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2. Der XX. Parteitag der KPdSU (Februar 1956 ... - Ch. Links Verlag

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<strong>2.</strong> <strong>Der</strong> <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> (<strong>Februar</strong> <strong>1956</strong>)<br />

und Osteuropa<br />

Seit Stalins Tod bis zum <strong>Februar</strong> <strong>1956</strong> wurde in <strong>der</strong> Sowjetunion in vielen<br />

einzelnen Schritten das verheerende und belastende Erbe des Diktators – die<br />

Massenverbrechen, die Repressionen, die Stagnation des öffentlichen Lebens,<br />

die außenpolitische Isolierung, die Verherrlichung seiner Person – entschärft.<br />

Ein für die Partei- und Staatsführung aus mehreren Gründen notwendiger<br />

Schritt dazu war die Entmachtung und Hinrichtung von »Stalins<br />

Henker« Berija. Hierzu wird <strong>Ch</strong>ruschtschow später einräumen: »Eine Zeitlang<br />

gaben wir <strong>der</strong> Partei und den Leuten unrichtige Erklärungen über das,<br />

was geschehen war; wir schoben für alles Berija die Schuld zu. Er war <strong>der</strong><br />

geeignete Mann dafür. Wir taten alles, was wir konnten, um Stalin zu schützen,<br />

wobei wir uns noch nicht voll darüber im klaren waren, daß wir einen<br />

Verbrecher in Schutz nahmen, einen Mör<strong>der</strong>, einen Massenmör<strong>der</strong>! Ich wie<strong>der</strong>hole:<br />

Erst <strong>1956</strong> befreiten wir uns von unserer Unterwürfigkeit gegenüber<br />

Stalin.« 125<br />

Es war nicht nur Unterwürfigkeit. Wie Horst Schützler mit Recht über<br />

das etwa eine Stunde vor dem Tod des Diktators energisch reduzierte Präsidium<br />

des ZK (dem früheren und später wie<strong>der</strong> so genannten Politbüro) feststellt:<br />

»Im zehnköpfigen Präsidium hatten sich diejenigen wie<strong>der</strong> zusammengefunden,<br />

die schon jahrelang zur ›bewährten‹ engeren Stalinschen<br />

Suite gehörten, wenn auch <strong>der</strong> Diktator in seinen letzten Lebensjahren einige<br />

seine Mißgunst fühlen ließ (Molotow, Mikojan, Kaganowitsch, Woroschilow).<br />

Sie waren nun fast unter sich, wenn man von Bulganin, Saburow<br />

und Perwuchin absieht, die erst während des Krieges und danach dazugekommen<br />

waren. Sie konnten somit alles abwehren, was sich gegen Stalin<br />

und ihre eigene unrühmliche Vergangenheit richtete, und eine Politik inaugurieren,<br />

die den alten Denk- und Handlungsweisen folgte.« 126<br />

Immerhin: Einen Tag nach <strong>der</strong> Beisetzung Stalins, am 10. März, trat das<br />

Präsidium des ZK erneut zusammen, und Malenkow, <strong>der</strong> Vorsitzende des<br />

Ministerrats (und bis <strong>Februar</strong> 1955 <strong>der</strong> führende Mann im Staate), sprach<br />

den denkwürdigen Satz: »Wir halten es für erfor<strong>der</strong>lich, die Politik des Personenkults<br />

zu beenden.« 127 Gedacht war an den Abbau <strong>der</strong> Ein-Mann-Dik-<br />

125 <strong>Ch</strong>ruschtschow erinnert sich. Die authentischen Memoiren, Reinbek b. Hamburg 1992,<br />

S. 321.<br />

126 H. Schützler: Tauwetter ohne Frühling, in: Kircheisen: Tauwetter ohne Frühling, S. 14.<br />

127 Zit. nach ebenda, S. 15.<br />

122


tatur durch eine »kollektive Führung«, an die Wie<strong>der</strong>herstellung <strong>der</strong> »Leninschen<br />

