Lügen, dass es kracht - Claudia Kemfert

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Lügen, dass es kracht - Claudia Kemfert

T i T e l

Lügen, dass

es kracht

Keinem wichtigen Vorhaben dichten Lobbyisten so viel an wie der Energiewende:

Sie kommt überstürzt! Macht uns arm! Zerstört die deutsche Industrie! Reißt uns ins

dunkle Chaos! Höchste Zeit, mit den Mythen über ein gutes Projekt aufzuräumen

Von Claudia Kemfert

14 Cicero 2.2013 2.2013 Cicero 15


T i T e l

a

ngela Merkels Fehler ist niemandem

aufgefallen. Die Korrespondenten

bemerken ihn nicht.

Sie sitzen vor der Kanzlerin in

Berlin auf der jährlichen Pressekonferenz

und fragen alle wichtigen innenund

außenpolitischen Themen ab, auch die

Energiewende. Später wird in den Medien

viel die Rede davon sein, wie Merkel im

siebten Jahr ihrer Amtszeit in sich ruht, wie

souverän sie das Corps der versammelten

Journalisten mit ihren Gesten dirigiert hat

am 17. September 2012, jenem Montagmorgen,

an dem sie auch diese Sätze sagt:

„Ich bin davon überzeugt, dass wir die Energiewende

schaffen. Wir haben ja erst ein

Jahr hinter uns und noch zehn, elf Jahre,

in denen wir die Ziele erreichen können,

die wir uns gesteckt haben.“

Noch zehn, elf Jahre? Ein echter Propaganda-Erfolg.

Und zwar von denen, die

die Energiewende verhindern wollen. Eine

der Behauptungen, mit denen sie derzeit

Wirkung erzielen, lautet: Der Zeitplan ist

zu eng, bis 2022 schaffen wir den Umbau

der Energieversorgung nicht. Angela Merkels

Fehler zeigt: Es wirkt, wenn Lobbyisten

Unwahrheiten gebetsmühlenartig wiederholen.

Es ist wie mit der Werbung. Wir

halten uns für aufgeklärte, selbstbestimmte

Konsumenten. Doch es stimmt nicht, das

Unterbewusstsein nimmt die Botschaften

auf, die uns von jedem Plakat entgegenleuchten,

und am Ende beeinflussen sie unser

Kaufverhalten. Im Konzept zur Energiewende

sind Ziele zum Ausbau erneuerbarer

Energien formuliert, die sich auf das Jahr

2050 beziehen – auf 2050! Doch selbst

die Kanzlerin, die das Konzept mitverabschiedet

hat, glaubt inzwischen, es seien

nur noch zehn, elf Jahre Zeit. Die Wahrheit

ist: Bis Ende 2050 sind es noch 38 Jahre.

angesichts von Ressourcenknappheit,

Atomgefahren und Klimawandel, die

uns bedrohen, ist die Energiewende ein

sinnvolles, ein dringend notwendiges Projekt.

Es ist höchste Zeit zu handeln. Zumal

die Energiewende auch ein nützliches

Projekt ist, von dem die deutsche Volkswirtschaft

profitiert. Denn der Umbau

unserer Stromversorgung ist mit gewaltigen

Impulsen für die Wirtschaft verbunden

und lässt dabei die Brennstoffkosten

sinken. Und schließlich ist die Energiewende

ein erfolgreiches Projekt: Vieles

von dem, was vor wenigen Jahrzehnten

Claudia Kemfert zählt zu den renommierten

Fachleuten für Energie und Klimaschutz

in Deutschland. Die 44 Jahre alte

Ökonomin leitet die Energieabteilung am

Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

in Berlin. Zudem ist sie Professorin

an der Hertie School of Governance.

Kemfert ist parteilos, trat jedoch 2011

im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen

für den CDU-Kandidaten Norbert

Röttgen als Schatten-Energieministerin

auf. Sie studierte Volkswirtschaft an

den Universitäten Bielefeld, Oldenburg

und im kalifornischen Stanford

noch im Reich grüner Utopien gesehen

wurde, gehört heute zum Alltag. Saubere,

grüne Energie ist technisch machbar und

wirtschaftlich bezahlbar geworden.

Deutschlands Energiewende, ein sinnvolles,

nützliches und erfolgreiches Projekt?

Wer die eigene Meinungsfindung auf das

gründet, was die Medien täglich berichten,

hat vermutlich ein ganz anderes Bild im

Kopf: teuer, riskant, zum Scheitern verurteilt.

Warum ist das so? Und wer hat recht?

Zunächst einmal: Es geht um Dinge

wie Brennstoffe, Stromleitungen, Kraftwerke.

