Uli - Texte fert. für herausgabe m. einz. Ohne s. 1 - Aktion Kirche und ...

aktion.kirche.und.tiere.de

Uli - Texte fert. für herausgabe m. einz. Ohne s. 1 - Aktion Kirche und ...

Texte von

Pfr. Dr. Ulrich Seidel

1. Vorsitzender von AKUT e. V.

„MENSCH WO BIST DU?“


Längere Texte

S . 2 – 6: Der unerfüllte Bund mit den Mitgeschöpfen (l. Mose 9,9-13)

S. 7 – 11: Gott - Mensch - Tier

Gott im Tier - das Tier im Menschen - Mensch und Tiere

S. 12 – 18: Umkehr zur Schöpfung - die ökologische Herausforderung für die Kirche"

S. 19 – 23: Und Gott sprach: „Es werde...“

Das Artensterben, die Theodizee und die Ethik

S. 24 – 26: Tierschutz und Umweltschutz – ein theologischer Impuls

S. 27+28: Tierschutz ist Diakonie an den älteren Geschwistern der Schöpfung

S. 28: Fastenaufruf

Kurze „Zwischenrufe“ zu jeweils aktuellen Themen

und allgemeine Stellungnahmen, teilweise in Briefform.

S. 29: Pandemische Plagen

S. 29: Krokodilstränen

S. 30: Zur Diskussion um Darwin, das „intelligent design“ und die Theologie

S. 30: Darwin – die unvollendete Revolution

S. 31 und 32: Kein Segen fürs Töten

S. 33: Hubertus im Grabe

S. 33 Stellungnahme zum Angeln in Form eines Briefes

S. 34: Bild „Mord an Wehrlose“ von V.K.W

S. 35: Tiere raus aus dem Kochtopf

S. 35: Weh dem der die Stadt mit Blut baut“

S. 36 - 38: Stellungnahmen zu Tierversuche in Form zweier Briefe

S. 39: Stellungnahme zum Thema Pelz

S. 40 und 41: Stellungnahme zum Thema Schächten

S. 42- 44: Friedhöfe für Tiere

Predigten ... kleine Auswahl

S. 45 und 46: Tiere haben Rechte, Predigt zum Friedensgebet 2005

S. 47 und 48: Predigt zum Studientag 2007

S. 49 und 50: Predigt zum Studientag 2008

S. 51: Predigt beim Friedensgebet 2008

S. 52: Bibelzitate

1


Der unerfüllte Bund mit den Mitgeschöpfen (l. Mose 9,9-13)

Meditation zum Frühjahrsbußtag, auf dem Hintergrund der Flutgeschichte

Bußtag halten für die Tiere? Ist

das nicht allzu abseitig? "Ehe

wir uns um die Tiere kümmern,

sollten wir besser etwas für die

Menschen tun! " - "Unser

Erlösungsglaube richtet sich auf

Menschen nicht auf

Tiere." Dies sind gängige und

spontane Reaktionen, wenn man

auf dieses verdrängte oder mit Spott belegte

Thema kommt, das Leid der Kreaturen.

Nun soll uns aber dieser Bußtag - wie jeder andere

Bußtag - auf unhaltbare, nicht mehr

hinzunehmende Zustände in dieser Welt

hinweisen. Es ist höchste Zeit, als Christen von

der Schuld zu reden, die wir Menschen gegenüber

unseren Mitgeschöpfen (1) aufgehäuft haben, wo

wir uns selbst und die Kirche nicht ausnehmen

können und dabei oft nicht einmal ein schlechtes

Gewissen haben.

1. Einige Fakten

Was die Tiere von uns Menschen erleiden ist

Gewalt (biblische Frevel):

- zu Millionen werden sie als Versuchstiere in, den

Laboratorien von Forschung und Industrie zu

Tode gequält oder zu bloßen

Demonstrationszwecken getötet, seziert, entsorgt.

- Die Massentierhaltung zur Aufrechterhaltung

eines aus verschiedenen Gründen nicht mehr

vertretbaren immensen Fleisch- und Eierkonsums

in den reichen Ländern, geschieht ohne Rücksicht

auf die elementarsten Bedürfnisse fühlender

Wesen und ist Tierquälerei (2).

- Die barbarischen Schlachtviehtransporte mit

ihren Schrecken sind bekannt und die

Schlachthöfe scheuen die Öffentlichkeit aus gutem

Grund.

- Die Pelztier"haltung": bewegungsfreudige Tiere,

die in engsten Käfigen "durchdrehen", bis die

Giftspritze oder der Gasbehälter ihrem Leben ein

Ende setzen, das die Felle nicht beschädigt.

- Der Tierhandel mit Exoten kostet unglaubliche

Opfer.

Dies ist nur die Spitze eines Eisberges von

Tierleid. Die Ausrottung der Tiere und der

2

galoppierende Artentod zeigen

mittlerweile beängstigend die

Konsequenzen eines

gnadenlosen Fühlens und

Handelns an unseren Mitgeschöpfen.

Buße heißt, zuerst

einmal anzufangen, dieses Leid

zur Kenntnis zu nehmen und mit

Betroffenheit des Herzens zu

erkennen, daß wir diese Dinge ethisch nicht

reflektieren und in einem von den Vorfahren ererbten

Bewußtsein Leben, daß wir Menschen das

dürfen: Tiere 'hetzen, ausbeuten, enthäuten,

abstechen, einsperren. Mittlerweile können wir

uns des dumpfen Gefühls nicht mehr entziehen,

daß Schuld und Unrecht immer auf ihre

Verursacher zurückfallen und der Untergang der

Tierwelt dem der Menschen vorangeht. Buße

heißt: Schuld benennen (3).

2. Hintergründe

In diese nun wohl ausweglose Lage haben

verschiedene Entwicklungen geführt, denen auch

die Theologie hilflos gegenübersteht, da sie -

ebenso wie die Gesellschaft - das

nichtmenschliche Leben aus der ethischen

Reflexion faktisch ausgeschlossen hat (4). Sie hat

eine lange und verhängnisvolle Tradition

mitbestimmt, die von einem tiefsitzenden

Bewußtsein des unendlichen Abstandes des

Menschen vom Rest der Schöpfung getragen ist.

Bis in unsere Tage ist vom Schöpfungsauftrag

praktisch nur der Unterwerfungsgedanke

geblieben und alle nichtmenschliche Kreatur ist

ebenso wie die Ressourcen zur Verfügungsmasse

der "Krone der Schöpfung" ohne ethische

Relevanz verkommen. Die Seele und damit die

Beziehung zu Gott ist für den Menschen reserviert

geblieben und die Tiere damit seit Jahrhunderten

auch von der Erlösung ausgeschlossen worden.

Diesen anthropozentrischen Verabsolutierungen

hat die Theologie keinen nennenswerten

Widerstand entgegengesetzt. Sie hat wie die

Kirche die Mitgeschöpfe vergessen, auch hier ist

von Schuld und Buße zu reden.


Die Impulse der Aufklärung mit ihrer Vergötzung

der menschlichen Vernunft haben tief gewirkt und

im Namen der Wissenschaft ist die Kluft zwischen

Mensch, Tier und Natur weiter vertieft. Das

"Unvernünftige" ist bedeutungslos. Auch diesen

lebensfeindlichen Tendenzen der Wissenschaft ist

kein geistlicher Widerstand entgegengebracht

worden und der ohnehin ausgeprägte

Anthropozentrismus der Bibel auf die Spitze

getrieben worden (5). So haben wir

Christenmenschen die Beziehung zu den anderen

Wesen der Schöpfung zerbrochen. In der

Theologie, dem Gottesdienst, der Liturgie, unseren

Liedern und Gebeten kommen sie kaum vor.

Umfassende ethische Ansätze, wie die des Hl.

Franziskus oder Albert Schweitzers, die vom

großen Zusammenhang aller Wesen und einer

universalen Liebe und Demut her fühlten und

dachten, sind ignoriert worden und haben

außerhalb der Kirche gewirkt. Hier kann Buße

schon Neubesinnung heißen.

Es ist der modernen Wissenschaft und der

Verhaltensforschung insbesondere zu danken, in

Wesen und Verhalten unserer Mitgeschöpfe zu

erkennen, wie in Trieben, Empfindungen, sozialen

Phänomenen, im Seelischen und der Intelligenz

Urverwandtschaften zu uns Menschen bestehen.

Hier schlagen die Äonen der Gemeinsamkeit in

der Evolution durch. Von daher ließe sich ein

neuer Zugang finden zur Wirklichkeit der Nähe

aller Geschöpfe, die der Bibel keineswegs fremd

ist. Was nottut in den Fragen unserer Zeit ist eine

"Mitweltethik", die von vielen schon erahnt wird

und uns die großen Zusammenhänge des Lebens

erfahren läßt (6). Nicht zuletzt sei an die ethischen

Impulse der asiatischen Hochreligionen erinnert.

Ist es ein unrealistischer Traum, zu hoffen, daß

sich östliche religiöse Ehrfurcht vor allem "was

Odem hat" verbinden möge mit dem großen

westlichen Respekt vor dem menschlichen Leben,

wie ihn das Christentum verkörpert (7)? In diesem

Prozeß interreligiösen Dialoges, der ohnehin

ansteht, werden wir Schätze unserer eigenen

Religion heben können, die weithin brachliegen.

3. Biblische Remineszenzen

Die Bibel rührt in uns Gefühle von Mitleid und

Liebe an, wenn sie Barmherzigkeit auch für die

Tiere fordert (Spr. 12, 10; Dt.25,4) und sie weiß,

daß Gottes Recht unteilbar ist, denn er "hilft

Menschen und Tieren" (Ps. 36.7). Auch der letzte

Vers der Psalmen weiß, daß "alles, was Odem hat"

in den Lobpreis Gottes einstimmt (150.6). Gewiß

3

sind das nicht die zentralsten Stellen der Schrift.

Vor, Ausnahmen abgesehen kommen Natur und

Kreatur dort nicht vor, da die menschliche

Geschichte fast exklusiv der Ort der

Gottesoffenbarung und -erfahrung ist. Dieses

Defizit wird oft unausgesprochen von den

Exegeten bestätigt (8). Fundamental für unser

Thema bleiben die Urgeschichten, die von

höchstem Respekt vor den Mitgeschöpfen zeugen

und etwas vom Lebenszusammenhang aller Wesen

verdeutlichen: "Alles nach seiner Art... es war sehr

gut", Menschen und Tiere eint der 6.

Schöpfungstag und der Fruchtbarkeitssegen

(1.22+28; 8.17; 9. 1). Ihr Leben soll nicht aufhören.

Beide sind gleichen Ursprungs: von Erde sind

sie genommen (2.7+19) und leben in

Kommunikationsgemeinschaft. Da es nicht gut ist,

daß der Mensch allein sei, gibt Gott ihm zuerst die

Tiere. Sie teilen den Lebensraum. und sind selbst

Teil der großen Paradiesesgemeinschaft. Das

vegetarische Speisegebot, daß seine Aufhebung

erst im nachsintflutlichen Gewaltgebot (9.2)

erfährt, ist noch Reflex der Skrupel, die Menschen

hatten, sich am Leben der Tiere zu vergreifen (9).

Vom "Anbeginn der Schöpfung" (Mk. 10. 6) war

das alles anders gedacht und gemeint ...

Lebensodem, Fleisch und Blut sind Mensch und

Tier gemeinsam (6.17 uö: 9.4), psychosomarisch

aus "einem Stoff'".

Wiederum an zentralen Stellen der Propheten ist

auch den Tieren die zukünftige Welt verheißen,

wenn der Schöpfungsfrieden anbricht (Jes. 11.6-8;

65.25). Sie harren der Vollendung und des Endes

der Gewalt wie wir Menschen (Röm 8.18-22). Zu

diesem Ziel läßt Christus seine Jünger aufbrechen,

wenn er sie sendet, das Evangelium zu

predigen "aller Kreatur" (Mk 16.15). In Jesu

Leid und Gewalt überwindender Auferstehung ist

der Kreis des Ineinanders aller Wesen der neuen

Schöpfung wieder geschlossen in der geliebten

Welt für die der Sohn gestorben ist (Joh. 3.16).

(10).

4. Die Grundlinien der Sintfluterzählung

Für das Verhältnis von Menschen und Tieren ist

diese Geschichte fundamental und mit den

Schöpfungsberichten unlösbar verbunden.

Westermann beklagt, daß dieser innere,

komplementäre Zusammenhang von der Exegese

nicht erkannt worden ist, mit der fatalen

Konsequenz, daß "die Flut für die Lehre der

Kirche keinerlei Bedeutung hatte und daher auch


für die Verkündigung so gut wie vollkommen

ausfiel". Auch wichtige kirchliche

Verlautbarungen zu unserem Thema. haben die

Sintflut vollständig ausgeblendet (11). Damit hat

man sich selbst um entscheidende Einsichten

gebracht, die uns helfen könnten, unser Verhältnis

zur Erde und den Geschöpfen auf eine neue

Grundlage zu stellen.

G. v. Rad hat die Flut als den "eisernen Vorhang"

bezeichnet, der unsere Weltzeit von der "ersten

Schöpfungsherrlichkeit" trennt (12). Zugleich aber

ist es die Arche selbst, die beide Äonen

miteinander verbindet bis der "ewige Bund" im

Reich Gottes zur Erfüllung kommt. Durch die ungeheure

Katastrophe hindurch wird ein ganzer und

vollständiger Kosmos des Lebens bewahrt und

hinübergerettet die große Familie der lebendigen

Wesen. Grundsätzlich deutlich ist, daß die ganze

Schöpfung um der Menschen willen ins Verderben

gerissen wird. Der Grund ist bleibend: Bosheit und

Gewalttat (Frevel. 6.8+11). Das Übel des Falles

hat sich global ausgewachsen und über alles Leben

ist der Untergang verhängt. Hier dämmert der fast

schon moderne Gedanke einer

"Schicksalsgemeinschaft" von Menschen und

Tieren auf, die aneinander angewiesen sind und

nur miteinander überleben oder untergehen

können.

Westermann hat den schönen Gedanken

herausgearbeitet, daß gerade die Arche

verdeutliche wie der gemeinsame Untergang auch

der gemeinsamen Rettung entspricht (13). In

beiden Erzählquellen ist beim Einzug in die Arche

ausführlichst abgehoben auf die Komplettheit der

Arten und das "alles nach seiner Art" ist intensive

Schöpfungserinnerung und die Vollständigkeit der

Kreaturen ist Wesen (6.19 f.; 7.2 f ; 7.14-16).

Umgekehrt natürlich beginnt mit dem Artentod

der Schöpfungstod und die Entvölkerung der

Arche.

Insofern ist sie ein Stück Paradies und assoziiert

bei räumlicher Enge des Lebensraumes in kaum zu

überbietender Weise die Gemeinschaft von Tieren

und Menschen ("allen Fleisches"), wobei Noah die

Sorgepflicht aufgetragen ist (6.21 f.). Indem auf

der Arche beide, reine und unreine Tiere,

aufgenommen werden, steht die Flutgeschichte

erhaben über aller menschlichen Einteilung der

Wirklichkeit und ihrer Wesen, sei sie religiös oder

kulturell bedingt. Jenseits der Bedeutung, die etwa

Menschen den Tieren zugestehen, schließt die

gottgewollte Bewahrung alle Wesen ein.

4

Hier sind menschliche Herrschaftsstrukturen

infragegestellt, die Tiere einteilen in rein oder

unrein, nützlich oder schädlich, artengeschützt

oder zur Vernichtung freigegeben ... Es mag uns

fremd sein, daß hier nicht vom Menschen, sondern

vom Leben her gedacht und gefühlt wird. Alle

Tiere "haben das gleiche Lebensrecht" (14). Damit

ist deutlich, daß es hinter allem Mitgefühl für die

leidende Kreatur, das subjektiv empfunden wird,

ein objektives Lebensrecht für alle von Gott her

gibt. Deutet sich hier schon der moderne

Tierschutzgedanke an, der einklagbare Rechte für

Tiere gegen die Willkür der Menschen fordert?

Kirche und Theologie haben exklusiv vom Menschenrechther

gedacht, aber Schöpfungsrecht und

-würde sind unteilbar und gelten allen Wesen. An

dieser Stelle muß die Neubesinnung einsetzen.

Im Verhältnis zum Tier wird in der populären

Diskussion immer auf das Noahopfer und die atl.

Opferpraxis verwiesen. Das wolle doch Gott! Auf

die Gesamtproblematik kann hier nicht

eingegangen werden. Sie ist auch für unser Thema

nicht relevant, da religiöse Opfer und unser

barbarisches Massenschlachten keinen Vergleichspunkt

haben. Es ist immerhin an Jesu Opferkritik

erinnert, die sich in der Vertreibung der

Taubenhändler aus dem Tempel ausdrückt. Neben

der messianischen Bedeutung dieser Szene, hat

schon Erich Klostermann gesehen, daß wenigstens

die `unschuldigen Tiere' dabei geschont wurden"

(15). Ist es etwa sentimental in Jesu Wort von

Barmherzigkeit und Opfer (Mt. 12.7 zit. Hos 6.6)

sein Erbarmen mit den Tieren zu erkennen? (16)

5. Der Bund mit der Erde (Gen. 9,13)

Der Bund mit allem, was lebt, Odem hat, dem

Fleisch und Blut gemeinsam sind, ja mit der

ganzen Erde, von der ja alles genommen ist und

die vorher war krönt den Epilog der

Sintflutgeschichte. Zugleich ist dieser Bund

angelegt im tiefen Gefühl, das Gott für alle seine

Wesen hegt. Seine Bekümmernis über die Bosheit

der Menschen und die Gewalttat auf der Erde ist

ein tiefer Schmerz, dessen andere Seite der Zorn

ist, der Flut und Gericht bedeutet. Rührend

anthropomorph wird Gottes innere Beteiligung

geschildert (17). Indem der Bund vor der Flut

angekündigt und erst nach der Flut verkündet wird

und damit erfahrene Verrichtung und geschenkte

Bewahrung einschließt, hängt an ihm das ganze

Gewicht des göttlichen Heiles, das unbedingten

Willen zum Leben offenbart.


An dieser Stelle sei auch an das theologisch

gewichtige Wort sakar (gedenken) beim Fallen der

Flut hingewiesen: "Gott gedachte an Noah und alle

Wesen". Das ist Sprache des Bundes. Ebenso ist

von dem den Bund begleitenden Segen zu reden,

"fruchtbar zu sein und sich zu mehren" (8.17; 9.

1). Das ist die ausdrücklichste Erneuerung des

Schöpfungssegens angesichts geschehener

Vernichtung der lebenden Wesen. "Es gehört zur

Existenz der Tiere auch die Massenvernichtung.

Die aus der Flut geretteten Tiere werden gesegnet

angesichts dieser Möglichkeit, und keine

Massenvernichtung, keine Katastrophe ... kann

diesen Segen aufheben" (18). Dieser bitteren

Realität der Dezimierung der Arten, des

Massentodes der "Nutztiere", wo Fruchtbarkeit

und Mehren pervertiert ist zu blinder und

gewissenloser Ausbeutung, besteht Gottes Segen.

Wir haben zu bedenken, was es für uns Menschen

heißt, mit der geschundenen und wehrlosen

Kreatur unter ein und demselben Segen zu

leben. Er ist wie Recht, Würde und Liebe

unteilbar gegeben. Unlöslich und unaufhebbar

sind wir unter ihm miteinander verbunden. Unter

diesem Segen haben Menschen und Tiere in

Ganzheiten und Familien in einer Prozession des

Lebens die Arche verlassen. Es ist die Schuld von

uns Menschen, uns aus dieser Familie der

Lebendigen gelöst zu haben.

Gottes große Zusicherung (8.21 f.), daß er das

Leben der Erde nicht wieder vernichten wird und

ihre Lebenszyklen bestehen bleiben sollen, zeigt

eine eigenartige Tendenz des nachsintflutlichen

Geschehens: alles bleibt offen. Gottes

Gewaltverzicht gegen das Leben ist Zusicherung,

Selbstentschluß und an niemanden gerichtet. Viel

sagend und alles wissend ist das menschliche

Eingehen auf Gottes Gewaltlosigkeit nicht

erwähnt. Diese Zusicherung steht noch aus!

Der Mensch ist sehr wohl in der Lage, das zu tun,

worauf Gott verzichtet: auszurotten und zu

zerstören, Naturzyklen aus dem Gleichgewicht

bringen ... Ebenso beobachten die Ausleger Gottes

Bund mit Noah und allen Geschöpfen, daß auch

dieser verglichen mit anderen "Bünden" offen

bleibt und keine Bestätigung der Bundespartner

erfährt (19). Gerade in diesem Bund wird voller

Wiederholungen und Dubletten Gottes überschwengliches

"Ja" zum Leben aller Wesen

dokumentiert (9.8-17), auch und gerade angesichts

von Gewalt und Schuld. Aber liegt nicht in dieser

feierlichen Einseitigkeit die Erkenntnis, daß dieser

"ewige Bund" (9.16) offen bleiben muß? Ist er

5

5

nicht die große Klammer, die die erste Schöpfung

mit der kommenden Ewigkeit des Schöpfungsfriedens

(Jes. 11) verbindet. Gottes offener

Bund weist über die leidvolle Weltgeschichte

hinaus und erfüllt sich in der kommenden Welt für

alle Wesen. Dort werden Frevel und Gewalt

aufgehoben sein. Hat es nicht für uns Menschen

Bedeutung zu wissen, daß auch den Tieren das

Paradies verheißen ist, daß wir mit ihnen ver-

Bund-en sind in der ewigen Hoffnung als

Bundesgenossen? Bis zu diesem großen Ziel wird

wohl die "Notordnung" (Gen. 9.2-6) gelten

müssen (20). Es ist der von jedem Bibelleser

empfundene Gegensatz zwischen den erhabenen

Worten des Bundes mit allen Wesen und jener

Gewalt atmenden Sprache (9.2 f.): "Furcht und

Schrecken vor euch sei über allen Tieren ... in eure

Hände seien sie gegeben ... Alles, was sich regt sei

eure Speise". Im gleichen Atemzug ergeht das

Verbot des Blutgenusses, darin das Leben sei

(9.4). Auch wenn der Fleischverzehr zugestanden

wird, sind damit die Tiere nicht freigegeben. Im

Blutverbot zeigt sich das Empfinden von Unrecht,

das in allem Töten und Schlachten geschieht, aber

auch ein letztes Tabu. Das ist die "Tierseele", die

doch von Gott gehalten ist.

So kann man im Schutz des Blutes eine Barriere

gegen eine volle Brutalisierung des Verhältnisses

zum Tier sehen (21). Tabus und Barrieren sind

heute längst gefallen und ein noch im Töten eines

Tieres empfundenes Gefühl der

Zusammengehörigkeit ist dahin. Möglicherweise

hat aber Gott nur zugestanden, was sich der

Mensch ohnehin längst angemaßt hat. Dennoch

bleibt es dabei: Es ist Gottes ursprünglicher

Wille, daß Frieden sei zwischen ihm und der

Schöpfung, den Menschen und den Tieren und

daß kein Blut fließe (Gen. 1.29 f und im

Angesicht des Bösen bleibt sein ewiger Bund

bestehen, trotz allem und für alle.

6. Die Folgen

- Wir müssen uns selbst befragen, wie weit wir

uns dem Thema öffnen und in der Frage nach den

Mitgeschöpfen mit Verunsicherung rechnen.

- Angesichts des globalen Untergangs, in den

unsere Kinder mit Sicherheit laufen, wissen wir

ohnehin, daß sich vieles bei uns ändern muß.

- Aus Angst sind wir auf Vorsätze ansprechbar

und versuchen immer einmal auf etwas zu

verzichten (Auto, Energie, Wasser, Fleisch). Wir

sind aber unglücklich, weil wir es doch nur wegen


unserer Angst tun. Auch verdeckter Egoismus

trägt nicht weit.

- Gott lenkt uns ganz positiv von uns selber weg

und lädt uns ein in seinem Bund mit allen Wesen.

Wir werden unserer Enge und harten Herzen

bewußt. Dabei entdecken wir in den anderen

Kreaturen Mitgeschöpfe, Wesensverwandte und

lernen uns selbst von einer ganz neuen Seite

kennen.

- Die Tiere sind uns plötzlich nicht mehr

gleichgültig und wir wollen nicht mehr auf ihre

Kosten leben. Die Bibel hat recht: Wo Blut fließt,

hört der Spaß auf, dann bekommen wir es mit Gott

zu tun. Nun zeigt uns Gott Wege zu einem anderen

Lebensstil, und wir werden Menschen entdecken,

die uns dabei viel Mut machen.

- Geistlich befinden wir uns damit in der

"Prozession des Lebens" aus der Arche in die Welt

Anmerkungen:

6

und beginnen etwas von Gottes großer Liebe zu

spüren, die demütig macht, auch vor dem Tier. Im

Segen erfahren wir eine universale, alles

umschließende Kraft. - Wir werden anfangen, für

die Schöpfung und unsere allergeringsten

Geschwister, die Tiere, zu beten wie für unsere

Freunde und das schlimme Leid der geängstigten

Kreatur ins Kyrie eleison nehmen. - Wir nehmen

noch andere Dimensionen des Kreuzes wahr, das

auf der ganzen Erde lastet. Aber wir wissen um

Gottes Bund mit ihr und werden viel froher und

drängender bitten: "Dein Reich komme". Wir

beten es nicht für uns allein, sondern mit allen

Wesen, Fleisch dieser Erde, und tun gewisser

manch ehrfürchtigen Lebensschritt in diese

Richtung. - Wir werden nie wieder sagen:

"Es sind ja nur Tiere..."

1 . Dieser Begriff ist theologischen Ursprungs: Mitgeschöpflichkeit als Pendant zur Mitmenschlichkeit ist ein Begriff, der familiäre Verbundenheit und

Verantwortung assoziiert und in der Tradition der "Ehrfurcht vor dem Leben" steht (Schweitzer). Er ist in der theologischen Ethik kaum aufgenommen

worden und hat seine Verbreitung erst durch das (säkulare) Tierschutzgesetz von 1986 erfahren. Er ist als Rechtskategorie ins öffentliche Bewußtsein von

dort her gedrungen. Vgl. Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf EKD-Texte 41 hrsg. vom Kirchenamt d EKD. Hannover 1991, S. 5 f.

2. Die verheerenden ökologischen Folgen sind sattsam bekannt und ignoriert (Grundwasser, Ozonschicht). Daß das Mastfutter zur "Fleischproduktion"

weithin aus Getreideimporten aus der 3. Welt kommt und zugleich eine riesige Verschwendung von Getreide und Soja bedeutet, ist ein Skandal. Zur

Produktion von 1 kcal Fleisch müssen ca. 7 kcal Getreide aufgewendet werden. Vgl. Rudolf H. Strahm, Warum sie so arm sind. Wuppertal 1985. S. 37-70.

3. Vgl. Eugen Drewermann. Der tödliche Fortschritt - Von der Zerstörung der Erde und, des Menschen im Erbe des Christentums, Freiburg 5. Aufl. 1991,S.

34-45; 283-331. Dort viel statistisches Material und weitere Verweise.

4. Kirchliche Verlautbarungen zum Thema sind erst Mitte bis Ende der 80er Jahre erschienen und sind späte Reaktionen auf die ökologische Bewegung.

Alle theologischen Rückblicke zeigen die groteske Situation, daß sich über die Tiere Theologen kaum geäußert haben. Ständig wird auf Sätze der Ethik des

dänischen Bischofs Hans Lassen Martensen verwiesen (1854), auf einige tiefe Sätze Karl Barths in KD 111 und auf A. Schweitzer. Mehr ist offenbar nicht

vorhanden. Vgl. Tier und Mensch, Texte aus der VELKD 52/1993. S. 11 ff.

5. Vgl. Wolf-Rüdiger Schmidt. Leben ohne Seele? Tier-Religion-Ethik, Gütersloh 1991. S.25-28.

6. Vgl. Drewermann, S. 370 ff. Schmidt, S. 45-49.

7. So Johannes Haspelmath, Christentum und Vegetarismus, EKD-Materialdienst 3/4 1982. S. 10-12. Vgl. die VELKD-Studie: Religionen. Religiosität und

christlicher Glaube, Gütersloh 3. Aufl. 1993. S. 64-67. Der Dialog mit dem Buddhismus "Über die nicht mehr aufzuschiebende Aufgabe, unsere seinsmäßige

Verbundenheit mit der, gesamten Kreatur zu erkennen und daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen." (S.67).

8. Es ist wohl eine Grenze der Bibel, mit der wir leben müssen, daß die Naturgeschichte nur als "Vorspiel" der Menschheitsgeschichte erscheint

(Drewermann. Fortschritt. S. 71 f.). Indirekt zeigt sich dies, daß wohl kein Teil der Bibel so intensiv ausgelegt und befragt worden ist, wie die

Schöpfungsgeschichten.

9. Gen. 1.29 ist nicht Ausnahme biblischer Überlieferung (so VELKD,S. 6), sondern Schöpfungsgrundsatz. "Nicht durch Gottes Ordnung und Gebot ist das

Töten und Schlachten in die Welt gekommen" (G. v. Rad, Das erste Buch Mose. Genesis ATD 2/4. Berlin 1974, S. 40). Man vergesse nicht daß die

Nahrung auch in den Paradiesverheißungen erwähnt ist (Jes. 11,7; Hosea 14,8: "sie werden Korn essen").

10. Angesichts der neuen Schöpfung in der Auferstehung Jesu haben Teile der Urgemeinde wohl vegetarisch gelebt "wie vor Noah". Vgl. Haspelmat, S. 6.

1 1.Zitat: Claus Westermann, Genosse, Teil 1. Genesis 1-11, Neukirchen-Vluyn 1974,S. 640.Vgl. EKD und VELKD-Studien siehe Anm. 1 und 4.

12. Gerhard von Rad, S. 97

13.Westermann, S. 569.

14.a.a.0. 575; vgl. auch dazu v. Rad, S. 89.

15.Das Markus-Evangelium, HNT 3, Tübingen 1936. S. 117 in Anlehnung an Wohlenberg.

16.Das Thema "Jesus und die Tiere" läßt sich nicht mit einem Satz abhandeln. Fest steht, daß die Evangelisten in einer kulturellen Situation lebten, wo

Tiere der Ernährung dienten. Auf diesem Hintergrund, den sie offenbar nicht in Frage stellen, ist eine Analyse schwer. "Die Frage nach der täglichen

Gewohnheit Jesu muß offenbleiben" (Haspelmath, S. 13). Interessant zum Thema: Michael Blanke, War Jesus ein Tierschützer? in: Schmidt, S. 108-122.

Ansatzpunkte wären bei Jesus 1. Gewaltverzicht (Mt. 5,5), 2. Der Rückgriff auf die Schöpfungsordnung (Mk 10,6), 3. Die geringsten Geschwister (Mt. 25)

und nicht, ob er bei der Speisung der 5000 einen Fisch in der Hand hatte oder nicht.

17.Vgl. v. Rad, S. 87, Das Gericht ist "kein Ausdruck für kalte Gleichgültigkeit" ausführlich: Westermann, S. 551-554.

18.Westermann 606.

19. Dies hat Westermann überzeugend herausgearbeitet, daß Gottes Zusage und Bund fest steht und "durch Verfehlungen, Verderbnis, Empörung der

Menschheit (nicht) erschüttert werden kann" (S. 634). Erst durch die Apokalyptik kommt eine globale Zerstörung durch die Mächte des Bösen wieder in den

Blick. Von daher ist das Sintflutthema noch nicht ausgestanden. Gerade angesichts der aufdämmernden Weltvernichtung durch den Menschen findet W.

prophetische Worte: "Es ist möglich, daß in einer Zukunft, die noch mehr als die Gegenwart Bedrohungen und Gefährdungen der Menschheit als ganzer

kennt, die Erzählung von der Sintflut wieder neu gehört wird. Anzeichen dafür sind schon ... zu erkennen" (S. 640).

20.v. Rad. S. 99

21. Ausführlich mit viel Bezügen und Material: Westermann, S. 620-625


Gott - Mensch - Tier

Gott im Tier - das Tier im Menschen - Mensch und Tiere

Artikel im "Deutsches Pfarrerblatt" 4/2004 S. 181-185 (Vortrag vor dem Großkonvent Stendal (Altmark) Januar 2004)

Göttliche Tiere

Die Frage erscheint spekulativ, ob Gott, Mensch und Tiere

wesensverwandt sind. Vielleicht steckt in jedem was vom anderen

und wir haben sofort eine metaphysisehe Frage. Wir sehen die

Gestalten der antiken Gottheiten Assyriens und Ägyptens, die alles

in sich vereinigten: Sphinxe, vogelköpfige Menschen, heilige Tiere

als Verkörperungen Gottes. Tiere galten als die Boten der Götter,

stets auch verschmolzen mit dem Menschen und spielen in der

Religion eine herausragende Rolle. Das sind keine plumpen

Darstellungen, sondern sie drücken eine wesensmäßige

Verwandtschaft alles Lebendigen aus und ein Verschmelzen des

Diesseits mit dem Jenseits. So konnten die Ägypter auch Tiere

(Katzen, Krokodile und Vögel) mit in die Ewigkeit nahmen. Es geht

hier nicht nur um eine absolut positive Sicht der Tiere, die vor den

Göttern sogar Menschen verklagen konnten, sondern um diese

eng erfahrenen Nähe von Mensch und Tier. Die alten Kulturen

haben in ihren Mythen durchaus die Evolution erahnt. Sie ist auf

ganz anderer Ebene, das Band des Lebens, das alle Wesen

verbindet. Das sind tiefe Wahrnehmungen, denen sich aber unsere

Religion verschlossen hat. 1

Mensch und Tiere biblisch gesehen

Christen fragen eher, wie Gott das Verhältnis von Mensch und Tier

bestimmt hat. Diese Frage ist erst in den letzten 30 bis 50 Jahren

wieder gestellt worden, nachdem das 20 Jh. nicht nur das unter

Menschen blutigste gewesen ist. Auch das Leid und die

Entwürdigung der Tiere haben ein ungeheuerliches Ausmaß

erreicht, das sich in gigantischen Statistiken niederschlägt. 2

Unserem Gesichtskreis entzogen, wird in immer kürzerer Zeit

gemästet und massenhaft geschlachtet. Der Bulette sieht man

nicht mehr an, woraus sie besteht und Kinder denken, Fleisch

wächst an Bäumen. Das vom Menschen verursachte Aussterben

der Arten hat dramatische Dimensionen angenommen - mindestens

drei Tier- und Pflanzenarten pro Stunde. Nie war auch

das Seufzen der Kreatur (Röm. 8, 21) lauter als heute.

Aber es hat auch vielschichtige Gegenbewegungen hervorgerufen,

die ihren vorläufigen Höhepunkt in der Aufnahme des Tierschutzes

in das deutsche Grundgesetz gefunden hat. Die Tierfrage ist aber

eine Randfrage des Christentums und seiner Theologie. So

variierte eine Ringvorlesung der Theologischen Fakultät Leipzig in

15 Veranstaltungen das Thema »Gewalt«. Gewalt gegen Tiere

oder die Schöpfung kam nicht vor.