Normen des Parteilebens« – wodurch Lenin nun zur zentralen Kultfigur<br />

wurde –, an die Beseitigung <strong>der</strong> noch laufenden Terrorverfahren.<br />

Gleichzeitig mußte aber sichergestellt werden, daß die Kritik nicht zu weit<br />

und zu genau geht, um die eigenen Verstricktheiten <strong>der</strong> neuen Führung nicht<br />

aufzudecken. Damit waren <strong>der</strong> Aufarbeitung <strong>der</strong> Vergangenheit scharfe Grenzen<br />

gesteckt – die letztlich für Jahrzehnte nicht überschritten wurden. 128<br />

Nach <strong>der</strong> Festnahme Berijas am 26. Juni 1953 tagte bereits eine Woche<br />

später das Plenum des ZK <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> zur großen Abrechnung, bei <strong>der</strong> dem<br />

Gestürzten schlimme und schreckliche Dinge – zu Recht und zu Unrecht –<br />

vorgeworfen wurden. Dabei durfte eine Bemerkung von Präsidiumsmitglied<br />

Kaganowitsch aufmerksam registriert worden sein: »Berija lehnte die These<br />

ab, daß Stalin <strong>der</strong> große Fortsetzer von Lenin, Marx und Engels ist. Heute,<br />

nachdem wir den Verräter Berija ausgeschaltet haben, müssen wir die legitimen<br />

Rechte Stalins wie<strong>der</strong> vollkommen herstellen und die große kommunistische<br />

Lehre als die Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin bezeichnen.<br />

(Beifall.)« 129<br />

<strong>Der</strong> erste öffentliche Schritt zur Überwindung des Stalinschen Erbes war<br />

die am 28. März verkündete Amnestie – allerdings nicht für politische Gefangene.<br />

Es folgte die Freilassung <strong>der</strong> Kreml-Ärzte, die Anfang des Jahres<br />

unter unsinnigen Vorwürfen verhaftet wurden, ein im August beschlossenes<br />

Programm zur Verbesserung <strong>der</strong> wirtschaftlichen Lage <strong>der</strong> Bevölkerung und<br />

eine erfolgreiche außenpolitische Entspannung. <strong>Der</strong> wichtigste innenpolitische<br />

Schritt war jedoch die zögernd einsetzende Untersuchung <strong>der</strong> Massenrepressalien<br />

<strong>der</strong> Jahre 1937 bis 1940 – noch initiiert durch Berija (!), ergebnislos<br />

fortgeführt von einer Kommission unter Molotow, bis eine am 30.<br />

Dezember 1955 eingesetzte neue Kommission unter Petr Pospelov in kürzester<br />

Zeit dem Präsidium des ZK umfangreiches Material über den Stalinschen<br />

Terror zur Verfügung stellte.<br />

Das war etwa die Lage bis zum <strong>Februar</strong> <strong>1956</strong>.<br />

<strong>Der</strong> mit Spannung erwartete <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> kann hier nicht<br />

dargestellt werden. 130 Nur soviel: Nach dem üblichen Rechenschaftsbericht<br />

– diesmal vorgetragen von Nikita <strong>Ch</strong>ruschtschow – gab es tagelange Reden<br />

128 Dazu sehr instruktiv J. Hösler: Sowjetische und russische Interpretationen des Stalinismus,<br />

in: St. Plaggenborg (Hg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin<br />

1998, S. 35 – 68.<br />

129 Knoll / Kölm: <strong>Der</strong> Fall Berija S. 154.<br />

130 Zu den Einzelheiten <strong>der</strong> Vorbereitung, zum Entstehen <strong>der</strong> »Geheimrede« aus dem Material<br />

<strong>der</strong> Pospelov-Kommission siehe: J. Aksjutin: <strong>Der</strong> <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>, in: JHK<br />

