RdT 1/2010 - Bund gegen Missbrauch der Tiere

bmt.tierschutz.de

RdT 1/2010 - Bund gegen Missbrauch der Tiere

Nr. Nr 2 Juni 2010

DAS RECHT DER TIERE

ZEBRA DAISY,

EINES VON 164

GNADENBROTTIEREN DES bmt

ZOOTIERE IN

DEUTSCHLAND

HALTUNG OHNE

KONKRETE REGELN

INTERVIEW

NIERENSCHWÄCHE

BEI KATZEN

NEUE THERAPIE

MIT HUNDEN

bmt-PROJEKT IM

TH ELISABETHENHOF

TH KÖLN

WER HAT EIN HERZ

FÜR STAFF & CO?

BUND GEGEN MISSBRAUCH DER TIERE E.V.


Das Recht der Tiere 2/2010

2

I NHALT

INHALT

EDITORIAL 3

DIE TITELTIERSTORY 4

Wie Zebra Daisy zum bmt kam …

TITEL: ZOOTIERE IN DEUTSCHLAND 6

Überfällig: Das Säugetiergutachten soll überarbeitet werden

TIERSCHUTZPOLITIK

bmt bei Anhörung des neuen Tierschutzgesetz-Entwurfs

Strengere Anforderungen beim Schlachten?

Neuregelung der EU-Tierversuchsrichtlinie:

Der Tierschutz bleibt auf der Strecke!

INTERVIEW mit Dr. Uwe Wagner 14

Nierenerkrankungen bei Katzen rechtzeitig erkennen

STIERKAMPF 18

Stierkämpfe in Katalonien vor dem endgültigen Aus?

HAPPY END FÜR FRANJA 19

Was aus dem Titelhund RdT 1/2010 wurde

AUSLANDSTIERSCHUTZ Dringender denn je: 20

Die Straßenhunde in Brasov brauchen unsere Hilfe!

bmt-GESCHÄFTSSTELLEN

TH Köln-Dellbrück Immer mehr "Listenhunde" im TH 22

TH Hage Erfolg: Weniger Katzennachwuchs 25

TH Elisabethenhof Neues tiergestütztes Projekt gestartet 26

Katzenhaus Neuigkeiten aus Lutterthal 28

TH Arche Noah Freiheit für die Wilden 30

Franziskus-TH Illegaler Hundhandel in Greifswald 31

TH Wau-Mau-Insel Neu: Eigene Hundetrainerin im TH 32

LV Bayern Wechsel in der Leitung 35

Tierschutzzentrum Kessy schwer misshandelt 36

ANZEIGEN / Neuer Service 37

ANSCHRIFTEN / Internetadressen der Geschäftsstellen 38

ZU GUTER LETZT 39

Beitrittserklärung 40

Impressum

DAS RECHT DER TIERE Nr. 2/2010 Mitgliederzeitschrift des

Bund gegen Missbrauch der Tiere e. V.“

Redaktion: Claudia Lotz, Dr. Jörg Styrie, Mike Ruckelshaus, Elvira

Schiöberg, Torsten Schmidt; Gestaltung: Stefan Lotz, Andrea Sturm

Druck: L.N. Schaffrath DruckMedien, Geldern;

Titelbild: “Daisy” aus dem Landesverband Bayern (Seite 4-5)

10

12

13

Seite 6

Zootiere

Keine rechtsverbindlichen

Haltungsanforderungen

Seite 14

Medizin

Nierenerkrankungen bei Katzen

Seite 22

TH Köln-Dellbrück

Wer hat ein Herz für

"Listenhunde"?

Seite 26

Therapie mit Hunden

Neues Projekt

im TH Elisabethenhof

Übernahme von Artikeln, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe

gestattet. Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier.

Auflage: 45.000 Exemplare

Anzeigen: Anzeigen-Büro Udo Kraushaar

Tel. 0 28 45 / 53 86, Fax 0 28 45 / 80 69 49

E-Mail: bmt@anzeigen-buero.de


AUF EIN WORT…

Liebe Mitglieder, liebe Tierfreunde!

HILFE, DIE BEI DEN TIEREN ANKOMMT

Erinnern Sie sich noch an "Franja", den Hund auf dem Titelblatt des letzten RDT`s? Wir hatten

Ihnen die zauberhafte Hündin, die schon so viele Höhen und Tiefen in ihrem kurzen Leben hat

durchmachen müssen, in der Titelgeschichte vorgestellt und ein gutes neues Zuhause für sie

gesucht. Mit ihren treuen Augen, ihrem offenen Charakter und ihrer Lebensfreude hat sie nicht nur

uns begeistert, sondern auch viele Leser unserer Mitgliederzeitschrift in ihren Bann gezogen.

Zahlreiche Tierfreunde boten sofort ihre Hilfe an und waren bereit, Franja ein neues Zuhause zu

schenken. Nun ist Franja von Bayern nach Hessen umgezogen. Wie es ihr dort geht, wie die

Vermittlung zustande kam und wie aus einem Notfall ein glücklicher Familienhund wurde, lesen

Sie auf der Seite 19.

In Erinnerung ist ihnen sicher auch noch der Kettenhund aus dem Spreewald, über den wir u.a. im

vergangenen Magazin berichtet haben. Auch diesem jungen Husky, der den Großteil seines

Lebens angebunden an einer schweren Eisenkette verbringen musste, konnten wir helfen. Auf

unser Drängen hin gestattete uns der Besitzer, den Hund von der Kette zu nehmen und über unsere

Tierheime in gute Hände zu vermitteln. Mehr über die gelungene Vermittlung im RdT 3/2010.

Es sind diese Glücksmomente, in denen wir Tieren gleichsam zu einem neuen Leben verhelfen

konnten, die uns die Kraft geben, unsere Arbeit weiter zu führen - trotz aller Widerstände,

Anfeindungen und Rückschläge, die wir im Tierschutz leider auch immer wieder erleben.

Neben der praktischen Tierschutzarbeit setzt sich der bmt besonders auch auf politischer Ebene für

die Tiere ein. Ein derzeitiger Schwerpunkt unserer Arbeit gilt der Verbesserung der

Lebensbedingungen der Tiere in Zoos. Wenn Tiere schon von den Menschen eingesperrt und zur

Schau gestellt werden, müssen die Haltungsbedingungen so sein, dass die Tiere ihre arteigenen

Verhaltensweisen ausleben können. Die derzeitigen Regelungen, die zudem keinen rechtlich

bindenden Charakter haben, können dies nicht gewährleisten. Hier setzen wir an und fordern

rechtsverbindliche Vorschriften, bei denen das Wohl der Tiere im Vordergrund steht. Auf erhebliche

Gegenwehr der Tiernutzer stellen wir uns bereits jetzt ein.

Bei unserer täglichen Tierschutzarbeit sind wir auf Ihre praktische und finanzielle Mithilfe

angewiesen. Ohne Ihre Unterstützung ist unsere Arbeit nicht möglich. Wir freuen uns, dass Sie uns

Ihr Vertrauen schenken und bitten Sie, uns auch in Zukunft die Treue zu halten.

In tierschützerischer Verbundenheit,

Ihr

Dr. Jörg Styrie

E DITORIAL

bmt-Vorsitzender Dr. Jörg Styrie

Das Recht der Tiere 2/2010

3


Das Recht der Tiere 2/2010

4

D IE T ITELTIER-STORY

Er habe

selten so gut aussehende Zebras

gesehen, stellte der Experte

überrascht fest und erklärte

Margarethe Zerle,

dass die Beschaffenheit des

Bodens im Auslauf erheblichen

Anteil am Wohlbefinden

der in Deutschland nicht beheimateten

Tiere habe.

Doch nicht alle Besucher, die staunend

vor den Wildtieren stehen bleiben, sind so erfreulich:

"Da fragte mich vor Jahren eine Frau", erinnert sich die Hofbesitzerin,

"warum ich die Zebras und Lamas nicht in einen

Zoo oder Zirkus gäbe, was ich mit ihnen vorhabe, ob ich sie

reiten, scheren oder essen wolle."

Letztere Bemerkung nahm die heute 82jährige besonders

übel. "In den Anden, der Heimat der Lamas", antwortete sie

scharf, "wird ab und zu ein Tier zu Feierlichkeiten geschlachtet

- wir fressen die Tiere zwischendurch!"

Und so hat sie sich angewöhnt, ungebetene Gäste kurzerhand

stehen zu lassen. Ohnehin hat die agile Dame mit der

Versorgung von Daisy und ihren kamelartigen Freunden, der

Säuberung der Offenställe und ihrer Zufütterung im Winter

genügend zu tun. Außer ihr leben noch mehrere Hunde und

Katzen auf dem idyllisch gelegenen Anwesen zwischen Simbach

am Inn und Eggstetten an der Grenze zu Österreich.

1992 erwarb sie den Hof samt Gelände. Ställe waren ebenfalls

vorhanden - der Besitzer hatte Milchkühe gehalten - so

dass einer Aufnahme von Tieren im Prinzip nichts im Wege

stand. Fand jedenfalls ihre tierschutzaktive Tochter Simonet-

Der bmt und seine 164

"WENN DIE ZEBRALINE MIT DEM

…dann wird Margarethe Zerle unruhig. Obwohl es in den vergangenen

14 Jahren, in denen sie die Zebras und Lamas für den bmt betreut, nur

einmal vorgekommen ist, dass Zebrastute Daisy Magenschmerzen hatte

und sich ihr Unwohlsein im erregt peitschendem Schweif niederschlug,

achtet die Hofbesitzerin aus dem bayerischen Simbach am Inn

aufmerksam auf jede Veränderung im Verhalten der Wildtiere.

Seit 1996 leben das Zebra und die drei Lamas in der Obhut der ehemaligen

Säuglingsschwester, die zur Betreuung der Wildtiere die

Paragraph 11-Genehmigung einholen musste. Und sie leben so

gut, dass eines Tages ein Ehepaar an ihrer Weide hielt und Margarethe

Zerle einen Glückwunsch zur körperlichen Verfassung

von Daisy und ihrem damals noch lebenden

Sohn Lucky aussprach. Der

Mann, ein Weggefährte des Sohnes

von Professor Grizmek, hatte in der

Serengeti Lebensraum und Gewohnheiten

von Zebras erforscht.

ta, die Alfred Mutzl, den früheren Leiter

des Landesverbandes Bayern,

überredet hatte, die beschlagnahmten

Zirkustiere vor 14 Jahren einfach in

den Transporter zu verfrachten und ihrer

Mutter vor die Haustür zu fahren.

Die frühere Säuglingsschwester mag

da mehr als überrascht gewesen sein,

konnte sich jedoch eines Lächelns angesichts

der gestreiften "Pferde" und

der Lamas nicht erwehren. "Also abgemacht",

sagte ihre Tochter glücklich

und Alfred Mutzl war ebenfalls froh,

dass die Odyssee der Wildtiere ein Ende

hatte.

Gut, dass ich die Ställe hier habe, sagte

sich Margarethe Zerle, doch Daisy,

Sohn Lucky und die Lamas bearbeiteten

Türen und Riegel so intensiv, bis sie die

Tierfreundin von ihrem Freiheitswillen überzeugt hatten. Also

Offenställe auf den großen Weiden, entschied sie, und

bestimmte den Platz so, dass sie aus ihrem Küchenfester in

die Ställe schauen konnte. Eine Sicherheitsmaßnahme, die

sich im Fall von Daisys Magenverstimmung nach dem Genuss

von zuviel frischem Gras vor Jahren tatsächlich bewährt

hatte.

"Füttere Stroh, kein Heu bei Magenschmerzen", riet ihr die

Tochter damals und ihre Mutter legte der Zebrastute das auf

den Magen beruhigend wirkende Stroh in die Raufe und wartete,

bis es dem Tier wieder besser ging. Die Wildtiere lieben

das morgen- und nachtfeuchte Gras, bekommen in der

Daisy ist ein Grant-Zebra. Natürlicher Verbreitungsraum: Süd-Ostafrika und Südwestafrika.


Gnadenbrottiere

SCHWEIF SCHLÄGT ..."

Übergangszeit zum Winter Heu, gelbe Rüben, Äpfel, Gartenkräuter,

Kohlrabiblätter und im Winter zusätzlich Pferdefutter.

Tagsüber und an besonders heißen Tagen halten sie

"Siesta" auf der Weide, eine der Lieblingsgepflogenheiten

der Wildtiere, mit deren natürlichen Bedürfnissen sich Margarethe

Zerle im Laufe der Zeit intensiv beschäftigt hat.

Die fünf Wildtiere wurden 1995 vom Veterinäramt Recklinghausen

aus einem finanzschwachen Zirkus beschlagnahmt.

Daisy, Lucky und die Lamas, abgemagert und in äußerst

schlechtem Gesundheitszustand, sollten getötet werden, weil

die Stadt für eine Unterbringung in einem Tierpark nicht aufkommen

wollte. Der bmt-Landesverband Baden-Württemberg

schaltete sich ein und fand für die fünf

Wildtiere in Pfullingen eine Übergangsbleibe

bei einem Landwirt, später halfen

die bmt-Kollegen in Bayern bei der Suche

nach einer dauerhaften Lösung.

Seit der Zebrahengst Lucky 2009 in der

Nacht friedlich einschlief, versorgt der

bmt "nur noch" 164 Gnadenbrottiere.

Die Betreuung in Tierparks, auf Bauernoder

Pferdehöfen und in privaten Pflegestellen

kostet den Gesamtverein jeden

Monat ca. 19.000 Euro. Viele Tierfreunde

unterstützen den bmt durch

eine regelmäßige, monatliche Patenschaft

hierbei - doch noch deckt die Hilfe

nicht den tatsächlichen Aufwand.

"Der bmt ist die weitgehend einzige

Tierschutzorganisation", sagt bmt-Vorsitzender

Dr. Jörg Styrie, "die neben

Tierheimen, der aktiven und politischen

Tierschutzarbeit auch noch Gnadenbrottiere

betreut - diese Leistung, so

gerne wir sie natürlich für die Tiere erbringen,

ist eine ungeheure

zusätzliche finanzielle Belas-

tung für den Gesamtverein."

"Alle Tiere", so der 51jährige Familienvater weiter,

"haben eine schreckliche Vergangenheit hinter

sich. Es sind misshandelte Pferde darunter,

aufgrund der katastrophalen Haltungsbedingungen

beschlagnahmte Zirkustiere, vernachlässigte

Exoten aus Privathand, Heimtiere und landwirtschaftlich

genutzte Tiere wie Schweine oder Rinder.

Diese Tiere, die so viel Schlechtes erfahren

haben, sollen bei uns friedlich - und vor allem unter

artgerechten Bedingungen - bis an ihr natürliches

Lebensende leben dürfen. Doch dazu brauchen

wir ganz dringend Ihre Hilfe!"

U NSER T ITELTIER

Mehrere Geschäftsstellen des bmt tragen den Unterhalt für

Gnadenbrottiere und bieten für die geretteten Vierbeiner Patenschaften

ab 15 Euro monatlich an. So finanziert zum Beispiel

allein der bmt-Landesverband Bayern, neben Daisy und

ihren drei Freunden, den Unterhalt von weiteren 63 Tieren,

Affen, Pferden, Eseln, Schweinen, Rindern, Hunden und Katzen.

Kostenrahmen pro Monat: 9122,86 Euro, dazu kommen

Ausgaben wie Tierarztrechnungen oder die Beteiligung

an notwendigen Bau- oder Erweiterungsmaßnahmen für

Ställe, Weiden oder artgerecht strukturierte Gehege.

Auch Margarethe Zerle musste für ihre "wilden Gäste" die

Weiden auf die gesetzlich vorgeschriebene Zaunhöhe für Lamas

aufstocken, spezielles Holz für die Umfriedung und die

Ställe kaufen und aufpassen, dass sich der eingeschworenen

Gemeinschaft kein Eindringling nähert. Sie erinnert sich noch

gut an ein Ereignis vor Jahren, als es einem Pony durch Zufall

gelang, das Areal der Zebras und Lamas zu betreten. Eine

wütende Gemeinschaftsjagd auf das immer erschöpfter

werdende Pony war die Folge - bis die Tierfreundin das kleine

Pferdchen mit viel Glück Richtung Ausgang dirigieren

konnte.

Im Januar ist die Zebraline, wie Margarethe Zerle liebevoll

sagt, 28 Jahre alt geworden. Sie selbst wird im Oktober 83

Jahre und hofft, dass der kommende Winter nicht ganz so

schwer wie der vergangene wird. Weil das Wasser mehrfach

täglich in den Offenställen zufror, trug die bewundernswert

tatkräftige Frau die Eimer zu ihren Tieren und schlug die sich

immer wieder bildende Eisschicht mit einem Besenstil ein.

Diese Aktion hat ihr Arthrose in den Fingern beschert - und

die Bemerkung ihrer Ärztin: "Müssen Sie denn noch so viel arbeiten?"

Darauf antwortete die alte Dame: "Es ist Pflicht und Hobby

zur selben Zeit. Ich mag für Menschen nichts mehr tun, aber

die Tiere brauchen uns immer!"

So helfen Sie!

Wenn Sie den LV Bayern oder eine andere

Geschäftsstelle bei der Versorgung

der Gnadenbrottiere mit einer

Patenschaft unterstützen möchten,

freuen wir uns sehr. Bitte schauen Sie

auf unsere homepage, welche Tiere wo

betreut werden: www.bmt-tierschutz.de

Spendenkonto für Daisy und ihre

Freunde:

Landesverband Bayern

Konto 14220802

Postbank München

BLZ 700 100 80

Text: Claudia Lotz, Fotos: Ewa Gara

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

6

T ITELTHEMA

Zootiere

in Deutschland

Überfällig:

Das Säugetiergutachten

soll überarbeitet

werden!

Mit geschätzten 800 zoologischen

Einrichtungen wie Zoos, Tierparks,

Aquarien, Vogelparks, Schmetterlingsparks

etc. ist Deutschland eines

der zooreichsten Länder Europas.

Umso unverständlicher, dass

es für die gehaltenen Tierarten

keine konkreten rechtsverbindlichen

Anforderungen gibt.

Um zumindest die allgemeinen

Anforderungen des Tierschutzgesetzes

hinsichtlich einer artgerechten

Haltung von Tieren näher zu

bestimmen, gibt es Sachverständigengutachten

für verschiedene

Tiergruppen. Diese Gutachten, im

Auftrag des Bundesministeriums

für Ernährung, Landwirtschaft und

Verbraucherschutz (BMELV) erarbeitet,

stellen für die zuständigen

Genehmigungs- und Kontrollbehörden

die wesentliche Orientierung

dar.

SÄUGETIERGUTACHTEN 1977:

Die Zoobranche diktiert die

Anforderungen

Von besonderer Bedeutung für die Zootierhaltung

in Deutschland ist seit nunmehr

über 33 Jahren das "Gutachten

Standart 1977: 24 m 2 für Tiger

über Mindestanforderungen an die

Haltung von Säugetieren" (kurz Säugetiergutachten).

Hier werden die grundlegenden

Anforderungen an die Haltung

der "Publikumslieblinge" der Zoos,

wie Elefant, Giraffe, Nashorn, Löwe

oder Affe, näher umrissen.

Das Säugetiergutachten wurde 1977

erarbeitet. In der Gutachtergruppe befanden

sich seinerzeit 7 Zoodirektoren,

Tierschutzverbände waren nicht beteiligt.

Erklärtes Ziel der Gutachter war

es, Anforderungen an eine "tiergerechte

Haltung" zu konkretisieren. Das Resultat

sah jedoch ganz anders aus.

Geradezu beschämend winzig fielen

Letzte Meldungen

sterben +++

Geflügelgrippe

12 Wölfe oder ++

Geflügelgrippe

40 biGeflügelgrip

Geflügelgrippe200

40m 2 FÜR EI

die im Gremium festgesetzten Mindestmaße

der Tiergehege aus, die weit entfernt

von den biologischen Grundbedürfnissen

der Tiere waren. So durfte

das Außengehege für Braunbären seinerzeit

60 m 2 , für Löwe und Tiger mit

24 m 2 gerade einmal Wohnzimmergröße

betragen.