So gilt das Christentum in der naturethische Diskussion als

traditionell »tierfeindlich« 3 . Religiöse Beachtung finden Tiere in der

Bibel kaum. Es geht allein um das Heil für den Menschen, und um

seiner Rettung willen ist Gott Mensch der Gattung homo sapiens

und nichts sonst geworden. Die Kirche hat sich mit dem anderen

Teil der Schöpfung immer schwer getan, weil der Mensch als

Gottes Ebenbild die ungeteilte Aufmerksamkeit beansprucht. Der

moderne Mensch wiederum fragt nach der »christlichen Unmoral,

die mit der Selbstverständlichkeit der Verständnislosen den

Chimpansen aus der Heilslehre ausschließt, den im

Dämmerzustand schaukelnden Drei-Zentimeter-Embryo jedoch

nicht.« 4 Oder sind Schweine, die uns auch sehr ähnlich sind und

daher bald als Ersatzteillager für den Menschen herhalten müssen,

fraglos aus einer christlichen Ethik auszugrenzen? Von einer Ethik

7

des Schnitzels wollen wir gar nicht reden. Gut ist, was dem

Menschen am meisten nützt? Die christliche Sicht der Dinge durch

die Jahrhunderte hindurch, kennt die »Stufenleiter des Lebens«

(scala naturae) als eine Schöpfungsordnung, wo Gott jedem

Wesen seinen Platz zugewiesen hat: ganz oben Gott, dann der

Mensch, die Tiere usw. Die Stellung in der Skala ist zugleich mit

einem Werturteil verbunden. Bis heute ist der Menschen als

»Spezialanfertigung« Gottes weit über aller Natur. Aber einzelne

Bibeltexte sprechen durchaus eine differenziertere Sprache.

Tiere können dem Menschen sehr nahe sein als »Mitgeschöpfe«.

Dieses Wort ist im säkularen Tierschutzgesetz fest geschrieben

und hat sich in der christlichen Sprache nicht durchgesetzt.

Mensch und

Tier haben das Geschaffensein (6. Tag) und den Lebensodem (l.

Mose 7, 15) gemeinsam und damit eine Würde, ein menschlicher

Abglanz auf dem Tier. Karl Barth stellte fest, dass die

Schöpfungswürde der Tiere mit unserer vergleichbar ist und damit

Tiertötung in die Nähe der Menschentötung rückt. Dafür ist er

heftig kritisiert worden, wohl weil man es als Majestätsbeleidigung

empfunden hat, das Schlachten eines Tieres und die Tötung eines

»Ebenbildes« miteinander zu vergleichen. 5

Wir finden noch andere Puzzleteile: Der Gerechte erbarmt sich

seines Viehs, der Gottlose hingegen ist grausam (Spr. 12, 10) oder

dass dem Ochsen, der drischt, das Maul nicht verbunden werden

darf - was

ihn aber als Dank für seine Dienste für den Menschen vor dem

Schlachten nicht gerettet hat. Immerhin: wer einen Stier

schlachtet, gleicht dem, der einen Mann erschlägt (Jes. 66,3).

Am Ende der Zeit sind die Tiere im Schöpfungsfrieden (Jes. 11)

ebenso vertreten, wie im Paradies des Anfangs, aus dem allein der

Mensch entfernt werden musste ... Es sind große Texte des NT wie

Röm. 8, dass die Geschöpfe sich nach Erlösung vom Leide sehnen

»wie wir«, »... denn es fühlt wie du den Schmerz.« Tiere und

Menschen sind eins im Leid und dem Sehnen nach der

Vollendung, für die beide bestimmt sind. Selbst im Horizont der

Totenauferstehung erscheinen die nichtmenschlichen Wesen, denn

in der Auferstehung geschieht die universale Erneuerung der Welt.

Im späten sekundären Markusschluss steht vielsagend der

Jüngerauftrag: »Gebet hin in alle Welt und verkündet das

Evangelium aller Kreatur« (Mark. 16, 10) - Frieden der ganzen

Schöpfung, nicht nur dem Menschen. Die Osterbotschaft hat eine

franziskanische Dimension, in die alle Geschöpfe eingebettet

sind. Insgesamt ein vielschichtiges Bild: Tiere in der Bibel und ihr

Verhältnis zum Menschen, das ethische Problem, das sie

darstellen, an einigen Stellen (Bileam) empfunden, aber nicht

reflektiert. Auch gibt es in der Frage des Fleischessens keine

Eindeutigkeit, obgleich die Schöpfungsaussagen (Gen. 1, 29)

von großem Gewicht sind. Schlimm sind böse Sätze wie die

Ketzerpolemik 2. Petr. 2, 12: Ketzer »sind wie die unvernünftigen

Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und

geschlachtet werden.« In allem ist aus der Bibel keine Tierethik

ableitbar. Aber einer Ethik für Frauen geht es nicht besser.

"Im Mittelpunkt der Mensch«?

Albert Schweitzer hat das ethische


Problem der Zentralstellung des Menschen auf den Punkt

gebracht:

»Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass

die Tür zu ist, damit ja der Hund nicht herein komme und das

getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen

die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der

Ethik herumlaufen.« 6

Unabhängig von Glauben und Religion halten wir uns für das

höchste aller Wesen, Ziel und Krone der Schöpfung. »Der homo

sapiens sapiens ist die unüberbietbare Kulmination aller

Entfaltungsmöglichkeiten der Evolution« 7 . Dabei ist die Evolution

längst nicht am Ende und bis zum Erlöschen unseres

Sonnensystems haben wir noch 2 Mrd. Jahre vor uns. Dann wird

die wahre Endzeit eintreten, wenn die Sonne unter gewaltiger

Energieabgabe explodiert und die Ozeane der Erde verkochen ...

Ob es dann noch Menschen gibt oder andere Hominiden oder

etwas völlig anderes?

Wie weit die Ignoranz anderer Lebewesen geht, drückt sich in einer

das Denken verratenden Sprache aus, wenn wir z.B. von

»unbewohnten Inseln« reden. Andere Lebewesen ein Nichts?

Dass der Mensch dem Tier eigentlich alles voraus hat, ist

Grundüberzeugung westlicher Kultur. Für die der Aufklärungsphilosoph

René Descartes steht:

»Zwischen Maschinen und Tieren ist kein Unterschied, auch wenn

es Maschinen gäbe, welche die Organe und äußere Gestalt eines

Affen besäßen, ... so sind diese Maschinen in nichts von den

Automaten zu unterscheiden, ... denn allein der Mensch verfügt

über Vernunft und Sprache, die nicht an die Disposition der Organe

gebunden sind.« 8 Der Mensch verfügt über die von Gott

eingegebene Vernunft und Seele, was ihn unendlich weit über alle

Lebewesen erhebt. Mit diesem berüchtigten 5 Kapitel seiner

»Abhandlungen über die Methode« hat Descartes »die ganze europäische

Philosophie behext« 9 .. Natürlich sind Tiere als

Mängelwesen ganz anders als Menschen, spüren kaum Schmerz

und haben kein Leben im Vollsinn, keinen Begriff von der Zukunft

oder was auch immer als Unterscheidungsmerkmal zu Ungunsten

der Tiere vorgebracht wird; ihnen fehlt das Denken, die Sprache

und ihre Seele ist mit der unseren nicht wesensgleich ... Descartes'

»Cogito ergo sum« »ich denke, also bin ich« hat tief gewirkt als

eine willkürliche Setzung: Was ist mit Kindern oder Debilen? Für

Tiere gilt: sie können nicht denken, also sind sie nichts. Auch im

populären Bewusstsein hält sich unausrottbar das von der

Wissenschaft längst überholte Vorurteil: Menschen können

denken, Tiere nicht. Wäre nicht besser: »Ich fühle, also bin ich?«

Bis heute besteht auch in der von außen eingegebenen

unsterblichen Seele als Extragabe für den Menschen weithin

Konsens in der Kirche. Klar sagt Thomas von Aquin: »die Seele

des Tieres ist nicht teilhaftig des ewigen Seins.« 10 Ob auch Tiere in

den Himmel kommen, erscheint als kindliche Frage. Doch wer weiß

das mit der unsterblichen Seele? Thomas hatte ähnliches auch

von den Frauen behauptet, doch denen ist im Laufe ihrer

Befreiungsgeschichte augenscheinlich eine unsterbliche Seele

gewachsen. Die spanischen Eroberer hatten auch den Indios die

unsterbliche Seele abgesprochen, sie damit guten christlichen

Gewissens der Vernichtung preisgegeben. Vielleicht sind auch die

Tiere gerade dabei, weil sie immer stärker als Rechtssubjekte und

Träger von Würde im Gespräch sind, eine Seele zu bekommen?

Kurzum, der Graben zwischen Menschen und Tieren wird fleißig

in Stand gehalten und die von der Schweitzer beschriebene Tür

bleibt verschlossen.

Geliebte und geachtete Tiere

Im 18. und 19. Jahrhundert hat sich Schweitzers Türe leicht

geöffnet.

8

Es waren nicht die Denker, sondern fühlende Menschen, die das

Leid der Tiere mitleidsvoll wahrnahmen. Schopenhauer war einer

der wenigen, die die Gewalt des »christlichen Mobs« gegen Tiere

geißelten. »Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn,

dass unser Handeln gegen sie ohne moralischen Bedeutung sei,

oder, wie es in der Sprache der Moral heißt, dass es gegen Tiere

keine Pflichten gäbe, ist geradezu eine empörende Rohheit und

Barbarei des Okzidents ...« 11 Beeinflusst von den indischen

Mitleidsreligionen, die Mensch und Tier nicht trennen, ist er zum

Gedanken des universellen Mitteides mit der geschundenen

Kreatur durchgestoßen. Mitleid ist Grundlage der Moral, denn wenn

Mensch und Tier irgendwo eins sind, dann im Leben wollen und

einer großen Gefühlswelt 12 , Andere Lebewesen, so Schopenhauer,

existieren auch nicht zu einem bestimmten Zwecke, etwa, dass der

Mensch sie nutzen könne, so wie auch nicht die Erde um des

Menschen willen existiere - »sie sind ganz sich selbst«. Er entlarvt

den christlichen Gedanken, dass Gott alles »für uns« gemacht hat

als Ideologie, die unreflektiertes Anspruchsdenken enthält.

Es ist interessant, dass Tierschutz- und die Frauenrechtsbewegung

in etwa zusammen aufgekommen sind und bemerkenswert, dass

heute die meisten der im Tierschutz oder Tierrecht Engagierten

Frauen sind. Peter Singer hat dazu einen aufschlussreichen

Aufsatz geschrieben, warum gerade Frauen Solidarität mit Tieren

fühlen. Ich überlasse das unserem eigenen Nachdenken. Frauen

essen auch weniger Fleisch ...

und es ist bedauerlich für die geschundene Kreatur, dass sie nicht

früher zu Einflussmöglichkeiten gelangten. 13

Es ist dem Vergessen anheim gefallen, dass die aufkommende

Tierschutzbewegung des 19. Jh. starke religiöse Impulse hatte. Der

württembergische Pfarrer Albert Knapp, der uns im Gesangbuch

Lieder hinterlassen hat, gründete 1837 in Stuttgart den ersten

deutschen Tierschutzverein. Die Pietisten mit ihrer

Herzensfrömmigkeit forderten, auch den Tieren mit Barmherzigkeit

zu begegnen: »Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel

barmherzig ist« und meinten damit die schlimmsten Quälereien der

dem Menschen hilflos ausgelieferten Nutztiere. Die Verpflichtung

gegen die Schwachen wurde hier erstmalig artübergreifend auf die

» unvernünftigen« Geschöpfe bezogen. Wie der Tierschutz heute,

haben sie die Nutzung von Tieren durch den Menschen (als von

Gott gewollt) nie in Frage gestellt - sie darf nur keine

Schreckensherrschaft sein. Die Pietisten waren sensibel für die

Tiere und spätere Erkenntnisse der Biologie und

Verhaltensforschung des Ineinanders von Mensch und Tier sind

ihnen im Herzen aufgegangen:

Die Tiere, deren Herr du bist / (erwäg'es Mensch, erwäg'es

Christ!)/ sind auch des Ganzen Glieder:/

Der Schöpfung Bürgerrecht verlieh / Gott ihnen auch:

o Blick auf sie /nicht mit Verachtung nieder!

Sie, Wunder auch von Gottes Hand, / durch ihren Bau dir

nah verwandt,/ durch eingepflanzte Triebe:/ verraten oft des

Denkens Spur, / sind treue Kinder der Natur, / genießen

ihre Liebe ...

Du kannst, was deine Hand gemacht, / was dein Verstand

hervorgebracht, / wenn Dir's gefällt, zernichten./ Das Tier

ist ein Geschöpf von Gott; / Gibst du mutwillig ihm den

Tod, / wird dich sein Schöpfer richten. (Biberacher Gesangbuch


Das Tier im Menschen

Mit Charles Darwin ist ein Weltbild zu Bruch gegangen. Es sah den

Menschen gründlich geschieden von allem anderen Leben und alle

Tierarten unverändert seit sie die Arche Noah verlassen hatten. Er

hat lange gezögert, bis er seine Erkenntnisse veröffentlichte. »Ich

komme mir vor als gestehe ich einen Mord ... « schrieb er kurz vor

der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Werkes vom

»Ursprung der Arten ... « Wollte er ursprünglich die animalische

Identität des Menschen beweisen, kam er doch wissenschaftlich zu

anderen Schlüssen: An seiner Arroganz glaubt der Mensch, er sei

ein großartiges Werk, das des Eingriffs einer Gottheit wert ist,

bescheidener und, so glaube ich, richtig ist es, ihn aus den Tieren

erschaffen zu betrachten.« 14 Wieso bescheidener? Warum ist der

Gedanke, dass der Mensch ein Tier sei so angstbesetzt und

immer mit einer angeblichen Herabsetzung des Menschen verbunden?

Warum weisen wir so vehement von uns, was wir sind:

Wirbeltier, Primate, Hominide - die tief emotionalen Teile unseres

Gehirns stammen sogar aus der Reptilienzeit. Wir tragen die

Evolution in uns wie jedes andere Wesen. Ist es die Angst des

Menschen, das Tier auch in sich zu fühlen? - das Unkontrollierbare

und Animalische, das Bestialische, das angeblich immer wieder

durchbricht und den Menschen »vertiert«. Die Angst vor dem

Fremden und Wilden, Unzivilisierten und Ungezähmten, die Welt

der Triebe und des Unbewussten, des Sexuellen, der Körper

überhaupt, den der Geist nicht in den Griff bekommt ...

»Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Hause«. Der Teufel hat

Tiergestalt, ist Stier oder Bock, hat Pferdefuß oder Drachengestalt.

Die Ketzer, mit dem Teufel im Bunde, verwandeln sich über Nacht

in Wölfe und fressen Kinder. Triebhafte, verführerische Hexen mit

Katzen und Eulen - die Vagina der Frau als Höllentor, der Teufel

mit einem harten kalten Penis - wir betreten ein wahnhaftes

religiöses Panoptikum. Tiere sind hier tief diskreditiert. Das Tier,

das aus dem Abgrund kommt (Offb. 13) und vom Reiter auf dem

weißen Pferd (K. 21) vernichtet wird - welches Seelenbild des

Menschen, der sich selber bekämpft und wenn er eine Schlacht

gegen das Tier in sich gewonnen hat, kommt es siebenfach zurück

ins gereinigte Haus und Urgewalten brechen um so schlimmer aus

dem einzig denkenden Wesen heraus. Das Verdrängen unseres

Tierseins haben wir mit dem Problem der Leibfeindlichkeit teuer

bezahlt. 15 Den Körper, die Biologie, das Tier in uns niederzuringen,

welch aussichtsloses Unterfangen. Ubrigens symbolisiert das

grausige Ritual des Stierkampfes, den mythischen Kampf des

Niederringens der Natur in sich, eine Art Selbsttötung, ebenso wie

St. Georg den Drachen zu töten sucht. Wie viel Selbsthass kommt

hier zum Tragen. Dabei übertrifft die Gewaltbereitschaft des

Menschen alles, was es im Tierreich gibt.

»Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag/

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag./

Ein wenig besser wür´d er leben,/

Hätt'st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; /

Er nennt's Vernunft und braucht's allein /

Nur tierischer als jedes Tier zu sein. « 16 (Goethe - Faust)

Es ist die leidvolle Erfahrung mit uns selbst, dass die »Haut der

Zivilisation« dünn ist 17 . Faktisch aber lehrt uns die

Evolutionsbiologie (des Körpers und des Bewusstseins, das bereits

in der Tierwelt beginnt), den moralisch relevanten Fakt, dass uns

mehr mit den anderen Tieren verbindet als uns von ihnen trennt. In

der Physiologie ist das überdeutlich und die Verhaltens- und

Instinktforschung (K. Lorenz, I. Eibl-Eibesfeld, M. Eigen) haben

vorurteilsfrei und glänzend bestätigt, wie viel uns bis ins Seelische

9

hinein mit der anderen Lebenswelt verbindet. Wir verfügen über

angeborene Verhaltensmuster und Instinkte, ohne die wir keinen

Tag überleben könnten. Sie sind biologisch eingeprägt und

ererbt. Konrad Lorenz spricht von »moralanalogem Verhalten« 18 ,

das sich in der Tierwelt findet: selbstloser Einsatz für den

Artgenossen, tiefe Bindungsfähigkeit bei sozialen Tieren, das

Schonungsverhalten in Unterwerfungsgesten, die aufopfernde

Mutter/Elternliebe in der Brutpflege usw. Jeder Tierhalter weiß um

Gewissensreaktionen eines Hundes. Man kann im Tier, wenn man

es kennt viel Eigenes entdecken: Territorialverhalten (Platzhirsch),

Herdentrieb oder Imponiergehabe vor dem anderen Geschlecht,

Aggressionsverhalten (Lorenz: »Das sogenannte Böse«) die

frühkindliche Prägungszeit. Wir erkennen unglaubliche Leistungen

der Tierwelt in Sinnesfunktionen und Intelligenz und je weiter die

Naturwissenschaft fortschreitet, ob in Molekularbiologie oder

Genforschung, desto näher rückt uns unsere animalische

Verwandtschaft. Sehen wir gar die Primatenfeldforschung, die mit

Namen wie Jane Goodall oder Christophe Boesch (Leipzig)

verbunden ist, erfahren wir so viel Menschliches in unseren

nächsten Verwandten, das uns auch uns selbst tiefer verstehen

lässt. (Bis hin zu gleichgeschlechtlicher Liebe, die sich auch im

hochdifferenzierten Sexualverhalten unserer Verwandtschaft

findet). 19

Leider hat die Wissenschaft kaum zu tieferer moralischer

Wahrnehmung der Tiere geführt oder zur Aufgabe des

Machtmonopols über sie. Wenn aber der biologische, mentale und

psychologische Verwandtschaft zwischen Menschen und Tieren

immer deutlicher wird, ist auch jede separate Ethik unzureichend,

dann wird Ethik unteilbar.

Albert Schweitzer - Ehrfurcht vor dem Leben

Das hat Albert Schweitzer deutlich erkannt und die Saat Darwins

ist auch moralisch aufgegangen. Schweitzer sah es als Fehler aller

bisherigen Ethik an, »dass sie es nur mit dem Verhalten des

Menschen

zum Menschen zu tun zu haben glaubte.« 20 Sein Grunderlebnis,

das ihn zur Lehre der »Ehrfurcht vor dem Leben« durchstoßen ließ,

hatte er, als er auf dem Ogowe-Fluss mit dem Boot an einer

Flusspferdfamilie vorüber fuhr. Das Leben ist Grundlage aller

ethischen Wahrnehmung, das der Mensch mit allen Lebewesen,

gleichgültig welcher »Entwicklungsstufe« teilt. Leben gilt

Schweitzer als ein unergründliches Geheimnis, das ein

Naturforscher nur besser beschreiben kann, als der Bauer, der

kaum des Lesens und Schreibens kundig es im Frühjahr

aufbrechend erlebt. Dabei weigert sich Schweitzer

grundsätzlich Leben einzuteilen in wertvoll oder wertlos, weil

jede dieser Entscheidung einen Vernichtungsgrund bedeuten kann,

der willkürlich vom Menschen gesetzt wird (es sind ja nur Tiere, nur

Schädlinge, Kroppzeug, Viehzeug, Barbaren, nur ... ). Ethik ist

unteilbar und kann nicht bestimmte Leistungen oder Empfindungs-

und Entwicklungsstufen als Voraussetzung akzeptieren.

Weitschauend sagt Schweitzer, der das Erbe der Kolonialkriege in

Afrika erfahren hat: »einmal sind es Insektenstämme, das andere

Mal primitive Völker« ... Ehe die Juden vernichtet wurden, nannte

man sie Ungeziefer, Läuse, Ratten ...

»Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen

lautet: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben

will" 21 . Dieser Satz fasst Schweitzers Denken zusammen: ein

Wertbewusstsein des Lebens, das Menschen mit allen Lebewesen

teilt. Karl Barth hat darin den Aufschrei gegen Gleichgültigkeit

und Gedankenlosigkeit gesehen. Schweitzer ist oft kritisiert

worden ob der Undurchführbarkeit seiner Ideen und einer

sentimentalen Ethik. Aber er hat tief gewirkt, besonders außerhalb

der Kirche und den Tierschutz enorm beflügelt. Zugleich weiß


Schweitzer um den Grundkonflikt, in dem sich alles Leben

befindet. »Auf tausend Arten steht meine Existenz mit anderen in

Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu

schädigen ist mir auferlegt.« 22 Die Welt ist ein grausige Schauspiel

der Selbstentzweiung des Willens zum Leben, aber allein der

Mensch ist beschenkt mit dem, was die Natur nicht kann: Mitfühlen,

Barmherzigkeit. Er kann aus dem Tal der Dunkelheit aufsteigen

zur »Ehrfurcht vor dem Leben«. Wenn der Mensch dem Zwang

des Töten-Müssens unterliegt, darf dies nicht leichtfertig oder allein

aus menschlichem Interesse geschehen. Schweitzer beklagt die

Grausamkeit bei Tiertransporten und beim Schlachten. Er spricht

sich gegen Tierquälerei beim Sport (Angeln) und die Jagd aus.

Später wird er zum harten Kritiker der Tierversuche und ein Jahr

vor seinem Tode schreibt er in einem Brief - wohl als eine

Lebenserkenntnis - "Meine Ansicht ist, dass wir, die für die

Schonung der Tiere eintreten, ganz dem Fleischgenuss entsagen,

und auch gegen ihn reden" 23

Mit der Ehrfurcht vor dem Leben rührt Schweitzer

unausgesprochen die religiöse Dimension an: Leben ist heilig, nicht

dem Menschen allein gehörig - Gott ist Leben. Schweitzers

Verdienst ist es, lange vor den uns bedrängenden ökologischen

Fragestellungen ein ethisches Modell der »Verantwortung gegen

alles, was lebt« entwickelt zu haben, das seine Zeit weit übergreift.

Menschenrechte auch für Tiere

Das 20. Jahrhundert mit seinen Gräueln gegen die Tierwelt, hat

deren Schutz beflügelt. Aber schon Ende des 19. Jh. haben die

Anti-Vivisektionsbewegung (Shaw, Wagner) und der Vegetarismus

einen Auftrieb erhalten (1892 Gründung des Vegetarierbundes

durch Pfarrer Eduard Balzer). Aber der Tierschutz schließt weithin

den Tiernutz ein und scheut die letzten Konsequenzen. Er gibt

dem Menschen eine praktikable Ethik in die Hand, dass der

Mensch zwar Pflichten gegen Tiere hat, aber ihnen auch, wenn ein

»vernünftiger Grund« vorliegt »Schmerzen, Leiden und Schäden

zufügen« (§ 2 TSG) kann. Was ein »vernünftiger Grund« ist, bleibt

offen. Er reicht vom menschlichen Appetit bis zum Zirkus. Der

»homo-mensurae Satz« des Protagoras ist weiter gültig. Aber die

ungeteilte Ethik steht im Raume. Die Tierrechte vollziehen diesen

Schritt und hier ist der berühmte Satz von Jeremy Bentham fällig,

der bahnbrechend gewirkt hat:

"Der Tag wird kommen, an dem auch den übrigen lebenden

Geschöpfen die Rechte gewährt werden, die man ihnen nur

durch Tyrannei vorenthalten konnte. Die Franzosen haben

bereits erkannt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist,

einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers

auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, dass die Zahl

der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os

sacrum sämtlich unzureichend Gründe sind, ein empfindendes

Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen".

Aber welches andere Merkmal könnte die unüberwindliche

Grenzlinie sein? Ist es die Fähigkeit zu denken? Ist es die

Fähigkeit zu sprechen? Die Frage ist nicht: können sie

denken? Oder: können sie sprechen? Sondern: Können sie

leiden?« 24

Tiere haben also vom Menschen zu berücksichtigende Rechte und

die können nicht durch ihre Zugehörigkeit zu einer anderen

Spezies eingeschränkt werden. Das wäre dieselbe Willkür, wie

Rechte des Menschen aus Gründen der Rassen- oder

10

Geschlechterzugehörigkeit einzuschränken. Insofern haben

Rassismus, Sexismus und Speziesismus miteinander zu tun. Im

Sinne einer Befreiungsbewegung, die sich für die Hilflosesten

einsetzt, hat die Tierrechtsbewegung heute schon stark an Terrain

gewonnen. Peter Singers Buch »Animal Liberation« (1975) hat

bahnbrechend gewirkt. Schwäche kann kein Grund sein, Rechte zu

verweigern. Wo (höhere) Tiere uns Menschen vergleichbar sind,

(Bewusstsein, Leid, Sozialleben, Verhalten) begründet das gleiche

Rechte, wo sie anders sind, ist ihre Andersartigkeit zu

berücksichtigen, die ihr Grundrecht nicht in Frage stellt. "Alle

Tiere sind gleich" 25 - prinzipiell; und das durchaus im Sinne der

Menschenrechte, denn die verstehen Gleichheit ja nicht als

humane Identität, sondern dass auf Grund der Zugehörigkeit zur

Spezies Mensch (unabh. von Geschlecht, Bildung, sexueller

Prägung, Religion, Rasse) eine prinzipielle Achtung der Würde

voraussetzt. Je nach den Unterschieden, ob Kind oder Erwachsen,

gesund oder behindert, Mann oder Frau, wird auch die Behandlung

ausfallen und die Andersartigkeit, die die Gleichheit nicht aufhebt,

respektiert. Die Tierrechtsbewegung spricht Tieren einen

inhärenten Wert zu. Sie stellt sie den Menschen prinzipiell gleich

und gesteht ihnen analoge Bedürfnisse zu, die zu berücksichtigen

sind. Bentham z.B. als Utilitarist nennt den Grund: »weil sie leiden

können«. Das heißt umgekehrt nichts anderes, als dass Tiere ein

Recht auf Glück und Daseinsverwirklichung haben. Vielleicht

könnte das biblische »alles nach seiner Art« hier eine ethische

Bedeutung haben?

Die ethischen Konsequenzen sind mit Händen zu greifen. Alle

ideologischen Konstrukte, die den Menschen Tiere auf Grund des

»(Un)Rechtes des Stärkeren« auszunutzen erlauben, werden total

in Frage gestellt. Die Tierrechtsbewegung hat allen

Erscheinungen der Tierausbeutung den Kampf angesagt:

Fleischkonsum, der zudem für den Menschen schädlich und für die

Erde verheerend ist, ist passe, Pelze und auf Basis von

Tierversuchen hergestellt Produkte ebenfalls. Die ganze

Gesellschaft des Kapitalismus, der immer auf Kosten derer

lebt, die zu schwach sind sich zu wehren, wird hier vor allem

durch junge Leute radikal im Lebensstil herausgefordert. Das

beginnt in Familien, wo Kinder plötzlich das Familienleben

durcheinanderbringen, indem sie ihren Eltern verkünden, dass sie

in Zukunft nicht mehr gewillt sind, »Leichenteile zu verzehren«. Sie

gehören zu der mittlerweile nicht unbedeutenden Gruppe von 8%

derart Gesinnter in Deutschland. Essen und Moral werden in

Beziehung gesetzt oder biblisch gesprochen: Gen. 1,29 tritt

wieder in Kraft. Es gibt Kampagnen vor Peek & Cloppenburg

gegen Pelze, Tierbefreiunsaktionen aus Labor und Massenhaltung

oder Jagdstörungen, wenn die Hubertusjünger anlegen, wo

doch ihr Heiliger alle Waffen niederlegte ...

Die Kirche ist an dieser Bewegung unbeteiligt. Das war sie

aber auch in der Sklaven- oder Frauenfrage, ebenfalls in der

Arbeiterfrage oder den Bürgerrechten für die Juden. Stets war

sie zu spät. Aber an diesen Dingen wird deutlich, dass jedes

Problem die berühmte Stufenleiter der Anerkennung erklimmen

muss:

Zuerst wird es kaum beachtet und lächerlich gemacht. Als

nächstes wird es bekämpft. Und zuletzt gilt es als

selbstverständlich (Schopenhauer).

Ausblick

Die Frage nach dem Umgang mit der nichtmenschlichen Welt ist

nicht mehr zu ignorieren. An ihr wird sich auch das Überleben

der Menschheit entscheiden Eine biblische Ethik existiert für Tier,

ebenso wenig wie für Frauen und kann nur höchst unterschiedliche

Konzepte hervor bringen.


Folgendes ist zu bedenken:

Das Monopol des Menschen ist neu zu interpretieren. Die

Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier ist in ihren moralische

Folgen zu bedenken.

Grundlegende biblische ethische Muster müssen auf die anderen

empfindenden, anders denkenden und bewusst seiende Wesen

ausgedehnt werden:

Nächstenliebe (denn Tiere sind zumindest unsere Übernächsten

oder, die die Lange vor uns waren) gilt auch ihnen.

Prinzipien der Gewaltlosigkeit sind auf die Natur zu erweitern,

denn Gewalt ist kein Phänomen allein zwischen Menschen.

Haltungen, wie die Sanftmut, welcher der Besitz der Erde

verheißen ist, sind in dieser universal Dimension wieder zu

entdecken und anzuwenden (Schweitzer).

11

Tiere sind Partner, und Schöpfungsgenossen des Menschen

beide sind aufeinander bezogen - allein auf diese Grundannahme

kann eine Ethik gründet werden.

Aufzugeben sind alle artegoistischen ethischen Muster, die die

Natur und die Tiere nur solange schont, wie deren Schädigung auf

den Menschen zurückfallen kann. Wir sollten dabei keine Angst vor

säkularen Auffassungen oder naturwissenschaftlichen

Erkenntnissen haben.

»Es gibt keinen einleuchtenden Grund aus dem bloßen Faktum

der Macht auf ein Recht auf deren beliebige Anwendung

abzuleiten.« (G.M. Teutsch)

1.) Zu diesem Komplex: Eugen Drewermann: Ich steige hinab in die Barke der Sonne, Freiburg Walter 1989 oder kurz: Richard D. Precht:

Noahs Erbe, Hamburg Rowolth 2000, S. 158-167.

2.) Nach dem Agrarbericht der Bundesregierung wurden 2002 z.B. 44.172.942 Schweine und über 850.000.000 Geflügeltiere geschlachtet

und sind reichlich 1,8 Millionen Versuchstiere »verbraucht« worden.

3.) Ursula Wolf: Das Tier in der Moral, Frankfurt 1990,S.133.

4.) Precht S. 12.

5.) Karl Barth: KD 111/4, Zürich 1951, S. 401: »Und die Nähe das Tieres zum Menschen bringt es unweigerlich mit sich, daß der Mensch

mit seiner Tötung etwas tut, das der Menschentötung mindestens sehr ähnlich ist. Das ist es, worüber man sich klar sein muss . - «

6.) Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, München Beck 1996, S. 317.

7.) Eugen Drewermann: Uber die Unsterblichkeit der Tiere, Solothurn und Düsseldorf, Walter Verlag 1993 S. 40

8.) René Descartes: Abhandlungen über die Methode, Stuttgart Reclam 2001, S. 105.

9.) Schweitzer, aa0.

10.) Summa contra gentiles, 1182

11.) Arthur Schopenhauer: Uber das Fundament der Moral, in: ders.: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Berlin o. J., S. 265.

12.) Vgl. Ursula Wolf, aa0., S. 75-86.

13.) Peter Singer: Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit, Auszüge in : EMMA, Dossier Tierrechte 6/2002, S. 42-43.

14.) Darwin in seinen Notizbüchern von 1838, die seine Werke begleiteten und manches schärfer formulierten, als er es in seinen Büchern

wagte, zit, Bei Eve-Maria Engels: Erkenntnistheoretische Konsequenzen biologischer Theorien, in: Eric Kubli u.a.: Konsequenzen der

Biologie, Stuttgart 1999, S. 56.

15.) Vgl. Klaus-Michael Meyer-Abich: Tiere sind Andere wie wir; in: Scheidewege 33, S. 191 f.

16.) Goethe, Faust 1281 ff .

17.) Franz Wukettits: Naturkatastrophe Mensch, Evolution ohne Fortschritt; Düsseldorf Patmos 1998, S. 206-213. »Es (ist) nicht falsch, den

Zivilisationsprozess als einen Vorgang zu, bezeichnen, der - parallel zur Akkumulation von Werkzeugen - das menschliche Gewaltpotenzial

systematisch vergrößert hat. Wie dünn die Haut unserer Zivilisation ist, sieht man am besten an den unzähligen Vorkommnissen in unserem

Alltag.« , S. 210f.

18.) Über tierisches und menschliches Verhalten, Gesammelte Abhandlungen, München Zürich 1984,S.148-156.

19.) Der ehemalige Kirchenfunkredakteur des ZDF Wolf-Rüdiger Schmidt schrieb das empfehlenswerte Buch: Der Schimpanse im

Menschen - das gottebenbildliche Tier, Gütersloh 2003.

20.) Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und Denken, in: Albert Schweitzer Lesebuch, München Beck 1995, S. 173.

21.) Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, S. 330.

22.) Kultur und Ethik S. 247.

23.) Albert-Schweitzer-Archiv Günsbach zit. in: Gotthard M. Teutsch: Lexikon der Tierschutzethik, Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 1987,

S. 47.

24.) »Introduction to the Principles of Morals and Legislation, 1789. Zit. bei: Peter Singer: Befreiung der Tiere, München, Hirthammer 1982,

S. 26 f.

25.) Vgl. den Aufsatz von Peter Singer: Alle Tiere sind gleich, in: Naturethik; hrsg. Von Angelika Krebs; Frankfurt Suhrkamp 1997, S. 13-32.