1996, S. 36 – 68. Instruktive Literatur: V. Naumow: Zur Geschichte <strong>der</strong> Geheimrede N. S.<br />

<strong>Ch</strong>ruscevs auf dem <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>, in: Forum für osteuropäische Ideen- und<br />

Zeitgeschichte 1 / 1997, S. 137 – 177; V.V. Zagladin: <strong>Der</strong> erste Erneuerungsimpuls. Eine<br />

Betrachtung zum 40. Jahrestag des <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong>es <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>, in: JHK 1996, S. 11 – 35;<br />

D. Filtzer: Die <strong>Ch</strong>ruschtschow-Ära. Entstalinisierung und die Grenzen <strong>der</strong> Reform in <strong>der</strong><br />

UdSSR 1953-1964, Mainz 1994.<br />

123


<strong>der</strong> übrigen Führungsspitze und kaum zählbarer weiterer Delegierter und<br />

ausländischer Gäste. Dabei berührten mehrere Redner – beginnend mit Michail<br />

Suslow – das Thema »Personenkult«, doch nur Anastas Mikojan redete<br />

als einziger deutlicher kritisch über Stalin. Diese Rede machte großen Eindruck<br />

– sie wurde mit all den täglichen <strong>Parteitag</strong>sreden sofort veröffentlicht<br />

und ließ auch die Leser des ND ahnen, daß <strong>der</strong> Stalin-Kult um einige kritikwürdige<br />

Seiten ergänzt werden müßte.<br />

Doch erst <strong>der</strong> in »nichtöffentlicher Sitzung« am Abend des 24. <strong>Februar</strong><br />

bis in die Nacht hinein vorgetragene Bericht von <strong>Ch</strong>ruschtschow Über den<br />

Personenkult und seine Folgen 131 brachte für die zumeist erschreckten und<br />

erschütterten Zuhörer einen (immer noch ungenügenden, vorläufigen) Einblick<br />

in die Terrorherrschaft Stalins.<br />

Dieser Text wurde schon am 1. März den Mitglie<strong>der</strong>n und Kandidaten<br />

des ZK-Präsidiums und den ZK-Sekretären zugeschickt (und von ihnen in<br />

Details ergänzt). Auch die SED-Delegation erfuhr ihn äußerst schnell –<br />

nämlich bereits am 25. <strong>Februar</strong>. 132<br />

Am 5. März faßte das Präsidium des ZK den mutigen Beschluß, allen<br />

Kommunisten und Komsomolzen, aber auch den Aktivs <strong>der</strong> parteilosen Arbeiter,<br />

Angestellten und Kolchosbauern die Rede bekanntzumachen, sie sogar<br />

den Parteiorganisationen schriftlich zur Verfügung zu stellen – mit <strong>der</strong><br />

Auflage, nach dem Verlesen keine Fragen und keine Diskussion zuzulassen<br />

und keine Aufzeichnungen zu gestatten. Trotzdem wurde die Rede – so berichtet<br />

<strong>der</strong> damalige Student Boris Weil – von einzelnen Teilnehmern mitstenographiert,<br />

die verschiedenen Fassungen wurden miteinan<strong>der</strong> verglichen<br />

und auf diese Weise ein authentischer Text hergestellt, <strong>der</strong> maschinenschriftlich<br />

in Umlauf gesetzt wurde. 133<br />

Veröffentlicht wurde die Rede in <strong>der</strong> Sowjetunion erst mit einiger Verspätung<br />

– nämlich 1989 (im Izvestija CK KPSS, Nr. 3, 1989).<br />

Im folgenden werden in gebotener Kürze die Auswirkungen dieser Rede auf<br />

die unmittelbare Politik dargestellt, während das Kapitel »Verän<strong>der</strong>ungen in<br />