SÄUGETIERGUTACHTEN 1996:

Feilschen um jeden

Quadratmeter

Es dauerte fast 20 Jahre, bis man sich

entschließen konnte, dieses Gutachten

fachlich zu überarbeiten. Erstmals wurde

auch ein Tierschutzvertreter im Gre-


+

lügelgrippe

peder +++

Chin ++++++

NEN LÖWEN

mium zugelassen. Von einer paritätischen

Besetzung war dieses Gremium

jedoch noch weit entfernt, standen

doch auf der "Gegenseite" drei Zoodirektoren.

Die Hoffnung der Tierschutzverbände,

dass das Gutachten nun grundlegend

fachlich korrigiert würde, erfüllte sich

nicht, obwohl es das erklärte Ziel war,

biologisch relevante Mindestanforderungen

für Säugetiere "nach dem heutigen

Wissens- und Erfahrungsstand"

darzustellen. Vielleicht aus Furcht der

Zoobranche vor finanziellen Investitionen

in den Umbau von maroden oder

zu kleinen Tiergehegen oder aus Unvermögen

wurde das Gutachten nur

wenig in den Anforderungen angehoben.

So erhielt bspw. der Braunbär nun für

das Außengehege 90 m 2 , der Tiger 16

m 2 mehr als 1977 zugestanden. Den

anderen Tierarten erging es nicht besser.

Das Säugetiergutachten spiegelte

somit nicht nur eine verpasste Chance

wieder, sondern zementierte auch über

viele Jahre inakzeptable Tiergehege in

zoologischen Einrichtungen.

EXPERTISE FÜR TIERPARKS 1995:

Viel höhere Haltungsanforderungen

als für Zootiere

durchgesetzt

T ITELTHEMA

Im Jahre 1995, also fast zeitgleich zum

Säugetiergutachten, wurde eine weitere

Haltungsempfehlung für Wildtiere

im Auftrag des BMELV veröffentlicht:

die "Leitlinien für eine tierschutzgerechte

Haltung von Wild in Gehegen". Diese

Expertise wurde speziell für Tierparks

zugeschnitten, die sich überwiegend

auf heimische Wildtierarten spezialisiert

haben.

Bemerkenswert ist die Bewertung der

Gutachter, wie groß Innen- und Außengehege

von Säugetieren zu sein hatten.

So werden den (heimischen) Säugetierarten

in den Wildgehegeleitlinien bis

zu 60-fach größere Flächen als im Säu-

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

8

T ITELTHEMA

Giraffen in der Masai Mara, Kenia

getiergutachten zugebilligt. Anders

ausgedrückt: Für einen europäischen

Luchs oder Bär kann es für sein weiteres

Schicksal entscheidend sein, ob er

in einem deutschen Tierpark oder einem

deutschen Zoo gehalten wird.

Einen wissenschaftlichen Grund für

diese unterschiedliche Sichtweise gibt

es nicht. Sicher ist jedoch, dass die Gutachter

der Wildgehegeleitlinien keineswegs

unnötigen Luxus für die Tiere im

Auge gehabt haben. Im Gegenteil: Die

Leitlinien sind als Mindeststandards zu

verstehen. Die Gutachter bitten sogar

um Verständnis, dass bspw. aufgrund

von Maßnahmen des Landschaftsschutzes

die Tierhaltung gewissen Beeinträchtigungen

unterworfen sei und

die Gehegehaltung teilweise beschränkt

werden müsse.

EU-ZOORICHTLINIE 1999:

Licht am Ende des Tunnels

Dass das Säugetiergutachten fachlich

nicht überzeugen kann, wird auch

beim Vergleich mit Regelungen unseres

Nachbarlands deutlich. Die Vorgaben

der Tierhaltungsverordnung aus Österreich

liegen durchweg z.T. erheblich

über den deutschen Empfehlungen und

haben zudem den klaren Vorteil, dass

sie im Gegensatz zum Säugetiergutachten

rechtsverbindlich sind.

Seit Jahren fordert der bmt eine Überarbeitung

des Gutachtens nach fachlich

nachvollziehbaren Kriterien. Lange

Zeit wurde diese Forderung vom BMELV

ignoriert.

Bewegung in die Diskussion kam erst,

als die Europäische Kommission 1999

erstmals eine Richtlinie für die Haltung

von Zootieren veröffentlichte. Damit

soll, so der Grundgedanke, die Artenvielfalt

besser geschützt werden, wobei

insbesondere die Zoos einen konkreten

Anteil im Bereich des Artenschutzes und

der Öffentlichkeitsarbeit leisten müssen.

Zoos, die den Verpflichtungen nicht

nachkommen, können notfalls sogar

geschlossen werden. Deutschland verzögerte

die Umsetzung der Richtlinie in

nationales Recht, sodass sie erst 2006

in allen Bundesländern richtig greifen

ANFORDERUNGEN IM VERGLEICH:

GRÖSSEN DER AUßENGEHEGE

IN m 2

SÄUGETIER-

GUTACHTEN

WILDGEHEGE-

LEITLINIEN

ÖSTERREICH

1996 1995 2004

Braunbär 150 1.500 300

pro Paar pro Paar pro Paar

Wolf 100 2.100 800

pro Paar pro Paar pro Paar

Luchs 20 1.200 200

pro Paar pro Paar p.P. mit Jungen

Tiger 40 - 500

p.P. mit Jungen

Gepard 80 - 800

für 2 Pärchen für 2 Pärchen

Elefant 500 - 3.000

bis 3 Kühe bis 3 Kühe

Gorilla 25 - 50

bis 2 Tiere max. 5 Tiere

konnte. Die Umsetzung in Deutschland

führte dazu, dass jedes Bundesland

prüfen musste, ob die bei ihm ansässigen

Zoos die Tiere ihren biologischen

Bedürfnissen gerecht halten - auch eine

Forderung der EU-Kommission.

Im Rahmen dieser Prüfung wurden

innerhalb der Bundesländer immer

wieder Zweifel erkennbar, ob das Säugetiergutachten

eine geeignete Grundlage

sei. So gingen einige Bundesländer

dazu über, statt des Säugetiergutachtens

eine Empfehlung zur

Haltung bestimmter Säugetierarten der

Länderarbeitsgemeinschaft Natur-

schutz, Landschaftspflege und Erholung

(LANA) - ein Gremium, in dem die

Vertreter der obersten Naturschutzbehörden

der Bundesländer und der

Bund über die Schwerpunktthemen des

Naturschutzes beraten - zu verwenden.

Dieses LANA-Gutachten geht etwas

über die Anforderungen des Säugetiergutachtens

hinaus.

Das geschlossene Vorgehen

der Tierschutzverbände

zeigt Erfolg

In den letzten Jahren haben der bmt

und andere Tierschutzorganisationen

ihre Bemühungen, das Säugetiergutachten

endlich an die Erfordernisse einer

modernen und fachlich begründeten

Tiergartenbiologie anzupassen,

deutlich verstärkt.

Verschiedene Treffen der Tierschutzverbände

und Gespräche, insbesondere

mit Bundestagsabgeordneten, trugen


entscheidend dazu bei, dass sich die

SPD (im September 2008) in der Arbeitsgruppe

für Ernährung, Landwirtschaft

und Verbraucherschutz für eine

Überarbeitung stark machte und die

Bundesregierung im Haushaltsplan

2009 die Gelder bereitstellte.

Damit es nicht bei bloßen Absichtsbekundungen

bleibt, wandte sich im Februar

2009 der bmt federführend im

Namen von 14 Tier-, Natur- und Artenschutzorganisationen

in einem

Schreiben an alle Mitglieder des Agrarausschusses,

um den Prozess zu beschleunigen.

Im März 2010 gab das

BMELV endlich grünes Licht.

Daraufhin machte der bmt zusammen

mit 11 anderen Tier- und Naturschutzverbänden

in einer schriftlichen Stellungnahme

an die Adresse des

Bundesministeriums unter anderem auf

zwei Kernforderungen aufmerksam:

eine regelmäßige fachliche Überprüfung

des Gutachtens, spätestens alle

5 Jahre

eine paritätische Besetzung des

Sachverständigengremiums, d.h. dass

Vertreter von Zooverbänden, Tierschutzverbänden

und unabhängige

wissenschaftliche Experten mit gleicher

Anzahl von Personen vertreten sind.

Elefantenfamilie in ihrem natürlichen Lebensraum, rechts im Zoo

Wann ist der Zoo ein Zoo?

Gleichzeitig - und von der Öffentlichkeit

fast unbemerkt - änderte der deutsche

Gesetzgeber die Definition, was

ein Zoo zu sein habe. Nach dem neuen

Bundesnaturschutzgesetz von März

2010 ist ein Zoo eine Einrichtung, in

der mehr als 20 Tiere wild lebender Arten

gehalten und der Öffentlichkeit

präsentiert werden, ausgenommen

Schalenwildarten wie Wildschweine

und Rehe und Hirsche. Einrichtungen,

die weniger Wildtiere halten, sind definitionsgemäß

Tiergehege.

Was so lapidar und unbedeutend

klingt, offenbart sich erst bei näherer

Betrachtung. So entfallen z.B. für Tiergehege

zentrale Forderungen der EU-

Zoorichtlinie, gleichfalls muss die Öffentlichkeit

nicht über den Schutz der

Artenvielfalt informiert werden.

Auch Hinweisschilder oder andere Formen

der Informationen über die zur

Schau gestellten Arten und ihre natürlichen

Biotope sind nicht notwendig.

Zudem brauchen diese Zoos auch keine

Anstrengungen im Artenschutz nachzuweisen,

sie müssen sich nicht an Forschungen

beteiligen, die zur Erhaltung

der Arten beitragen und müssen auch

nicht Informationen über die Arterhaltung

oder Wiederansiedlung von Arten

in ihren Biotopen mit anderen Einrichtungen

austauschen.

Die besondere Brisanz erhält die Ausnahmereglung

dadurch, dass der Gesetzgeber

vom Aussterben bedrohte

Tierarten, die in der Regel unter besonderem

rechtlichen internationalen

Schutz stehen, nicht explizit von dieser

Ausnahme ausnimmt. So würde eine

Einrichtung noch als Tiergehege gelten,

die zwei Elefanten, vier Delfine,

vier Schimpansen, zwei Nashörner,

zwei Pandas, vier Schneeleoparden

und zwei Geparden hält.

Eigentlich muss

die BundesrepublikDeutschland

dafür

Sorge tragen,

dass beide

Grundziele der

Richtlinie, "der

Schutz wild lebender Tiere" und "die Erhaltung

der biologischen Vielfalt",

durch die Ausnahme nicht gefährdet

werden. Da nach Ansicht des bmt der

Gesetzgeber durch diese pauschale

Ausnahmeregelung gegen europäisches

Gemeinschaftsrecht verstößt, hat

sich der bmt schriftlich an den EU-Umweltkommissar

gewandt. Eine Antwort

steht noch aus.

Ausblick

Anfang Juli wird im Rahmen einer Verbändeanhörung

in Bonn das BMELV

darüber entscheiden, wie das weitere

Prozedere hinsichtlich der Überarbeitung

des Säugetiergutachtens ist.

Es ist zu hoffen, dass die Tierschutzverbände

diesmal die Chance erhalten,

daran tatsächlich mitzuwirken, um den

Tierhaltungsstandard in Zoos auf eine

ethisch verantwortbare und fachlich

fundierte Ebene zu heben. Hilfreich für

alle Seiten wäre es, wenn Zooverbände

und Tierschutzverbände aufeinander

zugehen würden, um eine möglichst

vertrauensvolle Arbeit in dem zu

bildenden Sachverständigengremium

zu schaffen.

Hilfreich nicht nur für die Verbände,

sondern in erster Linie für die Zootiere.

Mittelfristig sollte sich der Gesetzgeber

jedoch Gedanken darüber machen, ob

es für den Tierschutzvollzug nicht effektiver

ist, indem man dem Beispiel

Österreichs folgt und die Zootierhaltung

in einer verbindlichen Tierhaltungsverordnung

regelt.

Text: Torsten Schmidt

Fotos: Petra Zipp, Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

10

T IERSCHUTZPOLITIK

... UNTERLAUFEN DER bmt DEN BEI TIERSCHUTZ ANHÖRUNG ZUM GESETZESENTWURF

Am 16.04. fand im Bundestag

die Anhörung zum Entwurf eines

neuen Tierschutzgesetzes

statt, zu der der bmt als Fachverband

eingeladen war.

Unter dem Titel "Tierschutz neu

denken" stellte die grüne Bundestagsfraktion

nach zweijähriger

Vorarbeit ihren umfassendenNeuregelungsentwurf

vor. Der bmt war bereits

in der Vorbereitungsphase

bei mehreren Fachgesprächrunden

an den Beratungen

beteiligt.

Dr. Christoph Maisack, Autor des aktuellen

Tierschutzgesetz-Kommentars,

übernahm die juristische Ausarbeitung.

Viele Vorschläge des bmt finden sich

hier wieder. In manchen Passagen liest

er sich fast wie die in Gesetzesform umgesetzte

Wunschliste jahrelanger tierschutzpolitischer

Forderungen. Abschließend

hatten wir nun im Bundestag

Gelegenheit, zu dem Entwurf

Stellung zu nehmen und ergänzende

Verbesserungsvorschläge einzubringen.

Mehr als 60 Vertreter von Tier- und Artenschutzorganisationen,

der Bundestierärztekammer,

der TVT (Tierärztliche

Vereinigung Tierschutz), des BbT

(Bundesverband beamtete Tierärzte),

der bpT (Bundesverband praktizierender

Tierärzte), der Amtsveterinäre, der

ZEBET, des vfa (Verband forschender

Pharmaunternehmen, dem DBV sowie

Die Anerkennung der Würde der Tiere,

von Angst als Form des Leidens, eine

generelle Leidensbegrenzung sowie die

Förderung des Tierschutzes als gesamtgesellschaftliche

Aufgabe und po-

ZEIT FÜR EIN NEUES TIERSCH

Deutliche Verbesserungen im Bereich der landwirtschaftlichen "Nutztierhaltung".

Wissenschaftler und Experten einschlägiger

Fachrichtungen nahmen an der

ganztägigen Fachanhörung teil.

Bündnis 90/Die Grünen fordern das

Verbot von Wildtieren im Zirkus.

Der Entwurf könnte - so er denn eine

Chance auf Umsetzung hat - Tierschutz

in Deutschland maßgeblich voranbringen.

Er zieht die überfälligen Konse-

VERBESSERUNGEN IN VIELEN BEREICHEN ...

Der Gesetzentwurf stärkt die Würde der Tiere

litischer Auftrag an Bund und Länder

sind richtungweisende Ansätze. Mit der

Einführung des Verbandsklagerechts,

eines Bundstierschutzbeauftragten

sowie der Verschärfung der Strafbe-

quenzen aus der Staatszielbestimmung

Tierschutz. Denn obwohl Tierschutz

2002 in Artikel 20a Grundgesetz aufgenommen

wurde, ist der Gesetzgeber

acht Jahre untätig geblieben.

Die Bestimmungen des Tierschutzgesetzes

stammen zum überwiegenden

Teil aus der Zeit vor der Verfassungsänderung.

Und so erleben wir jeden

Tag, dass der rechtliche Schutz von Tieren

in vielen Bereichen nach wie vor

völlig ungenügend ist.

Die Bündnisgrünen vollziehen nun einen

Paradigmenwechsel mit konsequenter

Orientierung am ethischen

Tierschutz, der Stärkung der Rechte der

Tiere und mit klaren rechtlichen Vorgaben,

die einen verantwortbaren Ausgleich

zwischen den Nutzungsansprüchen

des Menschen und den

berechtigten Interessen der Tiere definieren.

stimmungen werden weitere Maßstäbe

gesetzt.

Die eindeutigen rechtlichen Bestimmungen

im Bereich der landwirtschaftlichen

"Nutztierhaltung" mit einer kla-


UTZGESETZ IN DEUTSCHLAND!

DER FRAKTION B90/DIE GRÜNEN IM BUNDESTAG

ren Absage an Käfige, Engaufstallungen

und Anbindehaltung, dem Verbot

der Akkordschlachtung und einem umfassenden

Tierschutz -TÜV für serienmäßig

hergestellte Stalleinrichtungen,

für Betäubungsgeräte und Heimtierunterkünfte

sind ebenso wesentliche

Verbesserungen wie im Bereich der

Versuchstiere das grundsätzliche Verbot

von Tierversuchen, die Einführung

eines Belastungs- und Nutzenkatalogs

bei Genehmigung von Tierversuchen,

einer Datenbank zur Vermeidung von

Doppelversuchen sowie die konsequente

Anwendung des 3R-Prinzips.

Das grundsätzliche Verbot der Haltung

von Wildtieren in Zirkussen, die Einschränkung

der Haltung von Wildtieren

in Privathaushalten und die Kennzeichnung

und Registrierung von Heimtieren

setzen in diesen Bereichen ebenfalls

wichtige Akzente.

T IERSCHUTZPOLITIK

... DOCH DIE FORDERUNGEN DES bmt GEHEN NOCH WEITER

Verbesserungen u.a. bei Tiertransporten und Tierversuchen notwendig!

Die Unberührtheitsklausel im

Jagdrecht fehlt dem bmt noch im

Gesetzesentwurf.

Dieser Gesetzesentwurf entspricht zweifellos

den Anforderungen eines modernen

Tierschutzkonzepts. Da es aber

bekanntlich nicht Gutes gibt, das man

nicht noch besser machen könnte, hat

der bmt Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet,

die Dr. Styrie erläuterte. Wir

fordern, um einige wesentliche Punkte

herauszugreifen, Tiertransporte innerhalb

Deutschlands auf maximal vier

Stunden zu begrenzen und die verbindliche

Elektrokurzzeitbetäubung

beim Schlachten ohne Betäubung -

restriktivere Regelungen allein halten

wir für unzureichend.

Angesichts der anhaltenden Missstände

bei Schlachtungen sind strengere

Vorgaben bei der Betäubung von Tieren

unabdingbar. Ein besonders wunder

Punkt im wahrsten Sinn des Wortes

sind Eingriffe an Tieren in der "Nutztierhaltung".

Dabei sind Betäubungsvorschriften

zweifellos ein Fortschritt,

aber sicher keine Lösung. Es ist ethisch

nicht zu rechtfertigen, dass Tiere mit

operativen Eingriffen oder anderen

Manipulationen an tierschutzwidrige

Haltungssysteme angepasst werden.

Tierschutzgerecht und dringend erforderlich

ist es hingegen, Haltungssysteme

an die Bedürfnisse der Tiere anzupassen.

Die Streichung der Unberührtheitsklausel

für das Jagdrecht gehört ebenfalls

zu einem modernen Tierschutzgesetz,

um klare Regelungen für ein Verbot des

Abschusses von Hunden und Katzen

und der Fallenjagd durchzusetzen.

Bei den Voraussetzungen zu Tierversuchen

sollten die restriktiven Regelungen,

die der Gesetzesentwurf für nichtmenschliche

Primaten vorsieht, auch

bei anderen Wirbeltieren wie Hunde,

Katzen, Ratten, Mäuse gelten, da sie

über ein vergleichbares Schmerzempfinden

verfügen. Die Kennzeichnung

von Heimtieren sollte nicht nur für den

gewerblichen Bereich, sondern - soweit

durchführbar - für alle Halter verpflichtend

gelten.

Die überwiegende Mehrheit des Auditoriums

zog eine äußerst positive Gesamtbilanz

- mit unterschiedlicher Akzentsetzung.

Aus den Reihen der

Veterinäre kam der Vorschlag, das Ge-

Das Verbandsklagerecht käme

auch den tierschutzwidrig gehaltenen

Pelztieren zugute.

setz zu straffen und vieles über Verordnungen

und Verwaltungsvorschriften zu

regeln - eine ambivalente Empfehlung,

da Verordnungen nicht der Kontrolle

eines parlamentarischen Verfahrens

unter Einbeziehung der Fachöffentlichkeit

unterliegen. Dass von den Vertretern

des DBV und der Pharmaindustrie

die Gegenargumente der Überregulierung,

des Wettbewerbsnachteils und

der Forschungsbeschränkung kamen,

ist keine eigentliche Überraschung.

Bärbel Höhn, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende

und Undine Kurth,

Tierschutzpolitische Sprecherin der

Bundestagsfraktion, kündigten abschließend

an, dass der Entwurf nach

dieser gründlichen Debatte überarbeitet

und im Herbst in den Bundestag eingebracht

werden soll. Welche Chancen

er - da von der Opposition vorgelegt -

überhaupt hat, ist fraglich. Die weiteren

Beratungen in den Bundestagsausschüssen

werden außerdem davon beeinflusst,

wie die Entwicklung auf EU-

Ebene verläuft (siehe Seite 13).