Dinge, die wir gewohnheitsmäßig

kaum beachten. Nur viel zu wenige

Menschen können den Betrag ihrer jährlichen

Stromrechnung benennen. Doch das

Thema grüne Energie polarisiert, und die

Debatten darum sind in einer Weise emotional

aufgeladen, die angesichts ihres prosaischen

Inhalts überrascht. Dabei ist die

Geschichte der ökologischen Bewegung

eine schwere Hypothek. Wer sich offen für

grüne Ideen ausspricht, macht sich auch

heute noch eines träumerischen Ökoidealismus

verdächtig. Kann man für die Energiewende

sein, ohne als wirtschaftsferner

Realitätsverweigerer zu gelten? Kann man

ihre Umsetzung sachlich-konstruktiv kritisieren,

ohne gleich das ganze Projekt infrage

zu stellen? Und schließlich: Ist die

Energiewende so schlecht wie ihr Ruf, oder

hat sie in erster Linie ein Imageproblem?

in den vergangenen Monaten hat sich

eine politische Auseinandersetzung um die

Energiewende entwickelt, die nicht eben zu

ihrem Gelingen beiträgt. Ein Kampf um

Strom tobt, und es ist zu befürchten, dass

dieser dem begonnenen Prozess des Energieumbaus

schadet. So wurde der deutschen

Energiepolitik vor kaum zwei Monaten

auf der Weltklimakonferenz in Doha

bescheinigt, dass die grüne Energiepolitik

nach anfänglichen Erfolgen von ihrem

Weg abgekommen ist; es drohen Stagnation

und Rückschritte. Inzwischen scheint

das von den Medien kolportierte Bild gar

nicht mehr so falsch: An manchen Stellen –

nicht an allen! – herrscht Chaos, und wir

können noch scheitern. Ein erster Erfolg

derer, die sich mit aller Macht gegen die

Energiewende zur Wehr setzen.

Gegen den Energieumbau stellen sich

in erster Linie jene, die von der bisherigen

Energieversorgung am meisten profitieren:

große Konzerne, für die jeder

Landwirt mit einem Windrad auf dem

Feld Konkurrenz bedeutet. Denn die Herausforderungen

liegen nicht allein in der

Umstellung auf neuartige Energiequellen,

sondern auch in einer damit einhergehenden

Neustrukturierung des Energiemarkts.

Neue Mitspieler treten auf den Plan und

machen den herkömmlichen Anbietern

ihre Pfründe streitig. Das kann nicht jedem

gefallen; insbesondere die Betreiber

von Atom- und Kohlekraftwerken haben

sich diesem Prozess deshalb von Anfang an

widersetzt. Ihr Kundenstamm schrumpft

stetig, da sich inzwischen ganze Dörfer mit

Sonnenkollektoren auf den Dächern oder

durch die Energiegewinnung aus Biomasse

selbst versorgen.

Die Gegner der Energiewende haben

Macht. Ein halbherziger Versuch, den

Strommarkt zu liberalisieren, hat in den

neunziger Jahren zur Entstehung weniger

großer Energieversorgungsunternehmen

geführt, die den Markt fast vollständig

unter sich aufteilten und so zu einem

wirtschaftlichen Schwergewicht werden

konnten. Diese starke Position ermöglicht

es ihnen heute, sich durch Lobbyarbeit und

Fotos: A1Pix/Your Photo todAY (seiten 14 bis 15), horst GAluschkA/Picture AlliAnce/dPA

willige Handlanger in der Politik dem entgegenzustellen,

was die Regierung längst

beschlossen hat. So tobt der Kampf um

Strom auf verschiedenen Ebenen. Da ist

vor allem die Politik: Im Schatten der

Lobby alteingesessener Energieriesen

konnte sich ein Umweltminister, der sich

mit einem allzu grün anmutenden Programm

vorwagte, nicht lange halten. Seinem

Nachfolger im Amt, Umweltminister

Peter Altmaier, gab der Bund der Industrie

kurz nach seinem Antritt den Rat, er solle

bloß nicht „den Röttgen machen“. Seither

werden seine Bemühungen, die Energiewende

aus der eingetretenen Stagnation

wieder herauszuführen, vom FDP-geführten

Wirtschaftsministerium blockiert – was

zuletzt nicht nur von aufmerksamen Journalisten,

sondern sogar einem Gremium

aus vier Regierungsberatern, die das Projekt

seit Oktober 2011 begleiten, kritisiert

wurde. Halten wir uns das vor Augen: Ein

Teil der Regierung leistet offenen Widerstand

gegen den Fahrplan zur Energiewende,

der von derselben Regierung nur

zwei Jahre zuvor beschlossen und in die

Wege geleitet wurde.

Die Auseinandersetzung wird auch in

den Medien ausgetragen. Im September

steht die Bundestagswahl an, und darauf,

dass die FDP sich in der Regierung halten

wird, möchte niemand wetten. Deshalb

reicht es der alten Energielobby nicht,

in den Hinterzimmern von Ministern und

Abgeordneten die Fäden zu ziehen. Es gilt,

die Bevölkerung umzustimmen. Die sprach

sich bis Mitte des Jahres 2012 noch mit

großer Mehrheit für die Energiewende aus.

