Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens in der ...

archaeologie.schweiz.ch

Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens in der ...

Archäologie Schweiz AS

Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die

Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit SAM

Schweizerischer Burgenverein SBV

(Herausgeber)

Siedlungsbefunde und

Fundkomplexe der Zeit

zwischen 800 und 1350

Archéologie Suisse AS

Groupe de travail suisse pour l’archéologie

du Moyen Age et de l’époque moderne SAM

Association suisse Châteaux forts SBV

(éditeurs)

Habitat et mobilier

archéologiques de la période

entre 800 et 1350

Akten des Kolloquiums

zur Mittelalterarchäologie in der Schweiz

Actes du Colloque

« Archéologie du Moyen Age en Suisse »

Frauenfeld, 28.–29.10. 2010

Verlag Archäologie Schweiz

Basel 2011


Umschlag: Vornehm gewandeter Mann mit einem Falken auf der Faust, Messergriff aus Knochen. Höhe 6,8 cm. 1. Hälfte 14. Jh. Fundort Zürich, Rindermarkt 7. — Zeichnung

Franz Wadsack, Moudon.

Groteske Fratze, Pilzkachel mit grün glasiertem Reliefdekor. Fundort Altendorf SZ-St. Johann, Alt-Rapperswil. Fratzenhöhe 8,7 cm. Vor 1350. — Zeichnung Staatsarchiv

Schwyz, C. Liechti.

Couverture: Manche de couteau en forme d’homme, noblement vêtu, avec un faucon dans la main, en os. Hauteur 6,8 cm. 1 e moitié du 14 e s. Provenance : Zurich, Rindermarkt

7. — Dessin Franz Wadsack, Moudon.

Visage monstrueux, catelle-champignon avec décor en relief et glaçure verte. Lieu de découverte Altendorf SZ-St. Johann, Vieux-Rapperswil. Hauteur du visage

8,7 cm. Avant 1350. — Dessin Staatsarchiv Schwyz, C. Liechti.

Wissenschaftliche Leitung / Direction scientifique: Steuerungsgruppe SPM VII (s. S. 5), im Auftrag der Wissenschaft lichen

Kommission der Archäologie Schweiz / sur mandat de la Commission Scientifique d’Archéologie Suisse.

Die Umsetzung dieser Internet-Publikation wurde unterstützt durch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

SAGW. / La réalisation de cette publication éléctronique a été largement soutenue par l’Académie des Sciences

humaines et sociales ASSH.

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ligne.

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Basel, info@archaeologie-schweiz.ch

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Redaktion: Urs Niffeler

Korrektorat: Reto Marti

Satzvorbereitung: Marianne Grauwiler

Druckvorstufe: Isabelle D. Oster

Copyright by Archäologie Schweiz, Basel 2011.

ISBN 978-3-908006-57-2


Inhaltsverzeichnis – Table de matière – Indice

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Siedlungsbefunde — Habitat

Grubenhaus bis Wohnturm

Reto Marti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Kleinstädte nullachtfünfzehn?

Peter Frey . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Basel: Bauen bis zum Erdbeben —

die Stadt als Baustelle

Christoph Philipp Matt und Bernard Jaggi . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Ländliche Siedlungen in der Nordostschweiz:

zur Entwicklung von Siedlungsanlagen, Bauformen

und Bautechnik (800–1350)

Renata Windler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59

Städtische Siedlungen — Überblick zu Siedlungs -

entwicklung und Siedlungs topografie: Zürich,

Winterthur, Weesen

Andreas Motschi und Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71

Städtischer Hausbau in der Nordostschweiz bis 1350

(ohne Kanton Schaffhausen)

Andreas Motschi und Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Holz im Steinbau

Jürg Goll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

Schaan FL — 22 m 2 Hochmittelalter

Ulrike Mayr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

Wohn- und Wirtschaftsbauten in der ländlichen

Zentralschweiz und in der Stadt Zug

Adriano Boschetti-Maradi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Bauten in Luzerner Städten

Christoph Rösch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

Spurensuche zwischen 800 und 1350: Landsiedlungen

der Kantone Bern, Freiburg und Solothurn

Katharina König, in Zusammenarbeit mit Gabriele Graenert . . 161

Solothurn, eine gewachsene Stadt von der Römerzeit

bis ins Spätmittelalter

Ylva Backman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173

Die «gegründeten» Städte — Stadtgründungen

und -erweiterungen in den Kantonen Bern, Freiburg

und Solothurn

Armand Baeriswyl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181

Architecture civile urbaine des cantons de Berne

et Fribourg (1150–1350)