Wir werden dies sowohl auf nationaler

als auch auf europäischer Ebene kritisch

begleiten. Letztendlich gilt aber

auch für diesen zukunftsweisenden Entwurf:

Jedes Gesetz ist nur so gut oder

schlecht wie die Schlupflöcher, die es

lässt. Und: Alles steht und fällt mit dem

konsequenten Vollzug.

Text: Elvira Schiöberg

Fotos: www.soylent-network.com

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

12

T IERSCHUTZPOLITIK

IM SCHLACHTHAUS HÖRT DER TIERSCHUTZ AUF

UNVORSTELLBARES LEID FÜR MILLIONEN TIERE!

Wer Tiere aus Gründen der Nahrungsgewinnung tötet, muss

sie zumindest ihren Bedürfnissen gerecht halten und ihnen

einen möglichst stress- und angstfreien Tod garantieren, so

die rechtliche und ethische Verpflichtung.

Doch die Realität ist weit von diesem Anspruch entfernt. Die

letzte Station der Tiere, der Tod im Schlachthaus, ist ein unbequemes

und darum in Gesellschaft und Politik verdrängtes

Thema. Dabei ist gerade dieser Bereich des "Produktionsprozesses"

mit den größten Tierschutzdefiziten behaftet.

Zuletzt sorgte ein Fernsehbericht des

SWR Mitte Dezember 2009 für kurzzeitige

öffentliche Aufregung und Diskussion

in den Medien, als Missstände eines

baden-württembergischen Schlachthauses

offenbar wurden. Nach Ansicht

des Bundes gegen Missbrauch der Tiere

e.V. dürfen diese Einzelmeldungen

nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie

nur die Spitze des Eisberges zeigen.

So geht selbst der renommierte

Schlachtexperte Prof. Dr. Klaus Troeger,

Leiter des Max-Rubner-Instituts für Sicherheit

und Qualität bei Fleisch, von

einer inakzeptabel hohen Fehlbetäubungsrate

von Schweinen in bundesdeutschen

Schlachthöfen aus. Ein

Grund hierfür sind die teilweise extrem

hohen Schlachtraten mit bis zu 1500

Tieren pro Stunde in einer Schlachtlinie.

Dem Personal bleibt keine Zeit sicherzustellen,

dass tatsächlich alle Tiere

ausreichend betäubt sind, bevor sie in

den nächsten Verarbeitungsprozess geraten.

So schätzt Troeger aus seiner

praktischen Erfahrung, dass rund 1

Prozent der Schweine erst im Brühkessel

qualvoll stirbt.

Ein Schwein blutet aus. Seine noch lebenden

Artgenossen daneben müssen zuschauen.

Bei Rindern sieht es nicht

besser aus: Sie werden

üblicherweise mit einem

Bolzenschussapparat betäubt. Doch

die Fehlbetäubungsrate wird bundesweit

auf 7 Prozent geschätzt, weil in vielen

Schlachthöfen Fixationseinrichtungen

fehlen, die einen genauen

Schusspunkt zulassen würden. Hinzu

kommen handwerkliche Fehler des Personals

oder technische Mängel am Bolzenschussapparat.

Rein rechnerisch sind dies in Deutschland

rund 250.000 Tiere im Jahr

(200.000 Rinder, 500.00 Schweine),

die unter teilweise entsetzlichen Leiden

ihren eigenen Tod erleben müssen. Ein

Skandal, der seit Jahren bekannt und

mit dem Tierschutzrecht unvereinbar

ist. So müssten bspw. nach der Tierschutzschlacht-Verordnung

Tiere so getötet

werden, "dass bei ihnen nicht

mehr als unvermeidbare Aufregung,

Schmerzen, Leiden oder Schäden verursacht

werden."

Aus Sicht des bmt sind deshalb rechtliche

Änderungen beim Schlachten

zwingend notwendig, damit zumindest

der Schlachtvorgang für die Tiere so

angst- und schmerzfrei wie irgend

möglich abläuft. Dazu gehören u.a. ein

klares Verbot der Akkordschlachtung

und Verbesserungen der Kontrollmöglichkeiten

in den Schlachtbetrieben

(z.B. Videoaufzeichnungen, regelmäßige

Untersuchungen der Schlachtkörper).

So gibt es technische Sicherungssysteme,

die verhindern könnten, dass unbetäubte

Tiere in den nächsten

Schlachtprozess (z.B. Brühkessel bei

Schweinen) geraten. Vorgeschrieben

sind sie bislang nicht. Zudem wäre es

erforderlich, mehr amtliche Tierärzte in

Schlachtbetrieben einzubinden. Denn

seit Jahren ist die Anzahl amtlicher Tierärzte

nicht in ausreichendem Maße an

die Betriebsentwicklung der Schlachthöfe

angepasst worden, obwohl die

tierschutzrelevanten Aufgaben der Tierärzte

in den großen Schlachthöfen immer

vielfältiger geworden sind.

Diesen Missstand bestätigt auch die

Bundestierärztekammer. Selbst wenn

all diese erhöhten Auflagen an die

Schlachtbetriebe das Schnitzel um einige

Cent teurer machen sollten, ist es

das Mindeste, was der Mensch den Tieren

schuldig ist.

Unser Buchtipp zum Thema:

TOTENTANZ DER TIERE

Schonungslose Bemerkungen

zu Tierelend,

Jagd und Kirche

Dr. Gunter Bleibohm/

Harald Hoos

Geistkirch-Verlag

2009, ISBN 978-3-

938889-81-7

Broschiert, 174 Seiten, 14,80 Euro

(Gesamter Erlös für den Tierschutz! )

“Ich höre den Motor des Lkw's... Gras

haben meine Füße nie gespürt, nur Kot,

nur Dreck. Vielleicht habe ich einmal

im Leben das große Glück, auf dem

Transport das richtige Licht zu sehen,

richtige Luft zu atmen. Es soll ja eine

Sonne geben, Sterne, Wind und Regen.

...” (Gedanken eines Schweines)

Text: Torsten Schmidt

Fotos: www.soylent-network.com


VERSPIELTE CHANCE FÜR DEN TIERSCHUTZ

NEUREGELUNG DER EU- TIERVERSUCHSRICHTLINIE

Vielleicht gab es anfangs tatsächlich die Chance auf eine Wende

im europäischen Tierversuchsrecht. Zumindest war da ein Hoffnungsschimmer,

als die Europäische Union verkündete, die veraltete

Tierversuchslinie (EU-Richtlinie 86/609/EWG) von 1986 zu

überarbeiten, um endlich EU-weit einheitliche und verbindliche

Standards bei der Durchführung von Tierversuchen festzuschreiben.

Und tatsächlich, der im November 2008 vorgelegte Kommissionsentwurf

enthielt wichtige Regelungen, um Tierversuche effektiv

zu reduzieren.

So sollten Tierversuche im Genehmigungsverfahren

vorab verpflichtend

auf ethische Notwendigkeit und Unerlässlichkeit

überprüft und bewertet werden.

Ebenso sollte das 3R- Prinzip, dessen

Ziel es ist, die Verwendung von

Tieren zu vermeiden, zu reduzieren oder

zu verbessern, strikt angewandt sowie

Alternativverfahren gestärkt werden.

Kein Fortschritt in den Köpfen

Doch sehr schnell wurden die Hoffnungen

von der Realität ein-, besser überholt.

Beim Tauziehen zwischen Kommission,

Parlament und EU-Ministerrat

wurden die wesentlichen Elemente des

ursprünglichen Entwurfs trotz intensivster

Bemühungen der Tierschutzverbände

gestrichen oder massiv abgeschwächt

- der Tierschutz blieb auf der

Strecke. Die einseitige Einflussnahme

der Tierversuchslobby von Forschung

und Pharmaindustrie hatte sich durchgesetzt:

Ethische Bewertung von Tierversuchen?

- praktisch gecancelt, der

Einsatz tierversuchsfreier Methoden? -

nicht mehr vorgeschrieben, eine Obergrenze

für Leiden und Schmerzen? -

nicht mehr vorgesehen.

Klägliche Rolle Deutschlands

Die Bundesregierung spielte in dem

Trauerspiel wahrlich eine unrühmliche

Rolle. Denn ausgerechnet Deutschland

hat hinter den Kulissen die Verschlechterungen

mitgetragen. Zwar ist Tierschutz

seit 2002 Staatsziel, zwar verpflichtet

der Koalitionsvertrag die

Bundesregierung, sich auf EU-Ebene

und in Deutschland für besseren Tierschutz

einzusetzen. Aber Papier ist be-

kanntlich geduldig - vor allem im

Tierschutz. Als die grüne Bundestagsfraktion

am 24. März im

Bundestag einen letzten Versuch startete

und Nachbesserungen einforderte,

lehnte dies die schwarz-gelbe Koalition

ebenfalls ab. Der bmt protestierte gemeinsam

mit anderen Tierschutzorganisationen

vor dem Bundestag gegen

dieses Vorgehen.

Rückschritt statt Fortschritt

Besonders gravierende Folgen hat ein

zentraler Punkt der vorgesehenen Neuregelung.

Wenn die Richtlinie erst einmal

verabschiedet ist, soll kein EU-Mitgliedsstaat

mehr strengere

Maßgaben erlassen dürfen. Dies macht

es einzelnen Ländern quasi unmöglich,

eine Vorreiterrolle im Tierschutz zu

übernehmen. Im Klartext: Die Weiterentwicklung

des Tierschutzes wird

durch die Deckelung auf dem status

quo der bestehenden Regelungen geblockt.

Auch dem deutschen Parlament

sind damit auf lange Zeit die Hände

gebunden und das Subsidiaritätsprinzip

wird unterlaufen. Ein absolutes Novum,

denn bisher galt für EU-Richtlinien:

Die EU setzt Mindeststandards

fest, die nationale Umsetzung kann

darüber hinausgehen. Die geplante

Bestimmung ist für uns inakzeptabel -

und überdies widersprüchlich. Denn

während tierschutzfreundlichere Regelungen

verboten sind, erlaubt der Kompromisstext

durchaus ein Abweichen

"nach unten" zu Lasten der Tiere und

des Tierschutzes. So sollen die Mitgliedstaaten

die Anwendung einzelner

Alternativmethoden verbieten können;

T IERSCHUTZPOLITIK

Foto: www.aerzte-gegen-tierversuche.de

die Pflege- und Unterbringungsstandards

dürfen unterschritten, Genehmigungsverfahren

vereinfacht werden.

DAS MACHEN WIR NICHT MIT!

Der bmt wendet sich an den Petitionsausschuss

Der bmt hat deshalb beim Petitionsausschuss

des europäischen Parlaments eine

Petition eingereicht. Wir fordern das

europäische Parlament auf, in der Endfassung

der Richtlinie eindeutig klarzustellen,

dass Mitgliedstaaten auch in Zukunft

zur Aufnahme tierfreundlicherer

Regelungen in ihr nationales Tierschutzgesetz

berechtigt bleiben, dass

die behördliche Prüfung jedes Projektes

auf seine ethische Vertretbarkeit verbindlich

vorgeschrieben wird und dass

im Sinne des 3R-Prinzips alternativen

Methoden Vorrang gegeben werden.

Hinterm Horizont geht's weiter….

Der Termin für die Behandlung unserer

Petition ist noch offen. Unabhängig davon

befindet sich die Überarbeitung

der EU-Tierversuchsrichtlinie nun in der

Endphase. Vermutlich im Juli 2010

stimmt der Agrarausschuss ab, im September

2010 folgt voraussichtlich die

abschließende Abstimmung im Plenum.

Danach muss die neue Tierversuchsrichtlinie

von den Mitgliedsstaaten

in nationales Recht umgesetzt werden.

Trotz alledem: Wir werden jedenfalls

bis dahin weiter alle rechtlichen Möglichkeiten

ausschöpfen, diesen Richtlinienentwurf

zu verhindern.

Text: Elvira Schiöberg

Das Recht der Tiere 2/2010

13


Das Recht der Tiere 2/2010

14

M EDIZIN

Die chronische Niereninsuffizienz ist eine

der häufigsten Erkrankungen bei

Katzen - und Todesursache Nummer

eins bei älteren Tieren. Werden Nierenerkrankungen

trotz modernster Untersuchungsverfahren

zu spät erkannt oder

übersehen viele Katzenbesitzer die Krankheitssymptome

ihrer Stubentiger?

"Nein", sagt Dr. Uwe Wagner, "weder

noch. Die Fähigkeit der Nieren, eingetretene

Schäden über einen langen Zeitraum

kompensieren zu können, macht

eine frühzeitige Diagnose so schwer.

Denn Katzen zeigen erst dann Symptome,

wenn bereits ein Großteil der Nierenfunktion verloren gegangen ist."

Rechtzeitiges medizinisches Eingreifen und eine maßgeschneiderte Therapie können den vierbeinigen

Patienten ein langes und beschwerdefreies Leben ermöglichen. Deshalb kommt der Früherkennung

bei allen Formen von Nierenerkrankungen ein hoher Stellenwert zu. Katzen ab dem 7. Lebensjahr

sollten jährlich einem Nieren-Check, bestehend aus Blutuntersuchung, Harnanalyse und

Blutdruckmessung, unterzogen werden, rät der Reutlinger Tierarzt und Leiter des bmt-Landesverbandes

Baden-Württemberg.

RdT: Warum haben nierenkranke Katzen

einen schier unersättlichen Durst?

Dr. Uwe Wagner: Geschädigte Nieren

können den Harn nicht mehr konzentrieren,

so dass sie täglich mehr

Urin absetzen. Zum Ausgleich müssen

die Tiere mehr trinken als früher - die

deutlich erhöhte Wasseraufnahme fällt

zumindest den Besitzern von Wohnungskatzen

sehr schnell auf, weil der

Wassernapf ständig leer ist.

RdT: Weist ein höheres Flüssigkeitsbedürfnis

immer auf eine Störung der Nierenfunktion

hin?

Dr. Uwe Wagner: Ja, meistens. Doch

auch andere Erkrankungen, wie Entzündungen,

Diabetes, Schilddrüsenleiden

oder Tumore, können der Grund

für eine übermäßige Wasseraufnahme

sein. Katzen sind als Nachfahren der

Wüstenbewohner Harnkonzentrierer;

sie haben im Gegensatz zu Hunden relativ

große Nieren und kommen mit einer

geringeren Flüssigkeitszufuhr aus.

So ist übermäßiger Durst immer ein

Warnzeichen, dem eine gründliche

Untersuchung in der Tierarztpraxis folgen

sollte.

RdT: Großer Durst, übermäßiger Urinabsatz,

Abmagerung, Bluthochdruck, entzündete

Schleimhäute, auffällige Verhaltensänderungen

-

warum treten bei

Nierenschwäche so

viele Symptome

auf?

Dr. Wagner:

Weil die Nieren

entscheidende

Aufgaben im Körper

wahrnehmen.

Geschädigte Nieren

sind nicht

mehr in der Lage,

die Abfallprodukte

des Stoffwech-

sels aus dem Blut

zu filtern. Was eigentlich

mit dem

Urin den Körper

verlassen sollte,

vergiftet nun den

Verräterischer

N IERENERKRANKUNGEN

Organismus und führt zu verschiedenen

Stoffwechselentgleisungen.

Es kommt u.a. zu

Anreicherungen von schädlichen

Substanzen im Blut

Störungen des

Mineralstoffhaushalts

Änderungen

des Wassergehalts

im Körper

Blutdruckproblemen

und Blutarmut.

RdT: Welche Aufgaben

nehmen

die beiden Filterorgane

des Stoffwechsels

wahr?

Perserdame Frederike (10 J.) irrte auf einer Landstraße

umher, bevor Tierfreunde sie entdeckten. Ihr Fell war in einem

erbarmungswürdigen Zustand und sie war sehr abgemagert,

als sie zu uns gebracht wurde. Die freundliche

und sehr verschmuste Frederike leidet unter Spondylosen

und unter einer Niereninsuffizienz und benötigt ein entsprechendes

Nierendiätfutter. Kontakt Wau-Mau-Insel

(Adresse S. 38).


Durst

BEI K ATZEN RECHTZEITIG ERKENNEN

Dr. Uwe Wagner: Wie schon erwähnt

sind die Nieren dafür verantwortlich,

den Körper von allem Überschüssigem

zu befreien. Kleinste Funktions- und

Struktureinheiten in den Nieren (Nephrone)

sorgen dafür, dass die giftigen

Stoffwechselprodukte - harnpflichtige

Endprodukte des Eiweißstoffwechsels -

das Blut verlassen und über den Harn

ausgeschieden werden.

Auf diese Weise werden der Säure-Basen-Haushalt

und der Wasserhaushalt

des Körpers konstant gehalten, unabhängig

davon, wie viel die Katze getrunken,

ob sie Trocken- oder Nassfutter

gefressen oder besonders stark

geschwitzt hat. Bei einer gestörten Nierenleistung

kommt es entsprechend zu

Elektrolytverschiebungen, Blutarmut

(Anämie) und Bluthochdruck.

RdT: Haben die Nieren einen so großen

Einfluss auf den Blutdruck?

Dr. Uwe Wagner: Ja, ganz entscheidend!

Die Nieren kontrollieren einerseits

den Blutdruck des gesamten Organismus;

ein hormonelles Regulationssystem

innerhalb der Nieren sorgt

für einen konstanten, systemischen

Blutdruck.

Und andererseits besitzen die Nieren

ein autonomes Blutdrucksystem. Denn

das Blut kann nur gereinigt werden,

wenn es mit einem bestimmten Druck

durch die feinen Gefäße gepumpt wird.

Steigt oder fällt der Blutdruck, fließt zu

viel oder zu wenig Blut durch die Nierengefäße.

Folge: Entweder werden

die Filter überlastet, weil das Blut mit

hohem Druck hindurchgepresst wird,

oder das Blut wird nur unzureichend

gefiltert, weil der Druck zu gering ist.

INTERVIEW MIT DR. UWE WAGNER:

Zur Anämie: Auch die Blutarmut ist eine

Folge der eingeschränkten Nierenleistung.

In den gesunden Nieren wird

das Hormon Erythropoetin produziert,

das die Bildung der roten Blutkörperchen

im Knochenmark anregt.

RdT: Sie haben zu Beginn erwähnt,

dass bei Katzen erst im fortgeschrittenen

Stadium einer chronischen Niereninsuffizienz

Krankheitssymptome auftreten.

Das macht die Erkrankung für

Tierhalter so heimtückisch, weil sie sich

lange im Glauben wähnen, dass ihre

Katze gesund ist…

Dr. Uwe Wagner: …ja, das ist sehr

bedauerlich und macht die regelmäßige

Vorsorgeuntersuchung umso wichtiger!

Ab dem 7. Lebensjahr sollte ein-




mal jährlich die Kontrolle des

Blutdrucks, eine Blutuntersuchung und

Harnanalyse durchgeführt und gegebenenfalls

durch einen Ultraschall der

Nieren ergänzt werden.

Im Blut werden die Konzentrationen

von Harnstoff und Kreatinin

bestimmt. Der Harnstoff ist ein

Abbauprodukt des Eiweißstoffwechsels.

Seine Konzentration im Serum steigt bei

hoher Eiweißaufnahme - und bei einer

gestörten Nierenfunktion. Parallel dazu

wird Kreatinin bestimmt. Dieses Produkt

aus dem Muskelstoffwechsel steigt

erst an, wenn die Nieren zu mindestens

50% geschädigt sind.

Die Nieren haben eine hohe Kompensationsfähigkeit.

Für ein normales Arbeiten

der Organe sind nur 30% der

Nierenkapazität verantwortlich. So wird

nachvollziehbar, dass beim Auftreten

der ersten (drastischen) Krankheitssymptome

oft schon bis zu 70% der

Nierenzellen funktionsuntüchtig geworden

sind.

Bei der Harnanalyse wird untersucht, ob

DIE NIEREN ... filtern die schäd- BEI INSUFFIZIENZ:

lichen Stoffwechselprodukte wie Harnstoff Vermehrter Durst,

(Produkt des Eiweißstoffwechsels) und Kre- gesteigerter Urinabsatz,

atinin (Produkt aus dem Muskelstoffwech- Erbrechen,

sel) und scheiden sie über den Urin aus wechselnder oder verminder-

stabilisieren den Mineralstoffhaushalt ter Appetit,

(Kalzium, Kalium, Phosphor, Natrium) Müdigkeit,

produzieren das Hormon Erythropoetin glanzloses Fell,

(regt das Knochenmark an, rote Blutkör- Durchfall,

perchen zu bilden). Erythrozyten sind für Mundgeruch,

den Sauerstofftransport zuständig

Zahnfleischentzündung,

produzieren das Blutdruck regulierende Austrocknung,

Enzym Renin.