Womit wir wieder beim Bild wären, das

in der Öffentlichkeit über die Ökostromwende

kursiert. Was könnte die Bevölkerung

umstimmen? Sie muss das Vertrauen

in das Projekt verlieren. Zuschreibungen

wie „sinnvoll, nützlich, erfolgreich“ müssen

ins Gegenteil verkehrt werden.

eine schwierige, aber keine unlösbare

Aufgabe. Denn, wir haben es am eingangs

zitierten Beispiel der Kanzlerin gesehen:

Wenn man Falsches oft genug wiederholt,

setzt es sich irgendwann in den Köpfen

fest. Aus Behauptungen wie der, die Energiewende

sei mit nur zehn, elf Jahren ein

zu hastig gestricktes Programm – obwohl

es in Wahrheit noch 38 Jahre sind –, entstehen

fest verankerte Glaubenssätze aus

Halb- und Unwahrheiten. Auf diese Weise

droht sich ein mutiges und in seinen Dimensionen

gewaltiges Zukunftsprojekt

in ein Menetekel zu verwandeln: Stoppt

die wahnsinnige Ökopolitik, sie wird uns

in den Untergang treiben! Dabei werden

die meisten der Falschaussagen, die solche

Ängste schüren, bewusst von jenen gestreut,

die die Energiewende im eigenen Interesse

zu torpedieren suchen.

BrauCht die

energiewende ein

tempolimit?

Es geht zu schnell, lautet einer der Vorwürfe,

Mahnungen nach einem Tempolimit

werden laut. Dabei liegt hier im doppelten

Sinne ein Missverständnis vor: Zum

einen beziehen sich die noch vor uns liegenden

zehn Jahre auf das Datum 2022, zu

dem die endgültige Abwicklung der Atomenergie

geplant ist. Die Ziele der Energiewende

– 80 Prozent der Stromversorgung

aus erneuerbaren Energien und die Reduktion

der Treibhausgasemissionen um

80 bis 95 Prozent – sollen erst bis 2050

erreicht werden. Zum anderen: Das Hin

und Her von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb,

von Laufzeitenverlängerung zum schnellen

Ausstieg nach dem Reaktorunglück in Japan

hat tatsächlich den Eindruck eines hastigen,

unüberlegten Handelns hervorgerufen.

Das Konzept der Energiewende wurde

jedoch schon vor Fukushima geplant und

verabschiedet, mit einer panikartigen Reaktion

hat es nichts zu tun. Man muss es

immer wieder richtigstellen: Der Atomausstieg

und die Energiewende sind nicht

dasselbe – im Gegenteil. Als das Konzept

zur Energiewende von der schwarz-gelben

Koalition im Oktober 2010 beschlossen

wurde, verlängerte sie zugleich die Laufzeiten

der Atomkraftwerke. Eine Entscheidung,

die sie nur deshalb rückgängig

machte, weil die Zustimmung zur Atomenergie

in der Bevölkerung nach den Ereignissen

in Japan wegbrach.

Ein „Tempolimit“, ein langsamerer

Ausbau der erneuerbaren Energien, würde

der Energiewende schaden, was manchen

gelegen käme. Wenn der Ökostrom nicht

so bald kommt, nutzt das den Betreibern

von Kohlekraftwerken. Solange nämlich

aus Altersgründen stillgelegte Kraftwerke

und abgeschaltete Atommeiler nicht durch

erneuerbare Energien ersetzt werden können,

müssen neue Kohlekraftwerke gebaut

werden, um die Stromversorgung zu

sichern. Diese haben jedoch eine Lebensdauer

von 40 bis 60 Jahren. Sind sie erst

einmal gebaut, besteht für den unbegrenzten

Zubau von grünem Strom keine wirtschaftliche

Notwendigkeit mehr. Das ist

gut für die Betreiber von Kohlekraftwerken.

Die von der Bundesregierung ebenso

wie von der EU angestrebte spürbare Reduktion

der Treibhausgase würde damit jedoch

in weite Ferne rücken.

Bringt die

energiewende uns

planwirtsChaft und

soziale Verelendung?

Hinter den vorgeblich sachlichen Diskussionen

um die Energiewende und um

ihre bestmögliche Umsetzung verbergen

sich oft handfeste Interessen. Wäre grüner

16 Cicero 2.2013 2.2013 Cicero 17

illustrAtionen: JAn rieckhoFF


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Strom langfristig unbezahlbar, gäbe es das

Projekt Energiewende nicht. Natürlich

sind es nicht Sonnen- und Windenergie,

die zur sozialen Verelendung führen. Dieses

Argument entlarvt sich in seiner Fadenscheinigkeit

schon dadurch, dass es

ausgerechnet von der FDP vorgetragen

wird. Soziale Gerechtigkeit ist keine Frage

der Energiepolitik, auch in Bezug auf die

Strompreise nicht, sondern eine Frage der

Lastenverteilung – hier geht es nicht darum,

was wir bezahlen, sondern wer zahlt. Dabei

kann man in der Tat Ungerechtigkeiten

feststellen, die jedoch an der Steuer- und

Subventionspolitik, nicht aber der Art unserer

Energieversorgung festzumachen sind.