Gilles Bourgarel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197

Les problématiques des aménagements portuaires

dans l’arc lémanique

Valentine Chaudet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

Villes et bourgs neufs de Suisse occidentale —

obser vations archéologiques sur le processus

d’édification aux 13 e et 14 e siècles

Jacques Bujard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225

L’habitat dans la plaine du Rhône et en moyenne

montagne au haut Moyen Âge

Alessandra Antonini et Olivier Paccolat . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237

Les fortifications de terre et de bois au Moyen Âge,

origine et permanence en Suisse occidentale

Jean Terrier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

Fundkomplexe — Mobilier archéologique

Keramik der Nordwestschweiz —

Typologie und Chronologie

Reto Marti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269

Fundobjekte «premium selection» von der Burgruine

Alt Homberg, Wittnau AG

Christoph Reding . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293

Artisanat et industrie du fer dans le nord-ouest de la

Suisse du 9 e au 14 e siècle

Ludwig Eschenlohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303

Serientöpfe — Topfserien: Gefässformentwicklung

in der Nordostschweiz

Valentin Homberger und Kurt Zubler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311

Spezielles und regionale Besonderheiten der Gefäss -

keramik im Gebiet der Stadt und des Kantons Zürich

sowie in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau

Annamaria Matter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319

Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens

in der Nordostschweiz

Albin Hasenfratz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329

Nichtkeramische Objekte aus der Nordostschweiz —

eine Auswahl

Werner Wild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333

Recipienti dal Canton Ticino (800–1350): il punto

della situazione

Maria-Isabella Angelino . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341

3


Lavez, Holz und Keramik: Gefässe aus der Burg

Marmels (Marmorera GR)

Lotti Frascoli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349

Keramik- und Lavezgefässe der Zeit von 800 bis 1200

aus Müstair GR-Kloster St. Johann

Christian Terzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361

(K)eine Fundvorlage — zum Fundmaterial des

Zeitraums 800–1350 aus dem Kanton Luzern

Fabian Küng . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369

Referenzkomplexe der Zentralschweiz

Eva Roth Heege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375

800–1350: Funde aus Landsiedlungen der Kantone

Bern, Solothurn und Freiburg

Gabriele Graenert, in Zusammenarbeit mit

Katharina König . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

Solothurn: Exemplarische Stratigrafien und Funde

1000–1350

Ylva Backman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405

Abkürzungen – Abréviations – Abbreviazioni

AAS Annuaire d’Archéologie Suisse

ABBS Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-

Stadt

ADSO Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Solothurn

AF Archéologie Fribourgeoise

AiZ Archäologie im Kanton Zürich

AKBE Archäologie im Kanton Bern

AM Archeologia Medievale

ArchBE Jahrbuch des Archäologischen Dienstes des Kantons

Bern

ArchBE Archäologie Bern — Archéologie bernoise

as. archäologie schweiz — archéologie suisse — archeologia

svizzera

ASA Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde

ASO Archäologie des Kantons Solothurn

ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Ar -

chéologie – Annuario della Società Svizzera di Preisto -

ria e di Archeologia

BSSI Bollettino Storico della Svizzera Italiana

BZ Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde

CAF Cahiers d’Archéologie Fribourgeoise, Fribourg

CAR Cahiers d’Archéologie Romande, Lausanne

ENr. Ereignisnummer

FA Freiburger Archäologie

FHA Freiburger Hefte für Archäologie

FRB Fontes Rerum Bernensium

4

Materielle Kultur im Kanton Bern 1150–1350 — die

wichtigsten Fundstellen und das Fundspektrum aus der

Gerechtigkeitsgasse in Bern (nach 1191 und bis 1300)

Andreas Heege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417

Céramique en milieu urbain dans le canton de

Fribourg : 1150–1350

Gilles Bourgarel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427

La céramique médiévale en Suisse occidentale —

état de la connaissance dans les cantons de Genève,

Neuchâtel, Valais et Vaud

Michelle Joguin Regelin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449

Synthesen — Synthèses

Befunde aus städtischen und ländlichen Siedlungen

(800–1350)