131 Mehrfach abgedruckt, beispielsweise in: R. Crusius / M. Wilke (Hg.): Entstalinisierung.<br />

<strong>Der</strong> <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> und seine Folgen, Frankfurt a. M. 1977, S. 487 – 537.<br />

132 Ich beziehe mich hier auf Schirdewan, demzufolge er als Mitglied <strong>der</strong> SED-Delegation<br />

diesen Text früh um 3 Uhr zusammen mit Ulbricht, Grotewohl und Neumann durch einen<br />

Beauftragten <strong>Ch</strong>ruschtschows in deutscher Übersetzung vorgelesen bekam und Wort<br />

für Wort mitschrieb: Aufstand gegen Ulbricht, Berlin 1994, S. 77. Dagegen Jan Foitzik:<br />

»Die Ersten Sekretäre <strong>der</strong> osteuropäischen Staatsparteien informierte <strong>Ch</strong>ruschtschow erst<br />

auf <strong>der</strong> Beratung mit <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>-Führung am 27. <strong>Februar</strong> […] Nach Juri Axjutin wurden<br />

durch <strong>Ch</strong>ruschtschow alle Delegationsleiter <strong>der</strong> ›Bru<strong>der</strong>parteien‹ informiert. […] Die<br />

Quellen erlauben es allerdings noch nicht, den Kreis <strong>der</strong> Eingeweihten näher zu bestimmen.«<br />

(Die parteiinterne Behandlung <strong>der</strong> Geheimrede <strong>Ch</strong>ruschtschows auf dem <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong><br />

<strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> durch die SED, die PVAP und die KPTsch, in: Kircheisen: Tauwetter<br />

ohne Frühling, S. 67.)<br />

133 B. Weil: Legalität und Untergrund zur Zeit des Tauwetters, in: Beyrau / Bock: Das Tauwetter<br />

und die Folgen, S. 26.<br />

124


Polen und <strong>der</strong> Volksaufstand in Ungarn: Einflüsse und Auswirkungen auf<br />

die Intelligenz in <strong>der</strong> DDR« die gesellschaftlichen Verän<strong>der</strong>ungen zeigt, die<br />

von Schriftstellern, Wissenschaftlern, Studenten und Journalisten getragen<br />

wurden. Diese Zweiteilung ist sinnvoll. Sie zeigt zuerst, wie die etwa gleichen<br />

politischen Strukturen in den Län<strong>der</strong>n Polen, Ungarn, Tschechoslowakei<br />

und DDR von den vier kommunistischen Parteien sehr verschieden genutzt<br />

wurden, um mit dem Stalinismus abzurechnen. Erst wenn die Dynamik<br />

des Jahres <strong>1956</strong> in den ersten beiden Län<strong>der</strong>n – ein wirkliches Kräftemessen<br />

in <strong>der</strong> Partei und zwischen Partei und Volk – vorgestellt wird, ist es möglich,<br />

die Rolle <strong>der</strong> Intelligenz innerhalb dieser Volksbewegungen zu verstehen.<br />

Die Distanzierung <strong>der</strong> SED von den beiden in Bewegung geratenen<br />

Län<strong>der</strong>n Polen und Ungarn war ein zusätzlicher Grund, die Intelligenz in <strong>der</strong><br />

DDR zu bremsen, einzuschüchtern und von den dort erstrittenen Freiheiten<br />

und Demokratisierungsschritten abzuhalten.<br />

I. Polen 134<br />

In Polen hatte es bereits vor dem Moskauer <strong>Parteitag</strong> politische Verän<strong>der</strong>ungen<br />

– etwa in <strong>der</strong> Reduzierung des Sicherheitsapparates, dem Einschränken<br />

<strong>der</strong> Repressionen und <strong>der</strong> Überwachungen – gegeben, doch ein eher überraschendes<br />

Ereignis – <strong>der</strong> Tod von Parteichef Bierut am 1<strong>2.</strong> März <strong>1956</strong> in<br />