Noch fadenscheiniger ist es, das Erneuerbare-Energien-Gesetz

– das maßgebliche

Instrument zur Förderung der erneuerbaren

Energien – als „Planwirtschaft“ zu verunglimpfen.

Es ist schlicht Heuchelei zu

behaupten, seine Abschaffung sei die Voraussetzung

für eine besser organisierte

Stromversorgung. „Mehr Markt, weniger

Staat“, fordern die Kritiker des EEG und

schlagen ein alternatives marktregulierendes

Instrument vor, die sogenannte Quotenregelung,

die sie als das marktwirtschaftlichere

Modell anpreisen.

doch genau das gegenteil ist der Fall:

Eine Quote zur Förderung des Ökostroms

brächte nicht mehr Marktgerechtigkeit,

sondern käme vor allem den vier etablierten

Großkonzernen zugute. Während

das EEG jede produzierte Kilowattstunde

Ökostrom vergütet und damit fördert,

würde eine Quotenregelung bestimmte

Mengen grünen Stroms festsetzen, die jeder

Anbieter produzieren beziehungsweise

handeln müsste. Auf diese Weise, so hoffen

die Befürworter, würde nur der am billigsten

produzierte Ökostrom gehandelt, teurere

Produktionsverfahren hätten keine

Überlebenschance. Gut für den Verbraucher!

– prophezeien die Kritiker des EEG:

Das Quotenmodell führe zu niedrigeren

Strompreisen. Nun besteht der Sinn einer

Förderung aber gerade darin, technische

Innovationen so lange finanziell zu stützen,

bis sie marktwirtschaftlich werden und

sich damit selbst finanzieren. Wenn sich

eine Volkswirtschaft entscheidet, immer

nur die zu einem gegebenen Zeitpunkt billigste

Technologie zu unterstützen, mag das

kurzfristig niedrige Preise bringen. Doch

wer sich weigert, in zukunftsbringende

Technologien zu investieren, der verzichtet

von vorneherein auf die Teilnahme an

einem lukrativen Wettbewerb.

Tatsächlich hat sich das in anderen EU-

Ländern praktizierte Quotenmodell als innovationsfeindlich

erwiesen, darüber hinaus

wurde der Strom keineswegs billiger

für den Verbraucher. Die Erfahrung mit

der Quote in Ländern wie Großbritannien

zeigt: Sie macht es den etablierten Konzernen

leicht, kleinere Anbieter zu verdrängen

– und dem Verbraucher am Ende Bedingungen

und Preise zu diktieren. Wer die

Quote fordert, handelt nicht im Interesse

des Verbrauchers, sondern spielt den großen

Energieversorgern in die Hände. Anders

das EEG, das bereits heute zahlreichen

mittelständischen und kleinen Anbietern

zur Existenz verholfen hat und so dazu beiträgt,

das kartellrechtlich äußerst fragwürdige

Oligopol der großen vier allmählich

aufzuweichen. Und das zudem dafür sorgt,

dass Deutschland in ein bis zwei Jahrzehnten

über ein breites Spektrum an Technologien

zur Stromproduktion verfügen wird.

führt die

energiewende zu einer

deindustrialisierung

in deutsChland? und

fördern wir mit der

öKostromzulage die

solarBranChe in

China?

Indem das EEG kleine wie große Anbieter

gleichermaßen fördert, trägt es zu

Liberalisierung und mehr Vielfalt auf dem

Strommarkt bei. Insofern erstaunt es, dass

sich die wirtschaftsnahe FDP für die Quote

ausspricht, oder es erstaunt wiederum

auch nicht, sondern zeigt vielmehr, dass

die FDP ihre liberalen Ideen gerne hintanstellt,

wenn es darum geht, Interessen

etablierter Wirtschaftsmächte zu bedienen.

noch weniger nachvollziehbar wird die

Strategie der Energiewendegegner, wenn

sie behaupten, das Vorhaben führe zu einer

Deindustrialisierung in Deutschland.

Sicher, die Ökostromzulage, die auf den

Strompreis gezahlt werden muss, kann vereinzelt

bewirken, dass energieintensive Betriebe

wegen zu hoher Energiekosten im

internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen

geraten – hier sind Ausnahmeregelungen

nötig, die die Politik der Industrie ja

längst großzügig gewährt. Doch stehen vorübergehend

höhere Stromkosten im Verhältnis

zu den enormen Wachstumsimpulsen,

die von der Energiewende ausgehen?