Blutarmut.

die Urinkonzentration verdünnt ist. Dieser

Nachweis würde bedeuten, dass die

Nieren die anfallenden Abfallstoffe nicht

mehr ausreichend ausleiten können.

RdT: Gibt es falsch positive Befunde,

also eine Erhöhung der Blutwerte, ohne

dass eine Nierenschwäche vorliegt?

Dr. Uwe Wagner: Auch das kommt

Suse (ca. 8-10 Jahre) lief einem Ehepaar zu, konnte dort aber nicht auf

Dauer bleiben. Im Tierheim Elisabethenhof vermutete Katzenpflegerin

Inge Reif anhand des struppigen Fells und dem erhöhten Urinabsatz

sofort, dass Suse unter einer Störung der Nierenfunktion leiden musste.

Die tierärztliche Untersuchung bestätigte den Verdacht und die Katze

wird nun entsprechend therapiert. Tierheim Elisabethenhof

(Adresse S. 38).

Das Recht der Tiere 2/2010

15


Das Recht der Tiere 2/2010

16

Max (14 Jahre) ist ein ausgeglichener

und netter Stubentiger, der als

Fundkater zu uns gekommen ist. Leider

wurde auch bei ihm eine Nierenschwäche

festgestellt, für die er entsprechendes

Futter bekommt. Wir

suchen für Max ein Zuhause bei Katzenfreunden,

die dem zutraulichen

Kater im besten Alter ein schönes Zuhause

bieten möchten. Kontakt Wau-

Mau-Insel (Adresse S. 38).

vor. Harnstoff und Kreatinin können

kurzfristig durch folgende Umstände

erhöht sein: Die Katze

hat kurz vor der Blutabnahme eine

Fleischmahlzeit zu sich genommen

eine lange Fastenperiode hinter

sich (durch den Abbau körpereigener

Reserven entsteht Harnstoff)

hat zu wenig getrunken und ist dehydriert.

RdT: Welche Ereignisse führen dazu,

dass die Nieren ihre Filterfunktion nicht

mehr ausreichend wahrnehmen? Wel-

Fundkatze Tequila (10) hat eine besondere

Eigenart: Sie sucht ihr Spiegelbild

in den blanken Fliesen, legt

den Kopf schräg und "redet" mit sich.

So bezaubernd die Angewohnheit auf

Außenstehende wirkt - für das Team

der Arche ist klar, dass die sehr anhängliche

und menschenbezogene

Katze sich nach Nähe einer eigenen

Bezugsperson sehnt. Tequila erhält Diätfutter,

weil sie unter einer Niereninsuffizienz

und vergrößerten Leber leidet.

TH Arche Noah (Adresse S. 38).

che Ursachen werden diskutiert?

Dr. Uwe Wagner: Wir unterscheiden

das akute Nierenversagen von der

chronischen, irreversiblen Verschlechterung

der Nierenleistung über einen

langen Zeitraum, der chronischen Insuffzienz.

Akutes Nierenversagen wird durch

"akute" Umstände ausgelöst: Die Aufnahme

von Giftstoffen im Haushalt

(z.B. Frostschutzmittel in Kühlerflüssigkeit

des Autos) oder der Natur (z.B. Lilien),

Blutverlust, Flüssigkeitsverlust bei

Durchfall, Erbrechen, Verbrennungen,

Kreislaufstörungen und Schock.

Dieses "plötzliche Abschalten" der Nieren

kann schnell tödlich enden! Die

Symptome: U.a. verminderter bis fehlender

Harnabsatz, Schmerzen beim

Tasten des Bauchs, aufgekrümmter

Rücken, Futterverweigerung, Erbrechen,

Mundgeruch, Gleichgewichtsstörungen,

vertiefte Atmung.

Bei Verdacht auf akutes Nierenversagen

sollte die Katze umgehend tiermedizinisch

behandelt werden, das gilt

auch für Zwischenfälle in den Nachstunden.

In den meisten Städten gibt es

Der Übergang zum Nierenversagen

Ab einem gewissen Stadium der unbehandelten Niereninsuffzienz

fallen Katzenhaltern Veränderungen an ihrem

Tier auf. Der Symptomenkomplex nimmt zu, je stärker der

Kreatininwert im Blut ansteigt (darum regelmäßiger Vorsorge-Check!).

Jetzt kommt es zur Anreicherung harnpflichtiger

Substanzen im Körper, die Mineralstoffe verschieben

sich, das Säure-Basen-Gleichgewicht ist gestört.

Lilien

Nun werden die Schleimhäute von Maul, Magen und Darm

angegriffen, was die Nahrungsaufnahme (neben der Appetitlosigkeit) zusätzlich

erschwert. Der kleine Patient magert ab, erbricht häufig, frisst kaum noch,

zieht sich aus seinem sozialen Umfeld zurück. Die Haut scheint am Körper zu

kleben, das Fell wirkt struppig, obwohl sich die Trinkmange laufend erhöht.

Die Nieren versagen, wenn die Katze, die eben noch Unmengen trank und Urin

ausgeschieden hat, beides nicht mehr tut und völlig teilnahmslos wird. Doch

auch in diesem kritischen Stadium kann durch dem Tier durch Infusionen und

Medikamente u.U. noch geholfen werden.

Vorsicht! Bei Aufnahme können Lilien zu Nierenschäden bei Katzen führen.

inzwischen Tierkliniken, die einen 24stündigen

Notdienst eingerichtet haben.

Nehmen Sie dieses Angebot im

Interesse Ihres Tieres bitte wahr - die

Nierenfunktion kann nur dann noch erhalten

werden, wenn die Schädigung

nicht zu weit fortgeschritten ist, also

nicht zu viel Zeit verloren wurde.

Für die chronische Niereninsuffzienz,

die sich unbehandelt auch als Krise wie

ein akutes Versagen darstellen kann,

werden verschiedene Ursachen in Betracht

gezogen: Einmal die altersbedingte

Einschränkung der Nierenfunktion,

dann bakterielle und virale

Infektionen, Tumore, Nierenzysten, Ernährungsfehler,

Störungen des Immunsystems

und genetische Faktoren. Bestimmte

Rassen, wie Maine Coon,

Abessinier oder Siamesen, scheinen

häufiger an Nierenerkrankungen zu

leiden als Hauskatzen.

RdT: Ernährungsfehler können also

auch eine Ursache für eine Nierenerkrankung

sein?

Dr. Uwe Wagner: Ja, das ist bekannt.

Falsche (unausgewogene) Ernährung

ist ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung

von Niereninsuffizienz. Zu viel

und vor allem schlecht verdauliches Eiweiß

(z.B. Sojaeiweiß) belastet die Katzennieren,

ebenso eine sehr salz- und

phosphatreiche Kost.

RdT: Dann müsste es bei einer Nierendiät

vorrangig um die Reduzierung von

Eiweiß gehen…

Dr. Uwe Wagner: …damit die Nieren

weniger Abbauprodukte des Eiweißstoffwechsels

(Harnstoff) ausscheiden

müssen. Genau, das ist der entscheidende

Punkt.

Je mehr Eiweiß die Katze aufnimmt, desto

mehr Harnstoff wird gebildet und

überfordert die (vorgeschädigten) Nieren.

Deshalb enthält eine spezielle Nierendiät

weniger, dafür aber sehr hochwertiges

Eiweiß, das im Körper gut

abgebaut werden kann. Außerdem


sind bei allen Nierendiäten Salz- und

Phosphatgehalt reduziert. Welches Diätfutter

für welches Stadium der Nierenerkrankung

richtig ist, erfahren Sie

bei Ihren behandelnden Tierärzten.

Greifen Sie bitte nicht eigenmächtig auf

"Nierendiäten" aus dem Handel zurück;

sie können ja gar nicht auf das individuelle

Krankheitsbild des jeweiligen

Tieres zugeschnitten sein.

RdT:: Auf welchen Schwerpunkten - außer

dem eiweißärmeren Diätfutter - basiert

die Behandlung noch?

Dr. Uwe Wagner: Grundsätzlich gilt:

Für eine Niereninsuffzienz gibt es zwar

keine Heilung, aber die große Chance,

die Erkrankung noch viele Jahre unter

Kontrolle zu halten. Dies gelingt durch

die maßgeschneiderte Nierendiät, die

die restlichen, noch funktionstüchtigen

Nierenzellen entlastet. Und durch Medikamente

(für die Senkung des Blutdrucks

und die Förderung der Blutbildung),

Vitamine und Mineralstoffe und

gegebenenfalls Infusionen.

RdT: Sollen die Infusionen, ähnlich wie

die Dialyse beim Menschen, das Blut

reinigen?

Dr. Uwe Wagner: Das ist das Ziel:

Man versucht, durch regelmäßige

(manchmal sogar tägliche) Infusionen

die Giftstoffe aus dem Blut zu schwemmen.

Viele

Katzenbesitzer

haben es

im Laufe der

Erkrankung

ihres Tieres

gelernt, die

lebenswich-

tigen Infusionen zu Hause durchzuführen.

Für die Katze ist das natürlich

stressfreier als in der Tierarztpraxis,

denn auch bei Nierenschwäche gilt wie

allen anderen Erkrankungen: Jede Belastung

und zusätzliche Aufregung

(Trennung von Bezugspersonen, Abgabe

ins Tierheim etc.) kann den Gesundheitszustand

verschlechtern.

Interview: Claudia Lotz

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Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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E UROPA

STIERKÄMPFE IN KATALONIEN VOR DEM AUS?

PARLAMENT ... UNTERLAUFEN ENTSCHEIDET DEN TIERSCHUTZ

ÜBER ENDE DER GRAUSAMEN TRADITION

Nach der Annahme

eines Volksbegehrens

Ende 2009

entscheiden die

Abgeordneten Kataloniensvoraussichtlich

noch in

diesem Sommer

über ein Verbot des

Stierkampfes in

der nordöstlichen

Region Spaniens.

Mit 67 zu 59 Stimmen bei drei Enthaltungen

stimmten die Abgeordneten des

katalanischen Regionalparlamentes in

Barcelona am 18. Dezember 2009 für

die Annahme eines Volksbegehrens,

das ein gesetzliches Verbot des Stierkampfes

verlangt. Über 180.000 Bürgerinnen

und Bürger Kataloniens (notwendig

waren 50.000) unterzeichneten

die Volksgesetzinitiative "Plataforma

Prou" ("Genug ist genug"), die eine Änderung

des katalanischen Tierschutzgesetzes

fordert. Zwar schützt das bestehende

Gesetz Tiere vor Gewalt und

Missbrauch, allerdings gilt für Stiere

und Pferde in der Corrida eine Ausnahmeregelung.

Für ein endgültiges Verbot des Stierkampfes

muss die Petition von den Par-

lamentsausschüssen in einen entsprechenden

Gesetzentwurf umformuliert

werden, der den Abgeordneten dann

noch einmal zur Abstimmung vorgelegt

wird. Die Entscheidung über das

Verbotsgesetz soll in den kommenden

Wochen fallen.

Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste

Region Spaniens und zählt 7,4 Millionen

Einwohner. Die Bedeutung des

Stierkampfes ist hier in den vergangenen

Jahrzehnten erheblich gesunken.

Lediglich eine kleine Minderheit will

weiterhin unbeirrt an der tierquälerischen

und unmenschlichen Tradition

festhalten. Auf breite Unterstützung

stößt die Anti-Stierkampf-Initiative bei

den katalanischen Nationalisten, die

den Stierkampf als "spanischen Import"

und "Tierquälerei" ablehnen.

Gegenwind erhält die Kampagne von

den "spanientreuen" Sozialisten und

der "Plattform für die Weiterführung der

Fiesta", die ein Verbot mit allen Mitteln

abwenden wollen. Sie fordern die Einführung

einer schonenderen Variante

der Corrida, die letztlich jedoch auch

den Tod des Stieres zur Folge hat. Nach

ihren Vorschlägen soll die Leidenszeit

der Stiere verkürzt werden, und das Publikum

mehr Möglichkeiten erhalten,

den Stier zu begnadigen. Darüber hinaus

sollen sterbende Stiere künftig mit

einem Stromstoss statt mit einem Dolch

getötet werden. Ferner soll der Torero

nur eine begrenzte Zahl von Versuchen

erhalten, dem Stier den Todesstoss zu

versetzen.

Hintergründe zum Stierkampf

Jährlich werden in Spaniens Arenen 40.000 Stiere qualvoll getötet, 100

Stiere in Katalonien. Weltweit kommen jedes Jahr etwa 200 Pferde bei

Corridas ums Leben.

Die große Mehrheit der europäischen Bevölkerung lehnt den Stierkampf

ab. Doch obwohl der Stierkampf in den meisten EU-Ländern verboten ist,

zahlt die Europäische Union jährlich über 30 Millionen Euro an Subventionen

an die spanische Stierkampfindustrie.

Ein gesetzliches Verbot des Stierkampfes in Katalonien hätte eine nicht zu

unterschätzende Signalwirkung auf andere Stierkampfnationen und

könnte den Anfang vom Ende dieses primitiven und blutigen Spektakels

markieren.

Anti-Stierkampf-Demo in Barcelona Text: Mike Ruckelshaus


Titeltierstory RdT 1/2010

Zu Besuch im hessischen Waldsolms

So ging es weiter

mit Franja!

"Ja, so kann man das Gefühl wohl ausdrücken", sagt er

nachdenklich, "es war nicht nur Zuneigung, sondern Liebe,

die ich empfand, als ich die Augen dieses Hundes sah."

Allerdings sind die bmt-Mitglieder Heike und Kai-Uwe Jaksch

nicht die einzigen Interessenten für das Hundemädchen aus

Rumänien. Ihr Schicksal - mit

wenigen Wochen von Hundefängern

aufgegriffen, dabei so

schwer verletzt, dass später ein

Vorderlauf amputiert werden

musste, die lange Genesungszeit

nach der Operation, ihre

zurückkehrende Lebensfreude

- hatte sehr viele Leser des RdT

1/2010 berührt. Noch Wochen

nach Erscheinen des Magazins

boten zahlreiche Tierfreunde

dem Landesverband Bayern

an, Franja bei sich aufzunehmen.

Doch die Wahl war bereits auf

das Ehepaar Jaksch aus der

hessischen Gemeinde Waldsolms

gefallen - eine Entscheidung, die auch noch ein weiteres

Lebewesen direkt betreffen sollte…Denn die Eltern von

Heike Jaksch hatten vor Jahren einen Rumänen aus dem

Tierheim Elisabethenhof adoptiert. Und obwohl Ernie von der

Ersthündin im Haus freundlich aufgenommen wurde, hatte

er es nie

ganz geschafft,

seine

Ängstlichkeitabzulegen.

"Franja hat

alle und

G LÜCKLICH VERMITTELT

"Wir kriegen Nachwuchs auf drei Beinen", hatte Kai-Uwe Jaksch vor Wochen zu seinen Schwiegereltern

gesagt und muss noch heute über die erstaunten Reaktionen der Familie lächeln. Der Unternehmer hatte

Franja auf dem Titel der letzten bmt-Zeitschrift gesehen - und sich "unsterblich verliebt."

Franja hat endlich eine eigene Familie!

Ehepaar Jaksch und Mike Ruckelshaus

alles verändert", sagt Heike Jaksch staunend. Der Rüde Ernie

beginnt von Franjas Unerschrockenheit zu profitieren, ihrem

Urvertrauen in das Gute, das sie schließlich von Rumänien

bis in diese Familie gebracht hat. Aber auch Kinder, die bis

dato für ihre Furcht vor Hunden bekannt waren, verlieren im

Umgang mit der Hündin ihre Scheu und suchen immer öfter

ihre Nähe (s. kl. Bild).

Das Ehepaar achtet sehr

darauf, dass die ca. sieben

Monate alte Hündin sich

körperlich nicht überfordert.

Hundeschule und

Hundephysiotherapie mit

Massagen und Muskeltraining

stehen für Franja auf

dem Stundenplan der

nächsten Wochen - und für

das Ehepaar die letzten

Umbaumaßnahmen, die

dem Handicap der Hündin

geschuldet sind. So soll die

Mauer um die Terrasse etwas

abgetragen werden,

damit Franja ungehindert

in den umzäunten Garten gelangen kann und vor die Treppen

im Haus noch kleine Gitter (wie zur Kindersicherung) gesetzt

werden.

Vorbei sind die ersten Tage der Ankunft, als Franja noch unsicher

kaum für Spaziergänge das Haus verlassen mochte.

Inzwischen steht sie mit der Leine vor der Tür und kann es

kaum erwarten, ihre vielen Freunde draußen zu treffen.

"Franja ist ein Phänomen", sagen die glücklichen Hundebesitzer.

"Ob Familie, Freunde, Nachbarn, Spaziergänger oder

andere Hunde - alle mögen sie." Und nur so ist zu erklären,

dass Heike und Kai-Uwe Jaksch Franja aufnahmen, obwohl

die erklärten Katzenliebhaber eigentlich gar nicht an die Haltung

eines Hundes gedacht hatten. "Aber mit Franja", sagt der

Unternehmer, "war eben alles anders!"

Text und Fotos: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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A USLANDSTIERSCHUTZ

Und diese

Mittel heißen:Scharfer

Protest

bei rumänischenEntscheidungsträgern

- vom

Abgeordneten in der Hauptstadt Bukarest

bis zu Parlamentariern in Berlin,

Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit

vor Ort und Fortführung der Kastrationsprojekte

neben der seit Jahren bewährten

Unterstützung des Tierheims

in Brasov.

"Die rumänischen Politiker", hat Petra

Zipp beobachtet, "fürchten die (internationale)

Aufmerksamkeit hinsichtlich

ihres nicht gelösten Straßenhundpro-

DIE ZUKUNFT DER STR

P ETRA Z IPP (bmt): "ABER JETZT KÄM

Tötung der Straßenhunde oder Kastration

als humane und dauerhafte Lösung? Diese

Diskussion beschäftigt die Regierung in

Bukarest seit Jahren. Mal scheinen sich

die Befürworter von Radikalmaßnahmen

wie der flächendeckenden Ermordung der

Straßentiere durchzusetzen, mal die tierschutzkonformeren

Politiker.

Im Mai wurde die Debatte durch den Präfekten

von Bukarest neu angeheizt: Er Protest von Schülern vor den Verschlägen der Tötungsstation.

hatte öffentlich die Tötung der Straßenhunde

im gesamten Land verlangt. Petra

Zipp, die seit mehr als 12 Jahren den Auslandstierschutz

des bmt koordiniert, sagt: "Jetzt erst recht! Nun kämpfen

wir mit unseren Mitteln für die Straßentiere!"

blems. Immer wieder haben

sie der Bevölkerung eine

Verbesserung für die Lebenssituation

der Straßentiere

versprochen, dann die

Hoffnungen auf ein tierschutzgerechtes

Vorgehen wieder zunichte

gemacht und groß angelegte

Tötungsaktionen propagiert.

Mittlerweile glauben die Bürger ihren

Volksvertretern kaum noch, so geben

unsere Partner in Brasov das augenblickliche

Stimmungsbild in Rumänien

wieder."

Umso wichtiger, dass bei allen politischen

Unabwägbarkeiten in dem osteuropäischen

EU-Mitgliedsstaat der

bmt bei seiner klaren Linie bleibt. "Wir

finanzieren mit Hilfe unserer großartigen

Förderer (s. Kasten) Kastrationsprojekte

in den Gemeinden, die inhaltlich

hinter dem Ansatz stehen", so die

stellvertretende bmt-Vorsitzende. Bei

diesen Einsätzen werden nicht nur Straßenhunde

kastriert, sondern auch wild

lebende Katzen und die Heimtiere der

Besitzer. Das ist deswegen so wichtig,

weil viele rumänische Haustierhalter ihre

Hunde unbeaufsichtigt herumlaufen

lassen.