Georges Descœudres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467

Fundkomplexe der Zeit zwischen 800 und 1350

Adriano Boschetti-Maradi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475

HA helvetia archaeologica

HLS Historisches Lexikon der Schweiz

HS Helvetia Sacra

JbAB Jahresbericht der Archäologischen Bodenforschung

Basel-Stadt

JbADGDG Jahresbericht des Archäologischen Dienstes Graubün -

den und der Denkmalpflege Graubünden

JbAS Jahrbuch der Archäologie Schweiz

JbHGL Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Luzern

(1983–2001); Historische Gesellschaft Luzern, Ar chä -

o logie, Denkmalpflege, Geschichte (seit 2002)

JbHVFL Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum

Liechtenstein

JbSGUF Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Urund

Frühgeschichte

KA Kantonsarchäologie

KdS Die Kunstdenkmäler der Schweiz

LAFL Landesarchäologie des Fürstentums Liechtenstein

RHV Revue historique vaudoise

SBKAM Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie

des Mittelalters

SCA Service Cantonal d’Archéologie

ZA Zürcher Archäologie

ZD Zürcher Denkmalpflege, Stadt Zürich, Bericht

ZAK Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunst -

geschichte

ZAM Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters


Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens

in der Nordostschweiz

Entwicklung der Kacheln

Die frühesten Hinweise auf die Existenz von Kachelöfen finden

sich in der Nordwestschweiz und reichen ins 9. Jh. zu -

rück. 1 In der Nordostschweiz und der Region Zürich fehlen

solche frühen Belege. Ofenkacheln treten erst in Burgen -

inventaren des 12. Jh. generell auf, wobei uns dann bereits ei -

ne überraschend grosse Zahl von Kacheltypen und Varianten

entgegentritt, die aber mangels chronologischer Fixpunk te

nur bedingt eine verbindliche Entwicklungsreihe er ken nen

lassen.

Kacheln vom Typ des frühesten Kachelhorizontes etwa von

Trimbach SO-Frohburg 2 finden sich in mehreren Burgen -

inventaren der Kantone Zürich 3 und Thurgau. 4 Es handelt

sich dabei um bauchige Becherkacheln, so genannte Topf -

kacheln, unterschiedlicher Varianten. Sie dürften typologisch

die älteste Form darstellen. Mehrfach sind sie mit geradwandigen,

röhrenförmigen Becherkacheln, sog. Röhrenkacheln,

vergesellschaftet, wobei Übergangsformen festzustellen

sind, die ein Aufkommen um oder nach 1100 vermuten

lassen. 5 Röhrenkacheln variieren in der Grösse sehr stark.

Auffallend sind die teils geringen Durchmesser von nur

wenigen Zentimetern, wie etwa Beispiele von Tobel TG-

Heitnau 6 oder Nänikon ZH-Bühl 7 zeigen. Sie sind handgeformt

und auf der Scheibe nachgedreht, wie hochgezogene

Drehrillen verraten; glatte Aussenseiten sind eher selten und

dürften die älteste Variante darstellen. Was die Datierung

anbelangt, so können lediglich die Funde von Stallikon ZH-

Üetliberg mit einem münzdatierten Fundkomplex verhängt

und der Mitte des 12. Jh. zugewiesen werden. 8 Röhren -

kacheln treten vor allem in der Ostschweiz und speziell in

der Region Zürich recht häufig auf.

Einen weiteren Schritt in der Kachelentwicklung scheinen

die Becherkacheln mit mehr oder weniger konischer und

glatter Wandung mit Tendenz zur Lippenbildung darzustellen.

Dieser Typ findet sich beispielsweise in den Fundkomplexen

von Herisau AR-Urstein, 9 von der Burg Wulp bei Küsnacht

ZH 10 und Winterthur ZH-Metzggasse. 11 Die Exemplare

aus der Metzggasse stammen von einem auf das Jahr 1208

dendrodatierten Ofen und ermöglichen es, sich ein gesicher -

tes Bild von Becherkacheln um 1200 zu machen. Es handelt

sich um Stücke mit unten zylindrischer und oben stark ausla -

dender Wandung mit schwach ausgeprägten Riefen. An hand

der Randbildung lassen sich zwei Gruppen unterscheiden:

Kacheln mit Lippenrand und solche mit horizontal oder

nach innen abgestrichenem Steilrand. Sämtliche Exemplare

sind überdreht.

