr. E. Bickei. 1- RM. Heft 63, Byzanz undI Neugriechenland. Von

Heft 59, Die griechische Tragédie. Von Prof. Dr.

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- G. Soyter-Leipzig . . 30 Rpf.

E Bickei 1 — RM. Heft 64, Die Gesehiehte Neu-Griedienlands. Von

Beide Hefte zusammen . . . . 1.90 RM. Prof. Dr. H. Hallmann . . . . 55 Rpf.

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Vortragsreihe: Holland gnd Ftandern

Heft 65, Minnesang im Niederrheinischen Raum. Heft 69, Das deutsche Sprachgebiet um Arel, mit

Von Prof. Dr. Hans Noumann . . 40 Rpf. 1 Karte. Von Prof. Dr. M. Zender 50 Rpf.

Heft 66, Niederlandische Musik des Mittelalters

und der Renaissance, von Prof. Dr J

Schmidt-Gorg 40 Rpf.

Heft 67, Schidtsal und Erfüllung der viamischen

und hollandischen Kunst. Von Prof. Dr. Alfred

Stange 1.75 RM.

H e J a. D a mi n e a| s d 9„ Rohstoffe der Nieder-

a„ d e u n d d e niederlandischen Koloniën.

V o n m D % j o n. Wanner . . 75 Rpf.

Heft 71, Friesland und die Friesen in den Niederlanden.

Von Prof. Dr. J. M. N. Kapteyn-Gro-

Heft 68, Die altniederlandischen Maler und Ita-

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lien im XV. Jahrhundert. Von Dozent Dr. Heft 72, Flamlsches Volkstum. Von Dozent Dr.

G. Tröscher 1.40 RM. Erich Röhr 50 Rpf.

Vortragsreihe: Kunst und Wissenschaft

Heft 81: Johcnnes Brahms und seine Sendung. Heft 82: Die Kunst der Goethezeit. Von Prof. Dr.

Von Prof. Dr. H. Osthoff . . . 40 Rpf. A. Stange 75 Rpf.

Vortragsreihe: Führungsformen der Völker

Heft 91, König, Volk und Gefolgschaft im n c " ~ "

schen Altertum. Von Dozent Dr. B. Rehf

45 -

Heft 92, Platons Staatsideale. Von Prof.

Hans Herter 50 Rpf. ^^^^^^^^^^^^^K^^^^^^^^^^H

Heft 93, Kastenordnung und Führertum in Indien.

Von Prof. Dr. G. Mensching . . . . 40 Rpf.

Heft 80, Ernst Moritz Arndts Kampf für ,

deutsche Bauerntum. Von Dr. Otfo Terstegen.

60 Rpf. 40 Kpf.

Heft 100, Das Nibelungenlied. Eine staufische Elegie oder ein deutsdies Nationalepos

Von Prof. Dr. H. Naumann. Mit einem Geleitwort zum 100. Knegsvortrag. Von Prof.

Dr. Karl F. Chudoba

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