Neben der bewährten Tierschutzarbeit

Rumänische Schüler machen sich für Straßenhunde stark.

in Brasov -

Mitfinanzierung des Tierheimunterhalts

zur Versorgung und medizinischen Betreuung

der Hunde, Aufnahme von

Vermittlungshunden in den bmt-Tierheimen

- baut die Auslandstierschutzkoordinatorin

den Tierschutzunterricht

an rumänischen Schulen auf. Die Finanzierung

des jungen tierschutzbegeisterten

Lehrers in Brasov hat der

Landesverband Hessen übernommen.

"Für Rumänien gilt dasselbe wie für

Deutschland", sagt Geschäftsstellenleiter

Mike Ruckelshaus. "Wenn Kinder

und Jugendliche früh an Tiere, ihre natürlichen

Bedürfnisse und Ansprüche

an artgerechte Haltungsbedingungen

herangeführt werden, können wir erwarten,

dass diese aufgeklärten, infor-


ASSENHUNDE BLEIBT OFFEN!

PFEN WIR AN ALLEN FRONTEN FÜR DIE T IERE!"

Getötete Straßenhunde

mierten Schüler sensibel mit Tieren

umgehen werden und ihnen Respekt

entgegenbringen." Und

das heißt im Umkehrschluss

auch, dass sie versuchen

werden, Leid von Tieren

abzuwenden, wo immer

es ihnen möglich ist.

Und so kam es zum ersten

Mal seit Bestehen der Tötungsstation

in Brasov dazu,

dass Jugendliche sich

schützend vor die Straßenhunde

stellten. Die Mädchen und Jungen

hatten Futter für die gefangenen

Vierbeiner gesammelt und unter Anleitung

ihres Lehrers Gespräche mit den

Mitarbeitern der Anlage geführt.

Eine ähnlich wirksame Öffentlichkeitsaktion

startete das vom bmt unterstützte

Tierheim in Brasov: Vier Wochen

lang hatte Cristina Lapis ein Infozelt im

Park der Innenstadt aufgebaut, um die

SO HELFEN SIE DEN RUMÄNI-

SCHEN STRAßENTIEREN:

Wenn Sie helfen möchten, freuen

wir uns sehr. Jede Spende ist wichtig

und sei sie noch so klein. Die Kastration

von Rüden kostet 15 Euro in

Rumänien, die einer Hündin 25 Euro.

Mit einer Patenschaft (ab 15 Euro)

sichern Sie das Überleben eines

rumänischen Straßenhundes im

Tierheim.

Bevölkerung über die dringende Notwendigkeit

von Kastrationen aufzuklären.

"Das Elend der Hunde und Katzen",

so die Vorsitzende von "millions of

friends" zu ihren Landsleuten, "wird niemals

ein Ende haben, wenn wir keine flächendeckenden

Kastrationen durchführen.

Unterstützt uns bitte dabei!"

Jeden Tag brachten Mitarbeiter der

städtischen Hundeanlage Stupini zwei

Vermittlungshunde mit. Alle gezeigten

Vierbeiner fanden auf diesem Weg ein

neues Zuhause. Noch vor Jahren wäre

so eine gemeinsame Aktion undenkbar

gewesen: Da durften Tierschützer keinen

Fuß in die berüchtigte Tötungsstation

setzen und mussten schweren

Herzens hinnehmen, dass die gefangenen

Hunde regelmäßig auf grau-

WIR BEDANKEN UNS IM NAMEN DER TIERE!

B RASOV

Spendenkonto Ausland: Stichwort: “Rumänien”

Frankfurter Sparkasse, Konto 847 275, BLZ 500 502 01

IBAN: DE79 5005 0201 0000 8472 75

SWIFT-BIC.: HELADEF1822

samste Art umgebracht wurden.

"Auch für unsere Tierschutzarbeit gilt

das!", appelliert Petra Zipp an alle Tierfreunde.

"Wir können in Rumänien nur

gemeinsam Straßentieren helfen. Der

bmt kann die Kosten für die dringenden

Kastrationsprojekte nicht alleine

schultern. Ich bitte Sie inständig, unsere

Maßnahmen für Straßentiere zu

unterstützen, nur so kann der Kreislauf

aus Trächtigkeit, Geburten und

erneuten Trächtigkeiten unterbrochen

werden."

Vor wenigen Tagen hat der Bürgermeister

von Bukarest eine Umfrage ins

Netz gestellt: Sind Sie für oder gegen

Kastrationen der Straßenhunde? fragt

er seine Landsleute. Hoffen wir, dass

ein klares Votum für die Vierbeiner dabei

herauskommt!

Text: Claudia Lotz; Fotos: Petra Zipp

Tierschutz-Stiftungen ermöglichen in großem Umfang

den bmt-Auslandstierschutz in Rumänien

Die "Stiftung für Tiere" (Dr. Hermann J. Marx in Vallendar) hat mit ihrer großen

Spende im vergangenen Jahr die Anschaffung von Tierarztraumausstattung,

Instrumenten und Medikamenten für Kastrationen und andere Operationen im

Tierheim Brasov ermöglicht - herzlichen Dank dafür!

Den Unterhalt des Tierheims in Suceava finanzieren u.a. die Bernd-Stephan-

Stiftung (Bernd Stephan, Schatzmeister des bmt, Bad Homburg) und die Stif-

Kastrierte Katzen

tung "Würde und Recht des Tieres" (München). Mehr über die engagierte

Tierschutzarbeit einer deutschen Ärztin in der kleinen rumänischen Stadt lesen Sie im kommenden RdT. Ohne die

Unterstützung der drei Tierschutz-Stiftungen könnte der bmt seine Hilfe in Rumänien nicht in dieser Form leisten.

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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Noch heute, nach immerhin einem

Jahrzehnt, fürchtet der Staffordshire

Terrier einen bestimmten Typus Mann,

der ihn an seine südländischen ehemaligen

Besitzer erinnert. Würde sich

Oskar eigenständig ein Zuhause wählen

können, dann lieber bei Frauen,

die ihm hoffentlich das entgegenbringen,

was Vertreter seiner verunglimpf-

ten Rasse sich sehnlich wünschen und

so selten bekommen: Ehrliche Zuneigung

und jede Menge Körperkontakt.

"Wer einen Staff aufnimmt", sagt Tierheimleiter

Bernd Schinzel, "schätzt an

den Hunden besonders ihre ausgeprägte

Hinwendung zum Menschen,

ihre Anhänglich- und Freundlichkeit.

Wie tragisch, dass gerade diese

Rasse wie kaum eine andere miss-

braucht und missverstanden wird."

Seit Januar vergangenen Jahres werden,

nach einem Beschluss des Deutschen

Städtetages von 2008, die Besitzer

von "Paragraph 3-Hunden" verstärkt

kontrolliert. Zu dieser Kategorie gehören

laut Hundeverordnung von Nordrhein-Westfalen

u.a. der American

Staffordshire Terrier, Pitbull Terrier, Staffordshire

Bullterrier,

Bullterrier, Dogo Argentino

und die Bordeaux

Dogge.

Und entsprechend

schnell ist daraufhin die

Zahl von "Listenhunden"

im ohnehin ausgelasteten

Tierheim

Köln-Dellbrück angestiegen:

Denn nicht alle

von Ordnungsämtern

und Polizei überprüften

Hundebesitzer können

die geforderten Unterlagen vorweisen.

Sie müssen hinnehmen, dass ihre Vierbeiner

augenblicklich sichergestellt und

ins Tierheim gebracht werden.

Die Haltergenehmigung mit Sachkundenachweis

muss auf einer laminierten

Karte vermerkt sein und bei jedem

Hundespaziergang mit geführt werden.

Wer die Dokumente nur zu Hause vergessen

hat, kann sein Tier durch Vor-

Bernd Schinzel über Schicksale im

Oskar hatte am 26. Juni 2010 sein großes Jubiläum: Auf den

Tag genau sitzt der 11jährige Staffordshire Terrier zehn Jahre

hinter Gitter. Sein Vergehen: Er gehört zu den so genannten Pa-

Oskar

ragraph 3-Hunden, die wie in allen Bundesländern mit Landeshundeverordnungen

nur mit Auflagen zu vermitteln sind.

Sein erstes Lebensjahr hat Oskar außerhalb des Tierheims

verbracht - und diese Zeit war die schlimmste seines Lebens: Zwei junge Männer hatten den jungen Rüden

für Hundekämpfe angeschafft und stellten im Laufe seiner Entwicklung fest, dass der ruhige zurückhaltende

Hund dafür völlig ungeeignet war. Als sie den knapp Einjährigen schließlich in einen Kampf zwangen,

wurde Oskar von seinem Gegner fast getötet und kam mit schwersten Verletzungen nach Köln-Dellbrück.

Kimba

Bernd Schinzel mit der anhänglichen Staffhündin

Warum Nuri nirgends

und Adam lieber Welpe

zeigen der erforderlichen Haltergenehmigung

wieder "auslösen". Doch der

weitaus größere Teil der aufgefallenen

Hundehalter besitzt keinerlei Nachweise,

die ihn zum Halten eines "Anlage-Hundes"

berechtigen.

Und dann gibt es noch eine dritte Klientel,

die den Auflagen der Stadt völlig

verständnislos gegenüber steht. So gehörte

die Staffhündin Kimba einem

älteren Mann, der bei einer Polizeikontrolle

die benötigten Dokumente nicht

vorweisen konnte und auch später nicht

erbringen wollte, weil er den Sachkundenachweis

für absurd hielt. Seine Weigerung

indes schadete nur dem Hund:

Nach fast zehnjährigem Zusammenleben

akzeptierte der Kölner ohne erkennbare

Regung die gesetzlich erzwungene

Trennung von seiner Hündin.

Kimba, sehr sozialverträglich mit

Artgenossen und anhänglich Menschen

gegenüber, leidet bis heute unter

dem Verlust ihrer Bezugsperson.

Von Januar bis Dezember 2009 nahm

das Tierheim Köln-Dellbrück allein 63

"Paragraph 3-Hunde" auf. 41 waren

vom Ordnungsamt sichergestellt worden,

weil die Besitzer keine Haltergenehmigung

vorweisen konnten, zwölf

gefunden und zehn abgegeben worden.

Elf Hundehalter reichten die benötigten

Unterlagen nach und konnten

ihre Vierbeiner wieder mitnehmen.


Tierheim

TH KÖLN-DELLBRÜCK

ohne ihr Kissen hingeht

bleiben würde

Und was ist mit den Hunden, die zurückbleiben? Sie akklimatisieren

sich, je nach Alter, Temperament, Wesen, Bindung an

ihre ehemaligen Menschen, mehr oder weniger schnell im

Tierheim. Einige haben aufgrund ihres freundlichen Verhaltens

im Zwinger eine bessere Vermittlungschance als ihre Kollegen,

die Interessenten durch Bellen oder scheinbar aggressives

Nachvornegehen an das Gitter verschrecken.

Die Stadt Köln zahlt für die beschlagnahmten Hunde acht Euro

täglich, zusätzlich Impfung, Kastration und medizinische Behandlung.

Allerdings nur für zwei Jahre, danach muss das Tierheim

für alle anfallenden Kosten aufkommen. "Natürlich

schläfern wir keinen Hund ein, nur weil sein Unterhalt nicht

mehr gesichert ist", sagt Bernd Schinzel. "Wir machen jedem

Tier bei uns das Leben so lebenswert wie möglich."

Doch trotz Freilauf mit Artgenossen, Gemeinschaftszwingern,

Decken, Körbchen und vertrauten Gassigängern kann das

Tierheim niemals ein eigenes Zuhause ersetzen. Und das gilt

für solche Hunde umso

mehr, die sich zwangsweise

aus liebevoll gewachsenen

Bindungen mit ihren Menschen

lösen mussten. Wie

Nuri.

Die letzte Erinnerung an ihr

bisheriges glückliches Leben

in einer hessischen Familie

mit Kindern und mehreren

Tieren ist ein Kissen.

Nuri: vom Ordnungsamt eingezogen

Nuri


Das Recht der Tiere 2/2010

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TH KÖLN

Das hat ihr die untröstliche Familie mit

auf den Weg gegeben, als das Ordnungsamt

die Kangalhündin einzog.

Der Grund für die Sicherstellung war

eine entschuldbare menschliche Nachlässigkeit

mit horrenden Konsequenzen:

Pfingsten hatte der kurzfristig beaufsichtigende

Großvater das Gartentor

offen gelassen; in diesem Moment

kam ein Nachbarshund, der eine offene

Feindschaft mit der Hündin pflegte,

und Nuri nutzte die Gelegenheit…

Auf die tödliche? Auseinandersetzung

folgten Anzeige, Fortnahme des Tieres,

Quarantäne im Tierheim Rüsselheim

und die Übersiedelung nach Köln-Dellbrück.

In Nordrhein-Westfalen sind die

Chancen für eine Vermittlung von Kangals

besser als im Bundesland Hessen,

das die Herdenschutzhunde als Paragraph

3-Hunde führt.

"Die Anforderungen der Wesensteste

sind für jeden Hund hoch", sagt Bernd

Schinzel, "aber besonders für Kangals

mit ihrem ausgeprägten Schutztrieb

Rhea: Bullterrier-Hündin. Sie wurde gefunden

und auf ca. 6-8 Jahre geschätzt.

Rhea ist sehr sozialverträglich und hat

gerade eine OP überstanden. Ihre Augenlider

waren nach innen gedreht.

Rhea

Welpe Adam

und Territorialverhalten."

Und dennoch

bestand Nuri

den Verhaltenstest

in Hessen mit Bravour, erhielt die

Maulkorbbefreiung und lebte bis zum

Unglückstag harmonisch mit Eltern,

Kindern, Großeltern, zwei Hunden und

anderen Tieren zusammen.

In einem Sachverständigen-Gutachten

wird noch einmal näher auf Nuris vorbildliche

Leistungen im Wesenstest eingegangen.

"Diese Geschichte ist richtig

tragisch", sagt Bernd Schinzel

bedrückt. Der Tierheimleiter wird täglich

mit Notfällen und Tierschutzproblemen

konfrontiert, aber die bitteren

Tränen der Familie beim behördlich erzwungenen

Abschied von ihrer geliebten

Hündin kann er nicht vergessen -

ebenso wenig wie ihm die Trauer des

imposanten Tieres entgeht.

Um Nuri die Eingewöhnung im Tierheim

zu erleichtern, hat ihr das Team

den elf Monate alten Kangalrüden

Samson in den Zwinger gesetzt - auch

er von einer jungen Türkin aus ihrer

Heimat mitgebracht, "weil er so süß

war". Als sie den pubertierenden Her-

Rina: Die Belletristik-Autorin Charlotte

Link recherchierte in einem Tierheim

Bosnien für ein Buch.

Die Verhältnisse dort waren so katastrophal,

dass sie mit Unterstützern 40

Hunde nach Deutschland brachte.

Unter ihnen die sehr verträgliche Rina,

die ihren schwer verletzten Vorderlauf

selbst abbiss.

Rechts: Rita (ca. 7-12 Monate).

Sie wurde an einer Tankstelle

ausgesetzt. Die Hündin ist sehr

ängstlich, verstört und zeigt noch

hochgradige Stresssymptome.

Rina

Rita

anwachsenden nicht mehr süß, sondern

nur noch anstrengend fand, band

sie ihn tagsüber an einen Baum, bis die

Nachbarn das Veterinäramt benachrichtigten.

"Die soziale Verwahrlosung von Menschen",

hat Bernd Schinzel mit wachsender

Sorge beobachtet, "nimmt sichtbar

zu und mit ihr die Qualität und

Quantität der Tierschutzprobleme." Immer

häufiger werden Haushalte von

Menschen aufgelöst, die krankhaft Tiere

"sammeln", immer öfter Vierbeiner

artwidrig auf Balkonen gehalten oder

wie Adams Mutter als Wurfmaschine

missbraucht im Keller versteckt.

Die illegale Staffordshire-Zucht flog

durch die Achtsamkeit von Nachbarn

auf, die Mutter konnte mit ihren Kleinen

ins Tierheim umziehen und den vier

Wochen alten Welpen zeigen, dass die

Welt nicht aus einem feuchten Kellerloch

besteht. Adam wartet noch auf

nette Menschen, die sich vor der Anschaffung

eines "Listenhundes" gut

überlegen, ob sie stark genug sind, die

Reaktionen ihrer Mitbürger auf sein Erscheinungsbild

zu ertragen, wenn er eines

Tages ein ausgewachsener "Kampfhund"

sein wird.

Text und Fotos: Claudia Lotz

Barnie und Baghiera: Der Ungar

Barnie (11-12) ist der einzige, den die

alte Kangalhündin Baghiera in ihrem

Zwinger duldet. Barnie galt im Tierheim

Pecs als unverträglich, zeigt in Deutschland

jedoch eine ganz andere Seite von

sich: Er liebt Tierheimleiter Bernd Schinzel

- und umgekehrt gilt dasselbe!

Baghiera&Barnie


TH HAGE

DIE KASTRATIONS-

AKTIONEN DES TIERHEIMS

MACHEN SICH BEZAHLT:

Auch Anja Janssen aus Norden, die

sich zur Aufgabe gemacht hat, Katzenbesitzer

von der Notwendigkeit der Kastration

zu überzeugen, registriert mit

Erleichterung weniger Katzen-Nachwuchs

in den Wohngebieten. "Jede Katze,

die mir über den Weg läuft", sagt sie

schmunzelnd, "wird kastriert."

Die junge Frau hat auch bei Waltraud

Karow ganze Arbeit geleistet: "Du

musst die Tiere kastrieren lassen", beschwor

sie die gebürtige Schlesierin,

die mit ihren Eltern während des Krieges

nach Ostfriesland geflüchtet war.

Waltraud Karows Leidenschaft für Katzen

ist so alt, wie sie denken kann:

"Schon als Kind", erinnert sie sich, "gehörte

meine Liebe den Katzen." Und so

verwundert es nicht, dass die heute

67jährige ihr Haus und Grundstück zur

Anlaufstelle für Samtpfoten in Not gemacht

hat. Futterplätze, Unterkünfte für

Das Haus der Karows ist Anlaufstelle für 15 wilde Katzen

Erfolgreiche Geburtenkontrolle bei Katzen

Seit 2006 bietet das Tierheim Hage Katzenbesitzern an, die Hälfte der Kosten für die Kastration des Tieres

zu übernehmen. Obwohl diese Aktion eine zusätzliche finanzielle Belastung für das Tierheimbudget

darstellt, beginnt das Hilfsangebot nun endlich Früchte zu tragen: "In diesem Frühjahr", sagt Geschäftsstellenleiter

Dieter Kuhn, "sind in der unserer Region erstmalig weniger Katzenbabys geboren worden!"

die Wilden im Schuppen und Kuschelplätze

für die halbzahmen Tiere im

Haus und in der Küche nehmen die inzwischen

15 Katzen gerne an.

Jahrelang vermittelte sie die Würfe, die

ihr die Katzen über mehrere Generationen

immer wieder antrugen, bis sie

sich zur Kastration entschloss. Die Kosten

für den Eingriff übernahm das

Tierheim Hage, die Gemeinde beteiligte

sich geringfügig. 13 Katzen konnten

bislang kastriert werden, zwei besonders

scheue Tiere ließen sich noch

nicht fangen. Auch ihre Artgenossen,

noch nie von Menschenhand berührt,

wehrten sich mit Zähnen und Krallen,

in den Transportkorb 'gen Tierheim verfrachtet

zu werden. Doch mittlerweile

haben sie ihrer Pflegemutter den

"Überfall" verziehen und kommen genauso

regelmäßig wie zuvor in ihre

persönliche Arche Noah des Ehepaares

Karow.

"Über die rückläufige Geburtenrate von

Katzen sind wir zwar sehr froh", sagt

Dieter Kuhn, "dennoch steigen die Kosten

für die Betreuung kranker und versehrter

Fundkatzen unaufhörlich."

Manche Samtpfoten kommen mit so

schweren Verletzungen ins Tierheim,

dass die Behandlung durchaus mehrere

Hundert Euro verschlingen kann. Die

Schutzgebühr, die bei der Vermittlung

erhoben wird, deckt diese Kosten oft

nicht einmal zu einem Viertel ab.

Waltraud Karow bei der Fütterung

"Bitte helfen Sie uns dabei, das Katzenelend

weiter zu reduzieren; wir sind auf

einem sehr guten Weg!", bittet Dieter

Kuhn. Der Geschäftsstellenleiter wird

die Aktion (hälftige Übernahme der Kastrationsgebühren)

auch künftig anbieten,

ist dabei aber dringend auf finanzielle

Unterstützung von Tierfreunden

angewiesen!