Z


Umkehr zur Schöpfung - die ökologische Herausforderung für die Kirche"

Beitrag von Pfr. Dr. Ulrich Seidel zu dem Buch:

“Erinnern-Danken-Fragen. 20 Jahrer Friedliche Revolution- Kirchen in Sachsen

Vortrag in Schmochtitz bei Bautzen am 16.03.2009

Der Paukenschlag von 1972 hat die Welt

verändert: Das Erscheinen des Buches

„Die Grenzen des Wachstums“ durch den

„Club of Rome“ hat der Menschheit vor

Augen gestellt, dass sie vor der

Existenzfrage steht. Angesichts

begrenzter Ressourcen an Rohstoffen

und den Grenzen der Belastbarkeit der

Biosphäre durch den Menschen stellte

sich die Frage nach der Zukunft

kommender Generationen und dem Überleben der Spezies

Mensch. Die Umweltbewegung formierte sich unter dem

säkularen „Ruf zur Umkehr“ und organisierte sich binnen

kürzester Zeit. Sie ist aus dem heutigen Leben nicht mehr

wegzudenken.

Auch in der DDR, deren ökologische Probleme offensichtlich

waren, hat sich diese Bewegung niedergeschlagen. Unter

dem Dach der Kirche, als einziger relativ unabhängiger

Organisation in der DDR, organisierten sich die

Umweltgruppen. Wie die anderen Basisgruppen bestanden

sie aus Menschen unterschiedlicher weltanschaulicher

Einstellung: Christen, denen die Schöpfungsfrage am Herzen

lag und Kirchendistanzierte, aber umweltethisch bewegte

Menschen, die der DDR-Regierung völlige Ignoranz

gegenüber den z. T. ökologisch katastrophalen Zuständen

zum Vorwurf machten. Sie fanden im Engagement und auch

in der unterschiedlich empfundenen Ablehnung der DDR

zueinander. Es gab unzählige Aktionen, welche die DDR an

einer empfindlichen Stelle trafen. Denn es war völlig klar,

dass die DDR außerstande war, ihre ökologischen Probleme

auch nur annähernd zu lösen. Sie reichten von Luft- und

Gewässerverschmutzung, Bodenverseuchung und

Müllproblemen bis hin zur Landschaftszerstörungen durch

exzessiven Braunkohle- und Uranabbau. Die

Autarkiebestrebungen der DDR hatten einen hohen Preis,

und selbst geringste Veränderungen der Situation waren für

die marode DDRIndustrie ökonomisch faktisch nicht leistbar.

Es gab Zentren kirchlicher Umweltarbeit. Es existierten

„Umweltbibliotheken“ (z. B. in Leipzig und Großhennersdorf),

12

die Friedensgebete der Leipziger

Nikolaikirche öffneten sich diesen Themen,

in Dresden entstand Anfang der 80er Jahre

der „Ökologische Arbeitskreis“ und im

Braunkohlerevier

südlich von Leipzig das „Umweltseminar

Rötha“, das mit Gottesdiensten,

Pilgerwegen und fantasievollen

symbolischen Aktionen, wie die „Mark für

Espenhain“, öffentlich auf sich aufmerksam

machte.

Menschen sammelten auf Spendenlisten, persönlich

unterschrieben, je eine symbolische DDR-Mark, die dann

dem Staat übergeben werden sollte, um eine Kokerei mit

gigantischem Schadstoffausstoß zu sanieren. So wurde das

Verbot von Unterschriftensammlungen unterlaufen. An vielen

Stellen wurden Umweltdaten gesammelt, die in der DDR

unter Verschluss waren und mit deren Weitergabe die

Behörden empfindlich getroffen wurden. Am Weltumwelttag,

am 5. Juni 1988 und 1989, fand der „Pleiße-Gedenkmarsch“

statt. Die Pleiße war jener verseuchte Fluss, an dem die

Stadt Leipzig liegt. Beginnend mit einem Gottesdienst,

nahmen etwa 1000 Menschen daran teil und die

anschließende Demonstration gehörte zu den ersten der

Wendezeit. Sie wurde aufgelöst und es gab Festnahmen.

All diese Aktivitäten waren Teil des mit viel Fantasie

geführten gewaltlosen Widerstandes, der stark von Martin

Luther King inspiriert war. Sein Gedanke, dass

Gewaltlosigkeit nicht Schwäche, sondern wirkungsvolle

Strategie ist, hat hier Früchte getragen. Immerhin hatte die

unter dem Dach der Kirche existierende Umweltbewegung

den

Vorteil, dass die Vertreter des Staates ihr zumindest die

positive Absicht, Natur und Leben schützen zu wollen,

unterstellten. „Allgemein kann gesagt werden, dass die

einzelnen Instanzen des SED-Regimes die

Umweltbewegungen […] weniger feindselig betrachteten als

die Friedensbewegung oder gar die

Menschenrechtsgruppen“. 1

2. Das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg (KFH)

Hervorgehoben sei an dieser Stelle die Umweltarbeit des

„Kirchlichen Forschungsheimes Wittenberg“ (KFH). Es mag

zeichenhaft für die ganze Bewegung stehen. Es wurde 1927

gegründet, um die weltanschauliche

Auseinandersetzung mit der Lehre Darwins zu führen,

deren gewaltige Herausforderung damals noch ganz

anders bestand. Otto Kleinschmidt, der Gründer des

Hauses, entwickelte zur Erklärung der Entstehung der

Arten seine Formenlehre“, die dem Kreationismus

zugerechnet wird. Als noch heute namhafter

Ornithologe ging er davon

aus, dass sich die Arten unabhängig aus einem „Urgrund

gebildet hätten. Auch in der frühen DDR-Zeit arbeitete das

Forschungsheim auf diesem Gebiet, da die


Instrumentalisierung des „Darwinismus“ als Waffe des

Atheismus die Gemeinden der 50er und 60er Jahre in

Bedrängnis brachte. Hier entstand ein Grundproblem. Viele

Christen

erwarteten vom Forschungsheim eine Art Widerlegung

Darwins und eine „wissenschaftliche“ Bestätigung der

biblischen Lehre im Kampf gegen den Atheismus. Anderseits

ging es auch um die Verteidigung der Wissenschaft vor

ideologischer (auch christlichfundamentalistischer)

Inanspruchnahme. Ein 1983 vom KFH erarbeitetes

Papier zur kritischen Auseinandersetzung mit dem

Kreationismus ist auf wenig Gegenliebe gestoßen und

ein Zeichen der noch immer unbewältigten Beziehung

zwischen Wissenschaft und Glaube bis auf den

heutigen Tag, da diese Zeilen im „Darwinjahr 2009“

geschrieben werden und dieser Konflikt wieder neue

Nahrung erhält.

Anfang der 70er Jahre wandte sich das Forschungsheim

noch vor dem „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden

und Bewahrung der Schöpfung“ den ökologischen

Herausforderungen zu. Die innere Anknüpfung an die Frage

nach Schöpfung und Evolution ist stringent. Sowohl die

Evolutionsbiologie als auch die Ökologie gehen nur von

verschiedenen Seiten der Frage nach, welche Stellung der

Menschen im Naturganzen habe. Begann sich im Westen

Deutschlands eine Umweltbewegung auf breiter Basis zu

organisieren, war das im Osten, der offiziell keine

Umweltprobleme hatte, völlig anders. Ab Mitte der 70er Jahre

entwickelte sich das KFH zu einer Art Koordinationszentrum

der Umweltarbeit der DDR-Kirchen. Es gab jährliche Treffen

zur Vernetzung der Umweltgruppen. Dort wurden Fakten und

Daten gesammelt, aber auch Forschungsarbeit betrieben.

Man wendete sich schon in den 70er Jahren umfassenderen

Fragen, wie dem Problemkreis der Genetik zu, denn das

Forschungsheim stand in einer wissenschaftlichen Tradition.

In den 80er Jahren wurden auch Schriften zu Fragen der

Wissenschaftsethik und zu Hochtechnologien publiziert.

Das Forschungsheim stand in Kontakt mit den Gemeinden

und gab Schriften im Selbstverlag heraus, parallel dazu

wurde Umweltarbeit geleistet. Einen hohen Bekanntheitsgrad

hatte die Aktion „Mobil ohne Auto“, als Zeichen dafür, dass

der Gedanke der „Umkehr zur Schöpfung“ nicht nur eine

politische Forderung war, sondern auch den

Einzelnen in der Suche nach einem nachhaltigen Lebensstil

inspirieren sollte. Der Initiator der Aktion, Hans-Peter

Gensichen, sagt rückblickend:

„‘Mobil ohne Auto’ gelang und wurde die größte

Umweltaktion in der DDR, die zeitgleich stattfand – immer

am Sonntag, der dem Umwelttag der UNO, also dem 5. Juni,

am nächsten lag. Diese Terminsetzung bedeutete im

13

Übrigen, dass wir, die Kirchen, diesen Tag okkupierten –

denn außer durch uns fand so gut wie nichts statt.“ 2

Das Publizieren der Schriften geschah per

Vervielfältigungsapparat. Genutzt wurde eine Lücke im DDR-

Recht, wonach kircheninterne Schriften mit der Aufschrift

„Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ vervielfältigt

werden konnten. Also trugen auch die Publikationen der

Umweltgruppen diesen Stempel. Das „Verbreitungsgebiet“

waren Kirchgemeinden und Interessierte, die sich dem

Forschungsheim und seinem Anliegen verbunden fühlten.

Die legendäre hektografierte Publikation „Die Erde ist zu

retten“ erlangte in 5 Auflagen eine weite Verbreitung.

Schließlich stellte sich die Frage nach einem periodisch

erscheinenden „Organ“ des KFH. Zeitschriften

herauszugeben war in der DDR verboten, aber Briefe durfte

man schreiben. So nannte man das schließlich vier Mal im

Jahr erscheinende Heft: „Briefe zur Orientierung im Konflikt

Mensch-Erde“.

Damit stand die Arbeit des Forschungsheimes auch nach

außen auf soliden Füßen. Die Briefe informierten und

inspirierten und durch die regelmäßigen Koordinationstreffen

verstärkte sich die Wirkung weiter. Da Umweltarbeit auch

Sachkunde über wissenschaftliche oder technologische

Zusammenhänge einschließt, hat das Forschungsheim

im Rahmen der Informationsmöglichkeiten in der DDR diese

zu vermitteln versucht. Dem Vorwurf mangelnder Kompetenz

in Umweltfragen durch die Behörden wurde so

entgegengearbeitet und zudem mit dem Anspruch der

„Kompetenz der Betroffenheit“ erwidert.

Mit der Wende geriet die christliche Umweltbewegung der

DDR in die Krise. Viele wendeten sich umweltpolitisch

aktiven Organisationen zu. Für andere war mit dem Ende der

DDR auch ein persönliches Kapitel politischer Opposition im

ökologischen Gewande beendet. Der Soziologe Detlef

Pollack sieht darin den tieferen Grund und meinte, dass der

Zerfall der Umweltgruppen nach der Wende ein Zeichen

dafür sei, dass Opposition die treibende Kraft der Gruppen

gewesen sei, nicht vordergründig das Motiv des

Umweltschutzes. 3

Das Forschungsheim suchte nach einem neuen Profil, wirkte

bei Expo-2000-Projekten mit, erfüllte Aufgaben als

Umweltstelle der Kirchenprovinz Sachsen, wurde

eingetragener Verein und schließlich mit der Evangelischen

Akademie Sachsen-Anhalt vereinigt. Erhalten geblieben sind

das Gebäude und die „Briefe“.

Im Rahmen der Evangelischen Akademie Sachsen-

Anhalt werden gelegentliche Veranstaltungen

organisiert.

3. „Umkehr zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“

Parallel zur Arbeit des Kirchlichen Forschungsheimes

entwickelte sich in der DDR fast als Massenbewegung der

„Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und

Bewahrung der Schöpfung“, der in der Ökumenischen

Versammlung in Dresden 1989 gipfelte 4 . Hier stand

vollmundig der christliche Begriff der Umkehr und des

Umdenkens angesichts der großen Probleme der

Menschheit im Mittelpunkt. „Umkehr führt nicht – nostalgisch


– in die Vergangenheit, sondern – prophetisch – in die

Zukunft.“ 5 Man spürt solchen Sätzen einen fast unbändigen

Willen ab, sich endlich für die in der DDR bestehenden

Probleme engagieren zu dürfen. Es liest sich heute nicht

ohne Bewunderung, wie kompromisslos sich die Kirche an

der Seite der Armen sieht, in Fragen weltweiter Gerechtigkeit

eindeutige Position bezieht und in der Friedensfrage vom

pazifistischen Geist geprägt ist.

Dankbar erinnern sich viele an diese Zeit klarer

Positionsbestimmung der Kirche.

Die Schöpfungs- und Umweltfragen werden nicht an erster

Stelle wahrgenommen, nehmen aber im hinteren Teil der

Erklärung breiten Raum ein. Gelegentliche Einwände, doch

die Reihenfolge zu verändern und „Bewahrung der

Schöpfung“ an erste Stelle zu setzen, weil die Erhaltung der

natürlichen Ressourcen letztlich den Handlungsspielraum für

alle anderen zu lösenden Menschheitsprobleme vorgäbe,

wurden nicht gehört.

Überblickt man die Analyse der Situation von vor 20 Jahren,

so könnte man denken, dass viele Probleme gleich

geblieben sind. Der prophetische Weckruf von Weizsäckers

„Die Zeit drängt“ 6 , der an verschiedenen Stellen des

Dresdner Dokumentes erscheint, gilt damals wie heute.

Sämtliche Fragen sind leider noch heute aktuell, so sehr ein

Umweltbewusstsein gewachsen ist und sich institutionalisiert

hat, sie müssen aber nun in einer globalisierten Welt gelöst

werden. Die ökumenische Versammlung in Dresden stellt

angesichts kommender Generationen die Frage nach den

Energieressourcen in den Mittelpunkt und nachdrücklich ein

permanentes Wachstum infrage. Verschiedene

Problemkreise sind angesprochen: Verschmutzung und

Vergiftung der Umwelt, Mobilitätsverhalten, Zersiedlung der

Landschaft, der Fleischkonsum und seine globalen Folgen,

die Massentierhaltung und die

Übernutzung der Böden durch Agrochemie usw. Weiterhin

wird die Offenlegung von Daten gefordert. Das ist heute

zumindest kein Problem mehr. Die Kirche wird aufgefordert,

ökologische Landwirtschaft auf ihren Ländereien zu

ermöglichen, Umweltbildung voranzutreiben und die

Synoden sollten sich regelmäßig mit Fragen der

Schöpfungsbewahrung befassen. Immer wieder wird auf

Die Friedliche Revolution hat das kirchliche Leben in der

ehemaligen DDR tief greifend verändert. Unbestritten ist das

Engagement für die Umwelt auch weiterhin fest in der Kirche

etabliert und es ist ebenso unstrittig, dass sich viele

ökologische Probleme nicht entschärft haben. Es gibt aber

ein ökologisches Bewusststein, das sich in die

Institutionen der Gesellschaft ausgewachsen hat. Es gibt

Umweltministerien, Umweltbeauftragte arbeiten in Firmen

und Einrichtungen, auch in den Landeskirchen und

Bistümern Deutschlands. Eine

Umweltgesetzgebung hat sich ebenso entwickelt, wie

Förderung umweltrelevanter Maßnahmen – die inzwischen

zum schier undurchdringlichen Dickicht geworden ist. Die

westlichen Landeskirchen können auf eine lange Arbeit

4. Die ökologische Arbeit der Kirchen

14

Verbraucherverhalten und die Notwendigkeit eines neuen

Lebensstiles verwiesen.

Die Klimafrage wird zwar im Text der Arbeitsgruppe „Energie

für die Zukunft“ schon angesprochen, steht aber noch nicht

derart im Fokus wie heute. Ebenso ist von der Katastrophe

des Artensterbens noch nicht die Rede. Das ist heute

mindestens so drängend wie die Klimafrage, denn stündlich

verarmt der Genpool um drei Tier- und Pflanzenarten.

Es geht um „die am wenigsten wieder herstellbare,

unersetzbarste aller Ressourcen, […] die von Äonen der

Evolution hinterlegt worden ist“. 7

Die Erklärung von Dresden spannt den theologischen Bogen

weit und beschreibt in geraffter und präziser Sprache die

zivilisatorischen Hintergründe des Schöpfungskonfliktes, in

dem sich die Menschheit befindet. Das Verhältnis des

Menschen zur Natur ist auf Gewalt gegründet, der Mensch

ist zur Übermacht geworden und hat sich alles

gewalttätig unterworfen. Am Anfang des industriellen

Zeitalters stehe Francis Bacons Parole „Wissen ist Macht“,

die ein ausbeuterisches Verhältnis zur Natur und den

Mitgeschöpfen begründet. 8 In der theologischen

Argumentation werden der Noahbund, den Gott mit allem

Lebendigen und der ganzen Erde schließt (1. Mose 8-9) und

der Schöpfungsfrieden von Jesaja 11 in Erinnerung gerufen.

Dieser stellt die Schöpfungsbewahrung in den Horizont einer

Vollendung aller Geschöpfe im Reich Gottes. Einen dem

Liebesgebot Jesu entsprechenden Umgang mit Natur und

allen Mitgeschöpfen macht die Dresdner Erklärung an der 3.

Seligpreisung (Mt. 5, 5) fest, dass die „Sanftmütigen die Erde

besitzen“ werden. 9 Diese Seligpreisung „ist heute eine

Verheißung von nicht nur friedenspolitischer, sondern auch

ökologischer Bedeutung. In dem Kreuz Jesu, als der

gewaltfreien Überwindung der Gewalt, liegt so auch

Hoffnung für die leidenden Mitgeschöpfe“. 10 Dieser

theologisch tiefgründigen Wahrnehmung steht aber die

nüchterne Erkenntnis zur Seite, dass „der Prozess der

zunehmenden Industrialisierung […] nicht von einer

entsprechenden Entwicklung der Ethik begleitet worden“ ist

11 , also wir faktisch über keine „Schöpfungsethik“ verfügen.

Diese Gedanken weisen in Richtung einer ethischen

Grundlegung, von der unten noch zu reden sein wird.

verweisen, von der die östlichen Landeskirchen profitieren.

Trotz des finanziellen Drucks der Kirchen steht diese Arbeit

nicht infrage und sie wird innerhalb der Arbeitsgemeinschaft

der Umweltbeauftragten (AGU) vernetzt. Die vielfältigen

Veröffentlichungen und Handreichungen decken alle

umweltrelevanten Bereiche ab. 12 Dennoch: Es bleibt ein

Handeln unter dem Druck der Tatsachen. Inzwischen hat

sich die kirchliche Umweltarbeit klar professionalisiert. Als ein

Beispiel möge der „Grüne Hahn“ dienen. Hier handelt es sich

um ein an europäischen Normen (EMAS) orientiertes „Öko-

Audit“, das an die Besonderheiten kirchlicher Einrichtungen

angepasst ist und entsprechend zertifiziert wird. Es bezieht

sich auf den Umgang mit allen Ressourcen: Energie,

Wasser, Verbrauchsmaterialien etc. In diesem


Zusammenhang sei auch auf die nun mittlerweile dritte

Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ verwiesen, die von

„Brot für die Welt“, dem „Evangelischen Entwicklungsdienst“

(EED) und dem BUND 2008 herausgegeben wurde 13 . Sie

analysiert die ökologischen Fragen, besonders die

Klimafragen, unter globalem Blickwinkel von Ungerechtigkeit

und Armut, und nimmt dabei sämtliche Handlungsfelder im

Sinne einer „Weltinnenpolitik“ in den Blick. Es ist der letzten

Studie zu danken, dass sie endlich auch den Skandal der

Nahrungsmittelverschwendung durch die Fleischproduktion

15

akzentuiert, wo wertvolle Hülsenfrüchte, die Menschen

ernähren könnten, in den Industrieländern zur Tiermast in

einer ungesunden und grenzenlosen „Fleischproduktion“

verschwendet werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich ein

Problembewusstsein und Verantwortungsgefühl auf breiter

Basis entwickelt hat, das aus der Arbeit der Kirchen nicht

mehr wegzudenken ist und immer auch den persönlichen

Lebensstil im Blick hat.

5. „Umkehr zur Schöpfung“ – Defizite und Probleme

Christen verstehen sich „als Mitglieder der lebendigen

Schöpfungsgemeinschaft, in der wir eine unter vielen Arten

sind, […] als Mitglieder der Gemeinschaft des Bundes in

Christus“ und als „Mitarbeiter Gottes“, die die „‘Ganzheit der

Schöpfung’ bewahren wollen […] und damit verbunden der

Ehrfurcht vor dem Geschenk Gottes einen breiten

Raum geben“, so Thomas Schaack, Umweltbeauftragter der

Nordelbischen Kirche. 14 Er gesteht aber ein, dass diese

Erkenntnis der Kirche keinesfalls in die Wiege gelegt war.

Auch sind diese Gedanken bei Weitem kein christliches

Allgemeingut. Man soll auch nicht vergessen, dass das

Christentum von Anbeginn der ökologischen Bewegung an

mit dem Vorwurf konfrontiert war, geistig mitverantwortlich für

die Umweltkrise des Industriezeitalters zu sein. Carl Amery

spricht von den „gnadenlosen Folgen des Christentums“, das

den Menschen als „Ebenbild Gottes“ bewusst der Natur

gegenüberstellt und somit „ein tiefer Graben zwischen dem

Menschen und dem Rest der Schöpfung angelegt ist“. Der

Mensch ist nicht etwa Teil der Schöpfung, sondern ihr

Kulminationspunkt“ und Ziel. Auch erhält der Mensch den

Auftrag zur „totalen Herrschaft“, sich die Erde untertan zu

machen (1. Mose 1,27 f.). 15 Gott ist auch nicht mit der

Schöpfung identisch, er schafft sie durch sein Wort und ist ihr

fernes Gegenüber.

Theologie-Studierende kennen aus den Genesisvorlesungen

den Begriff der „Entsakralisierung der Natur“, sie ist Materie

und nichts Göttliches wie in anderen Religionen, die das

Christentum überwunden hat. Eugen Drewermann sieht das

Grundproblem im „christlichen Anthropozentrismus“, also die

Auffassung, dass die Erde letztlich nur

um des Menschen willen geschaffen sei, er die „Krone der

Schöpfung“ ist, dem Gott „alles unter die Füße gelegt hat“

(Ps. 8, 4) und für den die Gaben der Erde gemacht sind. 16

Ehe man vorschnell diese Vorwürfe abweist, bedenke man

angesichts der „Umkehr zur Schöpfung“, dass unsere

Religion in der Schöpfungsfrage viele weiße Flecken hat.

1. Die Kirche muss ihre Stimme erheben, wo durch

Eingriffe des Menschen in die Natur negative Folgen für

ihn eintreten (Agrochemie, grüne Gentechnik, Gifte).

2. Die Welt ist Gottes Schöpfung und als Werk Gottes zu

achten und zu bewahren.

Sieht nicht das Christentum in der irdischen Welt nur ein

Provisorium, das einmal vom „Vollkommenen“ abgelöst

werden wird und degradiert sie damit zur Zweitklassigkeit (1.

Kor. 13,12 u. ä.)? Das Christentum in Deutschland begann

mit einem Naturfrevel: Bonifatius fällte bei Geismar 722 die

Donareiche und demonstrierte den Heiden die Machtlosigkeit

ihrer (Natur)götter und die Macht des wahren Gottes.

Naturfrömmigkeit hat oft unter dem Verdacht des

Aberglaubens oder des Pantheismus gestanden. Streng

genommen kommt die Schöpfung auch im Kirchenjahr nicht

vor. Das Erntedankfest ist vorchristlichen Ursprungs

und ein Zugeständnis an die allgemeine Religiosität. 17

Inzwischen hat es sich aber voll etabliert und zieht alle

Themen auf sich, die sonst kaum vorkommen: Schöpfung,

Eine Welt, Umweltschutz, Tierschutz, fairer Handel, Hunger,

Gentechnik etc. Damit ist dieses Fest neben seinen

traditionellen Inhalten völlig überfrachtet. Es ist dringend

geboten, das Kirchenjahr für die Schöpfung zu öffnen oder

eine „Schöpfungsspiritualität“ zu entwickeln, etwa der

Schöpfung in Fürbitten oder der in Beichte Raum zu geben.

Schuld gegenüber der Natur und den Tieren wird überhaupt

nicht empfunden. Man könnte auch der „geschundenen

Kreatur“ (Röm. 8,21) einen der Passionssonntage widmen.

„Umkehr zur Schöpfung“ heißt nicht ein oft karikiertes

„Zurück zur Natur“, sondern bedeutet, gemäß dem biblischen

Beispiel des „Barmherzigen Samariters“ (Lk. 10,25-36) an

der vom Menschen vergewaltigten Schöpfung und der

geschundenen Tierwelt nicht vorüberzugehen. Es ist Zeit,

sich ihr erbarmend zuzuwenden, Gerechtigkeit und Würde

für sie einzufordern und zu praktizieren, statt sie geistig und

religiös auszugrenzen.

Kirchliches Umweltengagement bewegt sich in einem

ethischen Schwebezustand. Worauf gründet es sich

eigentlich? Folgende Grundprinzipien ließen sich in einer

gewissen Reihenfolge erkennen:

3. Wir haben Verantwortung für künftige Generationen und

Ansprüche von Kindern und Enkeln zu berücksichtigen

(Ressourcen, Klima).

4. Die weltweiten Folgen des Raubbaus an den

Lebensgrundlagen sind in ihren Auswirkungen auf ferne

Nächste in armen Ländern zu bedenken (Regenwald).

5. Andere Lebewesen sind Geschöpfe wie wir, ihnen ist

Achtung entgegenzubringen (Tierschutz, Artensterben).


Analysieren wir scharf, so bleibt als Fazit, dass es sich

letztlich um ein auf das Eigeninteresse des Menschen

gerichtetes Ethos handelt. Es ist anthropozentrisch (auf den

Menschen bezogen) und theozentrisch (auf Gott bezogen)

ausgerichtet, mit der vagen Tendenz, ethische Prinzipien

auch auf andere Mitglieder der Schöpfungsgemeinschaft

auszuweiten (Würde und Gewaltlosigkeit).

Insgesamt ist es das Problem der westlichen Kultur, das

Albert Schweitzer auf den Punkt bringt, indem er bemerkte,

dass „die europäischen Denker darüber wachen, dass ihnen

keine Tiere in der Ethik herum laufen“. 18 Auch die christlichen

Moralvorstellungen sind allein auf den Menschen begrenzt

geblieben. Der Mensch jedoch hat die Macht zu bestimmen,

auf wen er im Sinne des „barmherzigen Samariters“ die Ethik

auszuweiten gewillt ist:

– nur auf den Menschen (anthropozentrische Ethik)

„Relecture der Bibel“ (Erneutes Lesen der Bibel) heißt, die

Bibel angesichts aktueller Fragen „neu“ zu lesen. Die

feministische Theologie hat die Bibel mit den Augen der

Frauen „neu“ gelesen und die weiblichen Seiten Gottes

gesehen oder die Befreiungstheologie hat „Gott als Befreier“,

der an der Seite der Armen steht, neu entdeckt.

Auch in der Schöpfungskrise wird die Bibel „neu“

gelesen. Das betraf vor allem die Frage nach Stellung

und Auftrag des Menschen in der Natur jenseits

traditioneller christlicher Anthropozentrik. Hier traten die

beiden Schöpfungstexte der Genesis neu in den

Blickpunkt, vor allem in der Spannung, die Erde zu

beherrschen (1. Mose 1,28) und zu bewahren (2,15).

Das berühmte „Machet euch die Erde untertan“

(dominium terrae), wird ja in keiner Weise erklärt oder

begrenzt. Immerhin wird heute das vegetarische

Nahrungsgebot an den Menschen 1. Mose 1,29 im

Sinne einer Begrenzung dieser Herrschaft verstanden.

Es gewinnt angesichts von Massentierhaltung,

Megaschlachthöfen und der völligen Unterwerfung des

Tieres unter die Gewalt des Menschen neu an

Bedeutung. „Die Ausleger sind sich heute einig, dass

das Vorstellungs- und Sprachmaterial, mit dem das

dominium in 1. Mose 1,26-28 formuliert ist, aus dem

Bereich des Königtums stammt: Wie der König über

sein Volk herrscht, so soll der Mensch Herr der Tiere

und der Erde sein […] als irdischer Garant der

universalen Schöpfungs- und Lebensordnung“. 22 Der

anthropozentrische Gedanke relativiert sich, wenn man

zur Kenntnis nimmt, dass die Menschen und die Tiere

gemeinsam am 6. Tag geschaffen wurden und beide

den Fruchtbarkeitssegen empfangen haben. Tiere sind

„Mitgeschöpfe“, haben eine eigene Würde und sind

keine Sachen. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ hat auch

Eingang ins säkulare deutsche Tierschutzgesetz

6. Relecture der Bibel

16

– auf alles, was leidet und fühlt (pathozentrische Ethik)

– auf alles Leben (biozentrische Ethik)

– oder auf alles Sein (holistische Ethik)

In der Schöpfungskrise stößt die anthropozentrische Ethik an

klare Grenzen und ist den Anforderungen nicht gewachsen. 19

Im christlichen Erbe liegt durchaus eine Ethik des Mitgefühls

mit der leidenden Kreatur bereit. Albert Schweitzers

„Ehrfurcht vor dem Leben“ weist gangbare Wege einer Ethik,

die mitfühlend über den Menschen und seine Interessen

hinausweist. Schweitzer hat seine Ethik im Geiste Jesu der

Liebe und Barmherzigkeit entwickelt. „Die Ehrfurcht vor dem

Leben (trägt) die Begründung der Liebe in sich und verlangt

Mitleid mit aller Kreatur“. 20 Schweitzer ist oft genug der

„bloßen Ethik“ verdächtigt worden, jedoch fließen bei ihm

Glaube und Tat zu einer Einheit zusammen. 21

gefunden. 23 Der Mensch ist nicht die „Krone der

Schöpfung“ (was ein unbiblischer Begriff ist), sondern

die Schöpfung vollendet sich am 7. Tag und kehrt damit

zu Gott zurück. Der Sabbat ist die „Krönung der

Schöpfung“. Fast zum Schlagwort der christlichen

Umweltbewegung avancierte der Auftrag an Adam, den

Garten Eden „zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose

2,15). Angesichts drohender globaler Katastrophen

wurde auch die Flutgeschichte neu gelesen und der

Bund Gottes mit der Erde und allem Leben in seiner

tiefen Bedeutung wahrgenommen. Klaus-Peter Jörns

würdigt besonders die Versuchungsgeschichte des

Markusevangeliums. Jesus ist mit den Tieren in der

Wüste (Mk. 1,12;13) das meint die Wiederherstellung

der ursprünglichen Schöpfungseinheit, die in Jesus

gegeben ist. 24 In all dem vergrößert sich die Textbasis

für eine Ethik der mit uns geschaffenen Welt bedeutend.

Das Buch von Franz Alt: „Der ökologische Jesus“ hat

viele bewegende Aspekte, in der Theologie wurde es

jedoch völlig ignoriert. 25

Ein interessantes Beispiel theologisch-philosophischer

Interpretation der neutestamentlichen

Schöpfungsgeschichte bietet Klaus Michael Meyer-

Abich in seiner Auslegung des Prologes des

Johannesevangeliums („Im Anfang war das Wort“, Joh.

1,1-10). Er spricht in Rückgriff auf Nikolaus von Kues

von „Jesus, dem Erdensohn“. Gott (der Logos) wurde

nicht „Mensch“, sondern „Fleisch“. Er nahm dieses

irdische Element an, „wegweisend für die Natur

überhaupt […] Dann aber würde es Zeit, Jesus Christus

nicht mehr nur als Gottessohn und als Menschensohn

anzusprechen, sondern nun vor allem als Erdensohn“,

in dem sich die Schöpfung verkörpert. 26 Meyer-Abich

bezieht sich auf einen weiteren Text, der in der


Relecture der Bibel von Gewicht ist: Kol. 1,18: Christus

als das Haupt der ganzen Schöpfung, was eindrücklich

in der berühmten Weltkarte im Kloster Ebstorf

anschaulich würde, die Christus mit dem Erdkreis als

Körper zeigt. 27 Man wird davon ausgehen müssen,

Mit Charles Darwin hat sich unser Weltbild grundlegend

geändert. Stand der Mensch bis dahin unendlich weit über

dem „Rest der Welt“, ordnet er sich nun in die Welt des

Lebendigen ein. Die moderne Biologie hat den Unterschied

zwischen Mensch und Tier eingeebnet, und je weiter sie

fortschreitet, ob in der Genetik oder der Primatenforschung,

desto mehr schwindet das Schöpfungsprivileg des Homo

sapiens dahin. Der abendländisch-christliche Mensch, der

von einem tiefen Graben zwischen Mensch und Tier, Leib

und Seele, Geist und Materie ausgeht, hat im Tier immer

etwas Minderwertiges gesehen. Faktisch aber ist der

Unterschied zwischen Mensch und

Tier graduell, nicht prinzipiell 28 und

eine biologische Tatsache.

Natürlich ist der Mensch, „das

dominierendste Tier, das je auf

Erden erschienen ist“ 29 , aber er ist

Lebewesen unter Lebewesen und

als Einziges fähig, Verantwortung

zu übernehmen. Darin liegt sein

Privileg mit klaren ethischen

Implikationen. „Der Mensch ist nur

eine von tausenden und

abertausenden von Arten und ohne

die allerersten Lebewesen auf

diesem Planeten würde es uns

nicht geben. Was uns verbindet, ist

das Prinzip des Lebendigen. Aus

7. Naturwissenschaftliche Akzente und Ausblick

17

dass eine religiöse Positionsbestimmung innerhalb der

ökologischen Bewegung nur eine Stimme unter vielen

ist und wenn die christliche Stimme gehört werden will,

bedarf es einer an der Bibel erarbeiteten Ethik, die sich

aber nicht allein auf den Menschen beziehen kann.

der verwandtschaftlichen Beziehung des Menschen zu den

anderen Lebewesen lässt sich eine neue und anders

fundierte Solidarität mit der übrigen Natur ableiten“. 30

In diesem Horizont befindet sich die religiöse Wahrnehmung

des Menschen als „Erdenwurm“, der aus dem Erdenstoff

gemacht ist (1. Mose 2,7), der den Garten der Erde als seine

Heimat hegt (2,15), gewaltfrei von den Früchten und Samen

lebt (1,29; 2,16) und den Tieren als seinen Gefährten

vertrauensvoll Namen gibt (2,19). Das ist die religiöse und

ästhetische Seite einer Erfahrung, die sich auch nüchtern

wissenschaftlich artikulieren lässt.

Um der Zukunft der Erde und

ihrer Wesen willen wird es der

Kirche und der Theologie nicht

erspart bleiben, zur Solidarität

mit der Schöpfung umzukehren

und konsequent die Grenzen

des Anthropozentrismus zu

überwinden. Es gilt die

Schöpfung und alles Leben zu

bejahen, sie in Glauben, Ethik

und Spiritualität einzubeziehen,

um

damit wirklich zum „Salz der

Erde“ (Mt. 5,13) werden zu

können.