A. Hasenfratz, Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens in der Nordostschweiz

Albin Hasenfratz

Ebenfalls aus Winterthur liegen mehrere aussagekräftige Ke -

ramikkomplexe ab der Mitte des 13. Jh. vor. Zu nennen ist

das auch Ofenkacheln enthaltende Schalltopfensemble von

Oberwinterthur ZH-St. Arbogast, das mit dendrodatierten

Bauarbeiten, abgeschlossen 1258 oder wenig später, in Zu -

sammenhang steht. 12 Das in die 2. Hälfte des 13. Jh. zu datierende

Ensemble aus der Obergasse 4 weist u. a. Kacheln mit

verdickten, horizontal abgestrichenen Rändern und teils ausgeprägter

Innenkehlung auf. 13 Erstmals für Winterthur sind

in diesem Komplex die Pilzkacheln belegt. Deren Kalotten

sind wenig vom Tubus abgesetzt und wirken rundlicher als

diejenigen aus der einen chronologischen Fixpunkt darstellenden,

auf 1313 datierten Brandschicht der Stadtkirche 14

und aus der Marktgasse 54. 15

Ein umfangreiches Kachelinventar, das gesamthaft in die

1. Hälfte des 14. Jh. gehört, stammt aus der Tösstalstrasse 7.

Hier treten uns erstmals neue Kacheltypen entgegen: Napfkacheln,

Kacheln mit viereckiger Mündung sowie olivgrün

glasierte Blatt- und Reliefkacheln ohne Engobe. 16 Während

uns die Randausbildungen bei den Becherkacheln bereits

bekannt sind, springen die nun veränderten Gefässproportionen

ins Auge. Die Wände sind steiler, die Durchmesser

von Boden und Mündung nähern sich an, und die Kacheln

werden breiter. Sie spiegeln den fliessenden Übergang zur

Napfkachel wider. Letztere weist einen hochgezogenen

Rand mit Innen- oder Aussenleiste auf. Für die Kacheln mit

viereckiger Mündung, deren Mündungsdurchmesser grösser

ist als die Höhe, scheint die einzige Parallele in einem En -

semble von Schaffhausen-Allerheiligen vorzuliegen. 17 Ka -

cheln mit viereckiger Mündung und Ofenreste finden sich

auch in der vor 1344 abgegangenen Schauenburg bei Hofstetten,

östlich von Winterthur. In diesem Falle sind die

Kachelproportionen aber umgekehrt. 18

Die regional unterschiedlich einsetzende Glasur tritt in Winterthur

in der 1. Hälfte des 14. Jh. vereinzelt auf, was für

Schaffhausen ebenfalls zutrifft. 19

Nicht ohne weiteres zu beantworten ist, wann in der Nordostschweiz

die eher seltenen Tellerkacheln frühestens vorkommen.

Die wenigen Belege etwa aus Stein am Rhein SH-

Bürgerasyl werden aufgrund des Begleitinventars generell in

die 1. Hälfte des 14. Jh. datiert. 20

Eine Besonderheit der Bodenseeregion und damit der Nordostschweiz

stellen um 1300 die Becherkacheln mit einfallender

Wandung dar. Sie sind in grösserer Anzahl u. a. in

Diessenhofen TG-Unterhof vertreten. 21 Russspuren an der

Innenwandung von Konstanzer Stücken sprechen dafür,

dass sie mit der Mündung nach innen eingesetzt waren und

gleichsam die Idee der Tellerkacheln vorweg nahmen. 22

329


Abb. 1. Winterthur-Metzggasse. Ausgebautes Segment der Kuppel eines Becherkachelofens. Sockel dendrodatiert 1208. Siehe auch Matter/Wild 1997. Foto Kantons -

archäologie Zürich, M. Gygax.