Moskau – forcierte das Abrücken vom Stalinismus. Unmittelbar nach dem<br />

Ableben wurde auf dem 6. Plenum des ZK <strong>der</strong> PVAP Edward Ochab zum<br />

neuen Parteichef gewählt – in Anwesenheit <strong>Ch</strong>ruschtschows, <strong>der</strong> die Wahl<br />

eines Nachfolgers unter seine Kontrolle bringen wollte und zugleich auf einer<br />

etwa zweistündigen Rede direkt das Zentralkomitee über die Verbrechen<br />

Stalins informierte. 135<br />

»Am 21. März beschloß das neugewählte Sekretariat, die Geheimrede<br />

<strong>Ch</strong>ruschtschows in polnischer Sprache zu veröffentlichen und in 20 000 Exemplaren<br />

zu verteilen – ein einmaliger Vorgang in ganz Osteuropa.« (Dazu<br />

gibt es in einer Fußnote eine abweichende Lesart, »wonach statt <strong>der</strong> geneh-<br />

134 Dieser Abschnitt beruht im wesentlichen auf folgenden Veröffentlichungen: Dokumente<br />

Polen und Ungarn <strong>1956</strong>, in: Crusius / Wilke: Entstalinisierung; A. Czubinski: Das Jahr<br />

<strong>1956</strong> in Polen und seine Konsequenzen, in: Kircheisen: Tauwetter ohne Frühling; J. Holzer:<br />

Die Geheimrede <strong>Ch</strong>ruschtschows und ihre Rezeption in Ostmitteleuropa, in: Hahn /<br />

Olschowsky: Das Jahr <strong>1956</strong> in Ostmitteleuropa; P. Machcewicz: Massenbewegung <strong>1956</strong><br />

in Polen, in: ebenda; St. Wolle: Polen und die DDR im Jahre <strong>1956</strong>; in: ebenda;<br />

A. Engelmayer: Polen und Ungarn <strong>1956</strong>, in: ebenda; J. Prokop: <strong>Der</strong> polnische Oktober<br />

<strong>1956</strong> – Dichtung und Wahrheit, in: ebenda; P. Machcewicz: <strong>Der</strong> Umbruch <strong>1956</strong> in Polen,<br />

in: Foitzik: Entstalinisierungskrise; L. Pajórek: Die Polnische Armee im Oktober <strong>1956</strong>,<br />

in: ebenda.<br />

135 Holzer: Die Geheimrede <strong>Ch</strong>ruschtschows und ihre Rezeption in Ostmitteleuropa, S. 15.<br />

Dort auch die Vermutung, daß die Verbreitung <strong>der</strong> »Geheimrede« durchaus mit Zustimmung<br />

<strong>Ch</strong>ruschtschows erfolgt sein könnte.<br />

125


migten 3000 numerierten Exemplare von <strong>der</strong> ZK-Druckerei gleich 15 000 –<br />

parallel ›numerierte‹ – Exemplare hergestellt und anschließend teilweise auf<br />

dem ›schwarzen Markt‹ verkauft wurden. Die numerierten Exemplare mußten<br />

an das ZK zurückgegeben werden, laut Ochab fehlten am Schluß drei<br />

Exemplare.« 136 )<br />

Mit dieser Kenntnis über die Verbrechen Stalins entwickelte sich eine<br />

breite Diskussion mit immer neuen For<strong>der</strong>ungen – so nach Freilassung von<br />

Gefangenen, die ohne Urteil im Gefängnis saßen, und nach Rehabilitierung<br />

<strong>der</strong> zu Unrecht Verurteilten; man verlangte demokratische Verhältnisse und<br />

entwarf dazu ein neues Wahlgesetz, for<strong>der</strong>te erweiterte Befugnisse des Parlaments,<br />

die Einrichtung eines Verfassungsgerichts, die Bildung von Arbeiterräten,<br />

die politische Rehabilitierung <strong>der</strong> Exilregierung, die Wie<strong>der</strong>zulassung<br />