1 . Patrick von zur Mühlen: Die zentrale Sicht der Stasi auf die kirchliche Umweltbewegung

in der DDR, in: Briefe 22 (2001), Sonderheft „Kirche, Umwelt, Stasi“, Wittenberg, 41. „Die SED konnte jemanden, der einen

Baum pflanzt, schlecht als Staatsfeind bezeichnen“ (Hubertus Knabe: Erfolge und Misserfolge der kirchlichen Umweltbewegung

in der DDR – eine thesenhafte Bilanz, in: Briefe 22, Wittenberg 2001, 33.).

2 So Hans-Peter Gensichen in einem späteren Vortrag. Dass es eine symbolische Aktion war, zeigt die folgende Bemerkung:

„Niemand wird an den damaligen Mobilohne-Auto-Sonntagen eine Verringerung des Verkehrsaufkommens festgestellt haben.“

(ebd.). Das stellt natürlich die Frage nach der Bedeutung der Umweltgruppen überhaupt.

(Quelle: www.autofrei.de/wb/media/Konf99Weimar/gensichen)

3 Detlef Pollack: Kirche zwischen inszenierter Öffentlichkeit und informellen Kommunikationszusammenhängen. In: Die Zeichen

der Zeit 48/1994, 202-209.

„Die Ökologie übte, so ernst sie vielen sicher war, in manchen Fällen nur diese Vorwandfunktion aus, um Kritik legitimieren zu

können“ (von zur Mühlen, a. a. O., 46.)

4 Das Wort der 3. Ökumenischen Versammlung „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in Dresden 1989 ist

zugänglich unter: http://oikoumene.net /home/regional/dresden/dmd.1/index.html.

Die folgenden Bezüge werden nach den Gliederungspunkten und den dort fortlaufend nummerierten Sätzen genannt.

5 1.1.3. (8)

6 Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Zeit drängt, München 1986.

7 Hans Jonas: Ist erlaubt, was machbar ist? Bemerkungen zur neuen Schöpferrolle des Menschen, in: Ökologische Theologie

und Ethik II, Graz, Wien, Köln 1999, 68.


8 1.2.4.3.(46). Zu Francis Bacon: Klaus Michael Meyer-Abich: Praktische Naturphilosophie, München 1997, 231-236. Bekannt

ist sein verhängnisvoller Spruch „Die Natur gleichsam auf die Folterbank“ (a. a. O., 160.).

9 Ebd.

10 8.2 (3)

11 Ebd.

12 Es sei auf eine Vielfalt von Veröffentlichungen hingewiesen, z. B: Schöpfungszeit, Bewahrung der Schöpfung – praktisch,

Hannover 2004; Vielfalt verstehen, eine Arbeithilfe, Heidelberg 2005 oder Leben ist keine Ware! (die Patentierung von Lebewesen)

2008. Weitere Informationen: www.ekd.de/agu.

13 In der Kurzfassung: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt –

Einblicke in die Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, 2008.

14 Thomas Schaack, Schöpfungstheologie und Schöpfungsspiritualität. in: Schöpfungszeit, s. Anm. 11

15 Zum Ganzen: Carl Amery: Das Ende der Vorsehung, die gnadenlosen Folgen des Christentums, Hamburg 1972, 15-18.

16 Eugen Drewermann: Der tödliche Fortschritt – von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums,

Freiburg, Basel, Wien 51992, 67-79.

17 „Das heilsgeschichtlich orientierte Jahr der Kirche kennt kein Erntedankfest.“ (Rupert Berger: Artikel Ernte, Erntedankfest. II.

Liturgisch; in: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 31959, Sp. 821). Kirchenordnungen von 1536 und 1553 erwähnen ein

solches Fest nicht, das sich erst im 17. Jahrhundert entwickelte. Vgl. Herbert Vicon: Die Feste des Christentums, Gütersloh

1997, 105-107.

18 Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, München 1996, 317.

19 Zu den „Ethiktypen“ vgl. Markus Vogt und Matthias Sellmann: Handeln für die Zukunft der Schöpfung, Bausteine für die Bildungsarbeit,

Hamm 1999, 79-85.

20 Albert Schweitzer: Das Problem der Ethik in der Höherentwicklung des menschlichen Denkens, in: Das Christentum und die

Weltreligionen, München 1992, 87.

21 „Der Diastase (dem Gegensatz d. V.) von Wort und Tat, von Theorie und Praxis gewährte Albert Schweitzer nicht einen Millimeter

Boden“ (Erich Gräßer: Albert Schweitzer als Theologe, Tübingen 1979, 10.

22 Gerhard Liedke: Im Bauch des Fisches. Ökologische Theologie, Stuttgart, Berlin, 136.

23 Tierschutzgesetz §1: „… aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf …“

24 Klaus-Peter Jörns: Notwendige Abschiede, Gütersloh 22005, 257 f.

25 Franz Alt: Der ökologische Jesus, Vertrauen in die Schöpfung, München 1999.

26 Meyer-Abich: a. a. O., 44. „Vielleicht lag schon in der übergroßen […] Souveränität

des alttestamentlichen Gottes eine latente Sehnsucht, doch noch ganz in diese Welt einzugehen.“

27 A. a. O., 48.

28 Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen, München 2002, 160: „Wie groß auch der Unterschied zwischen den

Seelen der Menschen und der höheren Tiere sein mag, es ist doch nur ein gradueller und kein prinzipieller.“

29 A. a. O., 55.

30 Eve-Marie Engels, Charles Darwin, München 2007, 205 f.

Grafik:

„Die Zusammengehörigkeit der Lebewesen“

Von Alfred Ölschläger , Theologe (Pfr.i.R.)

18


Und Gott sprach: „Es werde...“

Das Artensterben, die Theodizee und die Ethik

(Deutsches Pfarrerblatt 9/2002, S. 453-456)

Das Jahr 2002 ist neben manch anderem

auch zum „Jahr der Artenvielfalt“ erklärt

worden. Auch wenn viel von Artenschwund

und Artenvernichtung in der Gegenwart die

Rede ist, haben wir auf unserer Erde (noch)

eine ungeheure Vielfalt der Arten von Lebewesen.

Im Laufe der 3.000.000.000 Jahre der

Naturgeschichte ist ein schier unübersehbarer

Genpool entstanden, der sich durch

alle erdgeschichtlichen Umbrüche hindurch

entfaltet hat. Allein schon wenn man die

Frage stellt, wie viel Arten von Lebewesen auf

unserer Erde überhaupt existieren, ist man

auf sehr vage Schätzungen und

Hochrechnungen angewiesen. Sind es 5 oder

10 oder 100 Millionen Arten auf der Erde?

Seriöse Schätzungen gehen, nachdem man

den Lebensraum der Baumkronen in den

tropischen Regenwäldern entdeckt hat von

ca. 20 Millionen Organismen aus. Dabei sind

etwa „nur“ 1,5 Mio erfaßt und beschrieben.

Die meisten, weit über die Hälfte, leben in

den Tropen und gehören in das Reich der

Insekten und Kleinlebewesen(1) Das „Jahr

der Artenvielfalt“ erklärt sich wohl daraus,

dass im Angesicht des Artenschwundes diese

Ressource des Menschen viel stärker in den

Blick gekommen ist als je zuvor. Man spürt

plötzlich das ökonomische Potential, das im

genetischen Erbe der Evolution verborgen ist.

Begriffe wie „die grüne Apotheke“ zeigen an,

dass sich hier auch ein ganz neuer Markt

auftut. Genetische Strukturen werden

patentiert und der Kampf um die gerechte

Verteilung des genetischen Erbes ist

entbrannt. Im Angesicht der Möglichkeiten in

Pharmazie und Medizin, neue Therapien

gegen Krankheiten zu finden, kann jeder

Artverlust einen therapeutischen Weg

verbauen. Es gibt also ein ganz starkes

Eigeninteresse des Menschen, die

Lebensvielfalt auf der Erde zu bewahren.

Doch von dem sei hier eher am Rande die

Rede.

Der Artenschwund

Die Ausrottung von Lebewesen auf der Erde

ist ein nunmehr seit etwa 400 Jahren anhaltender

Prozess, der aber im 20. Jahrhundert

eine nie da gewesene Dimension erreicht

hat. Waren es durch die Jahrhunderte

hindurch die gezielte Jagd oder die

19

Ausrottung der Raubtiere als Nahrungskonkurrenten

des Menschen, die die Arten in

Europa dezimierten, war mit der Ausbreitung

des europäischen Menschen auf den

Rest der Welt das Ende vieler dortiger Arten

besiegelt. Noch heute treiben Überjagung

und Wilderei weltweit viele imponierende

Großtiere in den Untergang. Doch der

rasante Artenschwund von heute hat ein

ganz anderes Gesicht. Er geschieht nicht

durch Ausrottung großer Tiere, sondern vor

allem durch die systematische Vernichtung

der Lebensräume: Abholzung der Regenwälder,

Trockenlegung von Sumpfgebieten,

Ausbreitung der (intensiven) Landwirtschaft,

Versiegelung der Böden, Zersiedelung der

Landschaft, letztlich durch die weitere

Ausbreitung des Menschen. Besonders

dramatisch ist der Artenrückgang in den

Tropen, aber auch bei uns erscheinen immer

mehr Lebewesen auf der „Roten Liste“. Des

weiteren betrifft der Artenschwund Tierarten,

die wir für gewöhnlich nicht wahrnehmen:

Kleintiere, Würmer, Insekten, oft winzige

Bodenlebewesen. Dabei entstehen, zumindest

bei uns, paradoxe Konstellationen. Der am

meisten entvölkerte Lebensraum ist das

offene intensiv-landwirtschaftlich genutzte

Land, das eine fast völlig ausgeräumte

Landschaft von Monokulturen darstellt.

Demgegenüber haben die Städte oft eine

erstaunlich große Lebensvielfalt entwickeln

können, in Parks und Gärten, zufälligen

Biotopen, mit Vögeln, die viele

Nistmöglichkeiten haben und einsickernden

Wildtieren.

Der weltweite Artenschwund ist dramatisch.

Man rechnet, dass stündlich 3 Tier- und 3

Pflanzenarten aussterben, von denen viele

kein menschliches Auge je gesehen hat(2).

Das mag bei 20 Millionen Arten wenig

klingen und man könnte etwas zynisch

meinen, dass sich der Verlust in Grenzen

hält. Außerdem sind doch schon immer

Lebewesen ausgestorben, so ist eben die

Welt! Zumindest aber ist es die einfachste

aller Tatsachen: Leben heiß Sterben. Dem

individuellen Sterben steht das Erlöschen der

Gattung an der Seite. Auch die Arten

kommen und gehen. Dabei wird auch der

Mensch keine Ausnahme machen. Alles hat

seine Zeit.


Aber das Massensterben der Evolutionsgeschichte

ist etwas anderes als ein stilles

Kommen und Gehen der Arten. Es geschah

und geschieht durch „höhere Gewalt“ globaler

Katastrophen unerhörten Ausmaßes.

Und deren heutige Form ist der Mensch,

„eine planetarische Macht ersten Ranges“(3).

Ihm ist der Rest der Welt unentrinnbar

ausgeliefert, wie dem Kometeneinschlag Ende

der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren, dem

70% -80% aller Lebewesen zum Opfer fielen

und der das Ende der Saurier bedeutete.

Dessen Folgen vergleicht Drewermann mit

den Wirkungen eines Atomschlages(4).

Tatsächlich vollzieht sich die Dimension des

Artensterbens heute mit einer in der

Evolutionsgeschichte nie dagewesenen

Geschwindigkeit. Selbst Öko-Optimisten

müssen zugestehen, dass es spielend den

Vergleich mit den furchtbaren Katastrophen

der Erdgeschichte aushält(5). Diese fünf oder

sechs globalen Ereignisse gliedern die

Evolutionsgeschichte und beeinflussten sie

am stärksten. Dennoch, in all dem ist das

Leben weitergegangen, wenn auch auf Zick-

Zack-Wegen. Sofern man es überhaupt

wagen kann, von Grundprinzipien des

gigantischen Prozesses der Evolution zu

sprechen, dann dass stets mehr Lebewesen

entstehen als aussterben(6). Das bringt

Leben voran. Unter Berufung auf Wittaker

spricht Holmes Rolston von der

permanenten „Artenverdichtung“ als einem

Leitmerkmal evolutionärer Prozesse, wobei

„...die wachsende Artenvielfalt ein selbständig

zunehmender, evolutionärer Prozeß ohne

erkennbare Grenze (ist)“(7). Grundsätzlich

bedeutet das, dass Leben sich in ständiger

Ausdifferenzierung in alle möglichen

Richtungen befindet, alle Lebensräume

besiedelt und sich selbst an die kleinste

Nische anpasst, von den Flechten der

Hochgebirge bis zu bizarren Lebensformen

der Tiefsee.

Das hat sich aber unter den Bedingungen,

die der Mensch gesetzt hat radikal geändert.

Es sterben mehr Lebewesen aus als neu

entstehen und als ein Großverbraucher von

Natur und Ressourcen kehrt er die Evolution

um, so dass im Artensterben eine

„Devolution“ eingetreten ist. Man kann

ökologische und ökonomische Prozesse

vielleicht an diesem Punkt vergleichen:

„Nullwachstum“ ist bedrohlich, von einer

Rezession ganz zu schweigen. Wenn wir aus

dem Gang der Evolution eine Lehre ziehen

20

können, dann die, sie in der Ausdifferenzierung

der Arten zu fördern und ihre ehernen

Gesetze um des Überlebens willen nicht zu

brechen. Doch dazu später.

Natürlich hat das Leben bisher jede Katastrophe

überlebt und die Evolution wird auf

ihren wirren und verschlungenen Pfaden

weitergehen. Dennoch sind wir oft versucht

den Sinn erdgeschichtlicher Katastrophen zu

deuten. So sieht J. Reichholf die Katastrophen

als gar nicht so schlimm an, denn sie

ermöglichten den Fortschritt der Evolution.

So hat das Abtreten der Saurier Ende der

Kreidezeit den Aufstieg der Vögel und

Säugetiere bedeutet und damit einen Sinn

gehabt, der letztlich zum Menschen führte. In

Analogie zu den oft produktiven Krisen im

Leben eines Menschen sieht Reichholf auch

die Katastrophen der Erdgeschichte, denn

„unter andauernd gleichmäßigen und

ruhigen Rahmenbedingungen (wäre) der

Mensch niemals zum Menschen geworden,

sondern ein selbstzufriedener...im Wald

lebender Primat geblieben“(8). Es ist fatal zu

sehen, wie schnell auch ein Wissenschaftler

in die „teleologische Falle“ tappen kann. Es

ist die (oft auch religiös motivierte) Sicht vom

Ende her, das alles so hat kommen müssen,

wie es kam und dass es gut so ist, dass in

allem Elend ein Plan ist und alles zu einem

guten Ende führt, das natürlich wir

Menschen selber sind.

Heute, wo wir die Katastrophe selbst miterleben,

wird uns deutlich, dass jedes zerstörte

Leben eine abgerissene Lebensmöglichkeit

ist, ein Verlust und Verarmung. Wir

sollten uns hüten, durch Rückgriff auf einen

vermeintlichen göttlichen Plan oder höheren

Sinn, dies schönzureden.

Artensterben und Schöpfungsglaube

Eugen Drewermann hat mit der ihm eigenen

Schärfe gerade in unserem Thema den Finger

auf den wundesten Punkt theologischer

Deutung gelegt. Angesichts von Artensterben

und Massenausrottung, dem ständigen

Überlebenskampf der Lebewesen stellt er den

unversöhnlichen Widerspruch heraus, „der

sich aus den Erwartungen des biblischchristlichen

Gottesbildes und der

Weltwirklichkeit immer wieder notwendig

ergeben muß, sobald wir die Naturtatsachen

nur konkret genug zur Kenntnis nehmen“(9).

Damit meint er konkret das Aussterben von

70 bis 80 Prozent aller Lebewesen in der


letzten Eiszeit (und anderer Zeitalter) und ein

traditionelles Gottesbild von einem Herrn, der

alles in der Hand hält und verborgen lenkt,

gütig ist und planend eingreift. Das

himmelschreiende Seufzen der Kreatur (Röm.

8,32) schlägt uns aus der fossilen

Naturgeschichte in einem dem Paulus noch

unbekannten Nachhall entgegen. Nach

allgemeinen Schätzungen sind im Laufe der

Erdgeschichte schlicht 99 Prozent aller

Lebewesen ausgestorben, die meisten bei

Meteoriteneinschlägen, Flutkatastrophen,

Dürreperioden, Klimaveränderungen und der

„Kampf ums Dasein“ entpuppt sich eher als

ein Ringen mit den äußeren

Lebensumständen als ein Kampf der

Lebewesen untereinander. Wenn unser

derzeitiges Leben auf der Erde sich auf so

einem gewaltigen Friedhof abspielt, da ist

man in Abwandlung eines bekannten Satzes

von Dorothee Sölle geneigt zu sagen: „wie

man im Angesicht des Artensterbens den

Gott loben soll, der alles so herrlich regieret,

das weiß ich auch nicht“. Schon die

Erinnerung an die Weltkriege, den Holocaust

und die Atombombenabwürfe und was sonst

sich ein perfider menschlicher Geist voller

destruktiver Potenziale ausdenkt, hat

Gottesvorstellungen umbrechen lassen. Um

wie viel schärfer stellt sich die Frage der

Theodizee im Angesicht der Erdgeschichte

mit ihren Opfern. Auch wenn viele

Zeitgenossen eine Argumentation aus dem

Vokabular des Holocaust befremdet, aber der

Artentod und vor allem der Umgang des

Menschen mit den Tieren haben eine

holocaustische Dimension, die den Mund

verschließt(10). An dieser Stelle sind auch die

Kritiker unbarmherzig. Sie zielen auf das

Menschenbild und die Gottesfrage: sollte der

vollkommene Gott wirklich ein Wesen

geschaffen und eingesetzt haben als Krönung

von allem, der alles das, was er schuf

gründlich zerstört? Süffisant sagt Carl

Amery, die gegenwärtige Katastrophe sei „die

seltsamste von allen. Ihr Name ist

Mensch“(11).

Ein bewußter Zerstörer und Plünderer des

Globus, der sich unter den Homiden durchgesetzt

und den die Evolution nur scheinbar

begünstigt hat(12). Derartiges hat es nie

gegeben. Wie steht es da um eine planvolle

Schöpfung, wo doch mit jedem Lebewesen,

das verschwindet eine Lebensmöglichkeit

endet, die vom Schöpfer angestoßen war?

Wenn wir die Theodizeefrage stellen, dann

21

dürfen wir sie nicht auf das Schicksal des

Menschen begrenzen. Kein Lebewesen hat

sterben wollen und mit ihm endet etwas

Unwiederbringliches. Sollte das Gott wirklich

hinter dem schauerlichen Naturgeschehen

stehen, dessen exekutierender Teil nun auch

wir Menschen sind - oder war alles doch ganz

anders? „...das weiß ich auch nicht“, sagt

Sölle und wir wissen es auch nicht.

Albert Schweitzer ist Recht zu geben, wenn er

sagt: „Die Christen (haben) immer wieder

versucht, das Christentum zu einer Lehre zu

machen, in der das Walten des ethischen

Gottes und der natürliche Weltlauf

miteinander in Einklang gebracht werden.

Nie gelang es. Immer aufs neue untergrub die

Wirklichkeit die vom Glauben aufgestellten

Theorien...So hat das Christentum ein Stück

nach dem anderen von der Welterklärung,

die es zu besitzen glaubte drangeben

müssen. Je mehr Erklärungen seinen

Händen entfallen, desto mehr erfüllt sich an

ihm die erste Seligpreisung: „Selig, die da

geistig arm sind“(13).

Ist Christentum Welterklärung? Schweitzer

verneint und sagt, es sei vor allem Spiritualität

und Mystik, zielend auf eine Ethik, die

die irdischen Zustände nicht hinnimmt,

sondern sie im Namen eines Reiches, das

nicht von dieser Welt ist, verändert.

Evolution, Massensterben und Ethik

Es gibt im christlichen Denken tiefsitzende

Ressentiments, aus der Entwicklungsgeschichte

ethische Prinzipien abzuleiten. Vor

allem deshalb, weil man in der Evolution

zutiefst unethische Kräfte am Werke sieht.

Die Reizworte heißen: Kampf ums Dasein,

Überleben des Stärkeren, Selektion. Die

ethische Konsequenz des Sozialdarwinismus,

die aus einem völlig einseitigen Verständnis

der Evolutionslehre gezogen wurde, war das

„Recht des Stärkeren“ und das hat historisch

verheerend gewirkt. Wenn aber der Mensch

wirklich des Menschen Wolf sei, sagt das

mehr über den Menschen als über die Wölfe.

Denn die Verhaltensmuster der Tierwelt sind

so voller Unterwerfungs- und

Demutsgebärden und voller

„Konfliktvermeidungsstrategien“(14), dazu

voll faszinierendem sozialen Geschehen bei

staaten- und gemeinschaftsbildenden Arten.

Besonders bewegend erscheint immer die

Brutpflege. Der Verhaltensforschung ist

immer wieder vorgeworfen worden, sie sei

anthropomorph, weil sie tierisches Verhalten


mit menschlichen Begriffen belege:

Opferbereitschaft, Hingabe, Uneigennützigkeit

und Selbstvergessenheit, die

man auch im Tierreich finde. Es ist aber

durchaus angemessen von „moralanalogen

Verhalten“(15) zu sprechen. Das hat auch der

Mensch, ein Emporkömmling aus dem

Tierreich, in seinen Genen. Moral kann doch

auch biologisch determiniert sein! Spielt uns

die Leibfeindlichkeit und der Glaube an die

scheinbare

Überlegenheit des

Geistes über den

Körper im Erbe

unserer Religion

wieder einen Streich?

So gewalttätig ist die

Natur nicht. Schon

der alte Plinius

wußte, dass in der

ganzen Schöpfung

allein der Mensch

seinen Artgenossen

oft grausam tötet.

Lösen wir uns also

von der Blockade des

Sozialdarwinismus

und kehren zur

Artenvielfalt zurück.

Hatten wir

festgestellt, dass die

Evolution zur

Artenvervielfältigung

neigt, so leitet sich für

den Menschen als

bewußt handelndes

und reflektierendes

Wesen ab, dieser

Artenvielfalt nicht zerstörend im Wege zu

stehen. Das ist ein ethisches Prinzip,

verbunden mit der Erkenntnis, dass wir

Menschen zur Vielfalt der Arten gehören, die

auch uns hervorbrachte. Damit ist einer

anthropozentrischen Überhöhung ebenso

gewehrt, wie einem Denken, das den

Menschen allein als Störenfried sieht, der am

besten eliminiert werden müßte.

Wir gehören dazu und alles Leben existiert in

komplex organisierten Gemeinschaften. So

erscheint es angemessen, von „biotischen

Gemeinschaften“(16) als einem Naturprinzip

zu reden und je größer diese Gemeinschaften

sind, desto stabiler werden sie. Umgekehrt: je

mehr sie ausdünnen, desto brüchiger wird

alles. Der Mensch muß sich nun als Mitglied

22

dieser Gemeinschaft erweisen. Ist es

unmöglich zu behaupten, dass die Evolution

ihrem Wesen nach sozial ist? Sie ist ein

spannungsvolles „Leben und Leben lassen“,

das auch das „Fressen und Gefressen

werden“ in einem großen

Aufeinanderbezogensein umspannt und die

sonderbarsten Symbiosen hervorbringt.

Schon A. Schweitzer hat die Achtung vor

jedem Lebewesen damit begründet, dass man

nicht weiß, „welche

Bedeutung ein

Lebewesen an sich oder

im Weltganzen hat“(17).

Unter den heutigen

Bedingungen werden

wir den Gedanken der

Einheit allen Lebens

neu denken und

verwirklichen müssen.

Vielleicht müssen wir

die „soziale Frage“ in

dieser Dimension

begreifen und

erkennen, dass die

soziale Verpflichtung

nicht erst beim homo

sapiens beginnt,

sondern sich auf die

ganze Biospäre bezieht,

die heute gefährdeter ist

denn je. So muß auch

der Mensch zu einer

symbiotischen Ethik

finden, statt an seiner

zerstörerischen

parasitären Gesinnung

festzuhalten.

Die crux der

Veranschaulichung des Artensterbens ist,

dass es die oben erwähnten (unsichtbaren)

Kleinlebewesen betrifft. Übrigens: fast ein

Viertel aller Tiere sind Käfer, woraus ein

Biologe geschlossen hat, dass Gott wohl ein

besonderer Freund der Käfer sein müsse.

Aber der Verlust unter diesen Lebewesen ist

am folgenreichsten, betreffen sie doch die

Lebensgrundlagen und die Böden. Bedenken

wir allein, wie einzigartig der Regenwurm ist,

der unermüdlich organische Substanzen

verdaut und in Humus wandelt. Ihm müßten

alle Säugetiere. Wir haben leider keine

christliche Ethik für Würmer, Fliegen,

Spinnen und Schmetterlinge. Sie sind

ethisch wertfrei und damit wertlos, was deren

Verhängnis ist, wie das der Rinder, Schweine


und Hühner. Nur das christliche

Kinderliedgut kennt sie und erkennt in ihnen

den Schöpfer: „die Mücklein in der

Sonnenglut“, „...der kleinste Schmetterling

sagt mir, wie groß unser Schöpfer ist.“ Zu

werden wie die Kinder wäre ein Anfang der

Naturrettung. Immerhin, was die Ethik

angeht, hat das Christentum Reserven, denn

es weiß um die Verpflichtung gegen das

Kleine, Unbedeutende und Unscheinbare.

Gerade das Matthäusevangelium gewichtet

die „Kleinsten“ und „Geringsten“. Soweit ich

sehe, ist Schweitzer der einzige, der es als

Theologe gewagt hat, selbst hilflose Insekten

als unsere „geringsten Geschwister“ im Sinne

des Weltgerichtes Matth. 25 zu bezeichnen.

(18)

Bitter nötig ist eine Ethik des Lebens gegen

den Artentod, die man nicht weit genug

ausdehnen kann. Es ist der Vorzug der holistischen

Ethik, dass sie bis zu den Le-

23

bensgrundlagen geht. „Wer nun

aber...einsieht, dass die Menschheit keine

geschlossene Gesellschaft ist und...die Tiere

und Pflanzen als unsere naturgeschichtliche

Verwandtschaft erfährt, wird...als Mensch

nicht mehr zum Schaden der Biosphäre

handeln wollen“ (19)

Eine andere Aufgabe besteht darin, die Welt

der Tiere und Pflanzen überhaupt wahrzunehmen

und sich für sie zu interessieren.

Ganz praktisch sieht das Franz Wuketits:

besonders Kindern und Jugendlichen in

einer künstlichen medialen Welt muß die

Natur wieder erlebbar gemacht werden und

eine schwer gestörte Beziehung wieder aufgebaut

werden (20). Wozu ich eine Beziehung

habe, das achte und schütze ich auch. Doch

damit beginnt ein neues Thema.

1. Vgl. Franz M. Wuketits: Evolution - Die Entwicklung des Lebens. München 2000, S. 9; 109.

2. Vgl.: Franz Wuketits: Zukunft der Tiere? In: Die Zukunft der Tiere/ hrsg. von Bernd Janowski; Peter Riede. Stuttgart 1999, S. 21.

3. Hans Jonas: Ist erlaubt, was machbar ist? Bemerkungen zur neuen Schöpferrolle des Menschen, in: Universitas 42 (1987), S. 105.

4. Vgl.: Eugen Drewermann: ...und es geschah so: Die moderne Biologie und die Frage nach Gott. Zürich und Düsseldorf 1999, S.606-609.

5. Vgl.: Michael Gleich (u.a.): Life counts, eine globale Bilanz des Lebens. Berlin 2002, S. 144.

6. So J. Baird Callicott: Die begrifflichen Grundlagen der land ethic. In: Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen

Diskussion/hrsg. von Angelika Krebs. Frankfurt 1997 Frankfurt 1997, S. 234f.

7. Holmes Rolsten: Werte der Natur und die Natur der Werte. In : Naturethik, S. 262.

8. Vgl. Joseph H. Reichholf: Evolution: Fortschritt durch Katastrophen. In: Life counts, S.135; 139.

9. Eugen Drewermann: ...und es geschah so, S. 625. Weiter: „Denn eben die Tatsache, daß immer wieder die bloße Physik stärker sein soll

als die Biologie, die sich aus ihr herausentwickelt hat, macht das Problem der ´Theodizeefrage´ so verzweifelt.“

10. Vgl. die sensible Erzählung von J.C.Cotzee: Das Leben der Tiere, Frankfurt (Main) 2000. Oder: Christa Blanke: Da krähte der Hahn:

Kirche für Tiere? Eine Streitschrift. Eschbach 1995, S. 43-50.

11. Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends: Von Leben, Tod und Würde, München; Leipzig 1994, S.31.

12. Dazu: Franz Wuketits: Naturkatastrophe Mensch. Düsseldorf 1998, S. 204f.:„Es ist bemerkenswert, daß homo sapiens, der dieses Risiko

(des Unterganges) kennt, nichts tut, um es ein wenig zu verkleinern, sondern im Gegenteil dieses Risiko drastisch erhöht...Wir Menschen

sind mit einem überaus leistungsfähigen Gehirn ausgestattet, welches uns enorme Möglichkeiten in die Hand gibt. Aber die Befürchtung

scheint sich zu

bestätigen, daß dieses Gehirn nicht in der Lage ist, sich selbst zu kontrollieren...Die Evolution kann für die schnelle Entwicklung und

Förderung eines Organs einen hohen Preis fordern.“

13. Albert Schweitzer: Das Christentum und die Weltreligionen. München 1992, S. 60.

14. Hoimar von Dithfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt. München 1994, S. 122 und überhaupt die kurze Abhandlung über den „Kampf

ums Dasein“.: AaO. 115-123.

15. Vgl. Konrad Lorenz: Über tierisches und menschliches Verhalten. Gesammelte Abhandlungen II. München; Zürich 1984, S. 148-156.

16. Callicott: Grundlagen S. 239.

17. Albert Schweitzer: Mein Wort an die Menschen, Text einer Langspielplatte aus Lambarene 1964. In: durchsehen: Glaubensbuch für

junge Leute, Berlin 1989, S.17.

18. Albert Schweitzer: Predigt über ethische Probleme, Sprüche Sal. 12,10. In: Was sollen wir tun? Heidelberg 1986, S. 55: „Was ihr getan

habt einem dieser Geringsten, das habt ihr mir getan´- dieses Wort Jesu gilt nun für uns alle, was wir auch der geringsten Kreatur tun.“

19. Klaus Michael Meyer-Abich: Aufstand für die Natur, München; Wien 1990, S. 83f.

20. Franz M. Wuketits: Zukunft der Tiere? S. 30.


Tierschutz und Umweltschutz – ein theologischer Impuls

Man könnte auf den ersten Blick

meinen, dass es sich bei dieser

Thematik um eine „biblische Fehlmeldung“

handelt, denn es erscheint

undenkbar, dass diese moderne

Problematik den biblischen Menschen

schon bewegt hätte und also sollte

ehrlicher weise die Bibel nicht mit

solchen Fragen überfrachtet werden.

Aber bei genauerer Betrachtung

bedeuten die beiden Begriffe Tierschutz

und Umweltschutz, dass die als

Lebensumwelt begriffenen Wirklichkeit

der Biosphäre als durch den Menschen

verletzlich begriffen wird. Der Mensch

als vernunftbegabtes und moralfähiges

Wesen greift um seines Vorteils willen

(gewalttätig) nutzend in seine

Umgebung ein und überschreitet damit

Grenzen, die anderen Wesen seiner

„Umwelt“ zum Schaden gereichen

können. Natürlich ist es das

Kardinalthema der Bibel, das diese

„Lebensumwelt“ vor allem der

„Nebenmensch“, der oder die „Nächste“

ist, deren Würde, Leib, Seele und Leben

verletzt oder vernichtet werden kann,

von Abel bis hin zum Samariter. Insofern

kann man aber umgekehrt die

Begrifflichkeit des Tierschutzgesetzes

durchaus auf den Menschen anwenden,

wenn es um „vermeidbaren Schmerz,

Leid und Schäden“ geht, wobei für ein

lebendiges Wesen der unfreiwillige

gewaltsame Tod der größte Schaden ist,

den es überhaupt erleiden kann, egal ob

Mensch oder Tier. Insofern ist es das

Problem der Bibel, uns Menschen

unserer Um- und Mitwelt gegenüber zur

Schadensbegrenzung zu verhelfen, uns

Grenzen zu lehren und Tabus

aufzurichten. Anders ist menschliches

Leben in Verantwortung auch heute

unmöglich. Andererseits impliziert dieser

Ansatz die Sympathie Gottes mit den

Opfern, Schwachen und Hilflosen, die

ungerechter Gewalt ausgeliefert sind.

Das ist eine Struktur biblischen Fühlens

und ich muss schon sehr gewalttätig

argumentieren, wenn das, was der

Tierschutz meint – Hilfe und Assistenz

für die, die sich nicht wehren oder um

Hilfe bitten können – kein biblisches

Vortrag bei der Tagung "Tierschutz und Umweltschutz - Konflikte und Bündnisse"

in der Evangelische Akademie in Bad Boll vom 18. Bis 20. März 2005

Thema sein sollte. Es ist allein die

Frage, wie weit ich den Bogen moralischer

Verpflichtung zu spannen bereit

bin: Umwelt-, Tier- und Artenschutz, die

fort schreitende Zerstörung des

Bodenlebens usw. Wenn wir glauben,

diese Fragen seien mit der Bibel nicht

anzugehen, dann wäre das eine

Kapitulation unseres Glaubens vor dem

Leben, auch wenn wir nicht mehr davon

ausgehen können, dass eine religiöse

Herangehensweise gesellschaftlich

konsensfähig ist.

Christlicher Tierschutz – biblische

Tierethik?

Immerhin trifft uns die Kritik, Tierschutz

sei kein biblisches Thema von zwei

Seiten. Es gibt die vielfältige

innertheologische und kirchliche Abwehr

im Sinne meines alttestamentlichen

Professors, welcher nach Psalm 8 (dass

Gott dem Menschen „alles unter die

Füße gelegt habe – Schafe und Rinder

allzu mal“) meinte, dass eher den

biblischen Tiernutz als den biblischen

Tierschutz gäbe. Für den biblischen begründeten

Vegetarismus (1.Mose 1,29;

2,16) gab es nur süffisantes

Unverständnis, allein der lebensverachtende

Begriff der „Tierproduktion“

hatte dem Prof. schon damals etwas

Unbehagen bereitet. Der verbreiteten

Ignoranz von innen entspricht die

vernichtende Kritik von außen. So meint

Karl-Heinz Deschner, dass die Bibel

unfähig sei, den Tierschutzgedanken zu

24

begreifen und über „den nackten

Egoismus einer Viehzüchterreligion“

nicht hinauskomme. Es geht um die

selbstverständliche Tiernutzung, den tief

empfundenen Abstand vom Tiere. Es

kann schon sein, dass dies tief im

„westlichen Kulturbeutel“ steckt

(Verbeek) und dass damit (wie Birgit

Mütherich vermutet), westliche

Kulturkreis einem universelleren

Lebensbegriff unzugänglich ist, weil er

seiner unmittelbaren Verwandten, der

Primaten nicht angesichtig war. Ganz

anders war das in den östlichen

Kulturen. Heißt Tierschutz nun, dass die

Bibel Kriterien für den Umgang mit

Tieren oder ein „Tierbild“ entwerfen

sollte? Das ist wohl zuviel verlangt. So

wie es keine biblische „Tierethik“ gibt,

gibt es auch keine Frauenethik, keine

Arbeiterethik oder Friedensethik. Auch

dass sind Gebiete gräßlichen Scheiterns

der Kirche, für die man aber heute

durchaus biblische Zugänge erkennt,

bzw. wie für die Frauenfrage

unerträgliche Bibelstellen einfach

ignoriert.