Spendenkonto:

Raiffeisen-Volksbank

Fresena e.G. Norden

Konto 6302020300

BLZ 283 615 92

Text: Claudia Lotz

Fotos: Ursula Sottmeier

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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TH ELISABETHENHOF

Im April startete im TH Elisabethenhof

ein bislang einzigartiges

Projekt: In der Begegnung mit

nicht ausgebildeten Therapiehunden

sollen an Depressionen

erkrankte Menschen den Weg zu

sich selbst finden und in der "Normalität"

wieder Fuß fassen.

Das Vorhaben geht auf den Chefarzt

der Psychiatrischen Tagesklinik

in Büdingen, Dr. Uwe Rapp,

zurück. Kooperationspartner sind

das bmt-Tierheim in Reichelsheim

und die Hundeschule Elmi aus

Nidderau-Ostheim.

"Bitte die Hunde jetzt an die Leine nehmen!"

ruft Bijan Elmi den Teilnehmern

des Projekts zu. Der Hundeschulleiter

beobachtet die Menschen und die

sechs Hunde aufmerksam, die seit geraumer

Zeit auf der Übungswiese des

Tierheims Elisabethenhof Kontakt miteinander

aufnehmen.

Sein Blick bleibt an der Patientin Petra

T. hängen. Die ängstliche, gerade angeleinte

Hündin Alisha wirkt, als wolle

sie fliehen, lehnt sich hart gegen die

Leine und ihre Bezugsperson leidet

sichtbar mit ihr. "Darf ich sie nicht doch

wieder freilassen?" fragt sie leise, hin

und her gerissen zwischen dem

Wunsch, die gestellte Gruppenaufgabe

zu erfüllen und dem

furchtsamen Tier beizustehen.

Wenn Hunde Seelen heilen

DEPRESSIVE PATIENTEN SOLLEN VON VIERBEI

Therapiestunde mit Tierheimhunden im Elisabethenhof

"Sehr aufschlussreich, wie sich Petra T.

jetzt verhalten wird", sagt Dr. Uwe Rapp

interessiert. Der Psychologe und Humanmediziner

kennt seine empfindsame

Patientin aus der Behandlung und

ahnt, in welchem Konflikt sie sich gerade

befindet. Gibt Petra T. ihrem drängenden

Impuls nach und lässt die Hündin

von der Leine oder wird sie sich

gegen ihr Gefühl entscheiden und Verantwortung

übernehmen, die sie im

Endeffekt als persönliche Stärkung erfahren

würde?

Dr. Rapp ist Chefarzt der Abteilung für

Psychiatrie und Psychotherapie am Capio-Mathilden-Hospital

in Büdingen.

Der Förderverein des Krankenhauses

unterstützt ein Projekt, das auf seine Initiative

zurückgeht und in dieser Form

einmalig ist: die durch Bijan Elmi professionell

angeleitete Begegnung

zwischen Patienten und - besonders

wichtig dabei - nicht

ausgebildeten Tierheimhunden

aus dem Elisabethenhof.

"Es ist wichtig, dass die

Hunde keine Therapiehunde,

also "unfertig",

sind", weist

Bijan Elmi auf den

entscheidenden

Unterschied zu

anderen tiergestützten Therapien hin,

bei denen ausschließlich mit ausgebildeten

Vierbeinern gearbeitet wird. Die

Tierheimhunde sollen (wie die Patienten)

vom Umgang mit den häufig

wechselnden Teilnehmern und Artgenossen

profitieren. Ein gefestigtes Sozialverhalten

und eine größere "Routine"

im Umgang mit unbekannten Menschen

verspricht sich der hessische Geschäftsstellenleiter

Mike Ruckelshaus

für die Hunde und in der Konsequenz

bessere Vermittlungschancen für Spike,

Maggy und Co.

Aber auch die Gruppe kann nur profitieren:

Für viele an Depression erkrankte

Menschen ist das "Loslassenkönnen"

ein großes Problem. Mit dieser

Thematik werden die Patienten der Psychiatrischen

Tagesklinik jeden Dienstag

konfrontiert, wenn vertraute Hunde

vermittelt worden sind, neue hinzukommen

und sie sich unerwartet der

veränderten Situation stellen müssen.

"Alle herkömmlichen Therapien", sagt

Bijan Elmi, "laufen über langfristige Beziehungen

zum Tier - diese nicht!" Ein

Unterschied, der für den erfahrenen

Hundeschulleiter ebenfalls eine besondere

Herausforderung darstellt. "Mein

Training ist üblicherweise darauf angelegt,

eine Bindung zwischen Menschen

Bijan Elmi, seit 18 Jahren Hundeschulleiter



NERN AUS DEM TIERHEIM PROFITIEREN

"Hunde bewegen Menschen"

Neben Bijan Elmi (51) sind zwei Mitarbeiter der Klinik anwesend, um bei Kommunikationsschwierigkeiten

oder anderen Problemen mit den Patienten eingreifen

zu können. Gleiches gilt für den Umgang mit den Hunden: Vom Tierheim

Elisabethenhof ist bmt-Mitarbeiterin Jeannette Bittner extra für das Projekt

abgestellt. Die teilnehmenden Hunde müssen sozialverträglich sein, dürfen keine

Aggressionen gegen Menschen oder Artgenossen zeigen und kein ausgeprägtes

Meideverhalten gegenüber Menschen aufweisen. Damit die Vierbeiner

keine aufgestauten Energien zum "Seminar" mitbringen, werden sie ca. eine

und Hunden herzustellen und im Laufe

der gemeinsamen Arbeit so zu festigen,

dass Besitzer und Vierbeiner ein

Team geworden sind, hier geht es um

ganz andere Ziele."

Und so muss sich der studierte Betriebswirt,

wie die Gruppenteilnehmer

auch, laufend neu auf die Fluktuation

in der Menschen- und Hundegruppe

einstellen und schnell und einfühlsam

interagieren. Nicht alle Patienten erfüllen

die Voraussetzung zur Teilnahme

an der "Vier-Pfoten-Therapie": Die

Frauen und Männer müssen gefestigt

sein, "ein ausreichendes Steuerungsmögen

haben, sich also unter Kontrolle

haben", wie der Psychologe und Humanmediziner

Dr. Rapp erläutert.

Sexueller Missbrauch, traumatische Erfahrungen

und psychosoziale Krisen

haben u.a. bei seinen Patienten dazu

beigetragen, dass sie sich den gesellschaftlichen

Anforderungen nicht mehr

gewachsen fühlten und sich (kurz- oder

langfristig) in Depressionen verloren.

In der durchschnittlich sechswöchigen,

teilstationären Behandlung werden die

Menschen verhaltenstherapeutisch so

weit betreut, dass vielen die Orientierung,

die Integration in ihr bisheriges

Leben wieder gelingt.

Von dem Projekt "Hunde bewegen

Menschen" erhofft sich der Chefarzt

mehrere positive Impulse: "Ich hoffe

sehr, dass dieser Therapieansatz die

soziale Kompetenz der Patienten fördert,

ihre Kommunikation (mit Mensch

und Tier) verbessert, die Konzentrationsfähigkeit

schärft und ihr Durchsetzungsvermögen

stärkt."

Thomas F. ist das von einem zum anderen

Dienstag bereits gelungen: Hatte

er bei einem Termin auf dem Elisabethenhof

die Bitte von Hundeschulleiter

Elmi, einen besonders temperamentvollen

Hund an die Leine zu

nehmen, nicht abschlagen können, obwohl

er Schmerzen in der Schulter hatte,

findet er den Mut zur Ablehnung in

der kommenden Woche. "Sie müssen

‘nein’ sagen!", hatte Dr. Uwe Rapp seinem

Patienten dringend geraten, dessen

persönliches Problem in der Unfähigkeit

zur Abgrenzung besteht.

Und Thomas F. sagte in der kommenden

Woche `nein, ich will nicht!´ und

grenzte sich in diesem Moment erfolgreich

gegen das Ansinnen einer anderen

Person ab. Der 47jährige Psychologe

freut sich über die ersten

deutlichen Fortschritte. Eine andere Patientin

aus der "Hundegruppe" hat in-

TH ELISABETHENHOF

Stunde vorher gemeinsam in den Freilauf gelassen. Das Projekt ist vorerst auf ein Jahr begrenzt und wird mit 5000 Euro vom

Förderverein des Mathilden-Hospitals finanziert.

Die Hunde tun der Seele tut

Der Projektleiter Dr. Uwe Rapp mit Mike

Ruckelshaus (links) und Bijan Elmi (rechts)

zwischen einen Job gefunden, eine

weitere hat nach Therapieende mit ihrem

Ehemann einen Tierheimhund bei

sich aufgenommen.

In den Medien ist "Hunde bewegen

Menschen" auf große Resonanz gestoßen.

Mike Ruckelshaus hat inzwischen

mehrere Anfragen von Institutionen,

die sich ein ähnlich geartetes Projekt

vorstellen könnten. "Wir müssen als

Tierheim neue Wege gehen, wenn wir

in der Krise bestehen wollen", sagt der

Geschäftsstellenleiter. "Dazu gehört neben

einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit

die Ausweitung der Kompetenz

in bislang fremde Bereiche wie

pädagogische Projekte oder eben die

tiergestützte Therapie".

Übrigens profitieren auch die Hunde

deutlich von dem neuen Projekt: So galt

der ca. 7 Jahre alte Spike (Foto Seite

26, ganz links und Seite 39) als schwierig

im Umgang mit Artgenossen, sein

unsoziales Verhalten Rüden gegenüber

war u.a. der Grund für seine Abgabe.

Heute meistert der Langhaar-Schäferhund

seine Aufgabe mit Bravour: Souverän

geht er mit den drei anderen Rüden

in der Gruppe um, zeigt keinerlei

Anzeichen für dominantes Verhalten.

"Sollten die Hunde auch noch schneller

ein gutes Zuhause finden, wäre das

Projekt wirklich in jeder Hinsicht gelungen",

so Mike Ruckelshaus.

Text und Fotos: Claudia Lotz

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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K ATZENHAUS

Mio lebte das erste halbe Jahr seines Lebens

wahrscheinlich ein recht sorgenfreies

Leben als reiner Wohnungskater.

Doch dann wurde er erwachsen und stellte

als halbwüchsiger Einzelkater ohne

Freigang eventuell ein wenig Unsinn in

der Wohnung seiner Besitzer an. Diese

wollten sich seiner daraufhin entledigen,

packten ihn im Winter in ihr Auto und

setzten ihn, 20 Kilometer von seinem

Zuhause entfernt, im Wald aus - bei

Minustemperaturen im tiefem Schnee.

Doch nach 2 Wochen geschah das Ungeheuerliche:

Mio stand vor der Tür seines

alten Zuhauses! Er hatte zurückgefunden!

Zum Glück konnte sich die Nachbarin

rechtzeitig dieses kleinen tapferen Katers

annehmen und ihn zu uns bringen. Andernfalls

wäre er wahrscheinlich erneut ausgesetzt

worden. Mio hatte es geschafft, diese

2 Wochen Wanderschaft ohne größere Verletzungen

zu überstehen. Er war lediglich ziemlich

ausgehungert und sehr schmusebedürftig. Heute

lebt Mio als Zweitkater bei einer sehr netten Familie

in Wulften bei Göttingen.

Einige Wochen nach Mios glücklicher Heimkehr wurde

uns eine völlig verschreckte und offenbar sehr kranke Katzenomi

gebracht. Brenda, eine 20-jährige Birmakatze,

wurde als Opfer eines Wohnungsbrandes bei uns abgegeben.

Nach dem Brand war sie zunächst bei einem Bekannten

des Besitzers untergekommen. Mit der Versorgung einer

derartig kranken und verschreckten Katze überfordert, lieferte

er sie bei uns ab.

Brenda hatte riesige Pupillen, die keinerlei Reflex bei einem

Helligkeitswechsel zeigten, sie war apathisch und mochte

nichts fressen. Wir konnten nicht zuordnen, welche der von

ihr gezeigten Symptome durch den Brand und dem daraus

resultierenden Stress hervorgerufen waren und welche eventuell

auf einer Krankheit beruhten. Bei der tierärztlichen

Untersuchung stellte

sich dann heraus,

dass Brenda ein

schweres Nierenleiden

hat und dauerhaft

Spezialfutter und

Medikamente benötigt.

Einige Wochen später

kam es zu einem glücklichen

Zufall: Eine Frau fragte bei uns nach ihrer vermissten Birmakatze,

und wir erzählten ihr von Brendas Schicksal.

Brenda - verschreckt nach Wohnungsbrand

Tapferer

kleiner

Mio!

Mios wund

... UND ANDERE NEUIG

Da die Vermisste nicht mehr auftauchte,

fand Brenda an deren Stelle

ein sehr schönes neues Zuhause,

in dem sie sich sehr wohl fühlt.

Unsere sechs

Unglücklichen…

Bereits seit Oktober 2009 sitzen

sechs sehr unglückliche Katzen

bei uns. Wir mussten sie von einem,

an einer stark befahrenen

Straße (Reinhäuser Landstraße) gelegenen,

Grundstück einfangen, weil sie

dort nicht länger geduldet wurden (das RdT berichtete).

Wir suchen seit Monaten verzweifelt Menschen, die diesen

Katzen erneut ein Leben in Freiheit anbieten möchten und denen

es nicht so wichtig ist, ob ihre Katze von ihnen gestreichelt

werden möchte. Im Katzenhaus lassen sie sich teilweise

schon von unseren ehrenamtlichen Schmusern recht gerne

streicheln. Doch wenn fremde Menschen erscheinen, machen

sie sich in Sekundenschnelle unsichtbar.

Auch Bewohner von Bauernhöfen, die bereit sind, ihre Katzen

mit Futter und bei Bedarf medizinisch zu versorgen, können

sich gerne bei uns melden. Die Katzen sind selbstverständlich

kastriert, geimpft und entwurmt.

Was sich sonst noch im

Katzenhaus tut ...

Drei unserer “6 unglücklichen

Die oben genannten Beispiele zeigen, wie wichtig das Katzhaus

für den Göttinger Tierschutz ist. Wir möchten uns an

dieser Stelle sehr herzlich bei all jenen bedanken, die mit ihrer

finanziellen Unterstützung dazu beitragen, dass wir täglich

den Tieren helfen können!

Seit unserem Hilferuf im Herbst des letzten Jahres haben wir

23.018,68 Euro an Spenden bekommen. Außerdem erhalten

wir regelmäßige Unterstützung in Höhe von 2.316,00 Eu-


ersame Rückkehr

KEITEN AUS DEM bmt-KATZENHAUS LUTTERTHAL

ro pro Monat durch neue Patenschaften

und Förderbeiträge

(Stand: 02.06. 2010).

Noch immer können wir unsere

Kosten nicht ohne die Hilfe

des Gesamtverbandes decken,

doch wir befinden uns auf

einem guten Weg.

Die Göttinger Leser des RdT

wissen wahrscheinlich, dass

im Rat der Stadt Göttingen

derzeit über eine Kastrationsund

Kennzeichnungspflicht für freilaufende Katzen diskutiert

wird. Hierbei kam während der letzten Sitzung des Umweltausschusses

auch zur Sprache, dass das Katzenhaus keinerlei

finanzielle Unterstützung seitens der Stadt erhält,

obwohl wir immer wieder Katzen aufnehmen, die das (von

der Stadt finanziell unterstützte) Göttinger Tierheim mit unterschiedlichen

Begründungen nicht aufnimmt.

Für die nächste Sitzung hat der Umweltausschuss einen Bericht

sowohl des Göt-

Katzen von der Landstraße”

Sommerfest!

Das Katzenhaus Luttertal veranstaltet

auch in diesem Jahr wieder ein

Sommerfest mit Flohmarkt und

Tombola. Es findet am 22.08.2010

von 12 bis 17 Uhr auf dem Gelände

des Katzenhauses statt.

Für Kaffee und Kuchen ist gesorgt,

dennoch sind Kuchenspenden immer

sehr willkommen.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

tinger Tierheims als

auch von uns angefordert.

Wir bleiben

also am Ball und lassen

uns durch die bisherige

ablehnende

Haltung seitens der

Stadt nicht entmutigen,

weiter um finanzielle

Unterstützung

zu kämpfen!

SPENDENAUFRUF:

Unser Dach

muss erneuert

werden!

Das Dach war in

den vergangenen

Jahren immer wieder

undicht und

wurde nur geflickt.

Ohne Hilfe von Außen

können wir

diese notwendige

Renovierungsmaßnahme

finanziell

nicht stemmen, darum

unsere Bitte:

Wer kennt Hand-

K ATZENHAUS

TIGGER UND BERNIE

wurden mit acht weiteren Leidensgenossen

aus schlechter Haltung bei

uns abgegeben. Zwei Katzen bekamen

kurz nach dem Umzug Junge.

Noch zu vermitteln sind drei Kater

und zwei Katzen (ca. 2-3 Jahre alt),

alle getigert und nicht scheu. Weil die

Katzen das Leben in der Gruppe kennen,

möchten wir sie gerne jeweils zu

zweit oder einzeln zu einer bereits

vorhandenen Katze vermitteln.

werksfirmen, die einen Sinn für den Tierschutz haben und die

uns durch die kostengünstige Bereitstellung von Material

oder Arbeitskraft unter die Arme greifen würden?

Wir freuen uns natürlich auch über jede Geldspende, Patenschaft

oder Fördermitgliedschaft, die uns dabei hilft, die finanzielle

Situation des Katzenhauses zu stabilisieren. Selbstverständlich

werden wir für jede Form der finanziellen

Unterstützung eine Spendenbescheinigung ausstellen.

Auf unserer Internetseite www.katzenhaus-luttertal.de

werden wir die aktuellen Entwicklungen veröffentlichen.

Seit Anfang des Jahres wird die Mitglieder- und Spendenbetreuung

für das Katzenhaus wieder direkt von Göttingen aus

verwaltet. Ansprechpartnerin ist Frau Gabriele Missalla

(e-Mail: katzenhaus-luttertal@gmx.de).

Text und Fotos: Gabriele Missalla

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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TH ARCHE N OAH

Dringender Aufruf an alle

Katzenfreunde:

Wer bietet wilden

Katzen ein Zuhause?

81 Katzen versorgt das Tierheim Arche derzeit. So

schwierig alleine schon die Höchstauslastung in der Katzenstation

ist, so problematisch die momentane "Besatzung":

Denn fast ein Viertel der Tiere hat noch bis vor

kurzem in Freiheit gelebt. Ihnen sind weder die Menschen

vertraut, noch das enge Miteinander im begrenzten

Gehege mit den Artgenossen. "Die Wilden", sagt

Tierheimleiter Stefan Kirchhoff, "laufen naturgemäß in

Gefangenschaft Amok - aus diesem Grund suchen wir

dringend (!) Menschen, die ihnen ein adäquates Umfeld

bieten können"

Warum die überraschend hohe Zahl an

wilden Katzen im Tierheim?

"Wir haben innerhalb kürzester Zeit

mehrere Notfälle gehabt, die sich im

Kern um die Versorgung von extrem

scheuen, herrenlosen Katzen drehten",

erklärt Stefan Kirchhoff. So wurden zum

Beispiel seit Jahren wilde Katzen von einer

Tierfreundin versorgt, die auf ihrem

Grundstück eine Futterstelle eingerichtet

hatte. Als ihr Wohnhaus abbrannte,

kündigte der Pächter an, das Areal zu

verkaufen und die Katzen nicht länger

dulden zu wollen.

Hilfe suchend wandte sich die Dame an

die Arche Noah, und der Tierheimleiter

bot ihr an, jeweils die Zahl an Katzen

aufzunehmen, die gerade vermittelt

Kasimir

worden waren. So rücken immer zwei

Samtpfoten nach, wenn zwei ihrer wilden

Artgenossen erfolgreich vermittelt

werden konnten - ein schwieriges

Unterfangen, denn die meisten Interes-

Gina

senten erwarten von ihren Katzen ein

menschenbezogenes, verspieltes und

verschmustes Verhalten.

"Freiheit für unsere Wilden!" bittet das

Tierheimteam auf seiner homepage

und stellt sich ein passendes Umfeld

für die Unbezähmbaren so vor: Ein

Bauernhof oder landwirtschaftliches

Anwesen, das die kastrierten Katzen

über eine Futterstelle einmal täglich

versorgt, ihnen einen trockenen und

geschützten Unterschlupf bietet und

darüber hinaus alle Freiräume lässt.