Das Großprojekt des Energieumbaus

ist insbesondere für Deutschland ein Konjunkturmotor,

der gerade deshalb so rund

läuft, weil unsere Industrie hervorragend

aufgestellt ist. Wir können unsere Anlagen

selbst bauen, deshalb fördern wir mit

nahezu jeder Investition in neue Technologien

die eigene Wirtschaft. Der Bau

von Wind- und Solaranlagen, von neuen

Kraftwerken, der Ausbau der Netze, aber

auch die Gebäudesanierung und die Elektromobilität

stellen riesige neue Märkte

dar. Während jeder Euro, den wir für Öl

oder Gas ausgeben, in den Kassen ausländischer

Konzerne landet, kommen die

Gelder der Energiewende zu einem großen

Teil der deutschen, vor allem mittelständischen

und regionalen Wirtschaft

zugute und schaffen auf diese Weise neue

Arbeitsplätze. Tatsachen, die in krassem

Widerspruch zu den Unkenrufen stehen,

die Ökoenergie reiße uns finanziell in den

Abgrund. Anders als Maßnahmen wie die

„Abwrackprämie“ von 2009, die der schwächelnden

Autoindustrie helfen sollte und

deren Effekt nach drei Jahren bereits verpufft

ist, steht am Ende dieses Konjunkturprogramms

eine moderne, umweltfreundliche

Energieversorgung. Je mehr Länder

sich dem deutschen Vorbild anschließen,

desto größer werden die Möglichkeiten,

die hierfür entwickelte Technik zu exportieren.

Doch anstatt solche Entwicklungen

zu unterstützen, wettert man gegen die

illustrAtionen: JAn rieckhoFF

Teurer Ökostrom? Während die Kosten für

erneuerbare Energien sinken, werden Kohle und

Uran, Öl und Gas immer teurer werden

dafür notwendigen staatlichen Hilfen und

diffamiert überlebensnotwendige Investitionen.

Mit dramatischen Folgen, wie sich

am Beispiel der Solarbranche zeigt. Eine

Reihe von Pleiten hat hier in den vergangenen

Monaten dazu geführt, dass die Rufe

lauter wurden, man möge dieser Industrie

die Förderung streichen. Dabei liegt auch

hier ein großes Missverständnis vor, denn

die Pleiten wurden durch einen unerwarteten

Preisverfall verursacht, der gerade für

den Erfolg der Fotovoltaik spricht. Ausgerechnet

diese als unbezahlbar teure Luxusvariante

des Ökostroms geltende Technologie

wurde innerhalb der vergangenen

zwei Jahre so billig, dass sie nun eine wirtschaftliche

Alternative zu konventionellen

Energieträgern darstellt.

Auch bei Erfolg dauert es ein paar Jahre,

bis junge Industrien anfangen, Rücklagen

zu bilden. Wird ihnen die Unterstützung

zu früh entzogen, kann sie das bei der

kleinsten auftretenden Schwierigkeit ihre

Existenz kosten. Die staatliche Förderung

einer neuen Industrie verfrüht aufzugeben,

schadet unserer Volkswirtschaft. Auf diesem

Kurs droht tatsächlich eine Deindustrialisierung.

Genau für diesen Weg aber hat

die Regierung sich in Bezug auf die Solarbranche

entschieden.

in dieseM zusaMMenhang wird gerne behauptet,

Deutschland fördere mit jeder Kilowattstunde

Solarstrom die Solarindustrie

in China, die die benötigten Solarzellen billiger

herstellen und die deutsche Konkurrenz

damit aus dem Feld schlagen könne.

Das ist jedoch falsch: Da bei der Herstellung

der Fotovoltaikanlagen die Materialkosten

vergleichsweise hoch, die in

Deutschland überdurchschnittlich hohen

Produktions- und Lohnnebenkosten aber

vergleichsweise gering sind, können auch

in China Solarzellen derzeit – angesichts

des übersättigten Marktes – nur mithilfe

staatlicher Subventionen hergestellt werden.

Doch die Chinesen setzen auf diese

Zukunftstechnologie und fördern sie. Auch

in den USA wird in Solarenergie investiert,

wie die Entscheidung von Warren Buffett

für den 2,5-Milliarden-Dollar-Kauf einer

Groß-Solarenergieanlage in Kalifornien

deutlich macht. Nur in Deutschland verschlechtert

man die Bedingungen für Solarunternehmen,

indem man ihnen die Unterstützung

entzieht.

treiBt die

energiewende den

strompreis in die

höhe?

Die Diskussion um die Energiewende

wird von einer Reihe fester Verknüpfungen

begleitet, die manchmal verschleiern,

worum es in der Debatte eigentlich geht.

Da wäre die Verwechslung von Energiewende

und Atomausstieg. Da wäre die

unlösbare Verknüpfung der erneuerbaren

Energien mit dem politischen Erbe der

Grünen, mit ökoideologisch motivierten

staatlichen Eingriffen in einen vermeintlich

freien Energiemarkt. Und da wäre der

Strompreis. Sieht man sich diesen genauer

an, werden zwei Dinge deutlich: Der Energiemarkt

war nie frei von staatlichen Eingriffen,

und der Strompreis hängt nicht allein

an den Kosten der Stromproduktion.