Wir haben keine „Tierethik“ – aber was

wir haben, wenn auch „bruchstückhaft“,

ist nach Franz Kromka „ ein biblisch

inspirierter Tierschutz“, denn es gibt

wohl kaum eine Seite der Bibel, auf der

die Tiere nicht vorkommen. Damit sind

Tiere durchaus ein Thema der Bibel,

sowohl in ihrer kulturellen als auch

theologischen Dimension. Sie sind Teil

der Lebenswelt und damit der Umwelt

biblischer Menschen. Menschen stehen

mit ihnen in Beziehung und das wird vor

Gott auch ethisch reflektiert. Lassen wir

uns das an zwei Stellen gezeigt sein.

Einmal sind die Haustiere als Mitglieder

der Lebensgemeinschaft in die Sabbatruhe

einbezogen, die auch für sie gilt.

Sie sind also in einem nicht mehr

hinterfragbaren Rechtskodex erfasst,

der sie in eine Reihe mit dem Menschen

stellt und der von großer Bedeutung für

das jüdische Leben ist. Die rabbinischen

Ausleger sahen voller Stolz in diesem

Gebot einen ethischen Gedanken, der

die biblische Religion weit über die

Völkerwelt erhob. Immerhin weiß die


Sabbatgesetzgebung, die nicht nur den

Haustieren die wöchentliche, sondern

sogar dem Feldern alle 7 Jahre ein

Ruhejahr gönnt, um Ansprüche und

Rechte der nicht menschlichen

Lebenssphäre überhaupt. Es mag

durchaus egoistische Gründe gegeben

haben, die dem Menschen genutzt

haben, aber in der religiösen Wahrnehmung

fließen im Ruhegebot des

Sabbats „Tierschutz und Umweltschutz“

auf einer hohen religiösen Ebene

zusammen. Wie eine biblische Miniatur

wirkt das bekannte Gebot, „dem

Ochsen, der da drischt nicht das Maul

zu verbinden.“ Es gibt einen Recht auf

Lohn und es gibt das Bewußtsein, dass

der Mensch den Tieres etwas schuldig

ist für das, was sie für ihn tun. Die

Wahrnehmung der Tiere und ihr Schutz

gehören zum „Lebensfreundlichen“

(Kromka) des Alten Testamentes. Tiere

sind mehr als eine Ware oder

Gegenstände und Menschen sind mit

den Tieren mitfühlend verbunden, weil

sie Leid, Schmerz und

Grundbedürfnisse mit ihnen teilen.

Rational könnte man das auf den

Darwinschen Satz bringen: „Da der

Mensch dieselben Sinne wie die Tiere

besitzt, müssen auch seine

fundamentalen Empfindungen dieselben

sein.“ In der Leidensfähigkeit und damit

im Mitleid liegt auch der biblisch intendierte

Tierschutz begründet. Die

Quäkerin Julie Schlosser hat „das

Fehlen authentischer Jesusworte zur

Tierfrage“ bitter beklagt. Vielleicht wäre

die christliche Geschichte der

Verantwortung vor dem Leben dann

anders verlaufen. Aber es kann nicht nur

darum gehen, biblische Sätze

thematisch zu quantifizieren und wie

Fliegenbeine zu zählen. Das Eingreifen

Jesu in das Leid dieser Welt, geschah

immer aus Mitgefühl, das mit starken

Worten beschrieben wird: „es jammerte

ihn“ egal ob die Hungernden der

Speisungs-geschichten oder ein Blinder

am Wege. Selbst als der Samariter auf

den zusammengeschlagenen Verletzten

traf: „jammerte es ihn“ (Luk. 10). Es ist

das Motiv des Erbarmens und die

ethische Triebfeder Jesu ist das Mitleid,

das heisst: die Fähigkeit des Herzens,

sich in andere hinein zu versetzen.

Dieser Grundsatz wird auch in der

Tierfrage weithin geteilt. Auch das TSG

mit seinen „vermeidbaren Schmerz,

Leid, Schäden“ (und dem Tod als

„Totalschaden“) setzt voraus, dass es

eine Empfindungsebene gibt, die

Mensch und Tier teilen. Es ist oft die

Frage eines sehr persönlichen

Erlebnisses mit Tieren, die uns

Menschen das bewusst werden und die

Tiere ab einem gewissen Erlebnispunkt

in die eigenen ethischen Horizonte

einbezogen sein lässt. Was denn Leid

sei ist nur begrenzt eine Definitionsfrage,

es ist eine Herzenssache.

Wir werden J.-C. Wolf jedoch Recht

geben können, wenn er (definitorisch)

meint, dass die „Empfindungstypen“

Angst, Schmerz, Lust, Isolation, Stress

und Langeweile nicht an ein

reflektierenden Bewußtsein gebunden

sind und es uns als Menschen

grundsätzlich möglich sei, uns in andere

Wesen hinein zu versetzen, sobald

wenigstens rudimentäre Formen von

Bewusstsein und Sensitivität vorhanden

sind. Die Wolfschen Empfindungstypen

treffen klassisch auf die Nutztierhaltung

zu. Es ist nur die Frage, ob wir es

überhaupt wollen und im Sinne des

Volksmundes bereit sind anzuerkennen,

dass das Tier den „Schmerz fühlt wie

du“. Wenn wir den Geist Jesu, des

Mitleids und Liebe für die Tiere in

Anspruch nehmen, dann kann es auch

die schlichte und entwaffnende

Niemöller-Frage sein: „Was würde

Jesus dazu sagen?“. Derselbe Niemöller

hat, als er in Sibirien das erste Mal eine

Hühnerbatterie erlebte, den

Leidensvergleich mit seinen Dachauer

KZ-Erfahrungen gezogen. Damit hat

Niemöller unbewusst und spontan das

Darwinsche Vergleichbarkeitskriterium,

dass Tiere „dieselben Empfindungen

haben wie wir“ aus eigenem Erleben

gezogen. Es ist eine Zwecklüge zu

unterstellen, Tiere litten nicht

vergleichbar wie Menschen.

Tierschutz und Umweltschutz als

biblische Reminiszenz

Würden wir heute nach dem

Zusammenhang Tierschutz und

Umweltschutz fragen, kämen uns sofort

die Zusammenhänge zwischen

Tierhaltung in gigantischen weltweiten

Dimensionen und den aus ihnen

folgenden Umweltbelastungen und

Zerstörungen in den Sinn: von

25

Ammoniakbelastung über die Regenwaldrodung

bis hin zum Klimakiller

Methan. Es ist genug darüber

geschrieben worden von Rifkins

„Imperium der Rinder“ bis hin zu

Reichholfs neuestem „Tanz ums

goldene Kalb“. Es geht um die Illusion

einer von „Umwelt“ und Landwirtschaft

scheinbar abgekoppelten Tierhaltung.

Die Erde kann eine nach oben offene

Zahl von „Nutztieren“ letztlich nicht mehr

ernähren, ohne dass die

Lebensgrundlagen unseres Planeten

nachhaltig geschädigt werden – und um

dieses planetarische Ausmaß geht es in

diesen Fragen. Franz Wukettits wies

darauf hin, dass zudem die unbegrenzte

Einfuhr und Haltung nicht heimischer

domestizierter Nutztier-arten seit der

Kolonialzeit in der Dritten Welt immense

Probleme schafft. So plädiert er dafür,

heimische Tiere zu nutzen, die bei

weitem nicht diesen Umweltverbrauch

hätten, wie die europäischen. Wir

wissen, dass die Intensivhaltung und

das Mästen auf Schlachtgewicht ihren

hohen Preis in der

Futtermittelbeschaffung und für viele

Länder des Südens desaströse Folgen

hat, ganz zu schweigen von Fragen der

weltweiten humanen Gerechtigkeit, mit

der das Verfüttern von hochwertigem

Eiweiß aus Hülsenfrüchten an Tiere

nichts mehr zu tun hat. Diesen Reigen

von Fragen der Tiernutzung und der

nicht vermehrbaren Ressource „Boden“

hat schon das Alte Testament erahnt. In

der tief symbolischen Erzählung von der

Trennung Abrahams und seines Neffen

Lot (1. Mose 13), gerieten beider Hirten

in Streit über die für ihre Herden nicht

mehr ausreichenden Weidegründe und

Abraham schlug vor, dass sich um des

Friedens willen zu trennen. Er überließ

als gläubiger Mensch Lot in dieser

unübersichtlichen Situation die Wahl mit

dem berühmten Worten: „Willst du zur

Linken, so will ich zur Rechten, oder

willst du zu Rechten, so will ich zur

Linken.“ Und Lot entscheidet sich „aus

dem Bauch“ für die fetten Weidegründe.

Dunkel heißt es: „Lot zog mit seinen

Zelten bis nach Sodom“ und am

Horizont dieser abgründigen Erzählung

dämmert ein mehr oder weniger globaler

Untergang auf, der mit menschlicher

Maßlosigkeit zu tun hat. Im Horizont

dieser Fragen steht für Christen die


schon oben erwähnte Frage nach den

Grenzen und Tabus, die religiöse

Menschen zu akzeptieren und zu ziehen

haben, da ja letztlich alles begrenzt ist

und Selbstbegrenzung und

Selbstbescheidung zu den religiösen

Lebensformen gehören. Immerhin steht

aber hier der tiefere theologische

Gedanke der „Erdverbundenheit“ aller

Lebewesen im Mittelpunkt. Alle leben

von der Erde und sind auf sie

angewiesen, sie sind aus ihr gemacht

und hervorgegangen und werden

letztendlich zu ihr zurück kehren. Auch

Nutztiere haben ein Recht auf ein Leben

auf der Erde als Wesen mit einer

eigenen Würde. Es mag überspannt

biblizistisch klingen, aber der Gedanke

Robert Spämanns, der von der

Verheißung Gottes nach der Sintflut

ausgeht, dass sich „die Tiere auf Erden

tummeln sollen“ (1. Mose 8,17) und sie

ebenso wie der Mensch den

Fruchtbarkeitssegen als

Gottesgeschenk empfangen. Diese

religiöse Auffassung widerspräche

einem nüchternen Nützlichkeits-denken,

wo für die Tier die „einzige ökologische

Nische von Anfang an durch das

Schlachthaus definiert werde“

(Spaemann) und der Kontakt mit der

Erde und das Ausleben elementarer

Lebensbedürfnisse oft nahezu

ausgeschlossen ist. Es geht hier um den

berühmten „Platz für Tiere“ und die

Ökologie nicht nur für den Menschen.

Auch Nutztiere haben einen

berechtigten Anspruch auf

Lebensumwelt und ein Daseinsmilieu.

Der Zugang der Befreiungstheologie

Die Befreiungstheologie hat die Frage

nach der Schöpfung erst spät

aufgenommen. Sie liegt aber in der

Logik ihres Engagements: der Befreiung

der Armen folgte konsequent die

Befreiung der Frauen und nun die der

Erde , die durch systematisch

angewendete strukturelle Gewalt aus

dem Gleichgewicht geraten ist. Das

„Seufzen der Kreatur“ (Röm. 8), die der

Befreiung harrt ist dabei biblisches

Symbol. Können sich die Armen aus

eigener Kraft befreien, wenn sie sich

ihrer Würde bewußt werden, ist die

„Befreiung“ der Erde und aller

Lebewesen nur möglich in einem neuen

Bündnis des Menschen mit der Erde.

Diese strukturelle Gewalt hat geistige

Grundlagen. Im traditionell westlichen

Verständnis begreift sich der Mensch

(anthropozentrisch) als Mittelpunkt der

Welt. Folge dieser Zentralstellung des

Menschen ist sein Herrschafts- und

Gewaltmonopol über die Natur mit allen

ihren Wesen, von denen er sich

(ideologisch) grundsätzlich verschieden

weiß (z.B. unsterbliche Seele). „Die

Absicht der Weltherrschaft steckt tief

drin im kollektiven Unterbewussten der

westlichen Kultur, die heute weltweit den

Ton angibt...Der moderne

Herrschaftsdrang ist zutiefst

naturfeindlich“ (Boff). Dem entspricht

auch die Entwürdigung der Tierwelt,

auch wenn die „Nutztierhaltung“ keine

explizite Rolle spielt. Aus

lateinamerikanischer Perspektive sind

die Artenvernichtung, eine

lebensfeindliche Landwirtschaft und die

Zerstörung der Urwälder des

Amazonasbeckens, welche indigenen

Völkern die Lebensbasis nimmt die

brennendsten Probleme. Diese lassen

sich nur durch eine geistige Umkehr

lösen, indem der Mensch sein Verhältnis

zur Natur jenseits der westlichen

Dualismen (Leib/Seele oder

Materie/Bewusstsein) erneuert: „der

Mensch ist weniger ein Wesen auf der

Erde als vielmehr ein Wesen der Erde“

(Boff). An dieser Stelle steht auch ein

traditionelles monotheistisches/

männliches Gottesbild in Frage.

Exegetisch unbestritten ist, dass der

(jenseitige) Eingottglaube - repräsentiert

durch den 1. Schöpfungsbericht - die

Welt entsakralisiert und damit Schöpfer

und Schöpfung/Geschöpf prinzipiell

unterschieden hat. Es steht die

Herausforderung an, auch die

traditionellen Religionen mit ihren

weiblichen Gottheiten in ihrer ganzheitlichen

mythischen religiösen

Wahrnehmungen neu zu begreifen. In

diesem Zusammenhang spielen die

Naturvölker und ihre achtungsvolle

Wahrnehmung und Leben von und mit

der Natur eine besondere Rolle.

Funktion als Dennoch knüpft man heute

wieder an. In diesem Zusammenhang ist

auch die Gaia-Hypothese zu sehen, die

für ökologisches Nachdenken ein

geistiges Modell abgibt. Insgesamt

ergibt sich aus befreiungstheologischer

Sicht ein auf Leidens- und

26

Schmerzempfinden gegründetes

Engagement für die Schöpfung als eine

von Gewalt und Unterdrückung

gezeichneten Lebenswirklichkeit, die

nach Röm. 8,21 einbezogen ist in

Gottes Befreiungswirken von der

Sklaverei und Verlorenheit. Noch ist die

Befreiungstheologie nicht am Ziele einer

die Tiere konsequent einbeziehenden

Wahrnehmung von Gerechtigkeit und

Freiheit. Aber ihre Gedanken sind so

weit nicht entfernt von dem, was z.B.

Peter Singer u.a. mit ihrer „Befreiung der

Tiere“ angestoßen haben.

Gibt es eine äußere Ökologie, so muss

es auch eine innere Ökologie geben.

Gemeint sind damit die Kräfte der

Solidarität und einer praktizierten, die

die Ruinierung der Natur und

Mißhandlung von Menschen, Tieren und

Pflanzen aufhebt. Konkrete heißt das für

Christen, dass sie die praktische Konsequenzen

der Ökospiritualität eines

„einfachen Lebens“ ziehen, das sich

selbst freiwillig begrenzt. Dies steht als

Herausforderung vor der Kirche

besonders in den reichen Ländern der

Erde. Aus allem lässt sich biblischtheologisch

erheben, das die uns

bewegenden Fragen von Umwelt- und

Tierschutz ihre biblisch-theologischen

Bezüge haben und sie dem

Christentum, das als Religion die

Leidensthematik tief erfasst hat, nicht

fremd sind. Es ist allein die Frage, wie

weit wir bereit sind, anderen Lebewesen

und Lebenswirklichkeiten religiöse und

ethische Relevanz einzuräumen.

"Wir haben den Rest der

Tierischen Kreatur versklavt

und haben unsere entfernten

Cousins in Pelz und Federn

so schleckt behandelt,

dass sie zweifellos,

wenn sie nur in der Lage wären,

eine Religion zu erfinden,

den Teufel in Gestalt des

Menschen darstellen würden."

William Ralph Inge (1860-1954)

Englischer Geistlicher und Gelehrter


Tierschutz ist Diakonie an den älteren Geschwistern der Schöpfung

Veröffentlicht Juni 08 in „Die Kirche“ Berlin-Brandenburgisches Sonntagsblatt

Die Tierwelt ist kaum ein Thema unter Christen, dabei gibt es außer uns mindestens 20 Millionen anderer

Lebensformen, die diesen Planeten mit uns teilen. Sie sind stark im Schwinden, denn ihnen geht es

schlecht unter unserer Ägide. Die Tiere sind aber durchaus ein Thema der Bibel und das Christentum

muss mit dem Vorwurf leben, weithin taub gewesen zu sein für das „Seufzen der Kreatur“ (Römer 8,22).

Von wenigen Ausnahmen, wie Franz von Assisi oder Albert Schweitzer abgesehen, scherte sich unsere

Religion kaum um das Wohl und Wehe der Tiere. Ethik und Barmherzigkeit gelten allein dem Menschen.

Albert Schweitzer schrieb treffend, dass die philosophischen und religiösen Denker des Abendlandes

darüber wachten, „dass ihnen keine Tiere in der Ethik herum laufen“ und so ist es bis heute geblieben.

Unsere menschliche Kultur wäre jedoch ohne die Leistung der Tiere undenkbar. Wir haben sie uns

unterworfen und domestiziert. Sie haben unsere Äcker gepflügt, Lasten getragen und Göpel gedreht.

Beim Bau der Frauenkirche in Dresden haben die Lastesel mit ihren Arbeitern in der Kirche geschlafen.

Christian Morgenstern sprach davon, dass ganze Weltalter voll Liebe notwendig seien, den Tieren ihre

Dienste und Verdienste an uns zu vergelten*. Wir haben die Leistungen der Tiere stets in Anspruch

genommen, aber nie gefragt, was wir ihnen dafür schuldig sind. Ganz selbstverständlich bezeichnen wir

sie kalt und rational allein nach ihrem Zweck: Milchvieh, Pelztiere, Laborhunde, Zugtiere, Schlachtvieh,

Zirkustiere und so endlos fort. Viele glauben, dass sie von Gott geschaffen sind, unseren Zwecken zu

dienen. „Tiere sind zum Essen da“ – basta, so wie der ganze Vorrat der Natur um des Menschen willen

geschaffen ist. Oder sollten Tiere und Natur eine eigene Würde haben, die von uns zu respektieren ist?

Empfindsamen Menschen will es als Skandal erscheinen, dass gerade zu den großen christlichen Festen

die Schlachthöfe auf Hochtouren laufen und Ströme unschuldigen Blutes fließen. Ist nicht unser Erlöser

in einem Stall geboren – Mensch geworden unter Tieren? Menschlichkeit hat das den Tieren nicht

gebracht.

Die christliche Tradition empfindet einen unendlichen Abstand zwischen Mensch und Tier: allein der

Mensch ist „Ebenbild Gottes“ und „Krone der Schöpfung“. Ewiges Leben ist ihm allein reserviert.

Kommen Tiere überhaupt in den Himmel? Nun: im Paradies sind die Tiere ja auch gewesen, allein der

Mensch wurde daraus verwiesen. Also müssten die Tiere doch in Gottes besonderer Nähe sein? Wir

haben leider die Tier- und Naturfreundlichkeit des Alten Testamentes nicht weiter geführt. Menschen und

Tiere sind gemeinsam am 6. Schöpfungstag geschaffen und empfangen beide den Segen des Schöpfers.

Die von uns zur banalen Kindergeschichte degradierte Sintfluterzählung weiß von Gottes Rettungswillen

für alle Geschöpfe. Gott schließt gar einen Bund mit allen Lebewesen, die Odem und Seele haben (1.

Mose 9,17). Wir haben diesen Bund tausendfach verletzt und die Tiere aus Frömmigkeit und Ethik ausgegrenzt.

In der gesamten „Weisheitsliteratur“, einem guten Viertel der biblischen Schriften, wimmelt es

nur so von Tieren: von Salomos Sprüchen über Hiob und die Psalmen bis in die Bergpredigt und die

Vögel des Himmels… Bileams Eselin kennt Gottes Willen und der große Fisch bringt Jona nach Ninive.

Die Tora kennt die Rechte der Tiere. Man soll nicht nur dem Ochsen, der drischt das Maul nicht

verbinden (5. Mose 25,4), die Tiere sind selbst in den Gottesfrieden des Sabbats einbezogen. In der

Schöpfungsgeschichte finden wir das vegetarische Fundamentalgebot: „Ich habe euch gegeben, alles was

da wächst und Samen trägt, das sei eure Speise.“ (1. Mose 1,29). Dieses Gebot wird auch durch seine

spätere Einschränkung nicht aufgehoben und ruht in Gottes Willen für die Würde der Tiere.

Das klingt wie aus einer anderen Welt, die gewiss auch nicht vollkommen war. Die tiefste Entwürdigung

der Tiere blieb dem industriellen Zeitalter vorbehalten. Um des Profites willen werden sie zur bloßen

Ware. Der Sündenkatalog ist endlos: Schweine zu tausenden auf Spaltenböden, die Schwänze kupiert,

um Kannibalismus vorzubeugen. Männlichen Ferkeln werden die Hoden ohne Betäubung

herausgeschnitten, des Geschmackes wegen. Die perverseste Delikatesse ist das Spanferkel, ein der

Mutter geraubtes Kind. Aber auch die Kälbchen werden sofort nach der Geburt von der Mutter

getrennt. Beide schreien eine Woche nach einander. Die Kälbchen kommen in „Stehsärge“ und werden

mit Soja-Mastfutter aus den armen Ländern zur Schlachtreife gepäppelt. Zu Millionen werden andere

27

27


Tiere in Labors zu Tode gequält: Knochen gebrochen, Schädel geöffnet, verbrüht, dem Menschen zum

Segen. „Du armes Schmerzenstier…“, singt Gerhard Schöne.

Wären da noch die kirchlichen Verlautbarungen und die sind butterweich. Ja, Tiere sind Mitgeschöpfe,

doch der Mensch darf sie nutzen - hat er immer gemacht, aber diese extreme Massenhaltung...? Die

nordelbische Kirche hat vor 10 Jahren eine klare Stellungnahme, die die Dinge beim Namen nannte,

zurück ziehen müssen. Der Druck der Landwirtschaftslobby war zu groß. Und außerdem: ob Tiere das

alles so empfinden wie Menschen? Ist doch fraglich, die haben ja keinen Verstand…

Eins ist klar: Tiere können nicht denken wie wir und auch keine Kreuzworträtsel lösen, aber sie stehen

uns sehr nahe. Charles Darwin hat es auf den biologischen Punkt gebracht: „Da Menschen und Tiere die

gleichen Sinne haben, sind auch die fundamentalen Empfindungen gleich“. Wir müssen lernen, von den

Gemeinsamkeiten her zu denken. Darwin hin oder her, schon meine Oma sagte: „…denn es fühlt wie du

den Schmerz“. Schmerz! Da sind wir mitten im Christentum, das wie keine Religion der Welt das Leid zu

seinem Thema gemacht hat.

Jesus und die Tiere – da war doch was! Ist der Gottessohn nicht mit den Tieren in der Wüste gewesen, das

Paradies zu erneuern (Markus 1,13)? Hat Jesus nicht den Tempel gereinigt und den grausigen Tieropfern

ein Ende gesetzt? Schon die alten Ausleger sahen darin einen Akt der Schonung der Tiere und als

Erinnerung hat er seiner Gemeinde nicht das Passahlamm, sondern eine frugale Mahlzeit hinterlassen.

Christen haben an den Tieren als nahen Verwandten der Schöpfung viel versäumt. Sollten wir die

Tierwelt nicht einschließen in unsere Spiritualität, etwa in die Fürbitten der Gottesdienste? Man könnte

der „geschundenen Kreatur“ gar einen Sonntag der Passionszeit reservieren. Tierschutz ist Diakonie an

den älteren Geschwistern der Schöpfung, die wie wir zum ewigen Leben berufen sind.

Entscheidend sind jedoch unsere Lebensgewohnheiten, die zutiefst mit der Ausbeutung der Tiere

verbunden sind. Man sieht dem Fleisch in der Pfanne das Elend nicht mehr an, wenn man es nicht sehen

will. Der beste Weg, etwas für die Tiere zu tun, ist, sie vom Speisezettel zu streichen und damit Gottes

Schöpferwillen der Genesis zu folgen. Es gibt eine schier unerschöpfliche Vielfalt unblutiger Kost, die

uns die Erde schenkt und ein Mehr an Humanität auf dieser Erde hat viel mit dem Erwerb eines anderen

Kochbuchs zu tun.

* Vollständiges Zitat: Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.

Christian Morgenstern

Fastenaufruf

Fasten verbindet alle Religionen: einmal heraustreten aus gewohnten Bahnen, frei werden von

äußeren Dingen und sich einüben in eine neue Lebenspraxis - auf Zeit oder für länger.

Die „Aktion Kirche und Tiere“ ruft auf und macht Mut, die 40 Tage vor Ostern ohne Fleisch zu

verbringen, wie es alte christliche Tradition ist. Das hilft uns, die Vielfalt gesunder Ernährung zu

entdecken und zugleich tragen wir eine Schuld ab, die wir lange verdrängt haben. Tiere werden

für unseren Genuss und Gaumenkitzel in Massen oft qualvoll gehalten und grausam getötet.

Sie erleiden von uns Menschen unvorstellbare Gewalt. „Du sollst nicht töten“, das gilt ohne

Einschränkungen für alles Leben. Die Fastenzeit ist eine Buß- und Besinnungszeit, sie kann

uns helfen, dieses Grundgebot in seiner ganzen Tragweite zu erfassen und in unserem

täglichen Leben eine neue Sicht auf das Leben zu gewinnen, das wir mit allen Geschöpfen

dieser Erde teilen.

U. Seidel


28


Zwischenruf - Pandemische Plagen?

Die Vogelgrippe naht. In kurzer Abfolge erscheint eine weitere Tierseuche, die Politiker, Wissenschaftler und Verbraucher

aufschreckt. Seuchen, deren Herkunft und Ursachen frühere Generationen sich nicht erklären konnten, sind in biblischen Zeiten

als Plagen und Strafen für die Menschen gesehen worden. Irgendwo glaubte man, dass es tiefere Zusammenhänge gibt

zwischen solchen Ereignissen und den Taten der Menschen. Aber da sind wir heute weiter: hinter BSE und Vogelgrippe steckt

keine unsichtbare Macht, die die Menschen für ihre Sünden straft, sondern ein ebenso unsichtbarer, winzigster,

wissenschaftlich erkannter und nummerierter Virus. Er ist die Quelle allen Übels und nun mutiert! Der wirtschaftliche Schaden

ist immens. Aber das scheint momentan die einzige Rechnung zu sein, die wir aufmachen.

Und nun setzt sie wieder ein, die altbekannte Antwort des Menschen, der die Natur durch seine Vernunft regiert:

hunderttausendfaches Töten und radikales Ausmerzen. Die sparsamen Bilder der Medien, die uns zugemutet werden, sind

zutiefst abstoßend. Massaker an unschuldigen Tieren, die zu fliehen versuchen und halbtot in Säcke gesteckt und verbrannt

werden. Sie haben halt das Pech, dass sie Schwimmhäute und Flügel haben, statt auf 2 Beinen zu gehen und den Kopf hoch

oben zu tragen. Doch Angst vor Schmerz und Tod fühlen sie wie wir. Glauben wir, auf diese Weise unser Leben zu retten und

davon zu kommen? Die Bilder berühren uns höchst unangenehm, aber wir werfen wieder nur einen kurzen Blick ins tägliche

Inferno, das der Mensch den Tieren bereitet hat in Massenställen und Schlachthöfen, bei Kastration und Enthornung, dem

Schnabel-Abbrennen in der Batterie und den endlosen Transporten...

„Ich finde das alles furchtbar“, der Mensch spricht´s und rührt ungerührt sein Frikassee. Aber hat das der Mensch nicht schon

immer gemacht, Tiere beherrscht und ausgenutzt? Nun kommen uns langsam die Fragen, ob wir im richtigen Zug sitzen. Schon

von Pythagoras sind die Worte überliefert: „Was der Mensch den Tieren antut, wird auf ihn zurückfallen“. Wir können es auch

mit der Bibel sagen: „Was der Mensch sät, das wird er ernten“. Und wer Gewalt und Tod sät, wird nichts anderes ernten. Irgend

so etwas, wie eine höhere Gerechtigkeit, die auch wehrlose Tiere nicht vergisst, muss es doch geben.

Zwischenruf - Krokodilstränen

Die Satten sind betroffen: Hungerrevolten ob steigender Nahrungsmittelpreise, Biosprit aus Palmöl, Äthanol aus Zuckerrohr, wo

Nahrungsmittel wachsen könnten… Die aufgebrachten Hungerleider springen vom Bildschirm in unser Wohnzimmer. Dabei

sitzen sie seit Jahrzehnten unsichtbar an unserem Esstisch und viele wissen das. Das Problem ist nicht der Biosprit, denn der

beansprucht weltweit 5% der Anbauflächen. Das Problem ist die „Fleischproduktion“. Über 50% der Weltgetreideernte landet in

Tiermägen, dazu noch 70-75% der Hülsenfrüchte und Ölsaaten, deren gut verdauliches Eiweiß und Fett Massen von Menschen

ernähren könnte. Um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen wird die 10fache Menge Pflanzenkost verschleudert. Das heißt dann

„Veredlung“. Unsere Futtermittelimporte kommen aus den armen Ländern, denn die hiesigen Böden reichen für unsere

Tiermassen nicht aus. In der Serengeti Ostafrikas leben 1,5 Millionen Huftiere auf 16.000 km², allein im Landkreis

Vechta/Niedersachsen sind es 1,2 Millionen Rinder, Schafe und Schweine, von den Geflügelmassen, die nur noch in Tonnen

gewogen werden, ganz zu schweigen. Sie alle brauchen hochwertiges eiweißhaltiges Mastfutter, denn sie müssen ohne

Zeitverzug dem Schlachthof entgegen wachsen. Ein Hühnchen muss in 36 Tagen Schlachtgewicht haben und wird mit jeder

Stunde unverkäuflicher… Das ist der ruinöse Tanz ums Goldene Kalb, denn die Flächen der Sojaplantagen befinden sich in der

Dritten Welt. Für sie wird der Regenwald Amazoniens in atemberaubenden Tempo abgeholzt, Tier- und Pflanzenarten sterben

aus, eingeborene Völker verschwinden gleich mit, einschließlich ihrer Kultur. Nicht ohne Grund wurde das 20. Jh. zum größten

Sprachenfriedhof der Menschheitsgeschichte. Das ist die Elendsspur, die der gigantische Fleischkonsum der Reichen

hinterlässt.

Aus dem täglichen Brot ist das tägliche Fleisch geworden, das gegen jede gesundheitliche Vernunft im Übermaß verzehrt wird.

„Unser Fleischkonsum ist nicht rational gesteuert“, so ein Psychologe. Er ist eine Droge wie Zucker und Alkohol, dazu eine pure

und ererbte Gewohnheit. Ein Blick auf die Folgen unserer Esslust für den Menschen und die geschundenen Tiere ist Anlass

genug, Konsequenzen zu bedenken. Ihrer werden sich immer mehr Menschen bewusst. Schon die Schöpfungsgeschichte stellt

uns Gottes reich und unblutig gedeckten Tisch vor Augen, denn unser Schöpfer weiß, was gut ist (1. Mose 1,29): „Siehe, ich

habe euch gegeben, alles was wächst euch zur Speise“: Samen und Früchte, Kerne und Nüsse, Wurzeln und Gemüse, Kohl

und Getreide, Schoten und Sprossen, Lauch und Knollen, Pilze und Obst. Weg von der Wurst, ist die Botschaft der Stunde.

Fangen wir klein an, etwa mit dem Mandeltatar: 100g gehackte Mandeln, 150g Tomatenmark, 1 Zwiebel gewürfelt und

gedünstet, 1 EL Instant-Gemüsebrühe, mit Basilikum, Thymian, Majoran würzen. Alles vermischt ergibt einen schmackhaften

und kräftigen Brotaufstrich. Guten Appetit, die Richtung stimmt!

29

29


ZWISCHENRUF

Zur Diskussion um Darwin, das „intelligent design“ und die Theologie

Darwin liegt uns offenbar schwer im Magen und die Diskussion ist voll entbrannt. Der religiöse Zeitgenosse aber

hat seine Lösung: Darwin sagt nur leicht variiert dasselbe, was schon in der Bibel steht. So tönt es mittlerweile aus

vielen Stimmen der Kirchenpresse, nicht zuletzt aus dem sächsischen „Sonntag“ (Nr. 4/06).

Wir sollten jedoch so ehrlich sein zuzugestehen, dass Darwin und die biologischen Wissenschaften zumindest ein

bestimmtes Gottesverständnis in Frage stellen. Wenn in der Zeitung die christliche Dogmatik schwärmerisch

fabuliert, dass „Gott lebensschöpferisch Tag für Tag bestimmt“, so die Leipziger Theologin Schneider-Flume - wie

ist es dann mit dem Prinzip von Variation und Selektion? Dieser Begriff behagte schon Darwin nicht recht, aber er

meint doch, dass ein biologischer Überschuss an Nachkommen gnadenlos von einer Umwelt ausgelesen wird, die

nun mal ist, wie sie ist und nicht, wie wir sie uns romantisch-religiös wünschen. Ist das Gott? „Die Natur ist schön

und großartig, von aussen betrachtet, aber in ihrem Buche zu lesen ist schaurig“ (Albert Schweitzer). Was heisst

denn, dass Gott „lebens-schöpferisch Welt und Zeit umgreift“, wenn unsere Erde ein riesiger Friedhof ist und bisher

99% aller Lebensformen vernichtet wurden durch genetische Erosion, Überlebenskampf, globale Katastrophen,

Klimaveränderung oder Kometenein-schläge? Die nunmehr sechste globale Katastrophe der Erdgeschichte läuft

gerade. Sie ist „die seltsamste von allen; ihr Name ist Mensch“ (Carl Amery). Es sterben durch die Einwirkung des

homo sapiens stündlich 3 Tier- und Pflanzenarten aus. Das hat es seit 65 Millionen Jahren nicht gegeben, seit die

Säugetiere die Weltbühne betraten und die Reptilien ablösten. Wir tun alles, um das Streitthema Schöpfung oder

Evolution selbst zu erledigen, indem wir den Zankapfel beseitigen. Wir können viele Tiere als Monumente ihres

Untergangs bald nur noch im Zoo eingesperrt betrachten und sind als Nachfolger/innen des gütigen Erdensohnes

Jesus ansonsten völlig taub für die Klage der Schöpfung. Wann spielen Schöpfung oder Evolution bei uns eine

Rolle, sei es in der hohen Theologie oder der Kirchenpresse? Wenn wir uns in unseren Glaubensvorstellungen von

einem alles ordnenden Gott angegriffen fühlen, der genauso ist, wie wir ihn uns vorstellen. Dieser Gott

ist spätestens seit Auschwitz und Hiroshima obsolet. Wenn wir ehrlich sind, geht es uns doch nur um unsere

Glaubensideologie und nicht um das, was Gott geschaffen hat. Da praktizieren wir fröhlich und ohne Skrupel:

„Machet sie euch untertan“. Unsere Debatte um Schöpfung und Evolution hat etwas zutiefst Unehrliches.