Cognac

"Das Schicksal dieser Katzen liegt uns

sehr am Herzen", sagt der Tierheimleiter.

"Auf der einen Seite quälen sie sich

im Tierheim, weil sie mit der Gefangenschaft

nicht zurecht kommen - und

auf der anderen Seite können wir die

Tiere nicht einfach "aussetzen" und sich

selbst überlassen." Der einzige Ausweg

ist ein Zuhause, das den freiheitsgewöhnten

Katzen beides bietet: die Möglichkeit,

ohne menschliche Bindung in

freier Natur zu leben und gleichzeitig

die Sicherheit zu haben, ausreichend

versorgt zu werden.

"Selbst wenn unsere Leser vielleicht keinen

Platz für die Wilden haben, kennen

sie möglicherweise jemanden, der uns

mit der Aufnahme von mehreren Tieren

helfen würde?" appelliert Stefan Kirchhoff

inständig an Katzenfreunde.

Das Tierheim bietet im Gegenzug an,

die Katzen in ihr neues Zuhause zu fahren,

auf die Vermittlungsgebühren zu

verzichten und den künftigen Katzenhaltern

jederzeit mit Beratung zur Seite

zu stehen. "Nur auf die Vorkontrollen

verzichten wir nicht", sagt der Tierheimleiter,

"das wäre nicht im Sinne unserer

Katzen."

Text: CLaudia Lotz

Fotos: Stefan Kirchhoff


F RANZISKUS-TH

VON FRANK WEBER

(TIERHEIMLEITER

UND MODERATOR VON

"HUNDKATZEMAUS" BEI VOX) Frank Weber bei den Dreharbeiten für Vox.

Wühltischwelpen sind keine Schnäppchen!

Das Thema "Wühltischwelpen" ist im Tierschutz ein Dauerthema - nicht umsonst haben der bmt, ETN und

Tasso 2010 zum Jahr gegen den Hundehandel erklärt und die Kampagne "Wühltischwelpen Nein Danke!“

gestartet. Auch wir vom Franziskus Tierheim sehen uns ständig damit konfrontiert. Wenn wir nach der

Herkunft der Hunde fragen, fällt auf, dass erstaunlich viele überforderte Besitzer ihre Tiere über Annoncen

gekauft haben. Oft waren es Spontankäufe oder die Verlockung, einen Rassewelpen zum Schnäppchenpreis

zu bekommen.

Mit einem besonders spektakulären,

wenn auch nicht unüblichen, Fall so einer

Vermehrungszucht hatte ich vor

kurzem zu tun. Eine Tierfreundin bat

mich um Hilfe. Sie hatte sich auf eine

Annonce gemeldet und wollte nichts

Böses ahnend aus einer Zucht in der

Nähe von Greifswald einen Welpen

kaufen.

Die Zustände vor Ort sind nach ihrem

Bereicht erschütternd. In einer dunklen

Garage von knapp 20 Quadratmetern

sollen bei der "Züchterin" über 50 unkastrierte

Hunde unterschiedlicher Moderassen

vor sich hin dämmern. Die

Tiere seien in einem katastrophalen

körperlichen und seelischen Zustand.

Die bewundernswert engagierte Tier-

"Unfassbar, was Menschen Tieren

antun", sagt Frank Weber.

freundin ist über die Haltungsbedingungen

so entsetzt, dass sie im Laufe

der nächsten Wochen mehr als 20 ausrangierte

Zuchttiere übernimmt und bei

sich und auf Pflegestellen unterbringt.

Nun sollen nochmals 20 Hunde rausgeholt

werden - das ist für mich endlich

die Gelegenheit, diese Thematik ins

Fernsehen zu bringen und die Öffentlichkeit

zu informieren.

Mögliche Dreharbeiten werden dadurch

erschwert, dass Vermehrer üblicherweise

kein Interesse daran haben,

dass ihre Machenschaften ans Licht

kommen. Deshalb entschließen wir

uns, vor Ort mit versteckter Kamera zu

drehen. Um keinen Verdacht zu erregen,

gebe ich mich als Schwiegersohn

meiner Kontaktperson aus. Mit der gesamten

Familie fahren wir Richtung

Greifswald…

Mit Hilfe eines extra gebackenen Kuchens

schaffen wir es dann tatsächlich,

bis ins Wohnzimmer der obskuren

"Züchterin" vorzudringen. Von den

Hunden ist nichts zu sehen, die Frau ist

peinlichst darauf bedacht, dass man

sich von ihrer Tierhaltung keinen Eindruck

machen kann.

Das "Hundehaus", eine düstere Garage,

bekommen wir nur aus der Entfer-

nung zu sehen, als uns die aussortierten

"Zuchttiere" über einen hohen Zaun

gereicht werden. Alle Hunde sind in einem

erbarmungswürdigen Zustand,

verwahrlost und mit Kot verschmiert.

Der schlammige, winzige Auslauf vor

der Garage ist ein verkotetes Schlammloch.

Ausrangierte Zuchthündin Vicky.

Mir stehen die Tränen in den Augen. Es

ist unfassbar, was Menschen aus Profitgier

Tieren antun können! Als ich sie

zur Rede stellen will, schlägt sie mir heftig

die Türe vor der Nase zu.

Wenigstens für diese geschundenen

Kreaturen gibt es ein Happy End. Sie

werden auf vorher festgelegte Pflegestellen

gebracht und haben bis auf drei

besonders schwer geschädigte Tiere

ein liebevolles neues Zuhause gefunden.

Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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TH WAU-MAU-INSEL

Training mit Hund UND Mensch

TIERHEIM STARTET MODELLVERSUCH MIT EIGENER HUNDETRAINERIN!

Seit Januar 2010 arbeitet im Tierheim Wau-Mau-Insel

die Hundetrainerin Nicole Gerwig. Sie betreibt seit

2008 die Hundeschule ‚Gemeinsam lernen und leben’.

Das Ziel der Zusammenarbeit: Die Vermittlungschancen

für Problemhunde und Langzeitinsassen zu verbessern.

Tierheimmitarbeiterin Claudia Bioly über die Entstehung

einer Idee und ihre Realisierung. Im Interview

befragt sie Nicole Gerwig zu ihren Trainingsmethoden.

Die Zahl der Tiere, die im Tierheim abgegeben

werden, weil sie ein problematisches

Verhalten zeigen, steigt stetig

an. Für die Tierheime bedeutet dies

eine enorme Belastung, denn zum einen

ist eine Weitervermittlung eines

problematischen Hundes nicht einfach.

Die Ansprüche an das neue Familienmitglied

sind häufig sehr hoch, und das

Haustier muss sich möglichst schnell an

neue Lebensumstände und Menschen

gewöhnen. Zum anderen sind die

Möglichkeiten für die Tierheimmitarbeiter,

die Ursachen für das auffällige

Verhalten herauszufinden und mit dem

Hund gezielt daran zu arbeiten, sehr

schwierig, denn in der Regel müssen

viele Tiere betreut werden, so dass für

den einzelnen Hund nicht immer die

Zeit übrig bleibt, die man ihm schenken

möchte.

Das Tierheimteam ist jedoch der Meinung,

dass es von entscheidender

Bedeutung ist, sich

diese Zeit zu nehmen und

den Hunden die notwendige

Aufmerksamkeit zu widmen.

Wir müssen an dem Problem,

dass diese Tiere mit uns oder

wir Menschen mit ihnen haben,

arbeiten - und dies so

früh, wie möglich. In Tierheimen

wird häufig viel Geld für

die medizinische Versorgung von Tieren

ausgegeben, doch in diesen wichtigen

Bereich wird zu wenig investiert.

Und so hat sich unser Tierheim zu einem

‚Modellversuch' entschlossen und

im Januar 2010 eine

Hundetrainerin auf Teilzeit

angestellt. Wir gehen

davon aus, dass unsere

Problemhunde und

Langzeitinsassen bessere

Chancen auf eine Vermittlung

haben, wenn wir

mit ihnen arbeiten - und

zwar professionell.

Wir haben die Erfahrung

gemacht, dass es inzwischen

zwar sehr viele Hundeschulen

gibt, aber die Trainingsmethoden

nicht immer einhergehen mit

unserer Einstellung zum Tierschutz.

Häufig wird leider noch versucht,

Hunde mit gewaltsamen Methoden

zum Gehorsam zu zwingen. Hunde

müssen nicht funktionieren wie Maschinen,

sondern wir gehen von einer

Partnerschaft zwischen Mensch und

Hund aus, die auf gegenseitigem Vertrauen

und Verstehen beruht. Der

Mensch muss sich auf seinen Hund verlassen

können - und der Hund selbstverständlich

auch auf seinen Menschen!

Wie lernt ein Hund? Hier die Trainerin mit Tierheimhund Oliver

Nicole Gerwig motiviert

Tierheimhund Polo

Wirkliches Vertrauen kann niemals mit

Gewalt oder durch Angsteinflößen erreicht

werden. Deshalb lehnen wir alle

Methoden, die dem Hund Schmerzen

zufügen oder Angst einflößen, grundsätzlich

ab. Nun hieß es nur noch, eine

geeignete Hundeschule zu finden, die

nach unseren Grundsätzen mit den Tieren

arbeitet. Durch den Besuch von verschiedenen

Seminaren und Vorträgen

haben wir Kontakt zu der Gründerin

des animal learn Netzwerkes, Clarissa

von Reinhardt, und haben angefragt,

ob sie eine Hundeschule wisse, die bereit

sei, uns zu unterstützen - und so

kam der Kontakt zu Nicole Gerwig zustande.


Phönix Kleintierbestattungszentrum

Peckelsheim

In unserem Tierkrematorium gibt es

zwei Möglichkeiten der Einäscherung:

Bei der Einzeleinäscherung wird ausschließlich

nur ein Haustier eingeäschert,

der Tierbesitzer kann nach der

Einäscherung die Asche seines Tieres in

einer schönen Urne mit nach Hause

nehmen. Bei der Übergabe der Urne

Claudia Bioly: Seit Januar arbeiten

Sie mit unserem Tierheim

in Kassel zusammen.

Was sind Ihre Trainingsgrundsätze?

Nicole Gerwig: Meine Trainingsgrundsätze

sind recht einfach

zu erklären und sollten für den Umgang

mit jedem Lebewesen gelten.

Dazu gehören als erstes der respektvolle

und freundlich Umgang

mit Hunden und deshalb auch die

grundsätzliche Ablehnung von Methoden

und Hilfsmitteln, die dem Hund

Schmerzen zufügen, ihn stark verängstigen,

ihn in seiner Würde verletzen

oder seine Persönlichkeit zerstören.

Vielmehr geht es um das Wissen, wie

ein Hund lernt und/oder umlernt, welche

Grundbedürfnisse er hat und wie

ich einen Hund zur Mitarbeit motiviere.

Es geht darum, das Verhalten des Hundes

zu verstehen und ihn dementsprechend

anleiten und führen zu können.

Claudia Bioly: Was ist Ihre Motivation,

mit einem Tierheim zu kooperieren?

Nicole Gerwig: Meine Motivation

mit einem Tierheim zu kooperieren ist

die, Verantwortung zu übernehmen.

Verantwortung für Hunde, die aus

unterschiedlichsten Gründen ihr Zuhause

verloren haben, die von uns abhängig

sind und Hilfe in dieser "Ausnahmesituation"

brauchen, um so

schnell wie möglich wieder ihre passende

Familie zu finden. Dazu möchte

ich zu einem Teil beitragen.

erhält der Tierbesitzer eine Urkunde mit

dem Einäscherungsdatum und dem

Namen seines Tieres.

Bei der Sammeleinäscherung werden

mehrere Tiere gleichzeitig eingeäschert,

und die Asche wird anschließend auf

unserer Streuwiese ausgestreut.

Auf Wunsch kann die Urne auf unserem

Tier- und Urnenfriedhof beigesetzt werden.

Wir beraten Sie gerne!

Claudia Bioly: Gibt es einen

Unterschied bei der Arbeit mit

Tierheim- oder Privathunden?

Nicole Gerwig: Ja, definitiv. Beim

Training mit Privathunden und ihren

Menschen geht es um die Verbesserung

und/oder Festigung der Hund-Mensch-

Beziehung oder um die Lösung von bestimmten

Problemen im Zusammenleben.

Der Hund hat ein festes Lebensumfeld

und das Training wird speziell

auf dieses Hund-Mensch-Team

ausgerichtet. Außerdem arbeitet der

Hundehalter mit seinem Hund nach

Anleitung selbständig weiter.

Tierheimhunde haben es in vielen Bereichen

schwerer durch das Fehlen dieser

Sicherheiten und einem permanent

erhöhten Stresslevel durch die Tierheimsituation.

Deshalb erfordert ein

Training mit ihnen mehr Zeit, Einfühlungsvermögen

und gegenseitiges Vertrauen.

Die wichtigsten Faktoren sind

dabei die sinnvolle Beschäftigung und

Stressreduzierung sowie das Arbeiten

an Verhaltensproblemen, die eine Vermittlung

erschweren. Außerdem sollen

die sozialen Fähigkeiten gegenüber

Menschen und Artgenossen

beibehalten

oder wieder neu erlernt

werden. Es geht also

um das Erarbeiten einer

Grundlage, die eine

Chance auf Vermittlung

erhöht und auf

der die neuen Besitzer

aufbauen können.

Phönix

Kleintierbestattungszentrum

Peckelsheim GmbH

Helmernsche Straße 20

34439 Willebadessen

Tel: 05644 - 98 15 66 . Fax: 98 15 68

kontakt@phoenix-kleintierbestattungen.de

www.phoenix-kleintierbestattungen.de

Claudia Bioly: Mit welchen Problemen

in der Hund-Mensch-Beziehung

werden Sie am häufigsten

konfrontiert?

Nicole Gerwig: Die häufigsten Probleme,

mit denen ich als Hundetrainerin

konfrontiert werde, sind durch falsche

Erziehungsmaßnahmen auftretende

aggressive Verhaltensweisen bei

Hunden. Dazu gehören z.B. Aggression

gegenüber Artgenossen, fremden

Menschen und anderen Tieren. Meist

sind daran einfache Missverständnisse

zwischen Mensch und Hund schuld,

z.B. durch falsches Deuten und Interpretieren

von Hundeverhalten und daraus

resultierend falsches Reagieren des

Menschen darauf.

Claudia Bioly: Was empfehlen Sie

Menschen, die sich mit Ihrem

Hund überfordert fühlen? Gibt es

darunter auch Fälle, in denen Sie

einem Hundehalter raten, sich

von seinem Haustier zu trennen?

Nicole Gerwig: Wichtig wäre, dass

Menschen, die über die Anschaffung

eines Hundes nachdenken, sich schon

vorher beraten lassen und sich genau

über die jeweiligen Eigenschaften

und Bedürfnisse

einer Hunderasse

bzw. bei Mischlingen

über die jeweils daran

beteiligten Hunderassen

informieren. Wer sich

aber schon einen Hund

angeschafft hat und sich

dann damit überfordert

Hundetraining soll den Stress von Tierheimhunden reduzieren. Hier: Entspannte Kangalhündin Tiffy.

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Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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fühlt, sollte sich als erstes professionellen

Rat und Hilfe holen und den Hund

nicht leichtfertig abschieben und somit

die Verantwortung für dieses Lebewesen

schnell mal abgeben. Weil die

Menschen die Entscheidung getroffen

haben, sich diesen Hund anzuschaffen

und nicht der Hund. Fälle, in denen ich

einem Hundehalter rate, sich von seinem

Hund zu trennen, gibt es zum

Glück nur selten, aber manchmal ist es

für beide Seiten die beste Lösung. Gerade

dann, wenn die Harmonie (wir

sagen die Passung) zwischen Hund und

Mensch nicht stimmt.

Claudia Bioly: Worauf sollte ein

Hundehalter bei der Wahl einer

Hundeschule Ihrer Meinung nach

unbedingt achten?

Nicole Gerwig: Dass die Trainer

über eine fundierte Ausbildung im

Umgang mit Hunden und Menschen

verfügen

ein umfangreiches Fachwissen über

Hunde haben, auskunftsfreudig sind

und Übungen genau erklären können

mit Geduld und Verständnis individuell

auf den Hund und den Hundehalter

eingehen können

eine stationäre Ausbildung ohne

Hundebesitzer ablehnen

nach neuesten verhaltenskundlichen

Erkenntnissen arbeiten und den Einsatz

von tierschutzwidrigen Methoden und

Hilfsmitteln ablehnen

sich ständig weiterbilden und die eigenen

Trainingsmethoden überprüfen.

Und: Der Hund sollte nicht nur gern,

sondern möglichst mit Begeisterung in

die Hundeschule gehen! Der Hund

selbst gibt oft die beste Auskunft über

die Qualität der Hundeschule!

Claudia Bioly: Die Zahl der ‚Problemhunde'

scheint zuzunehmen.

TH WAUM AU-INSEL

Werden unsere Hunde problematischer

oder die Ansprüche der

Tierhalter immer höher?

Nicole Gerwig: Ich denke nicht,

dass die Hunde immer problematischer

werden, sondern die Erwartungshaltung

und die Ansprüche an die

Hunde immer weiter steigen und von

ihnen kaum noch zu erfüllen sind. Oft

höre ich, der Hund soll gutartig, ruhig,

kinderlieb, verträglich mit Artgenossen

und Katzen, stubenrein, gehorsam

sein, wenig bellen, nicht jagen, alleine

bleiben können u.s.w.. Wenn ich dann

die Menschen frage, was sie als

Gegenleistung dem Hund bieten können

und wollen, ist das meist sehr dürftig.

Der Hund soll sich also permanent

und in allen möglichen Situationen

dem Menschen anpassen, aber die

wichtigsten Grundbedürfnisse des

Hundes werden nur selten erfüllt. Das

ist eine Rechnung, die nicht aufgeht!

Claudia Bioly: Sie haben Ihre

Ausbildung bei “animal learn”

absolivert und arbeiten mit positiver

Verstärkung und Motivation.

Man hört immer wieder,

dass diese Trainingsmethoden zu

‚sanft' sind und dass es Hunde

gibt, die eine harte Hand benötigen.

Was antworten Sie darauf?

Nicole Gerwig: Hier ist die Frage,

was man in der Praxis unter "zu sanft"

und "harte Hand" versteht? Jeder, der

der Meinung ist, man könne Hunde nur

mit körperlicher Bestrafung, Schmerzeinwirkung,

Verunsicherung und

Unterdrückung richtig erziehen, hat

meiner Meinung nach nicht viel über

Hunde und ihr Lernverhalten verstanden.

Meist entstehen Probleme erst

durch eine solche Erziehung und/oder

werden dadurch größer. Aber auch

Menschen, die ihrem Hund aus mangelndem

Wissen keine Grenzen setzen

und nicht auf dem Einhalten bestimmter

Regeln bestehen, sind in der Hundeerziehung

fehl am Platz. Vielmehr ist

es das geduldige, konsequente und liebevolle

Erziehen, welches zum langfristigen

Erfolg führt. Ein Hund braucht Sicherheit

durch Vertrauen zu seinem

Menschen und das erreicht man nur

durch eine für den Hund faire und "berechenbare"

Führung.

Fotos : Claudia Bioly

Seit 1. Mai hat

Elvira Schiöberg

die Leitung des

Landesverbandes

Bayern übernommen.

Lernen Sie

das neue Gesicht

des bmt im Gespräch

mit dem

RdT kennen.

ELVIRA SCHIÖ

"Der

… IST EINE

RdT: Was bedeuten Ihnen Tiere?

Elvira Schiöberg: Tiere haben mein

Leben immer begleitet, sie spielen eine

wichtige Rolle frei nach dem Motto

von Loriot "Ein Leben ohne Tiere ist

möglich, aber sinnlos".

RdT: Warum halten Sie es für wichtig,

sich im Tierschutz zu engagieren?

Elvira Schiöberg: Mein Tierschutzengagement

wurde durch eine grundlegende

Erfahrung geprägt: Tiere sind

in unserer Gesellschaft letztendlich ohne

Schutz und Rechte - sie sind uns

gnadenlos ausgeliefert - unsere Gesetze

schützen sie nicht.