Aus der reformierten Kirche Berg TG liegt in mehreren

Exemplaren ein Kacheltyp vor, der in der Gefässmitte eine

markante Leiste aufweist. Von seiner Randausbildung her

und aufgrund der Begleitfunde muss er in die Zeit um 1200

gehören. 23 Es stellt sich allerdings die Frage, ob es sich bei

diesen Stücken um Ofenteile und nicht um Schallgefässe

handelt und die Leisten eine Art Hafthilfe darstellen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die frühesten

gesicherten Kachelbelege in der Nordostschweiz in

die Zeit um 1100 datieren. Zum frühen Kachelhorizont zählen

neben den mehr oder weniger bauchigen Topfkacheln

die schlanken, geradwandigen Röhrenkacheln. Die Kacheln

des um 1208 datierten Ofens von Winterthur-Metzggasse

weisen bereits die Merkmale der entwickelten Becherkacheln

auf: das ausladende obere Gefässdrittel, den ausgearbei -

teten Rand und eine schwache Riefelung, die im Verlaufe

des 13. Jh. immer ausgeprägter wird. Um 1350 waren somit

sämtliche Kacheltypen bekannt und alle Entwicklungsschritte

vollzogen, die den späteren Turmofen ermöglichten.

Kachelöfen

Die ausgesprochen günstigen Erhaltungsbedingungen er -

laub ten es, den bereits angeführten Ofen von Winterthur-

Metzggasse, dendrodatiert 1208, weitgehend zu rekonstruieren.

24 Sein Sockel, etwa 30 cm hoch, bestand aus einer mit

Lehm überzogenen Kiesschüttung und wurde von einem

Geviert aus Eichenbalken von ca. 1 m Länge eingefasst. Der

Feuerkasten, mit senkrechten Ruten armiert, war innen ge -

rundet. Der obere Abschluss liess sich als flache Kuppel mit

dicht gesetzten Becherkacheln rekonstruieren. Der Fund in

der Metzggasse ist auch deshalb besonders interessant, weil

er uns einen Hinweis auf die Lebensdauer eines mittelalterlichen

Ofens gibt. Diese umfasst hier vom Baudatum 1208

bis zum Brandfall eine Zeitspanne von rund 100 Jahren.

Ebenfalls vor die Mitte des 13. Jh. datiert ein ebenerdiger

Kachelofen in Zürich-Münsterhof. 25 Sein Sockel war im

Gegensatz zum Parallelbefund in der Metzggasse mit einem

330 A. Hasenfratz, Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens in der Nordostschweiz


Mäuerchen eingefasst. Über der einen Hälfte des rechteckigen

Feuerkastens befand sich die rutenarmierte Lehmkuppel

mit eingelassenen Röhrenkacheln.

Aus der Kellerverfüllung Winterthur-Obergasse 4 liegen

ebenfalls recht aufschlussreiche Funde vor. Es handelt sich

um Reste eines einzigen Ofens aus der 2. Hälfte des 13. Jh.

Über einem quadratischen oder rechteckigen Feuerkasten

mit gefasten Kanten befand sich der dicht mit Becher- und

Pilzkacheln besetzte Ofenkörper. Die Bekrönung bildete ein

Aufsatz mit Ablagefläche aus Lehm, der ein menschliches

Gesicht darstellt. 26 Ein weiterer Aufsatz, wie er aus spät -

mittelalterlichen Bilddarstellungen bekannt ist, ebenfalls ein

Gesicht darstellend, fand sich in Winterthur-Tösstalstrasse 7

und stammt aus der 1. Hälfte des 14. Jh. 27 Bemerkenswert ist

auch ein Ofenversturz aus dem 1309 zerstörten Städtchen

Maschwanden, in welchem neben Becherkacheln reliefierte

Lehmteile von gotischem Masswerk belegt sind. 28

Anmerkungen

1 R. Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen

Siedlungsgeschichte der Nordwestschweiz (4.–10. Jh.).

Archäologie und Museum 41A, 257; 41B, Taf. 235,4.5. Liestal 2000.

2 Tauber 1980, 235–237.

3 etwa in Unterengstringen ZH-Glanzenberg (Tauber 1980, 287, Abb.

220,1–11); Dietikon ZH-Schönenwerd (Tauber 1980, 269, Abb. 207,

1–24); Stammheim ZH-Stammheimerberg (Schneider 1991, 57, Taf.

1,1–12).

4 Braunau TG-Heitnau (Knoll-Heitz 1957, Taf. 13,11/5); Amriswil TG-

Burgstock Biessenhofen (Winkler/Hasenfratz 1999, 38, Abb. 28,15.

16.18); Diessenhofen TG-Unterhof (Früh 1995, 261, Abb. 297,663).