Darwin – die unvollendete Revolution

Wort zum Wochenende für die "Leipziger Volkszeitung" am (26./27.9.)

Es ist „Darwin-Jahr“. Der Paukenschlag kam vor 150 Jahren. Charles Darwin konfrontierte die christliche

Welt mit der Tatsache, dass der Mensch nicht „von oben“ als Extra-Anfertigung in die Welt gesetzt wurde, sondern

„von unten“ aus der Welt des Lebendigen herausgewachsen ist. Wir sind das bisher letzte Glied

der Lebenskette und Spätankömmlinge der Schöpfung. Ein nackter Affe statt „Krone der Schöpfung“?

Das traf die Menschen hart in ihrem Stolz und ein Weltbild geriet ins Wanken. „Wenn das stimmt, dann

betet zu Gott, dass es keiner erfährt“, so die Frau eines englischen Bischofs.

Es sei allein die „Arroganz des Menschen“, sich für eine Sonderschöpfung zu halten, so der Begründer

der modernen Biologie, denn der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist „graduell, nicht prinzipiell“.

Jeder, der ein Tier hat, weiß das, denn die Verwandtschaft ist mit Händen zu greifen. Menschen und

Tiere haben die gleichen Sinne, also müssen auch ihre Empfindungen vergleichbar sein. Sie können

sich freuen, sie leiden, empfinden Schmerz, haben Intelligenz und soziales Verhalten. Man kann

sich vom „Tiersein“ des Menschen nur beleidigt fühlen, wenn man Tiere als etwas Minderwertiges

ansieht. Und so werden sie auch behandelt: in der Massenhaltung „leben“ 26 Grillhennen pro m 2

,

Kälbchen und ihre Mütter werden nach der Geburt getrennt und brüllen eine Woche nacheinander,

Ferkeln werden die Hoden ohne Betäubung herausgeschnitten, Hunde im Labor zu Tode gequält

und Lebensräume sind großflächig zerstört... Das Sündenregister des gewalttätigsten Lebewesens,

das je die Erde betreten hat, ist lang. Behandelt man so seine Verwandten der Schöpfung, nur weil

man stärker und gerissener ist als sie? „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder

geben“, sagte Leo Tolstoi und die Gewalt des Menschen gegen Tiere ist nur die andere Seite

der Gewalt gegen sich selber. Charles Darwin lehrt uns die Verwandtschaft alles Lebendigen. Wir

sind Geschöpfe unter Geschöpfen, um es christlich auszudrücken.

Darwins Revolution ist noch nicht ausgefochten. Es wird wohl noch dauern, bis der homo sapiens von

seinem hohen Ross herunter steigt und Mensch wird – wenn er nicht vorher herunter fällt.

30


KEIN SEGEN FÜRS TÖTEN

Artikel erschienen als Kontra in „Kirche im ländlichen Raum“ Ausgabe 3/2008.

Diese Ausgabe widmet sich dem Thema: „Passion Jagd“

Man kann sich nicht zum Brauch der Hubertusmessen

äußern, ohne den Grund der Veranstaltung zu beleuchten.

Der Verfasser muss gestehen, Hubertusmessen

nur vom Fernsehen zu kennen, zudem waren

sie im Osten Deutschlands vor der Wende unbekannt.

Die Kirche stand für die „Friedensgebete“, mit denen sie

sich ungebeten in die Gesellschaft eingemischt hat und

es lag ihr fern, Hobbies wie die Jagd, die zutiefst mit

dem Gewaltgedanken verbunden sind, mit geistlichem

Segen und pastoraler Präsenz zu bedenken.

Problemfall Jagd

Sei’s drum! Auch an einer Wald und Flur in Aufruhr

versetzenden Treib- oder Drückjagd, hat der Autor nicht

teilgenommen, aber er war einmal zufällig dabei, wie ein

Hirsch erschossen wurde, und – pardon für die

Gefühlsduselei – das Geschöpf hat ihm schlicht leid

getan. Doch das Waidwerk hat seine eigene Sprache:

Tiere werden nicht erschossen, nein, sie werden

„erlegt“. Wenn sie erschossen oder (wie in vielen

Fällen) nur verwundet sind und irgendwo verrecken,

dann fließt nicht etwa Blut, sondern „Schweiß“. Man

denkt bei dieser Sprachvernebelung gar nicht, dass wir

uns in Reichweite des 5. Gebotes befinden: „Du sollst

nicht töten“. Wer mit dieser, das Blutige verhüllenden

Sprache nicht vertraut ist, denkt nicht an Pulverdampf

und Schrot, dessen Bleigehalt Böden und Gewässer

zunehmend belastet. Es ist Gift für Greifvögel, die

abgeschossene Kormorane oder nicht gefundene

„verendete“ Tiere fressen. Betroffen sind z.B. die

Seeadler, die im Muldental nach der Flut 2002 neue

Lebensräume fanden.

Es fällt nicht leicht, sich in die Welt des Jagens hineinzuversetzen.

In Wald und Flur des Muldentales

stehen die Hochsitze dicht. Neuerdings sind geschlossene

Sitze auf fahrbarem Untersatz dazu gekommen.

Sie werden an Schneisen geparkt, in 25 m

Entfernung werden Brot, Brötchen und Maiskolben

ausgelegt und dann wird geschossen. Ich hörte von

einer Frau unseres Ortes, die aus Mitleid mit den Tieren

die Köder wieder einsammelt. Es ist vielen Menschen

nicht nachvollziehbar, dass das Schießen auf wehrlose

Tiere offenbar „Spaß“ macht. Scheinbar ist´s doch

fürstliche Freude, ist männlich Verlangen“ (Freischütz).

Steinzeitliche Beutetriebe erwachen nicht mehr nur bei

Männern und eine Waffe in der Hand, verleiht das

Gefühl von Macht. Auch das Feuern auf sich

31

bewegende Ziele scheint größeren Reiz zu haben, als

etwa der Schuss auf eine Scheibe - Empfindungen, die

einem ehemaligen Reservisten der NVA nicht ganz

unvertraut sind.

Wenn man gar die „Jägerstube“ betritt, stellen sich noch

ganz andere Fragen. Man ist umgeben von stolzen

Trophäen, Gehörnen, Geweihen, ausgestopften

Kadavern, Köpfen, Zähnen… Was hat ein solch düsteres

Mausoleum mit Freude an der Natur zu tun? Ist

das nicht eine Art Nekrophilie (Todesverliebtheit) und

eröffnet einen tiefen Blick in manche Jägerseele?

„Ja, der Grünrock erfüllt die heilige Pflicht der Auslese

kranker oder überzähliger Tiere“, so ein gängiges

Argument. Er schützt den Wald vor Verbiss der Rehe

und die Felder vor den Wildschweinrotten, denn die

Großjäger des Waldes, Wolf und Bär, haben schon die

Urväter unserer Jäger ausgerottet. Da will es dem

Betrachter von außen nicht recht einleuchten, dass

maßgeblicher Widerstand gegen die vier Wolfsrudel in

der sächsischen und brandenburgischen Lausitz gerade

von den Jägern kommt. Ist es die Sorge um gerissene

Schafe oder dass wieder ein Rotkäppchen im Wald

verschwindet? Oder geht es dem Jagdpächter, der

teures Geld bezahlt, womöglich um den Verlust der

Alleinherrschaft im Revier?

Wenn die Jagd die Funktion, die früher die großen

Beutegreifer hatten erfüllt, warum sind dann so viele

Beutegreifer „jagdbar“? Es sind sogar Tiere der „Roten

Liste“, wie der Feldhase, zur Jagd frei gegeben.

Immerhin werden pro Jahr 400.000 Mümmelmänner

Opfer der Jagd und natürlich muss auch der Fuchs

dezimiert werden, um des „Niederwildes“ willen…

Wem gehört Hubertus?

„Als Hubertus eines Tages bei der Jagd einen Hirsch

aufgespürt hatte und ihn verfolgte, um ihn zu töten,

stellte sich dieser ihm plötzlich entgegen. Zwischen

seinem Geweih erstrahlte ein Kreuz, und in der Gestalt

des Hirsches sprach Christus zu ihm:

‚Hubertus, warum verfolgst du mich?’

Was würde ein Rotwildjäger von heute dem Hubertus-

Hirsch antworten? ‚Weil du dich in einem rotwildfreien

Gebiet befindest?’ oder ‚Weil du die Fichten geschält

und die Buchen verbissen hast?’“

So liest sich die Hubertuslegende bei der „Deutschen

Wildtier Stiftung“, die sich um die Schonung des letzten


frei lebenden Großsäugers in Deutschland müht.

Rechtfertigt der „Wildschaden“ die Tötung eines Lebewesens?

Sein Lebensraum wird vom Menschen

immer weiter eingeschränkt durch intensive Landwirtschaft,

Flächenversiegelung und Zerschneidung der

Landschaft. Das Wildtier wird zum Hindernis. Werden

hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt?

Es wird gestritten, ob die Hubertuslegende an sich

jagdkritisch sei. Hat der jagende Adlige die Waffen

gestreckt und wurde absoluter Pazifist oder nicht? In

der Logik der Geschichte liegt ein klares „Ja“. Sie gehört

zu einer literarischen Gattung, ähnlich wie biblische

Jesus-Szenen, die mit einem markanten Satz enden

und die Entscheidung dem Leser selbst nahe legen. Die

Hubertuslegende ist in Analogie zur Bekehrung des

Paulus in der Apostelgeschichte (Kap. 9) verfasst. Ein

„weiter so“ des Hubertus, der nun zum Patron der Jäger

und Schützen mutiert ist, dürfte nach der Tendenz der

Geschichte aberwitzig sein. Selbstverständlich hat er

der Gewalt abgeschworen, aber Jahrhunderte

ungerechtfertigter Inanspruchnahme dieses Heiligen für

die Jagd haben ihr Gewicht.

Hört ein Jäger, der ein wehrloses Tier im Visier seiner

überlegenen Präzisionswaffe hat, in seinem Herzen die

Frage: „Warum tötest du mich?“ Ein passionierter Jäger

sagte mir einmal, dass er es vermeide, einem Reh vor

dem (hoffentlich „sitzenden“) Blattschuss in die Augen

zu blicken - der Skrupel wegen...

Das Bemerkenswerte der Hubertus-Legende ist etwas

anderes. Sie schließt eine von vielen Christen

schmerzlich empfundene Lücke. Christus erscheint in

Gestalt der vom Menschen geschundenen und gehetzten

Kreatur. Das Kreuz zwischen den Geweihstangen

- ist es nicht das Kreuz und das Leid der

Tierwelt, mit dem sich unser Erlöser eins weiß? Wird die

Bibel hier nicht weiter gedacht, denn das Kreuz Christi

umfasst doch alles Leid dieser Welt und da lässt sich

32

das Elend der Kreatur nicht ausgrenzen. Die Jagd ist

nur ein Aspekt der Gewaltherrschaft des Menschen

über die Tiere, von „Tierproduktion“ oder Schlachthöfen

ist hier nicht zu reden. Es sind gerade die

Heiligenerzählungen, in denen unglaublich viele Tiere

als Begleiter der frommen Gestalten erscheinen. Auf

unser Christentum, das allein mit dem Menschen und

seinem Heil befasst ist, haben diese Heiligen nicht

gewirkt. So bleiben unsere Mitgeschöpfe weiter aus

Glauben und Ethik ausgegrenzt.

Die Not der Hubertusmessen

Es gibt - zumindest im evangelischen Raum - keine

„Liturgie“ für Hubertusmessen. Auch der biblische

Bezug zur Jagd ist dürftig: Nimrod und Esau sind

wahrlich keine Aushängeschilder. Wie eine Notlösung

bleibt das Schöpfungslob als biblischer Bezug. Das

Internet ist eine Fundgrube für die Probleme und

Selbstzweifel, der sich der Veranstalter angesichts des

Tötungsproblems bei der Gestaltung dieser kirchlichen

Inszenierung ausgesetzt sieht. Der Bezug zur Jagd

solle etwa durch das Blasen der Parforcehörner

hergestellt werden und die Jagdgruppe könne keilförmig

wie ein Hirschgeweih stehen. Der Raum sollte „jagdlich“

dekoriert sein, aber auf eine Jagdstrecke wird wohl

inzwischen aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet.

Als Dekoration der Kirche kämen Geweihstangen,

Trophäen oder ein Hirschkopf mit Geweih und Kreuz

dazwischen in Betracht - alles eine Frage des guten

Geschmacks. Die Predigt solle der jagdlichen Thematik

angepasst sein, ohne auf das „Erlegen“ (sprich: Töten)

von Tieren näher einzugehen, mit Rücksicht auf Kinder.

Da es weder Liturgie noch Predigttexte gibt, muss sich

jeder und jede nach eigenem Gusto selbst etwas

zusammen zimmern. Vielen geistlichen Rednern wird

dabei nicht ganz wohl sein.

Fazit: Hubertusmessen sind religiös verbrämte folkloristische

Schaustellungen, die das ethische Problem

des Tötens gezielt verschleiern oder bagatellisieren. Als

„Gottesdienst“ haftet ihnen damit etwas Blasphemisches

an, denn in der Nachfolge des Hubertus kann

die Botschaft eigentlich nur lauten: „Die Waffen nieder.“

Die Kirche sollte sich offiziell von derartigen Veranstaltungen

distanzieren, aber dafür fehlt ihr gewiss der

Mut.

Jagd ist nur eine feige Umschreibung

für besonders feigen Mord am chancenlosen

Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform

menschlicher Geisteskrankheit

Theodor Heuss (1884-1963) 1. Bundespräsident der BRD


Zwischenruf: Hubertus im Grabe

„Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen..?“ - den Freischütz haben die Jünger Nimrods im Blut und die

Hubertusmessen laufen wieder an im ganzen Lande. Die Jägerschar feiert in den Kirchen ihr blutiges Hobby. Sieht

so der Auftrag der Kirche aus: „Verkündet das Evangelium aller Kreatur“ (Markus 16,10)? Und ihre Zeichen

beherrschen die Landschaft. In der Dichte der Hochsitze liegen wir vorn in Europa. Die gut betuchte Jagdlobby

widersetzt sich konsequent einer Novellierung des Jagdgesetzes und die Liste der jagdbaren Arten ist eine der

längsten auf dem Kontinent. Auf ihr finden wir sogar bedrohte Arten, wie Baummarder, Waldschnepfe und Rebhuhn.

Seit 1994 steht auch der Feldhase im Register und dennoch müssen pro Jahr über 400.000 Langohren dran

glauben.

„Ist fürstliche Freude, ist männlich Verlangen...“ so ein hilfloses Geschöpf niederzustrecken. Ist Meister Lampe

einmal im Visier, hilft kein Hakenschlagen mehr, denn bei einer Schrotladung gibt es kein Entrinnen. Was hat dieser

Hase seinem Töter getan, dass der ihn gezielt umbringt? Du sollst doch nicht töten! Und was hat das alles mit dem

Heiligen Hubertus zu tun? Als dieser einst zum Schusse ansetzen wollte, erschien ihm Christus als weißer Hirsch mit

einem leuchtenden Kreuz zwischen den Geweihstangen und rief: „Hubertus, Hubertus, warum verfolgst du mich?“

Von Stund an rührte Hubertus keine Waffe mehr an, um auch nur eines seiner geringsten Schöpfungsgeschwister zu

morden.

Während die Grün- im Verein mit den Schwarzröcken in den Messen kirchlichen Segen über ihre Großtaten an der

Schöpfung breiten, dreht sich Sankt Hubertus um und um in seinem Grabe.

Es ist hohe Zeit, die Blasphemie der Hubertusmessen abzuschütteln und Ehrfurcht vor allem Leben zu lernen.

Brief gegen „Angeln für Kinder“!!!

wir wenden uns an Sie als kirchliche Initiative, da wir über einen Konflikt mit der Tierschutzorganisation PETA im Bereich der

Grundschule Potsdam, Angeln als AG für Kinder anzubieten, informiert wurden. PETA ist eine der renommierten internationalen

Tierschutzorganisationen, die es bekanntermaßen nicht bei Appellen belässt, sondern durchaus provokative Aktionen

organisiert.

Wir bitten Sie aus unserer christlichen Sicht der Verantwortung für die Schöpfung, als Schul-träger dieses Angebot für Kinder

einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Angeln ist ein höchst umstrittenes Hobby und ein reiner Freizeitsport. Mögen uns Fische als biologisch sehr fern stehende

Lebewesen erscheinen, empfinden sie Schmerz, wollen leben und haben sichtbar Angst vor dem Tode wie wir.

Albert Schweitzer schreibt in seinen Lebenserinnerungen, wie sehr ihn in seiner Kinderseele die sich beim Angeln am Haken

windenden Würmer und das Töten der Fische erschüttert haben. Nach zweimaligem Angeln habe er nicht mehr mitgemacht

und andere aus Mitgefühl versucht, vom Angeln abzuhalten. Diese und andere traumatische Erfahrungen mit leidenden Tieren

haben später seine auf Christentum beruhende Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ inspiriert.

Unterschätzen Sie bitte nicht die Wirkung des Zufügens von Schmerz und des Tötens auf die Seele der Kinder, es sei denn,

das Erziehungsziel besteht darin, Kinder für das Leben hart zu machen. Das für Ihr Schulkonzept anzunehmen wäre natürlich

absurd, denn eine „christliche Sicht auf Mensch und Welt“ schließt die Erziehung zu Mitgefühl und Barmherzigkeit ein. Dies

aber lernen Kinder in hervorragender Weise im Umgang mit Tieren. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder ein Aquarium

haben, in dem sie niemals angeln würden, sondern gerade dort die Wunderwerke der Schöpfung und des Lebens bestaunen.

Der Preis des Angelns ist der Schmerz und der Tod anderer Lebewesen. Es gibt genügend andere Möglichkeiten, das um der

Zukunft der Menschheit willen dringend erforderliche Empfinden für Natur und Leben bei Kindern zu befördern, als Hobbies, die

sich auf Gewalt gründen.

Wir hoffen ein Nachdenken und eine lebensfreundliche Problemlösung befördern zu können und verbleiben mit guten

Wünschen und herzlichen Grüßen zur Weihnacht, da der Erlöser der Welt im Stalle von Bethlehem auch der geschundenen

Tierwelt erschienen ist.

33


34

VKW


Tiere raus aus dem Kochbuch

Kontra: Grillwurst und Schweinshaxe

Pythagoras, Leonardo da Vinci, Tolstoi, Gandhi, Shaw, Paul McCartney, Brigitte Bardot, Nina Hagen ... die Spur der

Vegetarier durch die Geschichte ist lang. Die Gründe, warum sie Fleisch nicht mehr essen wollen, sind verschieden.

Aber ganz oben steht die Abscheu, andere Lebewesen zu töten, um sie sich einzuverleiben. »Fleischessen ist die

ethische Abwägung zwischen Lebensvernichtung und Gaumenkitzel«, so ein Philosoph der Gegenwart, und George

Bernhard Shaw hat sicher Recht: »Wenn Schlachthöfe gläserne Wände hätten, würde die Zahl der Vegetarier

sprunghaft wachsen.« Fleischessen als »normale« Gewohnheit ist nur möglich durch konsequentes Wegschauen und

würde sich sofort erledigen, wenn wir die Tiere eigenhändig töten müssten. Mir jedenfalls sind die toten Kaninchenaugen

der Sonntagsbraten meiner Kindheit noch in grausiger Erinnerung. Sie haben meine spätere Entscheidung

fürs »gewaltfreie Kochen« gefördert.

»Tiere sind zum Essen da« – das hat man jahrhundertlang unerschütterlich geglaubt, denn so hat Gott die Welt

eingerichtet. Der Mensch, Krone der Schöpfung – für ihn hat Gott alles gemacht, alles hat ihm zu dienen und ist unter

seine Füße getan (Psalm 8,7). Dennoch weiß die Bibel sehr wohl, dass Tiere nicht selbstverständlich zum Essen da

sind.

Zu den ersten Geboten, die Gott uns Menschen gibt, gehören die Nahrungsgebote. Wir Menschen sollen essen von

den Pflanzen, die Samen und Frucht tragen (1. Mose 1,29), und von allen Bäumen des Weltengartens (1. Mose 2,16).

Das ist die unübersehbare Fülle gesunder und nahrhafter Kost. Nicht Fleisch und Wurst, sondern Samen, Nüsse,

Früchte und Gemüse (rund 4000 Kulturpflanzen) sind unsere Nahrungsgrundlage mit ihren großen Potenzialen an

Nähr- und Aufbaustoffen. Da kann kein Fleisch mithalten. Inzwischen übersteigen die gesellschaftlichen Kosten zur

Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten das, was wir in Deutschland für Nahrungsmittel überhaupt ausgeben: zu

fett, zu eiweißreich, zu wenig Ballaststoffe. Die Hüften wachsen – zu viel der Fleischeslust ...

Aber Gott hat doch nach der Sintflut erlaubt, Fleisch zu essen und die Gebote der Schöpfung durchgestrichen (1. Mose

9,3): »Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben.« Aber

gerade dieser, vom christlichen Fleischesser genüsslich zitierte Satz, atmet viel schlechtes Gewissen der Menschen,

denn Gott verbietet im nächsten Vers den Blutgenuss, weil darin das Leben ist. Er lässt uns wissen, dass wir im

Tiertöten ein Tabu berühren und uns am Leben selbst versündigen. Das frühe Christentum hatte viele religiöse

Vegetarier. Denn wenn Christus erschienen ist und unsterbliches Leben gebracht hat, hat er damit unsere Welt wieder

mit ihren vorsintflutlichen Schöpfungsursprüngen verknüpft. Da hat Schlachten und Fleischessen keinen Platz mehr, so

der Heilige Hieronymus. Jesus hat alles versöhnt, was im Himmel und auf Erden ist, und Frieden gemacht – die neue

Schöpfung ist angebrochen (Kol. 1,20).

Heute empfängt die vegetarische Schlemmerküche von außerhalb der Kirche ihre Impulse. Aber unsere Religion kann

fundiert mitreden. Wir wissen, worum es geht, und fordern mit allen, die das Leben lieben: Tiere raus aus dem

Kochbuch!

„Weh dem, der die Stadt mit Blut baut“ (Habakuk 2,12)

Erklärung der Aktion Kirche und Tiere (AKUT e.V.)

zur genehmigten Erweiterung des Schlachthofs der „Fleischwerk Tönnies GmbH“ in Weißenfels

Der 27. Mai ist ein schwarzer Tag für die Kulturstadt Weißenfels. An diesem Tag genehmigte das Landesverwaltungsamt Halle die Erhöhung

der Schlachtleistung des Tönnies-Schlachthofes auf 12 000 Schlachtungen pro Tag. Diese unvorstellbare Zahl von Akkordschlachtungen, die

sich auf jährlich 4,5 Millionen Tiere belaufen, ist ein weiteres Zeichen extremer Entwürdigung unserer Mitgeschöpfe zur Ware, die um des

Profites willen schnell und billig verarbeitet wird.

Angesichts dieser Umstände, für die inzwischen viele Menschen sensibler geworden sind, betont AKUT den eigenen Wert und die eigene Würde

auch jeden einzelnen Tieres. Tiere sind keine Schlachttiere, sondern Gottes Geschöpfe und haben eine Würde, für deren Missachtung

Weißenfels zum Zeichen wird.

Wir verurteilen die Erweiterung des Tönnies-Schlachthofes als Sünde an Schöpfung und Kreatur. Sie widerspricht dem Willen Gottes, der alles

Leben geschaffen. Gegen eine Kultur des Schlachthofs und der Lebensvernichtung erinnern wir an eine „Kultur des Lebens und der

Achtsamkeit“, die uns die Bibel lehrt.

Wir rufen die verantwortlichen Politiker, Behörden und Bürger auf, der kulturlosen Umwandlung der Stadt Weißenfels zu einer Schlachthofstadt

entgegenzuwirken und fordern einen sofortigen Stopp des Ausbaus des Tönnies-Schlachthofes in Weißenfels.

Außerdem rufen wir im Interesse der Tiere, unserer leidensfähigen Mitgeschöpfe, zu einer Reduzierung und Beendigung des Fleischkonsums

als einem Dienst am Leben auf.

35


Sehr geehrte Frau Kollegin,

Brief an Pfarrerin die eine Tierversuchsanstalt gesegnet hat!!!

Dass ich zu Tierversuchen grundsätzlich anders stehe als Sie, werden Sie verstehen. Sie wählten den Zugang über

den Schöpfungsgedanken und verstanden die im Labor getesteten und getöteten Tiere als Schöpfung, die unter

Gottes Segen steht. Leider enthält Ihr Segen über die Einrichtung keinen Segen über die dort befindlichen Tiere,

obwohl dieser Segen der Tiere in der Schöpfung vorkommt.

War Ihnen vielleicht bewusst, dass sich der Segen und das unsägliche Schicksal der Tiere nicht vertragen? Kann

man Gewaltopfer vor ihrem Tode segnen?

Ihr Formular enthält auch keine Ansprache. Wenn alle Reden gehalten haben, warum nicht auch Sie? Sie hätten

unscharfe und missverständlichen Dinge präzisieren können. Ich glaube, Sie wären es dem Auditorium schuldig

gewesen, den fundamentalen Gedanken der Schöpfungsgeschichte von der Namensgebung der Tiere durch Adam

nicht nur zu lesen und damit vorüber rauschen zu lassen, sondern auch zu entfalten.

Trügen die Labortiere Namen, wie die Haustiere Ihres Kollegen, und dem Experimentator käme damit auch die

Individualität des Mitgeschöpfes zu Bewusstsein, was erfahrungsgemäß schwere Skrupel zur Folge hätte. Ich weiss

nicht, ob Ihr Kollege eines seiner Heimtiere diesen Qualen aussetzen würde.

Im Übrigen erscheint es mir fast zynisch, die Tierversuche unter dem Gedanken der Schöpfungsverantwortung des

Menschen zu sehen. Allein schon das im beigelegten Zeitungsartikel erwähnte manipulierte Schwein, das „für´s

Schnitzel zu schade“ ist, offenbart in der Sprache die Denkungsart einer arroganten Wissenschaft und zeigt, dass ein

Versuchstier nicht Gottes Schöpfung, sondern deren makabre Entstellung ist.

Ich vermute, Sie sind ebenso wie ich noch nicht bei derartigen Experimenten dabei gewesen. Aber lesen Sie einmal

die im Internet zugänglichen Protokolle der Versuchseinrichtungen an allen möglichen Tieren von Rhesusaffen bis

hin zu Goldhamstern (www.datenbank-tierversuche.de). Ich habe sie im Kyrie-Teil eines Gebetes zum

Welttierschutztag verwendet und die eiskalte technokratische Sprache hatte für die Zuhörer etwas Erschütterndes.

Das ist die Sprache einer Rationalität, die die von Ihnen beschworene Schöpfung aus der Ethik entfernt hat. Ihr Satz

des Anspieles: „Am Ende der `Berufslaufbahn` steht der Tod“ (und dazu noch ein ganz elender) passt voll und ganz

dazu.

Wenn Ihnen (vermutlich von Wissenschaftlern) der Vorwurf der Anthropomorphisierung gemacht wurde, da Tiere wie

in der Fabel reden (was ich nun wieder angemessen finde, da Tiere sehr wohl über eine Art Sprache verfügen), kann

man Ihnen anderseits den Vorwurf eines wenig reflektierten Zugangs zum Thema nicht ersparen. Dass man durch

den Tierversuch Krankheiten heilt, die wir als Geistliche in den Krankenbetten sehen, ist doch nur ein kleiner Teil der

Wahrheit. Der Rest ist wissenschaftlicher Ehrgeiz, hoch finanzierte Förderprogramme, um die man sich reisst,

massive ökonomische Interessen und ein verantwortungsloser Umgang weiter Teile der Bevölkerung mit ihrer

Gesundheit.

Es ist für die im Tierschutz Tätigen, die unglaubliche Grausamkeiten des Menschen kennen gelernt haben,

unmöglich, Ihren Gedanken nachzuvollziehen, dass ein Tier freiwillig den Forscher noch darum bittet, es zu

benutzen, als wäre das von Gott so bestimmt.

In der ethischen Diskussion steht der Tierversuch für die letzte brutale Unterwerfung des Tieres unter menschliche

Interessen, nicht zuletzt in Anlehnung an Gandhi („Die Vivisektion ist das schwärzeste aller menschlichen

Verbrechen.“). Ich halte an dieser Stelle den Schöpfungsgedanken in der Weise, wie Sie ihn verarbeitet haben,

einfach nicht für angemessen.

Ich will Sie nicht bevormunden, aber Sie hätten die christlich/christologische Perspektive wählen sollen. denn wenn

es um Schöpfung geht, dann geht es auch um ihren Schmerz und ihr Kreuz. Vielleicht kennen Sie die

Choralbearbeitung "Du großer Schmerzensmann" von Gerhard Schöne.

Darin dichtet er eine sehr tiefe Wahrnehmung, die nicht nur ich bei Ihnen vermisse:

"Du armes Schmerzenstier,

36


in den Labors getestet.

Für unsern Appetit

auf engstem Raum gemästet.

Vergiftet

und bestrahlt,

gestreßt die ganze Zeit,

entseelt und ausgelöscht für unsre Sicherheit.

Ach Jesu,

immerfort wirst du ans Kreuz geschlagen.

Hier und an jedem Ort,

heut und an allen Tagen.

Und wer bin ich dabei?

Der in der Menge steht?

Der dich nicht kennen will?

D e r s t u m m v o r ü b e r g e h t?"

Ich befürchte, letzteres ist in Erlangen geschehen.

Ich weiss nun nicht, wie viel Gras wieder über die Sache gewachsen ist, aber vielleicht sollten Sie nicht nur Kritik

abwehren. Die Kritiker/innen aus dem Tierschutz, die oft Frauen sind (warum wohl?), reagieren sehr emotional; das

sollten Sie nicht überbewerten. Ich glaube aber, Sie haben unserem christlichen Schöpfungsengagement keinen

guten Dienst erwiesen. Vielleicht sollte Sie auch dazu stehen.

Als Zeichen unseres Nachdenkens und der Gedanken, denen wir uns verpflichtet fühlen schicke ich Ihnen das

„Glauberger Schuldbekenntnis“, das bereits viele Unterzeichner/innen gefunden hat und eine gravierende

theologische Leerstelle deutlich macht.

U. Seidel

37


An den Kirchenvorstand

der Jakobi-Gemeinde Kirchrode

Kleiner Hillen 3

30559 Hannover

„…denn es fühlt wie du den Schmerz“

Liebe Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher,

durch einige unserer Mitglieder, die sich als Christinnen und Christen für den Schutz und die Würde der nichtmenschlichen

Schöpfung engagieren, erfuhren wir von der Entscheidung, vor der sie stehen, Kirchenland an den Boehringer-Konzern zu

verpachten, der Tierversuchseinrichtungen für verschiedene Tierarten plant. Gestatten Sie mir daher in einer vermutlich recht

aufgeheizten Atmosphäre, möglicherweise mit Frontenbildung, mich in aller Sachlichkeit an Sie zu wenden und betrachten Sie

dies bitte als ein geistliches Votum in einer Sache, für die sich die Kirche leider sehr selten interessiert.

Mit den Tierversuchen geht es hier um Leid und Schmerz, den wir Menschen anderen Lebewesen unfreiwillig und ungefragt

zufügen und im Kreuz Christi befindet sich das Leid auch im Zentrum unserer Religion. Seit dem Aufkommen der massenhaften

Tierversuche im späten 19. Jahrhundert, stehen diese in der Kritik. Anfangs war es die „Vivisektion“, der Versuch am lebenden

unbetäubten Tier. Es hat sich sicher manches geändert, vor allem durch Proteste vieler Menschen und bedeutender

Persönlichkeiten, die auch aus ihrem christlichen Empfinden heraus diese Experimente ablehnten. Zu ihnen gehörte auch

Albert Schweitzer, der sich klar dagegen ausgesprochen hat.

mittlerweile gehen die Zahlen der Versuche in die Millionen und daraus ist eine ganze Industrie geworden. Von Mäusen bis

Affen werden weithin grausame Versuche unternommen, über die Sie sich unter www.datenbank-tierversuche.de informieren

können. Diese Lektüre lässt nicht unberührt. Die Kritikpunkte beziehen sich auch auf die „Produktion“ und Haltung der

Labortiere. Sie werden am Ende der Versuchsreihen getötet.

Die Kritik an den Tierversuchen ist grundsätzlicher Art:

1. Tierversuche sind höchst fragwürdig, da sich ihre Ergebnisse nicht auf den Menschen übertragen lassen. Die

Anwendung von Medikamenten auf den Menschen bleibt immer ein nicht kalkulierbares Risiko und erfordert

unausweichlich den Menschenversuch. An Tiere getestete Substanzen haben immer wieder negative Folgen für den

Menschen gehabt.

2. Tierversuche werden in ihrer Wirkung auf den Menschen letztlich nicht evaluiert, man kann nichts weiter feststellen,

als dass bestimmte Dinge auf verschiedenen Tierarten verschieden wirken. Das ist alles.

3. Trotz ständig anwachsender Versuchszahlen, sind Durchbrüche bei den großen Krankheitsphänomenen wie Krebs

nicht in Sicht, trotz Experimenten am Tier

4. Daher muss sinnvoller Weise in Alternativen zum Tierversuch investiert werden, z.B.: dreidimensionale menschliche

Hautmodelle, chemisch-physikalische Giftigkeitstests, Hühnerei-Test, die Epidemiologie (Beobachtung von Menschen)

und viele andere.

5. In tierversuchsfreie Forschung wird aber minimal investiert, im Vergleich zu den Ausgaben der Tierversuchsindustrie,

die mit starker Lobby riesige Fördermittelbeträge, also Steuergelder, verbraucht.

6. Es besteht durchaus eine Analogie zur Energieproblematik: wären die Mittel, die in der Vergangenheit z.B. für die

Atomenergie eingesetzt wurden für zukunftsfähige Energieformen verwendet worden,

7. wären wir heute viel weiter und hätten auch weniger Konflikte auf unserer Welt um die verbliebenen fossilen

Ressourcen.

8. Allein mit uns Menschen vergleichbar sind Leiden und Schmerzen, die Tiere sogar noch intensiver empfinden als wir,

da sie diese nicht rational verarbeiten können.