Besonders betroffen macht mich der

Umgang mit den so genannten "landwirtschaftlichen

Nutztieren". Wer sich

einmal über die Zustände bei Zucht,

Haltung, Transport und Schlachtung

informiert hat, für den ist der Verzicht

auf Fleisch keineswegs Verzicht, sondern

logische Konsequenz - und Erleichterung

über das Ende einer Verdrängung.

Ich finde es erschreckend, dass unser

Verhältnis zu Tieren zunehmend irrational

wird - unser Umgang mit ihnen

ist eine ethische Bankrotterklärung!

Denn während wir wissenschaftlich immer

aufschlussreichere Erkenntnisse

über Leidensfähigkeit, Emotionen,


BERG, NEUE LEITERIN DES LANDESVERBANDES:

Umgang mit Tieren ...

ETHISCHE BANKROTTERKLÄRUNG FÜR UNSERE GESELLSCHAFT!"

kognitive Fähigkeiten und Ich-Bewußtsein von Tieren gewinnen

und sie uns immer näher rücken, findet ihre industrielle

Verwertung und Entfremdung immer gnadenloser statt. Nur

ein kleines, aber bezeichnendes Detail am Rande: Sucht man

nach Tieren beim Statistischen Bundesamt, so findet man sie

als "Warennummer".

RdT: Kann der praktische Tierschutz dazu beitragen, die

Gesellschaft hinsichtlich ihres zwiespältigen Umgangs mit

Tieren zu verändern?

Elvira Schiöberg: Wenn wir die Lebensbedingungen von

Tieren wirklich verbessern wollen, müssen wir im Tierschutz

mehr Druck machen, noch mehr Unterstützung gewinnen,

ein stärkeres politisches Gegengewicht zur Lobby der Tiernutzer

bilden, um den Stellenwert des Tierschutzes zu erhöhen und

die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verändern.

Der karitative Tierschutz ist für mich wichtig, aber er genügt

nicht - das ist auch das Resumée meiner beruflichen Erfahrungen.

RdT: Sie sind viele Jahre tierschutzpolitisch aktiv und

haben über 20 jährige Erfahrung im organisierten

Tierschutz ...

Elvira Schiöberg: Ja, eine spannende Zeit….nach

Abschluss meines Studiums in Wien (Politologie, Biologie)

und Berufsjahren in Frankreich bin ich 1988

nach Deutschland gekommen und war bis 1999 parlamentarische

Fachreferentin der Grünen Fraktion im

Hessischen Landtag in Wiesbaden, anschließend wissenschaftliche

Fachreferentin für die Fraktion am Bayerischen

Landtag in München. Dort habe ich auch auf

dem Gebiet Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungskonzepte

und Kampagnen gearbeitet.

LV BAYERN

Als Gründerin und Vorsitzende der AG Marburg der Tierversuchsgegner

Hessen e.V., Vertreterin der Fraktion im Tierschutzbeirat

der Hessischen Landesregierung, Mitbegründerin

und Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Tierschutz

der Hessischen Grünen, langjähriges Mitglied des Bündnisses

Bayerischer Tierrechtsorganisationen, gewählte Vertreterin

Bayerns in der BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Mensch

und Tier) von Bündnis90/Die Grünen habe ich viele Facetten

des Tierschutzes kennen gelernt.

RdT: Was war Ihre Motivation, eine andere Herausforderung,

wie die Leitung des bmt-Landesverbandes Bayern,

anzunehmen?

Elvira Schiöberg: Nach vielen Jahren Tierschutzpolitik

wollte ich endlich wieder näher bei den Tieren sein.

Am bmt gefällt mir, dass er die praktische Tierschutzarbeit

und sein Engagement in den Tierheimen mit der politischen

Arbeit verbindet, in die wichtigen Gremien auf Bundes- und

Landesebene berufen ist und dort aktiv mitarbeitet.

Und insbesondere schätze ich am bmt, dass wir auch den

Chancenlosen eine Chance geben - unseren Gnadenbrottieren

- stellvertretend für die Millionen Tiere, denen wir nicht

helfen können. Ihr Schicksal berührt mich sehr - mein erstes

Pferd war ein ausgemustertes Reitpferd, das ich vom

Schlachttransporter freikaufte und das mich wunderbare Jahre

durchs Leben begleitete.

Zumindest den Gnadenbrottieren eine friedliche Zeit zu

schenken ist eine schöne Aufgabe. Was ich übrigens beim

bmt noch sehr bewundere ist das unglaubliche Engagement

aller Mitarbeiter. Auf die neuen Herausforderungen und die

Zusammenarbeit freue ich mich. Ich wünsche uns und allen

unseren Tieren eine gute Zeit.

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Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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T IERSCHUTZZENTRUM

Die Hölle überstanden …

… und jetzt wartet

Kessy sehnlich auf

eine liebevolle Familie!

In ihren schwarzen Augen liegt die Sanftmut eines

Hundes, für den seine Menschen die Welt darstellen.

Dabei hat die weiße Hündin von ihrem bisherigen Besitzer

nichts anderes erfahren als abgrundtiefe Erbarmungslosigkeit


Kessy lebte angekettet

in einem Dorf in Rumänien

auf einem

Hof. Die Kette reichte

gerade so weit, dass

sie Schutz unter einem

Auto suchen konnte,

wenn ihr Besitzer sie

prügelte - auf den

Kopf, den Körper, die

Beine, zwischen die

Augen.

Von den Misshandlungen, die der Mann der jungen Hündin

zufügte, sieht man noch heute Spuren: Ein Vorderbein ist

leicht verkrümmt, ein Auge zerschlagen, einige Rippen eingedrückt,

am Kopf eine Beule, Abdrücke der Kette und am

Hinterlauf Schnitte eines Stricks, mit dem sie zusätzlich angebunden

wurde.

Vermutlich wäre Kessy eines Tages unbemerkt an ihren Verletzungen

verendet - doch das Schicksal wollte es anders: Im

Sommer 2009 kommt eine deutsche und rumänische Tierarztdelegation

in das Dorf, um in einer groß angelegten Aktion

Straßenhunde und die Tiere von Besitzern zu kastrieren.

Da Kessy alleine auf dem Hof ist, der Besitzer nicht ausfindig

gemacht werden kann, nehmen die Tierärzte die ausgemergelte

und verstörte Hündin mit, um sie ebenfalls zu kastrieren

und medizinisch zu behandeln.

Plötzlich kommt ein rasender Mann mit erhobener Axt in die

kleine Praxis und kündigt an, seine kastrierte Hündin vor aller

Augen zu erschlagen. Die Tierärzte stellen sich schützend

vor die bebende Hündin. Erst als die Polizei eintrifft, entspannt

sich die gefährliche Situation. Der Mann wird festgenommen.

Für die fast 2 Jahre alte Kessy war dieses Ereignis die Wende

Schläge und Misshandlungen gehörten zu

Kessys Alltag in Rumänien, bis Tierärzte

sie durch einen glücklichen Zufall fanden.

in ihrem Leben. Wir wagen uns noch immer nicht vorzustellen,

wie der unberechenbare Mann mit seiner Hündin weiter

umgegangen wäre, wenn die Tierärzte nicht so couragiert

reagiert hätten.

Kessy wird er jedenfalls nie wieder Leid zufügen können. Die

weiße Hündin, inzwischen nach Deutschland übersiedelt, bezaubert

das Team vom Tierschutzzentrum mit ihrem lieben

und offenen Wesen - und kriegt gar nicht genug vom Kontakt

mit anderen Hunden. Das Spielen, Schmusen und gemeinsame

Toben scheinen

ihrer verletzten Seele

gut zu tun.

Was wir unserer tapferen

Kessy von Herzen

wünschen, ist ein

schönes Zuhause bei

wunderbaren Menschen.

Vielleicht bei

Ihnen?

Text: Claudia Lotz, Fotos: Gabriele Rudolph

Kessy ist sehr sozialverträglich und menschenbezogen.


Das Recht der Tiere 2/2010

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Das Recht der Tiere 2/2010

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HAUPTGESCHÄFTSSTELLE

Viktor-Scheffel-Straße 15

80803 München

Tel. (089) 38 39 52-0, Fax (089) 38 39 52-23

VORSTAND

1. Bundesvorsitzender:

Dr. Jörg Styrie

Alt-Heiligensee 42, 13503 Berlin

Tel. (030) 43 65 58 63, Fax (030) 43 65 58 65

2. Bundesvorsitzende:

Petra Zipp, Tierschutzzentrum Pfullingen

Gönninger Straße 201, 72793 Pfullingen

Tel. (07121) 820 17 -23, Fax (07121) 820 17 -18

Bundesschatzmeister:

Bernd Stephan, Kaiser-Friedrich-Promenade 82

61348 Bad Homburg

Tel. (06172) 138 80 26, Fax (06172) 23 691

Bundesschriftführerin:

Karin Stumpf, Am Heiligenhäuschen 2, 50859 Köln,

Tel. (0221) 950 51 55, Fax (0221) 950 51 57

LANDESVERBÄNDE

B UND GEGEN M ISSBRAUCH DER T IERE

MIT 10 GESCHÄFTSSTELLEN , 8 TIERHEIMEN UND EINEM TIERSCHUTZZENTRUM

LV Baden-Württemberg (www.tierschutz-bmt-bw.de)

Tierschutzzentrum Pfullingen

Leiter: Dr. Uwe Wagner

Leiterin (TH): Petra Zipp

Gönninger Straße 201, 72793 Pfullingen

Tel. (07121) 820 17 -0, Fax (07121) 820 17 -18

Kreissparkasse Reutlingen Kto. 75 7889 (BLZ 640 500 00)

LV Bayern (www.bmt-bayern.de)

Leiterin: Elvira Schiöberg

Viktor-Scheffel-Straße 15, 80803 München

Tel. (089) 38 39 52-13, Fax (089) 38 39 52-23

Postbank München Kto. 142 20-802 (BLZ 700 100 80)

LV Berlin (www.tierschutz-bmt-berlin.de)

Leiter: Dr. Jörg Styrie

Alt-Heiligensee 42, 13503 Berlin

Tel. (030) 43 65 58 63, Fax (030) 43 65 58 65

Postbank Berlin Kto. 9603-107 (BLZ 100 100 10)

LV Hamburg / Schl.-Holstein (www.franziskustierheim.de)

Geschäftsstelle: Tel. (040) 55 49 28-34, Fax -32

„Franziskus-Tierheim“, Tel. (040) 55 49 28 37

Leiter (TH): Frank Weber

Lokstedter Grenzstraße 7, 22527 Hamburg

Haspa Kto. 1049220799 (BLZ 200 505 50)

LV Hessen / Rheinland-Pfalz / Saarland

1. Geschäftsstelle u. Tierheim „Elisabethenhof“

(www.tierheim-elisabethenhof.de)

Leiter (Gst.): Mike Ruckelshaus, Tel. (06035) 96 11 11

Leiter (TH): Christian Werner

“Elisabethenhof”, Siedlerstraße 2, 61203 Reichelsheim

Tel. (06035) 59 16, Fax (06035) 96 11 18

Frankfurter Sparkasse Kto. 5975 (BLZ 500 502 01)

2. Tierheim „Wau-Mau-Insel“ (www.wau-mau-insel.de)

Leiterin (Gst.): Petra Hollstein

Leiter (TH): Karsten Plücker

Schenkebier Stanne 20, 34128 Kassel

Tel. (0561) 86 15 680, Fax (0561) 86 15 681

Kasseler Sparkasse Kto. 70 700 (BLZ 520 503 53)

AUSLANDSTIERSCHUTZ

Koordination im Tierschutzzentrum Pfullingen

Sonderkonto Ausland:

Rumänien und Ungarn

Frankfurter Sparkasse Kto. 847 275 (BLZ 500 502 01)

LV Niedersachsen

1. Geschäftsstelle u. Tierheim „Arche Noah“

(www.tierheim-arche-noah.de)

Leiterin (Gst): Anke Mory; Tel. (0170) 632 52 40

Leiter (TH): Stefan Kirchhoff,

Rodendamm 10, 28816 Stuhr/Brinkum

Tel. (0421) 890171, Fax 80 90 553

Kreissparkasse Syke Kto. 113 000 29 57 (BLZ 291 517 00)

2. “Katzenhaus Luttertal“, (www.katzenhaus-luttertal.de)

Luttertal 79, 37075 Göttingen

Leiterin (Gst): Gabriele Missalla, Tel. (06678) 91 85 67

Leiterin (TH): Monika Bossmann, Tel. (0551) 2 28 32

Postbank Hannover Kto. 732 223 06 (BLZ 250 100 30)

3. Geschäftsstelle Norden

Leiter: Dieter Kuhn und Ursula Sottmeier

Nordbuscherweg 17, 26553 Dornum

Tel. (04933) 99 28 24, Fax (04933) 99 28 26

Tierheim Hage (www.tierheim-hage.de)

Hagermarscher Str. 11, 26524 Hage

Tel. (04938) 4 25, Fax (04938) 91 49 90

Raiffeisen-Volksbank Fresena e.G. Norden

Kto. 6302020300 (BLZ 283 615 92)

LV NRW

1. Geschäftsstelle u. Tierheim Dellbrück

(www.tierheim-koeln-dellbrueck.de)

Leiterin (Gst): Sylvia Bringmann , Leiter (TH): Bernd Schinzel

Iddelsfelder Hardt, 51069 Köln

Tel. (0221) 68 49 26, Fax (0221) 68 18 48

Postbank Köln Kto. 924 02-505 (BLZ 370 100 50)

2. Geschäftsstelle Issum (www.bmt-nrw.de)

Leiterin: Dagmar Weist

Drosselweg 15, 47661 Issum

Tel. (02835) 44 46 97, Fax (02835) 44 46 99

Sparkasse am Niederrhein

Kto. 111 500 2063 (BLZ 354 500 00)

WEITERE ANSCHRIFTEN VON MITARBEITERN:

Mike Ruckelshaus

(mike.ruckelshaus@web.de)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Tel. (06035) 96 11 11, Fax (06035) 96 11 18

Torsten Schmidt

(torsten.schmidt@bmt-tierschutz.de)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, An der Kirsebek 3,

24376 Kappeln, Tel. (04642) 922 407, Fax (04642) 922 714

Claudia Lotz (Redakteurin)

(lotzcl@nexgo.de)

Sauerbruchstr. 11, 14109 Berlin,

Tel. (030) 80 58 33 38, Fax (030) 80 58 33 39

Gisela Lichterfeld (Tierschutzlehrerin)

(huglichterfeld@gmx.de)

Kirchhellener Ring 93, 46244 Bottrop-Kirchhellen

Tel. (02045) 23 54

www.bmt-tierschutz.de


PHÖNIX

Wurde als "Ganghund" angeschafft

Phönix (3/4 Jahre) ist ein sehr

sensibler, ruhiger Hund. Seine

ehemaligen Besitzer wollten

den Rüden als Prestigeobjekt

benutzen und ihn als "Ganghund"

einsetzen. Die Großmutter

der jugoslawischen Familie

machte die Pläne ihrer Enkel

zunichte und bat um behördliche

Hilfe. Phönix unterliegt als Listenhund mit einem verpflichtenden

Wesenstest denselben Auflagen wie Thyson. Der Staffordshire

hat eine Futtermittelallergie und Hautprobleme.

Kontakt: Tierheim Elisabethenhof (Adresse linke Seite).

SPIKE

Therapiehund im Tierheim

Elisabethenhof

Der Schäferhund Spike (6) lebte

fünf Jahre bei einer Familie,

bis die Partner sich trennten.

Weil der Rüde ungern Auto

fährt, konnte der Mann (Fernfahrer)

ihn nicht behalten und

gab den Hund schweren Herzens

ins Tierheim. Spike, ein

kräftiger, imposanter Rüde, hat

Probleme mit Artgenossen, er konnte (ständig angeleint) den

Umgang mit ihnen nicht lernen. Doch im Tierheim zeigt er inzwischen

eine andere Seite: Spike ist einer der sechs Therapiehunde

und geht mit den Rüden seiner Gruppe sozialverträglich

und souverän um. Wer gibt dem Schäferhund eine neue

Chance? Kontakt: Tierheim Elisabethenhof (Adresse links).

bmt-Vorsitzender Dr. Jörg Styrie

STELLENANZEIGE

Der bmt sucht zum September 2010

EINE/N TIERSCHUTZLEHRER/IN

EINE/N TIERSCHUTZLEHRER/IN

Z U GUTER L ETZT

THYSON

Vier Monate im Haus gefangen

Der Staffordshire Thyson (1,5 Jahre) hat nur mit

Glück überlebt: Er wurde in einem Einfamilienhaus

zurück gelassen, weil der Besitzer zu einer

anderen Frau gezogen war. Er versorgte den

Hund nur sporadisch, nahm in Kauf, dass der

Neubau durch Kot und Urin völlig verdreckte.

Als die Behörden durch eine anonyme Meldung

auf den Missstand aufmerksam wurden,

war Thyson bereits vier Monate in dem Haus

gefangen, zwei mit ihm vernachlässigte Schlangen

verhungerten in dieser Zeit. Der Rüde ist ein

Listenhund, seine künftigen Besitzer müssen

entsprechende Auflagen (Sachkundenachweis,

Wesenstest für den Hund, erhöhte Steuern) erfüllen.

Thyson ist temperamentvoll, lernwillig

und sehr anhänglich. Kontakt: Tierheim Elisabethenhof

(Adresse linke Seite).

für ein auf zunächst auf 2 Jahre begrenztes Kinder- und Jugendtierschutz-Unterrichtsprojekt

im Raum Berlin.

Erwartet werden eine pädagogische Ausbildung, Kenntnisse im Tierschutz,

Eigenständigkeit und eine hohe Einsatzbereitschaft.

Da die Unterrichtseinheiten nach sechs Monaten auch auf andere deutsche

Städte ausgeweitet werden sollten, müsste die/der Bewerber/in die unbedingte

Bereitschaft zum Reisen mitbringen.

Die Tätigkeit ist als eine ¾ Stelle angelegt.

Bitte senden Sie Ihre Bewerbung an:

bmt, Dr. Jörg Styrie, Alt-Heiligensee 42, 13503 Berlin.

Das Recht der Tiere 2/2010

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„Das Recht der Tiere“ – Postvertriebsstück B 13769 – Entgelt bezahlt

Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.

Als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt

Beiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar

Hauptgeschäftsstelle: D-80803 München , Viktor-Scheffel-Str.15

Tel. (089) 3839520 Fax (089) 38395223

WIR SUCHEN PATEN FÜR DAISY UND DIE ÜBRIGEN 163 GNADENBROTTIERE DES bmt!

Zebrastute Daisy

Seit 14 Jahren in der Obhut des bmt

Ich unterstütze den Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V. und

ÜBERREICHT VON:

Neben seinen acht Tierheimen finanziert der

bmt zahlreichen Gnadenbrottieren den Lebensunterhalt.

Diese Tiere, zumeist aus katastrophalen

Haltungsbedingungen befreit, genießen nun

ihr Dasein auf ausgewählten Pflegeplätzen.

Derzeit 164 Tiere - unter ihnen Affen, Lamas,

Zebra Daisy, Wölfe, Pferde, Esel, Hunde und

Katzen - werden auf Bauernhöfen, Wildparks

oder privat in Familien betreut.

Mit einer Patenschaft (ab 15 Euro im Monat) leisten

Sie einen großen Beitrag zu der Versorgung

unserer Gnadenbrottiere, deren Unterhalt

uns fast 19.000 Euro monatlich kostet.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Mehr Infos zu den bmt-Gnadenbrottieren erhalten

Sie im Landesverband Bayern, Tel: 089/

38 39 52 13.

werde Mitglied zum selbstbestimmten Jahresbeitrag von EUR ......................................................................

(Mindest-Jahresbeitrag: 20 EURO. Mitgliedschaft kann jederzeit satzungsgemäß beendet werden.)

Nach Überweisung des Beitrages erhalten Sie Ihre Mitgliedsunterlagen.

spende hiermit EUR ..................................................................................................................................................................

Name:............................................ Vorname:.......................................... Geburtsdatum:..............................................

PLZ und Ort:....................................................... Straße und Hausnr.:............................................................................

Telefon:.............................................................. E-Mail-Adresse:...................................................................................

Beruf:................................................................. Datum:.............................. Unterschrift:.............................................

(Die Spendenkonten finden Sie auf S.38)

Bitte Coupon ausschneiden und frankiert an die Hauptgeschäftsstelle oder untenstehende Geschäftsstelle senden.

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