<strong>der</strong> sozialistischen Partei und die wahrheitsgemäße Darstellung <strong>der</strong><br />

leidvollen jüngeren Vergangenheit. 137<br />

Es kam tatsächlich zu einer »Explosion des kollektiven Gedächtnisses«<br />

(Katyn, Warschauer Aufstand, Abtretung <strong>der</strong> polnischen Ostgebiete) – über<br />

viele bisherige Tabus wurde nunmehr öffentlich geredet.<br />

Zur Erinnerung an die Ausmaße des kommunistischen Terrors in Polen<br />

sei folgende Passage vollständig wie<strong>der</strong>gegeben: »Während des Kampfes<br />

um die Macht in den Jahren von 1944 bis 1947 kamen etwa 10 000 Personen,<br />

die gegen die neue Gesellschaftsordnung auftraten, ums Leben. Wegen<br />

politischer Straftaten wurden etwa 156 000 Bürger verhaftet; etwa 55 000<br />

wurden zu schwerem Kerker verurteilt: Die Gerichte fällten Todesurteile,<br />

und <strong>der</strong> Staatspräsident begnadigte nur selten. In den Jahren des eigentlichen<br />

Stalinismus von 1949 bis 1954 gab es in Polen keine Kämpfe. Trotzdem<br />

wurden 100 000 Menschen verhaftet, 40 000 verurteilt und 3000 hingerichtet.<br />

Die Repressionswelle erreichte die Spitzen <strong>der</strong> Macht. Im Jahre 1951<br />

wurde Gomulka verhaftet. Er blieb einige Jahre ohne Haftbefehl und ohne<br />

Anklageschrift in Untersuchungshaft. Das Mitglied des Politbüros des ZK<br />

<strong>der</strong> PVAP und ehemalige Verteidigungsminister, Marian Spychalski, wurde<br />

ebenfalls verhaftet. Sieben Jahre saß er ohne Anklageschrift im Gefängnis.<br />

Im Jahre 1951 beschattete man den amtierenden Regierungschef Jozef Cyrankiewicz.<br />

Es fällt schwer, sich das Lebensgefühl des Durchschnittsbürgers<br />

in dieser Zeit vorzustellen. Es herrschte ein System absoluter Willkür <strong>der</strong><br />

Sicherheitsorgane und einer völligen Abhängigkeit Polens von <strong>der</strong> Sowjetunion.«<br />

138<br />

Als die Diskussionen über Stalins Verbrechen immer größere Ausmaße<br />

annahmen, beschloß das ZK die Beendigung solcher kaum noch zu kontrollierenden<br />

Zusammenkünfte. Doch das war bereits nicht mehr durchzusetzen.<br />

136 Foitzik: Die parteiinterne Behandlung <strong>der</strong> Geheimrede <strong>Ch</strong>ruschtschows auf dem <strong>XX</strong>.<br />

<strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>, S. 69.<br />

137 Czubinski: Das Jahr <strong>1956</strong> in Polen und seine Konsequenzen, S. 90.<br />

138 Ebenda, S. 87 f.<br />

126


Beispielsweise nahmen an Veranstaltungen über die <strong>Ch</strong>ruschtschow-Rede<br />

nur im Bereich <strong>der</strong> Stadtparteiorganisation Lodz am 4. April etwa 10 000 Personen<br />

teil. 139<br />

»Entgegen <strong>Ch</strong>ruschtschows Absichten, <strong>der</strong> seine Kritik auf Stalin beschränken<br />

wollte, indem er nur dessen Fehler und Verbrechen, nicht aber<br />

das Wesen des von ihm geschaffenen Systems thematisierte, brachte das<br />

Verlesen <strong>der</strong> Rede das gesamte sowjetische Modell des Aufbaus des Sozialismus,<br />

das auf die Blockstaaten übertragen worden war, in noch größeren<br />

Mißkredit unter <strong>der</strong> Bevölkerung. Natürlich schrieb man einen Großteil <strong>der</strong><br />