Viele glauben, die Ökostromproduktion

verursache viel höhere Kosten als die

konventionelle Stromproduktion. Und

diese Mehrkosten seien es, die den Strompreis

in die Höhe trieben. Die erneuerbaren

Energien würden so zu einem Luxusgut,

das sich der Mittelstand gerade noch

leisten könne, das die Menschen mit niedrigem

Einkommen jedoch in den finanziellen

Ruin stürze. Hartz-IV-Empfänger,

die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen

können, werden von einer Talkshow

zur nächsten gereicht, um diese These zu

untermauern. Doch es ist nicht der grüne

Strom, der dem Hartz-IV-Empfänger zu

schaffen macht.

Vergleicht man die konventionelle mit

der ökologischen Stromproduktion, so ergibt

sich, sehr vereinfacht dargestellt, folgende

Rechnung: Konventionelle Stromproduzenten,

in erster Linie Atom- und

Kohlekraftwerkebetreiber, haben die Phase

der Investition hinter sich. Die teuren Meiler

sind gebaut, und nun folgen Jahrzehnte,

in denen sie Gewinne abwerfen. Die erneuerbaren

Energien hingegen befinden sich

noch in der Phase der technologischen

Entwicklung und der Investitionen. Anlagen

müssen gebaut, Möglichkeiten zur

Speicherung des Stroms und zu seinem

Transport geschaffen werden. Deshalb ist

die Stromproduktion aus konventionellen

Energiequellen zurzeit billiger als der grüne

Strom. In ein, zwei Jahrzehnten wird sich

diese Rechnung verändert haben. Die Kosten

für die Ökostromproduktion werden

sinken, je mehr Anlagen gebaut und je ausgereifter

die Technologien sind. Vor allem

aber wird sie dann ohne die zusätzlichen

Kosten auskommen, die bei konventionellen

Kraftwerkebetreibern für Brennstoffe

anfallen. Kohle und Uran, Öl und Gas kosten,

Sonne und Wind dagegen nicht.

Für die Gegenwart gilt: Durch die

Ökostromzulage, mit der wir die notwendigen

Investitionen in erneuerbare Energien

finanzieren, bezahlen wir im Moment

einen höheren Strompreis. Doch bereits

18 Cicero 2.2013 2.2013 Cicero 19


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inFograFik

Die NeueN Wege Des guTeN sTroms

Wie kommt der Wind als Strom in die deutschen Steckdosen? Wo fließt er hin? Wie war

der Energiemix früher, wie ist er künftig? Die Energiewende in Bildern und Zahlen

Netzentwicklungsplan

bis 2022

Düsseldorf

NorDsee

Neubau gleichstrom

Neubau Wechselstrom

Netzverstärkung Wechselstrom

startnetz (existierende Netze inklusive

24 schon 2009 beschlossene leitungen)

mainz

stuttgart

Quellen: statistisches bundesamt, bundesnetzagentur, Arbeitsgemeinschaft

energiebilanzen, bundesverband der energie- und Wasserwirtschaft, bMu

Hamburg

Hannover

osTsee

münchen

Berlin

Dresden

gewerbe,

Handel,

Dienstleistungen

15,5

Privathaushalte

Bevölkerungsdichte

einwohner pro km 2

905 – 4356

285 – 904

150 – 284

105 – 149

37 – 104

energieverbrauch nach

Verbrauchergruppen, 2011

Angaben in %

industrie

25,1

30

29,4

Verkehr

Brutto-energiemix

in Deutschland nach Jahren

Angaben in %*

2050: leitszenario

des Bundesumweltministeriums

2012

2000

1980

(nur Westdeutschland)

* Fehlende zur hundert = sonstige erneuerbare

steinkohle 2,7

Braunkohle 2,2

erdgas 1,3

Wasser 7

Wind 45,1

sonne 14,2

Kraft-Wärme-Kopplung

27,4

steinkohle 19,1

Braunkohle 25,6

Atomkraft 16

erdgas 11,3

Heizöl 6

Wasser 3,3

Wind 7,3

sonne 4,6

Biomasse 5,8

steinkohle 23,9

Braunkohle 27,1

Atomkraft 32,7

erdgas 6,7

Heizöl 2,2

Wasser 4,9

Wind 1,9

Biomasse 0,3

steinkohle 26,4

Braunkohle 30,4

Atomkraft 14,3

erdgas 17,4

Heizöl 5,8

Wasser 5,5

heute belegen zahlreiche Berechnungen,

dass diese Zulage bald nicht mehr steigen

und in ein paar Jahren sogar wieder fallen

wird. Bei den konventionellen Energien

verhält es sich genau umgekehrt. Während

sie derzeit noch vergleichsweise billig

sind, fallen insbesondere bei der Atomkraft

Entsorgungslasten an, die uns noch lange

nach Stilllegung der Meiler teuer zu stehen

kommen werden. Dasselbe gilt für die

durch den CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke

verursachten Umweltschäden. In

der Zukunftsperspektive werden die grünen

Energien billiger, die konventionellen

teurer. Doch deren zusätzlich anfallende

Kosten bildet der Strompreis nicht

ab. Und daraus ist entstanden, was in den

vergangenen Monaten in Presseberichten

als „Strompreislüge“ bezeichnet wurde.

die stroMpreislüge fußt auf dem Glauben,

der Preis, den wir für Strom bezahlen,

decke sich mit den Kosten der Stromproduktion.