5 Bader 1998, 56.

6 Knoll-Heitz 1957, Taf. 10,27/1.

7 Hoek et al. 1995, Taf. 1,3–17.

8 Windler 1991, 210.

9 Knoll-Heitz 1986, 82.

10 Bader 1998, Taf. 6.7.

11 Matter/Wild 1997, 81, Abb. 7.

12 Schmaedecke 2006, 157; Schnyder 1981, 266–275.

Bibliografie

Bader, Ch. (1998) Die Burg Wulp bei Küsnacht. SBKAM 25. Basel.

Baeriswyl, A./Junkes, M. (1995) Der Unterhof in Diessenhofen – Von der

Adelsburg zum Ausbildungszentrum. Archäologie im Thurgau 3. Frauenfeld.

Bänteli, K./Gamper, R./Lehmann, P. (1999) Das Kloster Allerheiligen in

Schaffhausen. Schaffhauser Archäologie 4. Schaffhausen.

Dumitrache, M. (1992) Heizanlagen im Bürgerhaus. In: M. Flüeler/

N. Flüeler (Hrsg.) Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch. Die Stadt um

1300. Katalog der Ausstellung Zürich, Schweizerisches Landesmuseum,

26.6.–11.10. 1992, 280–287. Stuttgart.

Früh, M. (1995) Die Innenausstattung des Unterhofs – Heizung. In: A. Baeriswyl/M.

Junkes, Der Unterhof in Diessenhofen – Von der Adelsburg

zum Ausbildungszentrum, Archäologie im Thurgau 3, 258–274. Frauenfeld.

Gutscher, D./Schneider, J. (1982) Die Befunde der Grabung. In: J. Schneider/D.

Gutscher/H. Etter et al., Der Münsterhof in Zürich. Bericht über

die Stadtkernforschungen 1977/78. SBKAM 9, 50–146. Olten/Freiburg

i.Br.

Hoek, F./Illi, M./Langenegger, E. (1995) Burg, Kapelle und Friedhof in

Uster, Nänikon-Bühl. In: F. Hoek/A. Stebler-Cauzzo, Burg – Kapelle –

Friedhof. Rettungsgrabungen in Nänikon bei Uster und Bonstetten.

Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 26, 9–84. Zürich/Egg.

A. Hasenfratz, Entwicklung und Besonderheiten des Kachelofens in der Nordostschweiz

Eine grosse Zahl an Kacheln und Lehmfragmenten zweier

Öfen aus der vor 1344 zerstörten Burg Schauenberg bei Hofstetten

ZH erlauben es, den jüngeren, in der 1. Hälfte des

14. Jh. erbauten, weitgehend zu rekonstruieren. 29 Wir erhalten

das Bild eines mehrgliedrigen und recht komplizierten

Aufbaus. Das Wechselspiel dreier Kacheltypen (Becherkacheln,

Napfkacheln und Kacheln mit viereckiger Mündung),

unterschiedlich eingebaut, unterstreicht den repräsentativen

Charakter des Ofens.

Albin Hasenfratz

Amt für Archäologie des Kantons Thurgau

Schlossmühlestrasse 15A

8510 Frauenfeld

albin.hasenfratz@bluewin.ch

13 Matter 2002, Taf. 7.8.

14 Matter 2000, 196; Marti/Windler 1993, Kat. 51–60.170–176.

15 Matter 1996, Taf. 6; Matter 2000, Taf. 8.9.

16 Matter 2000, Taf. 25,365–369; 26,370–375; 27.28.

17 Bänteli et al. 1999, 330, Taf. 15,154.

18 Winiger et al. 2000, 58, Taf. 4,53–55.

19 Matter 2000, 199; Homberger/Zubler 2010, 39.

20 Homberger/Zubler 2006, 90.

21 Sie werden dort mit der Ausbauphase von 1276/78 bzw. bis Palasbau

1315/18 in Verbindung gebracht: Früh 1995, 258.261, Abb. 297.

22 Dumitrache 1992, 286.

23 Junkes 1992.

24 Matter/Wild 1997, 77–95; Wild 2003, 99f.

25 Gutscher/Schneider 1982,112f.

26 Matter 2000, 198, Abb. 14.

27 Matter 2000, 198, Abb. 15.

28 Matter/Wild 1997, 86.

29 Matter/Wild 1997, 77–95; Winiger et al. 2000, 47–66.

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