Verantwortung den polnischen Kommunisten zu […], sank die Autorität <strong>der</strong><br />

PVAP stark, wurde ihre Politik generell in Frage gestellt.« 140<br />

Innerhalb des Zentralkomitees gab es Fraktionskämpfe über die einzuschlagende<br />

Politik, und allmählich entstand die For<strong>der</strong>ung nach Rehabilitierung<br />

des früheren Parteichefs Gomulka, <strong>der</strong> fast vier Jahre in Haft war. Von<br />

diesen Kämpfen profitierte vor allem die Presse, die sich Freiräume erobern<br />

konnte und in kurzer Zeit eine politisierte Öffentlichkeit erzeugte, die immer<br />

stärker nach demokratischen Verän<strong>der</strong>ungen verlangte.<br />

In dieser Zeit kam es in Poznań zu Arbeitsnie<strong>der</strong>legungen, Demonstrationen<br />

und einem Aufstand. 141<br />

II. Tschechoslowakei 142<br />

Eine gänzlich an<strong>der</strong>e Entwicklung vollzog sich im Nachbarstaat Tschechoslowakei<br />

(ein Land, das sozialökonomisch eher <strong>der</strong> DDR als Polen glich).<br />

Auch hier gab es seit dem Machtantritt <strong>der</strong> Kommunisten im <strong>Februar</strong> 1948<br />

einen handfesten Stalinismus, <strong>der</strong> die gewachsene Gesellschaft mit ihren<br />

bürgerlichen Traditionen völlig zerstörte. Von <strong>der</strong> Sowjetunion in die Rolle<br />

einer östlichen Großmacht im Maschinenbau und in <strong>der</strong> Rüstungsindustrie<br />

gezwungen, verschlechterte sich <strong>der</strong> Lebensstandard <strong>der</strong> Bevölkerung, bis es<br />

1953 zu einer Krise kam – vergleichbar mit <strong>der</strong>jenigen in <strong>der</strong> DDR. Die Unzufriedenheit<br />

in <strong>der</strong> Bevölkerung entlud sich hier ebenfalls in Streiks (Juni<br />

1953) in 128 Betrieben, in Demonstrationen in einigen Städten, schließlich<br />

139 P. Machcewicz: <strong>Der</strong> Umbruch <strong>1956</strong> in Polen, in: Foitzik: Entstalinisierungskrise, S. 14<strong>2.</strong><br />

140 Ebenda, S. 143.<br />

141 Zur weiteren Entwicklung siehe das 4. Kapitel.<br />

142 Dieser Abschnitt beruht im wesentlichen auf folgenden Arbeiten: J. Pelikan: Das Echo<br />

des <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong>es <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong> in <strong>der</strong> Tschechoslowakei, in: Crusius / Wilke: Entstalinisierung;<br />

D. Beyrau / I. Bock (Hg.): Das Tauwetter und die Folgen. Kultur und Politik in<br />

Osteuropa nach <strong>1956</strong>, Bremen 1988; Foitzik: Die parteiinterne Behandlung <strong>der</strong> Geheimrede<br />

<strong>Ch</strong>ruschtschows auf dem <strong>XX</strong>. <strong>Parteitag</strong> <strong>der</strong> <strong>KPdSU</strong>, in: Kircheisen: Tauwetter ohne<br />

Frühling; K. Kaplan: Die Ereignisse des Jahres <strong>1956</strong> in <strong>der</strong> Tschechoslowakei, in:<br />

Hahn / Olschowsky: Das Jahr <strong>1956</strong> in Ostmitteleuropa; J. Madry: Entscheidungsfindung<br />

in <strong>der</strong> Tschechoslowakei nach Stalins Tod, in: Foitzik: Entstalinisierungskrise.<br />

127

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