Diese Annahme wiederum setzt

voraus, dass die konventionelle Stromproduktion

ohne staatliche Hilfen auskommt.

Dass dies nicht stimmt, ist lange

bekannt. Bereits 1988 veröffentlichte die

EU ein Gutachten, in dem bemängelt wird,

die Strompreise seien zu niedrig, was für

künftige Generationen zu stark steigenden

Strompreisen führen müsse. Doch als die

Energieversorger in den sechziger Jahren

zum Umrüsten auf die Atomenergie motiviert

werden sollten, erklärte der Staat sich

bereit, anfallende Kosten zu bezahlen. Bis

heute und in noch langer Zukunft wird

die teure Endlagerung des Atommülls aus

Steuern finanziert. Würde man diese Kosten

auf den Strompreis umlegen, würde der

konventionelle Strom im Vergleich zum

Ökostrom keineswegs besser abschneiden.

Für den Verbraucher besteht der eigentliche

Unterschied zwischen alter und neuer

Energie also vor allem darin, dass der Staat

sich aus der Förderung zurückzieht und

diese dem Stromkunden aufbürdet. Die

Diskussion über steigende Strompreise –

und über die sozialen Folgen – verfehlt ihr

Thema, solange sie um die Mär vom teuren

Ökostrom kreist. Sie müsste vielmehr von

der Frage handeln, wie weit der Staat sich

in der Energiewirtschaft engagieren und so

für bezahlbaren Strom sorgen sollte. Doch

der Staat, seit Jahrzehnten klamm, hat an

einer solchen Debatte das geringste Interesse.

Die Politik verheimlicht tunlichst,

dass der Staat sich nicht nur aus der Subvention

von Strom zurückzieht – die alten

Energien werden aus Steuern finanziert,

die neuen über den Strompreis –, sondern

an der steigenden Ökostromzulage auch

noch kräftig verdient: Obwohl Güter, die

zur Grundversorgung zählen, nur mit einer

Mehrwertsteuer von 7 Prozent belastet

sind, nimmt sich der Fiskus beim Strom

die vollen 19 Prozent. Es gäbe viele Wege,

die unteren Einkommen beim Strompreis

zu entlasten, ein Erlass der Mehrwertsteuer

wäre nur einer davon. Damit sind wir indessen

nicht mehr bei der Frage, was uns

der grüne Strom kostet, sondern wer ihn

bezahlt. Eine Entlastung der Privatverbraucher

scheint am wenigsten im Sinne der

Regierung: Sie befreit lieber eine zunehmende

Zahl von Industriebetrieben von

der Ökostromzulage und verteuert damit

den Strompreis für den Privatkunden.

führt die

energiewende ins

VersorgungsChaos?

Mit dem Bedrohungsszenario eines

Blackouts lässt sich die Angst vor Neuem

wunderbar schüren. Auch hier könnte man

von einer unseligen Verknüpfung sprechen,

denn wieder werden Ursache und Wirkung

in einen falschen Zusammenhang gebracht.

Im Zuge der Umstellung auf neue

Energiequellen verändern sich die Anforderungen

an die Stromnetze. Anders als

die konventionellen Kraftwerke produzieren

Wind- und Solaranlagen keinen gleichmäßigen

Output an Strom, sondern liefern

abhängig von den Wetterverhältnissen

20 Cicero 2.2013 2.2013 Cicero 21

inFoGrAFiken: esther GonstAllA; illustrAtion: JAn rieckhoFF


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Wer hat jahrelang nicht in die Netze

investiert? Die Energieversorger.

Wer zahlt jetzt? Die Verbraucher

schwankende Mengen. Mit den sogenannten

Smart Grids, den intelligenten Netzen,

lassen sich solche Schwankungen bereits

ausgleichen. Zudem ändern sich die

Standorte der Stromproduktion – Atomkraftwerke

im Süden weichen Windkraftanlagen

im Norden, an die Stelle von

Großkraftwerken treten zahlreiche kleine

Versorger –, und so sind auch neue Transportwege

notwendig. Insofern stimmt es:

Wenn wir unsere Versorgung auf Ökostrom

umstellen, müssen wir uns auch um die

entsprechenden Netze kümmern, im anderen

Fall drohen zwangsläufig Blackouts.

nun ist selbst die viel gescholtene Politik

nicht so blind, dass ihr das nicht klar wäre.