Lassen Sie mich noch eine biblische Miniatur anfügen: Als Adam im Paradies allein war, führte ihm Gott die Tiere zu als Teil

der Schöpfungsgemeinschaft und der Mensch gab ihnen Namen. Versuchstiere haben keine Namen, sondern Nummern. Das

ist Teil ihrer Entwürdigung.

Mit einem Verzicht, Boehringer Kirchenland zu verpachten, setzen Sie ein Zeichen für die Menschlichkeit, die sich eben nicht

auf den Menschen begrenzen lässt. Sie setzen ein Zeichen gegen Schmerz und Leid und indem Sie sich gegen die

Tierexperimente stellen, fördern Sie das Anliegen einer tierversuchsfreien Forschung, die effektiver und humaner ist.

Ich wünsche Ihnen eine gewissenhafte und zukunftsweisende Entscheidung

(Leider hat sich die oben erwähnte Gemeinde für den Verkauf an Boehringer entschieden!!! Anm. V.K. Wichmann)

38


Die Verwendung von Pelz durch den Menschen

Eine ethisch-theologische Stellungnahme von Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e.V. (Nov. 07)

Die öffentliche Verurteilung des Tragens von Pelz durch den israelischen Oberrabbiner Yona Metzger im

vergangenen Jahr, fordert die evangelische Kirche zu einer Stellungnahme in der Pelzfrage heraus.

Die Aktion Kirche und Tiere (AKUT e.V.) empfiehlt den evangelischen Landeskirchen folgende Positionsbestimmung.

I. Situation

In Deutschland existieren noch immer etwa 30 Pelzfarmen, auf denen in engen Käfigsystemen bis zu 15.000 so

genannte Pelztiere gehalten werden. Die meisten der dort gezüchteten Tiere sind Nerze. Im Frühjahr geboren,

fristen sie ihr Leben in Drahtkäfigen mit einer durchschnittlichen Bodenfläche von 30 cm x 90 cm haben. In freier

Wildbahn leben Nerze in Gebieten, die bis zu 60 Millionen Mal größer als ein Farmkäfig sind. Ihr Lebenselement,

das Wasser, wird ihnen, abgesehen von ihrer Trinkration, gänzlich vorenthalten und das Bedürfnis nach Wasser

zählt zu ihren Grundbedürfnissen. Die Exkremente fallen unter die Käfige und türmen sich mit der Zeit auf. Der

Gestank ist vor allem für die nasenempfindlichen Beutegreifer unerträglich.

Die Tiere leiden durch die Enge vor allem unter teils stark ausgeprägten Verhaltensstörungen, wie ständigem Hin-

und Herlaufen an den Käfigwänden, sowie Kannibalismus am eigenen Körper oder bei Artgenossen. Zudem leiden

sie unter Verletzungen, die durch das ständige Leben auf Drahtböden entstehen.

Getötet werden alle Pelztiere etwa im Alter von sechs bis sieben Monaten. Bei Nerzen und Füchsen ist das die Zeit

von Ende November bis Mitte Dezember eines Jahres. Nerze werden zum größten Teil vergast. Sie werden in einen

Behälter gezwungen, in den Kohlenmonoxid oder Kohlendioxid eingeleitet wird. Die Nerze sterben einen

qualvollen Erstickungstod. Füchse werden durch Elektroschlag umgebracht, wobei Elektroden durch Mund und

After in den Körper geführt werden. Chinchillas werden meistens durch Genickbruch getötet.

II Ethisch-theologische Beurteilung

Gegenüber einer ökonomistischen Verwertungslogik ist festzuhalten, dass es sich bei den so genannten Pelztieren

um hoch sensible leidensfähige Lebewesen handelt. Sie empfinden Schmerz, Angst, Trauer. Sie sind keine Ware,

sondern Mitgeschöpfe. Das bedeutet: von Gott geschaffene und dem Menschen an die Seite gestellte Kreaturen.

Dem Menschen ist eine besondere Verantwortung für die nichtmenschlichen Geschöpfe zugewiesen. Gott hat einen

Bund geschlossen mit allem Leben dieser Erde. Aus diesen fundamentalen Aussagen der biblischen Urgeschichten

ergibt sich eine schöpfungstheologische Würde der Tiere unabhängig von Ansprüchen, die der Mensch über sie

erhebt. Achtung ihrer Grundbedürfnisse ist ein Auftrag, der aus dem Gedanken der gemeinsamen Schöpfung durch

Gott erwächst. Die dem entsprechende Haltung des Menschen gegenüber den Tieren sollte von »Ehrfurcht vor

allem Leben« (Albert Schweitzer) geprägt sein.

Für Textilien aus Pelz besteht in der heutigen Zeit keinerlei Notwendigkeit. Pelzmäntel, Pelzjacken oder

Kleidungsstücke mit Pelzbesätzen dienen ausschließlich der Befriedigung modischer Bedürfnisse. Dafür die so

genannten Pelztiere ein Kurzleben lang zu quälen und sie grausam zu töten, ist unter ethischen Gesichtspunkten

nicht zu rechtfertigen. Das Interesse der Tiere, schmerzfrei und lebendig zu bleiben, ist höher zu gewichten als das

Interesse bestimmter Menschen, ein Kleidungsstück aus Tierpelz zu tragen. Zudem gibt es mittlerweile genügend

Produkte aus synthetischem Pelz, die modische Ansprüche leidfrei befriedigen.

III Konsequenzen

Aus ethischen Gründen ist es nicht vertretbar, Kleidung aus Pelz, Kleidung mit Pelzbesätzen oder sonstige

Produkte aus Pelz zu kaufen und zu tragen. Dies ist nicht vereinbar mit einer christlich-ethischen

Lebenseinstellung. Die Landeskirche Sachsen in ihren Gremien unterstützt diesen Standpunkt gegenüber ihren

Mitgliedern und die sich daraus ergebende Forderung an die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und

Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU), die Pelztierzucht in Deutschland zu verbieten.

39


S C H Ä C H T E N

Stellungnahme des Kirchlichen Forschungsheimes Wittenberg

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts

zum betäubungslosen

Schächten von Schlachttieren sind auf

dem Hintergrund einer gewachsenen

Sensibilität für das Leid der Tiere

tiefgreifende Diskussionen aufgebrochen.

Da es sich beim Schächten um

einen religiösen Akt handelt, sind

einzelne Menschen und ebenso auch

Tierschutzorganisationen an die Kirchen

herangetreten, mit der Bitte, sich

gegen diese Tötungsart auszusprechen.

Angeheizt wurde die Debatte

durch eine unglückliche Stellungnahme

der Evangelischen Kirche von Hessen und

Nassau zu diesem Thema.

Das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg nimmt wie

folgt Stellung:

1. Ein betäubungsloses Schlachten von warmblütigen

Wirbeltieren ist nach dem Tierschutzgesetz (§ 4a Abs.1)

mit gutem Grund in Deutschland verboten, kann aber

aus religiösen Gründen ausnahmsweise praktiziert

werden (§4 Abs. 2 Nr. 2). Das Urteil des

Bundesverwaltungsgerichts machte die dort erwähnten

"zwingenden religiösen Vorschriften" zur Voraussetzung

der Erteilung einer Ausnahmegenehmigung für

Moslems, die aber Juden seit langem selbstverständlich

beanspruchen. Gegenüber der Schächtpraxis bleibt

aber festzuhalten dass die Betäubung der Tiere vor

dem Ausbluten das mindeste ist, was wir unseren

Mitgeschöpfen schuldig sind, wenn wir meinen,

unbedingt Fleisch verzehren zu müssen.

2. Je nach Praxis (Schächtwanne, Umlegeapparat,

Aufhängen an den Beinen, Fesseln des Tieres und Niederwerfen,

um Schaden vorn Sch(l)ächter abzuwenden)

dauert das Ausbluten und damit das Sterben zwischen

17 Sekunden und 6 Minuten 2 , die das Tier z.T. sehr

bewußt erlebt Das Gehirn funktioniert noch, wenn der

Hals bis zur Wirbelsäule mit einem Schnitt durchtrennt

wird, da die in der Wirbelsäule und dem Nackenbereich

liegenden Nerven und Gefäße funktionstüchtig bleiben.

Das Tier krampft und erbricht, weil der Mageninhalt

durch die geöffnete Speiseröhre austritt und in die

Lunge aspiriert. Es handelt sich beim Schächten

keinesfalls um eine "naturnahes Schlachten", wie es

eine Veröffentlichung der Ev. Kirche in Hessen und

40

Nassau (EKHN) behauptet. 3

Man wird in der generellen Beurteilung

des Schächtens davon

ausgehen müssen, dass diese

Tötungsart eine archaische und

grausame Schlachtmethode ist,

wiewohl es ein "humanes

Schlachten" ohnehin nicht gibt.

Außerdem schreiben weder

Koran noch Torah vor, dass das

Töten ohne Betäubung zu

geschehen hat. Die

Bundestierärztekammer lehnt

jedes betäubungslose

Schlachten aus Gründen des Tierschutzes ab. 4, 1

3. Dem muslimischen Schächten liegt Koran Sure

5, 4 zugrunde und verbietet den Muslimen lediglich

Verendetes, Totes, Blut und Schweinefleisch. Dem

gegenüber ist die Torah tiefgründiger. "Die jüdische

Tradition erkennt die Seele des Tieres im Blut und

verbietet aus diesem Grunde dessen Verzehr. Das

Leben gilt als heilig und Töten ist nur als religiöser Akt

im Tieropfer erlaubt" 5 . Es ist im wahrsten Sinne des

Wortes eine "Bluttat", aber (1. Mose 9, 3-6) bleibt ganz

deutlich nur eine "Notordnung" 6 Gottes. In ihr drückt

sich das schlechte Gewissen des Menschen aus, der

sich die religiöse Rechtfertigung verschafft, Fleisch zu

essen, ohne im Blut das Leben anzutasten, wohl

wissend, dass er damit ein Tabu bricht und etwas tut,

was eigentlich nicht sein sollte. Das Schächten aber

bleibt ein von Gottes ursprünglichem willen weit

entferntes religiöses Konstrukt. Nach der

Schöpfungsordnung ist es dem Menschen geboten, sich

vegetarisch zu ernähren (Gen. 1,29), wozu, Gott sei

Dank, heute immer mehr Menschen zurückfinden.

4. Bei der ganzen Beurteilung der

Schächtproblematik darf nicht die innerbiblische Kritik

außer Acht gelassen werden. Die gesamte prophetische

Überlieferung ist opferkritisch. Die blutigen Hände, die

Gott nicht sehen will (Jes. 1,15), die Opfer, die Gott den

Vätern in der Wüste nie befohlen hatte (Jer. 7,22) und

schließlich weist das programmatische Wort

"Barmherzigkeit statt Opfer" (Hos. 6,6) hinein in die

Mitte des Neuen Testamentes (Matth. 9,13) und läßt

uns Jesus erkennen in seinem tiefsten Anliegen der

grenzenlosen Liebe, die auch die Tiere nicht vergißt. Er


hat den Tempel gereinigt und den Todeskandidaten in

Federn und Fellen die Gitter zum Leben geöffnet (Mark.

11,15). 7

5. Die Frage nach dem Schächten ist im Geiste

Jesu nicht als religiöse Frage zu behandeln, sondern

als eine ethische. Jesus hatte stets Liebe und Humanität

über alle religiöse Tradition und formale Kasuistik

gestellt. Er weiß um die "Herzenshärte" der Menschen,

die sich sogar Gottes Gebote zurechtbiegt (Matth. 19,8).

So steht auch für unser geistliches Urteil das sich

furchtbar quälende Tier und nicht ein Torahgebot, das

solche Qual zuläßt oder hinnimmt, im Mittelpunkt. Auch

wenn sich die Evangelien in einer die Tiere

einschließenden Liebe nicht hervortun: im Geiste Jesu

und ganz im Sinne des sich zum Leidenden beugenden

Samariter (Luk. 10, 33-34), muß vorn Unterlegenen her

geurteilt werden. Dies ist ganz eindeutig das zu

Schächtende Gottesgeschöpf in seiner Marter. Dass

das frühe Christentum einen Sensus für das Leid der

Geschächteten hat, zeigt sich im starken Bild des

geschächteten Lammes für Christus (Offb. 5,6).

Grundsätzlich gilt zudem Jesu Urteil auch in dieser

Frage: "Im Anfang ist's nicht so gewesen" (Matth. 19,18)

daran kommt die Kirche nicht vorbei und hat damit allen

Grund, dem quälerischen Akt des Schächtens

energisch zu widersprechen.

6. Damit weitet sich der Horizont, sowohl theologisch

als auch ethisch. Bei aller Achtung vor dem

religiösem Werk der Torah - sie ist nicht das Ende der

Gottesoffenbarung, die wird uns in Christus und in der

Liebe geschenkt, die alles Gesetz erfüllt (Matth. 5, 17).

41

Wir sehen viele problematische Rechtssetzungen der

Torah (vom Schächten bis zur Steinigung von

Ehebrecherinnen, vgl. Joh. 8, 1 -11) in ihrer kulturellen

Zeitgebundenheit und Vorläufigkeit. All diese Gewalt

bejahenden Texte können vor der Liebe Christi nicht

bestehen. Diese hat für Christen höchste Verbindlichkeit,

aber die Kirche hat sie, von wenigen

leuchtenden Ausnahmen abgesehen, bisher den

Nichtmenschen vorenthalten.

7. Die Auferstehungserfahrung wurde von den

Osterzeugen als Anbeginn einer neuen und liebevollen

Wirklichkeit des Gottesreiches erfahren, die universale

oder gar kosmische Bedeutung hat. Ist der Mensch eine

neue Kreatur im Glauben (2. Kor. 5,17), so hat durch

das Christusgeschehen jedes Geschöpf die

unsterbliche Hoffnung auf die Gotteskindschaft (Röm,

8,21), "dass alles zusammengefaßt würde, was im

Himmel und auf Erden ist" (Eph. 1,10). In diesem

Auftrag ist die Kirche gesandt, das Evangelium zu

verkünden "aller Kreatur" (Mark. 16,10). Diese Gedanken

sind strahlende Gipfelpunkte des Neuen Testamentes.

Sie erinnern uns an eine Aufgabe, die wir

lange vernachlässigt haben. Es geht nicht allein darum,

gegen das Schächten zu protestieren, sondern auf

dieser Erde um einer höheren Gerechtigkeit willen das

Leid von Mensch, Tier und Schöpfung zu beenden, wo

es in unseren Kräften steht.

Wittenberg im Oktober 2002

1) In anderen Ländern wie Schweiz und Schweden ist Schächten verboten. In Schweden haben sich die Bürger jüdischen

Glaubens aber verständigt, die Tiere vor dem Schächtschnitt zu betäuben. (Gotthard M. Teutsch: Mensch und Tier/ Lexikon

der Tierschutzethik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, S. 180f).

2) Steven Rosen: Die Erde bewirtet euch festlich. ADYAR GmbH, Satteldorf 1992, S. 65f.

3) Wilhelm Wegener und Hans-Joachim Roos: Tiergerecht schlachten und Schächten. Zentrum gesellschaftliche Verantwortung

der EKHN, ohne Datum.

4) Vgl. . Beschluß der Hauptversammlung des 20. Deutscher Tierärztetages am 23.1.1995. In Deutsches Tierärzteblatt 9/1995,

S. 778.

5) Hanna Rheinz: Tiere, Frauen, Seelenbilder, Verlag Frauenoffensive. München 2000, S. 3 1.

6) Gerhard von Rad: Das erste Buch Mose (ATD). Berlin 1974, S. 99.

7) Das hat schon die ältere Exegese erkannt: Erich Klosterrnann: Das Markusevangelium. Tübingen 1936. S. 117: "daß wenig-

stens die unschuldigen Tiere dabei geschont wurden".

Ich gebe nicht viel auf die Religion eines Mannes, für dessen Hund oder Katze sie nichts

gutes bedeutet.

Abraham Lincoln, (1809-1865) 16. Präsident der USA


Weil sie eine Seele haben.

Veröffentlicht in: DER SONNTAG, Zeitung der Ev. -Luth. Landeskirche Sachsens Ausgabe Nr. 10 - 2008

„Die Trauer um ein Tier ist gesellschaftlich nicht akzeptiert“, so der Leiter eines Berliner Tierfriedhofes,

„aber es gibt sie!“ Und er spricht aus Erfahrung. Tiergräber? Das ist Vermenschlichung der Tiere. Ein

Grab steht nur Menschen zu, meinen Viele. Doch kann man beobachten, dass Kinder- und Tiergräber

einander ähneln. Sie sind fast kitschig geschmückt. Dahinter kann man die tiefe Trauer und Verlusterfahrung

entdecken, die Menschen aller Altersstufen machen. In unseren Häusern leben 5 Millionen

Hunde und Vögel, 6 Millionen Katzen und 4 Millionen Kleintiere. Das ist keineswegs eine soziale

Randerscheinung, aber die Theologie nimmt kaum Notiz davon. Im Gegenteil: alles ist mit Vorurteilen

behaftet - Tiere seien billiger Ersatz für fehlende menschliche Nähe und Fürsorge. Doch so können nur

Leute reden, die nie ein Tier gehabt haben und denen die tiefe emotionale Bindung an ein anderes Wesen

fremd ist. Gerade Kindern helfen Tiere zur Entwicklung seelischer Bindungsfähigkeit. Sie geben

Seelentrost, wenn einen niemand mehr versteht, denn ein Tier erfasst die Seelenlage eines Zweibeiners.

„Tiere sind Gefühlsmenschen“, sagt der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, sie sind uns ähnlich und doch

anders. Jeder, der die Gemeinschaft eines Tieres erlebt, spürt etwas von der Wesensverwandtschaft aller

Lebewesen. Sie drückt sich im Namen aus, auf den sie hören. Kinder lernen mit Tieren nonverbal zu

kommunizieren und das Wesen eines anderen zu erspüren. Sie entwickeln Respekt und Mitgefühl mit

anderen Lebewesen, auch die Achtung Schwächerer.

Ebenso ist es auch auf der anderen Seite des Lebens. Senioreneinrichtungen öffnen sich für Haustiere. Sie

bringen unverstellte Lebensfreude ins Heim, dazu eine ständige, nicht ermüdende Anwesenheit. Tiere

vermitteln Körperkontakt, denn sie suchen die Liebkosung, selbst bei wenig liebenswerten, verbitterten

alten Menschen. Sie können sie ebenso öffnen, wie ein Hund das Unmögliche schafft, ein autistisches

Kind aus seiner Isolation zu befreien. Senioren, die mit einem Tier leben, sind zufriedener, gesünder und

aktiver. Die Bindung zum Tier wächst unbewusst auf der seelischen Ebene. Entsprechend tief ist der

Schmerz beim Verlust, denn Tiere sind Familienangehörige und der Verlust wird als tiefer seelischer

Bruch erfahren. Ein Thema der Seelsorge ist das allerdings nicht. Wir beklagen, dass der Tod aus der

Gesellschaft verdrängt werde, aber gerade Kinder erleben hier zum ersten Mal im Leben den Tod,

machen die Erfahrung des „Mitsterbens“ und Nicht-mehr-helfen-Könnens. Sie müssen die Endlichkeitserfahrung

bewältigen. Interessanterweise wird bei Trauerseminaren gerade der Verlust eines

Tieres als Fallbeispiel herangezogen.

So spricht nun alles für Tierfriedhöfe. Sie sind notwendig, denn Abschied und Trauer brauchen einen Ort.

Tiere sind Gottesgeschöpfe und haben eine Seele, sie teilen mit uns das Mysterium des Lebens. Sind sie

nicht auch zur Vollendung in Gottes Reich berufen? Gegen Tierfriedhöfe aber spricht fast alles, was die

Kirche an Vorurteilen aufgebaut hat. Der Mensch ist nach unserem kulturellen Verständnis grundsätzlich

verschieden vom Tier, ist Ebenbild Gottes, Krone der Schöpfung, hat eine unsterbliche Seele und genießt

alle göttlichen Privilegien. Ein Tier gilt im Christentum grundsätzlich als minderwertig: irdisch, triebhaft

und instinktgeleitet. Darum hat uns der Charles Darwin so gekränkt: Wir sind doch höherer und nicht

„niederer“ Abkunft! Ein Tierfriedhof wird in der Kirche als Tabubruch erfahren. Das steht Tieren einfach

nicht zu, basta! Das sind die Probleme einer Religion, die blind dafür ist, dass Mensch und Tier mehr

verbindet, als sie voneinander trennt.

Diese Probleme haben andere nicht und sie haben auch keine Probleme mit Tierfriedhöfen. Tiere sind

Lebewesen wie wir, sie fühlen und haben eine Seele. Wir haben unseren Haustieren sehr viel zu verdanken

und sie vermitteln uns ein Gefühl für die große Gemeinschaft der Schöpfung, zu der auch wir

gehören. Vielleicht helfen Tierfriedhöfe, einen neuen Blick für die geschundene Tierwelt zu gewinnen, an

der wir furchtbar schuldig geworden sind.

42

42


Friedhöfe für Tiere

In

Deutschland

werden immer

mehr Tierfriedhöfeeingerichtet

und

manche Großstadt

hat

davon sogar

mehrere. Die

meisten

Menschen

haben keinen

Garten oder

einen anderen

Ort, wo sie ihr

Tier begraben

könnten. Wer

Abschied nehmen

muss von

einem geliebten

Tier kann

sich nicht vorstellen, es einfach pietätlos in die

Abdeckerei zu geben oder in die Mülltonne zu werfen.

Doch die Meinungen der Leute darüber sind sehr

geteilt. Tiere auf einem normalen Friedhof zu

beerdigen ist nicht möglich, nach der deutschen

Gesetzgebung sind Friedhöfe allein Menschen

vorbehalten und viele Zeitgenossen lehnen das als

furchtbar übertrieben ab. Aber der Wunsch nach einer

Grabstelle hat damit zu tun, dass man einen Ort der

Trauer braucht, wo man hingehen und sich erinnern

kann. Wenigstens in der Grabpflege kann man für ein

anderes Geschöpf noch etwas tun, egal ob Mensch oder

Tier.

Was ist eigentlich ein Friedhof?

Nun, würde man sagen: ein Ort der Toten! Aber der

Friedhof hat eine viel tiefere Bedeutung und eine lange

Geschichte: Der Mensch kehrt zurück zu seinem Ursprung,

in die Mutter Erde, aus der er am Anfang der

Lebenskette hervorgegangen ist. Die Erde ist in vielen

Religionen heilig oder eine Göttin (Gäa oder Gaja).

Auch die Bibel weiß das, denn Gott macht den Menschen

aus Erde und der Mensch wird auch wieder zu

Erde, „von der er genommen ist“ (1. Mose 3,). Wer in

der Erde ruht, ruht in Gott. Ein Friedhof soll uns auch

an unsere Vergänglichkeit erinnern und dass die Zeit

unseres Lebens schnell vorüber ist. Die Blumen der

Grabbepflanzung drücken das aus, denn die Bibel sagt:

„der Mensch ist wie das Gras und die Blume, morgens

blüht sie noch, des Abends ist die dahin“ (Psalm 103).

So auch der Mensch, ein Wunderwerk, aber kurz ist

43

sein Leben. Aber das merkt man erst so richtig, wenn

man selbst

älter wird. Das Kreuz deutet an, dass viel Leid und

Schmerz von der Erde bedeckt ist. Christus, der

umgebracht wurde, ist uns im Tod vorausgegangen.

Ein Friedhof kündet aber auch vom Leben und zwar

einem Leben, das nicht aufhört. Religiöse Menschen

sind überzeugt, dass unser irdisches Leben nicht alles

ist, sondern dass es noch weiter geht oder die unsterbliche

Seele bei Gott ist. Wenn auf vielen Grabsteinen

steht: „Hier ruht in Gott oder im Frieden“, dann ist der

Mensch eigentlich in der Erde nur „aufbewahrt“ bis

zum endgültigen Erwachen. Deshalb gibt es auf dem

Friedhof so viele immergrüne Pflanzen, die Lebensbäume

und den Efeu. Es gibt ein ewiges Leben, für das

wir bestimmt sind. Auf christlichen Friedhöfen werden

darum die Toten mit dem Kopf nach Osten bestattet –

zum Sonnenaufgang und Richtung Jerusalem, also zur

Auferstehung hin. Aber diese Sitte kennen auch kommunale

Friedhöfe.

Ob es ein ewiges Leben gibt, fragen sich viele Menschen

erst, wenn sie Abschied von einem geliebten

Menschen nehmen müssen. Dann fragen sie: „Herr

Pfarrer, gibt es ein Wiedersehen?“ oder: „Ist meine

liebe Oma noch irgendwo?“

Darf man Tiere bestatten?

Viele religiöse Menschen meinen: alles was wir gerade

gesagt haben, gilt nur für die Menschen. Eine Bestattung

in der geweihten Erde des Friedhofes ist das Privileg

des Menschen, denn wir sind die besondere

Schöpfung Gottes und haben allein eine unsterbliche

Seele. Tiere kommen nicht in den Himmel und haben

auch keine Seele. Nicht gläubige Menschen sagen dasselbe

anders: Tiere sind keine Menschen, sie stehen

weit unter uns, denn allein der Mensch kann denken

und bewußt handeln. Zuerst kommt der Mensch, Tiere

sind weniger wert und man soll sie nicht behandeln wie

Menschen, denn wir haben ihnen gegenüber keine besonderen

Pflichten. Es gibt Rechte, die stehen allein

uns zu. Das ist in unserer Kultur tief eingewurzelt.

Darum erscheint vielen ein Tierfriedhof als Gipfel der

Gefühlsduselei.

Aber wer sagt denn, dass Tiere weniger wert sind als

der Mensch oder dass sie keine Seele hätten? Nach der

Bibel sind sie genauso von Gott geschaffen wie wir

(1.Mose 1,24-27 am 6. der Schöpfungstag, der im bildlichen

Sinn gemeint ist). Auch die Tiere sind von Erde

genommen wie wir und gehen dahin zurück (1.Mose

2,19). Dazu kommt, dass sie auch im Paradies gewesen

sind, dort ist nur der Mensch herausgeflogen (1. Mose

3,23), also müssten Tiere auch in den Himmel kommen.

Als sein Hund gestorben war, hat ein Mann Mar-


tin Luther gefragt ob der ins Paradies kommt, „Ja“,

hat Luther geantwortet, „glaubst du denn, dass das

Reich Gottes eine Wüste ist?“ und mancher würde

hinzufügen: „Wenn im Paradies keine Tiere sind, da

will ich auch nicht hin.“ Wir können beruhigt sein, sie

werden dort sein! Wie ähnlich, ja verwandt wir

Menschen mit den Tieren sind, merken wir erst, wenn

wir welche haben. Man muss Tieren nur in die Augen

blicken, dann merkt man, dass sie eine Seele haben.

Tiere haben auch Bewusstsein und können sich viel

merken, sie haben wie wir Herz und Blut und

eigentlich sind sie uns wie Kinder, weil wir mit ihnen,

ob wir es merken oder nicht ganz eng zusammen

wachsen können. Wie eng wir mit ihnen zusammen

gewachsen waren, merken wir erst so richtig, wenn sie

tot sind. Das ist beim Menschen nicht anders. Und

warum soll man ihnen nicht eine letzte Würde

erweisen, ihnen danken für ihre Anhänglichkeit und die

gemeinsamen Jahre? Sie haben oft Trost gegeben und

viel Freude gemacht haben, uns und unsere Kinder zu

Liebe und Mitgefühl geholfen und uns menschlich

reifen lassen. Tiere verändern uns Menschen und

helfen unserer Seele, weil sie selber eine haben.

Menschen und Tiere sind beide Geschöpfe Gottes oder

nicht so fromm: wir gehören alle zum Leben, haben

nur eine verschiedene Seinsform. Ohne sie gäbe es uns

gar nicht – warum sollen wir ihnen im Tode den Respekt

verweigern?

Tiere in anderen Kulturen

Es ist wirklich unser europäisches Problem, dass wir

Tiere und Menschen, Geist und Materie so stark trennen.

In anderen Religionen sind Tiere heilig oder haben

gar göttliche Eigenschaften. Die „heiligen Kühe“

der Inder zeigen, dass die östlichen Religionen höchsten

Respekt vor dem Tier haben und glauben, dass

auch in der Wiederverkörperung die Seelen zwischen

Menschen und Tieren wandern. Dass in unserer Vorstellung

Engel Flügel haben erinnert noch daran, dass

sie einmal tierische Götterboten oder Tierseelen waren.

Man hat damals schon ohne alle Wissenschaft gewusst,

dass Menschen und Tiere enge Verwandte sind. In

früheren Mythologien sind Tiere gar Götter gewesen

und haben darin höchste Wertschätzung erfahren. Sie

sind mit Menschen zusammen begraben worden und in

die Ewigkeit eingegangen.

Wie soll man Tiere begraben?

Viel Ablehnung Tiere zu bestatten kommt davon, dass

niemand weiß, wie man sie bestatten soll. Für Menschen

gibt es Trauerfeiern, die einen bestimmten Ablauf

haben: Glockengeläut, Musik oder Lieder, eine

Ansprache, ein Gebet, Gedichte oder einen Bibeltext,

den Erdwurf am Grab. Es gibt Formulare, an die man

sich halten kann. Für Tiere gibt es das nicht. Aber es

hat auch lange gedauert, bis man aus der christlichen

Bestattungsfeier eine weltliche gemacht hat. Das war

auch nicht so einfach und ist es bis heute nicht. Leider

44

aber ist es heute so, dass viele Menschen ihre Angehörigen

ohne Trauerfeier unter die Erde bringen, sie also

„begraben wie einen Hund“, für den es (bis jetzt) auch

keine Feier gibt. Also muss man sich etwas überlegen.

Ich konnte mir vorstellen, dass man etwas aus der Bibel

vorliest, wo die Tiere als Gottesgeschöpfe vorkommen,

dann kann man noch einmal daran denken,

was man mit dem Tier erlebt hat und ein kleines Gebet

sprechen. Z.B. hatte Albert Schweitzer Tiergebete,

denn er hat uns Menschen an die Ehrfurcht vor allem

Leben erinnert. Man muß aber aufpassen, dass man es

nicht zu kitschig macht, vor allem die Grabgestaltung.

Vielleicht müßte hier einmal etwas erarbeitet werden,

das uns hilft, die Stunde des Abschiedes zu bewältigen.

Für Kinder ist es auch sehr schwer, ihr Tier herzugeben

und wenn man eine gute Form hat, wird manches

leichter.

Die letzte Ehre nur für Kuscheltiere?

Wenn wir unsere Hautiere beerdigen, lassen wir ihnen

eine große Würde zukommen. Sie sind die Erwählten

unter den Tieren und wir stellen sie uns fast gleich. Bei

allem Elend der Tierheime, aber mit unsern Kuscheltieren

fühlen wir Sympathie und Mitleid. Wir haben sie

geadelt, komfortabel als Hausgenossen in unserer Nähe

leben zu dürfen und ihnen lassen wir es an nichts fehlen.

Kritische Geister meinen: wenn es allen Menschen

so ginge wie diesen Tieren... Aber mir geht es jetzt

nicht um die Menschen, sondern um die anderen Tiere,

die nicht das Glück haben, beerdigt und vorher ein

Leben lang liebkost und gehätschelt zu werden. Müssen

sich nicht Tierfreund oder Tierfreundin fragen lassen,

ob ihre Tierliebe nicht recht einseitig ist? Hunde,

Katzen, Häschen... Aber was ist mit den Hühnern,

Mastgänsen, Tiertransporten oder den Pelztieren, also

mit dem Weihnachtsbraten und der Pelzmütze? Warum

machen wir solche Unterschiede? Ist es Gefühlsarmut

oder Bewußtseinsspaltung, dass die einen Tiere auf

dem Tisch landen und die anderen unter ihm Platz

nehmen dürfen?

Wenn wir erst so weit wären, allen Tieren das Recht

auf eine würdige Bestattung nach einem natürlichen

Ende einzuräumen, dann wären wir um Lichtjahre vorangekommen

auf dem Weg zu einer friedlichen Erde.

„Mein Bauch ist kein Tierfriedhof“

hat Nina Hagen provozierend gesagt und uns damit

genügend Stoff zum Nachdenken gegeben. Denn wir

könnten uns alles vorstellen, nur nicht unsere Heimtiere

zu essen. Der Tierfriedhof in uns: Ich schlage vor:

kuscheln wir unsere Tiere, tragen sie zu Grabe, sie

haben es verdient. Aus Dankbarkeit ihnen gegenüber

kaufen wir uns dann das längst fällige neue Kochbuch,

das friedlich mit den anderen Tieren umgeht. Dann

kommt unsere Tierliebe in ein gutes Gleichgewicht.


„Tiere haben Rechte“ –

Ansprache zum Welttierschutztag 2005, Nikolaikirche Leipzig

Vor einigen Tagen rief

mich ein alter

Schulkamerad an, der

inzwischen im Rollstuhl

sitzt und als treuen

Begleiter einen

Zwergschnauzer hat.

Ohne zu wissen, dass

mich solche Themen

bewegen, sprach er von

einem Fernsehbeitrag aus China über Hunde- und

Katzenfelle. Was er dort gesehen habe, wäre so

unerträglich gewesen, dass er abschalten musste und

lange nicht in den Schlaf fand.

Ich habe ihm gesagt, dass er wie durch einen Türspalt

gesehen hat und eine Momentaufnahme aus der Hölle

gesehen habe und die Tür hat sich dann gleich wieder

zu ging, als er abschaltete... Es war der Blick in eine

riesige Maschinerie, was auf unserer Erde mit Tieren

geschieht und dass das auch für mich, der ich etwas in

diesem Stoff stehe, unerträglich ist. Als ich kürzlich mit

unseren Konfirmanden beim Thema „Schöpfung“ war,

dass Mensch und Tier von der Erde genommen seien

usw. zeigte ich ihnen ein kurzes Video. Es war nicht die

Brutalität der Schlachthofszenen, denn dann muss man

damit rechnen, es mit den Eltern zu tun zu bekommen.

Nein: es waren Bilder, wie kleinen Ferkeln die Hoden

ohne Betäubung heraus geschnitten wurden, weil der

Deutsche das Schnitzel nicht so kräftig im Geschmack

mag und wie die Kleinen gequiekt und gezappelt haben.