Auf nationaler wie auf EU-Ebene wird

seit langem an einer völlig neuen, EUweiten

Netzinfrastruktur gearbeitet. Nur

wurde dabei bisher die Rechnung ohne

den Wirt gemacht. Denn bis zum Jahr

2009 teilten die vier großen Energieversorger

RWE, Eon, Vattenfall und ENBW

das deutsche Stromnetz unter sich auf. Als

Besitzer allein zuständig für deren Instandhaltung,

beschränkten sie über Jahre hinweg

die dafür notwendigen Investitionen

auf ein Minimum und strichen so höhere

Gewinne ein. Mit dem Ergebnis, dass das

Durchschnittsalter der Höchstspannungsmasten

(380 kV) Anfang des Jahres 2008

bei 32 Jahren und das der Hochspannungsmasten

(220 kV) bei 50 Jahren lag. Das

Durchschnittsalter!

Die letzten größeren Stromausfälle, die

Deutschland erlebt hat, waren denn auch

ausschließlich auf diese Überalterung der

Stromleitungen zurückzuführen. Als nun

die Energiewende in Gang kam, saßen die

Energiekonzerne als Besitzer der Netze am

Schalthebel der Macht. Es war klar, dass

jede Verzögerung beim Netzausbau dem

Ökostromausbau schaden würde. Inzwischen

wurden die Netze auf Druck der

EU in eigene Gesellschaften ausgegliedert,

drei von ihnen in Tochtergesellschaften ihrer

vorherigen Eigentümer. Und was macht

22 Cicero 2.2013

die Politik? Anstatt die Netzbetreiber für

die entstehenden Schäden in Haftung zu

nehmen und dabei deutlich zu machen, wo

die Verantwortlichen für drohende Blackouts

zu suchen sind, einigt man sich in der

Bundesregierung darauf, dass die Verbraucher

zahlen: über höhere Strompreise.

Beim Umbau und der Erneuerung der

Netzinfrastruktur wurden wichtige Entscheidungen

viel zu lange verschlafen oder

bewusst blockiert. Das liegt nicht an der

Energiewende, sondern an einem Wirrwarr

aus Kompetenzen und Zuständigkeiten.

Beides gilt es in Zukunft aufzulösen.

Wie würde wohl Deutschlands Straßennetz

aussehen, läge die Aufsicht darüber

nicht zentral in einem Bundesministerium?

Und wie käme wohl der Netzausbau voran,

wenn die Ökostromproduzenten auch über

die Netze verfügten?

energiewende und

energiepolitiK

Der Umbau unserer Energieversorgung

stellt einen gewaltigen, hochkomplexen

und langwierigen Prozess dar, einen

Wandel auf allen Ebenen. Die Erzeugung

und vor allem der technisch aufwendige

Transport von Strom müssen vom privaten

Selbstversorger, der sich Solarzellen aufs

Dach baut, bis hin zu der komplizierten

Logistik einer europaweiten Verknüpfung

des Strommarkts koordiniert werden, woraus

am Ende ein neues Netz entsteht, in

dem nahezu jeder von jedem abhängig ist.

Bereits heute kann eine kaputte Leitung

in Niedersachsen Stromausfälle in Österreich

und bis nach Spanien verursachen.

Wir brauchen ein hervorragendes Management

dieses Vorhabens, das entschlossen,

mit viel Übersicht und noch mehr Weitsicht

handelt, um den Prozess des Energieumbaus

zu steuern. Die Energiewende ist

ein schwieriges Vorhaben. Aber die Antwort

auf die Grundfrage: Ökostrom – ja

oder nein? ist im Grunde unglaublich einfach.

Drei Fakten reichen aus, um den Kern

der Zusammenhänge zu verstehen.

Erstens: Fossile Ressourcen wie Öl, Gas

und Kohle sind endlich. Sie werden knapper,

und irgendwann wird der weltweit

steigende Energiebedarf durch sie nicht

mehr zu decken sein. Große Länder wie

Indien und China, in denen erst allmählich

eine vollständige Industrialisierung stattfindet,

werden ihren Energieverbrauch in

den nächsten Jahrzehnten noch gewaltig

steigern.

Zweitens: Das Verbrennen fossiler Ressourcen

verursacht Treibhausgase, die das

Klima gefährden. Trotz alarmierender Warnungen

steigen jedoch auch die weltweit

produzierten Treibhausgase immer noch an.

Drittens: Erneuerbare Energien versprechen

akzeptable Lösungen für beide

Probleme. Sie sind unendlich – Sonne und

Wind gibt es immer –, und sie verursachen

weitestgehend keine Treibhausgase.

„Energiewende“ und „Energiepolitik“

sind nicht dasselbe. Das eine ist die grundsätzliche

Entscheidung unserer Politik, die

Stromproduktion der Zukunft auf erneuerbare

Energien umzustellen. Das andere

ist die Umsetzung und Gestaltung dieses

Prozesses. Die Energiepolitik kann man

kritisieren, die Energiewende müssen wir

schaffen.

Claudia Kemferts Beitrag

für Cicero ist die Essenz ihres

Buches „Kampf um Strom.

Mythen, Macht und Monopole“,

das am 29. Januar im

Murmann-Verlag erscheint

illustrAtion: JAn rieckhoFF

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