Dann wie kleine Kälbchen enthornt werden, ihr Kopf

eingespannt wird und mit einer riesigen Zange die

Hörner abgeschnitten werden. Sie standen mit ihren

blutenden Köpfchen brüllend da. Die Jugendlichen

waren entsetzt. Auch das war nur eine

Momentaufnahme, ein Blick hinter den Vorhang, denn

das Ganze, was läuft zwischen Mensch und Tier ist

eigentlich unfasslich. Aber ich habe mich gefragt, warum

die Jugendlichen so empfindlich reagiert haben. Die

sehen doch so viel Gewalt in den Medien und müssten

eigentlich viel abgebrühter sein. Aber ich glaube, was da

durchgeschlagen hat, ist die Hilf- und Wehrlosigkeit der

Tiere, dass sie ausgeliefert sind und sich gegen Gewalt

nicht wehren können... So wie auch wir an vielen Stellen

unseres Lebens ausgeliefert oder hilflos sind und vieles

„Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch

gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“ (Jesaja 58,6)

45

einstecken lernen müssen. An dieser unserer

schutzlosesten Stelle treffen uns solche Bilder und wir

blicken zugleich in das Inferno, das die Tiere auf Erden

haben. Und dann haben wir die Wahl: ja schnell weg

gucken oder uns anrühren zu lassen und uns in

Bewegung zu setzen und das tun, was wir schon längst

einmal tun wollten: das Schnitzel auf unserem Teller mit

diesen Bildern in Zusammenhang bringen oder den

Pelzkragen mit der Pelztierfarm. Plötzlich taucht hinter

den Medikamenten, die wir schlucken ein

Versuchsäffchen auf, von der erbärmlichen

Gourmetküche der Schnecken und Hummer wollen wir

gar nicht reden... Manche sehen auch hinter den Eiern

im Regal das endlose Fließband, das die süßen

Osterküken selektiert, die einen ins Hühner-KZ zum

Eierlegen, die anderen (weil sie das falsche Geschlecht

haben) zum sofortigen Tod in den Gaskübel – das sind

in Deutschland 45 Millionen Küken jährlich. Der Horror

ist endlos: hilflos und wehrlos sind sie, wie manchmal

auch wir. Darum hat wohl auch mein

querschnittsgelähmter Schulkamerad das Elend der

Tiere doppelt empfunden. In diesen Bildern siehst du

dich selbst in deinen schwächsten Stunden.

Ist es aber Elend oder Unrecht? Wenn es ein Elend und

Unglück wäre oder eine unabwendbares Schicksal, dann

bleibt uns nur das Mitleid und dass wir alles daran

setzen, dieses Leid zu mildern. Ist es aber Unrecht,

dann gehört es abgeschafft! „Laß los, die du unter das

Joch gelegt hast... reiß jedes Joch hinweg“, so der

Prophet Jesaja (Kap. 54). Auch den großen Auslegern

der Bibel entgeht es, dass diese ein Bild ist, das aus der

Tierwelt stammt und nur auf Menschen bezogen wird.

Und wenn sie es bemerken, dann stellen sie nicht in

Frage, dass man selbstverständlich Tieren das Joch

auflegt, denn das haben die Menschen seit Urgedenken

doch gemacht! Ohne die Inanspruchnahme der

Leistungen der Tiere, natürlich unfreiwillig und

gezwungen, hätten wir Menschen niemals unsere

Kulturstufe und Zivilisation erreicht. Aber haben wir uns

jemals gefragt, was wir dafür schuldig sind? Was haben

wir den Tieren zurückzugeben dafür, dass wir sie, wie es

der Philosoph Horkheimer treffend sagt, lückenlos

ausbeuten? Die Tiernutzer, die diese „Nutzung“ nicht in

Frage stellen, reden uns ein, dass alles, was wir den


Tieren zu gönnen haben darin besteht, dass wir die

Qual reduzieren aufs „nötige Maß“. Denn „mehr“ lässt

der ökonomische Druck nicht zu. Das ist wie ein

Naturgesetz, der Rest sei Gefühlsduselei. „Laß los die

du unters Joch gesetzt hast“, denn es ist ein sehr

fragwürdiges Recht, das wir geschaffen haben und den

Tieren auferlegen, die sich nicht wehren noch

widersprechen oder gar gegen uns klagen können. Wir

müssen uns schon fragen lassen, mit welchem Recht wir

die halbe oder die ganze Schöpfung unterjochen. Ist es

allein, weil es uns nützt oder schmeckt und wir davon

profitieren? Wenn wir uns Tieren gegenüber

bedenkenlos durchsetzen, dann ist es allein das Recht

des Stärkeren, das Faustrecht. Aber das ist immer ein

UN-Recht. Ja, mag man einwenden, aber Rechte haben

doch nur Menschen, denn wir Menschen können uns

miteinander vergleichen. Wir kennen unsere

Bedürfnisse, haben Verstand und Sprache, können

unsere Rechte formulieren und ihnen Pflichten zur Seite

stellen. Aber welche Recht sollte Tiere haben, die doch

so anders sind als wir? Es ist in unserem heutigen

Friedensgebet der Philosoph Jeremy Bentham, welcher

uns erinnert, wie lange wir Menschen gebraucht haben,

anderen Menschenrassen Menschenrechte

zuzugestehen. Es genügte die Hautfarbe, ihnen die

Würde abzusprechen. Wie lange erging es Frauen ob

ihres Geschlechtes so? Wie spät wurde die Sklaverei als

Verbrechen entlarvt? Wir sprechen von „Speziesismus“,

wenn sich eine Gattung Lebewesen hochmütig über

andere erhebt und ihnen grundlegende Rechte

abspricht. Nur weil Tiere nicht denken, sprechen oder

Kreuzworträtsel lösen können, sind sie doch nicht

rechtlos. Wir stimmen Bentham zu, wenn er sagt: es

kommt nicht aufs Denken oder Sprechen an, sondern ob

sie leiden können. Und mag man leugnen, dass uns all

zuviel mit den Tieren verbindet, was moralische

Amen.

46

Berücksichtigung verdient, es bleibt die schlichte

Tatsache, dass Tiere fühlbare Wesen sind. „Da

Menschen und Tiere die gleichen Sinne haben, sind

auch ihre fundamentalen Empfindungen gleich“, so hat

es schon Darwin gewusst. Sie empfinden wie wir und

das ist diakonisch relevant, auch wenn das liebe

Christentum weithin taub ist für den Schmerz und das

Seufzen der Kreatur. Leiden können sie und man hat es

ihnen im Übermaß zugefügt. Tiere haben Rechte, die zu

respektieren sind: das Recht auf Leben, denn das ist ein

fundamentales Recht jedes Lebewesens; dazu das

Recht auf Freiheit von Leid und Schmerz, den Tiere

empfinden und ganz natürlich vermeiden wollen, ebenso

wie wir auch.

Mensch, lass die Tiere leben, es gibt genug anderes,

wovon du leben kannst und Gottes Schöpfung ist so

reich an Gaben. Bei unseren Heimtieren empfinden wir

doch auch, dass sie ein Gegenüber von uns sind, ein

seelisches „DU“ (Lorenz). Wesen sind sie, mit denen wir

reden können und die uns tief verstehen, wie einst im

Paradies. Warum dehnen wir diese Gefühle nicht aus

auf all die Tiere, die nicht wie Hund und Katze unter dem

Tisch, sondern auf ihm landen? Es sind doch nur unsere

eingefleischten Gewohnheiten, die uns Tiere zum

Nutzen und Verbrauch sehen lassen. Jedoch der Wind

scheint sich zu drehen. Wenn die „Bild-Zeitung“ sogar

schon Fleischwerbung macht, dann ist das ein

hoffnungsvolles Zeichen. Das Bewußtsein dafür scheint

in unserem Volke zu wachsen, dass Tiere keine

Lebensmittel sind, sondern eine Würde habe. Welch ein

Gewinn an Kultur wäre das und wenn ich mir vorstellte,

wie viel sichtbare Gewalt dann aus unserer Gesellschaft

verschwände. Und auch für dieses Wachsen an

Menschlichkeit steht das Christentum und der, der es

gestiftet hat:


Predigt zum 22. Sonntag nach Trinitatis 2007

anlässlich des AKUT-Studientages in der Schloßkirche zu Wittenberg:

„Darum ist das Himmelreich gleich einem König... Und als er anfing zu rechnen, kam vor ihn einer, der war ihm

10.000 Pfund schuldig...“ (Matth. 18, 23/24, aus dem Evanglium)

„Es ist dir gesagt, Mensch, was der Herr von dir fordert; nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig

sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8, aus dem Predigttext)

Zwei Fragen wehen uns aus den Bibeltexten des heutigen Sonntages an:

Einmal die Frage an den unbarmherzigen Schuldner: „Wie viel bist du schuldig“ und aus unserem Predigtext die

berühmten Worte des Propheten Micha: „Was ist gut?“

Die Frage nach dem Schuldig-Sein steht an diesem

Sonntag und sie steht wohl noch im Schatten des

Reformationsfestes und der Frage Martin Luthers: „Wie

finde ich einen gnädigen Gott?“ – eine Frage, die Luther

bis zur Selbstzerknirschung durchlitten hat. In der

Schuldfrage gibt es nichts zu bagatellisieren und sie ist

nicht auf den individuellen oder gar sexuellen Bereich

zu beschränken.

Als politisch denkender Christ hat Luther auch gewusst:

je mehr Macht ein Mensch hat und je mehr Machtmittel

in seiner Hand sind, desto gravierender sind auch seine

Sünden und reichen weit in soziale und

gesellschaftliche Zusammenhänge hinein. Die Sünde

entfaltet ihre destruktive und zerstörerische Macht und

vernichtet Gottes Werk auf dieser schönen Erde. Es ist

nur die Frage, wie weit und bis in welche Bereiche wir

Menschen bereit sind, unsere Sünden einzugestehen.

Und es ist schon interessant, dass sich in unserer

säkularen, von der kirchlichen Sprache weithin

abgekoppelten Welt, das Wort von den „Umweltsünden“

im Umlauf ist, auch wenn dieser Bereich im christlichen

Bußkatalog keine Rolle spielt. Dennoch ist das ein

dramatischer Bereich schwerster Einwirkung von uns

Menschen. Ausgerüstet mit dem Geschütz von

Wissenschaft und Technik (Ernst Bloch) sind wir

Menschen mit bisher nicht da gewesener Gewalt in die

Schöpfung eingebrochen und haben ein gigantisches

Zerstörungswerk angerichtet. Wenn uns dies ethisch

gar nicht so relevant erscheint mag, dann vergessen wir

nicht, dass wir im Umgang mit der Natur eine geradezu

militärisch-gewalttätige Sprache entwickelt haben: wir

erobern die Meere und Lüfte, bezwingen Berge und

beuten Bodenschätze aus, um nur einiges zu nennen.

Ein christlicher Philosoph unserer Tage mahnt ganz im

Sinne unseres Schuldnergleichnisses, dass wir im

Umgang mit unserer Mitwelt und allem Leben dieser

Erde immer nur profitiert haben, aber nie die Frage

gestellt haben: „Was sind wir Menschen schuldig“.

Welche Rechnungen haben wir im

Selbstbedienungsladen der Schöpfung zu begleichen?

47

Es ist die bohrenden Frage unseres Sonntages:

„Mensch, was bist du schuldig?“ Und wir wollen sie

nicht vorschnell zudecken mit einer billigen

Vergebungsgnade oder der Rede, dass das alles

sowieso nicht so schlimm ist. Nein: Gerechtigkeit,

Mensch, bist du der Schöpfung schuldig! Diesen

Gedanken hat unser AKUT-Studientag aufgenommen:

„Die Rechte der Tiere – die Pflichten der Menschen“

und all die Fragen nach dem Umgang von uns

Menschen mit leidensfähigen Wesen, die Schmerz und

Leid fühlen wie wir selbst. Mancher wird sich seiner

Großmutter erinnern und ihrem alten Spruch: „Quäle nie

ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den

Schmerz.“ Und so haben wir Menschen den Tieren

gegenüber, die fühlen wie wir, schwere Schuld auf uns

geladen Schon, indem wir das nicht als Schuld

anerkennen. Es ist die Frage: Was sind wir all den mit

uns geschaffenen Wesen schuldig? Würde, Respekt,

Moral? Und vielen Leuten dämmert es heute auf,

angesichts von Tierhaltung, Transporten und Tötung,

dass, wenn schon ein Tier für unseren Gaumenkitzel

sterben muss, dass es wenigstens ordentlich gehalten

und „human“ umgebracht werden sollte. Bei vielen

wachsen die Skrupel, Christen wie Nichtchristen, auch

wenn sich die Kirche für die Tiere nie weit aus dem

Fenster gelehnt hat. Dieses Thema bricht ein, vor allem

in das kirchliche Leben des Ostens. Wir sehen die

Gemeinden in Cobbel/Altmark und in Allstedt, die gegen

den Bau gigantischer Schweinemastanlagen kämpfen:

85.000 bis 94.000 armer Kreaturen. Sie wehren sich

durch Gottesdienste mit Menschen und Tieren. Es steht

genau die Frage: “Was sind wir schuldig?“ und anders

herum: „Wer kann uns vergeben, was wir tun?“ Die

stimmlos gemachten Tiere oder Gott, auch ihr

Schöpfer? Es scheint kein Halten zu geben und ich

denke an die Weißenfelser, die gegen die Erweiterung

des Riesenschlachthofes kämpfen. Die täglichen

Schlachtungen sollen von 8 auf 14 Tausend, das sind 8

Millionen im Jahr, erhöht werden und die Massaker


werden rund um die Uhr, auch über Ostern und

Heiligabend laufen.

Ich frage mich: wer soll das alles essen? In meinem

Umfeld hören immer mehr Leute damit auf oder fahren

ihren Fleischkonsum drastisch herunter. Sie

beantworten damit die Frage, was wir den Tieren

schuldig sind so, dass sie sie nicht mehr töten lassen

und essen, damit unsere Welt menschlicher wird. Ganz

zu schweigen von den globalen Auswirkungen unseres

Lebensstiles. „Mensch, was bist du schuldig?“ – nicht

nur deinem Mitmenschen, sondern deinem

Lebensraum, den Tieren und allen Geschöpfen... Diese

Dimension birgt die Schuldfrage, auch wenn wir uns um

sie herummogeln.

Und da ist die nächste Frage von heute: „Es ist dir

gesagt, Mensch, was gut ist.“ - Was ist gut? Welch

fundamentale Frage! Ist gut, was für mich gut ist und

was mir nützt? Nur: wenn etwas für mich gut ist und für

andere nicht, kann das nicht gut sein. Was für den

Menschen gut ist und für die Natur nicht, kann auch

nicht gut sein. Gut scheint etwas Absolutes zu sein und

Jesus sagt klar: „Niemand ist gut, außer Gott!“ (Markus

10,17). Dort irgendwo liegt der Maßstab. Über diesen

Text hat sich letzte Woche der Glaubenskurs unserer

Gemeinde das Hirn zermartert und diese banale Frage,

was denn gut sei, hat Ratlosigkeit erzeugt. Doch

schließlich konnten wir uns auf eine gedankliche

Richtung einigen, auf die durch und durch positive

Definition Albert Schweitzers, die so voller

Lebensbejahung ist: „Gut ist, Leben erhalten – böse ist

Leben zerstören“ und mag eine noch so dringlich

scheinende Notwendigkeit bestehen: Leben erhalten ist

gut – es zerstören böse.

Was für mich gut ist, muss auch für andere gut sein.

Zugleich aber gibt es das tiefe Wissen, dass wir

Menschen an diesem Grundsatz immer schuldig

werden, dass uns aber der gangbare Weg des Guten

gewiesen ist: Leben zu erhalten und Leid zu lindern,

mitfühlend zu werden gegenüber allem Schmerz. Aber

auch Schuld zu erkennen und zu ihr zu stehen, statt sie

abzuweisen dort, wo wir mit der Sehnsucht anderer

Wesen nach Gutem und deren Recht auf Leben

kollidieren. Gut ist, Gottes Wort halten, Liebe üben und

demütig sein vor Gott, der gut ist. Das ist die große

Klammer unseres Textes. Aber in ihm gibt es die

Steigerung der religiösen Tugenden:

♦ „Gottes Wort halten“ – das ist rational und

vernünftig

♦ „Liebe üben“ – das kommt vom Herzen, von innen

und du sollst das Leben von dort her wahrnehmen

48

♦ „demütig sein“ – das ist eine der höchsten

christlichen Tugenden. Demut vor Gott, wissen um

den Unterschied zwischen ihm und uns, ein Wissen

auch um Schuld und ein reuiger Sünder/Sünderin

ist demütig...

Demut – gewiss ein aus der Mode gekommenes Wort -

ist eine Grundhaltung und Grundeinstellung zum Leben

und sie kommt aus Besinnung, Betrachtung und

Kontemplation. Und wer hat nicht schon das Gefühl der

Demut gespürt beim intensiven, die Zeit vergessenden

Betrachten einer Blume: ein filigranes Geschöpf und

unnachahmlich. Oder als Kind, wenn ich eine Ameise

oder einen Marienkäfer den Finger hinauf und herab

krabbeln ließ und die Punkte zählte und wartete, bis er

seine Flügel entfaltet und in den Himmel flog. Dort lernst

du Demut vor Gott, dem alles Leben seine Existenz

verdankt, die Schöpfung, zu der er gesagt hat, dass sie

gut sei. Demut vor Gott ist letztlich eine Demut und

Ehrfurcht vor dem Leben und die Erfahrung eines tiefen

Verwobenseins mit allem. Davon sind auch wir

Menschen nur ein kleiner Teil, hinein gestrickt in ein

unendliches Wunder.

Bei allen Fragen und Sorgen unserer Zeit und der Angst

vor der Zukunft einer von uns schwer geschlagenen

Erde: hier liegt eine zukunftsfähige Haltung, hier ist

Heilung und der Weg zum Guten.

Amen.

Gedenke auch unserer älteren Schwestern und

Brüder, der Tiere. Verbiete dem Menschen, Tiere

zu töten, um sie zu essen. Denn auch sie sind

fühlende Wesen, auch in ihnen wohnt die

Sehnsucht nach Leben; unsere Weggefährten sind

sie auf dem gemeinsamen Weg zur Unsterblichkeit.

Solange noch Menschen Tiere töten,

werden sie auch Kriege führen. Solange Menschen

Tiere essen, werden sie ihre unschuldigen Opfer

zu Tode quälen: zu Hunderttausenden in den

Labors und Massenzuchtanstalten, zu Millionen in

den Schlachthöfen der Städte, zu Myriaden in den

Weltmeeren. Ihr Blutstrom darf nicht länger mehr

als Nahrung dienen, ihr Leib nicht länger mehr als

Rohstoff, ihr Leben nicht länger mehr als

Lebensmittel für uns Menschen. Verbiete uns,

Herr, das tägliche Fleisch. Das tägliche Brot gib

uns heute.

Eugen Drewermann


Predigt zum Erntedankfest 2008, Schlosskirche Wittenberg

zum Abschluss des AKUT-Studientages.

Predigttext:

„Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit danken, indem wir ihn loben und uns zu seinem Namen bekennen.

Vergesst nicht Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, denn über solche Opfer freut sich Gott.

(Hebräerbrief 13,15-16)

Ein kurzer, Griffiger und prägnanter Text, der in der Mahnung zum

Teilen gipfelt, Gutes tun nicht zu vergessen. Man könnte meinen,

dass wir gleich mitten drin sind in den Fragen der Zeit und des

Lebens, die uns auf der Seele brennen. Aber bevor wir uns in das

Getümmel der irdischen Problem stürzen, die sich mit Essen und

Nahrung zum Erntedankfest nahe legen, kommt in unserem Text erst

einmal das große Durchatmen der Seele und der Blick nach oben:

„Wir wollen Gott zu jeder Zeit danken und ihn loben.“ Dabei ist

nicht an Konkretes gedacht, aber an einem Tag wie heute, legt es

sich nahe an den Erntesegen zu denken und darin Gott „für alles“ zu

danken: für unser Leben und dass es uns gibt, dass wir bei allen

Problemen unser Auskommen haben und im Frieden leben. Am

Erntedanktag denken wir daran, dass wir von den unsichtbaren

Kräften leben, die wir nicht enträtseln können: Wachstum und

Klima, Sonne und Regen, Erde und Luft. Der universale

Schöpfungsgedanke drängt sich auf und wir sehen die ganze

Biosphäre, zu der wir gehören und die das Leben überhaupt

ermöglicht. Sie sucht ihresgleichen in den Weiten des Kosmos und

ist doch nur eine hauchdünne Schicht, die sich um unseren Globus

legt. Denn ließen wir unseren Globus zusammenschnurren von seinen 27.000 km auf eine Kugel mit 1

Meter Durchmesser, dann mäße unsere Biosphäre vom tiefsten Meer bis zur Ozonschicht nur 0,8 mm. Sie

ist nur eine hauchdünne „Rostschicht“, wie ein Wissenschaftler sagt, ein Flaum, der sich um den Erdball

legt, von den 30 cm Mutterboden, der alles Leben der Erde hervorbrachte, ganz zu schweigen. Das

Wunder des Daseins wird uns bewusst, für das wir den ehrfürchtigen Namen „Schöpfung“ haben und wir

sehen die Verletzlichkeit der Lebenssysteme, mit denen wir so robust umgehen. In all dem wollen wir

„Gott zu jeder Zeit danken“ und der Dank kann nicht umfassend genug sein. Der Dank ist die erste und

vornehmste Pflicht der Christinnen und Christen.

Dann erst kommt die Mahnung des Bibelwortes von heute und der Finger Gottes richtet sich auf uns:

„Vergesst nicht Gutes zu tun und miteinander zu teilen“. Nach dem Dank erst nehmen wir in den Blick,

was alles nicht stimmt in dieser Welt, was aus dem Lot ist, all den Mangel und das Unrecht, das

geschieht. Und Gott traut es uns zu, dass wir es ändern können. Würde er sonst sagen: „Vergesst nicht

Gutes zu tun und miteinander zu teilen“ – auch wenn das recht schlicht klingt?

Mein Gefühl sagt mir: mit dem diesjährigen Erntedankfest ticken die Uhren anders als sonst. Wir haben

in diesem Jahr eine nicht für möglich gehaltene weltweite Verteuerung der Lebensmittel erlebt. Durch

Spekulation sind die Preise der Grundnahrungsmittel für die Ärmsten auf Rekordniveau. Um die

Hungerrevolten in den armen Ländern ist es durch die gegenwärtige Finanzkrise wieder still geworden.

Es gab die Debatte um „unseren“ Biodiesel für den Agrarflächen in den Hungerländen in Anspruch

genommen werden und auch bei uns wächst „Energiegetreide“. Was wollen wir unseren geschundenen

Böden denn noch alles abringen? Aber das Problem liegt noch viel tiefer. Wussten Sie, dass die auf ca.

50% der Weltagrarfläche Hülsenfrüchte und Getreide als eiweißreiches Hochleistungsfutter in den

Tiermägen der reichen Länder landet? Hier entsteht unter unglaublicher Verschwendung aus 7-10

pflanzlichen Kalorien nur 1 Kalorie Fleisch. Unsere in Massen gehaltenen Tiere werden binnen kürzester

Frist für unseren unverantwortlich hohen Fleischverbrauch gemästet. Vom Elend der Tiere ganz zu

49


schweigen. Nicht nur wir von AKUT versuchen, der geschunden Tierwelt eine Stimme zu geben.

Kürzlich las ich in der Zeitung, dass Bill Clinton schon vor Jahren gesagt habe, dass, wenn in den reichen

Ländern auch nur 10% weniger Fleisch verzehrt würde, Nahrungsreserven für 600 Millionen Menschen

frei würden. Die Weltbank rechnet so etwas aus und ob Clinton das Schicksal der Tiere im Blick hat,

wissen wir nicht. Aber wer schon so weit denkt, sieht auch das ganze Elend. Über die seriösen

Fernsehkanäle ist es in jüngster Zeit ja oft genug geflimmert, wie das Brot der Armen und die

Regenwälder des Amazonasbeckens in unserer Fleischbrühe schwimmen.

„Gutes zu tun und miteinander zu teilen“ – das ist heute eine globales Problem, wo sich für uns durchaus

die Frage stellt, wann und ob wir zu einer Lebensumstellung bereit sind, die dem Rechnung trägt. Bei den

Essgewohnheiten erweist sich das fast als eine Herkulesaufgabe. Und dennoch ist einiges in Gang

gekommen. Die Welthungerhilfe hat schon vor Jahren ein Kochbuch heraus gegeben, in dem Fleisch

kaum noch vorkommt: „Weniger ist mehr“. Weniger Fleisch bedeutet mehr Nahrung auf der Welt. Auch

unsere Aktion „Gewaltfrei Kochen“ nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise in die wunderbare Vielfalt

unblutiger Kost, die uns Mutter Erde schenkt. Vieles steht wieder auf unserem Speiseplan: Hirse und

Mangold, vom Sellerie bis zur Paranuss. Das heißt heute „Gutes zu tun und miteinander zu teilen“ in der

Dankbarkeit für Gottes Gaben.

Gutes Tun! Gutes tun durch Essen, etwas Schöneres gibt es doch gar nicht. Dasitzen und speisen, ist doch

wunderbar. Du tust gutes für dich und deinen Körper, es ist gut für die Hungerleider der Welt, auch in der

Sahelzone, denn selbst von dort kommt Futter. Es ist gut für die Regenwälder, die keinen Sojaplantagen

mehr weichen müssen, gut für unsere Mitgeschöpfe und die vergüllten Landschaften, die endlich

aufatmen können…

Ich höre auf, denn für die meisten ist das nicht neu und viele haben schon darüber nachgedacht und den

Vorsatz gehabt: „du müsstest eigentlich…!“

Man nimmt sich ja oft zum Neuen Jahr etwas vor – das Rauchen aufzugeben oder weniger Schnaps zu

trinken. Warum sollte man sich nicht einmal etwas zum Erntedankfest vornehmen? Das mit dem

Kochbuch zum Beispiel? „Gutes tun und teilen“ in einer globalen Welt und auf dem eignen Essteller

anfangen. Gutes muss für alle gut sein, sonst ist es nicht gut.

Hier dämmert nun ein Gedanke aus den Schöpfungsgeschichten auf: „Und siehe, es war gut…“ – die

ganze herrliche Welt: Stein und Erde, Wasser und Luft, Menschen, Tiere und Pflanzen. Eine Welt mit

Menschen soll besser sein, als eine Welt ohne Menschen – welcher Gedanke! Damit sind wir wieder am

Anfang und der Kreis schließt sich. Wir können mit einem dankbaren JA zum Leben und zum Dasein

gütig in der Schöpfung leben, statt sie räuberisch zu plündern. Und dieses Gute, das traut Gott uns zu.

Amen.

50


Friedensgebet 2008 Nikolaikirche Leipzig:

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Matth. 5,7

Dieses Wort kommt aus den Seligpreisungen, die auf Jesus

selbst zurückgehen schätzen in scheinbar befremdlicher

Weise besondere Menschen glücklich: die Barmherzigen und

Zartfühlenden, die Friedfertigen, die Trauernden, die über die

Zustände in dieser Welt bedrückt sind und sich viel Leid zu

Herzen nehmen. Gerade diejenigen, die im Tierschutz

arbeiten, wissen darum, wie viel Leid und Grausamkeit man

mit sich herumtragen kann. Dabei könnte das Leben doch

viel leichter sein, wenn man halt weg schaut und sich nicht

mit all den schlimmen Dingen belastet, die der Mensch den

Tieren antut…

Die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit: Hunger und

Durst sind ganz fundamentale Bedürfnisse aller Lebewesen,

ohne deren Befriedigung sie zugrunde gehen würden.

Hunger und Durst erinnern uns elementar an unsere eigene

Kreatürlichkeit, an all die Gefühle, die wir jenseits von

Verstand und Vernunft mit allen Lebewesen teilen. Es sind

nicht nur Hunger und Durst, sondern auch Schmerzempfinden

und Angst, Wachen und Schlaf, Freude und

Glücksempfinden, die alle Geschöpfe gemeinsam haben.

Wer das leugnet, muss nur sehen, wie sich ein Hund freuen

kann. Wenn ich nach Hause komme – so begrüßt mich

meine Frau nicht halb freudig wie mich mein Hund, der mich

in überschwänglicher Freude empfängt (wofür es vielleicht

auch noch andere Gründe gibt?)

Es ist nicht zuletzt die Wissenschaft, die Stück um Stück, bis

hin ins Genmaterial hinein, nachweist, wie tief verwandt alle

Lebewesen sind. Hunger und Durst, lassen wir das stehen

als Symbol fürs Gemeinsame von Mensch und Tier, auch

wenn uns oft nicht bewusst ist, welche degradierende

Sprache wir für die Tiere entwickelt haben: der Mensch isst,

das Tier frisst – der Mensch trinkt und das Tier säuft. Wenn

wir einen Menschen bewusst herabsetzen wollen, versehen

wir ihn mit Ausdrücken aus der Tierwelt, der niederen Sphäre

des Seins: „Du Säufer“ zum Beispiel… Unser

Schimpfwortschatz spricht Bände: von „Rindvieh“ bis „Gans“

sind es gerade die Tiere, die wir am brutalsten und

bedenkenlos ausbeuten, mit deren Namen wir einander

verletzen. Unsere entwürdigende Sprache verrät uns. Unsere

Kultur hat einen tiefen Graben gezogen zwischen Mensch

und Tier, auch wenn ihn die Wissenschaft längst

zugeschüttet hat. Glauben wir etwa, dass der Mensch in

strahlenderem Licht erscheint, wenn wir die Tiere

herabsetzen? Der Psychologe Sigmund Freud sprach von

der Kränkung, die uns Menschen Charles Darwin zugefügt

habe und die wir bis heute nicht verkraftet haben, dass wir

Menschen aus dem Tierreich kommen. Ja, wir sind „niederer

Abkunft“. Aber wieso sind wir „niederer Abkunft“, wenn wir

zum Leben gehören und wie alle Lebewesen, das Dasein

und die Seele in uns spüren? Wenn der Mensch nur endlich

seine Arroganz aufgäbe, mehr und besseres zu sein als die

anderen Lebewesen, nur weil er „Verstand“ hat. „Selig sind

51

die Barmherzigen und die Sanftmütigen“, die die Welt mit

dem Herzen sehen und durch die Brille des Mitleids, denn

nirgendwo in der Bibel wird unser kalter Verstand selig

gepriesen, der uns oft genug auf Abwege geführt hat.

„Selig, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“ –

auch die geschundene Tierwelt hungert und dürstet nach der

Gerechtigkeit. Auch wenn sie es nicht in Menschensprache

ausdrücken können, kommt auch ihre Klage vor Gott, wo sie

uns verklagen Tag und Nacht, für das was wir ihnen antun.

Ist es etwa gerecht, welche unsäglichen Leiden wir im

Industriezeitalter den Tieren auferlegt haben. Wir vergrößern

damit das Leid auf dieser Erde. Es gibt wirklich die „armen

Schweine“, unsäglich gehalten, jährlich werden 45 Millionen

von ihnen getötet. Geflügel wird nur noch in Tonnen, aber

nicht mehr in einzelnen Lebewesen gerechnet. Und wie eng

das Leid der Tiere und das Leid der Menschen zusammen

hängen, das erkennen wir daran, dass die Hälfte aller

Agrarflächen der Erde nur dazu da sind, Getreide und Soja

für die Tiermast der reichen Länder zu produzieren.

Regenwälder, Tier- und Pflanzenarten verschwinden

unwiederbringlich. Ist das etwa gerecht? Es liegt an uns, wie

weit wir bereit sind, Gerechtigkeit nicht nur dem Menschen

angedeihen zu lassen, sondern Güte und Barmherzigkeit,

den Geist der Seligpreisungen, auf alle Lebewesen

auszudehnen und ob wir bereit sind, wie einst in die Arche

des Noah uns in die Prozession des Lebens einzureihen und

mit allen Lebewesen zu fühlen. Davon wird auch unser

Überleben auf dieser Erde abhängen.

Wir haben nun schon unser 11. Friedensgebet und ich kenne

zur Genüge die Sprüche, dass das ohnehin alles keinen Sinn

hat. Die Tiere sind nun mal kein christliches Thema, da steht

der Mensch im Mittelpunkt. Nein: das Leben gehört in den

Mittelpunkt. Trotzdem glaube ich, dass die Menschen

langsam immer sensibler für den Umgang mit den Tieren

werden. Man erkennt es zum Beispiel daran, dass die

vegetarische Rubrik in den Speisekarten des Restaurants

immer länger wird. Vielleicht ist auch das ein Zeichen des

Wirkens des Geistes der Seligpreiszungen, für den Jesus

steht: Selig die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit,

selig die Barmherzigen.

Die Tiere leiden und erfüllen mit ihrem Seufzen die Lüfte.

Die Wälder fallen der Vernichtung anheim.

Die Berge werden ihrer Metalle beraubt.

Aber das menschliche Verhalten ist schnell,

jene zu ehren, welche durch ihr Tun

der Natur wie der Menschheit den größten Schaden zufügen.

Leonardo da Vinci (1452-1519)


„Ich muß von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte.

Der Gerechte und Fromme muß verlacht sein.

Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere;

ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt!

Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher,

und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

Frage doch das Vieh, das wird dich´s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die

werden dir´s sagen, oder die Sträucher der Erde, die werden dich´s lehren, und die

Fische im Meer werden dir´s erzählen. Wer erkannte nicht an dem allen, daß des

Herrn Hand das gemacht hat, daß in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und

der Lebensodem aller Menschen?

Hoffnung für die Schöpfung und Gewißheit des Heil – Römer 8/ 18 –25:

52

Hiob 12/ 4 – 10

Denn ich bin überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins gewicht fallen gegenüber der

Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Denn das ängstliche harren der Kreatur wartet darauf, daß die

Kinder Gottes offenbar werden.

Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern

durch den, der sie unterworfen hat – doch auf Hoffnung;

Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der

Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick

mit uns seufzt und sich ängstet.

Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlinggabe haben,

seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

Denn wir sind zwar gerettet, , doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht,

ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?

Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.


Zusammenstellung und Gestaltung: V. K. Wichmann

Herausgeber: AKUT e. V.

Geschäftsstelle:

Rahnstr. 23, 22179 Hamburg

Tel. 040-642 63 61

E-mail: vivian.wichmann@freenet.de

www.aktion-kirche-und-tiere.de

Alle Texte, soweit nicht anders vermerkt, von

Pfr. Dr. Ulrich Seidel, geb. 1951 in Gaschwitz,

1974-79 Studium der Evangelischen Theologie in Leipzig,

1979-82 Forschungsstudium und Promotion (1983) im Fach

Neues Testament an der Karl-Marx-Universität Leipzig, von

1982-85 Assistent an der Sektion Theologie der

KMU-Leipzig und

1985/86 postgraduales Studium an der Universität Dublin/Irland

(M. Phil.).

Von 1986 bis 2002 war Seidel in Leipziger Gemeinden als

Pfarrer tätig und leitete von

2002 bis 2004 das Kirchliche Forschungsheim in Wittenberg.

Er ist seit 2004 Pfarrer in Brandis/Beucha bei Leipzig und, seit

2005, 1. Vorsitzender von „Aktion Kirche und Tiere - AKUT

e.V.“.

Das Vervielfältigen und Weiterreichen der Texte von Pfr. Dr. Seidel ist ausdrücklich erwünscht ... Jedoch nur mit

Quellenangabe:

>Pfr. Dr. Ulrich Seidel, 1. Vorsitzender von Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e. V., www.aktion-kirche-und-tiere.de<

Zwecks besserer Kopierbarkeit ist diese Textsammlung – AUSNAHMSWEISE - nicht auf Recyclingpapier

gedruckt!

Sie finden die Sammlung aber auch als PDF Datei auf der AKUT Website: Startseite > AKUT Material, PDF Dateien

zum herunterladen.

53

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine