Gesamtausgabe DJ 2010 - Deutschland Journal

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Gesamtausgabe DJ 2010 - Deutschland Journal

Deutschland-Journal

2010

Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e. V.


2

Kleine swg-Reihe, Heft 80

Blibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Redaktion: Prof. Dr. Menno Aden

Druck: Rautenberg Druck GmbH, 26789 Leer

ISSN 0944-324X

ISBN 3-88527-105-2


Zu dieser Ausgabe des Deutschland-Journals............................................................................................................................... 5

1. Teil Deutschland

1. Verbotene Siege 1940 – Compiègne und Dünkirchen

von Menno Aden ......................................................................................................................................................................... 7

2. Deutsche Nachkriegsmedien und die Umerziehung der Deutschen

von Ekkehard Zimmermann ................................................................................................................................................. 21

3. Geschichte im Korsett des politischen Strafrechts

Meinungsfreiheit im „freien Westen“

von Günter Bertram ................................................................................................................................................................ 31

4. Uwe Barschel – Richtigstellung eines Augenzeugen

von Rainer U. Harms ................................................................................................................................................................ 41

2. Teil Deutschland und die Welt

1. Deutsche Entdecker – Richard Kandt

und die Quellen des Nils ........................................................................................................................................................ 49

2. Bedingt abwehrbereit

von Reinhard Uhle-Wettler ................................................................................................................................................... 51

3. Deutschland – das Land der Deutschen und der Türken?

von Stefan Hug ......................................................................................................................................................................... 59

3. Teil Geschichte

1. Ihr Deutschen wollt wohl in allem die Größten sein – also auch bei Verbrechen

N.N. ................................................................................................................................................................................................ 67

2. Das blonde Kind - Aus dem Tagebuch des Bischofs von Oran

aus der Zeit des Algerienkrieges ........................................................................................................................................ 68

3. Der Geist des Warschauer Ghettos

von Karl-Heinz Kuhlmann ....................................................................................................................................................... 69

4. Eine Hinrichtung – A Hanging ............................................................................................................................................... 73

5. Lust am Leidem anderer ......................................................................................................................................................... 75

4. Teil Grundwerte

1. Die unaufhaltsame Islamisierung Europas

von Menno Aden ........................................................................................................................................................................ 77

2. Wiedervereinigung der christlichen Kirchen?

von Hinrich Bues ..........................................................................................................................................................................83

3. Gewissen und Verantwortung

von Lothar Groppe..................................................................................................................................................................... 85

5. Teil Bücher ................................................................................................................................................................................... 93

Zum Schluß ...................................................................................................................................................................................... 99

Inhalt

3


Zu dieser Ausgabe

des Deutschland-Journals

1. Teil Deutschland

Heimkehret fernher aus den fernen Landen,

in seiner Seele tief bewegt der Wanderer;

Er legt von sich den Stab und knieet nieder,

Und feuchtet deinen Schooß mit stillen Tränen,

O deutsche Heimat! – Woll ihm nicht versagen

Für viele Liebe nur die eine Bitte:

Wann müd am Abend seine Augen sinken,

auf deinem Grunde lass den Stein ihn fi nden,

darunter er zum Schlaf sein Haupt verberge.

Adalbert v. Chamisso

(1781–1838)

Chamisso schrieb dieses Gedicht im Oktober 1818,

als er nach einer mehrere Jahre währenden Welt- und

Entdeckungsreise auf einem russischen Schiff in Swinemünde

wieder deutschen Boden betrat. Dieses Gedicht

und seine Umstände regen uns an, unsere nationale Befi

ndlichkeit unter drei Gesichtspunkten zu überprüfen.

Erstens: Heimkehret fernher aus den fernen Landen

Chamisso war von einer russischen Forschungsreise

zurückgekommen, keiner deutschen. Der deutsche

Beitrag zur Entdeckung und Eroberung der Welt war

gering. Das Deckblatt dieser Ausgabe zeigt, wie vor

Beginn der Weltkriege die Macht auf der Erde verteilt

war. Es wird kaum jemals untersucht, welche mentalen

Folgen es für Deutschland hatte und bis heute hat,

daß wir an den Reichtümern der weiten Welt nicht

teilhatten, welche unseren Nachbarvölkern aus ihren

Untertanengebieten zufl ossen. Der höchst profi table

Sklavenhandel begründete den Reichtum und damit

die politische Bedeutung Englands. Es konnte daher die

Söldnerheere bezahlen, die es ihm seit etwa 1700 ermöglichten,

in und außerhalb Europas praktisch ununterbrochen

Kriege zu führen. Deutsche hatten mangels

eigener überseeischer Interessen kein Verständnis für

Welt-Macht bzw. Welt-Politik. Diese deutsche Welt-Ferne

und unsere politische Selbsteinschätzung haben sich

aber infolge der deutschen Siege über England und

Frankreich zum Besseren geändert. Darüber verhält

sich der Hauptaufsatz dieses Heftes Verbotene Siege

1940 – Compiègne und Dünkirchen.

Die Tatsache, daß wir auch 70 Jahre später diese

deutschen Siege nicht unverkrampft bewerten können,

ist auch eine Folge der von den USA an uns Deutschen

vollzogenen Umerziehung (re- education), welche Zimmermann

behandelt.

Zweitens: O deutsche Heimat! – Woll ihm nicht versagen/Für

viele Liebe…

Liebe für unser deutsches Vaterland? Wer hat sie –

der jetzige Bundespräsident etwa? Wer von unseren

Eliten? Diese Liebe wird uns heute nicht leicht gemacht!

Wer bekundet, Deutschland zu lieben, wird, wenn der

Betreff ende Bundespräsident Köhler ist, belächelt. Hat

er keine so hohe Stellung, wird er, wie der Unterzeichner,

wegen Volksverhetzung angezeigt, sobald er das

Wort Patriotismus in den Mund nimmt. So geschehen

in Potsdam, wo der Unterzeichner einen Vortrag über

Deutschen Patriotismus im heutigen Europa 1 hielt. Alles

ist erlaubt, wenn Deutschland geschmäht wird. Wer

aber an Deutschen begangene Schandtaten zur Sprache

bringen will, fi ndet in Deutschland kein Forum und

keinen Verlag.

Bertrams Beitrag Geschichte im Korsett des politischen

Strafrechts zeigt, wie etwa ab 1969 gegen alle verfassungsrechtlichen

Bedenken über den Volksverhetzungsparagraphen

§ 130 StGB und die dazu ergehende

Rechtsprechung ein Klima geschaff en wurde, welches

die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in gewissen

Bereichen aufhebt. Folgewirkung ist die Verfemung

von Menschen, die sich den Mund nicht verbieten lassen

wollen. Menschen werden regelrecht zerstört, nur

weil sie von ihrem Recht zur freien Meinungsäußerung

Gebrauch machten. Ein süddeutscher Juraprofessor

wurde mit einem Disziplinarverfahren überzogen, weil

er ein, inhaltlich übrigens nicht beanstandetes, Buch in

einem angeblich „rechten“ Verlag veröff entlichte. Der

Fall Sarrazin im September/Oktober 2010 ging für den

Tabubrecher letztlich glimpfl ich aus, weil der lauteste

ihm gemachte Vorwurf (Juden-Gen) ausgerechnet aus

Israel entkräftet wurde. Die Feigheit ist der unzertrennliche

Bruder der Politischen Korrektheit. Beide fi nden

ihre Opfer auch im demokratischen Rechtsstaat, wie

Harms im Fall Barschel darstellt.

1 Unverändertes Vortragsmanuskript kann eingesehen werden

unter: www.dresaden.de A IV Nr. 69

Zu dieser Ausgabe des Deutschland-Journals

5


Zu dieser Ausgabe des Deutschland-Journals

6

Drittens: Swinemünde

Der Dichter betritt deutschen Boden in Swinemünde.

Stettin und Umland wurden Monate nach dem

Kriegsende ethnisch gesäubert. Allein aus Swinemünde

wurden etwa 30.000 Menschen vertrieben, vergewaltigt

und ermordet. Niemals ist ein Pole wegen solcher

Gewalttaten vor ein Gericht gestellt worden. Der neue

polnische Staatspräsident hat sich anläßlich seiner

Vereidigung im August 2010 zu westlichen Werten

bekannt. Dazu gehören Wahrheit und die Bereitschaft

zur Wiedergutmachung. Davon ist weiterhin nicht die

Rede. Im Gegenteil. Der gehässige Grundton aus Polen

und der Tschechei scheint in demselben Maße zuzunehmen,

wie wir unsere Demutsgesten gen Osten steigern.

Der Verzicht auf ihren Sitz im Stiftungsrat für das

Vertreibungsdenkmal hat Frau Steinbach (MdB) nicht

genützt. Bartoschewski durfte sie weiter Blonde Bestie

nennen, und niemand nahm Anstoß, aber ein wütender

Protest wurde laut, als Frau Steinbach den Charakter

Bartoschewskis in Zweifel zog. Es erweist sich immer

wieder die uralte Wahrheit: Erlittenes Unrecht kann

das Opfer dem Täter vergeben. Zugefügtes Unrecht aber

verzeiht der Täter dem Opfer nie! Die Vertreiberstaaten

werden es uns nie verzeihen, daß sie auf Jahrhunderte

mit der Lüge leben müssen, Swinemünde sei polnisch,

das Stadtbild von Eger tschechisch, das von Marburg/

Drau slowenisch usw. Das müssen wir Deutschen endlich

einmal lernen!

2. Teil Deutschland und die Welt

Der deutsche Beitrag zur Entdeckung der Welt war

gering, aber ein Deutscher, Richard Kandt, hat eines der

seit der Antike berühmtesten geographischen Rätsel

gelöst und die Nilquellen entdeckt. Ein Auszug aus

seinem Buch Caput Nili erinnert daran.

Die Bundeswehr ist wohl die staatliche Einrichtung,

die am häufi gsten von sogenannten Reformen

heimgesucht wird. Die weitgehende Aufgabe der

deutschen Souveränität im Lissabonvertrag (2009) mit

der weitgehenden Zur-Verfügung-Stellung deutscher

Souveränität fi ndet in der militärischen Selbstaufgabe

unseres Staates ihre Fortsetzung. General a. D. Reinhard

Uhle-Wettler, Timmendorfer Strand, befi ndet, daß wir

nur noch Bedingt abwehrbereit sind.

3. Teil Geschichte

Im Deutschland-Journal 2009 wurden italienische

Kriegsverbrechen in Äthiopien behandelt. Es ist eine

immer öfter gestellte Frage, warum wir Deutschen

so erpicht darauf sind, die NS-Verbrechen als weltgeschichtliche

Singularität zu bezeichnen. Waren sie

das wirklich, oder liegen psychologische Mechanismen

zugrunde? Hierzu eine interessante Stimme aus

Frankreich. Zudem einige Beispiele, welche belegen,

dass die Neigung zu Verbrechen und Grausamkeit eine

menschliche Eigenschaft ist.

4. Teil Grundwerte

Mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab hat Th.

Sarrazin eine dringend nötige Diskussion angestoßen.

Unabhängig von völkischen Überlegungen steht die

wohl viel einschneidendere Gefahr der Islamisierung

Deutschlands und Europas vor unseren Augen. Die ist

wie in dem Aufsatz Die unaufhaltsame Islamisierung

Europas gezeigt wird, offenbar nicht mehr aufzuhalten.

Ein Lösungsansatz zur Stärkung des Christentums wird

dennoch zur Diskussion gestellt. Ein Beitrag von Groppe

Gewissen und Verantwortung führt uns auf dahin zurück.

5. Teil Bücher

Wir stellen vier Bücher vor. Zwei davon sind SWG-

Erzeugnisse. Das erste von H. Seubert betriff t die Zukunft

des Bürgertums. Das zweite wird von der SWG mit

herausgegeben und betriff t Fragen der 2010 bekannt

gewordenen Fälle von sexuellem Mißbrauch. Das Buch

von Kirsten Heisig ist bekannt – aber noch nicht bekannt

genug. Es wird hier besprochen. Der Fall Hohmann – Ein

deutscher Dreyfus ist in der 3. Aufl age erschienen, die

von Friedrich – Wilhelm Siebeke verantwortet wurde.

Man liest solche Dokumentationen über den Verfall

der Meinungsfreiheit in Deutschland nicht gerne, aber

man sollte.


1. Teil Deutschland

Verbotene Siege 1940 –

Compiègne und Dünkirchen

von

M. Aden

I. Ausgangspunkt

Der Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8./9.

Mai 1945 jährte sich 2010 zum 65. Male und führte zu

umfangreichen Siegesgedenkfeiern in den Staaten

unserer ehemaligen Feinde. Darüber wurde der 70.

Jahrestag der deutschen Siege über Frankreich und

England vergessen.

Das NS-Regime werden wir, zumal mit der Kenntnis

von heute, verwerfen. Die damals errungenen Siege

müssen nicht gefeiert werden; das werden sie auch

nicht. Anscheinend wurde ihrer aber gar nicht gedacht.

Deutschlands politische Entwicklung in den letzten

Jahrhunderten hat, wie folgend näher ausgeführt

werden soll, unseren politischen Blick derartig verengt,

daß wir über Deutschland, bestenfalls Europa, kaum

hinausschauen können. Die beiden Weltkriege erscheinen

uns daher nicht als Welt-kriege, sondern als eine

Art deutscher Sondervorstellung auf der Bühne der

Geschichte, mit der wir „durchgefallen“ sind. Wir können

Verlauf des Krieges und sein Ende nur mit deutschen

Augen sehen. Schon den asiatischen Krieg und die japanische

Niederlage sehen wir nur durch einen fernen

Schleier. Unter dem ausschließlichen Gesichtspunkt der

deutschen Niederlage 1945 sind alle damals errungenen

deutschen militärischen Erfolge mit den Worten E. v.

Mansteins nur verlorene Siege.

Das waren sie aber nicht. Es waren diese deutschen

Siege über Frankreich und England, welche die 1648

im Westfälischen Frieden an Frankreich und ab etwa

1700 zusätzlich an England verlorene politische Selbst-

bestimmung Deutschlands wiederherstellten und

letztlich dazu führten, daß Deutschland heute eine

seiner Bedeutung in der Weltpolitik entsprechende

Rolle spielen kann. Es waren diese Siege, welche die

Entkolonialisierung auslösten und die heutige multipolare

Weltordnung herauff ührten. Diese Siege haben

die Sowjetisierung Westeuropas verhindert und so

den Boden für den Umschwung von 1990 mit vorbereitet.

Das uns fast irritierende hohe Ansehen, welches

Deutschland in den ehemaligen Untertanenländern

Englands und Frankreichs genießt, ist im wesentlichen

eine Fernwirkung dieser deutschen Siege, besser dieser

englischen und französischen Niederlagen.

Diese Siege waren also nicht verloren. Man wird sie

eher verbotene Siege nennen, denn sie passen nicht in

das offi ziell gepfl egte Geschichtsbild. Dieses wird weiterhin

vom Selbstlob, insbesondere der Englischsprachigen,

geprägt, durch ihren Sieg über das Monstrum Hitler

die Welt gerettet zu haben. Politisch Korrekte werden

daher vor allem daran Anstoß nehmen, daß sich aus

den folgenden Überlegungen ergibt, Hitler habe dann

doch auch Gutes gezeitigt. Das ist bei dem heutigen

Meinungsklima in Deutschland für den Verfasser eines

solchen Aufsatzes in der Tat gefährlich, und es nützt

ihm wenig, wenn er hier und sonst bekundet, wie sehr

ihm das NS-Regime als eine geschichtliche Schande

unseres Vaterlandes erscheint. 2 Darauf kann man nur

vertrauensvoll mit Augustinus antworten, daß Gott oft

2 In Wikipedia sieht man z. B. unter dem Stichwort Menno Aden,

mit welcher Akribie in den Schriften des Verfassers nach Spuren

einer verbotenen Gesinnung gesucht wird.

1. Teil Deutschland

7


1. Teil Deutschland

8

das Böse zuläßt, um Gutes hervorzubringen – oder wie

Lessing sagt: Das Leid wird seinen guten Grund in dem

ewigen unendlichen Zusammenhange aller Dinge haben.

In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den wenigen

Gliedern, ... blindes Geschick und Grausamkeit scheinet. 3

II. Geschichtliche Voraussetzungen

1. Deutschland, der bequeme Nachbar

Deutschland war nach großen Anfängen unter Karl

dem Großen, über Höhen wie unter Otto d. Großen

und Friedrich Barbarossa, Niedergängen und Neuaufbrüchen

tausend Jahre später um 1800 zur politischen

Nichtigkeit herabgesunken. Es war ein harmloser, verschlafener

Bär, der keine politischen Ansprüche stellte

und sich wortlos alles gefallen ließ. Pufendorf schreibt

1667, also nach dem Dreißigjährigen Krieg, über den Zustand

Deutschlands: Die Größe und Stärke des Deutschen

Reiches könnte, wenn es eine monarchische Verfassung

hätte, für ganz Europa bedrohlich sein, aber es ist durch

innere Krankheiten und Umwälzungen so geschwächt,

daß es sich kaum selbst verteidigen kann. 4 Deutsche Eliten

begleiteten Deutschlands Weg in die Kümmerlichkeit

unbetroff en. Die völlige Zerstörung Deutschlands im

Frieden von Lunéville (1801), als das gesamte linke

Rheinufer, von Mainz bis Bonn und Aachen, an Frankreich

abgetreten wurde, scheint nicht einmal bemerkt

worden zu sein. Auch nicht von Friedrich Schiller, der

unter den zeitgenössischen Dichtern patriotischen Gefühlen

noch am ehesten Raum gab. Unserem Dichterfürsten

Goethe fi el zu diesem Epochenereignis nur das

Gedicht Hermann und Dorothea ein, welches die Flucht

der überrheinischen Deutschen vor den wilden Franken

zum Thema hat und in der Ermahnung an Hermann

gipfelt, nicht zu den Waff en zu eilen, sondern mit seiner

Dorothea brav Haus und Garten zu pfl egen.

Deutschlands Nachbarn im Westen hatten um 1800

die Welt entdeckt und erobert, und sein Nachbar im Osten,

Rußland, hatte nicht nur die deutschgeprägten ehemaligen

Ordenslande in Besitz genommen, sondern vor

allem Sibirien bis zum Pazifi k unter russische Herrschaft

gebracht. Plus Ultra – Weiter hinaus! war der Wappenspruch

des spanischen Königs Karl I. gewesen. Amerika

und die pazifi schen Inseln, und die noch ferneren nach

seinem Sohn benannten Philippinen waren unter sein

Zepter geraten. Als deutscher Kaiser Karl V. aber wurde

er von der Reformation und den immer deutlicheren

Teilinteressen der deutschen Fürsten zermürbt. Spanien

schaute über die Ozeane, Magellan umfuhr die

Welt, der deutsche Horizont aber blieb unverrückt. Er

wurde sogar enger. Nur noch selten ging er bis an die

3 Hamburgische Dramaturgie, zitiert nach: Reemtsma, Jan Ph.,

Lessing in Hamburg, C.H. Beck München 2007, S. 66

4 Pufendorf, Samuel, Die Verfassung des Deutschen Reiches (1667),

Reclam Nr. 966 (3) § 7.

Grenzen des Deutschen Reiches bzw. deutschen Kulturgebietes.

Noch zur Zeit des Deutschen Bundes blieb er

meist an den Grenzen des Fürstentums oder der Freien

Stadt hängen. Für seine Nachbarn war Deutschland

das Land, durch welches der romantische Rhein fl oß.

In Thackereys Roman Jahrmarkt der Eitelkeiten (Vanity

Fair, 1848) triff t die englische Reisegruppe am Rhein auf

ein harmloses Völkchen, wo auf der einen Seite der Adel

sitzt und weint und Strümpfe strickt, und auf der anderen

Seite die bürgerliche Welt; und seine Durchlaucht, der

Herzog und die durchlauchte Familie, alles sehr dick und

wohlwollend … (61. Kapitel). Mit ähnlichen Eindrücken

hatte auch Victor Hugo um 1850 den Rhein bereist und

in seinem Bericht Le Rhin festgehalten. Reiseberichte

über Deutschland von Skandinaviern 5 und Russen 6 aus

dieser Zeit lauten ähnlich.

Das Bild spießiger Enge im fi ktiven Reichsmarktfl ecken

Kuhschnappel, welches Jean Paul in dem um 1750

spielenden Roman Siebenkäs zeichnet, ist zwar literarisch

kostbar, aber unter politischen Gesichtspunkten

für uns peinlich und beschämend. In derselben Zeit

hatte England Frankreich aus Nordamerika und Indien

geworfen und dort seine Herrschaft etabliert. Das geschah

wesentlich mit deutschen Söldnern, die unter

Umständen angeworben wurden, die schon damals als

schändlich angesehen wurden. 7 England dirigierte ab

1700 die europäischen Kriege, auch etwa den Siebenjährigen

Krieg, und der große Preußenkönig Friedrich

erscheint bei näherem Hinsehen fast als Marionette

im englischen Spiel um das Gleichgewicht Europas.

England konnte das auf Grund seines Reichtums, den

es insbesondere als Marktführer des transatlantischen

Sklavenhandels erworben hatte. Dieser Reichtum wurde

dann durch den englischen Sieg über Frankreich im

Siebenjährigen Krieg, in Indien der 3. Karnatische Krieg

genannt, noch um die Schätze Indiens ergänzt.

Als bei uns nach vielen Mühen der Zollverein gegründet

wurde (1834), sah die Außenwelt wie folgt aus:

England vollendete die Eroberung Indiens mit der Einverleibung

Sindhs, des heutigen Pakistans; Frankreich

eroberte Algerien und begann, es zu besiedeln. In China

führte England die Opiumkriege (1840). Als Bismarck

sich im Frankfurter Parlament mit partikularistischen

Eitelkeiten abmühen mußte (1857), versuchten England

und Frankreich, China in ihre Botmäßigkeit zu bringen 8 ,

5 Vgl. Baggesen, Jens, Das Labyrinth – oder Reise durch Deutschland

in die Schweiz 1789

6 Die Beschreibung seiner Reise von 1789 bis 1790 durch Europa

von Nikolaus Karamsin (1766–1826)

7 Authentisch Goethes Promemoria v. 30. 11. 1784 wg. niederländischer

Werbungen im Herzogtum Sachsen- Weimar: Nr. 1: werden

für jeden Mann jährlich 50 thlr ... gezahlt. Usw. Die Empörung

darüber fi ndet literarischen Niederschlag z. B. bei Schiller, Kabale

und Liebe 2. Akt. 2. Szene: ... Juche nach Amerika! Oder in C.D.

Schubarts Kaplied betreff end von den Niederlanden für Südafrika

angeworbener Söldner.

8 In Tientsin, vor den Toren Pekings, hat der Verfasser noch die

damals von Franzosen gebaute Kirche besichtigen können. Notre


Rußland eroberte Mittelasien und gründete am Pazifi k

als Marinevorposten das heutige Wladiwostok. Als der

Deutsche Bund sich aufraff te, Holstein vor dem dänischen

Zugriff zu retten (1864), provozierte die junge

USA einen Krieg mit Mexiko und nahm alles Land von

Texas bis Kalifornien, wodurch sie ihr Gebiet auf einen

Schlag um fast das Doppelte vergrößerte. Von allen

deutschen Staaten, einschließlich Österreichs, hatte

nur das militaristische Preußen sein Gebiet vergrößert.

Es hatte nämlich 1853 dem Großherzog von Oldenburg

das Jadegebiet (heutiges Wilhelmshaven) abgekauft.

Die bedeutenden wissenschaftlichen Beiträge von

Deutschen, insbesondere ab 1750, sind hier nicht zu behandeln.

Sie mögen, was aber hier nicht auszuführen ist,

allerdings das Gegenstück der politischen Verdumpfung

Deutschlands sein. Wem der Weg in die Ferne versperrt

ist, sucht die Ferne eben in der Tiefe seines Innern.

2. Verteilte Welt

Auch 1860 waren wir immer noch nicht aufgewacht.

Deutsche Seefahrten fanden während all der Jahre auf

der Opernbühne statt. 1843 wurde Wagners Der fl iegende

Holländer uraufgeführt. Die wirklichen Holländer

aber waren, wie die Engländer, in ihren Kolonien reich

geworden, so reich, daß wir Deutschen wie der Handwerksbursche

in Kannitverstaan von J. P. Hebel nur mit

off enem Munde fragten, wie das möglich sei. Deutsche

Eroberungen in Übersee gab es nicht. Die 1720 nach nur

etwa 30 Jahren wieder aufgegebene brandenburgische

Kolonie Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana war

der einzige Versuch und lud nicht zur Wiederholung

solcher Abenteuer ein. Spätere Vorstöße in diese Richtung

verschwanden in den Akten. 9 Die Welt war unter

England und Frankreich weithin aufgeteilt. In Asien

gab es kaum noch einen Fußbreit, der nicht der Interessensphäre

einer dieser beiden zugerechnet wurde.

Davon merkten wir Deutschen gar nichts. Wir schauten

unbetroff en zu, wie das letzte deutsche Großreich, die

vom Vorarlberg bis Lemberg, von (heute) Dubrovnik bis

Krakau reichende Donaumonarchie unter den Nörgeleien

der Ungarn der Aufl ösung entgegentrieb. Deutsche

Politiker konnten niemals in den Kategorien denken,

in welchen sich die Gedanken der transkontinentalen

Imperien bewegten.

Auch Bismarck konnte off enbar nicht in großen Räumen

denken. Er hätte voraussehen müssen, auf welche

Widerstände das neue Deutsche Reich im Kampf um

seine europäische Selbstbehauptung stoßen würde,

wie isoliert es sein würde, sobald es (mit seinen Worten)

Dame des Victoires steht noch auf einer verwitterten Plakette

zu lesen.

9 Der spätere Held von Küstrin, Joachim Nettelbeck, der sich eine

Zeitlang in holländischen Diensten als Sklavenhändler in Westafrika

betätigt hatte, machte seinem König, Friedrich d. Großen,

1786 einen solchen Vorschlag, der aber unbeachtet blieb. Vgl.

Lebensbeschreibung des Seefahrers, Patrioten und Sklavenhändlers

Joachim Nettelbeck, verlegt bei Greno 1987

anfangen würde zu reiten. Er wußte aus den zahlreichen

diplomatischen Feilschereien, wie wichtig Tauschobjekte

waren, um die Interessen der Mächte auszugleichen

und abzuwiegeln. Er selbst war darin ein Meister. 10 Da

wir in Europa nichts zu vergeben hatten, wäre es von

Bismarck vorausschauend gewesen, sich in Übersee

Tauschobjekte zu besorgen. Frankreich hatte etwas

anzubieten, als es ein Bündnis gegen Deutschland

suchte. Für den Verzicht auf seine Option im Sudan

(Faschodakrise) bekam es die Entente Cordiale, aus

welchem der Ring um Deutschland geschmiedet wurde,

der 1914 platzte. Die späteren bettelnden deutschen

Bündnisangebote an England unter Kaiser Wilhelm II.

mußten schon deswegen scheitern, weil wir England

nichts anzubieten hatten, wie Niall Ferguson bemerkt.

Nicht Deutschland, sondern England war eigentlich der

geborene Feind Frankreichs. Die deutsch-französische

Feindschaft nach 1871 war im Grunde substanzlos und

beruhte wesentlich auf dem Streit um Elsaß-Lothringen.

Diese Feindschaft hätte vielleicht gegen England umgedreht

werden können, wenn Preußen/Deutschland im

Austausch gegen Straßburg Frankreich eine deutsche

Besitzung in Südamerika, Südafrika oder sonstwo hätte

anbieten können, oder besser noch, wenn umgekehrt

Deutschland 1871 im Frankfurter Frieden statt sich

Elsaß-Lothringen abtreten zu lassen, auf den Vorschlag

eingegangen wäre, Französisch-Indochina zu nehmen.

Bismarck konnte aber mit solchen Gedanken weder

politisch noch mental etwas anfangen.

Wie anders wäre die deutsche und somit die Weltgeschichte

verlaufen, wenn Bismarck, anstatt sich

mit den Nickeligkeiten der deutschen Kleinstaaterei

herumzuschlagen, um 1860 Hawaii 11 und Polynesien 12 ,

Neuseeland 13 , Ägypten 14 oder den ebenfalls noch freien

späteren belgischen Kongo für Preußen erobert hätte.

Deutschland hätte im europäischen und Weltkonzert

eine völlig andere Rolle gespielt. Die deutsche Einheit

war fällig. Sie wäre auch so gekommen. Bismarcks

Diplomatie und Moltkes strategisches Genie waren im

Grunde „Schüsse übers Grab“, nur (wenn auch gekonnt

plazierte) Fangschüsse auf das getroffene Wild der

deutschen Fürstenherrlichkeiten. Es ist heute nicht

darüber zu rechten, ob solche Ausgriff e für Preußen/

Deutschland im Ergebnis für Deutschland segensreich

gewesen wären. Unrealistisch wäre es nicht gewesen.

Die Niederlande konnten, wenn auch erst nach langem

Kriege, noch 1900 die Rieseninsel Sumatra ihrem

10 Vgl. die Art, wie er Napoleon III. das immer noch österreichische

Norditalien versprach, um ihn aus der deutschen Innenpolitik

herauszuhalten.

11 Am 7. Juli 1898 durch die Vereinigten Staaten annektiert.

12 Der Archipel fi el im März 1888 an Frankreich.

13 Bis 1860 war englische Herrschaft kaum präsent, es herrschten

anarchische Zustände.

14 Der Bau des Suezkanals (1870) machte das Land derart von

ausländischen Anleihen abhängig, daß die von Großbritannien

und Frankreich eingerichtete Staatsschuldenverwaltung zur

eigentlichen Regierung des Landes wurde. Zur Sicherung des

Verbindungsweges nach Indien erwarb Großbritannien die

ägyptischen Kanalaktien, besetzte 1882 das Land und machte

es 1914 formell zum Protektorat.

1. Teil Deutschland

9


1. Teil Deutschland

10

indonesischen Kolonialreich einverleiben. Selbst das

unbedeutende Belgien konnte sich noch 1885 das

gewaltige Kongobecken aneignen. Wenn Bismarck,

der Gastgeber der Kongokonferenz (1884/85), darauf

gedrungen hätte, wäre wohl uns diese reiche Kolonie

zugefallen. Aber wir Deutschen wollten nicht. Wir

konnten seit Martin Behaim (1490) zwar die Weltkugel

abbilden und seit Gerhard Mercator (1512–94) maßstabgerechte

Weltkarten zeichnen, wir konnten aber

nicht im Weltmaßstab denken.

III. Kampf um die Hegemonie in Europa

1. Fremde Mächte in Deutschland

Nicht nur in der Welt, auch in Europa war Deutschland

abgeschlagen. Der größte Block in Mitteleuropa

war bis 1870 Gegenstand, nicht Teilnehmer im Kampf

um die Hegemonie in Mitteleuropa. Deutschlands

Stellung um 1850 gegenüber den Mächten (Frankreich,

England, Rußland und mit Einschränkungen Österreich)

ähnelte der, in welcher sich China um 1900 gegenüber

den Großmächten befand: Halb-kolonial. Ein machtloses

politisches Gebilde, in welchem fremde Mächte

unkontrollierbare Sonderrechte hatten. England

besaß Hannover 15 und das 1807 eroberte Helgoland.

Dänemark hatte Holstein und Lauenburg. Schweden,

das sich im Westfälischen Frieden bedeutende Stücke

Norddeutschlands genommen hatte, besaß immer

noch gewisse Ansprüche auf Wismar. 16 Luxemburg, Teil

des Deutschen Bundes, schien Frankreich zuzufallen.

England hatte seit etwa 1700 im protestantischen

Deutschland prägenden Einfluß ausgeübt. Dieser

gründete sich politisch auf die Personalunion der

englischen Könige mit Hannover. Nach deren Beendigung

durch die Thronbesteigung von Königin Victoria

(1830) 17 wurde dieser Einfl uß neu begründet durch die

vom englischen Prinzgemahl Albert v. Sachsen-Coburg

arrangierte Heirat seiner, der englischen Königstochter

Victoria, mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich,

später Kaiser Friedrich III. Die zeitgenössischen Berichte

über diese Heirat erinnern an das Bild eines etwas unbeholfenen

Bräutigams, der „nach oben“ heiratet. Der Prinz

aus dem armen Preußen wird von dem viel reicheren

und vornehmeren englischen Königshaus als Schwiegersohn

in Gnaden akzeptiert, freilich in der deutlich

ausgesprochenen Erwartung 18 , daß er als künftiger

preußischer König den englischen Forderungen ebenso

geneigt sein werde, wie es Brandenburg-Preußen im-

15 Eigentlich war es umgekehrt: Der Kurfürst von Hannover besaß

die englische Krone.

16 Förmlich wurde Wismar mit Umland erst 1903 wieder Teil Deutschlands.

17 In Hannover war weibliche Erbfolge ausgeschlossen; in England

seit jeher möglich.

18 Vgl. Briefe des Prinzgemahls Albert an den preußischen König.

mer gewesen war. 19 Mit Selbstverständlichkeit redeten

Engländer in der Schleswig-Holstein-Frage mit und

gaben uns im Londoner Protokoll v. 1852 auf, was zu

geschehen habe. Bis heute scheint niemand zu fragen:

Was ging sie das eigentlich an?

Frankreich hatte sich unter Napoleon III. zu überraschender

Höhe erhoben. Die deutschen Kleinstaaten

nahmen daran Maß und suchten lieber dort Schutz vor

Preußen und Österreich, als in diesen deutsche Brüder

zu sehen. Frankreich griff wieder massiv in die querelles

allemandes ein und wirkte, diese zu verstärken. Es

konnte daran denken, das zu Deutschland gehörende

Luxemburg zu annektieren, spielte mit dem Gedanken,

sich Belgien zu nehmen, und die Rheingrenze – ja, die

war sowieso das Ziel, welches auch Victor Hugo trotz

grundsätzlicher Deutschfreundlichkeit in Le Rhin als

natürliche Forderung Frankreichs ansieht. Dieses Ziel

war wieder in erreichbare Nähe gerückt. Die französische

Hegemonie auf dem Kontinent war im Grunde

unangefochten.

Zu Rußland bestanden nicht nur in Preußen, sondern

in verschiedenen deutschen Kleinstaaten (Hessen, Oldenburg,

Mecklenburg, Sachsen-Weimar, Württemberg)

enge dynastische Beziehungen. Der mächtige russische

Zar stand als Schatten hinter den Partikularinteressen

seiner Vettern vor den eventuellen Übergriff en einer

etwa entstehenden Zentralmacht wie Preußen. An sich

war der Zar, als der reichere Verwandte, Preußen bis zum

Krimkrieg wohlwollend verbunden. 20 Er erwartete freilich

als Gegenleistung gewisse Freundschaftsdienste,

die Bismarck allerdings als Vasallenpfl ichten empfand.

Zar Alexander II. nahm es Preußen übel, nicht mit ihm

in den Krimkrieg eingetreten zu sein, obwohl es darin

nichts gewinnen konnte. 21

2. Deutschland als Kulturstaat ohne Macht

Die folgende Bemerkung aus dem Jahre 1942 von

Vansittart, einem der Haupttreiber gegen Deutschland

unter Churchill, kann nur völliger Nichtkenntnis

deutscher Verhältnisse zugeschrieben werden, denn

nicht einmal böser Wille kann sich derartig vergreifen:

Der Deutsche ... war immer der Barbar, der Bewunderer

des Krieges, der Feind – heimlich oder off en – der Menschenfreundlichkeit,

des Liberalismus und der christlichen

Zivilisation; und das Hitler-Regime ist kein zufälliges Phänomen,

sondern die logische Konsequenz der deutschen

Geschichte, des Deutschen in excelsis. Vansittart muß

19 Vgl. die Tagebücher des Bräutigams, des späteren Kaisers Friedrich

III.; auch die von Botschafter Schweinitz, damals Friedrichs

Adjutant.

20 Vgl. Tagebücher v. Schlözer; Botschafter v. Schweinitz u. a.

21 Das war eine ähnliche Konstellation wie 2003, als die USA erwarteten,

daß Deutschland im Irakkrieg für amerikanische Interessen

mitkämpfen würde. In beiden Fällen war die Folge eine nachhaltige

Entfremdung, die durch Rhetorik überdeckt wurde. Was damals

im Verhältnis Preußen/Deutschland zu Rußland die Beschwörung

der dynastischen Verbundenheit war, ist heute im Verhältnis zur

USA die ebenso hohle Berufung auf die sogenannte Atlantische

Wertegemeinschaft.


sich in dem Volk, das er meinte, vertan haben. Niemals

hat man von einem verantwortlichen Deutschen etwas

von der Art gehört, wie es der fromme John Ruskin

(1819–1900), der keinen Tag beschloß, ohne in der Bibel

gelesen zu haben, 1865 zu englischen Kadetten ausgedrückt

hatte: Nur im Schoße einer Nation von Kriegern

sind jemals auf Erden große Künste erblüht. Große Kunst

ist einem Volke nur möglich, wenn sie auf dem Schlachtfeld

gegründet ist. Derselbe, in seinem Vaterland bis heute

höchst angesehene Gelehrte, sagte 1870 in seiner Oxforder

Antrittsrede: Das ist es, was England tun muß, oder

es muß untergehen: es muß Kolonien gründen …es muß

von jedem Stück freier fruchtbarer Erde … Besitz ergreifen

und dann seine Kolonisten lehren, daß ihre Haupttugend

in der Treue zu ihrem Lande besteht, und daß ihr erstes

Streben sein muß, die Macht Englands zu fördern.

Deutschland hätte vielleicht auch gerne so gesprochen,

aber es hat nicht, und es konnte so auch nicht

sprechen. 1861 beklagte Hermann Schulze-Delitzsch,

der Mitbegründer des Genossenschaftsgedankens,

in einer Wahlrede zum Preußischen Landtag, daß

Deutschland trotz seiner kulturellen Höhe politisch so

völlig unbedeutend sei. Ein Jahr später, 1862, notierte

am fast entgegengesetzten Ende des politischen Meinungsspektrums

der spätere deutsche Reichskanzler

Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst in ganz ähnlicher

Weise: 22

Es gibt philosophische Sozialpolitiker, die sagen: die

Deutschen sind ein Kulturvolk, weniger berufen zum

Eingreifen in die äußeren Geschicke der Welt als zur

Pfl ege der geistigen Entwicklung und zur Lösung der

großen Fragen der Menschheit. Wer sich damit tröstet,

dem wünschen wir die Resignation der Juden … Zu

dieser Resignation haben wir es noch nicht gebracht. Wir

glauben, daß das deutsche Volk noch nicht so tief gesunken

ist, um sich mit dem Bewußtsein, ein Kulturvolk zu

heißen, über seine politische Machtlosigkeit zu trösten.

In diesem Jahre eroberte Frankreich Indochina, und

in Deutschland passierte immer noch nichts. Nur daß

Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten berufen

(23. Sept. 1862) wurde.

IV. Deutsches Reich

als der Neue in der Klasse

Am 18. Januar 1871 war Deutschland plötzlich da.

In den zeitnahen diplomatischen Berichten fällt auf,

daß die Wiederbegründung des Deutschen Reiches

anfangs kaum Aufmerksamkeit fand. Berichte von

Botschaftern aus den Tagen um und nach dem 18.

Januar 1871 erwähnen die Reichsgründung gar nicht

oder nur beiläufi g. In Wien hatte man sich damit seit

1866 abgefunden. In Frankreich hatte man ohnehin

andere Sorgen, u. a. tobte der mörderische Bürgerkrieg

22 Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe- Schillingsfürst,

1. Band, Deutsche Verlagsanstalt 1907

in Paris (Pariser Kommune), und auch in London wußte

man off enbar auch nicht so recht, was dieses neue

deutsche Kaisertum zu bedeuten habe. Anscheinend

war aber nicht einmal uns Deutschen bewußt, was da

eigentlich vorgegangen war. In privaten Äußerungen

fi ndet dieses Ereignis auch keinen rechten Niederschlag.

Beispiel sei Theodor Fontane, der Vaterlandsfreund und

Preuße schlechthin. In dem viele kleine und größere Begebenheiten

behandelnden Briefwechsel mit Mathilde

v. Rohr 23 schreibt Fontane am 15. 12. 1870 zwar vom

Kriege, u. a. von der baldigen Capitulation von Paris. Sein

nächster Brief v. 14. März 1871, keine zwei Monate nach

der Reichsgründung, betriff t nur persönliche Fragen.

Auch die weiteren Briefe dieses Jahres nehmen keinen

Bezug auf die Reichsgründung. Ebenso im Briefwechsel

mit seiner Schwester. Am 23. Dezember 1870 schreibt

er u. a. von Kriegsereignissen. Der nächstfolgende Brief

v. 2. März 1871 handelt aber nur von privaten Fragen.

Die folgenden Briefe dieses Jahres nehmen zwar auf

den Kriegsverlauf in Frankreich Bezug, aber von der

Reichsgründung ist keine Rede.

Ein Vergleich mit China heute bietet sich an. Die

romantisierende Befassung im Westen mit China und

seiner Jahrtausende alten Kultur wurde zum Staunen,

dann Bewunderung, und schlug letzthin (unter Anleitung

der englischsprachigen Presse) in immer lautere

Verdächtigungen um. 24 Chinas militärischer Aufbau

wird beargwöhnt, obwohl es noch weit entfernt ist, an

die militärische Macht der USA heranzureichen. China,

das in seiner langen Geschichte praktisch niemals einen

Eroberungskrieg 25 geführt hat, wird plötzlich von den

Mächten, die in ihrer sehr viel kürzeren Geschichte sich

hauptsächlich mit Eroberungskriegen beschäftigt haben,

verdächtigt, solche zu planen, und was man selber

in Afrika in zügelloser Weise getan hat, wirft man heute

China vor, nämlich zu versuchen, es zu kolonisieren.

So ähnlich widerfuhr es uns nach 1871. Das neue

Deutsche Reich hatte sich über Nacht aus dem politischen

Nichts erhoben. In kürzester Zeit war aus der nichtigen

deutschen Kleinstaaterei ein höchst dynamischer

Staat geworden. Die Überraschung war groß. Erst nahm

man gar nicht wahr, dass es uns wieder gab. Dann aber

schlug die herablassende, romantisierende Zuneigung,

welche Deutschland bis dahin bei seinen Nachbarn genossen

hatte, um. Der damalige Oppositionsführer und

spätere englische Premierminister Disraeli erkannte in

der Gründung des 2. Deutschen Reiches bald ein größeres

politisches Ereignis als die Französische Revolution….

Wir haben eine neue Welt. Das Gleichgewicht der Macht

ist völlig zerstört worden und das Land, das am meisten

darunter leidet und das die Auswirkungen dieses großen

23 Theodor Fontane, Briefe, Berlin, Propyläen Verlag

24 Die objektiv wohl berechtigten westlichen Klagen über fehlenden

Schutz der Menschenrechte in China übersehen oder wollen

übersehen, daß diese im heutigen China um ein Vielfaches besser

geschützt werden als jemals zuvor in der chinesischen Geschichte.

25 Die Eroberung von Tibet mag die Ausnahme sein. Aber Tibet verhält

sich zu China etwa so wie Irland zu England oder das Elsass

zu Frankreich.

1. Teil Deutschland

11


1. Teil Deutschland

12

Wandels am meisten spürt, ist England. 26 Das Deutsche

Reich wurde bei den bisherigen Mächten sofort ebenso

beliebt, wie China heute. So beliebt, wie es ein Neuling

in der Klasse immer ist, wenn er auch noch die besten

Noten schreibt.

Der Kreis derer, die uns Übles ansonnen, schloß sich

schnell. Die deutschblütige Königin Victoria hatte noch

einer direkt deutschfeindlichen englischen Politik im

Wege gestanden. Nach ihrem Tode (1901) war unter

ihrem Sohn Eduard VII. die Verbindung mit Frankreich,

welches seinerseits mit Rußland verbündet war, zur

entente cordiale, zum Ring um Deutschland geworden,

dem sich Rußland inoffiziell angeschlossen hatte.

Deutschland war rasch isoliert.

Die Welt war verteilt, zumeist an England. Außerhalb

Europas gab es praktisch keinen Seehafen, der nicht

direkt unter englischer, wie meistens, oder französischer

Herrschaft stand oder indirekt von diesen Mächten abhing,

wie Niederländisch-Indien, oder auf diese wegen

eigener Machtinteressen Rücksicht nahm wie Japan. Mit

wem sollten wir uns auch verbinden? Die Welt gehörte

England, direkt oder indirekt, und was ihm nicht gehörte,

befand sich in französischen Händen. Ausnahmen

waren Rußland und die USA, die selbst imperialistische

Zwecke verfolgten. Nur das Osmanische Reich war

noch nicht unter englischem Einfl uß. Als Deutschland

hier zaghaft mit der Bagdadbahn Fuß zu fassen suchte,

waren die englischen Verdächtigungen gleich da, so

daß das Projekt zum Stehen kam. Das Deutsche Reich

in seiner schimmernden Wehr hatte außerhalb Europas

kaum mehr Einfl uß als Preußen um 1850. Was in der

Welt geschah, geschah ohne (Besetzung Ägyptens) oder

gegen uns (Marokkokrise). Die Beteiligung an der Niederschlagung

des Boxeraufstandes war eine Ausnahme.

Das Ergebnis des 1. Weltkrieges hat uns von „geringem“

auf „keinen“ Einfl uß rückgestuft und insofern nicht viel

geändert. Deutschlands Einfl uß in Europa und der Welt

tendierte weiterhin gegen Null. So war es auch 1939.

V. Sieg über Frankreich

1. Compiègne

Nach der französischen Kriegserklärung am 3. September

1939 geschah wenig; drole de guerre – Scheinkrieg.

Frankreich plante off enbar keinen Angriff gegen

Deutschland. Einen Aufmarschplan für den von Hitler

off enbar nicht erwarteten Krieg mit Frankreich gab es

auch nicht. 27 Um diesen begann auf unserer Seite der

Streit. 28 Der deutsche Feldzug begann am 10. Mai 1940.

Er war strategisch überlegen geplant und in ungekannter

Präzision durchgeführt worden. Der Feldzugsplan

(Sichelschnitt) wird von angelsächsischen Militärhis-

26 Zitiert nach: Hinz, Th. Die Psychologie der Niederlage, Berlin 2010,

S. 50

27 Schramm, a. a. O., S. 42 E

28 Manstein, S. 91 ff .

torikern als genial gepriesen. 29 Hitler erkannte diesen

von Erwin v. Manstein erdachten Plan sofort in seiner

Genialität und setzte ihn um. 30 Der Erfolg war glänzend.

Die Blutopfer dieses Feldzuges waren, verglichen mit

den entsetzlichen Verlusten auf beiden Seiten während

des Ersten Weltkrieges, geradezu vernachlässigbar.

Am 22. Juni 1940 wurde im Wald von Compiègne

der deutsche Sieg über Frankreich mit dem Waff enstillstand

zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich

geschlossen. Hierdurch wurde ein Sieg besiegelt, wie

es ihn in der neueren europäischen Geschichte kaum

ein zweites Mal gibt. Vergleichbar wären allenfalls Jena

(1806) und Waterloo (1815). Der deutsche Sieg war nicht

nur ein militärischer, sondern er hatte eminent politische

Auswirkungen. Nach der Erniedrigung, welche

Deutschland insbesondere durch Frankreich im Frieden

von Versailles erdulden mußte, nach der brutalen

und unwürdigen Behandlung Deutschlands während

der jahrelangen Ruhr- und Rheinlandbesetzung, nach

jahrhundertelangen meist erfolgreichen Versuchen

Frankreichs, Deutschland politisch niederzuhalten und,

wie Napoleon gewollt hatte, in französische Vasallenstaaten

zu zerstückeln, war es Deutschland gelungen,

dem ständig an seinen Grenzen nagenden westlichen

Nachbarn eine völlige Niederlage zuzufügen. Der Krieg

war für Frankreich beschämend kurz. Die französische

Niederlage war auch eine geistige. Der amerikanische

Botschafter in Paris berichtete an Roosevelt: Die physische

und moralische Niederlage der Franzosen ist so vollständig,

daß sie sich völlig damit abgefunden haben, daß

Frankreich zur Provinz von Nazideutschland wird … Es ist

nur ihre Hoff nung, zur bevorzugten Provinz Deutschlands

(province favorite de l`Allemagne) zu werden. 31

Angesichts der allgemein anerkannten Großartigkeit

dieses Sieges fällt der Mangel an deutschem Triumphalismus

auf. Die kampfl ose Übergabe von Paris am 14.

Juni 1940 wurde nicht zu einer Siegesparade benutzt.

Der deutsche Eroberer legte vielmehr vor dem Grab des

Unbekannten Soldaten im Arc de Triomphe, der hauptsächlich

französische Siege über und in Deutschland

verherrlicht, einen Kranz nieder. Deutsche Einheiten

sind bis zum Abzug niemals durch den Triumphbogen

marschiert, sondern stets bescheiden im Bogen

darum herum. Auch die Frankreich auferlegten Waffenstillstandsbedingungen

sind ungewöhnlich milde.

Frankreich sollte nicht gedemütigt werden. Goebbels

schreibt am 22. Juni 1940 in sein Tagebuch: In Compiègne

ist alles vorbereitet … Frankreich steht off enbar vor

dem Zusammenbruch. Keine demonstrative Demütigung,

aber die Schmach vom 11. 11. 1918 muß ausgelöscht

werden … Kein Haß und keine Rache leiten uns. Aber die

Schmach von 1918 muß ausgelöscht werden. Darum

diese Zeremonie. Die Bedingungen werden ausschließlich

29 Churchill , Aufzeichnungen zu einer Rede im Brit. Unterhaus v.

20. Juni 1940: glänzende militärische Leistung Hitlers. - statt vieler:

Corrigan, S. 202 ff .

30 v. Manstein, S. 118

31 Zitiert bei: Michel, S. 218 aus dem Französischen von M. A.


von der deutschen Sicherheit diktiert und bestimmt von

der Tatsache, daß Frankreich England in seinem Kampf

gegen Deutschland nicht unterstützen darf und können

soll. Am 18./19. Juni 1940 hatten Hitler und Mussolini

zusammengesessen, um die Frankreich aufzuerlegenden

Waff enstillstandsbedingungen festzulegen. Der

italienische Außenminister Graf Ciano notiert aus diesen

Verhandlungen in seinem Tagebuch: Hitler … spricht

heute mit einer Mäßigung und einer Weitsicht, welche

nach einem derartig großartigen Sieg, wie er ihn errungen

hat, wirklich erstaunt. Ich stehe nicht in dem Verdacht

übermäßiger Freundschaft zu ihm, aber oggi veramente

lo ammiro – heute bewundere ich ihn wirklich.

Der Waff enstillstandsvertrag enthält in seinen 24

Artikeln Regelungen zur Demobilisierung Frankreichs

und zur Sicherung der deutschen Besatzungsmacht. Es

fi ndet sich kein Wort, keine Vorschrift, welche Frankreich

als demütigend empfi nden mußte. Es ist subjektiv verständlich,

wenn der französische General Huntziger die

Bedingungen impitoyable nannte, aber das will nicht

viel bedeuten. Der Kriegsschuldartikel im Versailler

Vertrag hatte uns Deutsche wie kein anderer empört

und dann auch wirtschaftlich ruiniert. Nichts davon

hier, obwohl Frankreich uns, und nicht umgekehrt den

Krieg erklärt hatte. Insbesondere hat es die Welt und

Frankreich mit Erstaunen erfüllt, daß darin kein Wort

über Abtretungen vorkommt, nichts über die Rückgabe

von Straßburg, kein Wort über Elsaß-Lothringen. 32

Die Waff enstillstandsbedingungen haben in der europäischen

Geschichte kaum eine Parallele, jedenfalls

nicht bei Napoleons Tilsiter Frieden (1807), und ein

Vergleich mit Versailles 1919 verbietet sich von selbst.

Diese Zurückhaltung ist allenfalls vergleichbar mit der

Bismarcks nach Königgrätz 1866 gegenüber Österreich

und im Frankfurter Frieden 1871 gegen Frankreich. Sie

war off enbar darauf berechnet, Vergangenes vergangen

sein zu lassen und mit Frankreich zu einem dauerhaften

Ausgleich zu kommen. Selbst Michel spricht von der

Mäßigung, der prudence de Hitler, welche der neuen

französischen Regierung von Vichy eine Reihe von

Freiheiten gelassen habe. 33

2. Frankreich danach

Das alte Deutsche Reich war ein kriegsscheuer Koloß

gewesen. Seit etwa 1550 war daher Frankreich die

militärische Vormacht Europas geworden. Spätestens

im 17. Jahrhundert unter Richelieu bzw. Ludwig XIII.

war es auch politisch in den Vordergrund getreten. Die

Eroberungskriege Ludwigs XIV. (sogenannter Pfälzer

Erbfolgekrieg), denen neben dem Heidelberger Schloß

zahlreiche Schlösser, Burgen und Gebäude an Rhein und

Mosel zum Opfer fi elen, wurden, wenn auch nicht mehr

unter dem Lilienbanner, von Napoleon fortgesetzt.

32 Michel, S. 159 f. – Der Führererlaß v. 2. August 1940 betr. Zivilverwaltung

in Elsaß und Lothringen bewirkte freilich eine allerdings

nie formal vollzogene Annexion.

33 Michel, a. a. O., S. 77

Frankreich konnte nicht alle seine Pläne durchsetzen,

blieb aber die beherrschende Größe in Europa und auch

im innerdeutschen Mächtespiel. Nach der Katastrophe

von Waterloo (1815) war es der diplomatischen Klugheit

Talleyrands im Verein mit Dummheit und Selbstsucht

der deutschen Fürsten gelungen, der Welt einzureden,

nicht Frankreich, sondern der inzwischen abgedankte

Napoleon habe diese Kriege geführt. Es sei ein Vergehen

gegen die Kultur, Frankreich dafür haftbar zu machen

und zu erniedrigen. England, hiervon weniger als von

dem Gedanken an das europäische Gleichgewicht geleitet,

schloß sich dem an. Frankreich blieb die beherrschende

Kraft in Festlandeuropa, und Deutschland, das

die Hauptlast der Kriege getragen hatte, war düpiert.

Auch die Niederlage von 1871 (Frankfurter Friede) hat

das nicht nachhaltig geändert. Frankreichs Prestige

war angekratzt, aber nicht vernichtet. Frankreich blieb

in Europa mindestens so einfl ußreich wie das neue

Deutsche Reich, und außerhalb Europas spielte es, wie

dargelegt, eine ungleich größere Rolle. Das Ergebnis

des von Frankreich gewünschten 1. WK konnte der Welt,

unter Hinweis auf seine hohen Blutopfer 34 als französischer

Sieg präsentiert werden. So blieb Frankreich auch

bis 1939 die diplomatische Vormacht in Europa. Erst die

Niederlage von 1940 nach einem nur sechswöchigen

Feldzug hat diese in Jahrhunderten aufgebaute französische

Überlegenheit vernichtet. Frankreich wurde

1945 zwar ein Platz auf der Siegerbank erlaubt, so wie

Italien 1940 nach „seinem“ Sieg über Frankreich neben

Deutschland auf dieser Bank Platz nehmen durfte, aber

es gehörte nicht dahin, und alle, auch Frankreich selbst,

wußten es.

3. Verlust der Weltgeltung

a. Indochina

Die überseeischen Besitzungen Frankreichs waren

nicht Gegenstand des Waff enstillstandsabkommens.

Die französische Regierung, nun in Vichy, übte daher

weiterhin die Hoheit über diese aus. Das militärische

Ansehen Frankreichs, die Basis seiner überseeischen

Herrschaft, war aber dahin, und damit seine herausgehobene

Weltgeltung. Die Folgen der Niederlage zeigten

sich sofort. Japan, das sich gar nicht im Kriegszustand

mit Frankreich befand, nutzte die französische Schwäche.

Nach einem japanischen Ultimatum vom Juni

1940 räumte Vichy-Frankreich Japan in Französisch-

Indochina (Vietnam, Laos, Kambodscha) militärische

Stützpunkte ein.

Zwischen 1893 und 1907 hatte Frankreich dem

Königreich Thailand in vier kurzen Kriegen mehrere

Provinzen entrissen und Französisch-Indochina eingefügt.

Nun nahm sich dieser politisch dritt- oder

viertrangige Staat heraus, gegen (die ehemalige

34 Wie später im 2. WK wurden die viel höheren russischen Blutopfer

irgendwie nicht gewertet.

1. Teil Deutschland

13


1. Teil Deutschland

14

Großmacht) Frankreich einen Krieg zu beginnen, um

diese Provinzen zurückzuholen (Ende 1940). Frankreich

konnte sich nicht mehr wehren. Sein Verbündeter im

Krieg gegen Deutschland, England, half ihm jedenfalls

nicht. Thailand gewann diesen Krieg, wenn auch mit

japanischer Hilfe. Damit war den unter französischer

Herrschaft stehenden Vietnamesen usw. das Signal

gegeben, diese Herrschaft abzuschütteln. Zunächst

hielt Japan dagegen, dessen erklärtes Ziel es war, Erbe

der europäischen Kolonialmächte in Asien, auch von

Niederländisch-Indien, zu werden. Nach dessen Niederlage

gegen die USA versuchte Frankreich zwar, die

Kontrolle in Indochina wieder aufzurichten. Der Bann

war aber gebrochen. Die Rückeroberung mißlang und

leitete in den blutigen und grausamen Indochinakrieg

über. Das militärische Ende der französischen Herrschaft

war mit dem Fall von Dien Bien Phu am 7. Mai 1954 gegeben.

Im Juli 1954 wurde es in Genf politisch besiegelt.

b. Algerien

Stora schreibt: La defaite francaise et l`etablissement

du régime de Vichy… – Die französische Niederlage

und die Regierungsübernahme durch das Vichyregime

… führten zur entscheidenden Phase der algerischen

Nationalbewegung. 35 Am 8. Mai 1945, dem Tag der

französischen Siegesfeier über Deutschland, zogen in

vielen algerischen Städten muslimische Algerier durch

die Straßen mit Spruchbändern A bas le fascisme et le

colonialisme – Nieder mit Faschismus und Kolonialismus.

So auch in Setif/Department Constantine. Die Polizei

schießt auf die Demonstranten. Darauf Unruhen in

verschiedenen Orten. Es kommt zu einem regelrechten

Krieg. Dörfer werden bombardiert. Der französische

General spricht von 15.000 Toten unter der algerischen

Bevölkerung, die algerische Nationalbewegung (FLN)

später von 45.000. Nichts war mehr wie zuvor (Stora

a. a. O.). Neun Jahre später brach der bis dahin schwelende

Algerienkrieg in voller Schärfe aus, welcher nach

entsetzlichen Grausamkeiten 1962 mit der Anerkennung

der algerischen Unabhängigkeit endete. Dieser

Krieg hat mehr noch als der Indochinakrieg Frankreich

traumatisiert. Die Gesamtzahl getöteter Algerier wurde

von Frankreich später mit 350.000, von algerischen

Quellen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben. 150 Jahre

französischer Kolonialarbeit sind beendet, etwa 1 Mio.

französische Siedler, pieds noirs, verlieren ihre Heimat.

Diese Kriege haben nicht nur das politische Ansehen

Frankreichs erschüttert. In Algerien sind, wie der

Verfasser aus mehreren Aufenthalten dort weiß, die

Kriegsereignisse nicht vergessen, und in Indochina

ist heute das Ansehen Frankreichs nur geringfügig

besser als das der Niederlande in Indonesien. Auch die

Finanzen Frankreichs wurden erschüttert, im Grunde

mit Auswirkungen bis heute. Während Frankreich

Kriege um seine verlorene Größe führte, konnte (West-)

Deutschland seine Wirtschaft aufbauen.

35 Stora, S. 95; 114

4. Verlorene Grandeur

Frankreich hat durch 1940 viel von seinem Selbstbewußtsein

verloren. Vieles wäre in Frankreich anders

gelaufen, wenn Frankreich sich erst nach einem längeren,

tapfer gefochtenen Krieg hätte ergeben müssen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen sind nach einem

solchen Debakel normal. Das sich selbst gerne als grande

nation betitelnde Frankreich wurde aber durch die

Niederlage gegen die nach wie vor als barbarisch angesehen

Deutschen in eine tiefe narzißtische Verletzung

gestürzt. Diese bereitete den Boden für eine Kooperation

(colaboration) mit den deutschen Besetzern, deren

Ausmaß und Tiefe bis heute als peinlich empfunden und

heruntergespielt wird. Nachdem sich das Kriegsglück

gegen Deutschland gewendet hatte, entstand hieraus

dann ein Gemisch von Wendehälsen und wirklichen Widerständlern

(résistance), aus welchem die Mordorgien

der épuration (1944/45) 36 folgten. Deren Grausamkeiten

sind nur mit denen der Pariser Kommune (1871) und

deren Ausmaß nur mit den landesweiten Massenmorden

der Großen Revolution zu vergleichen.

Der Versuch, die 1940 verlorene nationale Ehre wiederherzustellen,

führte zu der grausamen Verbissenheit,

mit welcher Frankreich nach 1945 seine Kolonialkriege

in Indochina und Algerien führte. Durch beide Prozesse

sind neue, bis heute wirkende Beschämungen bei unserem

Nachbarvolk entstanden. Heute ist in Frankreich

zwar immer noch von grandeur und gloire die Rede, aber

doch nur verhalten. Man ist nüchterner geworden. Man

kann als Deutscher trotz bleibender Kontroversen auch

mit Franzosen normal reden. Die deutsch-französische

Freundschaft ist heute glaubhaft, was sie unter Stresemann/Briand

nicht war.

VI. Siege über England

1. Sorge um das Weltreich

Das Britische Weltreich war 1910, beim Tode des

englischen Königs Eduard VII., das wohl großartigste

politische Gebilde der Weltgeschichte. Dieses umfaßte

auf allen Kontinenten ein Viertel des Erdbodens

und ein Viertel der Erdbevölkerung. Von Gibraltar bis

Neuseeland gab es kaum einen Küstenstrich, kaum

einen Hafen, der nicht in englischer Hand war. Basis

des Britischen Weltreiches war trotz allem aber Europa.

Eine Vormacht in Europa konnte ihm diese Basis entziehen.

Das war von Napoleon mit der Kontinentalsperre

(1806–14) versucht worden. Diese war nicht so erfolglos,

wie oft dargestellt. Die englischen Ausfuhren auf den

36 Aaron, a. a. O., gibt ein bestürzendes Bild der Vorgänge. Wir Deutsche

können uns dadurch daran erinnern lassen, daß es solche

öff entlichen, unter Billigung des gesamten Volkes vollzogenen

Mordorgien bei uns niemals gab.


Kontinent brachen gegenüber der Friedenszeit um

fast die Häfte ein. 37 Sollte eine europäische Vormacht,

und das konnte nach Lage der Dinge nur Deutschland

sein, wiederum eine Kontinentalsperre verfügen, dann

konnte das bei den im 20. Jahrhundert deutlich verbesserten

technischen und logistischen Bedingungen

England und seinem Empire schwersten Schaden zufügen.

Der wirkliche Grund für seine Kriegserklärung an

Deutschland 1914 war daher wohl seine Angst vor einer

deutschen Vormacht auf dem Kontinent. Vorgegebener

Grund war allerdings der völkerrechtswidrige Einmarsch

Deutschlands nach Belgien. 38 Ähnlich war es off enbar

1939. Sogar die politisch korrekte Zeitschrift Der Spiegel

öff net einen Spalt für den Verdacht, es sei England bei

seiner Kriegserklärung 1939 vielleicht doch nicht um

den Schutz Polens gegangen, sondern eher um die

Niederlegung Deutschlands. Dazu wird aus einem Brief

Churchills zitiert: Stets sei London mit der zweitstärksten

Macht in Europa verbündet gewesen. Die Hinnahme

einer deutschen Hegemonie wäre gegen unsere Geschichte

… Hitler ist die größte Gefahr für unser Empire. 39

Das Britische Reich war auch 1939 noch im wesentlichen

intakt. Die Dominien, also die weiß besiedelten

bzw. beherrschten Staaten Kanada, Südafrika,

Australien, Neuseeland, waren zwar innenpolitisch

emanzipiert, standen aber außenpolitisch weiter unter

dem bestimmenden Einfl uß Londons, wo sich auch die

Stammhäuser der in diesen tätigen Unternehmen und

noch heute bekannten internationalen Banken und

Konzerne befanden. Die Perle des Reiches, Gewährleistung

der englischen Weltgeltung, war aber Indien.

Man hatte zwar auch für Britisch Indien den Aufwand

für den Erhalt des Imperiums und seinen Nutzen für

das Herrschervolk nachgerechnet. Zu einem eindeutig

positiven Ergebnis kam man nicht. Schließlich war

aber die Machtfrage entscheidend. The English Nation

has no intention of abandoning its place on the world`s

stage, ceasing to be one of the Big Powers. 40 Entsprechend

hatte Lord Curzon, um die Jahrhundertwende Vizekönig

von Indien und später britischer Außenminister, einmal

gesagt. 41 As long as we rule in India we are the greatest

power in the world, if we lose it we shall drop straight away

to third rate power. Churchill war fest entschlossen, das

Empire, insbesondere Indien, zu erhalten. Seine kompromißlose

Kriegspolitik gegen Deutschland fi ndet hier

37 Vgl. Frz. Wikipedia: blocus continental; England konnte den

Verlust durch neue Absatzmärkte in Nordamerika und Rußland

wettmachen.

38 Das Deutsche Reich hat diese Völkerrechtswidrigkeit schon

während des Krieges öff entlich anerkannt und Entschädigung

nach dem Kriege versprochen. – Nach der deutschen Besetzung

von Dänemark (9. April 1940) erklärt sich Island für souverän und

für neutral. Im Mai 1940 wurde Island gleichwohl von England

besetzt. Die Encyclopedia Britannica, Stichwort: Iceland, gibt zwar

den Völkerrechtsbruch zu, fi ndet aber sonst nichts dabei.

39 Der Spiegel v. 16. 8. 10, S.61

40 Cunningham, S. 60.

41 zitiert nach Clarke, a. a. O., S. XiX. So ähnlich auch Hitler, vgl. Mein

Kampf, S. 746

ihre wohl wichtigste Begründung. 42 Noch 1942 sagte er:

We mean to hold our own, I have not become the King`s

First Minister in order to preside over the liquidation of the

British Empire. 43 Ein Sieg über Feinde pfl egt das beste

Argument gegenüber aufmüpfi gen Untertanen zu sein.

Ein überzeugender britischer Erfolg über Deutschland

wäre daher gegenüber dem indischen Nationalkongreß

und den anderen Kolonialvölkern ein höchst willkommenes

Argument gewesen, um zu zeigen, wer Herr

im Hause ist. Insbesondere aber wäre eine ruhmvolle

Kriegstat Englands in dem von ihm selbst off enbar

gewollten Krieg ein höchst willkommenes Argument

gegenüber den USA dafür gewesen, daß man durchaus

in der Lage sei, das Empire zu behalten. In Washington

waren nämlich schon im März 1940, also vor dem Debakel

von Dünkirchen, Überlegungen ganz anderer Art

angestellt worden: Britain as a small country may not

be able to hold a far-fl ung empire together. Should it go

under, it is a very fair question whether the United States

might not have to take them all over.

Britannien ist ein kleines Land. Es wird vielleicht nicht

in der Lage sein, ein weit verstreutes Reich zusammenzuhalten.

Wenn es untergeht, stellt sich natürlich die Frage,

ob die Vereinigten Staaten nicht einfach alles übernehmen

sollten. 44 Churchill selbst sah diese amerikanische

Gefahr, als er 1940 an den kanadischen Premier schrieb:

We must be careful not to let the Americans … (get) the

British fl eet and the guardianship of the British Empire.

Churchill hatte zwar wiederholt bekundet: My whole

system is founded on partnership with Roosevelt. 45 Aber er

meinte, kraft seiner Persönlichkeit, schließlich war seine

Mutter Amerikanerin gewesen, und des Gewichtes des

Britischen Empires in dieser Partnerschaft die Rolle des

Seniorpartners spielen zu können. Dieser Anspruch

Churchills erwies sich nach dem Debakel in Norwegen

und dann von Dünkirchen (April/Mai 1940) als zweifelhaft,

nach der Niederlage auf Kreta (Mai 1941) als brüchig,

und mit dem Fall Singapurs (1942) als unhaltbar.

2. Norwegen

Churchill schreibt in seinen Erinnerungen: Am 3.

April 1940 wurde die britische Admiralität ermächtigt,

die norwegischen Küstengewässer zu verminen … und

es wurde beschlossen, eine britische Brigade nach Narvik

zu entsenden. Weitere Streitkräfte sollten nach Stavanger,

Bergen und Drontheim entsandt werden. Das liest sich so

selbstverständlich, daß folgende Festsstellung nötig ist:

Diese Ermächtigung kam nicht von der norwegischen

Regierung, sondern vom britischen Kriegskabinett!

England, das so feinnervig auf deutsche Rechtsverstöße

achtete, hatte keinen Grund gesehen, Norwegen um

Zustimmung anzugehen. Am 8. April morgens begann

42 Es gibt allerdings zahlreiche Aussprüche Churchills und Hinweise

in seiner Biographie, daß er Kriege regelrecht liebte.

43 Zitiert nach Clarke, S. Xvii.

44 Zitiert nach Clarke, S. 65

45 Zitiert nach Clarke, S. 8

1. Teil Deutschland

15


1. Teil Deutschland

16

England mit der Verminung der Gewässer vor Narvik,

auch, trotz anerkannter schwedischer Neutralität, mit

der Verminung von Teilen der schwedischen Nordseeküste.

Nur wenige Stunden später begann die deutsche

Operation auf Norwegen. Die britische Flotte verhedderte

sich auf See, fand die deutschen Schiff e nicht oder

konnte sie, wo doch, nur wenig behindern. Am 9. April

um 19 Uhr waren Narvik, Trontheim, Bergen und Oslo

in deutscher Hand. Corrigan (a. a. O., S. 195): The Royal

Navy had failed… while the German navy had succeeded

– die Royal Navy hatte verloren, die deutsche Marine gewonnen.

Er gibt Churchill die Schuld an dem Desaster.

Der Kampf um Narvik dauerte noch einige Tage, dann

waren die englischen Landungstruppen vertrieben. Es

war ein Desaster. England war jedenfalls in Europa die

bei weitem stärkste Seemacht, vielleicht auch in der

Welt. Die Besetzung Norwegens als reine Seeoperation

durfte gegen den zur See weit unterlegenen deutschen

Gegner eigentlich nicht scheitern. Das britische Prestige

zur See, auf dem das Empire wesentlich beruhte, war in

peinlichster Weise erschüttert.

3. Dünkirchen

Schlimmer als die Niederlage vor Norwegen war

das ruhmlose Ende der britischen Expeditionsarmee

vor Dünkirchen. Hier erlebte England ein Debakel von

historischem Ausmaß, seine wohl größte Niederlage

in zwei Jahrhunderten. Seit dem 10. Mai 1940 regierte

Churchill als Premier des Kriegskabinetts und zugleich

als dessen Kriegsminister praktisch unumschränkt,

und die Verantwortung triff t ihn. Von Anfang an gab

es Abstimmungsschwierigkeiten mit Frankreich. England

kam den Bitten um militärische Hilfe nur teilweise

nach, was auf französischer Seite zu Ausrufen über das

perfi de, treulose und eigensüchtige Albion führte, die

sonst uns Deutschen in den Mund gelegt werden. Die

englische Expeditionsarmee von 338.000 Soldaten operierte

in Nordfrankreich/Belgien anfangs erfolgreich,

wich aber dann dem deutschen Vormarsch. Sie wurde,

ohne Abstimmung mit französischen Stellen, schon

am 24. Mai, also keine drei Wochen nach dem Beginn

der Kampfhandlungen, auf Dünkirchen zurückgezogen

und am 4. Juni nach England eingeschiff t. Frankreich

war seinem Schicksal überlassen. Am 4. Juni 1940, hielt

Churchill seine oft zitierte Durchhalterede: Wir werden

kämpfen an den Stränden … usw. Das war zwar die

schönste Rede, die der frisch berufene Propagandaminister

Harold Nicolson je gehört hatte, das Unterhaus

war bewegt. Aber in den Ohren Frankreichs, dessen

Strände Churchill soeben geräumt hatte, war das hohle

Rhetorik. 46 Nur der Haltebefehl Hitlers hatte die völlige

Einschließung und Gefangennahme der gesamten

Armee verhindert. Die Gründe für diesen Befehl sind

46 Nicolson v. 4. Juni 1940

umstritten. 47 Vielleicht war er aus unangebrachter militärischer

Vorsicht gegeben worden. Wahrscheinlicher

ist wohl, daß er einem politischen Kalkül folgte. Hitler

hatte große Achtung vor dem Britischen Empire. 48

Mehrfach hatte er gesagt, daß er das Britische Weltreich

als Ordnungsfaktor erhalten wolle. 49 Vermutlich sollte

der Haltebefehl England vor der völligen Demütigung

und vor dem Gesichtsverlust gegenüber seinen Untertanenländern

schützen. Vielleicht kam ein Grund

hinzu: Churchill glaubte, die USA würden sofort an

seiner Seite eingreifen, falls eine deutsche Invasion

nach England drohe. Es liegt nahe, daß Hitler das auch

so sah und deswegen auf den, militärisch als zwingend

und überwiegend wohl auch als Erfolg versprechend 50

angesehenen, Fortsetzungsschlag, die Invasion, verzichtete.

Sicher ist, daß Hitler den baldigen Frieden

sowohl mit Frankreich wie mit England wünschte und

erwartete. Er wolle das Empire nicht zerstören, dessen

Zerfallsteile nur den rassefremden Japanern (so Hitler)

zugute kommen mußten. 51

In jedem Falle war England nach kaum 20 Tagen vom

Festland verscheucht worden. Schon den 1. Weltkrieg

hatte das Empire nur mit Hilfe der USA überstanden.

Was nun? Das Debakel wurde vertuscht und geschönt.

Die Rückführung wurde unter der Bezeichnung „Operation

Dynamo“ in England als großer Erfolg gefeiert.

Aber überzeugt wurde davon niemand. 52 So war es ja

auch nicht. Der Vater des Autoren war im Juli 1940 an

die Kanalküste verlegt worden. Er schrieb in sein Tagebuch:

Hunderte und Tausende Gewehre und militärische

Ausrüstungsgegenstände lagen überall am Strand, zurückgelassen

von den Engländern bei ihrem eiligen Rückzug

vom Festland. 53 Ein Jahr später, im Mai 1941, geschah

ähnliches, als England die im Oktober 1940 besetzte

Insel Kreta an deutsche Fallschirmjäger verlor.

4. England danach

Dünkirchen wurde in Frankreich als eine Treulosigkeit

Englands gesehen. 54 Engländer, wenn sie ehrlich waren,

sahen das selber so. 55 Hätte England seine Expeditionsarmee

nicht aufstocken anstatt zurückziehen müssen?

47 Fest, S. 859; vgl. auch Encyclopedia Britannica 1962, Stichwort:

World War II – Dunkirk.

48 Mein Kampf, S. 158

49 Boog/Förster u. a., S. 36

50 Vgl. Manstein, S. 152 f.

51 Angesichts der Sprunghaftigkeit Hitlerscher Ad-hoc-Pläne muß

es kein Widerspruch sein, wenn er wenig später der Invasion doch

wieder nähertrat; vgl. Boog/Förster, S. 35

52 Corrigan, S. 259

53 Michel, Henri: Les Anglais ont abandonné tout leur matériel lourd

– Die Engländer ließen ihre gesamte schwere Ausrüstung zurück.

54 Unter vielen vgl. Ausführungen von Michel, S. 27.. il (= Lord Gort)

accélère la destruction de la 1ere armée francaise … 110.000 französische

Soldaten decken den Abzug der Engländer … Nicolson,

Harold, Tagebücher und Briefe, Stuttgart, 1969 (Übers. aus dem

Engl.)

55 Nicolson, Eintrag v. 1. Juni 1940


Die Folgen von Dünkirchen waren sofort spürbar. Die

englische Politik verhedderte sich in unlösbare Widersprüche

und sah sich zu Handlungen gezwungen, die

zwar dem Erhalt des Empire dienen mochten, die aber

mit den vorgegebenen Kriegsgründen nicht mehr

vereinbar waren. Die USA übernahmen, lange bevor

es offi ziell zum Krieg mit Deutschland kam, die Stabführung.

England wurde zwar massiv unterstützt, aber

damit wuchs die englische Abhängigkeit, es wurde

kaum mehr gefragt. Es war militärisch diskreditiert und

bald auch fi nanziell am Ende. Die Verzagtheit, man sagte

auch Feigheit, der britischen Streitkräfte bzw. ihrer Führer

hatte in Dünkirchen begonnen. 56 In der Schlacht um

Kreta wurde sie erneut sichtbar. 20.000 deutsche Fallschirmspringer

und Gebirgsjäger vertrieben im Frühjahr

1941 etwa 30.000 britische (englische und aus dem

Empire zusammengezogene) Truppen von der Insel. Der

Fall von Singapur am 15. 2. 1942 macht dem Ruhm der

englischen Fahne endgültig ein Ende. Die fi nest hour,

von der laut Churchill die Völker des Britischen Empires

noch in „tausend Jahren“ sprechen würden, kam nicht.

Es ist daher merkwürdig, daß sich der selbstgeschaff ene

Mythos von Englands heroischem Widerstand gegen

Hitler bis heute hält, so daß sogar der Papst auf seiner

Englandreise 2010 darauf anspielte.

England hatte die Initiative an die USA verloren.

Die von den USA gegen den verhaltenen Widerstand

Churchills durchgesetzte Atlantikcharta v. 4. August

1941 proklamierte als Kriegsziel das Selbstbestimmungsrecht

der Völker. Gemeint waren alle Völker. US-

Präsident Roosevelt erklärte: The age of imperialism is

ended! Die niederländische Regierung tat das in ihrem

Londoner Exil mit Blick auf Niederländisch-Indien als

Unfug (= slap stuk) ab. Auch Churchill, der der Charta

nolens volens zugestimmt hatte, um die unverzichtbare

Wirtschaftshilfe der USA nicht zu gefährden, spielte ihre

Bedeutung herunter. Er erklärte im Unterhaus, diese

Proklamation gelte nur für zuvor selbständige europäische

Staaten, die schon wie Polen und andere Länder

von Deutschland überfallen worden seien. Die Selbstbestimmung

in britischen Untertanenländern sei quite

a diff erent problem – etwas völlig anderes. 57 Roosevelt

sah das nicht so und notierte im Februar 1942: The old

master servant – relationship has not been altered by the

Dutch (nor by England). There is no real desire in Britain

to recognize a world change … Das alte Herren – Knecht-

Verhältnis hat sich bei den Holländern nicht geändert (

und beiden Engländern auch nicht). Es gibt in Britannien

keine wirkliche Bereitschaft anzuerkennen, dass sich die

Welt gewandelt hat. 58 Dieser Wandel war durch die

deutschen Siege bewirkt worden.

56 Corrigan, S. 259: 50.000 britische Soldaten warfen einfach ihre

Waff en weg.

57 Clarke, S. 10

58 Clarke, S. 19

5. Indien

Die englische Herrschaft in Indien wurde 1939 nicht

mehr so stumm hingenommen wie 1914. Als der Vizekönig

nach der englischen Kriegserklärung 1939 ohne

Rücksprache mit dem indischen Nationalkongreß den

Kriegszustand auch Indiens mit Deutschland ausrief,

brach der bis dahin schwelende Verfassungskonfl ikt

zu off ener Revolte aus. Die Mitglieder des Nationalkongresses

traten geschlossen zurück. Die Bewegung des

passiven Widerstandes begann.

Der größte englische Selbstwiderspruch war wohl

die Entsendung von Staff ord Cripps im Juni 1940, also

unmittelbar nach Dünkirchen, zu Stalin, um ihn für ein

Bündnis gegen Deutschland zu gewinnen. Denselben

Stalin, der soeben die Hälfte Polens, zu dessen Schutz

England in den Krieg getreten war, geschluckt hatte!

Damit war das selbstgebaute moralische Kartenhaus

Englands zerfallen. Die deutschen Verbrechen wie

die massenhafte Ermordung von Juden und anderen

Völkern in Konzentrationslagern standen im Sommer

1940 erst noch bevor. Die Verbrechen Stalins, die Massenmorde

der Kommunisten aber waren allbekannt

und auch in England noch kurz zuvor angeprangert

worden. Das Verbrechen, das man 1940 Deutschland

vorhalten konnte, bestand eigentlich nur darin, daß

es die Tschechei und Polen überfallen hatte. Das aber

waren aus indischer Sicht Taten, die England und andere

Kolonialisten in Indien selbst und sonst auf der Welt

zahllose Male verübt hatten. Hier war es schwer, die in

England zur Schau getragene moralische Empörung

über Hitler ganz nachzuvollziehen.

Es war also nicht recht zu verdeutlichen, warum der

Massenmörder Stalin nun plötzlich zum „lieben Freund“

Churchills avancieren konnte, und warum Indien diese

Gefühle teilen sollte. Die indischen Führer, allen voran

Gandhi, konnten vor allem nicht einsehen, was Indien

mit einem Krieg zu tun haben sollte, der vorgeblich zwar

zum Schutz von Demokratie und Selbstbestimmung

begonnen worden war, an dessen siegreichem Ende

aber stehen würde, daß Indien diese Rechte verweigert

werden würden. Aus dem passiven Widerstand erwuchs

1942 die Quit-India-Bewegung: Die Forderung, Indien

bedingungslos zu verlassen! Just quit India! rief Gandhi

den Engländern zu. Der Fall von Singapur förderte diese

Bewegungen. 80.000 britische und Kolonialtruppen

kapitulierten am 15. 2. 1942 vor 30.000 Japanern. Hatte

man Dünkirchen noch schönzureden versucht, so war

nun nichts mehr zu deuteln. Wie nach Dünkirchen zu

Stalin, wurde nach dem Fall von Singapur nun derselbe

Cripps zu Gandhi auf eine vergleichbare Mission

geschickt (März 1942). Er sollte Indien überreden, jedenfalls

für die Dauer des Krieges bei der Stange zu

bleiben. Dazu versprach Cripps Indien die bedingungslose

Unabhängigkeit nach dem Kriege. Man streitet, ob

Churchill ein solches Angebot überhaupt autorisiert hat

und wenn ja, ob er es ehrlich meinte. Zwei Jahre nach

1. Teil Deutschland

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1. Teil Deutschland

18

Churchills Übernahme der Regierungsverantwortung

war praktisch eingetreten, was er unter allen Umständen

hatte vermeiden wollen: Er hatte das Britische

Reich liquidiert! Das Selbstbewußtsein Englands und

auch seine Kraft waren dahin. Britische Truppen, zum

großen Teil aus den Dominien und Indien rekrutiert,

hatten schon bis dahin keinen entscheidenden Beitrag

zum alliierten Sieg erbracht. 59 Und auch nach Singapur

nicht. 1947 wurde Indien unabhängig.

Wie Frankreich versuchte England nach dem 2.

Weltkrieg noch in jahrzehntelangen blutigen Kriegen

in Malaya, Kenia, Zypern und sonst von seinen Kolonien

etwas zu retten. Aber der Nimbus war weg. Mit der

blutig erkämpften Unabhängigkeit Kenias 1963 war das

Britische Weltreich liquidiert. Clarke bemerkt: If Churchill

was the architect of victory, he was surely… the author of

Britain`s post-war distress. (a. a. O., S. Xvii).

VI. Wenn Deutschland 1940 besiegt

worden wäre

Hätten Frankreich und England im Mai 1940 Deutschland

eine ähnliche Niederlage zugefügt, wie es umgekehrt

geschah, kann fast mit Sicherheit gesagt werden,

daß die USA nicht in den europäischen Krieg verwickelt

worden wären. Der wäre ja Ende 1940 beendet gewesen.

Frankreich wäre wieder zur Hegemonialmacht auf

dem Kontinent geworden, woran nach Lage der Dinge

weder Churchill noch Roosevelt Anstoß genommen

hätten. Das Schicksal Deutschlands hätte nicht weiter

interessiert. Man hätte es in Stücke zerlegt, alles wäre

wie bisher weitergegangen, und die europäischen Kolonialreiche

hätten noch viele Jahre ihr Wesen gehabt.

Oder? Es ist heute unstreitig, daß Stalin seit etwa

1930 massiv und systematisch aufgerüstet hatte. Im

Jahre 1941/42 war diese Aufrüstung im wesentlichen

abgeschlossen. Während der deutsche Überfall auf

Polen von politischer Korrektheit tabuisiert ist, 60 dürfen

in bezug auf den deutschen Angriff auf die Sowjetunion

die historischen Fakten genannt und gewürdigt

werden. Vieles spricht dafür, daß Deutschland am 21.

Juli 1941 einem unmittelbar bevorstehenden Angriff

Stalins zuvorkam. Sichere Beweise wird man aber kaum

beibringen können. 61 Aber selbst wenn diese Annahme

falsch ist, so stellte sich nach einer angenommenen

Niederlage Deutschlands 1940 gegen Frankreich/

England aus Moskauer Sicht die Lage wie folgt dar:

Die kommunistische Weltrevolution war das erklärte

59 Der Sieg über Rommel bei El Alamein mag die Ausnahme sein.

Vermutlich wird Rommel in England deswegen so gefeiert, um

diesen Erschöpfungssieg um so strahlender erscheinen zu lassen.

60 Vgl. die Äußerungen von E. Steinbach MdB zur (historisch unbestrittenen)

polnischen Mobilmachung im Sommer 1939, die

September 2010 zur förmlichen Stigmatisierung der Vorsitzenden

des Bundes der Vertriebenen führte.

61 Boog/Förster S. 88 ff .

Ziel der UdSSR. 62 Voraussetzung dafür war mit den

Worten Lenins die Eroberung Europas. Die Gelegenheit

war so günstig wie nie. Die UdSSR, bereits im Besitz

von Ostpolen, hätte diese „Mißgeburt von Versailles“

(wie Polen damals in sowjetischen Zeitungen genannt

wurde) kaum wiederhergestellt, sondern wieder ins

Russische Reich eingegliedert. Die 24.000 (!!) Panzer, die

Stalin im Juli 1941 besaß, hätte er durch das besiegte

Deutschland bis an den Atlantik durchfahren lassen

können. Frankreich, ohne eine entwickelte Panzerwaff e,

hätte dem nichts entgegensetzen können. 63 Die angloamerikanische

Fixierung auf den Gegner Deutschland

macht es unwahrscheinlich, daß sich in den USA eine

Hand gerührt hätte, um Europa vor den Sowjets zu retten.

Es wäre auch zu spät gewesen. Die Operation hätte

wenige Tage gedauert. Ganz Europa wäre in kürzester

Zeit Beute Stalins auf dem Wege zur Weltrevolution

geworden, damit auch wohl die afrikanischen Kolonien

Frankreichs und Belgiens.

Wenn diese Annahme richtig ist, dann folgt, daß nur

der deutsche Sieg von 1940 dieses verhindert hat. Es

waren dann auch die militärisch im Grunde noch viel

beeindruckenderen Siege, die Deutschland 1941/42

gegen die Sowjetunion erzielte, nicht verloren. Ob

deutscher Überfall oder Präventivkrieg – jedenfalls

wurde die UdSSR durch die deutschen Siege derartig

geschwächt, dass Stalin an einen solchen Durchmarsch

nicht denken konnte. Er musste vielmehr die USA nach

Europa hereinlassen, um Deutschland gemeinsam

niederzuwerfen! So blieben Westeuropa und auch

Westdeutschland 1945 außerhalb des sowjetischen

Machtbereichs.

VII. Wenn die USA nicht in den Krieg

eingetreten wären

Ohne die deutschen Siege von 1940 wären die USA

mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht

in einen europäischen Krieg eingetreten. Die USA

brachte eine Lage wie bereits 1917 hervor. Damals stand

Deutschland kurz vor seinem Endsieg im Weltkrieg,

und damit an der Schwelle, nicht nur in Europa die

Vormacht zu werden, sondern auch die Kolonialmächte

zu „beerben“. Nach der Märzrevolution in Rußland und

der Abdankung des Zaren war Deutschland frei, alle

Kräfte gegen Frankreich zu werfen. Deutschland war

erschöpft, Frankreich war es noch mehr, und auch England

war am Ende seiner Kraft. Der deutsche Sieg war

greifbar nahe. Das Deutsche Reich wäre dann unter Einschluß

des französischen/belgischen Kolonialreiches, zu

62 statt vieler: Boog/Förster, a. a. O., S. 54. – Nach dem Ende des

Sowjetkommunismus ist dieser Aspekt völlig aus dem geschichtlichen

Gedächtnis des Westens gefallen.

63 vgl. Boog/Förster, S. 98: Von diesen Panzern waren rd. 1860 mittlere

und schwere Panzer, die alle deutschen Typen in jeder Hinsicht

übertrafen.


einer weltumspannenden Macht geworden. Die USA

griff en ein mit dem bekannten Erfolg, daß Frankreich

und England den 1. WK gewannen.

Eine ganz ähnliche, nur noch deutlichere, Lage ergab

sich 1940 durch die deutschen Siege über England

und Frankreich. Das von Guayana in Südamerika über

halb Afrika, Indochina bis nach Polynesien reichende

Französische Kolonialreich war politisch bereits in

deutscher Hand. Hinzu kamen, nach der Ausschaltung

Belgiens und der Niederlande die riesigen Kolonialbesitzungen

dieser beiden Staaten im Kongo und vor allem

in Niederländisch-Indien (heute: Indonesien). Ohne

amerikanische Hilfe wäre dann auch das Britische Reich

zusammengebrochen und vermutlich Deutschland in

die Hände gefallen. Durch nur einen einzigen Feldzug

gegen Frankreich, durch nur eine einzige gewonnene

Schlacht, die England vom Kontinent vertrieben hatte,

wäre Deutschland im Juni 1940 gleichsam über Nacht

aus dem Nichts zum nach der USA und der UdSSR

theoretisch drittmächtigsten Staat der Erde geworden.

Seit dem Siege Alexander des Großen bei Issos (333

v. Chr.) hatte es eine solche Konstellation nicht mehr

gegeben. Angesichts der drohenden Katastrophe

Frankreichs war von dem englischen Politiker Vansittart,

von General de Gaulle und Jean Monnet der

Vorschlag gemacht worden, Frankreich und England

zu einem Staat zu vereinigen, mit einer gemeinsamen

Regierung, Staatsangehörigkeit usw. 64 Die jedenfalls

anfangs zurückhaltende deutsche Besatzungspolitik in

Frankreich hätte, so konnte man in den USA mutmaßen,

ähnliche Überlegungen auch im Verhältnis Deutschland/Frankreich

aufkommen lassen können. Es gab in

der Vichyregierung und in Frankreich sehr starke antiamerikanische

Kräfte, die einer europäischen Einigung,

unter deutscher Herrschaft das Wort redeten, wenn sie

denn unter französischer nicht machbar war. Tatsächlich

hatte schon Victor Hugo diese gefordert:

L’union de l’Allemagne et de la France, ce serait le

frein de l’Angleterre et de la Russie, le salut de l’Europe,

la paix du monde – Die Vereinigung von Deutschland

und Frankreich wäre ein Zügel für England und Rußland,

ein Segen für Europa und der Frieden für die

Welt. 65

England wäre zweifellos nicht in der Lage gewesen,

sich gegen ein unter deutscher Herrschaft vereintes Europa

zu halten. Damit bekam die genannte Alexander-

Perspektive im Jahre 1940 aus amerikanischer Sicht eine

noch viel umfassendere Weite: DeutschFrankreich, in

einer Art karolingischen Wiedervereinigung, als Fortsetzer

und Zusammenfasser der kontinentaleuropäischen

64 Nicolson, FN 16, am 19. Juni 1940: Unser Angebot, uns mit Frankreich

zu vereinigen, hat dort wenig Anklang gefunden. Ich hatte mich

schon gefreut, französischer Staatsbürger zu werden und bedaure,

daß nichts daraus geworden ist.

65 Victor Hugo, Le Rhin, Conclusions

Kräfte, einschließlich ihrer weltumspannenden Kolonialreiche

mußten bei der erkennbaren Schwäche Englands

demnächst auch Erbe des Britischen Weltreichs werden.

So ganz fern lagen solche heute etwas phantasmagorischen

Gedanken nicht. Wir suchen Fühlung mit England

auf der Basis der Teilung der Welt, hatte Ende Mai 1940 ein

deutscher Diplomat geschrieben. 66 Das ist ein ähnlicher

Gedanke wie der oben zitierte: Should Britain go under,

it is a very fair question whether the United States might

not have to take them (= das Britische Reich) all over. Es

kam auch 1940 für die USA jedenfalls nicht in Betracht,

ein deutsches Weltreich zu dulden – und sie griff en ein.

Der deutsche Sieg wurde wieder verhindert. Dieses Mal

allerdings mit der Unterstützung der UdSSR.

Ergebnis

Die beiden Supermächte UdSSR und USA waren

schon vor 1939 die größten. Nicht deren Sieg über

Deutschland hat die Welt verändert. Es waren die deutschen

Siege 1940 über England und Frankreich. Diese

haben deren Kolonialreiche zum Einsturz gebracht und

zum Ende des Kolonialismus geführt. Großbritannien

und Frankreich sind 1940 auf Normalmaß zurückgeschnitten

worden. Dadurch wurden Deutschland und

andere Staaten in ihrer Weltgeltung relativ aufgewertet.

Deutschland als der vorerst noch kräftigste europäische

Staat hat mithin durch diese Siege unmittelbar gewonnen.

Erstmals seit dem Mittelalter haben wir wieder

zu einer unserer Größe entsprechenden politischen

Rolle gefunden. Die ehemaligen Kolonialmächte aber

standen nach dem Verlust ihrer überseeischen Reiche

wie der Kaiser vor der Welt, dessen Herrschermantel

gar nicht da ist, er hatte ihnen auch nie gehört, weil er

geraubt worden war.

Die machtpolitische Entzauberung von England und

Frankreich lag sicherlich außerhalb aller Erwartungen

der deutschen Führung, als die ersten Schüsse auf Polen

fi elen. Es triff t aber in einem fast mythischen Sinne das

lateinische Wort zu: Flectere si nequeo superos acheronta

movebo – kann ich den Himmel nicht zwingen, so will

ich die Tiefen erschüttern. Es ist, als ob die Geschichte

Deutschland in diesem Sinne gebraucht hätte, um eine

neue Weltordnung ohne Kolonialismus zu ermöglichen.

66 Haßo v. Etzdorf, zitiert bei: Boog/Förster, S. 28

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19


1. Teil Deutschland

20

Literatur

Aaron, Robert

Histoire de l`épuration – de l`indulgence aux massacres novembre

1942 – Septembre 1944, Fayard 1967

Boog/Förster u. a.

Der Angriff auf die Sowjetunion

Militärgeschichtliches Forschungsamt Freiburg 1983

Fischer Taschenbuch 1991

Clarke, Peter

The Last Thousand Days of the British Empire

London 2007

Corrigan, Gordon

Blood, Sweat and Arrogance and the Myths of Churchill`s War,

Weidenfeld & Nicolson , London 2007

Cunningham, H. S.

British India and Its Rulers, New Delhi 1995

(Nachdruck der 1. Aufl . von 1882)

Gabriel Hanotaux (1893 bis 1895 und von 1896 bis

1898 Außenminister, und 1898 Kolonialminister Frankreichs)

sagte: Die kolonisatorische Mission Frankreichs

ist die intellektuelle und moralische Evangelisation der

Völker. Wenn Kunst, Literatur, Sprache und Geist Galliens

nicht ausgesät wären, der Rest des Universums wäre unfruchtbar

gewesen.

*

Encyclopedia Britannica 1962

Fest, Joachim

Hitler, Ullstein Verlag 1973,

v. Manstein, Erich

Verlorene Siege, Bonn 1955, S. 118

Michel, Henri

Vichy – Année 40, Paris, 1966

Nicolson, Harold

Tagebücher und Briefe, Stuttgart, 1969 (aus dem Engl.)

Schramm, Percy Ernst (Hrsg.)

Kriegstagebuch des OKW

Stora, Benjamin

Algérie – histoire contemporaine 1830–1988, Alger 2004

Am Tag der deutschen Einheit 3.10.2010

Jules Ferry (Ministerpräsident des französischen

Imperialismus) sagte 1885: Die überlegenen Rassen haben

ein Recht gegenüber den unterlegenen Rassen, und

in dieser Hinsicht sollte sich Frankreich nicht der Pfl icht

entziehen, die Völker zu zivilisieren, die … barbarisch

geblieben sind.

Wir Deutschen aber klagen uns an wegen der

harmlosen und überdies ganz anders gemeinten Verse

E. Geibels: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

*


Im DJ 2009 hat H. J. von Leesen über Umerziehung der Deutschen als Teil der psychologischen Kriegführung geschrieben.

Reaktionen unserer Leser dazu lassen sich auf den Satz zusammenfassen: D a s haben wir gar nicht

gewußt! Tatsächlich ist dieser Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte wie mit einem Tabu belegt. Es schien

daher angebracht, es noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu behandeln.

Deutsche Nachkriegsmedien

und die Umerziehung der Deutschen

von

Ekkehard Zimmermann •

1. Ausgangspunkt

Psychologische Kriegführung hat es gegeben, soweit

wir Geschichte betrachten können. In modernen

Zeiten dürfte England sie erfunden und perfektioniert

haben. Medien, vor allem die Massenpresse, wurden als

Instrumente der Kriegsvorbereitung und ab 1914 auch

der Kriegführung eingesetzt. Es gelang den Briten, über

Flugblätter, Karikaturen, Zeitungen und später auch

über den Film, das Bild vom Deutschen nachhaltig

und dauerhaft zu beschädigen, alles Deutsche (hier

vor allem das Preußische) zu verteufeln und in den

Völkern der Welt (besonders aber in den USA) Ekel,

Haß und den Wunsch nach Vergeltung zu wecken. Wer

über Jahre Widerwärtiges und Abstoßendes über ein

anderes Volk vorgesetzt bekommt, wer in Zeitungen,

auf Plakaten, in Filmen Wesen erblickt, denen off ensichtlich

alles Menschliche fehlt, der wird schließlich

glauben, daß er selbst nichts Schlimmes tut, wenn er

einen Angehörigen dieses Volkes schikaniert, demütigt

oder sogar totschlägt. 67

• ekkehard.zimmermann@t-online.de. – Zugleich Fortführung des

Beitrages von v. Leesen in: Deutschland-Journal SWG 2009, S.46

ff .

67 Taylor/Sanders: Britische Propaganda im Ersten Weltkrieg, Colloquium

Verlag Berlin 1990

2. Journalisten als Propagandisten

1832 war der Herausgeber der Times, John Delane,

noch der Ansicht, daß es „die Pfl icht des Journalisten“ sei,

sowie der Historiker, vor allem die Wahrheit herauszufi nden.

Die Rolle des Journalisten sei die eines Vermittlers

von Fakten. Wenige Jahre später klärt der amerikanische

Zeitungsverleger und Herausgeber der New York Times,

Swinton, seine Redakteure darüber auf, daß es „bis zum

heutigen Tag so etwas wie eine unabhängige Presse in

der Weltgeschichte nicht gäbe“. Und daß es „das Geschäft

der Journalisten“ sei, „die Wahrheit zu zerstören,

unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden“.

Journalisten seien „intellektuelle Prostituierte“. 68

Wenige Jahre später, noch vor Ausbruch des Ersten

Weltkrieges, erscheint immer öfter der Deutsche als

„ Hunne“, als „blutsaufende Bestie“ in den britischen

Tageszeitungen. Sein Anblick schürt unter der Bevölkerung

Ängste und provoziert Haß und Wut. Die kommt

vor allem in den vielen Leserbriefen zum Ausdruck, welche

von den Zeitungen täglich veröff entlicht werden.

3. Wie öffentliche Meinung gemacht wird

Gleich zu Kriegsbeginn wird auf Betreiben Lloyd

Georges, des englischen Premierministers, ein „Amt für

Kriegspropaganda“ eingerichtet, mit dem Ziel, auf der

Insel „Meinung zu machen“. 1918 wird Lord Beaverbrook

68

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1. Teil Deutschland

22

Chef des neueingerichteten Informationsministeriums.

(MOI). Dem MOI untersteht die Feindpropaganda mit

ihrem Chef Lord Northcliff .

Nach Meinung Beaverbrooks hat Propaganda die Aufgabe,

„öff entliche Meinung zu machen und sie zu lenken“.

Doch lange bevor Lord Northcliff in seinen Massenblättern

Propaganda für den „guten Zweck“ des Krieges

macht, saßen die widerwärtigen Bilder der Greuelpropaganda

schon fest in den Hirnen, hat das Amt für

Kriegspropaganda Meinung gemacht mit Bildern und

Berichten von Exekutionen von Zivilisten in Belgien,

der Folterung und Verstümmelung belgischer Frauen,

dem Aufspießen von Kindern, dem Abhacken von Kinderhänden,

dem Verkochen von Leichen zu Seife usw.

Zusammengefaßt erscheinen diese Scheußlichkeiten

im sog. „Bryce-Bericht“ und werden preiswert unter das

Volk gebracht. 360 Seiten für einen Penny. Als 1925

eine wissenschaftliche Kommission dieses „Meisterstück“

britischer Kriegspropaganda in großen Teilen als

Fälschung entlarvt, ist das Bild vom Deutschen längst

fertig. Die Faustregel „dämonisiere den Deutschen“ hat

sich weltweit bewährt. Mit dem Kriegsende hat sich die

Propaganda als „fünfter Arm“ der Landesverteidigung

ihren festen Platz erobert. Die Mittel waren Presse,

Radio und Film. 1918 plagen sich Beaverbrook und der

Herausgeber der einfl ußreichen Tageszeitung, Steed,

mit Überlegungen, ob nicht das Amt für Kriegspropaganda

„auch in Friedenszeiten“ eine „unbezahlbare Rolle

spielen könne“, und ob sie dem Vorschlag Northcliff s

folgen sollten, das Amt für Feindpropaganda in ein Amt

für Umerziehung zu verwandeln. 69

Propaganda könne also, nach Meinung dieser britischen

Experten, durchaus eine Erziehungsaufgabe

haben. „Noch weit über den Krieg hinaus“ müsse die

Propaganda wirken, müsse das Bild vom „preußischen

Unhold“ Bestand haben.

Das will zu dem passen, was die WELT am 20. Nov.

1982 ihren Lesern mitteilte. Der amerikanische Starjournalist

und Analytiker des Phänomens „Öff entliche

Meinung“, Lippmannn, sei der Ansicht gewesen, daß

erst dann eine Umerziehung als wirklich erfolgreich

bezeichnet werden könne, wenn es gelungen sei, die

Darstellung der Geschichte aus der Sicht der Sieger in

die Gehirne der Besiegten einzupfl anzen. Erst, wenn

die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher

der Besiegten gefunden habe und von

der nachfolgenden Generation auch geglaubt werde,

erst dann könne die Umerziehung als wirklich gelungen

bezeichnet werden.“

Nur wenige Jahre nachdem eine unabhängige

Kommission von Historikern festgestellt hatte, daß

die Greuelpropaganda gegen das Deutsche Reich und

seine Verbündeten haltlos, erfunden und erlogen war,

saßen die Amerikaner Bernays und Lippmannn 70 an der

Aufgabe, Propaganda und öffentliche Meinung auf

„wissenschaftliche“ Grundlagen zu stellen und ihren

Zweck und Gebrauch im Rahmen der öffentlichen

Meinungsbildung zu bestimmen. Am Beginn seiner

Studie über Propaganda stellt Bernays sie als „bewußte

Manipulation von Gewohnheiten und Meinungen

der Massen“ durch eine „geringe Anzahl intelligenter

Mitglieder der Gesellschaft“ vor. Und diese wenigen

könnten die vielen „zu allem bringen, was sie wollten“.

Lippmannn ergänzt, daß es nur auf diesem Wege

„durch das Mittel der Propaganda“ gelingen könne,

69 Taylor/Sanders, a. a. O.: “Labor´s Untold Story” by Richard O. Boyer,

Cameron Associates, New York 1955 – Aus der englischen Wikipedia:

“There is no such thing, at this stage of the world’s history

in America, as an independent press. You know it and I know it.

There is not one of you who dare write your honest opinions, and

if you did, you know beforehand that it would never appear in

print. I am paid weekly for keeping my honest opinions out of the

paper I am connected with. Others of you are paid similar salaries

for similar things, and any of you who would be foolish as to write

honest opinions would be out on the streets looking for another

job. If I allowed my honest opinions to appear in one issue of my

papers, before twenty-four hours my occupation would be gone.

The business of the journalist is to destroy the truth, to lie outright,

to pervert, to vilify, to fawn at the feet of Mammon, and to sell his

country and his race for his daily bread. You know it and I know it,

and what folly is this toasting an independent press? We are the

jumping jacks, they pull the strings and we dance. Our talents,

our possibilities and our lives are all the property of other men.

We are intellectual prostitutes.”

70 Walter Lippmann, geboren 1889 in New York City in einer

deutsch-jüdischen Familie. Bernays: 1891 in Wien geboren; Neff e

von Sigmund Freunds Frau. Die Bernays waren eine prominente

jüdische Familie.


einen „Konsens“ zwischen Regierenden und Regierten

herzustellen. Er nennt diesen Vorgang „manufacture

consens“. Erleichtern ließe sich diese Zustimmung der

Regierten zu den Plänen ihrer Regierung durch einen

simplen Trick. Der amerikanische Sprachwissenschaftler,

Politologe und Philosoph, Noam Chomsky, weist darauf

hin, daß das seichte Vergnügen vor den Bildschirmen

heutzutage vor allem auch dazu diene, die Menschen

von ihren eigentlichen Bedürfnissen abzulenken.

Im Ersten Weltkrieg jedoch wird die britische Propaganda

zu einer verhängnisvollen Waff e, der die Deutschen

nichts entgegenzusetzen haben. Adolf Hitler wird

später die „wahrhaft geniale Berechnung“ der britischen

Kriegspropaganda loben. 71 Auch das Kino half mit, im

Ersten Weltkrieg nationales Pathos auf der Insel zu

steigern. Propagandastreifen wie „Die Klauen der Hunnen“,

„Der preußische Hundesohn“ oder „Der Kaiser,

die Bestie von Berlin“ prägten sich ein, fraßen sich fest

in das Gedächtnis der Massen, überdauerten dort und

blieben jederzeit abrufbar. So fi ndet ein Phänomen

seine Erklärung, das gemeinhin mit Haß beschrieben

wird, das aber in Wirklichkeit weit mehr ist. Der amerikanische

Historiker Morison stellt in seiner zweibändigen

Chronik „Das Werden der amerikanischen Republik“

für die Zeit nach dem Ersten und erst recht vor und im

Zweiten Weltkrieg fest, daß sich die Generation, die in

beiden Kriegen gegen die Deutschen kämpfte „nie wieder

vollständig erholt hat“. Gemeint ist die nachhaltige

Wirkung deutschfeindlicher Klischees. 72 Der deutsche

Filmhistoriker Curt Moreck fügt ergänzend hinzu, daß

die Wirkungen der Hetzkampagne während des Ersten

Weltkrieges „durch keine gegenteilige Aufklärungsarbeit

der Nachkriegszeit“ wieder aufgehoben werden

konnte.

Ein Blick über den Tellerrand

Der Historiker Golo Mann fordert zwar, uns mit der

Vergangenheit zu beschäftigen. Wer es hierzulande

aber unternimmt, nicht nur die eigenen, also deutschen,

sondern auch die Verbrechen anderer Völker aufzubereiten,

gerät schnell in den Verdacht, ein rechtslastiger

Nationalist, wenn nicht gar noch etwas Übleres zu

sein. Lutz Niethammer 73 formuliert diesen Verdacht

– allerdings auf das Phänomen der Internierung bezogen

– wie folgt: Die westdeutschen Historiker seien

„beklommen gewesen“, problematische Bereiche „ihrer

Besatzungsmacht aufzugreifen, um ... nicht rechtsradikaler

Agitation Nahrung zu geben und sich der Gefahr

des Aufrechnens auszusetzen“.

Ein Blick in die britische, amerikanische oder französische

Mediengeschichte kann aber durchaus auf-

71 Hitler, Adolf: „Mein Kampf“

72 Morison-Crommager: Das Werden der amerikanischen Republik

73 Lutz Niethammer in „Internierungspraxis in Ost- und Westdeutschland

nach 1945, S.41–57, hier S. 43

schlußreich sein. An sie mag der britische Botschafter in

Berlin, Sir Neville Henderson, gedacht haben, als er 1939

bemerkte, daß die Geschichte einst das Urteil sprechen

würde, daß es „ganz allgemein“ die „Presse“ gewesen

sei, welche die „hauptsächliche Ursache für den Krieg“

gewesen ist. Henderson stand in Großbritannien mit

dieser Meinung nicht allein. Auch er wußte, wovon

er sprach. Die Befürchtung ist nicht abwegig, daß die

Medien uns Deutsche zu dem gemacht haben, was wir

sind. So wie in nur wenigen Jahrzehnten aus der Pfl icht

zur Information (wie John Delane sie verstand) die Pfl icht

zur Desinformation wurde, sobald das Vaterland rief,

die Liebe zur Wahrheit zur Liebe für England wurde.

So wurden aus den Vermittlern Missionare. Und jedes

Mittel war recht, um dieser Mission medial Ausdruck zu

verleihen – auf Kosten der Wahrheit.

Die bewußte, amtliche Irreführung eines Volkes,

das Täuschen und Belügen der eigenen Bevölkerung

beginnt in England. Dem trägt die englische Zeitung

Sunday Correspondence Rechnung, als sie 1989 feststellt:

„Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten, um

Deutschland vor Hitler oder die Juden vor Auschwitz 74·

und den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie

1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den

Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vorherrschaft in

Europa nicht akzeptieren können.“

So deutlich kann man es natürlich nicht sagen,

wenn es gilt, das Volk bei der Stange zu halten, um

einen Krieg durchzustehen, den viele gar nicht wollten.

Dieser Ansicht war u. a. auch Steed, der während

des Ersten Weltkriegs dafür zuständig war, daß die

englische Bevölkerung nur das zu lesen und zu hören

bekam, was sie in ihrer Siegeszuversicht und in ihrem

Haß auf den „preußischen Hunnen“ stärkte. Marineminister

Winston Churchill hatte bereits frühzeitig für

die Einrichtung eines Pressebüros gesorgt und damit

schon zu Beginn des Krieges die Presse zum Teil des

regierungsamtlichen Propagandaapparates gemacht.

Frühzeitig gab es mäßigende und mahnende Stimmen,

die Folgen solcher propagandistischen Feldzüge lägen

doch auf der Hand: die Bilder dieser Klischees würden

„vielfach von Generation zu Generation weitgehend

unverändert weitergegeben“. Wie gefährlich das sei,

hob der englische Militärhistoriker J. F. C. Fuller hervor.

Propaganda entfessele „die Bestie im Menschen“. Sie

sei eine „höllische Taktik“, welche die im Menschen

schlummernden tierischen Instinkte wecke ... und aus

dem Gegner einen Teufel mache. 75

Der schon zitierte Noam Chomsky ergänzt, daß eine

Geschichte der politischen Propaganda auf ihre Quellen

zurückgeführt werden müsse. Die aber lägen in Großbritannien,

denn dort seien die Prinzipien der Propaganda

perfekt entwickelt und umgesetzt worden. Die Briten

74 Das KZ bestand 1939 auch noch gar nicht.

75 Fuller, J. F. C.: The Conduct of War 1789–1961 „The Study of the

Impact of the French, Industrial and Russian Revolution on War

Conduct.

1. Teil Deutschland

23


1. Teil Deutschland

24

hätten, so der Wissenschaftler, mit Hilfe der Propaganda

erfolgreich „das Denken der Welt kontrolliert“. 76 Die

Technik aber, Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten,

verfolgte im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg auch das

Ziel, die USA in einen Krieg zu locken.

Die USA greifen in den Ersten Weltkrieg ein

Gilbert Parker, Leiter der Amerikaabteilung des Informationsministeriums

in London, konnte dank eines

zuvor über das Land gesponnenen dichten Netzes von

Sympathisanten während des Ersten Weltkrieges Zuträger

und Agenten in den USA für einen Kriegseintritt

Amerikas mobilisieren .

In den Vereinigten Staaten nahm sich der landesweiten

Verbreitung des „Hunnenklischees“ in den Jahren

1916/1917 die Creel Commission 77• an, und organisierte

landauf, landab ihren Propagandafeldzug – nach Vorlage

der englischen Presse und nach Maßgabe der von

ihr weltweit verbreiteten Greuelhetze. Die Wirkung war

durchschlagend, denn innerhalb kürzester Zeit gelang

es den Briten und ihren Helfershelfern in den USA, aus

einer friedlichen Bevölkerung eine „hysterisch heulende,

kriegslüsterne Meute zu machen“.

History repeats itself – Geschichte wiederholt sich,

sagt der Brite. Am 17. September 1989 teilte die „Washington

Post“ ihren Lesern mit, daß britische Agenten

seit 1940 eifrig dabei gewesen wären, in amerikanischen

Zeitungen „Stimmung“ gegen das Dritte Reich zu machen.

Sie hätten, so die Zeitung, Nachrichtenagenturen

und Radiostationen manipuliert, politische Feinde in

Kongreß und in den Gewerkschaften öff entlich angegriff

en, politische Freunde korrumpiert und anderes

mehr.

In Großbritannien holte der britische Premier Churchill

den schon bekannten Lord Beaverbrook als Minister

für die Rüstungsproduktion in sein Kriegskabinett. Dem

Informationsministerium (MOI) unterstand BBC mit

ihren Dutzenden von deutschen Helfern, unter ihnen

Waldemar von Knoeringen. 78 Es fällt nicht schwer, sich

vorzustellen, wie wertvoll hier die Erfahrungen eines

76

77 The Committee on Public Information, also known as the CPI

or the Creel Committee, was an independent agency of the

government of the United States created to infl uence U. S. public

opinion regarding American participation in World War I. Over

just 28 months, from April 13, 1917 to August 21, 1919, it used

every medium available to create enthusiasm for the war effort

and enlist public support against foreign attempts to undercut

America’s war aims.

78 Freiherr zu Guttenberg: Fußnoten, Ullstein TB 646. 1971. – Bei

Kriegsbeginn befand sich von Knoeringen schließlich in England.

Von 1940 bis 1943 arbeitete er für das deutschsprachige

Programm der BBC wie auch für den Sender der euopäischen

Revolution. Er verließ die BBC, da er nicht mehr auf eigene Verantwortung

arbeiten durfte und die BBC vor der Ausstrahlung

eine Einsicht in die Sendemanuskripte forderte. Ende 1945 kehrte

Knoeringen als Major der britischen Armee nach Deutschland

zurück

Lords werden, der als Experte der Desinformation ausgewiesen

und zusätzlich noch Herr über ein gewaltiges

Presseimperium war. 1939 beginnen umgehend geheimgehaltene

Anstrengungen, den „großen Vetter“ –

die USA – für den Kriegseintritt zu gewinnen. Taktik und

Methoden sind 1914 die gleichen wie 1939. Geschickt

verstehen es die britischen Propagandaexperten 1940

– so wie schon 1916, in den USA Ängste vor dem „häßlichen

Hunnen“ zu wecken. Vom Datum ihrer Geburt her

konnten sie alle einer Generation zugerechnet werden,

für die das Empire ein Gott und das Deutsche Reich der

„natürliche“ Gegner waren. Eine nicht unerhebliche

Anzahl von ihnen hatte England schon im Ersten Weltkrieg

gedient, hatte den Ersten Weltkrieg bewußt erlebt

und durch die Kriegspropaganda ein entsprechendes

Deutschenbild mitbekommen. Das saß fest, das wirkte

nach und blieb richtungweisend für den Kurs, den

man gegenüber den „Hunnen“ einzuschlagen hatte.

Und sie beherrschten ihr Metier aus dem FF. Eine stark

verbesserte Technik machte sie durchschlagskräftiger

als 1914. Die Männer kamen aus regierungsamtlichen

Kreisen, vor allem aus dem Außenamt (FO), aus der

Ministerialbürokratie. Unter ihnen waren renommierte

Journalisten. Sie kamen aus Kreisen der Industrie und

Hochfi nanz und den Propagandaabteilungen des Geheimdienstes.

Sie waren geübt im „Kampf im Dunkeln“,

hatten aber recht unterschiedliche Interessen. Was sie

verband, waren – wie vor und im Ersten Weltkrieg –

die Glorie des britischen Empire und der Haß auf alles

Deutsche. 79

Steed, Chef der „Times“, wird während der Jahre

vor und im Zweiten Weltkrieg der politische Berater

Churchills. Bereits 1940 legt er ein Kriegszielprogramm

79 Aigner, Dietrich: Das Ringen um England, Bechtle 1969


vor, das eine Zerstückelung Deutschlands, weitläufi ge

Gebietsabtretungen – darunter Ostpreußen – und

Massenaustreibungen vorsah. Treibende Kraft hinter

den Kulissen war Lord Vansittart, ein bedingungsloser

Befürworter des britischen Empires und ein DeutschenHaßer.

Bereits 1937 hatte er in den USA für einen

„Kreuzzug für Freiheit und Demokratie“ geworben und

war auf ein dankbares Publikum gestoßen. Als Leiter

des Koordinationskomitees für die britische Auslandspropaganda

hatte er ein weites Betätigungsfeld.

1938 wird in Großbritannien mit dem Aufbau einer

zentral gelenkten Kriegspropaganda begonnen, deren

Hauptaufgabe darin besteht, die „englische Bevölkerung

auf den Krieg einzustimmen“, wie der englische

Werbefachmann Sidney Rogerson meint. Der englische

Medienwissenschaftler Taylor ist der Ansicht, daß das

Organisationsschema der britischen Propaganda im

Ersten Weltkrieg jenem des Zweiten sehr ähnlich gewesen

sein müsse.

Das haben wir uns so vorzustellen: An der Spitze

steht ein Ausschuß für politische Kriegführung (Political

Warfare Executive = PWE). Dieser Ausschuß wurde

auf Vorschlag des FO (Foreign Office = Außenamt)

im August 1940 ins Leben gerufen. Und in diesem

PWE lassen sich jene geheimen Gremien verorten, die

geschaff en wurden, um mit Hilfe von Propaganda die

Menschen im In- und Ausland zu beeinfl ussen. Alle

geheimen Ausschüsse, die vom FO oder auf Betreiben

des Premier selbst geschaff en wurden, hatten nur ein

Ziel: das Deutsche Reich als Festlandsmacht endgültig

auszuschalten, dessen wirtschaftliche Stärke auf immer

und ewig zu brechen, seine Rolle als europäische Großmacht

zu vernichten. Vor allem aber war sicherzustellen,

daß sich das Reich von seiner Niederlage nicht wieder

erholen würde.

Der Kampf um die deutsche Seele

Ziel Delmers 80• war es, die Moral der kämpfenden

Truppe und der sog. Heimatfront zu zersetzen. Er ist

für unser Thema in mehrfacher Hinsicht von Interesse.

Zum einen ist er ein routinierter Psychokrieger gewe-

80 Von 1941 bis 1945 war Delmer an den auf die deutsche Bevölkerung

abzielenden Propagandaanstrengungen der britischen Regierung

beteiligt. Im Auftrag der Political Warfare Executive leitete

er den in einem alten Schloß in Bletchley Park untergebrachten

deutschsprachigen Soldatensender Calais, der die Aufgabe hatte,

die deutsche Bevölkerung über den Kriegsverlauf aus britischer

Sicht zu informieren und ihr so ein Gegenbild zur NS-Propaganda

zu liefern. Darüber hinaus wurde auch über Greueltaten der

Nationalsozialisten berichtet. Zu den Mitarbeitern des Senders

gehörten insbesondere emigrierte deutsche Journalisten wie

Hans Reinholz oder Otto John, der spätere Chef des Bundesamtes

für Verfassungsschutz, von dem Delmer sich derart beeindruckt

zeigte, daß er ihn in seinen Lebenserinnerungen in leuchtenden

Farben – und wohl übertrieben – als einen Märtyrer des antinazistischen

Widerstandskampfes schilderte. In Deutschland fand

Delmers Sender – obwohl das Hören von staatlicher Seite streng

verboten war – eine große Hörerschaft.

contech

sen. (Nach einem Bericht des Spiegel vom 8. 9. 1954

hat Delmer die psychologische Kriegführung bis zur

Vollendung entwickelt.) Zum anderen beschäftigt er in

seiner Truppe eine Menge Deutscher, unter ihnen Otto

John (den späteren Präsidenten des Verfassungsschutzes

der BRD), Eduard von Schnitzler, Philipp Rosenthal,

Fritz Heine u. a. 81

Zum dritten – und das ist für unser Thema sehr wichtig

– wird er einen Teil seiner Truppe nach der Kapitulation

des Deutschen Reiches einsetzen, um der deutschen

Medienlandschaft „ein neues Gesicht“ zu geben.

Und letztlich erfahren wir von ihm persönlich, mit

welchen Mitteln er das Ziel durchsetzen wollte, gegen

die nationalsozialistische Weltanschauung zu kämpfen.

Delmer und seine Truppe empfanden den Krieg vor

allem als Nervenschlacht, in der „alles erlaubt“ war, „jeder

Griff “, der „schmutzigste Trick“, je „übler, um so besser“,

„Lügen, Betrug – alles“, wie sich der Chef rückblickend

erinnerte. 82 Falls das nicht reichen sollte, sprangen

andere Psychokrieger ein, wie sie von der amerikanischen

Journalistin Freda Utley 83 erwähnt werden. In sog.

Haßkursen sollten die GIs vor und nach dem Sieg daran

erinnern werden, mit wem sie es in Deutschland zu tun

haben würden. Als der Zeitpunkt gekommen war, und

die „Bestie“ am Boden lag, folgte die Quittung. Auf Versailles

1919 folgt die bedingungslose Kapitulation 1945.

Unter Mißachtung aller völkerrechtlichen Vorgaben,

ja unter Bruch des geltenden Völkerrechts wurde eine

„bleibende, unsichtbare Besatzung“ eingerichtet, in

der, wie der britische Historiker A. J. P. Taylor noch 1957

anmerkte, Männer an den Schalthebel zeitgemäßer

Massentäuschung und Massenbeeinfl ussung saßen,

die den Willen der Besatzungsmacht durchsetzten und

Presse, Verlage, den Rundfunk und (später) das Fernsehen

kontrollierten.

Die Medienpolitik in den USA in den

letzten Kriegsjahren

In den Vereinigten Staaten stellte sich in Regierungskreisen

die Frage, wie mit Deutschland nach dessen

bedingungsloser Kapitulation zu verfahren sei, lange

bevor in Reims die Kapitulationsurkunde am 8. Mai 1945

unterschrieben wurde. Das amerikanische Volk mußte

erst – wie schon 1916 – durch die Medien lernen, alles

Deutsche zu Haßen. Und das, obwohl im September

1942 laut einer Gallupumfrage 40% gar nicht wußten,

„warum ihr Land eigentlich am Krieg beteiligt war“. 84 Die

Vorbereitung der Öffentlichkeit auf eine Verschärfung

der Deutschlandpolitik beginnt in den Medien. Die 1943

beobachtbare allgemeine Verhärtung der „öffentlichen

81 zu Guttenberg, a. a. O.

82 Delmer, Sefton: Die Deutschen und ich, Nannen Verlag Hamburg

1963, S.617 ff .

83 Utley Freda: Kostspielige Rache, Nolke Verlag Hamburg 1950, S.30

84 Pauwels, Jacques: Der Mythos vom guten Krieg, Papy Rossa Verlag,

Köln 2003, S. 21

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1. Teil Deutschland

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Meinung“ ist im Zusammenhang mit dem „Kreuzzug für

eine bessere Welt“ zu sehen. Über die Medien wurde ein

Deutschenbild durchgesetzt, das jenem sehr ähnlich

war, welches 1916 die Menschen in Hysterie, Angst und

einen Haß auf alles Deutsche getrieben hatte.

Der amerikanische Journalist Benjamin Colby 85 weist

nach, daß dieser Haß planmäßig von einer halbamtlichen

Regierungsstelle, dem „Verband der Kriegsschriftsteller“,

gesteuert wurde, der „größten Propagandamaschine

der Geschichte“. Ein Beamter des „Büros für

Kriegsnachrichten“ (OWI) klärt uns auf: „Wir bedienten

uns der Tätigkeit von 5.000 Schriftstellern, wir erreichten

Tausende von Zeitungen, mehr als 600 Radiostationen

... mit dabei waren 1150 Schulungsoffi ziere“. Nachrichtenmaterial

wurde verschickt, Agenturen beliefert,

Rundfunktexte wurden an die Sender verteilt, persönliche

Kontakte zu Redakteuren, Schriftstellern und

Rundfunkanstalten vermittelt. Auch Hollywood nahm

an der Kampagne teil, „zog in den Krieg“. Hunderte

von antideutschen Hetz- und Haßfi lmen verbreiteten,

ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, den „Triumph des unbesiegbaren

Guten über das abgrundtief Schlechte“.

Und wieder zog das Bild vom „bösen Deutschen“ um die

Welt. In Asien z. B. wurde in 5.000 Kinos der Haßexport

aus den USA gezeigt. Die Muster, wie solche Kampagnen

zu führen waren, lagen ja bereit. Die Mittel, wie man

aus einer friedlichen Bevölkerung binnen kurzem eine

„hysterische Meute“ machen konnte, auch. Es waren die

gleichen wie die aus den Tagen des Ersten Weltkriegs.

Und was sich damals 1916/1917 als wirkungsvolle Waff e

erwiesen hatte, sollte sich auch 1943 als wirkungsvoll

erweisen. Wie man „Feindbilder“ konstruierte, war

seit dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865)

bekannt. In dieser Auseinandersetzung zwischen den

amerikanischen Süd- und Nordstaaten wurden die Südstaatler

als die „Bösen“, als die „von Gott Verworfenen“

schlechthin von der Nordpresse „aufgebaut“. Auch die

Techniken waren bekannt, wie man ihnen zur Wirkung

verhalf: „ständige Wiederholung“ und gezielte Appelle

an „ethnische, nationale oder soziale Vorurteile“ hatten

sich als die geeignetsten Mittel erwiesen. 86

1943 rückte Rex Stout, ein renommierter Kriminalschriftsteller,

auf Betreiben Morgenthaus an die Spitze

des Verbands der Kriegsschriftsteller. Er intensivierte

sofort die Zusammenarbeit mit dem Amt für Kriegsnachrichten.

Das OWI verschaff te freien Zugang zu

den meinungsbildenden Institutionen, d. h. zu Presse,

Rundfunk, Film. Mit der Devise Wir müssen Haßen, sonst

werden wir verlieren gab er die Richtung vor und die

Parole aus, daß Haß auf die Deutschen nötig sei, um

eine Welt des Friedens zu errichten. Vor den Tagen des

Fernsehens und den mit ihm verbundenen Möglichkeiten

der Massensuggestion und -manipulation übte

85 Colby, Benjamin: T´was a famous Victory – Deception and Propaganda

in the War with Germany, Arlington o. J.

86 Hubell, John T.: Essays from Civil War History in: Contributions in

American History, No 45

der Rundfunk einen ungeheuren Einfl uß aus. Und so

organisierte Stout ein Programm, das er „Amerikas

Städtetreff en im Funk“ nannte. Die Botschaft, daß die

Deutschen „unheilbar“ an Paranoia litten, fraß sich fest,

so daß letztlich kein anderer Weg bliebe als sie zu töten.

In der „Gesellschaft zur Verhütung eines Dritten Weltkrieges“,

einer Unterorganisation des Schriftstellerverbandes,

forderte u. a. die Tochter Thomas Manns, Erika

Mann, ein hartes Durchgreifen und eine konsequent

durchgeführte Umerziehung.

Ähnlich auch Willy Brandt. Aus seinem Stockholmer

Exil warnte er vor den Vansittartisten. Die hätten ein völlig

falsches Bild vom deutschen Volk. Doch gerade die

einfl ußreichen Emigranten in den Vereinigten Staaten

waren es, die sich anfällig für die von Vansittart gezeichnete

deutsche „Erblast“ vom „blutsaufenden Hunnen“

zeigten. Hatte Brandt angemerkt, daß nur „gefl üchtete

Deutsche“ die Umerziehung in die Hand nehmen

könnten, der Lehrerstand allerdings vorher gesäubert

werden müsse, so dachten die in die USA gefl üchteten

Emigranten weitaus radikaler.

Die Anhänger Vansittarts

und ihr Einfl uß in den USA

Auch der amerikanische Finanzminister Morgenthau

war ein kompromißloser Anhänger der Maximen

des Lord Vansittart. Er wollte „reinen Tisch“ machen

und forderte im Punkt 6 seines berüchtigten Plans die

„leitenden Figuren im Presse- und Erziehungswesen“

als „Erzverbrecher“ vor Gericht zu stellen. Am 10. September

1944 legte er eine Denkschrift vor, in der eine

„Umerziehung“ gefordert wurde. Alle Schulen seien

zu schließen, da dort „der das deutsche Volk beherrschende

militärische Geist seit vielen Jahrhunderten

… bewußt gefördert worden sei“ ...

Der Leiter der Zentraleuropaabteilung im amerikanischen

Geheimdienst OSS, Walter Dorn, weist darauf

hin, daß die ursprüngliche Form des Morgenthauplans

vom 1. September 1944 unverkennbar „gemeinsame

Züge“ mit jenem Programm Vansittarts aufwiese,

welches jener dem britischen Oberhaus vorgetragen

hätte. Dieses Programm sah im NS eine „zwangsläufi ge

Aufgipfelung“, einen „barbarischen Höhepunkt“ einer

über Jahrhunderte im deutschen Volk angelegten

Entwicklung. Die sei nur durch eine komplett andere

Erziehung und Ausbildung zu brechen. 87 Der Brite

Louis Nizer, einfl ußreicher Rechtsanwalt in New York,

muß auch zu Vansittarts Anhängern gezählt werden.

In seiner Schrift „Was tun mit Deutschland“ machte er

Vorschläge, wie mit den Deutschen nach deren Niederlage

zu verfahren sei. Wie das im einzelnen in die Praxis

umzusetzen sei, empfahl die aus dem Morgenthauplan

87 Morgenthau: in „The Morgenthau Diaries“


hervorgegangene Direktive 1067. 88 Diese allgemeine

Richtlinie für die amerikanische Besatzungspolitik für

die Nachkriegszeit ordnete in Punkt 8d die „Festnahme

aller Personen an, die Schlüsselstellungen in Erziehungs-

und Unterrichtswesen bekleideten.“ 8f sah die

Verhaftung von Personen vor, die ähnliche Aufgaben

in „Presse, Verlagshäusern und anderen Stellen hatten,

die Nachrichten und Propaganda verbreiteten“. Punkt

10 empfahl dem Kontrollrat ein gemeinsam abgestimmtes

Vorgehen bezüglich der „Kontrolle der Organe für

öffentliches Nachrichtenwesen in Deutschland ...“ 10c

sah eine Pressezensur für die erste Zeit, 14 die Schließung

aller Erziehungseinrichtungen vor, 14b erklärte

ein „durchgebildetes System von Oberaufsicht über

das deutsche Erziehungswesen“ für nötig, um eine

„positive Neuorientierung“ zu ermöglichen „mit der

Absicht, Nazi- und militaristische Lehren vollständig

auszuschalten und die Entwicklung demokratischer

Ideen zu begünstigen“.

Dieses Programm wird in der amerikanischen Zone

in der ersten Zeit der Besatzung durchgezogen. Die

Briten hatten eine Übernahme der Direktive abgelehnt.

Die Franzosen verfolgten andere Ziele.

Der deutsche Charakter

muß geändert werden.

In einer „wissenschaftlichen Analyse“ der tausendjährigen

deutschen Geschichte hatte Nizer im Stile

Vansittarts eine deutliche Fehlentwicklung des Volkscharakters

festgestellt – hin zu einer prekären Sonderrolle.

Die bestünde primär in der fatalen Schwäche,

Konfl ikte stets mit Gewalt lösen zu wollen. Das vor

allem müsse geändert werden. Auf dieses Ziel hin seien

Erziehung und Ausbildung anzulegen. Es sind nicht

so sehr die haarsträubenden Konstruktionen eines

abstrusen Geschichtsverlaufs, dem die Deutschen angeblich

folgen, es ist das in ihnen versteckte Feindbild.

Ergo schlug der Mann eine Therapie vor, die es in sich

hatte: Im Unterschied zu Versailles sei diesmal gründlich

vorzugehen. Die Souveränität des deutschen Staates sei

zu beseitigen und auf lange Zeit zu suspendieren. Alle

Lebensbereiche müßten perfekt kontrolliert werden.

Einen Friedensvertrag solle es für die nächste Zeit nicht

geben. 5.000 Menschen seien sofort hinzurichten.

Vor allem aber müsse Deutschland geistig abgerüstet

werden. Sein Erziehungssystem sei zu zerschlagen. Nizer

sah in „wohlmeinenden Deutschen“ die geeigneten

Partner, um dieses Umerziehungsprogramm durchzusetzen.

Die begabtesten Studenten sollten im Ausland

die „beschränkte Sicht“ des Nationalismus verlieren

und als „geläuterte Lehrer“ an Schulen und Hochschulen

zurückkehren. Im Schulunterricht müßten „mit

Nachdruck“ von den Nazis unterdrückte Schriftsteller

vorgelegt und gelesen werden.

88 Direktive 1067 in: Gustav Stolper „Die Deutsche Wirklichkeit“ ,

Claassen & Goverts, Hamburg 1949, S. 309 ff .

Bemerkenswert für die Besatzungszeit und die

frühen Jahre der Bundesrepublik – ja eigentlich bis

heute – bleibt, daß die von Nizers „Beweisführung“

beeindruckten emigrierten Deutschen nach ihrer Rückkehr

in die alte Heimat erfolgreich versuchen werden,

dieses Feindbild der Kriegspropaganda im allgemeinen

Bewußtsein fest zu verankern. Die „einzigartige

Schlechtigkeit“ der Deutschen gehört, dank medialer

Unterstützung, zum unverzichtbaren Selbstverständnis

gerade der Heranwachsenden. Heute fi nden wir diese

Propaganda teilweise in den deutschen Schulbüchern.

Was tun mit den Deutschen

nach deren Niederlage?

Nach dem englischen Historiker Watt war „paradoxerweise“

sowohl die eine Ansicht, welche im Nationalsozialismus

eine „Aufgipfelung“ aller schlechten

Eigenschaften des deutschen Volkes sah, deutschen

Ursprungs wie auch die andere, die nur von einer gründlichen

Säuberung (Reform) der Herrschaftsstrukturen

eine Gesundung des deutschen Volkes erwartete. 89

Sowohl in Großbritannien wie auch in den USA

versprachen sich diese beiden Denkschulen von einer

Umerziehung des Volksganzen eine Lösung, die langfristig

Erfolg versprach. Wissenschaftlich dem Phänomen

„deutsche Krankheit“ zu Leibe rückten in den USA Horkheimer,

Adorno, Marcuse, Kirchheimer, Neumann, Pollock

u. a. Die Nationalsozialisten hatten 1933 ihr „Institut für

Sozialforschung geschlossen. An der Columbiauniversität

war es wieder eröff net worden.

Marcuse, Kirchheimer und Neumann saßen ab 1943 in

der Abteilung für Analysen und Forschung (Research &

Analysis) des amerikanischen Geheimdienstes OSS und

arbeiteten Empfehlungen aus, wie mit den Deutschen

nach der Kapitulation zu verfahren sei. Marcuses „Leitfäden“

empfahlen u. a. den amerikanischen Kommandeuren,

Redakteure und Verleger zu verhaften, regierungsamtliche

Kommunikationsstränge zu zerreißen

und berufsgenossenschaftliche NS-Organisationen

aufzulösen. Damit sollte das gesamte NS-Kommunikationsnetz

zerschlagen, später in den Dienst der Alliierten

gestellt und gleichzeitig die öff entliche Meinung

kontrolliert werden..

Während die Propaganda in den amerikanischen

Medien Vorurteile allem Deutschen gegenüber aus der

Zeit des Ersten Weltkrieges aufwärmte und unter das

Volk brachte, saßen deutsche Sozialwissenschaftler wie

Adorno und Horkheimer bei Los Angeles und schrieben

kluge Gedanken nieder, wie man Vorurteile bekämpfen

könne. Sie wollten demnach „nicht nur das Vorurteil …

beschreiben, sondern es …erklären, um bei seiner Ausrottung

zu helfen. Ausrottung meint Umerziehung …

89 Watt, Donald in: Die britische Deutschland- und Besatzungspolitik

1945–1949,Forschepoth/Steininger (Hrsg.) Schöningh, Paderborn

1. Teil Deutschland

27


1. Teil Deutschland

28

Ein weiteres Ziel bestand in der „Aufdeckung potentiell

faschistischer Individuen“. Hier begegnen wir schon

den Topoi, die unser aller Leben verändern sollten.

Horkheimer und Adorno kümmerten sich gleichfalls intensiv

um eine Analyse der deutschen Seele. Ihr Befund

war niederschmetternd: die deutsche Gesellschaft sei

krank. Eine Reform an Haupt und Gliedern sei geboten.

„Zentrale reaktionäre Keimzelle sei die Familie“, deren

„autoritäre Struktur“ müsse zerbrochen, das Übel der

„Autorität“ infragegestellt resp. beseitigt werden. Dann

werde sich der Charakter des Volksganzen ändern. Der

Deutsche würde langfristig friedlich werden. Folglich

gehöre die Erziehung zu den wichtigsten Aufgaben

eines Neuanfangs. Alliierte Kontrolloffi ziere und geeignete

deutsche Emigranten böten sich als Lehrer an.

Bereits 1942 hatte Horkheimer in einer Denkschrift

an das US-Außenministerium dargelegt, daß jede Erziehung

der Nachkriegsgenerationen eine „Erziehung zur

Demokratie“ zu sein habe, folglich eine Umerziehung

sein müsse. 90 Er war davon überzeugt, daß eine Revolution

in der Zukunft nur Erfolg versprechen würde, wenn

es gelang, den Kampf weg vom marxistisch eingefärbten

Klassenkonfl ikt in den Bereich der Kultur und hier

besonders in den Bereich der Pädagogik zu verlagern.

Das deutsche Schulwesen müsse auf amerikanische

Schulen abgestimmt werden. Es sei eine Elite zu schaffen,

die auf Amerika eingestellt sei. Die NS-Organisation

KdF sei durch Reisen nach Amerika zu ersetzen.

In den 40er und 50er Jahren kehrten Horkheimer,

Adorno, Marcuse und andere aus ihrem Exil nach Frankfurt

am Main zurück. Sie besetzten Lehrstühle an der

Universität Frankfurt und waren Gründer der Frankfurter

Schule. Innerhalb der Kriegskoalition bestand weitestgehende

Übereinstimmung darin, daß die Erziehung

und Gestaltung des Schulunterrichts reformiert werden

müßten. Hier müsse also Entscheidendes getan werden.

Der deutsche Emigrant Emil Ludwig unterrichtete als

Gastdozent die für eine Besatzung in Deutschland vorgesehenen

Offi ziere in Charlottsville über die Defi zite

im deutschen Charakter. Auch Erika Mann sorgte sich

um eine „menschliche“ Erziehung. Ihre Devise: statt Drill,

Zucht und Vaterland, statt Erziehung zur Barbarei, Hinwendung

zu Eigenverantwortung, Nächstenliebe, Recht

und Freiheit. Um diese Ziele erreichen zu können, war

ihr Vater, Thomas Mann, der Ansicht, daß vorher 500.000

Deutsche exekutiert werden müßten. 91

1943 beginnt die enge Zusammenarbeit des amerikanischen

OSS (Offi ce of Strategic Service), dem Vorläufer

der CIA, mit dem britischen Ausschuß für besondere

Aufgaben (SOE (Special Operations Executive)). Im OSS

arbeiteten Hunderte von Deutschen. Wie viele im SOE,

90 Horkheimer, Max: Memorandum über die Beseitigung des deutschen

Chauvinismus. Unveröff entlichtes Manuskript, übersetzt

von Günter Behrmann, Potsdam

91 Mayer, Hans: Thomas Mann, Suhrkamp, TB 1047, Frankfurt a. M.

1984, S.399

ist unbekannt. Chef der Abteilung „Psychologische

Kriegführung“ beim amerikanischen Oberkommando

SHAEF war General Bob McClure. Wiewohl es nicht einfach

war, aus einem wild zusammengewürfelten Haufen

von Psychokriegern nach dem Sieg eine schlagkräftige

Truppe von Informationskontrolleuren zu formen, gelang

dies dem General. Das hieß aber in Konsequenz

nichts anderes, als daß McClure mit der Übernahme

eines Teils von der Truppe Sefton Delmers in die Abteilung

„Information und Zensur (INC) gezwungen war, mit

Technikern der Desinformation, des Betrugs und der

Lüge zusammenzuarbeiten..

Gegen Kriegsende befehligt McClure 23.000 Mann. 92

Am Tag der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht

wird aus der Abteilung PWD = Abteilung für Psychologische

Kriegführung bei SHAEF die Abteilung für

Informationskontrolle (ICD) bei den geplanten Militärregierungen.

Das Konzept des Generals ging von einer

„völligen Stillegung aller Medien“ aus. Dem sollte in

einer weiteren Phase die Information der deutschen

Bevölkerung über die Ziele der alliierten Sieger folgen.

Dies wird mittels sorgfältig ausgewählter Beiträge in

Radio und Zeitungen erreicht. In einer dritten Phase

schließlich sollen Radiosender, Verlage und Zeitungen

an vertrauenswürdige, zumeist linksliberal eingestellte

Deutsche übergeben werden (Lizenzvergabe).

Als McClure nach Washington zurückbeordert wurde,

kontrollierten seine Abteilungen und Unterabteilungen,

wie er einem Freund im Juli 1946 zufrieden schrieb, „37

Zeitungen, 6 Radiosender, 314 Theater, 642 Kinos, 101

Magazine, 237 Verleger und 7.384 Buchhändler. Der

spätere Starkolumnist des Springer Verlages, Hans Habe,

erinnert sich, daß er in diesen Tagen „mit Überzeugung

und Begeisterung“ ein „Umerzieher“ war. So, wie er aus

propagandistischen Überlegungen im Exil in Amerika

„mehr oder weniger bewußt“ die Unterscheidung

zwischen dem „deutschen Volk und den Nationalsozialisten“

hatte fallen lassen und die Distinktion zwischen

„guten“ und „schlechten“ Deutschen aufgegeben hatte.

McClures Neuorganisation des Pressewesens machte

zur Bedingung, daß sich jeder Lizenzträger mit dem

Lizenzempfang verpfl ichten mußte, publizistisch an der

Umerziehung der Bevölkerung mitzuwirken.

Als die Amerikaner die Deutschen gegen die „rote

Gefahr“ aus dem Osten in Position bringen zu müssen

glaubten, drehte sich der Wind. Es kam es zu einem

„Paradigmenwechsel“ in Politik und Informationspolitik.

Erneut waren es – wie vor den Kriegen in den

USA – „Kräfte“ aus Big Business, der Schwerindustrie,

den Banken und der Wirtschaft, vor allem aber der

Rüstungsindustrie, die einen außenpolitischen Wechsel

forderten und sich an ihre einstmals hervorragenden

Beziehungen zur deutschen Industrie und Finanzwelt

92 Paddock, Alfred H, Jr.: U. S. Special Warfare University Press of

Kansas


erinnerten. (Teilweise hatte man während des Krieges

Geschäfte gemacht). Und diesem Paradigmenwechsel

war die Rückkehr eines Teils der „alten Garde“ der

Journalisten geschuldet. Er wurde (nicht nur von den

USA) geduldet, solange die Westdeutschen eine Politik

betrieben, die sich in Einklang mit den Vorstellungen

Amerikas befand. Was sie zu „nützlichen Idioten“ machte,

war die Tatsache, daß sie jederzeit erpreßt werden

konnten. Dem Kurswechsel in Washington folgte also

ein Personalwechsel in den Redaktionsstuben. Auf die

linksliberalen Weltverbesserer folgten die Wort- und

Gesinnungsgewaltigen aus der Zeit der Diktatur, die sich

jeder Lage anzupassen wußten. Auch und vor allem in

den meinungsführenden Blättern.

Der deutsche Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister

93 hat in die Anfangsjahre unserer sich als „Sturmgeschütze

der Demokratie“ gerierender Zeitungen und

Zeitschriften geleuchtet. Sicher, es gab sie auch, die

Linken. Da waren aber auch die Heerscharen der Rechten,

der Braunen, die wieder Zufl ucht vor den Gesinnungswächtern

der Demokratie suchten. Sefton Delmer

hat ihnen ein Denkmal gesetzt. Er schreibt: da waren sie

wieder, „die katzbuckelnden“ deutschen Journalisten, da

waren sie wieder, diese „Publizisten“, die „unter Brüning

Hitler verdammt hatten und dann plötzlich begeisterte

Loblieder auf den Führer anstimmten, sobald dieser die

Macht ergriffen hatte“.

Delmer hatte vor und während des Krieges ihre

„servilen Haßgesänge“ verfolgt und wollte ihnen keine

Gelegenheit „zu einem neuen geistigen Purzelbaum“

bieten. Was gab es da nicht alles. Insgeheim, ließ man

verlauten, habe man eigentlich immer „gegen Hitler“

gearbeitet, das Parteibuch zur „Deckung“ genutzt, „um

die Gestapo zu täuschen“. Und man liebe eigentlich

England und Amerika. Dabei ist es bis heute geblieben.

Aber sie blieben zeitlebens erpreßbar. Auch das gehört

zu den Tragödien dieser frühen Jahre. Sie warten noch

immer auf ihre wissenschaftliche Aufarbeitung. Der

ehemalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum

Goldmann, hat diese Tragödie in einem Gespräch

mit Freimuth Duve auf die kurze Formel gebracht:

„Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Leute, die

irgendwie eine Nazi-Belastung hatten, im Umgang die

leichtesten waren.“ 94

Beizeiten lernte die deutsche Öff entlichkeit durch

ihre Lizenzpresse, sich den Kreuzzügen gegen das Böse

immer dann anzuschließen, wenn es der große Bruder

jenseits des Atlantiks für geraten hielt. Unser Heute will

nicht zuletzt deswegen vielen als irgendwie deformiert

erscheinen, vom Zeitgeist verunstaltet. Amerika ist

immer noch das „gelobte Land“, auch wenn die Zahl

der Lobsingenden abzunehmen scheint. Schatten

93 Hachmeister ,Lutz: Die Herren Journalisten, Beck Verlag, München

2002

94 Goldmann, Nahum: Israel muß umdenken, rororo TB 4061, Hamburg

1976

liegen über dem „freiesten Land der Welt“. Es fällt auf,

daß unsere Lage fast ausschließlich in Verbindung

mit der „Revolution“ der 68er gesehen wird. Hierbei

ist zu bedenken, daß solche Erklärungen recht simpel

erscheinen angesichts der Verwirrung in den Köpfen

vieler wohlmeinender Intellektueller, die durchaus

nicht die Ansichten dieser „Revolutionäre“ teilten. Eine

wichtige Erkenntnis verdanken wir diesbezüglich dem

Sozialphilosophen Günter Rohrmoser. Er war der Ansicht,

daß ein Verständnis unseres Heute ohne Kenntnis der

68er gar nicht möglich sei.

Es fallen zwischen deren Theorien und der Praxis erhebliche

Widersprüche auf. Das hängt nicht zuletzt mit

der Art und Weise zusammen, wie unsere gesellschaftliche

Wirklichkeit empfunden, bzw. wie sie gedeutet wird.

Wie weitgehend die Medien dieses Umerziehungsprogramm

unterstützten, welches ursprünglich von

ehemaligen Feinden Deutschlands entworfen worden

war, erfahren wir vom Sozialwissenschaftler Clemens

Albrecht 95 . Er hat durchaus recht, wenn er feststellt, daß

der „Aufstieg der Sozialwissenschaft zu einer öff entlichen

Deutungsmacht erster Ordnung ... ohne die Massenmedien

nicht denkbar (war)“. Wir alle wissen aber auch um die

schweren Fehler in der Vergangenheit. Zu fragen bleibt,

ob wir nicht auf sicherem Wege sind, sie zu wiederholen.

Bemerkenswert für die Besatzungszeit bleibt weiterhin,

daß die von Nizers „Beweisführung“ angesprochenen

emigrierten Deutschen nach ihrer Rückkehr in die

alte Heimat sehr erfolgreich darin gewesen sind, dieses

Feindbild der Kriegspropaganda zum „Allgemeingut“,

zum „Bildungsgut“ werden zu lassen. Dank der Hilfe in

den Medien. Heute lassen sich diese Bilder mühelos in

den Schulbüchern aufspüren.

95 Albrecht, Clemens: Die intellektuelle Gründung der BRD Campus

Verlag Frankfurt. a. M. 1999, S.203 ff .

1. Teil Deutschland

29


1. Teil Deutschland

30

Der Politologe Prof. Dr. Kurt Sontheimer äußerte

sich auf dem Historikertag 1981 wie folgt: „Ich halte es

aus umerzieherischen Gründen für unverzichtbar, an der

These vom preußisch-deutschen Kaiserreich und seinen

Strukturen als Vorläufer Hitlers festzuhalten, und zwar

unbeschadet der Richtigkeit dieser These.“ 96

Stimmen des Krieges

Der Bischof von London sagte am 28. 11. 1915 in

einer Predigt: Everyone that puts principle above ease and

life itself beyond mere living, is banded in a great crusade

to kill Germans…. to save the world, to kill the good as

well as the bad, to kill those who have shown kindness to

our wounded as well as the fi ends. Wer Grundsätze über

Bequemlichkeit stellt, das Leben höher achtet als nur das

tägliche Dahinleben, ist aufgerufen, Deutsche zu töten, die

Welt zu retten, zu töten die Guten sowohl wie die Bösen,

zu töten jene, die unseren Verwundeten Freundlichkeiten

erwiesen haben, als auch die verworfenen Deutschen.

Der folgende Vers von Rudyard Kipling, dem Barden

des zügellosen englischen Imperialismus aus dem

Jahre (1914) mit dem Bild des Hunnen vor dem Tor

war aus Sicht der alliierten Kriegspropaganda wohl

das gelungenste:

For all we have and are

For all our children `s fate

Stand up and take the war

The Hun is at the gate.

Für was wir sind und haben,

der Kinder Glück und Flor,

auf in den Schützengraben.

Der Hunne steht am Tor

(Übers. v. M. A.)

96 (Zitiert in dem Beitrag von Ehrhardt Bödecker: Die humane Bilanz

Preußens in: Brandenburgische Gespräche 2009 – hrsg. von der

Stiftung Preußisches Kulturerbe, Bonn 2009, S.5)

*

*

*

Einer dieser deutschen Hunnen schrieb an seine

Familie:

Ihr meine Lieben!


Solltet ihr diesen Brief in den Händen halten, so wisset

denn: ich bin gefallen für meinen Kaiser, für mein

Vaterland und für euch alle. Es gilt jetzt einen schweren

Kampf und es ist leuchtender, lockender Frühling …

Freudig, dankbar und glücklich werde ich sterben, wenn

es sein muß. Ich trage diesen letzten Gruß bei mir bis zum

letzten Augenblick. Dann sei er durch treue Kameraden

euch gesandt, und mein Geist wird bei euch sein. Der

gnädige große Gott behüte und segne Euch und mein

deutsches Vaterland!

Walter Roy, Stud. med. aus Hamburg

Geb. 1. Juni 1894

Gef. 24. April 1915 in Frankreich

(aus: Kriegsbriefe gefallener Studenten, Hrsg. von

Ph. Witkop)


Geschichte im Korsett

des politischen Strafrechts

Meinungsfreiheit im „freien Westen“

von

Günter Bertram 97•

I Einleitung

Art. 5 Grundgesetz lautet:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift

und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus

allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.

Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung

durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.

Eine Zensur fi ndet nicht statt.

(2) Diese Rechte fi nden ihre Schranken in den Vorschriften

der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen

zum Schutze der Jugend und in dem Recht auf

persönliche Ehre.

(3) Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zu

Verfassung.

Die entscheidende Frage ist: Wo liegen die „Schranken“

(Art. 5 Abs. 2)? Kunst, Wissenschaft, Forschung und

Lehre unterliegen diesen Schranken anscheinend nicht.

Gibt es hier gar keine Begrenzungen?

97 Günter Bertram, Vors. Richter a. LG i. R., Birkenweg 21, 21465

Wentorf, 040/7202833, gb.bertram@gmx.de Vortrag vor der

SWG am 23. März 2009 – Vorbemerkung: Nach dem 23. 3. 2009

(Datum des Vortrags) sind zum Thema „Meinungsfreiheit“ wichtige

Gerichtsentscheidungen ergangen, vor allem der Beschluß

des Ersten Senats des BVerfG vom 4. 11. 2009, der § 130 Abs. 4

StGB für verfassungsgemäß erklärt. In der Literatur sind gegen

ihn inzwischen gewichtige Einwände vorgebracht worden. Die

Konsequenzen der Entscheidung lassen sich zur Zeit (Sommer

2010) schwer abschätzen.

II. Meinungsfreiheit – der Ausgangspunkt

1. Geschichte

Das Grundrecht der Meinungsfreiheit ist im GG

zwar ähnlich verbrieft wie ehedem in der Weimarer

Reichsverfassung (WRV), aber anders als dort doppelt

gesichert. Es kann schlechterdings nicht abgeschafft

werden (Art. 79 [3] G. G.) Als zusätzliche Sicherung der

Grundrechte haben wir unter dem Grundgesetz das

Bundesverfassungsgericht. Es hat sich eingebürgert,

die Bundesrepublik als „wehrhafte“, „streitbare“ oder

„kämpferische“ Demokratie zu rühmen. Man hat bei

uns den Ruf übernommen: keine Freiheit für die Feinde

der Freiheit! und verschweigt dabei, daß dieser Ruf von

St. Just stammt, dem engsten und bis zum Tod treuesten

Mitarbeiters Robespierres, des anerkannt ärgsten

Terroristen der Revolution! Mit diesem Schlachtruf

werden aber heute im Staat des Grundgesetzes viele

Fragwürdigkeiten legitimiert. 98[1]

98 [1] Vgl. nur G. Roelleke: „keine Freiheit den Feinden der Freiheit! NJW

1993, 3306 ( zu VG Frankfurt, Beschluß vom 22. 2. 1993: NJW 1993,

2067; bemerkenswert der Sachverhalt S. 2067!)

Doch – auch abgesehen von solchen Grotesken – ist die Legitimität

von Parteiverboten höchst fragwürdig. Vgl. Martin Morlok:

Schutz der Verfassung durch Parteiverbot? NJW 2001, 2931–2942;

zutreffend auch Horst Meier: „Diese Artikel (scil. 21 II, 18 GG), anderen

demokratischen Verfassungen unbekannt und später unter dem Begriff

der „streitbaren Demokratie“ zusammengefaßt, stellen praktisch

jedwede Politik unter das Gebot verfassungstreuer Gesinnung“, noch

auf die Spitze getrieben durch die „Ewigkeitsklausel“ (Art 79 II GG)

Kritik des Grundgesetzes, MERKUR Nr. 607, Nov. 1999, S. 1099 (1101)

1. Teil Deutschland

31


1. Teil Deutschland

32

2. Politisches Strafrecht – nur ein Teil legitimen

und illegitimen Staatsschutzes

Auch das dem Verfassungsrecht untergeordnete sog.

Politische Strafrecht dient der Sicherung des freiheitlichen

Staates. Dazu gehören die klassischen Straftatbestände

Hoch- und Landesverrat, Offenbarung von

Staatsgeheimnissen, Agententätigkeit usw.; übrigens

auch „Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats …

durch Fortführung einer für verfassungswidrig erklärten

Partei“ (§ 84 StGB) oder durch „Verstoß gegen ein Vereinigungsverbot“

(§ 85 StGB). Diese können im Rahmen

dieser Abhandlung außer Betracht bleiben. Staat und

Gesellschaft schützen sich vor ihren wirklichen oder

vermeintlichen Gegnern keineswegs allein – oder auch

nur in erster Linie – durch das Strafrecht. Verwaltungshandeln

ist meist wirksamer und deshalb wichtiger.

Man denke etwa an die Jahresberichte (VSB) der Verfassungsschutzämter,

die ein Kenner (Christoph Gusy)

schon 1986 ein „rechtliches Niemandsland“ genannt

hat 99[2] , an die Praxis dieser Behörde, Volkserziehung und

Propaganda zu betreiben – man lese nur das Vorwort

des FDP-Innenministers Dr. Wolf/NRW zu seinem VSB

2007! 100[3] Auch zivilrechtliche Beziehungen sind im

Sinne des Staatsschutzes nutzbar: Wenn etwa die Postbank

oder andere Geldinstitute es für opportun halten,

Kunden, die politisch in Verruf geraten sind, das Konto

zu kündigen. 101[4] oder Vermieter ihren Vertragspartnern,

99 [2] ) Christoph Gusy Der Verfassungsschutzbericht, NVwZ 1986, 6.

Zur Problematik der VS-Berichte:

Dietrich Murswiek Staatliche Warnungen, Wertungen, Kritik als Grundrechtseingriff

– Zur Wirtschafts- und Meinungslenkung durch staatliches

Informationshandeln, DVBl. 1997, 1021

ders.: Meinungsäußerung als Beleg für eine verfassungsfeindliche Zielsetzung,

Arnim-Festschrift Berlin 2004, 481;

ders.: Der VS-Bericht – das scharfe Schwert der streitbaren Demokratie,

NVwZ 2004, 769; ders.: Neue Maßstäbe für den VS-Bericht – Konsequenzen

aus dem JF-Beschluß des BVerfG, NVwZ 2006, 121;

Hilmar Sander: Politische Parteien im Visier des Verfassungsschutzes – Ein

Beitrag zur Bestimmung der verfassungsrechtlichen Vorgaben für die

nachrichtendienstliche Beobachtung politischer Parteien, dargestellt

am Beispiel der „Republikaner“, DÖV 2001, 328. Die Neigung der VS-

Ämter zu leichtfertigen Verdächtigungen der ??? spiegelt sich in

einer Reihe dergleichen kassierender gerichtlicher Entscheidungen

wider: BVerfG vom 24. 5. 2005: (NJW 2005, 2912) „Junge Freiheit“,

dazu Bertram: Eine Lanze für die Pressefreiheit, NJW 2005, 2890; OVG

Berlin-Brandenburg v. 6. 4. 2006: (NVwZ 2006, 838) „REP“, dazu

Bertram: Kollateralschäden einer „wehrhaften Demokratie“ in NJW

2006, 2967; VG Düsseldorf vom 21. 11. 2006: „national24.de“, dazu

Bertram: Rechte Meinungen in NJW 2007, 2163

100 [3] Vgl. VSB NRW 2007, dessen ministerielles Vorwort – Dr. Ingo Wolf,

FDP, MdL (S. 1–5) – sich auf drei Seiten mit Rechtsextremismus,

dann auf einer mit „Islamismus“ befaßt: „Dem VS wird in letzter

Zeit wieder verstärkt vorgeworfen, er sei politisch instrumentalisiert

worden. Entzündet hat sich dieser Vorwurf vor allem an der Berichterstattung

über die Lokalpartei „pro Köln“. Richtig ist, daß die

Aufklärungs- und Informationsarbeit des VS gesellschaftspolitisch

ist. Wie kann es auch anders sein, denn die Arbeit zielt darauf ab,

daß aufgeklärte Bürger der populistischen Politik rechter Parteien

und Gruppierungen nicht auf den Leim gehen (S. 2) …

101 [4] Ein Beispiel: Am 5. 1. 2001 kündigt die Postbank dem Verlag

„Junge Freiheit“ das Konto: „Wir möchten mit extremen Organisationen

keine Kundenbeziehung“ und lobt ihren Schritt „als Beitrag

für die Demokratie“ und „Zeichen gegen Gewalt und Fremden-Haß“.

Dann aber erscheint am 1. 2. in FAZ, SZ, Berliner Mopo und Bonner

die einen Saal gemietet hatten, kurzerhand den Stuhl

vor die Tür setzen, weil sie einen öffentlich inszenierten

Skandal mehr fürchten als Schadensersatzansprüche.

Beispiel: Im Juni 2005 lädt das „Corps Irminsul“ zum

125. Jubiläum und „Festkommers“ in den Hamburger

Ratsweinkeller ein – Festredner: Konrad Löw, Bayreuth.

Am Vortag faxt die Sprinkenhof-AG ihrem Pächter,

der den Irminsul-Vertrag geschlossen hatte: „untragbar

– ausladen!“ Grund: die taz hatte just verbreitet:

„rechter Kommers mit umstrittenem Gastredner!“ (vgl.

dazu: Bücherverbrennung 2004, MHR 4/2004, S. 42–45;

Bertram Der Fall Konrad Löw - Meinungsfreiheit oder

P.C.? Recht und Politik 1/2005, 33–37). Die Hamburger

Veranstalter laden K. Löw bedauernd aus; aber der RA

des Vorstands nimmt das nicht hin, droht eine einstweilige

Verfügung an, fragt auch beim Hamburger

Verfassungsschutz nach, der mitteilt, daß gegen Löw gar

nichts vorliege, und bewirkt, daß die Kündigung rasch

und lautlos zurückgezogen wird – so geräuschlos, daß

die taz davon nichts mitbekommt und die Ausladung

Löws verkündet. 102[5] Auf derselben Linie liegt es, wenn

versucht wird, einen „rechten“ Verlag von der Leipziger

Buchmesse zu verbannen. Man erfährt viele – wenn

nicht alles täuscht:: solide dokumentierte! – Fälle von

„Berufsverboten“ (eine aus den 70er und 80er Jahren

gut bekannte Vokabel) 103[6] . Die hohen Hürden, die das

GG mit Bedacht vor seinen Verboten (Art. 21 II, 18)

aufgerichtet hat, werden immer wieder unterspült:

die NPD etwa wird praktisch so behandelt, als wäre

sie verboten 104[7] , mißliebige Personen so, als wären

GenA. ein „Appell für die Pressefreiheit“, daraufhin, noch am selben

Tage, zieht die PB ihre Kündigung zurück, und die taz spottet:

„Zivilcourage hat Konjunktur!“, vgl. Alexander von Stahl: Kampf um

die Pressefreiheit: Chronologie eines Skandals, 2003, S. 33f

102 [5] Vgl. näher dazu: Bertram: „Die Unperson beim Festkommerz“,

Mitteilungen des Hamburgischen Richtervereins (MHR) 3/2005,

11 ff., ders.: Recht und Politik 1/2005, 33 ff.: Meinungsfreiheit oder

Political correctness - Der Fall Konrad Löw

103 [6] Vgl. etwa den Rauswurf des Berliner Dozenten für Rechtswissenschaften

– RiAG i.R. Falko Gramse – aus der Landespolizeischule

Berlin Mitte vom Juli 2007 wegen Redakteurstätigkeit für die JF,

vgl. JF vom 27. 7. 2007 „Patriotismus als Kündigungsgrund“ (S. 7)

und „Einschüchterungsstrategie“ (Heinrich Lummer, a. a. O., S. 2).

Eine „Show“ besonderer Art – mit einem Rauswurf und anschließenden

Arbeitsgerichtsprozessen verbunden: Eva Herman bei

Kerner am 9. 10. 2007, vgl. dazu Bertram, „Gedanken zur Hermann-

Schlacht“: Recht und Politik 4/2007, S. 242

Der „Fall Molau 2004“ (jetzt auch zu ihm FAZ v. 9. 1. 2009: „Eine

Partei zersetzt sich selbst“), über den Panorama am 25. 11. 2004

berichtete („Schulverbot für Nazikinder – Fragwürdiger Umgang

mit NPD-Familie“), zeigt mehrere Facetten des Problems auf: Dem

Mann, der als Pädagoge allseits gelobt wurde, wurde von seiner

Braunschweiger Waldorfschule fristlos gekündigt und gleich

Hausverbot erteilt, als er wissenschaftlicher Mitarbeiter der sächsischen

NPD-Landtagsfraktion wurde. Der eigentliche Skandal lag

aber darin, daß das Hausverbot sofort auch auf seine Frau und (!!)

seine dort eingeschulten minderjährigen Kinder erstreckt wurde.

Vgl. dazu Bertram: Kinderhaftung - Sippenhaft, Mitteilungen des

Hamburgischen Richtervereins 1/2005, S. 26. Andere Fälle bei v.

Münch – Der „Aufstand der Anständigen“

NJW 2001, 728 (insb. 732, Ziffer V. 3)

104 [7] Das jüngste Projekt des niedersächsischen Innenministers

Schünemann (CDU – im Auftrag der Innenminister), mit Hilfe einer

Verfassungsänderung (dazu Gutachten des Prof. Volker Epping,

Hannover) die NPD von der staatlichen Parteienfi nanzierung aus-


ihnen die Grundrechte bereits entzogen worden …

Der Rostocker Prof. Volker Neumann spricht von einer

„Feinderklärung gegen rechts“ 105[8] – die sich in teils

phantasievollen Spielarten von „Verbot, Schikane und

Boykott“ ausprägen. 106[9]

3. Meinungsfreiheit als Grund- und

Verfassungsrecht,

a. Lüth-Urteil des Bundesverfassungsgerichts

An der Wiege der Rechtsprechung steht das oft zitierte

„Lüth-Urteil“ vom 15. 1. 1958. 107[10] 1950 hatte der

Hamburger Senatssprecher Erich Lüth öffentlich zum

Boykott des Veit-Harlan-Films „Unsterbliche Geliebte“

aufgerufen, weil Harlan als Autor des seinerzeit von

Goebbels bestellten und in seiner Auswirkung – der

damaligen Instrumentalisierung! – schlimmen Films

„Jud Süß“ seinen Anspruch auf öffentliche Wiederkehr

verwirkt habe. Das Landgericht Hamburg verurteilte

Lüth auf entsprechende Klage zur Unterlassung, weil

der Boykottaufruf zivilrechtlich eine sittenwidrige und

daher verbotene Schädigung sei. Dagegen erhob Lüth

Verfassungsbeschwerde, so daß Karlsruhe die juristisch

interessante Frage zu beantworten hatte, ob und inwieweit

das Grundrecht der Meinungsfreiheit, auf das

Lüth pochte, zivilrechtlich in die Sphäre Dritter, also

Harlans bzw. seiner Filmgesellschaften, hineinzuwirken

vermochte.

Sehr weit, entschied das BVerfG und gab Lüth recht.

Hier nur ein paar Kernsätze aus dieser Entscheidung:

Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ist

als unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit

in der Gesellschaft eines der vornehmsten

Menschenrechte überhaupt (Hinw. auf Art. 11 der Erklärung

der Menschen- und Bürgerrechte v. 1789).

Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung

ist es schlechthin konstituierend, denn es ermöglicht

zuschließen, ist ein geradezu klassischer Umgehungsversuch, vgl.

dazu Bertram: „Angriff auf die Chancengleichheit“, Junge Freiheit v.

28. 11. 2008, S. 7; ders.: Gekrümmtes Recht, a. a. O., S. 2; die Änderung

des Kommunalwahlgesetzes von Mecklenburg-Vorpommern

durch G. vom 28. 1. 2009 (Überprüfung verdächtiger Kandidaten

durch den VS) ist aus gleichen Holze. Beides wird gelobt von Rainer

Litten: Politikmüdigkeit und Rechtsextremismus – was hilft? Recht

und Politik 1/2009, S. 18–22

105 [8] Volker Neumann „Feinderklärung gegen rechts – Versammlungsrecht

zwischen Rechtsgüterschutz und Gesinnungsaktionen“ in

Leggewie/Meier, 2002, S. 155 (157 ff.)

106 [9] Z. B. LG Leipzig v. 6. 10. 2000 in NJW 2001, 80: sittenwidrig: unwirksam!

LG Frankfurt/Oder v. 13. 10. 2000: Kündigung wirksam! NJW

2001, 82; dazu richtig Boemke, Leipzig: Kündigung von NPD-Konten

und § 138 BGB in NJW 2001, 43; über das Thema Kontenkündigung

und „Report“-Bericht dazu LG Mainz v. 9. 11. 2000 in NJW 2001, 761;

vgl. auch viele einschlägige Nachweise bei Ingo von Münch: „Der

Aufstand der Anständigen“, NJW 2001, 728 – zu Kontenkündigungen

dort S. 732

107 [10] 1 BvR 400/57 v. 15. 1. 1958: NJW 1958, 257–259; zur Fortgeltung

seiner Prinzipien vgl. Dieter Grimm: Die Meinungsfreiheit in der

Rechtsprechung des BVerfG, NJW 1995, 1997, dort Ziffer I

erst die ständige geistige Auseinandersetzung, den

Kampf der Meinungen, der ihr Lebenselement ist

(BVerfG … = NJW 56, 1393). Es ist in gewissem Sinne

die Grundlage jeder Freiheit überhaupt … Aus dieser

grundlegenden Bedeutung der Meinungsäußerungsfreiheit

... ergibt sich, daß es nicht folgerichtig wäre, die

sachliche Reichweite gerade dieses Grundrechts jeder

Relativierung durch einfaches Gesetz ... zu überlassen

… Die gegenseitige Beziehung zwischen Grundrecht

und „allgemeinem Gesetz“ ist … nicht als einseitige

Beschränkung der Geltungskraft des Grundrechts

durch die „allgemeinen Gesetze“ aufzufassen: es fi ndet

vielmehr eine Wechselwirkung in dem Sinne statt,

daß die „allgemeinen Gesetze“ zwar dem Wortlaut

nach dem Grundrecht Schranken setzen, ihrerseits

aber aus der Erkenntnis der wertsetzenden Bedeutung

dieses Grundrechts … ausgelegt und so in ihrer das

Grundrecht begrenzenden Wirkung selbst wieder

eingeschränkt werden müssen“.

Ein langes, seiner Dialektik wegen nicht ganz einfaches,

aber höchst aktuelles Zitat – wichtig auch deshalb,

weil es für den „öffentlichen geistigen Meinungskampf

in einer die Öffentlichkeit wesentlich berührenden Frage“

in eine Vermutung ausmündet: „die Vermutung für die

Zulässigkeit der freien Rede“. 108[11]

4. Meinungsverbreitungsrecht

Zur Freiheit der Meinungen gehört nicht nur das

Recht, sie zu äußern, sondern auch, sie gemeinschaftlich

und demonstrativ unter die Leute zu bringen. Das wird

durch Art. 8 GG verbrieft:

(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne

Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne

Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann

dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines

Gesetzes beschränkt werden.

Den inneren engen Zusammenhang beider Grundrechte

(Art. 5 und 8 GG) stellt das BVerfG in seiner

Brockdorf-Entscheidung vom 14. Mai 1985 heraus: Es

ging darum, ob die im Februar 1981 vom Landrat Steinburg

verfügten und vom OVG Schleswig bestätigten Beschränkungen

einer Anti-Kernkraft-Großdemonstration

in der Wilstermarsch vollen Umfangs zulässig waren;

als das BVerfG entschied, hatte die Demonstration mit

ca. 50.000 Teilnehmern, bei der etwa 10.000 Polizeibeamte

im Einsatz gewesen waren, längst stattgefunden,

unbeschadet des Verbots. Das Gericht gab der Verfassungsbeschwerde

gegen die Verfügung des Landrats

statt. 109[12]

108 [11] BVerfG. NJW 1958, 259 .

109 [12] Durch besonders ausführlichen Beschluß, vgl. 1 BvR 233, 341/81:

NJW 1985, 2395 ff.

1. Teil Deutschland

33


1. Teil Deutschland

34

„Als Abwehrrecht“, heißt es in den Gründen, „das auch

und vor allem anders denkenden Minderheiten zugute

kommt, gewährleistet Art. 8 GG den Grundrechtsträgern

das Selbstbestimmungsrecht über Ort, Zeitpunkt, Art und

Inhalt der Veranstaltung …In der verfassungsrechtlichen

Rechtsprechung, die sich bislang mit der Versammlungsfreiheit

noch nicht befaßt hat, wird die Meinungsfreiheit

seit langem zu den unentbehrlichen und grundlegenden

Funktionselementen eines demokratischen Gemeinwesens

gezählt“ (: Lüth-Urteil!). Das BVerfG habe früher schon

betont, „in einer Demokratie müsse die Willensbildung

vom Volk zu den Staatsorganen und nicht umgekehrt

verlaufen; das Recht des Bürgers auf Teilhabe an der

politischen Willensbildung äußere sich …auch in der

Einfl ußnahme auf den ständigen Prozeß der politischen

Meinungsbildung, die sich in einem demokratischen

Staatswesen frei, off en, unreglementiert und grundsätzlich

,staatsfrei‘ vollziehen müsse … An diesem Prozeß“, merkt

der Senat an, „sind die Bürger in unterschiedlichem Maße

beteiligt. Große Verbände, fi nanzstarke Geldgeber oder

Massenmedien können beträchtlichen Einfl uß ausüben,

während sich der Staatsbürger eher als ohnmächtig erlebt.

In einer Gesellschaft, in der die Chance, sich durch sie zu

äußern, auf wenige beschränkt ist, verbleibt dem einzelnen

… im allgemeinen nur eine kollektive Einfl ußnahme

durch Inanspruchnahme der Versammlungsfreiheit für

Demonstrationen. Die ungehinderte Ausübung des Freiheitsrechts

wirkt nicht nur dem Bewußtsein politischer

Ohnmacht und gefährlichen Tendenzen zur Staatsverdrossenheit

entgegen. Sie liegt … im wohlverstandenen

Gemeininteresse …“ 110[13] An sich erlaubte Restriktionen

müßten zurückhaltend angewendet werden: „Mit diesen

Anforderungen wären erst recht behördliche Maßnahmen

unvereinbar, die über die Anwendung grundrechtsbeschränkender

Gesetze hinausgehen und etwa den

Zugang zu einer Demonstration durch Behinderung von

Anfahrten und schleppende vorbeugende Kontrollen

unzumutbar erschweren oder ihren staatsfreien unreglementierten

Charakter durch exzessive Observationen

und Registrierungen … verändern.“ Das BVerfG hielt auch

sonst die Fahne der Liberalität hoch.

III. Meinungsfreiheit …

und dessen Einfärbung

1. Klimawandel

Im Herbst 2004 fand sich in der NJW ein Beitrag zum

Titel: „Demonstrationsfreiheit auch für Rechtsextremisten?

– Grundsatzüberlegungen zum Gebot rechtsstaatlicher

Toleranz.“ 111[14] Sein Verfasser, Hoffmann-Riem, damals

Vorsitzender Richter am Bundesverfassungsgericht,

erinnert zunächst daran, daß es die Studentenbewegung

mit ihrem Protest gegen „überkommene Strukturen“, „den

Obrigkeitsstaat“ usw. gewesen sei, die Mitte der 60er

110 [13] BVerfG, a. a. O., NJW 1985, 2396 re. Sp.

111 [14] NJW 2004, 2777–2782

Jahre den Art. 8 GG aus seinem „Dornröschenschlaf“ gerissen

und damit beim BVerfG viel Verständnis gefunden

habe, wie etwa die Brockdorf-Entscheidung zeige, die

den Gorleben-Treck 1979, die Bonner Friedensdemonstration

1981 und die Süddeutsche Menschenkette 1983

als Muster wünschenswerter behördlicher Kooperationsbereitschaft

hervorhebt. 112[15] Trotz Widerspruchs im

einzelnen hat die liberale Linie des BVerfG im großen

und ganzen Beifall gefunden, eine Akzeptanz, die dazu

beigetragen hat, ihm sein bemerkenswertes Ansehen

zu verschaffen.

Nun galten all diese Demonstrationen im Selbstverständnis

ihrer Veranstalter, den Zuschreibungen der

Medien und im allgemeinen Bewußtsein durchweg

als „links“. Irgendwann vor der deutschen Wiedervereinigung,

danach aber immer auffälliger, änderte sich

das Bild, und man bekam es mit Demonstrationen,

Kundgebungen, Aufrufen, Publikationen zu tun, die das

„linke“ Monopol nicht mehr gelten ließen: Empörung

und Frust über „die politische Klasse“ (vgl. Arnulf Baring

in der FAZ vom 19. 11. 2002: „Bürger, auf die Barrikaden!

Wir dürfen nicht zulassen, daß alles weiter bergab geht,

hilfl ose Politiker das Land verrotten lassen …), demonstrative

Mißachtung politischer „Korrektheit“, Betonung

deutscher „nationaler“ Belange und Interessen, Protest

gegen nationale „Leisetreterei“, „Überfremdung“ usw.

Das war nicht mehr „links“! Also galt das alles als „rechts“,

und dann bald auch als „rechtsradikal“.

Hoffmann-Riem in o. a. Aufsatz: Zu den Errungenschaften

des Rechtsstaats gehört, daß er inhaltlich neutral

ist. Er darf Kritik nicht als erwünscht oder unerwünscht

defi nieren und je nach dem Ergebnis dieser Defi nition

rechtlich unterschiedlich behandeln. Wer meint, Grundrechte

politisch einfärben zu dürfen, demontiert sie …Ein

Grundrecht darf seine Fahne nicht nach dem politischen

Wind richten. … Der Schutz des Grundrechts gilt für alle

Versammlungen … und zwar ohne inhaltliche Bewertung

des Anliegens oder gar seiner gesellschaftlichen Wünschbarkeit

… Schutz besteht damit grundsätzlich auch für

Versammlungen von Rechtsextremisten. Die Garantien

des Rechtsstaates dürfen zu keiner Zeit einem politischen

Trend oder einem politisch wünschenswerten Anliegen

geopfert werden.

Das war nicht nur die Meinung eines Verfassungsrichters,

sondern die des zuständigen mit acht Richtern

besetzten Ersten Senats 113[16] : Das Grundrecht der Meinungsfreiheit

ist ein Recht auch zum Schutz von Minderheiten;

seine Ausübung darf nicht … unter den Vorbehalt

gestellt werden, daß die geäußerten Meinungsinhalte

herrschenden sozialen oder ethischen Auffassungen nicht

widersprechen … Die maßgebende Rechtsprechung,

von der Rechtswissenschaft ganz überwiegend geteilt

114[17] , ist also eindeutig. Die Verwaltungspraxis war

eine andere, wie der Verfasser vielfach feststellen muß-

112 [15] NJW 1985, 2398 zu III. 1.

113 [16] Senatsentscheidung vom 23. 6. 2004: NJW 2004, 2814

114 [17] Nachweise etwa bei Hoffmann-Riem, a. a. O.; Kniesel/Poscher:

„Die Entwicklung des Versammlungsrechts 2000 – 2003“, NJW 2004,

422 ff.


te. Daß Verwaltungen sich um verfassungsrechtliche

Maßstäbe wenig scheren, macht fast jedes einschlägige

Demonstrationsereignis (soweit darüber berichtet wird)

augenfällig. Ein krasser Fall ist der spektakulär gescheiterte

sog. „Anti-Islamisierungskongreß“ von Köln vom

September letzten Jahres: Der Kongreß ist genehmigt,

geht aber in riesigen Gegenkundgebungen unter, als

deren Exekutoren sich als gewalttätige „Autonome“

einfi nden, vor denen die Polizei schnell kapituliert und

den Notstand ausruft: ihre Aufl ösungsverfügung sich

also nicht gegen die „Störer“, sondern deren Kontrahenten

richtet. „Kapitulation des Rechtsstaates!“ urteilt

der Staatsrechtler Josef Isensee – gewiß zutreffend …

Man könnte Beispiel um Beispiel anfügen; das wäre

aber überfl üssig. 115[18]

2. Antifa

Wirklich bedenklich und für den Rechtsstaat gefährlich

ist der Streit, den das OVG Münster mit missionarischer

Leidenschaft gegen den Ersten Senat des BVerfG

ausfi cht. Dem OVG, zumal seinem Präsidenten Michael

Bertrams, zufolge gibt es Meinungen (etwa – wie es

bei ihm heißt – rassistischen, ausländerfeindlichen,

antisemitischen, faschistischen und ähnlichen Inhalts,

„menschenverachtendes Gedankengut“), die nicht etwa

nur „politisch mißliebig“, sondern von vornherein und

schlechthin verfassungswidrig, verboten und verbietbar

seien. Unsere „kämpferische Demokratie“ sei

nämlich begründet im „historischen Gedächtnis“ einer

antifaschistischen Verfassung, denen diese Maßstäbe

zu entnehmen seien (= Art. 139 GG usw.) 116[19] Dieser

Anspruch auf politische Vormundschaft des Staates

über die Meinungsvielfalt der Bürger prägte dann

einen Prozeß der Wochenzeitung Junge Freiheit, Berlin,

gegen den Verfassungsschutz Düsseldorf. Dieser endete

damit, daß die Karlsruher Verfassungsrichter die vom

antifaschistischen Geist inspirierten Vorentscheidungen

Düsseldorfs und Münsters kassierte und der Jungen

Freiheit recht gab. 117[20]

3. Volksverhetzung (§ 130 StGB)

im Lichte der Verfassung

Art. 1 (3) GG lautet: Die nachfolgenden Grundrechte

binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung

als unmittelbar geltendes Recht. Gesetze, die

gegen die Verfassung verstoßen, sind daher rechtswidrig

und können vom BVerfG aufgehoben werden. In

Zusammenhang mit unserer Fragestellung sorgt eine

Bestimmung des Strafgesetzbuches, die sogenannte

115 [18] zur eignen Erfahrung in Bergedorf am 10. 02. 2007: Bertram

MHR 1/007 S. 22, Fn. 18

116 [19] M. Bertrams: Demonstrationsfreiheit für Neonazis? Zur Kontroverse

zwischen dem OVG NRW und der 1. Kammer des Ersten

Senats des BVerfG, Arndt-Festschrift 2002, S. 19 ff.

117 [20] vgl. Bertram: Eine Lanze für die Pressefreiheit, NJW 2005, 2890,

ders.: Hoheitliche Tugendwächter: Verfassungsschutz und „Neue

Rechte“, NJW 2004, 344

Volksverhetzung immer wieder und bis zur Stunde

für Zündstoff und Debatten. § 130 StGB, der diese

Bezeichnung trägt, trat 1960 an die Stelle des früheren

§ 130, der die „Anreizung zum Klassenkampf“ mit Strafe

bedroht und längst obsolet geworden war. 118[21] Der

neue Text von 1960 lautete:

Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öff entlichen

Frieden zu stören,

1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt

oder zu Gewalt- oder

Willkürmaßnahmen gegen sie auff ordert oder

2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift,

daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig

verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von 3 Monaten bis zu fünf

Jahren bestraft.

Diese Bestimmung reichte aus, sowohl antisemitischen

und fremdenfeindlichen Schmähreden, Verunglimpfungen

usw. strafrechtlich zu begegnen. 119[22] Ich

selbst war Berichterstatter in einer Hamburger Strafkammer,

die es bald nach 1966 mit einer Episode des

Bürgerschaftswahlkampfs zu tun bekam: Der Angeklagte

hatte die Wahlplakate der SPD für ihren Kandidaten

Bürgermeister Prof. Dr. Herbert Weichmann vielfach so

überklebt, daß die Aufschrift lautete: „Hamburg wählt

seinen Juden“ oder „…wählt seinen Juden Weichmann“.

Die Strafkammer hat den Mann nach dem zitierten

Paragraphen verurteilt, und der Bundesgerichtshof hat

das Urteil bestätigt. 120[23] 30 Jahre später fand unter meinem

Vorsitz in Hamburg das Strafverfahren gegen den

US-Bürger Garry Lauck statt. Er hatte bald nach der Wiedervereinigung

damit begonnen, seinen „NS-Kampfruf“,

ein ziemlich übles antisemitisches Hetzblatt, das sich

mit Vorliebe über die sog. Vergasungslüge verbreitete,

Hitler pries und in diesem Sinn die Trommel rührte, massenhaft

in die Neuen Bundesländer hineinzupumpen.

Auch ihn haben wir nach § 130 StGB bestraft, und der

BGH hat seine Revision verworfen. 121[24]

118 [21] vgl. das 6. Strafrechtsänderungsgesetz, BGBl.1960, I 478

119 [22] Zu den Motiven der Gesetzgebung und ihrer Veranlassung vgl.

Joachim Jahn: Strafrechtliche Mittel gegen Rechtsextremismus – Die

Änderung der §§ 130 und 86 a StGB als Reaktion auf fremdenfeindliche

Gewalt im Licht der Geschichte des politischen Strafrechts in

Deutschland, Diss. Univ. Hannover, Frankfurt 1998, S. 39 mit Anm.

164; S. 130 f. mit Anm. 755, 756, zum „Fall Nieland“ vgl. BGH in NJW

1959, 1593; Bertram: Der Rechtsstaat und seine Volksverhetzungsnovelle,

NJW 2005, 1476, Ziffer III; Lohse NJW 1971, 1245 mit Anm.

1–3

120 [23] vgl. BGH v. 15. 11. 1967 = BGHSt. 21, 371 = NJW 1968, 309

121 [24] LG Hamburg vom 22. 8. 1996; BGH-Beschluß 3 StR 10/97 v. 5. 3.

1997

dazu neulich Marc Coester: Hate Crimes, Dissertation Tübingen 2007,

dort insb.: Hate speech und der Schutz der freien Meinungsäußerung,

S. 91–115. Winfried Brugger: Verbot oder Schutz von Haßreden?

Rechtsvergleichende Beobachtungen zum deutschen und amerikanischen

Recht, Archiv des öffentlichen Rechts, 128. Band, Heft

3 (Sept. 2003); ders.: Gewährleistung von Freiheit und Sicherheit

im Lichte unterschiedlicher Staats- und Verfassungsverständnisse,

VVDStRL 63, Tagung Oktober 2003, S. 101–140, 202 ff.

1. Teil Deutschland

35


1. Teil Deutschland

36

Natürlich wurde durch dieses Urteil die Meinungsfreiheit

und Meinungsverbreitungsfreiheit von Lauck

beschränkt. Aber hier waren Meinungen mit Aggressivität

und Verletzungsvorsatz geäußert und verbreitet

worden. Dieser § 130 StGB (1960, alter Fassung!) ist ein

allgemeines Gesetz, das vor Art. 5 GG Bestand hat. Man

mag rechtspolitisch darüber streiten, ob eine liberale

demokratische Ordnung nicht doch besser daran täte,

sogar solche Haßreden („hate speech“) zu dulden. 122[25]

Diese Vorschrift war in Deutschland Gesetz, die darin

ausgesprochene Beschränkung der Meinungsfreiheit

entsprach dem Grundgesetz. Der Richter, der ja nicht

Gesetzgeber ist, darf nicht fragen, ob er sie für politisch

geboten und angemessen hält, was übrigens bei mir

der Fall war und ist. Die sog. Auschwitz-Lüge (besser:

-Leugnung), zumal mit polemischer Häme (etwa: „…

nur jüdische Lüge zu Erpressungszwecken!“) vorgebracht,

enthält einen Angriff auf die Menschenwürde der

Juden nach § 130 Ziffer I. 2., war also Volksverhetzung.

Das schiere Bestreiten des Massenmordes konnte den

Umständen nach gegebenenfalls als Beleidigung (bis zu

2 Jahren oder Geldstrafe) strafbar sein, nicht aber – viel

strenger! – als Volksverhetzung. Auf der Basis dieser

gefestigten Rechtsprechung hob der BGH am 15. 3.

1994 eine Verurteilung des NPD-Funktionärs Deckert

durch das LG Mannheim auf, weil in concreto im Urteil

zwar eine Beleidigung dargelegt werde, nicht aber

die besondere Voraussetzung der Volksverhetzung.

Deckert war in einer Versammlung als Übersetzer und

begeisterter Interpret für Fred Leuchter, einem bekannten

Auschwitz-Leugner, tätig gewesen. 123[26] Der BGH

hat die Auschwitz-Leugnung durchaus nicht gebilligt,

sondern nur dem Gesetz entsprechend entschieden,

daß es auf Deckerts Verhalten nicht zutraf. Diese Urteilsaufhebung

geriet den Medien in den falschen Hals,

Entrüstungsstürme im Medienzeitalter – der BGH und die

„Auschwitz-Lüge“. Süddeutsche Zeitung v. 26. 6. 1994:

Eine durch Mölln und Solingen, Lübeck, Hoyerswerda

und Rostock hoch alarmierte Öffentlichkeit konnte den

Ingo Pommerenig weist in „Historische Entwicklung der Political correctness

in Amerika“, Bund Freiheit der Wissenschaft, 1. 6. 2006,

darauf hin, daß die US-Gerichte sich, soweit ersichtlich, nicht vor

den Wagen der PC („speech codes“ usw. usw.) spannen lassen,

vielmehr auf die Verfassung pochen; aber ihnen weichen die Verwaltungen,

Universitäten pp. tunlichst aus, vgl. a. a. O., S. 10, 11, 12.

122 [25] Vgl. aus dem Urteil 627 Kls 7/96 vom 22. 8. 1996 gegen Gary/

Gerhard Lauck, S 81:

„Der Umstand, daß bei ihm zu Hause – soweit hier von Interesse – alles

erlaubt ist, mildert für seine Person nur wenig: Er kannte die deutsche

Rechtslage immerhin genau. Aber dieser Umstand lenkt das

Auge – ganz unabhängig von der Person des Angeklagten – auf

Unterschiede, die es zwischen rechtsstaatlich -liberalen Staaten

gibt: Unterschiede, die … zwar überzeugend begründbar sind, die

aber doch zu ständiger Prüfung nötigen, wieweit Verbote dort, wo

andernorts Freiheit herrscht, unerläßlich oder noch vernünftig sind.

Adressat dieser Frage ist zunächst der Gesetzgeber, dem der frühere

Bundespräsident Gustav Heinemann einen ruhigen Gang in aufgeregten

Zeiten anempfohlen hatte, dann der Gesetzesausleger und

letztlich das strafzumessende Gericht…“

123 [26] 1 StR 179/93, NJW 1994, 1421 – sog. 1. Deckert-Urteil. 2. Deckert-

Urteil vom 22. 6.1994:

NJW 1094, 2494; Beisel, Die Strafbarkeit der AL, NJW 1995, 997 Zi. II.

1 (998 r. Sp.)

vermeintlichen Freispruch für die „Auschwitz-Lüge“ nicht

fassen. Waschkörbeweise kam Protest in die Karlsruher

Herrenstraße, Telefone und Fax-Geräte standen tagelang

nicht still. Pressesprecher Siol sah sich mit renommierten

Anrufern aus Übersee konfrontiert, nach deren fester

Überzeugung am höchsten deutschen Strafgericht wieder

Nazis eingezogen waren. 124[27]

Der Gesetzgeber, der in dieser heiklen Angelegenheit

sich schon seit langem wechselnden Impulsen

ausgesetzt gesehen hatte125[28] , hielt nun die Zeit zum

Handeln für gekommen, zumal mit dem 8. Mai 1995 der

40. Jahrestag der deutschen Kapitulation heranrückte,

an dem die Augen der Welt vermutlich auf Deutschland

ruhen würden. Mit Gesetz vom 28. 10. 1994 fügte das

Parlament dem § 130 einen Abs. III hinzu:

Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren …

wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des

Nationalsozialismus begangene Handlung des

Völkermords der in § 220 a Abs. 1 bezeichneten

Art“ (Anmerkung: damit ist Völkermord usw.

gemeint, später durch inhaltsgleichen Verweis

auf § 6 I des Völkerstrafgesetzbuchs geändert)

in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen

Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung

billigt, leugnet oder verharmlost.

Entsprechendes galt dann auch für Druckschriften.

Schon vor und erst recht nach der Novelle gab es in der

juristischen Literatur gewichtige Zweifel, ob dieser neue

Absatz rechtlich sinnvoll und praktikabel sei: Welches

Rechtsgut schützt er? Die geschichtliche Wahrheit wohl

kaum – oder soll der Strafrichter die historische Wissenschaft

gängeln? 126[29] Das politische Klima? einen „gesellschaftlichen

Grundkonsens“? „die kollektive Scham“ 127[30] ,

124 [27] Die rhetorisch wenig geglückte, aber in der Sache ganz untadelige

Rede Philipp Jenningers am 11. November 1988 („50 Jahre

….“) vor dem Bundestag rief ähnliche Hysterien im In- und im

Ausland hervor: „Hitler vom Bundestagspräsidenten entschuldigt

/ Antisemitismus explodiert abermals im deutschen Parlament /

Tumult wegen Hitlerverehrung“ vgl. näher Bertram: Die Kultur als

Machtfrage, MHR 2003, 36 ff. (41 mit Fn. 20 und 21. Ignatz Bubis,

Vorsitzender im Zentralrat der Juden Deutschlands, trug später,

im November 1994, die Jenninger-Rede ohne Urheberbenennung

als eigene vor: ohne jeden Protest. Zu allem Werner Hill WDR-Fs

vom 11. 11. 1989, 3SAT v. 5. 11. 2003, vgl. MHR 4/2003, a. a. O.

125 [28] Dazu Bertram NJW 1994, 2004 zu Ziffer 5. Vgl. weiterhin etwa

Vogelsang: Die Neuregelung zur sog. „AL“ – Beitrag zur Bewältigung

der Vergangenheit oder „widerliche Aufrechnung“? NJW 1985, 2386;

Köhler: Zur Frage der Strafbarkeit des Leugnens von Völkermordtaten,

NJW 1985, 2389; Beisel: Die Strafbarkeit der AL, NJW 1995, 997

126 [29] „Historikerstreit“ …. Eben dies geschieht – immer wieder, wie

Hunderte Einzelfälle beweisen. Man erfährt dazu auch groteske

Details, vgl. etwa Lorenz Jäger: Drastik Risiken der Zeitgeschichte:

Die Fälle Canfora und Irving, FAZ vom 21. 11. 2005, wo es heißt:

„… Mancher hat sich in Kenntnis des Risikos, das ein direktes Zitat

bedeuten würde, stillschweigend bei Irving bedient: in Deutschland

etwa Günter Grass, dessen Fontane-Roman „Ein weites Feld“ in

Schilderung des Reichsluftfahrtministeriums auf Irvings Göring-

Biographie zurückgriff, aber schamhaft nur von einem „britischen

Historiker“ sprach. Nun wüßte man doch gern, welchen Reim sich

die deutschen Voltaires auf die Verhaftung (erg. Irvings) machen …“

127 [30] Dazu Fischer, StGB 56. Aufl . 2009 in Rz.24 zu § 130: „Die Ansicht,

der Tatbestand (erg. III) schütze „die kollektive Scham“ über die

Massenvernichtung … beschreibt eher ein normatives Postulat: Es


Deutschlands Ansehen in der Welt? Die Menschenwürde

von Opfern? Diese ist aber bereits Schutzgut des Abs. I

und wird im neuen III gar nicht erwähnt. Der öff entliche

Friede? (zweifelhaft schon deshalb, weil er kaum mehr als

eine rhetorische: durch Medien und Politik inszenierte

Zuschreibung sein kann.) 128[31]

Juristisch bereitet § 130 in dieser Form eigentlich

unlösbare Schwierigkeiten. Art. 103 Abs. 2 GG verlangt

vom Strafgesetz tatbestandliche Bestimmtheit. Ist

„Verharmlosen“ überhaupt noch ein rechtlich faßbarer

Begriff ? Wird der ohnehin schon schwierige Tatbestand

nicht noch weiter verunklart durch eine scheinbar liberale

Ausnahmeklausel, die alles an sich Verbotene dann

für rechtens erklärt, wenn der Täter in guter Absicht

gehandelt hat? 129[32] Straftaten setzen grundsätzlich

Vorsatz voraus, § 15 StGB. Was muß der Vorsatz des

Täters beim Leugnen/Verharmlosen umfassen? Ist

nur der Agitator und bewußte Lügner sozusagen der

„Tätertyp“? Oder auch der Irrende, der es nicht besser

weiß, oder der „Unbelehrbare“, oder wer sonst noch „in

revisionistischer Verblendung“ handelt (so BGH v. 10. 4.

2002: NJW 2002, 115)? Der wohl führende Kommentar

der Strafrechtspraxis eröff net seine einschlägige Randziff

er dazu mit der Bemerkung: Kaum lösbare Probleme

wirft hier die Frage des Vorsatzes auf. Ist Leugnen objektiv

das In-Abrede-Stellen von etwas Wahrem, so kann vorsätzliches

Leugnen, wie es Abs. 3 verlangt, nach allgemeinen

Regeln nur ein In-Abrede-Stellen sein, dessen Unwahrheit

der Täter kennt oder jedenfalls in Kauf nimmt, mag auch

die fragliche Tatsache für die anderen noch so off enkundig

sein … 130[33]

Und schließlich die wichtigste Frage: Ist diese Norm

mit der Garantie der Meinungsfreiheit vereinbar? Diese

Freiheit fi ndet ihre Schranken in den Vorschriften allein

der allgemeinen Gesetze. Und das heißt: das fragliche

Gesetz darf zum ersten nicht lediglich auf eine bestimmte

Situation gemünzt sein. Es muß zum zweiten

„meinungsneutral“ sein, darf also nicht bestimmte An-

kann nicht legitimerweise strafbar sein, sich nicht zu schämen oder

andere durch Verbreiten falscher Ansichten davon abzuhalten, sich

zu schämen.“

128 [31] Abs. III. verlangt insoweit nur die „Eignung“ zur Friedensstörung

(abstraktes Gefährdungsdelikt), die schwerlich eine empirische

Gegebenheit ist: „In der Praxis beschränken sich Feststellungen …

fast regelmäßig auf den Hinweis, sie stehe „außer Frage“, Fischer, a.

a. O. Rz. 14 IV. hingegen setzt eine vollendete Störung voraus, die

eigentlich empirisch würde festgestellt werden müssen mit der

Folge, daß der Tatbestand leerlaufen würde. Sollte er das vielleicht,

weil es nur auf seine Anwendung im Verwaltungsrecht ankam, in

Kauf genommen haben? Vgl. Fischer, a. a. O., Rz. 40

Eingehende Kritik, auch an der s. E. unschlüssigen Rechtsprechung

des BVerfG („Tatsachen/Meinungen …“), bei Stefan Huster: Das

Verbot der „Auschwitz-Lüge“, die Meinungsfreiheit und das BVerfG,

NJW 1996, 487

129 [32] Vgl. etwa Bertram: Grenzenlose Volksverhetzung – Lea Roshs

Debattenbeitrag NJW 2002, 111

130 [33] Lenckner/Sternberg-Lieben, Rz. 20 zu § 130 StGB in Schönke-

Schröder, 27. Aufl age 2006; sehr kritisch, auch zur Rechtspr. des

BGH („… in revisionistischer Verblendung negiert …“, BGHSt. 47, 278

= NJW 2002, 2115) Fischer StGB, 56. Aufl age 2009, § 130 Rz. 42. Der

BGH schiebt hier wie auch sonst wiederholt das Vorsatzproblem

beiseite und hebt auf die Motive und Zwecke des historischen

Gesetzgebers ab (wie Bubnoff in LK).

schauungen kriminalisieren 131[34] wie katholisch, atheistisch,

reaktionär, fortschrittlich, völkisch, kommunistisch,

weltbürgerlich, deutschfreundlich/deutschfeindlich,

philosemitisch/antisemitisch usw. Der Meinungsinhalt,

ob wertvoll oder wertlos, rational oder emotional,

begründet oder grundlos, edel oder verwerfl ich usw.

geht die Obrigkeit – und den Gesetzgeber! – nichts an.

Andernfalls, schreibt Richter am Bundesverfassungsgericht

Grimm (NJW 1995, 1698), würde dem Staat eine Defi

nitionskompetenz über erwünschte oder unerwünschte

Meinungen eingeräumt.

Das BVerfG hat bislang die Frage noch niemals

entschieden, ob die oft vorgebrachten Bedenken gegenüber

der Verfassungsmäßigkeit des § 130 III StGB

durchgreifen. 132[35] Es hat allerdings schon zum „alten“

§ 130 StGB eine Linie vorgezeichnet, auf der es den

130 III StGB, freilich nur sehr eingeschränkt!, vielleicht

würde „halten“ wollen: Ihr zufolge werden falsche Tatsachenbehauptungen

von der Meinungsfreiheit nicht

gedeckt – im Gegensatz zu „falschen Meinungen“, die

den Schutz genießen, was allerdings für falsche Tatsachenbehauptungen

wiederum insoweit und dann

auch gelte, wenn sie Meinungselemente und -grundlagen

darstellen. 133[36] Die Strafgerichte, auch der Bundesgerichtshof,

stellen die Gültigkeit der Norm nicht in Frage

und versuchen, irgendwie mit ihr zurechtzukommen.

Hier wäre noch anzumerken, daß der o. g. Hoff mann-

Riem nach seiner Pensionierung öff entlich erklärt hat,

er halte – aus rechtspolitischer Sicht – den genannten

Absatz 3 („Holocaust-Leugnung“) für verunglückt und

schädlich 134[37] , was ihm empörten Widerspruch aber

auch Zustimmung eingetragen hat. 135[38] Die Zweifel,

ob die Bestrafung der Auschwitz-Leugnung (III) verfassungsrechtlich

haltbar ist, verstärken und verdichten

sich bei der jüngsten Novelle.

§ 130 Abs. 4 sagt:

Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit

Geldstrafe wird bestraft, wer öff entlich oder in

einer Versammlung den öff entlichen Frieden in

einer die Würde der Opfer verletzenden Weise

131 [34] So vom BVerfG schon im Lüth-Urteil herausgestellt, vgl. NJW

1958, S. 258, Ziffer 3

132 [35] Vgl. Bertram NJW 2005, 1476 (1477: Ziff er IV.1)

133 [36] Der Irving-Beschluß vom 13. 4. 1994 (NJW 1994, 1779), der falsche

Tatsachenbehauptungen für i. S. des Art 5 GG ungeschützt erklärt,

anders als kritikwürdige Meinungen (Hitler: Kriegsschuldfrage),

Beschl. v. 11. 1. 1994: NJW 1994, 1781, betrifft den alten § 130 (TZ

1991). Die i. E. schwierige und fragwürdige Unterscheidung (dazu

Grimm Die Meinungsfreiheit in der Rspr. des BVerfG, NJW 1995, 1699)

gilt dann aber auch für § 130 III StGB von 1994. Überzeugende

Kritik bei Stephan Huster: „Das Verbot der Auschwitz-Lüge, die

Meinungsfreiheit und das BVerfG, NJW 1996, 487; Michael Köhler:

Zur Frage des Leugnens von Völkermordtaten, NJW 1985, 2389 (Fazit

1391 l. Sp.)

134 [37] Vgl. FAZ vom 10. 7. 2008: Keine Märtyrer schaffen – früherer VerfRi.

gegen Holocaust-Paragraphen.

135 [38] Vgl. etwa OVGPr. Bertrams in FAZ vom 17. 7. 2008: Das BVerfG

und die Neonazis; gegen ihn Bertram in FAZ v. 19. 8. 2008 Triftige

Gründe

1. Teil Deutschland

37


1. Teil Deutschland

38

dadurch stört, daß er die nationalsozialistische

Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht

oder rechtfertigt.

Der offensichtliche Mangel an Präzision in dieser

Vorschrift ist kein Kunstfehler: er ist gewollt. Demgemäß

hat Justizministerin Zypries schon im Gesetzgebungsverfahren

Auslegungshilfen gegeben und erklärt,

„Verherrlichen“ liege auch dann vor, wenn NS-Unrechtsverhältnisse

in einem positiven Bewertungszusammenhang

erschienen, oder wenn dabei positive Wertakzente

gesetzt würden; und strafbare Billigung könne auch unter

Vorbehalt oder konkludent erfolgen. 136[39]

Das ist eine kaum noch verhohlene Aufforderung an

die Strafjustiz, die politische Vormundschaft über die

Gesellschaft zu übernehmen.

Überraschenderweise hat das BVerfG eine Verfassungsbeschwerde

verworfen, mit der u. a. gerügt

worden war, daß die neue Vorschrift schon deshalb

gegen Art. 5 GG verstoße, weil sie als politisch gewollte

einseitige Bestimmung kein „Allgemeines Gesetz“ sei.

Das hat das BVerfG sogar als zutreffend konzediert,

nicht aber die Konsequenz gezogen, die Vorschrift für

verfassungswidrig zu erklären. Art. 5 II GG (Einschränkung

der Meinungsfreiheit nur durch allgemeine) gelte

nicht im Bereich von NS-Taten. Für das NS-Erbe hätten

allgemeine Verfassungsregeln keine Geltung; dies – also

ausnahmsweise Durchbrechung ihres Textes! – sei dem

GG „immanent“, habe dort also noch nicht einmal erklärt

werden müssen. Ein rein politischer Spruch mithin,

ohne eigentlich rechtliche Substanz, für dessen Kritik

hier kein Platz ist. 137

IV. Der Appell von Blois – übergreifende

Ursachen und Wirkungen

Mitte Oktober 2008 schlugen eine Reihe international

hochgeachteter Wissenschaftler, auch Historiker,

öffentlich Alarm. Ihr Protest, der „Appell von Blois“,

richtete sich gegen einen sog. Rahmenbeschluß der

EU, der vor seiner Verabschiedung zu stehen schien.

Worum ging es? Brigitte Zypries hatte sich während der

deutschen EU-Ratspräsidentschaft als Vorsitzende des

Justizministerrats für ihr altes Projekt ins Zeug gelegt,

einer europaweiten „Erinnerungskultur“ strafrechtliche

Verbindlichkeit zu verschaffen und zu diesem Zweck die

deutschen Volksverhetzungsvorschriften als eine Art

136 [39] Vgl. Bertram: Der Rechtsstaat und seine Volksverhetzungsnovelle,

NJW 2005, 1476 zu Ziffer III. a. E.; unter Hinweis auf die Motive auch

Lenckner/Sternberg-Lieben § 130 Rz. 22 b)

39a vgl. etwa nur Bertram NJW-Aktuell 50/2009, S. XII (Standpunkt);

Horst Meier, Sonderrecht gegen Neonazis? Merkur Juni 2010, 733;

Schaefer: Wieviel Freiheit für die Gegner der Freiheit?

DÖV 2010, 379; Benjamin Rusteberg: Die Schranken der Meinungsfreiheit

gegen rechts, StudZR 2919, 159

137 Vgl. etwa nur Bertram NJW-Aktuell 50/2009 S. XII (Standpunkt);

Horst Meier, Sonderrecht gegen Neonazis? Merkur Juni 2010. 733;

Schaefer: Wieviel Freiheit für die Gegner der Freiheit?

DÖV 2010, 379; Benjamin Rusteberg: Die Schranken der Meinungsfreiheit

gegen rechts, StudZR 2919, 159

von Muster, aber erweiternd formuliert, allgemeinverbindlich

zu machen. Die einschlägige Publizistik teilte

im Mai 2007 mit, der EU-Ministerrat habe sich endlich

auf einen „Rahmenbeschluß“ geeinigt, der die Staaten

verpfl ichte, u. a. die öffentliche Billigung, Leugnung

oder grobe Verharmlosung von Völkermordverbrechen,

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen

unter Strafe bis zu drei Jahren zu stellen und

außerdem bei Delikten jeglicher Art „rassistische und

fremdenfeindliche Motive“ zu Strafverschärfungsgründen

zu erklären. 138[40] Dieses Projekt schien in die europäische

Landschaft sogar zu passen, denn memory laws, also

Erinnerungsgesetze, waren in Europa längst ins Kraut

geschossen: Arno Widmann hatte lt. FR vom 6. 11. 2008

in fünfzehn Staaten derartige Gesetze – untereinander

teils grotesk widersprechender Art! – ausgemacht. 139[41]

Diese hatten auch zu Gerichtsverfahren und Strafen

geführt. 140[42]

138 [40] Näher Bertram: Wider die „Erinnerungspolizei“ – Der Appell von

Blois, MHR 4/2008, 12 mit Literaturangaben. Vgl. auch Thorsten

Hinz, a. a. O. (Anm. 18), S. 181: Zypries- Initiative

139 [41] Reinhard Müller, FAZ vom 28. 2. 2009: Wo das Leugnen beginnt

– Schon das „quantitative Bagatellisieren“ des Holocaust

steht unter Strafe in Deutschland. Mit dem EU-Haftbefehl könnte

der Arm des deutschen Gesetzes bis nach Großbritannien reichen

– nennt Österreich, Frankreich, Spanien bis zur Entscheidung

der dortigen Verfassungsgerichte (!!), Belgien, Luxemburg,

Liechtenstein, Tschechien, Polen, Israel. Mit leichter Ironie zum

Zypries’schen Haftbefehl gegen Richard Williamson … Vgl. auch

Thomas Immannuel Steinburg vom 21. 10. 2008 (Internet, Schmidt-

Polyglatt): Europäische Erinnerungspolizei in der Maske der Tugend,

wo es heißt: „Frankreich erließ 1990 unangefochten ein Verbot der

Leugnung der Vernichtung europäischer Juden und anderer 1945

in Nürnberg defi nierter Verbrechen gegen die Menschheit. 1995

wurde der Historiker Bernard Lewis auf dieser Grundlage von einem

französischen Kriminalgericht verurteilt, weil er bestritten hatte, daß

der Massenmord an den Armeniern als Völkermord einzustufen sei,

… 2001 verfügte die Frz. Republik per Gesetz, daß Sklaverei ein Verbrechen

gegen die Menschheit sei. Oliver Petre-Grenouilleau wurde

daraufhin von frz. Staatsbürgern in Übersee vor Gericht gebracht; er

hatte eine Forschungsarbeit über afrikanischen Sklavenhandel veröffentlicht.

Von einem anderen Standpunkt aus schreibt inzwischen ein

weiteres frz. Gesetz vor, daß Lehrpläne an Schulen die „positive Rolle

Frankreichs“, „besonders in Nordafrika“ zu berücksichtigen hätten …“

Dazu noch Karen Krüger in FAZ vom 19. 11. 2008: Die Beleidigung

der türkischen Nation bleibt strafbar: Der türkische Justizminister

verteidigt den Art. 301 (betr. des Verbots, vom armenischen Genozid

zu sprechen).

140 [42] Bemerkenswert eine Entscheidung des spanischen Verfassungsgerichtshofs

vom Herbst 2007, nach der Art. 607.2 des StGB

dahin zu ändern sei, daß zwar jede Rechtfertigung des Holocaust

verboten bleibe, dessen pure Leugnung indessen von der Meinungsfreiheit

umfasst werde, vgl. Junge Freiheit vom 16. 11. 2007:

Holocaust-Leugnung nicht mehr strafbar

Bertram: Den Punkt getroffen, JF 16. 11. 2007, S. 2


V. Alleinstellung der NS-Verbrechen

Dennoch wäre der Zypries-Plan fast gescheitert:

Polen, Slowenien und die baltischen Staaten hatten

verlangt, wenn dergleichen schon gemacht werde,

dann müßten Stalins Ausrottungsverbrechen strafrechtlich

genauso wie andere, insb. die NS-Verbrechen,

nachträglich verdammt, also ausdrücklich ins Gesetz

einbezogen werden. Der Ministerrat indessen hatte

sich in einer „sehr anstrengenden Sitzung“ (Brigitte

Zypries) nur auf die Formel verständigen können, er

„bedauere“ auch diese Verbrechen, wolle und könne sie

aber nicht als „Völkermord“ qualifi zieren, mithin nicht

einbeziehen. 141[43] „The Zypries List of horrors“ (Garton Ash

in The Guardian) ist also nicht gedacht als ein generelles

Verbot, Großverbrechen zu bestreiten, sondern das

Projekt, allein den NS-Holocaust dem nun auch europaweiten

Tabu zu unterwerfen. Daß dies die juristische

Einkleidung eines geradezu religiösen Anliegens ist, hat

wiederum Thorsten Hinz überzeugend begründet. Das

Straßburger EU-Parlament hatte das Projekt dann im

November 2007 abgesegnet; aber zur Zeit ist trotzdem

offen, ob der „Parlamentsvorbehalt“ einiger osteuropäischer

Staaten dort zur Geltung und das Projekt

dadurch doch noch zum Scheitern gebracht wird. In

dieser Lage, zu der die Dinge noch in der Schwebe sind,

fi nden sich, wie eingangs bemerkt, Wissenschaftler aus

Frankreich, Italien, Belgien, Holland, England, Polen u.

a. Ländern, auch aus Deutschland, auf Einladung des

Bürgermeisters und früheren Kulturministers Jack Lang

im französischen Blois zusammen, um vor dieser neuen

Inquisition, der „Erinnerungspolizei“, in letzter Minute zu

warnen. Timothy Garton Ash formuliert die Erklärung,

in der es heißt:

In einem freien Staat ist es nicht die Aufgabe irgendeiner

politischen Autorität zu defi nieren, was

die historische Wahrheit sei, geschweige denn

darf sie die Freiheit des Historikers mittels der

Androhung von Strafsanktionen einschränken.

Wir fordern die Historiker auf, in ihren Ländern

ihre Kräfte zu sammeln und sich diesem Appell

anzuschließen, um der Vermehrung von Erinnerungsgesetzen

Einhalt zu gebieten. Die politisch

Verantwortlichen bitten wir zu begreifen, daß es

zwar zu ihren Aufgaben gehört, das kollektive

Gedächtnis zu pfl egen, daß sie aber keinesfalls

per Gesetz Staatswahrheiten institutionalisieren

sollen (vgl. Robert Havemann: „HEW “ = „Hauptverwaltung

ewige Wahrheiten!!).

141 [43] Offenbar soll der abstrakte Text nur auf den Holocaust zutreffen;

in diesem Sinne schon Milosz Matuchek in der SZ v. 30. 11. 2007:

Europas Erinnerungsgesetz: „… Längst war überfällig, daß sich die

Justizminister der EU-Staaten auf ein gemeinsames Vorgehen für

einen Beschluß zur Holocaust-Leugnung einigen … Die EU würde

ihrem Ziel näher kommen und neben Wirtschafts-, Währungs- und

Wertegemeinschaft auch zu einer Erinnerungsgemeinschaft werden.“

Ash kennt die Geschichte der DDR besser als die

weiland „maßgebenden Deutschen, die schwerwiegende

Konsequenzen für die Arbeit des Historikers und die

intellektuelle Freiheit insgesamt haben können … „In einer

Demokratie ist die Freiheit der Geschichte die Freiheit aller“.

Erfreulicherweise ist der Protest unüberhörbar geworden

142[44] , was freilich nicht heißt, daß man auf ihn hören

wird. Übrigens wirft das Zypries-Projekt auch prekäre

europarechtliche Fragen von der Art auf, wie der Zweite

Senat des BVerfG sie im Lissabon-Termin verhandelt hat:

die Frage nach den rechtlichen Kompetenzen europäischer

Instanzen, ihren 27 Nationen eine einheitliche

Erinnerungskultur strafrechtlicher Art zu oktroyieren. Es

ist klar, daß der EG-Vertrag für eine solche Kompetenz

schlechterdings nichts hergibt, und zwar trotz seiner

textlichen Verwaschenheit: Art. 5 S. 2 EGV verlangt eine

Einzelermächtigung, die nirgends erteilt wird. Hier wird

einfach aus dem hohlen Bauch „Wertegemeinschaft“ herausgeschöpft

und hervorgezaubert. 143[45] Die negative

Antwort aber dürfte keinen der vielen EU-Funktionäre

oder Straßburger Mandatsträger interessieren oder gar

erschüttern; die deutschen Abgesandten in Ministerrat

und Kommission am allerwenigsten. Sie sind es doch,

die den Wechselbalg auf seine Reise geschickt haben.

VI. Schluß

Ich verabscheue, was Sie schreiben, aber ich würde

mein Leben dafür hergeben, daß Sie es weiter schreiben

können. Diese Formulierung dessen, was Aufklärung

und Toleranz einmal bedeuten sollten (sie wird Voltaire

zugeschrieben 144[46] , dürfte heute fast nirgends mehr

auf Verständnis stoßen: nicht bei unseren politischen

Akteuren, den Parteien, nicht in den Medien, Behörden,

Volkshochschulen – und am allerwenigsten in

den Ämtern, die den gesetzlichen Auftrag haben, die

Verfassung, also auch die Meinungsfreiheit, zu schützen.

Die Gerichte aber sind auf die Verfassung, ihren

Text und Geist, verpflichtet. Ob dies innerhalb der

Rechtsprechung so bleibt, und wenn es bleibt: ob das

allein genügt, das immer enger werdende Korsett der

Bevormundung und Gängelei zu sprengen, ist eine

zur Zeit ganz offene Frage. Je weniger die Gesellschaft

bereit ist, sich gängeln und bevormunden zu lassen, um

so hoffnungsvoller die Aussicht, und umgekehrt leider:

um so düsterer!

142 [44] Vgl. etwa Marc Zitzmann in NZZ vom 22. 10. 2008: „Wider die

„Staatswahrheit“, Jürg Altweg in FAZ vom 16. 10. 2008: Retro-Moral

– Historiker kämpfen für die Freiheit der Geschichte; Arno Widmann

in FR v. 6. 11. 2008: Der Kampf um die Erinnerung; Cora Stephan Eros

der Freiheit, Der Spiegel 46/2008 S. 190; Thorsten Hinz Glasfassaden

der Unfreiheit – Das deutsche Elend wird zum europäischen: Moralpolizisten

sollen über die Geschichte wachen, JF 30. 11. 2008, S. 11

143 [45] Vgl. dazu die köstliche Glosse Gerd Roelleckes: Antidiskriminierung

auf europäisch, NJW 1996, 3261

144 [46] Im Brief an A. M. Riche vom 6. 2. 1770

1. Teil Deutschland

39


1. Teil Deutschland

40

Wahrheit als Hochverrat?

Wer andere als die herrschenden Wahrheiten lehrt,

begeht vor der Welt eine Art Hochverrat. Er macht sich

strafbar. Nicht die jeweils herrschenden Wahrheiten

sind schützenswert. Schutzgut ist die durch sie erzeugte

Ruhe des Volkes, die jählings zerbrechen kann. Wahrheiten

beunruhigen das Volk, denn sie zeigen ihm die

Unsicherheit der Stelzen unserer Lebensbühne. Große

Propheten wurden daher seit je gekreuzigt und verbrannt

(Goethe/Faust). Ti estin aletheia – Was ist Wahrheit? Diese

Pilatusfrage, nüchtern übersetzt, lautet: Wahrheit – gibt

es die überhaupt? Goethe sagt einmal zu einem Historiker:

Wie wenig enthält auch die ausführlichste Geschichte

im Vergleich zum wirklichen Leben … Und von dem wenigen,

wie weniges ist wahr? Und von dem Wahren, ist irgend

etwas über allen Zweifel hinaus? Bleibt nicht vielmehr alles

ungewiß, das Größte wie das Geringste?

Dostojewski beschreibt in seiner berühmten Phantasie

Großinquisitor, daß Christus auf die Erde zurückkehrt.

ER sagt nichts, dennoch wird er erkannt. Hosianna, ruft

das Volk wie ehedem. Auch der Kardinal Großinquisitor

erkennt IHN, steckt den Finger aus und gebietet der Wache,

IHN festzunehmen.

Das Volk weicht angstvoll zurück und läßt es geschehen.

Im Gefängnis spricht der Großinquisitor zu

Christus: Weshalb bist du denn gekommen, uns zu stören?

Hast du ein Recht dazu, uns auch nur eines der Geheimnisse

zu enthüllen von jener Welt, von wo du gekommen

bist? Der Großinquisitor bezweifelt also nicht, daß der

wiedererschienene Christus im Besitz der objektiven

Wahrheit ist, wie nur Gott sie kennt. Er bezweifelt

aber, daß diese objektive Wahrheit jetzt schon für die

Menschen paßt. Ich achte deine Wahrheiten, sagt der

Großinquisitor, und auch ich warte auf das Heil, aber

jetzt verwirrst du das Volk. Wisse: Jetzt und eben jetzt

sind diese Menschen mehr als je davon überzeugt, daß sie

völlige Freiheit genießen. Und dabei haben sie uns selber

ihre Freiheit ergeben zu Füßen gelegt. Warum störst du

uns? Wer verdiente wohl eher den Scheiterhaufen als du?

Morgen werde ich dich verbrennen.

Es ist also eine sehr ernste Frage, die sich stellt: Soll

man für Wahrheit kämpfen? Welche Wahrheit?

M.A.


Die Aff äre (1986/87) um den beim damaligen CDU-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Dr. Uwe Barschel,

plazierten SPD-Spitzel Pfeiff er steht mit dem ungeklärten Tod Barschels in einem Genfer Hotelzimmer in Verbindung.

Harms glaubt, Barschel habe Selbstmord begangen. Ich glaube an Mord, begangen durch die Stasi, unter helfendem

Nicken von Engholm, welcher der SED sehr nahe stand. Nachdem die SPD die Früchte der Aff äre geerntet und die Wahl

gewonnen hatte, hat ihr Generalstaatsanwalt alle Ermittlungen eingestellt. Höhepunkt des Skandals war die gerichtlich

niemals geahndete nächtliche Übergabe von Schweigegeld an Pfeiff er durch den SPD-Sozialminister Janssen. Diese

Machenschaften der SPD, einer demokratischen Partei, waren schlimm genug. Das wirklich Erschütternde an der Aff äre

aber war die Treulosigkeit und Feigheit der CDU. Es rührte sich keine Hand! Weder Landespolitiker, die ihren Aufstieg

z. T. Barschel verdankten, noch der damalige CDU-Vorsitzende Kohl. Feige bis ins Mark!

Ich bin Herrn Harms dankbar für seinen Bericht. Er mahnt uns, nicht vorschnell zu richten! Eine Mahnung, die angesichts

der Vorgänge um Th. Sarrazin (September 2010) wieder einmal ungehört blieb. M.A.

Uwe Barschel

Richtigstellung eines Augenzeugen

Rainer Ute Harms, Pinneberg 145•

Einleitung

Die Ereignisse um den schleswig-holsteinischen

Ministerpräsidenten Dr. Dr. Uwe Barschel haben mich

seit den Ereignissen 1987/88 nie losgelassen. Es war

dabei weniger die Sache an sich, als vielmehr die Begleitumstände

und alles, was danach passierte. Das hat

mich bis heute nicht losgelassen. Deswegen will ich das,

was ich damals als Landtagsabgeordneter persönlich

erlebte, die damaligen Begegnungen mit Menschen

in der eigenen Fraktion, mit Journalisten und Bürgern,

hier schildern.

De mortuis nihil nisi bene! Rede nicht schlecht über

Tote. Für Uwe Barschel hat dieser Satz nie gegolten.

Noch heute wird negativ auf Uwe Barschel Bezug

genommen von Menschen, die wirklich nicht wissen,

was vorgefallen ist. Die Äußerungen sind so, daß es als

selbstverständlich angenommen wird, daß er ein übler

Patron war, dessen Leben und Tun verwerfl iche Machenschaften

gewesen wären. Noch heute werden unser

damaliger Fraktionspressesprecher Günter Kohl oder z.

B. der frühere Staatssekretär Dr. Hermann Schleifer für

Dinge stigmatisiert, an denen sie keine Schuld haben

und mit denen sie nichts zu tun haben. Sie wurden

damals aber zusammen mit anderen als Bauernopfer

auf dem Altar der Öff entlichkeit geschlachtet.

Lassen Sie es mich vorwegnehmen: Ich glaube nicht,

daß alles das, was so über die damaligen Ereignisse im

Umlauf ist, richtig ist.

145 • Damals CDU-Mitglied im schleswig-holsteinischen Landtag

Meine gemeinsame Geschichte mit Barschel

Um die Persönlichkeit, den Menschen Uwe Barschel

beschreiben zu können, werde ich zunächst einige

gemeinsame Erlebnisse mit ihm schildern. Ich kannte

Uwe Barschel aus einigen Begegnungen Ende der 60er

Jahre aus der Jungen Union in Schleswig-Holstein. Er

war mein Landesvorsitzender. Da es meine (Eigen)

art war, mich in der Politik nach den eigenen Empfi ndungen,

der eigenen Meinung über Politik zu richten,

hatten wir unsere erste kontroverse Begegnung in den

Gremien der Jugendorganisation. Klaus Hensel (heute

erster Stadtrat in Quickborn), Willi Klepper, Karla Heesen

und ich, alle Junge Union Kreis Pinneberg, reisten 1970

monatelang durch Schleswig-Holstein. Wir wollten

dafür sorgen, daß der verdiente, damals aber umstrittene

Ministerpräsident Helmut Lemke durch Gerhard

Stoltenberg abgelöst wird.

Ich erinnere mich noch, wie diese beiden Politiker

mit hochrotem Kopf auf dem Landesparteitag im Kieler

Schloß beieinander saßen. Mein erster wichtiger

Auftritt auf diesem Parteitag zu Stoltenberg gewandt,

der damals Kruppdirektor war: „Wenn Sie nicht bereit

sind, in der Stunde der Not für die CDU Schleswig-

Holsteins in unser Land zu kommen, dann können Sie

das nächste Mal auf der Villa Hügel kandidieren.“ Ich

bin sicher, es waren unsere monatelangen Aktivitäten,

die bewirkten, daß Stoltenberg Spitzenkandidat wurde

und wir ein fulminantes Wahlergebnis bekamen.

Diese Episode erzähle ich aber nur deswegen, um Uwe

Barschels politisches Gespür beleuchten zu können.

Uwe Barschel war auf diesem denkwürdigen Parteitag

nämlich krank. Er hat mir gegenüber immer bestritten,

1. Teil Deutschland

41


1. Teil Deutschland

42

daß meine Unterstellung, er hätte eine „politische Krankheit“

gehabt, richtig gewesen ist. Dennoch bin ich noch

heute dieser Meinung, denn wäre er zugegen gewesen,

hätte er sich für die Junge Union äußern müssen, deren

Landesvorsitzender er war. Das hätte aber geheißen,

Partei ergreifen zu müssen. Der kluge Uwe Barschel war

schon damals ein guter politischer Stratege. Ich sehe das

eben Beschriebene nicht als negativ an, hätte er anders

gehandelt, wäre er politisch nicht eine so bedeutende

Persönlichkeit geworden. Im Frühjahr des Jahres 1971

kamen Uwe Barschel und ich dann gemeinsam in den

Landtag. Er war, weil ein brillanter Kopf, politisch sofort

ein Hoffnungsträger, der natürlich schnell Karriere

machte. Er begann als parlamentarisch Beauftragter

für Jugendfragen. Das brachte ihm eine Dotation, ein

Auto mit Fahrer und ein Büro, so daß er sich politisch

entfalten konnte.

Als der Fraktionsvorsitzende Gerd Lausen damals

Finanzminister wurde, war es nur natürlich, daß Uwe

Barschel unser Fraktionsvorsitzender wurde. Er bekam

ein exzellentes Wahlergebnis und leitete die Fraktion

von allen, die ich als Vorsitzende kennengelernt habe,

ohne Frage am fairsten, am besten und gegenüber der

Regierung loyal, aber durchaus kritisch und durchsetzungsstark.

Nicht um mich etwa rechtfertigen oder profi lieren

zu wollen, es liegt ja alles ziemlich weit zurück, möchte

ich doch meine damalige Haltung und Uwe Barschels

aufrechte Haltung mir (und den ‚Freunden‘) gegenüber

beschreiben. Vielleicht weil ich einen guten, sicheren

Wahlkreis hatte, vielleicht auch wegen meines Demokratieverständnisses

(ich wollte gewählt werden), hatte

ich keinerlei Interessen an den kleinen und großen

Machtspielchen in der Fraktion. Mich interessierte

die Politik in und für Schleswig-Holstein und darüber

hinaus.

Vielleicht wegen meines ethischen Fundamentes,

aber sicher auch deswegen, weil ich versuchte, Politik

unter dem Gesichtspunkt zu begreifen‚ was für die

Menschen heute und auch noch in zehn oder zwanzig

Jahren gut ist. Ich fragte mich, was muß für Deutschland

getan werden und zwar nicht nur für die damalige

Bundesrepublik (alt). Meine Ansichten etwa zum Umweltschutz

oder zur Wiedervereinigung erschienen in

der damaligen Betrachtung häufi g als ‚absurd‘, so daß

ich bei vielen Kollegen als Querulant galt.

Auf meine Anregung hin diskutierte unsere

Fraktion 1986 auf ihrer Klausurtagung die Folgen

der demografi schen Entwicklung. Stellen Sie sich

vor, wir hätten damals Schlußfolgerungen aus

den Erkenntnissen für die Politik gezogen. Die

fi nanziellen Probleme des Landes sähen heute

z. B. anders aus.

Leidenschaftlich versuchte ich die Verantwortungsträger

in meiner Partei davon zu überzeugen,

daß die damalige DDR auch Deutschland

ist, das wir für die Millionen Menschen dort mit

zu handeln hätten. Es war sicher auch mein Verdienst,

daß wir damals die DDR und die früheren

Ostgebiete Deutschlands bereisten. Das war für

viele Politiker eine wichtige Nachhilfestunde in

deutscher Politik.

Ich beschreibe das so ausführlich, weil ich mich an

die vielen Klausurtagungen der CDU-Landtagsfraktion

erinnere. Man suchte sich einen feinen Ort in Schleswig-

Holstein aus, es gab ein opulentes Essen, dann wurde

kurz mit Reden des Ministerpräsidenten oder ähnlichen

Würdenträgern getagt. Danach wurde getrunken. Viele

konspirierten und fi elen dann angeheitert ins Bett. Ich

bin immer nach Hause gefahren. Am nächsten Morgen,

wenn Politik diskutiert wurde, sah ich in die müden,

uninteressierten Augen der Kollegen (natürlich mit

Ausnahmen), die sich sichtlich genervt fühlten, wenn

der Harms dauernd redete. Nur einer hörte garantiert

immer sehr aufmerksam zu, das war Uwe Barschel. Er war

der einzige, der sich in die Argumente und Anregungen

hineinzudenken und sie aufzunehmen versuchte.

Mein Wunsch nach der Wiedervereinigung Deutschlands

wurde von Uwe Barschel nachhaltig unterstützt.

So hatten wir seinerzeit mit etwa 50 Personen (mehr

waren nicht zu motivieren) am 17. Juni 1971 an der Zonengrenze

bei Mustin demonstriert. Redner in Richtung

DDR war Uwe Barschel. Er fuhr mit unserer Fraktion und

auch mit kleineren Delegationen durch die DDR. Dieses

Verhalten zeigte seine politische Weitsicht. Uwe Barschel

hatte die Verpfl ichtung des Wiedervereinigungsauftrages

erkannt und setze sie in aktive Politik um. Das war

übrigens die Ursache für seine (und unsere) häufi gen

Besuche in der DDR. Alles andere, was nachher hineingeheimnist

wurde (Waffengeschäfte/Stasi) ist schlicht

dummes Zeug.

Übrigens war Gerhard Stoltenberg erst durch unsere

Aktivitäten dazu gebracht worden, die DDR ebenfalls

regelmäßig zu besuchen. Weil er noch nie in der DDR

war, hatte ich schon zu organisieren begonnen, daß er

mit mir zusammen einmal einen privaten Besuch bei

meinen Verwandten in Sachsen machen sollte. Er hat

dann Wege über die Kirche gefunden.

Aber ich will hier noch ein anderes Erlebnis schildern,

daß den Politiker Uwe Barschel wohl noch besser

kennzeichnen kann. In der Fraktion war ich seinerzeit

zeitweilig baupolitischer Sprecher, also zuständig für

die Novellierung der Landesbauordnung. Als Bürgermeister

meines kleinen Wohnortes kannte ich einerseits

die Bauordnung, andererseits das, was wirklich bei uns

gebaut wurde. Es gab Schwarzbauten. Woher sollten die

Bürger auch wissen, daß das, was sie taten, gegen ein

recht kompliziertes Gesetz verstößt. Nicht die Bürger

seien zu bestrafen, so meinte ich, sondern die Vorschriften

sind zu ändern. Der damalige Innenminister Uwe


Barschel war von mir eingeladen worden, zu einem

bestimmten landespolitischen Thema bei uns im Dorf

vor den Bürgermeistern der Region zu sprechen. Weil

der Innenminister für die Landesbauordnung verantwortlich

zeichnete, rief ich seine Sekretärin an und bat

sie, den Minister zu bitten, doch eine halbe Stunde eher

zu kommen (anonym), ich wollte ihm gerne mal die

Schwarzbauten in meinem Dorf zeigen.

Uwe Barschel rief mich damals an und sagte: „Rainer

Ute, wenn ich als Minister sehe, daß es irgendwo

Schwarzbauten gibt, dann muß ich sie als ‚Offi zialdelikte‘

verfolgen und das kann nicht in deinem und meinem

Sinne sein.“ Er kam pünktlich zur Veranstaltung, aber

bei meinen Vorschlägen zur Landesbauordnung war er

später besonders aufgeschlossen und hilfreich. Ich habe

das so ausführlich beschrieben, weil ich damit die Persönlichkeit

Uwe Barschels kennzeichnen möchte. Er war

ein durch und durch korrekter, aber eben auch immer

politisch klug denkender Mann, vor dessen Fähigkeiten

ich auch heute noch rückblickend große Achtung habe.

Da er diese Haltung seit 1971 in allen unseren unzähligen

Begegnungen so vorlebte, sehe ich einfach

keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er so nicht auch

bis zum Schluß handelte.

Der Ablauf der Ereignisse

Wie in jedem Wahlkampf hatte der Axel Springer

Verlag einen führenden Journalisten abgestellt, der die

Öff entlichkeitsarbeit der Regierung im Wahlkampf mit

seinem Sachverstand unterstützen sollte. Diesmal war

es Reiner Pfeiff er. Die Tätigkeit eines solchen Mannes

bezog sich nie darauf, „der Mann fürs Grobe“ zu sein.

Das wäre ja im übrigen auch ziemlich töricht. Wenn

man so etwas überhaupt hätte tun wollen, wäre dies

aus der Staatskanzlei heraus zu organisieren ein doppelt

törichtes Verhalten. Nein, dieser Mann sollte den Wahlkampf

begleiten und die Regierungsarbeit gegenüber

der Landespresse positiv profi lieren, mehr nicht. Uwe

Barschel zu unterstellen, er hätte diesem Mann einen

anderen Auftrag gegeben, kann nur in den Köpfen von

Menschen geboren sein, die glauben, daß Politik per

se intrigant und schmutzig ist. Was man nicht wußte,

Pfeiff er war bei Springer ein Auslaufmodell, mußte sich

also Gedanken über seine berufl iche Zukunft machen,

und er war alles, nur kein führender Journalist.

Irgendwann zu Beginn des Sommers 1987 rief mich

dieser Pfeiffer zu Hause an. Mein einziges ‚Pfeiffer-

Erlebnis‘ übrigens. Er fragte mich, ob ich etwas über

Engholms Kirchenmitgliedschaft wüßte oder so. Zwar

empfand ich diese Frage seltsam und sogar ziemlich

abstrus, maß ihr aber nicht die Bedeutung zu, die sie

hatte. Wohlgemerkt, das war zu einem Zeitpunkt, an

dem der engste Mitarbeiter von Engholm (dem späteren

Ministerpräsidenten), Herr Nielius, schon intensiven

Kontakt mit Pfeiff er hatte. Hätte ich damals die Bedeu-

tung erkannt und Alarm geschlagen, die Entwicklung

wäre sicher eine andere gewesen.

Heute gesicherte Tatsachen:

1. Pfeiffer war zu einem „feindlichen U-Boot“ mutiert.

Er spielte ein doppeltes Spiel. Einerseits

sollte er die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung

unterstützen, andererseits konstruierte er

Verschwörungstheorien, die er nicht etwa den

eigenen Leuten, sondern über Herrn Nielius der

SPD-Opposition mitteilte.

2. Es muß doch nachdenklich stimmen, warum

Pfeiffer später durch den „Boten“ Nielius eine

Geldprämie von Engholm und Sozialminister

Jansen auf einer Autobahnraststätte überreicht

bekam. Auch sollte man sich fragen, warum der

ins Gerede gekommene Nielius (der treue Knecht

ließ sich für den Herrn schlagen) über die Jahre

von Engholm gestützt wurde.

3. Engholm behauptet bis heute, er habe von den

Machenschaften nichts gewußt. Ich denke, ich

kenne das politische Geschäft gut genug, um zu

wissen, daß alles stimmt, nur diese Behauptung

nicht. Zumindest hat Engholm gewußt, daß

Nielius mit Hilfe Pfeiffers einen Skandal plante,

der vor der Wahl (wie geschehen) platzen sollte,

um der SPD zum Sieg zu verhelfen. Die Veröffentlichung

im Der Spiegel einen Tag vor der

Wahl am 27. September hat uns alle überrascht

und kalt getroffen, insbesondere Uwe Barschel.

Die Intrige war also, wie geplant, erfolgreich,

natürlich nicht für Uwe Barschel und die CDU,

sondern für die SPD.

4. ‚Aliquid semper haeret! Irgend etwas bleibt

immer hängen! Die SPD-Strategie war aufgegangen.

Wie bereits beschrieben, verstand es

Uwe Barschel mit der ihm übertragenen Macht,

klug umzugehen. Andererseits macht ein solches

Amt auch einsam. Damit konnte Uwe Barschel

nur schwer zurechtkommen.

5. Nun passierte dieses Komplott. Barschel war

ganz allein, denn selbst seine ‚eigenen Freunde‘

begannen offensichtlich, an ihm zu zweifeln.

6. Am 23. September 1987 besuchte der stellvertretende

Ministerpräsident Dr. Henning Schwarz

das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Quickborn

in meinem Wahlkreis. Es war der Tag der Namensgebung

dieser Schule. Als wir gelegentlich

allein waren, meinte ich zu ihm, daß wir als seine

Freunde doch mehr für Uwe Barschel tun müßten,

wir müßten ihm doch in jeder Beziehung

helfen. Er meinte, daß doch mehr an der Sache

dran sein könnte. Selbst Dr. Henning Schwarz,

einen durch und durch anständigen, loyalen und

korrekten Mann, plagten Zweifel.

1. Teil Deutschland

43


1. Teil Deutschland

44

Für mich war damals gegen Ende September klar,

daß Uwe Barschel als Ministerpräsident zurücktreten

müsse, um so die politische Verantwortung zu übernehmen

dafür, daß die Regierung den Herrn Pfeiff er eingestellt

hatte. Er hätte damit die politische Verantwortung

für dessen Machenschaften übernehmen müssen. Das

ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist eigentlich

eine Selbstverständlichkeit, daß nämlich alle, die mit

Uwe Barschel zusammen Politik gemacht haben, die

durch ihn eine große Karriere gemacht haben, alles

tun, um ihm, aber auch der eigenen CDU, in Würde aus

dieser Situation herauszuhelfen versuchen.

Untersuchungsausschuß

Für mich war selbstverständlich, daß der einzurichtende

Untersuchungsausschuß das Gremium sein

mußte, in dem die Aufklärung der Sachverhalte vorgenommen

wird. Die Aufgabe der CDU-Leute in dem

Ausschuß wäre es gewesen, alles zu tun, ihren Freund

Uwe Barschel und die CDU in ihrer Gesamtheit so gut

es ging zu schützen.

Für mich wäre es auch dann selbstverständlich gewesen,

so zu handeln, wenn Uwe Barschel alle die ihm

unterstellten Dinge gemacht hätte. Was ich aber nicht

von ihm glaubte. Es gebot also die ‚Freundschaft und

Loyalität“, so zu handeln. Ich merkte auch, daß Uwe

Barschel in seiner Einsamkeit in besonderer Weise die

Hilfe, Solidarität und Freundschaft seiner „Freunde“ und

Weggefährten brauchte und suchte.

29. September 1987

Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hatten

wir Ende September oder Anfang Oktober 1987 eine

erste Parlamentssitzung. Wir wählten vermutlich den

neuen Parlamentspräsidenten. Wichtiger war aber die

Fraktionssitzung der CDU. Sie könnte am 29. September

gewesen sein. In dieser Sitzung waren alle Mitglieder

gemeinsam der Ansicht, daß ein Untersuchungsausschuß

eingerichtet werden solle, um die im Zusammenhang

mit den Machenschaften Pfeiff ers entstandenen

Fragen zu klären.

Wir versicherten zugleich Uwe Barschel unserer

Freundschaft und Solidarität. Auch rieten wir ihm, erst

einmal wegzufahren und sich von dem Streß zu erholen,

um dann mit frischer Kraft und gemeinsam mit uns die

Mühsal des Untersuchungsausschusses zu überstehen

und den entstandenen Schaden für ihn und für die CDU

insgesamt zu begrenzen.

Wegen der unzähligen Journalisten, die uns förmlich

belagerten, sollte niemand wissen, wohin Uwe Barschel

in den Urlaub fuhr. Nur der Staatssekretär in der

Staatskanzlei, Günter Hebbeln, hatte während dieser

Zeit Kontakt zum Ministerpräsidenten, war quasi das

Bindeglied zwischen Fraktion und Uwe Barschel.

6. Oktober 1987

Ich erinnere mich noch wie heute an die Fraktionssitzung

am 6. Oktober 1987. Es war mein Geburtstag.

Uwe Barschel hatte mir noch schriftlich dazu gratuliert.

Anstatt daß wir damals Strategien für unser gemeinsames

Vorgehen besprachen, erklärte der designierte

Untersuchungsausschußvorsitzende Dr. Trutz Graf

Kerssenbrock kategorisch und off ensichtlich mit Zustimmung

des damaligen Fraktionsvorsitzenden Klaus

Kribben, daß die Vorwürfe gegen Uwe Barschel zuträfen

und man ihn aus der Partei ausschließen müsse. Ich

traute meinen Ohren nicht. Gerade hatten wir in der

letzten Sitzung einstimmig beschlossen, Uwe Barschel

nachhaltig zu helfen, mit Mut und Zuversicht aus seinem

Urlaub zurückzukehren. Kaum war er nun weg,

wurde von Kerssenbrock sein Parteiausschluß gefordert.

Kerssenbrock wäre doch als Jurist eigentlich dem

Grundsatz verpfl ichtet: „In dubio pro reo“, im Zweifel für

den Angeklagten. Außerdem war er nach der Systematik

eines Untersuchungsausschusses nicht der „Ankläger“,

sondern doch der „Verteidiger“.

Ich fühlte mich damals zutiefst verletzt. Meine Familie

hat sehr unter dem Dritten Reich gelitten. Der erste

Mann meiner Mutter wurde bereits 1934 von den Nazis

ermordet. Ich war stolz, ein frei gewählter Abgeordneter

in einem demokratischen Parlament sein zu dürfen, und

nun stand für einige führende Leute unserer Fraktion

off ensichtlich das Urteil schon fest, bevor der Untersuchungsausschuß

ein einziges Mal getagt hatte. Das war

ein unglaublicher Vorgang – und für mich unfaßbar in

einer Demokratie.

Ich hielt deswegen in der Fraktion massiv dagegen.

Zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, daß ich

(von den älteren Parlamentariern) off ensichtlich der einzige

war. Selbst gestandene Minister waren erkennbar

bereit, Uwe Barschel voreilig zu verurteilen.

8. Oktober 1987

Am Donnerstag, dem 8. Oktober 1987, tagten wir

wieder in der Fraktion. Die Diskussion ging wieder um

den Parteiausschluß Uwe Barschels. Ich vermute noch

heute, daß die werten Kollegen ihr Fell zu retten hoff -

ten, indem sie die Schuld für alles Vorgefallene auf Uwe

Barschel abzuladen versuchten und ein Parteiausschluß

dies dokumentieren sollte. Was müssen dies für feige

Gemüter gewesen sein. Ich schlug vor, bis Sonntag

abend, bis zu Uwe Barschels Rückkehr, zu warten und

dann zusammen mit ihm zu tagen und ihn mit dem

Wunsch der Mehrheit der Fraktion zu konfrontieren.

Davor hatte man Angst. Nein, man müsse dies sofort

vollziehen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Zumindest

gab es an diesem Tag keinen Beschluß, wir vertagten

uns auf den nächsten Tag.

9. Oktober 1987

Es war Freitag, der 9. Oktober 1987. Ein denkwürdiger

Tag. Wieder wurde von Kerssenbrock und Kribben der

Parteiausschluß gefordert, wieder wurde heftig disku-


tiert. Ich forderte diesmal, und dies sehr heftig: Wenn

man dies schon wolle, dann sollte man wenigstens bis

zur Rückkehr Uwe Barschels am Sonntag (11. Oktober)

warten und ihm von Angesicht zu Angesicht die

Chance zu einer Stellungnahme geben, ehe wir unsere

Entscheidung fällen.

Außer mir, so erinnere ich mich, gab es keinen unter

den altgedienten Parlamentariern, der bereit war, für

Uwe Barschel zu sprechen.

Neben mir saß der Kultusminister Peter Bendixen. Im

Gegensatz zu mir war er mit Uwe Barschel persönlich

befreundet. Ich sagte ihm: „Peter, du bist doch Uwes

Freund, sag du doch mal was!“ Er schien mir wie paralysiert.

Sagte dann aber zaghaft tatsächlich etwas

zugunsten Barschels.

Die Fraktion beschloß gegen meinen erbitterten

Widerstand den Parteiausschluß Uwe Barschels. Ich

war schockiert. Als ob ich einen Holzhammer auf den

Kopf bekommen hatte, fuhr ich nach Hause. Kurz hinter

Kiel wäre ich beinahe gegen die Leitplanke gefahren,

als ich im Radio hörte, daß unsere Fraktion einstimmig

den Parteiausschluß Uwe Barschels beschlossen habe.

Ich war verzweifelt.

Am darauff olgenden Sonnabend mußte ich, obwohl

mir nicht danach war, als Bürgermeister am Erntedankfest

unseres Dorfes teilnehmen. Ich erinnere mich noch,

wie eine liebe Bilsenerin, Magda Gülck, mir über die

Wange streichelte und meinte: „Rainer du siehst aber

schlecht aus.“ Am nächsten Nachmittag fuhr ich mit meinen

Jungs auf der Langenhorner Chaussee in Hamburg,

als ich im Rundfunk hörte, Uwe Barschel sei tot. Ich war

irgendwie überhaupt nicht überrascht.

Der besagte Herr Pfeiff er sagte damals in einem Interview:

„Das habe ich nicht gewollt!“ Diese spontane

unüberlegte Äußerung war wohl ehrlich gemeint. Man

muß sich allerdings fragen, was Pfeiff er denn dann

gewollt hatte. Nun, er wollte die Regierung Barschel

stürzen. Sicher erhoff te er sich eine lukrative Beschäftigung

in einer neuen Regierung Engholm, denn sein

Springer-Vertrag lief ja aus. Weil das nun nichts werden

konnte, gab es dann später wenigstens Schweigegeld.

12. Oktober 1987

Zurück nach Kiel. In der Fraktionssitzung am Montag

nach Uwe Barschels Tod herrschte allgemeine Betroff enheit

unter denselben Leuten, die Uwe Barschel gerade

aus der Partei ausschließen wollten.

Übrigens bestätigte mir der Fraktionsvorsitzende

Kribben in dieser Sitzung ausdrücklich, daß ich nicht mit

für den Parteiausschluß gestimmt hatte. Es kennzeichnet

sein ‚Format’ und seinen ‚Charakter’, daß er sich nicht

zu schade war, drei Tage vorher von „Einstimmigkeit“

vor der Presse zu sprechen.

Fraktionssitzungen der CDU

Staatsekretär Günter Hebbeln nahm an den Fraktionssitzungen

teil. Er hat Uwe Barschel sicher über die

Vorgänge in unserer Fraktion in Kiel informiert: Obwohl

die Fraktion Uwe Barschel noch vor zehn Tagen einmütig

ihrer Solidarität und Hilfe versichert hatte, beschloß

sie, kaum war er außer Sicht, seinen Parteiausschluß.

Daß der „verrückte“ Harms dagegengehalten hatte, war

für Uwe Barschel sicher kein Grund, mutig in die Zukunft

zu sehen. Es ist übrigens davon auszugehen, daß Uwe

Barschel mein Votum nie erfahren hatte. Vielmehr

mußte er unterstellen, daß auch sein Ziehvater und

Landesvorsitzender, Dr. Gerhard Stoltenberg, diesen

Beschluß unterstützen würde.

Man stelle sich vor, was in Uwe Barschel damals vorgegangen

sein muß, als er erfuhr, daß seine engsten

‚Freunde‘, die Minister, die doch durch ihn in Amt und

Würden gekommen waren, ihn wie eine heiße Kartoffel

fallengelassen hatten. Sie taten dies, weil sie wohl

hoff ten, dadurch ihre eigene Haut retten zu können.

Uwe Barschel war ganz sicher zutiefst verzweifelt. Und,

wenn meine These stimmt, daß Uwe Barschel ein Mann

der Ehre war, und zwar in einer sehr konservativen

Interpretation, dann blieb ihm nur eine Konsequenz,

zumal ja das Urteil des erst beginnenden Untersuchungsausschusses

für seine „Freunde von der CDU“

bereits feststand.

Ich kannte Uwe Barschel nicht nur als einen äußerst

intelligenten, korrekten Mann, sondern auch als einen

liebenden Vater. Unsere Familien bekamen etwa zur

gleichen Zeit ihre Kinder. Wir haben uns häufi g darüber

unterhalten. Er liebte seine Familie und besonders seine

Kinder über alles. Deswegen fl og Uwe Barschel nach

Genf. Denn dort waren seine Mutter und seine Kinder

bei Barschels Bruder zu Gast. Als sie damals nachmittags

in den Zirkus gingen, hat er sie noch einmal – aus der

Entfernung – gesehen und sich quasi von ihnen verabschiedet.

Dann beendete er sein Leben.

Graf Kerssenbrock

Es scheint zu den menschlichen Eigenschaften zu

gehören,

• eigene Schuld oder sagen wir Verantwortung,

wie bei Kerssenbrock und Kribben, von sich zu

weisen und anderen zuzuschieben;

• in den Tod Uwe Barschels etwas hineinzugeheimnissen,

was nicht richtig ist. Es war weder

ein „Waterkantgate“, noch Waff engeschäfte,

sondern hier starb ein Mann durch eigene

Hand, weil seine Freunde ihn verlassen hatten

- er starb aus Verzweifl ung.

1. Teil Deutschland

45


1. Teil Deutschland

46

Ich erinnere mich noch deutlich, wie sich Graf

Kerssenbrock später darin gefi el, von den Journalisten

hofi ert und zum ‚Retter der Demokratie‘ hochstilisiert

zu werden.

Mir war es schon peinlich, wie der Spiegel-Chefredakteur

Böhme Kerssenbrock in fast jede seiner

damaligen Talkshows bei SAT 1 einlud. Ich denke mir,

auch er wollte dadurch Schuldgefühle rechtfertigen.

Schließlich war die Spiegel-Berichterstattung Auslöser

für diesen Skandal.

Schlimmer noch war das eitle und unkameradschaftliche

Verhalten Kerssenbrocks, der aber immer vom

Fraktionsvorsitzenden Kribben unterstützt wurde. In

der CDU-Fraktion machte sich im Laufe des Untersuchungsausschusses

zunehmend ein Unwohlsein über

Graf Kerssenbrock breit, der selbstherrlich Uwe Barschel

verurteilte und sich in der Öff entlichkeit als „größter

Demokrat aller Zeiten“ aufspielte. Kerssenbrock gab

damals ein Interview im Kölner Express, in dem er in der

Überschrift erklärte: „Es gibt bessere als Stoltenberg!“

Das erregte die Gemüter, denn Gerhard Stoltenberg war

als Landesvorsitzender in der damaligen schwierigen

Zeit die Persönlichkeit, die als einzige unseren Landesverband

der CDU zusammenzuhalten vermochte.

Außerdem war er zwölf Jahre lang erfolgreicher Ministerpräsident

unseres Landes gewesen, mit dem viele

gerne zusammengearbeitet hatten.

In der Fraktion in Sachen Kölner Express zur Rede

gestellt, erklärte Kerssenbrock, daß er falsch zitiert

worden sei. Dies erklärte er auch gegenüber anderen

Zeitungen, wie z. B. der Welt. Durch Zufall erfuhr ich von

einem Brief des Express-Journalisten an Kerssenbrock,

in dem er ihn fragte, ob er nicht mehr zu dem von ihm

autorisierten Interview stehe. Mir war auch bekannt,

daß Fraktionsvorsitzender Kribben von diesem Vorgang

wußte, aber in der Fraktion nichts dazu sagte. Ich rief

daraufhin den Journalisten des Express an, der mir später

auch schriftlich versicherte, daß Kerssenbrock ihm

gerade noch einmal versichert habe, daß das Interview

Wort für Wort korrekt sei. Er hatte also gegenüber der

Fraktion die Unwahrheit gesagt.

Ich informierte damals den durch das Interview

zutiefst verletzten Gerhard Stoltenberg, der als Bundesverteidigungsminister

in Bonn weilte. In der nächsten

Fraktionssitzung mußte Kerssenbrock, nachdem er

damit konfrontiert worden war, als Obmann im Untersuchungsausschuß

endlich zurücktreten. Ursache

für die Mißstimmung in der Fraktion war auch, daß

Kerssenbrock in diesen Tagen wiederum in Hintergrundgesprächen

mit Journalisten Uwe Barschel für

in allen Teilen schuldig erklärte. Was mich noch heute

verwundert, war der Wunsch des Fraktionsvorsitzenden

Kribben, schon nach vierzehn Tagen Kerssenbrock wieder

als Obmann zu installieren.

Der Ausschußvorsitzende des Untersuchungsausschusses,

Dr. Klingner, ein anständiger Jurist, tat mehr

für die Aufklärung und damit für Uwe Barschel als

der eigene Mann Kerssenbrock, der sich darin gefi el,

Barschel vorab zu verurteilen und sich selbst als Retter

der Demokratie (der große, schonungslose Aufklärer)

zu gerieren.

Mich erinnerte das verdächtig an Prozesse im Dritten

Reich, in denen das Urteil schon vor Beginn des

Prozesses feststand. So kennzeichnete ich einmal das

Verhalten Kerssenbrocks gegenüber Professor Dall‘

Asta mit einem Wort: „Freisler!“ Er riet mir, dies nicht

laut zu sagen.

Viele Journalisten haben damals diese Zusammenhänge

nicht erkannt, weil ja ein „Waterkantgate“ eine

spannendere Story ist als das Fehlverhalten mancher

CDU–Politiker.

Enttäuschungen

Was für mich bleibt, ist eine tiefe, menschliche Enttäuschung,

die übrigens bis heute anhält. In Kiel gibt

es regelmäßige Treff en der ehemaligen CDU–Abgeordneten,

zu denen auch ich eingeladen werde. Ich bin da

nie hingegangen, denn ich könnte nicht diejenigen

wiedersehen, deren Fehlverhalten zu solchen verheerenden

Konsequenzen im menschlichen Bereich und

für unsere Partei geführt haben.

Ich bin als Autodidakt in die Politik gekommen. Ich

war jung und begeistert und erwartete von ‚denen da

oben‘, daß sie Menschen besonderer Qualität seien.

Sie waren es nicht. Im Gegenteil, die Fraktion war in

den CDU-Regierungsjahren zu einem Club der Jasager

mutiert, die das ‚Politik-Machen‘ der Regierung

überließen. Die einzelnen Abgeordneten gaben sich

zufrieden, wenn sie den einen oder anderen ‚Bonsche

oder Zückerchen’ für ihren Wahlkreis bekamen. In dem

Moment, als es keine Regierung mehr gab, die sie führte,

war es ein Club der Versager, manifestiert durch die Kribbens,

Kerssenbrocks oder auch Aniols und Heisers. Eine

menschlich hervorragende Persönlichkeit zeigt sich in

der Stunde der Not, in der Bewährung in schwierigen

Situationen. Die führenden Mitglieder der CDU-Fraktion

in Kiel haben diese Bewährungsprobe nicht bestanden.

Es war ihr Verhalten, das zum Tode Uwe Barschels geführt

hat. Es hatte aber auch die Konsequenz, daß sich

die CDU in unserem Bundesland 18 Jahre lang aus den

Folgen dieser Fehlleistungen nicht lösen konnte.

Was mich allerdings befriedigt, ist die Tatsache, daß

so ein Mann wie Kerssenbrock, der seinerzeit als Politiker

und Jurist versagt hatte, in der CDU Schleswig-Holsteins

bis heute kein Bein mehr auf die Erde bekommen

hat. Irgendwie haben die CDU-Mitglieder gefühlsmäßig


erkannt, bei wem opportunistischer Eigennutz über

loyaler Menschlichkeit steht.

Mein rosarotes Menschenbild von damals vor der

Wahl 1987 mußte ich leider revidieren. Gut reden können

muß noch lange nicht bedeuten, eine gebildete,

integre Persönlichkeit zu sein, deren Handeln durch

Ethik getragen ist. In Kiel war also wohl doch nur ein

gewisses Mittelmaß versammelt. Etwas, was ich auch

unter Journalisten beobachten konnte. Abgesehen von

den unklugen eidesstattlichen Versicherungen, zu denen

sich Uwe Barschel zum Schluß und in tiefer innerer

Aufgewühltheit wohl gedrängt sah, war unser damaliger

Ministerpräsident für mich immer eine ethisch und

charakterlich über die anderen weit herausragende

Persönlichkeit, dem bis heute Unrecht zugefügt wird.

Menschen neigen dazu, das zu glauben, was sie

gerne glauben möchten, und da sind Waterkantgate,

Waff engeschäfte, Mord und Ähnliches der Stoff , aus

denen Fantasien gespeist werden. So glaube ich inzwischen

nicht mehr, daß meine Notizen dazu beitragen

werden, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Vielleicht aber helfen sie dem Gebildeten, dem

distanzierten und reflektierenden Zeitgenossen, in

diesem Fall zumindest gewisse Zweifel an der ‚amtlichen

Meinung‘ zu begründen.

Epilog

Ich denke immer wieder darüber nach, warum die

Ehefrau von Dr. Barschel, Freya Barschel, vom ersten Tag

an versuchte, eine Mord- und Verschwörungstheorie zu

erhärten. Auch 2006 hat sie sich wieder in diesem Sinne

eingelassen. Ich kann hier nur Vermutungen anstellen:

Uwe Barschel glaubte, daß sie und vor allem die

Kinder besser mit den Ereignissen umgehen können,

wenn man an konspirierende Mordtheorien glauben

kann. Deswegen hat Uwe Barschel seine Frau in diesem

Glauben gelassen, als er sich von ihr verabschiedete,

um damals nach Genf zu fl iegen. Was ich zu beschreiben

versuche, war die große Verzweifl ung Barschels,

weil seine sogenannten Freunde ihn verlassen hatten.

Er sah keinen Ausweg mehr. Sollten seine Kinder dies

heute lesen, dann sollten Sie wissen, daß ihr Vater ein

charakterstarker, hochintelligenter Politiker war, dazu

aber auch in besonderer Weise menschlich und empfi

ndsam. Ein Mann, der seine Kinder über alles geliebt

hat und der nach festen ethischen Grundsätzen lebte.

Ich bin stolz, Uwe Barschel gekannt zu haben und

daß ich zusammen mit ihm Politik machen durfte. Ich

denke, die Kinder sollten wissen, daß sie stolz auf ihren

Vater und seine Lebensleistung sein können.

*

1. Teil Deutschland

47


2. Teil Deutschland und die Welt

48

Übers Niederträchtige

Niemand sich beklage:

Denn es ist das Mächtige,

Was man dir auch sage.

Goethe

West- Östlicher Divan


2. Teil Deutschland und die Welt

Deutsche hatten an der Erschließung der Erde nur geringen Anteil. Aber die Entdeckung Nilquellen, die Beantwortung

der seit der Antike berühmtesten geographischen Frage, gelang dem Deutschen Richard Kandt. Aus

seinem Buch Caput Nili, 5. Aufl ., Berlin 1921, stammt der folgende Auszug.

Caput Nili

- die Entdeckung der Nilquelle

Es waren herrliche Hochtäler, durch die wir dem allmählich

auf eine Breite von 4 m und Knöcheltiefe gesunkenen

Rukarara folgten. Wasserreiche Wiesengründe,

aus denen Tausende, von Bienen umschwärmte, fast

zwei Mann hohe Königskerzen aufragten, durchfl ossen

von kristallklaren Bächen, die bald dichtes Gebüsch, bald

nur zarte Mimosen begleiteten, zu beiden Seiten sanft

geneigte Hügel, auf ihren Kamm der dunkle Urwald, der

auch teilweise die Hänge bedeckt. Meist sind sie aber

nur mit hellen Gräsern bekleidet, die sich scharf von

den dunklen Partien des Waldes wie von der Talsohle

abheben, deren Grün auf große Strecken unter einem

Teppich von weißen, gelben und rosa Strohblumen

begraben liegt. Zahlreiche Nebenschluchten führen

dem Haupttal kleine Bäche zu, und je weiter stromaufwärts

wir marschieren, um so rascher nimmt die

Wassermenge des Rukarara ab. Die Abende in diesen

herrlichen Tälern hatten einen besonderen Zauber. Den

ganzen Nachmittag türmten die Träger Scheiterhaufen,

die nach Sonnenuntergang entzündet wurden und

die ganze Nacht hindurch das Tal und den Waldrand

erleuchteten. Ich selbst schlief, weil es im Zelte zu kalt

war, draußen zwischen zwei großen Feuern, in deren

Mitte mein Bett gestellt war. Sobald es dunkel ward,

sah man im Tal hie und da wie Irrlichter den Schein

von Fackeln tanzen; es waren die Träger, die viele der

Hunderte von Bienenhäusern, die in diesen Tälern von

Bienenjägern aufgestellt waren, plünderten. Ich hätte

es Ihnen vielleicht verboten, wenn das Spiel der durch

die nebelerfüllten Täler wandernden Lichter nicht so

schön und von geheimnisvollen Schauern erfüllt gewesen

wäre.

Es war das Ende eines solchen Teiles, das ich Mitte

August 1898 mit meiner Karawane erreichte. Nur noch

als 30 cm breites Rinnsal kam hier der Rukarara aus einer

pfadlosen, mit Wald und üppigster Vegetation erfüllten

Schlucht. In diese drang ich am nächsten Tage mit einem

Eingeborenen und einigen meiner Leute ein. Es war eine

schlimme Arbeit; für je 500 m brauchten wir fast eine

Stunde. Aber mit Äxten und Haumessern brachen wir

uns Bahn und oft im Morast bis zum Leib versinkend, oft

auf allen Vieren in dem eiskalten Bach selber kriechend,

durch Schluchten und Nebenschluchten langsam

ansteigend, erreichten wir nach mühevollen Stunden,

erschöpft, durchnäßt, von oben bis unten besudelt,

einen kleinen feuchten Kessel am Ende einer Klamm,

aus deren Boden die Quelle nicht sprudelnd, sondern

Tropfen für Tropfen dringt: Caput Nili.

War es wirklich die Quelle des Nils, die ich gefunden?

Und hatte wirklich der Satz kein Recht mehr, den noch

in den achtziger Jahren einer der größten Geographen

Europas geschrieben hatte: On cherche encore la tete du

Nil comme aux temps de Lucian; personne n`a eu la gloire,

de voir la fl euve naissant? 146

An e i n e m jedenfalls kann kein Zweifel mehr bestehen:

darob, daß die Quelle des Rukarara die Quelle

des Kagera, des Alexandra-Nils, ist. … Ist überhaupt

der Kagera, wie die Eingeborenen zu Speke sagten, die

„Mutter des Felsenstroms“, d. h. des Murchison-Nils?

146 Noch immer sucht man die Quelle des Nils wie zur Zeit des Lukian;

hatte niemand den Ruhm, den Fluß in seinem Ursprung zu erblicken?

Übersetzung von M. A.

2. Teil Deutschland und die Welt

49


2. Teil Deutschland und die Welt

50

Ost – West

Viele Aussprüche des Konfuzius können fast wörtlich

in Parallele gesetzt werden zu abendländischen

Weisheiten, zum Beispiel:

Lernen und fortwährend üben, ist das denn nicht

auch befriedigend?

Goethe: Wer immer strebend sich bemüht, den

können wir erlösen

*

Bei der Leitung eines Staates muß man ... die

Menschen lieben

Wie die Dinge kommen, so mußt du dich

ihnen anpassen. Und die Menschen, mit denen

du zusammengeführt wirst, die mußt du

lieben; αλλ αληθινϖσ - aber auch wirklich!

Marcus Aurelius

*

Irrlehren anzugreifen, schadet nur.

Max Planck: Falsche Ansichten gehen nicht durch Widerlegung

unter, sie sterben aus.

*

Was man weiß, als Wissen gelten lassen, was man nicht

weiß, als Nichtwissen gelten lassen: das ist Wissen.

Platon: oida ouk eidos – ich weiß, dass ich nichts weiß

*

Ein Mensch ohne Menschenliebe, was hilft dem die

Form? Ein Mensch ohne Menschenliebe, was hilft dem

die Musik?

Paulus 1. Korinther 13: Wenn ich mit Menschen und mit

Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre

mir`s nichts nütze …

*


Und ist der Victoriasee nur ein ruhender Punkt im Stromsystem des Nils, wie der Bodensee für den Rhein, oder

selbst seine Quelle?

Jeder Bürger des Staates ist ein geborener Verteidiger desselben (Scharnhorst). Dieses große Wort und die damit

verbundenen Werte gehen dahin – und das schlimmste ist, daß unserer Volk und seine gewählten Vertreter

darüber nicht einmal diskutieren.

Die Wehrpfl icht ist praktisch abgeschaff t. Das wird demnächst auch in Deutschland zu Entwicklungen führen,

wo private Kriegsdienstleister, zumeist anglo-amerikanische Investoren, Söldnertruppen weltweit vermieten. Es

droht eine Ramboisierung des Militärs. Schwer vermittelbare junge Männer strömen schon jetzt in die Berufsarmeen,

etwa in Spanien und England, die sich ohne ethische Bindung an Volk und Vaterland oder politische Werte

wie Freiheit und Rechtsstaat von dem zum Krieg gebrauchen lassen, der am meisten zahlt.

Bedingt abwehrbereit

von

General a. D. Reinhard Uhle-Wettler

Timmendorfer Strand

1. Bundeswehrstrukturreform

Nach dem Willen des Bundesverteidigungsministers

wird die Bundeswehr einer Strukturreform unterzogen,

die alles Bisherige übertriff t. O-Ton von Karl-Theodor

von und zu Guttenberg: „Die Grunddebatte ist doch

die, haben wir eine Bundeswehr, die den sicherheits-

und verteidigungspolitischen Herausforderungen der

Gegenwart und der Zukunft überhaupt noch gerecht

werden kann? Und das kann man leider nur mit einem

Nein beantworten.“ (NDR Info, Streitkräfte und

Strategien) Auslöser des forschen, weil etwas voreilig

erscheinenden Neuansatzes sind die Sparaufl agen der

Bundesregierung in Milliardenhöhe auf Grund der weltweiten

Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der Krise des

EURO. Hinzu kommt die in vielen Jahren aufgewachsene

Verschuldung der öff entlichen Hand, die mittlerweile

das Ausmaß von 2 Billionen anzunehmen droht. Es muß

also auf allen Ebenen gespart werden. Seit April 2010

arbeitet eine 6köpfi ge Kommission unter der Leitung

von Frank-Jürgen Weise, dem Leiter der Bundesagentur

für Arbeit, an der neuen Konzeption. Unter den Mitgliedern

ist immerhin wenigstens ein aktiver General. Bis

Ende des Jahres sollen die organisatorischen Eckpunkte

politisch entschieden sein. Wie bereits zur Jahresmitte

aus dem Munde des Ministers zu erfahren war, geben

die Einsatzbedingungen der „Armee im Einsatz“ die

Richtung vor. Dabei sollen die Führungsfähigkeit, Effi

zienz, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit maßgeblich

verbessert werden.

Dies war im Grunde schon das Anliegen der Strukturkommission

„Gemeinsame Sicherheit und Zukunft der

Bundeswehr“ unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundespräsidenten

Richard v. Weizsäcker. Dessen Vorwort

zu dem Bericht an die Bundesregierung vom 23. Mai

2000 fordert u. a.: „In einer von Partnern umgebenen

Lage bedarf unser Land einer bündniskonformen Bundeswehr,

die mit einem umstrukturierten, nachhaltig

verkleinerten Personalbestand grundlegend modernisiert

werden muß.“ Die danach etwa seit dem Jahr 2002

eingeleitete „Transformation“ der Bundeswehr in eine

Einsatzarmee ist aus politischen und haushaltsmäßigen

Gründen nicht vollendet worden.

Auf Grund der nun bekanntgewordenen Daten ist

mit der Aussetzung der allgemeinen Wehrpfl icht und

einer wesentlichen Verringerung des Umfanges der

Bundeswehr auf unter 200 000 Mann zu rechnen.

Damit dürften „Die verteidigungspolitischen Richtlinien“

vom 21. 5. 2003 sowie „Die Konzeption der

Bundeswehr“ vom 9. 8. 2004 und die zu ihrer Verwirklichung

eingeleiteten Maßnahmen der Transformation in

wichtigen Teilen schon wieder überholt sein oder sich

als nicht ausreichend erweisen.

Es bleibt aber off enbar dabei, daß die Bundeswehr

„Instrument einer umfassend angelegten, vorausschauenden

Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ ist.

Sie hat den Auftrag:

- die außenpolitische Handlungsfähigkeit

Deutschlands zu sichern,

- einen Beitrag zur Stabilität im europäischen und

globalen Rahmen zu leisten,

- die nationale Sicherheit und Verteidigung zu

gewährleisten und zur Verteidigung der Verbündeten

beizutragen,

2. Teil Deutschland und die Welt

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2. Teil Deutschland und die Welt

52

- die multinationale Zusammenarbeit und Integration

zu fördern.

Der Auftrag der Bundeswehr ist eingebettet in die

gesamtstaatliche Vorsorgepflicht für die Sicherheit

der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und unseres

Wertesystems sowie für die Wahrung unserer

Interessen im europäischen und transatlantischen

Zusammenhang.

Aus dem Auftrag leiten sich die Aufgaben der Bundeswehr

ab:

- internationale Konfl iktverhütung und Krisenbewältigung

einschließlich des Kampfes gegen den

internationalen Terrorismus,

- Unterstützung von Bündnispartnern,

- Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen

und Bürger,

- Rettung und Evakuierung,

- Partnerschaft und Kooperation,

- Hilfeleistungen der Bundeswehr im In- und Ausland

(Amtshilfe, Naturkatastrophen, besonders

schwere Unglücksfälle).

Auftrag und Mittel in Übereinstimmung zu bringen,

dürfte eine besonders schwere Aufgabe der politischen

Leitung der Bundeswehr sein. Dies muß die Strukturkommission

entsprechend berücksichtigen. Die Bundeswehrführung

muß – notfalls durch Rücktritt – ein

Zeichen setzen, sollte die Beschlußfassung über die

Reform wiederum ein deutliches Auseinanderklaff en

von Auftrag und Mitteln in Kauf nehmen.

2. Versagen der Politik

Der I. und II. Weltkrieg haben den deutschen Soldaten

vor unlösbare Aufgaben gestellt. Beide Male hat

es die Politik versäumt, ihm die erforderlichen Mittel

zur Erfüllung seines Auftrages in die Hand zu geben.

Der überstürzte und schlecht vorbereitete Aufbau

der Bundeswehr setzte diese „Tradition“ fort. Eine Reform

nach der anderen verhinderte die erforderliche

Kontinuität für das Wachsen prägender Traditionen,

starker Bindungen, sicherer Verhaltensweisen und

gefestigten, eingeübten fachlichen Könnens, die eine

Armee nun einmal braucht, allem voran jedoch das

Vertrauen in eine kompetente politische Führung.

Der Kommissionsbericht „Führungsfähigkeit und Entscheidungsverantwortung

in den Streitkräften“, kurz

„de Maizière-Bericht“ vom September 1981 mit einem

Vorwort des damaligen Verteidigungsministers Hans

Apel und einer Stellungnahme des Generals de Maizière

stellt „das unausgewogene Verhältnis von Aufgaben

und Mitteln als ein Zentralproblem der Streitkräfte“

heraus. Verschärft werde dieses Problem, so der General,

durch die aktuelle Finanzlage. Daran hat sich bis heute

nichts geändert. „Die Bundeswehr ist mit veraltetem

Material ausgestattet, hat Strukturen, die teilweise noch

den Geist des Kalten Krieges atmen, ist dramatisch unterfi

nanziert, über viele viele Jahre hinweg.“ O-Ton von

zu Guttenberg (NDR Info, Streitkräfte und Strategien).

Ähnliche Äußerungen waren wiederholt Sendungen

des deutschen Fernsehens zu entnehmen, ohne daß

sie besondere Reaktionen auslösten. Schwerwiegend ist

außerdem das vom Wehrbeauftragten festgestellte und

durch den Bundespräsidenten bestätigte „freundliche

Desinteresse“ der „Gesellschaft“ an den Belangen der

Bundeswehr. Dazu kommt der Mangel an Fachwissen

und -können gemäß der Feststellung Helmut Schmidts

aus den 60er Jahren über den „lähmenden ›strategischen

Dilettantismus‹ der politischen Klasse, nachzulesen

in „Einsatz ohne Ziel?“, Die Politikbedürftigkeit des

Militärischen, von Dr. phil. Klaus Naumann (Hamburger

Edition 2008, Seite 72). Als vor einigen Jahren einer der

ranghöchsten Generale der Bundeswehr über seine

Erfahrungen als NATO-Befehlshaber im ehemaligen

Jugoslawien vor der Clausewitz-Gesellschaft vortrug,

wurde er in der anschließenden Diskussion gefragt,

ob er dies auch maßgeblichen Politikern gesagt habe.

Unter dem „wissenden“ Gelächter der in den ersten

Reihen sitzenden ranghöchsten Pensionäre lautete die

Antwort: „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, daß ich

von einem einzigen Politiker nach meinen Erfahrungen

befragt worden bin!“ Eine mögliche Erklärung hierzu

kann General a. D. Klaus Naumann beitragen. Er schreibt

auf Seite 245 seines Buches ›Frieden – der noch nicht

erfüllte Auftrag‹: „Ich konnte von 1986 bis 1999 den

Stellenwert des unverändert wichtigsten Instruments

deutscher Außen- und Sicherheitspolitik, der Bundeswehr,

für die Parteien des deutschen Bundestages aus

der Nähe beobachten. Ich kann daher sagen, daß er von

den Regierenden aller Schattierungen, von relativ wenigen

Ausnahmen und von vielen Lippenbekenntnissen

abgesehen, als gering angesehen wurde.“

Die Klagen der in Afghanistan eingesetzten Truppen

über Ausrüstungsmängel und dem Einsatz unangepaßte,

friedensmäßige bürokratische Bestimmungen und

Dienstvorschriften sind mittlerweile unüberhörbar.

Demgegenüber äußern zuständige Behörden und

Dienststellen „Die Zulassungsnormen (für dringend

benötigte Fahrzeuge und Gerät, Verf.) sind verbindlich.

Eine bundeswehrspezifi sche Norm unterhalb dieser

Vorschriften wird es nicht geben.“ (Preuß. Allg. Zeitung

›PAZ‹ vom 7. 8. 2010). So macht ein polemischer

Soldatenspruch die Runde: „Mülltrennung geht vor

Sicherheit!“ Der Verteidigungsminister klagt selbst

über zu lange Wege in seinem Ministerium. Aus einer

Armee für den Frieden darf aber keine Friedensarmee

werden, die nicht für den Einsatz taugt. Von der Politik

ist daher eine konsequente und verzugslose Auswertung

und Umsetzung der Lehren und Erfahrungen aus

Afghanistan und den anderen Auslandseinsätzen zu

fordern. Das verlangt schon die Treuepfl icht gegenüber

den Soldaten, die in der „Armee im Einsatz“ ihr Leben


einsetzen. „Staat und Soldaten sind durch gegenseitige

Treue miteinander verbunden.“ (§ 1 SG)

3. Allgemeine Wehrpfl icht

Die bisherigen offi ziellen und inoffi ziellen Verlautbarungen

zur geplanten Strukturreform sehen neben

einer wesentlichen Kürzung der Umfangszahlen bei den

Zeit- und Berufssoldaten, wenn nicht die Abschaff ung,

so doch wenigstens die Aussetzung der Allgemeinen

Wehrpfl icht vor. Dies zeigt den Ernst der Lage. Gehörte

doch die allgemeine Wehrpfl icht über alle Stürme der

Sicherheitspolitik hinweg zum demokratischen Selbstverständnis

der Armee und der BRD als wehrhafter Demokratie.

Allerdings ist es der Politik niemals gelungen,

das Problem der Wehrgerechtigkeit hinlänglich zu lösen

und den überaus großen Umfang der Kriegsdienstverweigerung

und Drückebergerei ausreichend in den

Griff zu bekommen. Während es die Massenmedien

versäumt haben, das Problembewußtsein und eine ausreichende

Sensibilität für die Erfordernisse deutscher

Sicherheitspolitik im Volk zu wecken, fehlte es bei der

politischen Klasse ganz off ensichtlich am Willen, die

entsprechende Überzeugungsarbeit zu leisten. Dazu

gehört natürlich unter anderem das eigene Vorbild

durch Ableistung von Wehr- oder Ersatzdienst (Art.

12a GG). Daran fehlt es weitgehend heute noch bis in

die höchsten politischen Ränge. Den Streitkräften ist

es dennoch bisher gelungen, aus den Wehrpfl ichtigen

einen großen Teil der benötigten Berufs- und Zeitsoldaten

zu gewinnen. Dies war ein wesentlicher Grund

ihres Kampfes für den Erhalt der Wehrpfl icht. Die derzeit

geltende Verkürzung auf 6 Monate ist unverantwortlich

und muß von Fachleuten nicht diskutiert werden. Sie

kann nur – polemisch ausgedrückt – zur Ausbildung

von „Kanonenfutter“ führen.

Am Rande sei erwähnt, daß nun natürlich auch der

Ersatzdienst betroffen ist. Der bewährte Zivildienst

in Krankenhäusern und Pflegeheimen wird sich in

der bisherigen Form nicht halten lassen. Ob der bestehende

Freiwillige Soziale Dienst die Lücke füllen

können wird, ist sehr fraglich. Natürlich stellt sich mit

gesundem Menschenverstand auch die Frage nach

der Einrichtung einer allgemeinen Dienstpfl icht. Deren

Einrichtung könnte viele Probleme, wie zum Beispiel die

Gleichbehandlung von Männern und Frauen und die

Wehrgerechtigkeit, lösen, wird aber zur Zeit kaum ernsthaft

öff entlich diskutiert. Altbundespräsident Richard

v. Weizsäcker ist vor einigen Jahren in einer Talk-Show

des deutschen Fernsehens von einer Zuschauerin, die

eine leitende Funktion bei der Caritas ausübte, unter

sehr großem Beifall die Einführung der allgemeinen

Dienstpfl icht u. a. zur Lösung des Mangels an Pfl egepersonal

vorgeschlagen worden. Die Antwort lautete:

„Liebe Frau X! Wenn Sie draußen für Ihren Vorschlag

ebensolchen Beifall wie hier drinnen bekommen, bin

ich Ihr Mann!“ Damit war das so wichtige Thema leider

vorschnell und abrupt abgetan.

Von besonderer Bedeutung ist im übrigen die mit

dem Erlaß der Bundeswehrkonzeption von 2004 bestätigte

Umstrukturierung der Bundeswehr unter der

Bezeichnung: „Transformation“. Diese verlegte ohne

viel Aufhebens den Schwerpunkt auf die Erfordernisse

von Auslandseinsätzen anstelle des noch von den Erfordernissen

der Ost-West-Konfrontation (kalter Krieg)

geprägten Verteidigungsauftrages im Rahmen des

NATO-Vertrages. So wurden nahezu die gesamten, in

Jahrzehnten eingespielten territorialen Verteidigungskräfte,

sowie einige voll funktionsfähige und bewährte

Bundeswehrkrankenhäuser und zahlreiche Verbände

und Stäbe der Sanitätstruppe, der ABC-Abwehr und

dazugehörender Reserveformationen aufgelöst. Offensichtlich

hat die Heimatverteidigung keinen hohen

Stellenwert. Das ist ein schwerer Fehler und kann

Deutschland im Zeitalter der „Neuen Kriege“ (Herfried

Münkler) und der Massenvernichtungswaff en noch

teuer zu stehen kommen!

Schließlich müssen die Folgen der demographischen

Entwicklung bedacht werden. Den in Gang befi ndlichen

Kampf um qualifi ziertes Personal kann die Bundeswehr

ohne Wehrpfl icht und bei mangelhafter fi nanzieller

Ausstattung gegenüber der Industrie, gut zahlenden

privaten Sicherheitsdiensten und Nichtregierungsorganisationen

nur verlieren. Eine Freiwilligenarmee kann

das erforderliche Personal nur bekommen, wenn man es

besonders gut bezahlt und den Soldatenberuf auch in

anderer Hinsicht attraktiv gestaltet. Das kostet vor allem

viel Geld, das off ensichtlich nicht zur Verfügung steht.

Daher sollte als Alternative die Einführung einer

allgemeinen Dienstpflicht untersucht werden. Sie

gehört zu den natürlichen Pfl ichten der weiblichen

und männlichen Staatsbürger etwa zwischen dem 18.

und 35. Lebensjahr. Sie ist den umfassenden staatsbürgerlichen

Rechten und Freiheiten geschuldet, die

der demokratische Rechtsstaat gewährt. Allgemeine

Dienstpfl icht könnte geleistet werden: als Dienst in den

Sicherheitsorganen, Wehrdienst, Sozialdienst, karitativer

Dienst, besonders in der Kranken- und Altenpfl ege,

in der Behindertenbetreuung, bei Feuerwehr, Katastrophenschutz

und Technischem Hilfswerk. Mit Einschränkungen

könnte der Dienst im Umwelt- und Naturschutz

sowie in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft anerkannt

werden. Man stelle sich einmal vor, in welchem

Umfang die gerade so heftig diskutierte Integration

unserer Jugend und ihre Heranführung an die Aufgaben

des „Staatsbürgers in Zivil“ gefördert werden könnte!

Immerhin haben zum Thema „Allgemeine Dienstpfl icht“

kürzlich der Saarländische Ministerpräsident Peter Müller

und der ehemalige Ministerpräsident von Hessen,

Roland Koch, wichtige Denkanstöße gegeben.

4. Kriegsbild

Wer für die künftige Sicherheitspolitik plant, muß sich

ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild von möglichen

2. Teil Deutschland und die Welt

53


2. Teil Deutschland und die Welt

54

Gefahren und Erscheinungsformen der Bedrohungen

machen. Dabei sind die jüngsten Erfahrungen und

mögliche Weiterentwicklungen zu berücksichtigen.

Ideologische Festlegungen und idealistisches Wunschdenken

über den ewigen Frieden führen in die Irre

und zu nicht korrigierbaren Fehlern. Viele Menschen

gehen noch von überholten Bildern konventioneller

Kriege der jüngeren Geschichte aus, wie sie uns im

Fernsehen vorgeführt werden. Die neuen Kriege der

jüngsten Vergangenheit haben aber gezeigt, daß sich

Krieg und Frieden nicht mehr wie früher sauber trennen

lassen, und daß von einem erweiterten Begriff

der Sicherheitspolitik ausgegangen werden muß. Im

Zeichen der Globalisierung, kollektiver Sicherheitssysteme

und einer weltweiten Migrationsbewegung

gehen außen- und innenpolitische Gefahren und deren

Abwehr oft ineinander über. Sicherheitspolitik geht also

weit über das rein Militärische und die unmittelbaren

Verteidigungsanstrengungen hinaus. Abwehr von Umweltgefahren,

Beseitigung von Instabilitäten anderer

Länder, Zugriff auf lebenswichtige Ressourcen und

schwere Menschenrechtsverletzungen wie Völkermord,

Vertreibungen und anderes mehr können Gegenstand

von sicherheitspolitischen Maßnahmen sein.

Nachfolgende Umstände und Ereignisse zwingen

neben anderen, hier nicht aufgeführten, zu dieser

Beurteilung:

- die Entwicklung von Massenvernichtungswaff en

(ABC), Raketentechnologie, intelligente Waff en,

Kampfdrohnen und weitere moderne Waff ensysteme;

- die Flugzeugattacken im September 2001 gegen

die USA durch arabische Terroristen;

- die irakischen Raketen auf Israel im 2. Golfkrieg;

- die Vernichtung der irakischen Atomanlagen

durch die Israelische Luftwaffe im Jahr 1981

mitten im Frieden;

- der Balkankrieg der NATO, ohne daß eines ihrer

Mitglieder angegriff en worden ist;

- der Krieg der NATO gegen die Taliban in Afghanistan;

- schließlich die Tatsache, daß Kriege heutzutage

in der Regel ohne förmliche Kriegserklärung

begonnen und – wie im Falle des IRAK - ohne

Friedensvertrag beendet werden;

- Selbstmordattentäter;

- die moderne Piraterie vor den Küsten Somalias,

in der Straße von Magellan und andernorts;

- die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen

von Migrantengruppen, Jugendbanden und

politischen Minderheiten in den Großstädten der

westlichen, aber auch der östlichen Hemisphäre;

- die gewalttätigen Machenschaften der organisierten

Kriminalität und ihre mafi osen Strukturen,

deren bedrohliche Ausmaße und Aktivitäten

durch den Journalisten Jürgen Roth in zahlreichen

Büchern, u. a. in „Mafi aland Deutschland

und „Ermitteln Verboten! Warum die Polizei den

Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben hat“

beschrieben worden ist.

Jürgen Roth ist der Meinung, daß der Kampf gegen

die organisierte Kriminalität bereits verloren ist, weil

der politische Wille zu einer durchschlagenden Bekämpfung

fehle.

Ähnliches war kürzlich in einem Interview der Zeitschrift

dsmagazin Nr. 05/06 2010 zu lesen. Hier äußert

sich MdB Wolfgang Bosbach, Mitglied im Verein für off ene

Aussprache, gegenüber dem Chefredakteur Joachim

Schäfer über Integrationsfähigkeit und Integrationsbereitschaft

von Migranten u. a. wie folgt: „ … aber ich weiß

aus langjähriger berufl icher und politischer Erfahrung,

daß es in Deutschland ausgesprochen schwierig ist,

ausländische Straftäter selbst dann auszuweisen und

abzuschieben, wenn sie schwere Straftaten begangen

haben. Aber ich sehe im Deutschen Bundestag weit

und breit keine Mehrheit für eine erleichterte Ausweisung

von ausländischen Straftätern.“ Daraus läßt sich

ableiten, daß es bei den hier anstehenden Fragen zur Sicherheitspolitik

eben entscheidend auf den politischen

Willen und nicht so sehr auf noch so richtige Argumente

und nachprüfbare Tatsachen ankommt.

Wenigstens in der mittelständischen Wirtschaft

fanden wir eine deutliche Stimme, die Forderungen

für die innere Sicherheit im Zusammenhang mit einem

erwarteten „Crash“ des internationalen Finanzsystems

aufstellte. Wer macht sich schon Gedanken darüber, daß

die Polizei über keine Reservistenorganisation verfügt

und schon heute in halbwegs „normalen“ Zeiten personell

überfordert ist, wie ein hochrangiger Vertreter

der Polizei in einer Arbeitsgruppe für das Buch von

Eberhard und Eike Hamer „Was passiert, wenn der Crash

kommt?“ feststellte. Die kräftemäßige Überforderung

der Polizei im Falle bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse

in Notlagen ist bereits vorgegeben. Demgegenüber

muten die vorgesehenen Stellenkürzungen bei den

Polizeien der Länder geradezu abenteuerlich an. Man

muß dabei zusätzlich bedenken, daß der Einsatz der

Bundeswehr zu Aufgaben der inneren Sicherheit geradezu

als Sakrileg gilt, für den sich niemand wirklich

ernsthaft einzusetzen wagt. Also bestimmen in Fragen

der Sicherheit eher ideologische Vorbehalte als nüchterne

Analyse und Zusammenfassung der ohnehin

(zu) schwachen Kräfte das Geschehen. Wie wenig ausgeprägt

die Sensibilität für Sicherheitsfragen ist, kann

man den öff entlichen Diskussionen entnehmen, die sich

nahezu ausschließlich um Löhne und Gehälter, Renten

und Steuergerechtigkeit drehen. Sicherheitspolitik steht

nicht auf der Tagesordnung der Massenmedien und

fi ndet daher auch nicht Eingang in das Bewußtsein der

Bevölkerung. Dieser Mangel wird noch durch ehemals

hochrangige und weithin bekannte Politiker, die sich

öff entlich äußern, bestärkt. So thematisieren Friedrich

Merz und Wolfgang Clement in ihrem herausragenden

gemeinsam verfaßten Buch: „WAS JETZT ZU TUN IST“

unter der Herausgeberschaft der renommierten Wirtschaftsjournalistin

Dr. Ursula Weidenfeld die so wichtige


und zugleich kostenträchtige Sicherheitspolitik nicht

einmal am Rande.

5. Sicherheit im Bündnis

Allen maßgeblichen sicherheitspolitischen Konzeptionen,

Planungen und Maßnahmen des laufenden Jahrzehnts

liegen bei Unterschieden und Versäumnissen im

Einzelfall die nachfolgenden gemeinsamen Eckpunkte

zu Grunde:

- das atlantische Bündnis bzw. die transatlantische

Partnerschaft;

- die Konzeption der gemeinsamen Sicherheit

und ihrer Stärkung in Europa; die Einsatzfähigkeit

der deutschen Streitkräfte muß derjenigen

der wichtigsten europäischen Bündnispartner

entsprechen;

- vorrangige Ausrichtung der Bundeswehr auf

Auslandseinsätze zur Krisenvorsorge, Krisenbewältigung

und „Nation building“;

- Kampf gegen Terrorismus und asymmetrisch

organisierte Gegner.

Dazu sind Aufgaben- und Lastenteilung sowie Rüstungskooperation

einschließlich Standardisierung zur

Eff ektivität des Bündnisses und zur Kosteneinsparung

unabdingbar. Außerdem muß deutsche Sicherheitspolitik

bedenken, daß der Verzicht auf Besitz von A-Waff en

im Rahmen des Atomwaff ensperrvertrages den atomaren

Schutzschild seiner Verbündeten erfordert. Mangelhafte

eigene Verteidigungsanstrengungen führen

unabwendbar zum Verlust des Einfl usses im Bündnis

und zum Vasallenstatus gegenüber der herrschenden

Weltmacht USA. Sicher ist den meisten Bürgern der

BRD gar nicht klar, daß die erforderlichen Verteidigungsanstrengungen

bereits unter dem vereinbarten

Maß liegen. „Der Verteidigungshaushalt beträgt in

Deutschland 1,3% des Bruttosozialprodukts. Damit liegt

Deutschland im Vergleich der NATO-Mitgliedstaaten auf

einem hinteren Tabellenplatz und deutlich unter dem

Wunschziel der NATO von 2 Prozent.“ (Dieter Farwick,

PAZ v. 14. 8. 2010)

6. Stellung des Soldaten

Die Probleme der Bundeswehr lassen sich fast regelmäßig

an der Schnittstelle von Politik und Militär

festmachen. Oft stammen sie noch aus der Aufbauzeit

der Bundeswehr und den Auseinandersetzungen um

die Wiederbewaff nung. Vieles beruht auf einem grundsätzlichen

Mißverständnis. Die Kontrolle der Macht,

auch der militärischen, ist eine Selbstverständlichkeit.

Civil control kommt aus dem Angelsächsischen und

bedeutet dort nicht etwa „zivile Kontrolle“, sondern

Kontrolle durch das Parlament und die von diesem

bestimmten demokratischen Gremien. Dennoch wird

die falsche Deutung nur allzu gerne benutzt, um die

erforderliche militärische Amtsgewalt einzuschränken.

Dahinter steht ein unberechtigtes Mißtrauen, nachdem

die Bundeswehr von Anfang an und nun über mehr

als ein halbes Jahrhundert durch treuen Dienst ihre

demokratische Zuverlässigkeit bewiesen hat. Ein Beispiel:

Die Aufstiegschancen der hohen Generalität der

Bundeswehr in politische Ämter sind nahezu bei Null.

In 50 Jahren haben es 2(!) Generale zum Staatssekretär

und einer von diesen zum Innenminister eines Bundeslandes

gebracht. Ein Vergleich mit den USA oder gar mit

Israel macht deutlich, was in diesen Demokratien möglich

und vielleicht sogar üblich ist, nämlich der Aufstieg

bewährter Generale in die höchsten politischen Ämter

bis hin zum Staatspräsidenten. Ein anderes Beispiel:

General Carl v. Clausewitz war der Ansicht, „der Feldherr“

müsse Sitz und Stimme im Kabinett haben, um gehört

zu werden (8. Buch Vom Kriege). In der BRD sind die 4

Staatssekretäre dem Generalinspekteur vorgesetzt. Alle

zaghaften Versuche, ihm diesen Rang zu verleihen, sind

bisher abgeschmettert worden. Die Inspekteure der Teilstreitkräfte

gar sind Abteilungsleitern der Ministerien,

also Ministerialdirektoren gleichgestellt. Da ist von Amt

und Würden wie dem unmittelbaren Vortragsrecht (Immediatrecht)

des ehemaligen „Feldherrn“ nichts mehr

übriggeblieben. Diese Beispiele lassen sich fortsetzen

und auf die protokollarische Rangfolge ausdehnen, in

der vor Jahren der Generalinspekteur hinter Landessuperintendenten

und Landesrabbinern stand (BMVg, Fü S

I 3 vom 16. Februar 1984). Die unterbewertete Stellung

der militärischen Führungsspitze war 1970 durch den

sogenannten „Blankeneser Erlaß“ Helmut Schmidts

festgeschrieben worden. Daran hat auch die Ersetzung

durch den „Berliner Erlaß“, „Weisung zur militärischen

Spitzengliederung“ vom 21. Januar 2005 von Verteidigungsminister

Peter Struck nichts grundsätzlich geändert.

Die Stimme des Soldaten wird, wie eine 50jährige

Erfahrung lehrt, nicht ausreichend gehört. Das führt zu

unsachgerechten und oft auch fehlerhaften sicherheitspolitischen

Beurteilungen und Entscheidungen sowie

gefährlichen Verzögerungen und Führungsmängeln.

Dies ist natürlich längst erkannt, wird aber nicht grundsätzlich

geändert, weil Vorurteile, politische Bedenken

und nicht zuletzt eine Beamtenschaft, die mit großer

und langjähriger ministerieller Erfahrung ihre Positionen

gegen jeden Soldaten mit aller Macht verteidigt,

dagegenstehen. Es ist zu befürchten, daß an diesen

Gegebenheiten auch künftig jeder auch noch so gute

Verteidigungsminister scheitert. Es genügt jedenfalls

nicht, die Bundeswehr wieder einmal zu reformieren,

wenn nicht gleichzeitig der politische und ministerielle

Einfl uß der militärischen Führungsspitze erweitert und

verbessert wird.

7. Wehrrecht und andere Hausaufgaben

Eine „Armee im Einsatz“ braucht wie andere demokratisch

verfaßte Staaten auch ein Wehrrecht für den

2. Teil Deutschland und die Welt

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2. Teil Deutschland und die Welt

56

Einsatz. Das bedeutet konkret, daß endlich eine funktionierende

Militärgerichtsbarkeit zu schaff en ist, die den

Einsatzbedingungen gerecht wird, mit den Soldaten

lebt und das Geschehen vor Ort beurteilen kann. Die

Tatsache, daß sich Soldaten für ihr Verhalten im fernen

Ausland unter „kriegsähnlichen Verhältnissen“ vor einer

zivilen Gerichtsbarkeit im friedlichen Heimatland

rechtfertigen müssen, ist so absurd, daß der gesunde

Menschenverstand sich wehrt, dies zu glauben. Wie weit

sich die politische Klasse trotz allen Geschwafels über

Innere Führung von ihrer Treuepfl icht nach Soldatengesetz

gegenüber dem Soldaten bereits entfernt hat, kann

man der Rede des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt

anläßlich einer Großvereidigung in Berlin entnehmen.

Darin rief er den angetretenen Soldaten sinngemäß

zu, sie hätten das Glück, in diesem demokratischen

Rechtsstaat niemals mißbraucht zu werden. Das war

sehr freimütig.

War es doch der Altbundeskanzler Helmut Schmidt,

der zuvor den Krieg gegen das Jugoslawien des Herrn

Slobodan Milosevic wiederholt mündlich und schriftlich

in schöner Gemeinschaft mit Herrn Henry Kissinger als

völkerrechtswidrig bezeichnet hatte. Da das Völkerrecht

gemäß Artikel 25 GG Bestandteil des Bundesrechtes ist

und den Gesetzen, also auch dem Soldatengesetz vorgeht,

hat die Bundesregierung unsere an diesem Krieg

beteiligten Soldaten off enbar mißbraucht.

Dies und viele andere Ungereimtheiten, die allesamt

darauf hindeuten, daß die politische Klasse ihre sicherheitspolitischen,

besonders die verteidigungs- und militärpolitischen

Hausaufgaben sträfl ich vernachlässigt,

kann in etlichen, von Soldaten verfaßten Büchern nachgelesen

werden. Sie hatten allesamt nicht die erhoff te

Wirkung, dokumentieren jedoch, daß die Soldaten nicht

immer geschwiegen haben, wie man es unseren Vätern

in der Wehrmacht vorwirft. Beispielhaft sei hier an die

Bücher von Generalmajor Gerd Schultze-Rhonhof „Wozu

noch tapfer sein?“, Generalleutnant Dr. Franz Uhle-

Wettler „Rührt Euch!“ und Generalmajor Gerd-Helmut

Komossa „Deutschland Heute“, Eine kritische Bilanz,

aber auch an das Buch des international erfahrenen

und bewährten Generals Klaus Naumann: „Frieden – der

noch nicht erfüllte Auftrag“, nachdrücklich erinnert.

8. Kosten

Die geplante Strukturreform hat ihren Preis. Berufs-

und Zeitsoldaten, die vorzeitig entlassen werden,

sind abzufi nden. Standorte, die geschlossen werden,

verlieren viele Arbeitsplätze und Einkünfte durch die

Bundeswehr. Eine „Streichliste“ in der Rüstung, etwa bei

ganzen Programmen oder zum Beispiel bei Stückzahlen

des Eurofi ghters, des Kampfhubschraubers Tiger,

des Schützenpanzers Puma, der Aufklärungsdrohnen

oder bei anderen Rüstungsprojekten ist nicht umsonst

zu haben. Laufende Verträge und internationale

Kooperationsabkommen können nicht ohne weiteres

aufgekündigt werden. Zusätzlich ist zu bedenken, daß

die Rüstungsindustrie ihre Forschungs-, Entwicklungs-

und Erprobungskapazitäten nicht so einfach ab- oder

aufbauen kann. Sind sie einmal mangels Aufträgen

verloren gegangen, werden sie bei dem vorhandenen

Fachkräftemangel in andere Industrien abwandern und

sind für die heimische Rüstung verloren. Bundeswehrstrukturen

müssen daher Planungssicherheit gewähren

und langfristige Planung ermöglichen. Einsparungen

werden erst nach Ablauf von mehreren Jahren wirksam.

Reformen kosten meist zunächst zusätzliche Finanzmittel.

Bei allen erforderlichen Kosten-Nutzenanalysen

und den Konsequenzen daraus darf im übrigen nicht

übersehen werden, daß jede wesentliche Verkleinerung

der Bundeswehr zugleich auch eine Verringerung der

Berufsaussichten und Aufstiegschancen ihrer Angehörigen

mit sich bringt. Damit ist ein wesentliches Problem

der Inneren Führung bzw. der Menschenführung

verbunden: „Der Mensch im Mittelpunkt!“ Mangelnde

Berufszufriedenheit dürfte sich sehr negativ auf den

Geist der der Truppe auswirken.

9. Si vis pacem para bellum

Dieser prägnante und kluge Leitsatz der Römer kann

frei für die heutige Zeit etwa so übersetzt werden:

„Wenn du Sicherheit willst, betreibe vorsorglich

Gefahrenabwehr.“

Sicherheit und Recht sind die beiden Hauptaufgaben

des Staates, nicht Wohlstand und Soziales. Vorsorge, Bereitschaft

und Übung in der Gefahrenabwehr sind vordringlich

und unabdingbar gegenüber allen anderen

staatlichen Aufgaben. Nachlässigkeit und Versäumnis

führen zur Wehrlosigkeit und diese zur Rechtlosigkeit.

Der Wehrlose fordert Gefahren geradezu heraus. Mit

Israelis braucht man darüber nicht zu diskutieren. Sie

wissen das und erfahren es täglich neu. Die Deutschen

sollten das ebenfalls gelernt haben. Sie verfügen nicht

erst seit Kaiser Napoleon über reichhaltige Erfahrungen

eigener Wehrlosigkeit und fremder Besatzungstruppen.

Nach dem Waff enstillstand im Mai 1945, als die Sieger

die Deutschen vollständig entwaffneten, waren sie

sogar vogelfrei und nahezu rechtlos. Heute sind die

unsicheren Zustände im Lande immerhin schon wieder

soweit gediehen, daß Polizisten und Polizeiwachen, also

Männer und Einrichtungen im hoheitlichen Auftrag,

von marodierenden Banden gewaltsam angegriff en

werden. Ruft da niemand: „Wehret den Anfängen“?

Es ist Aufgabe der politischen Klasse, den Volkssouverän

umfassend zu informieren, im Verein mit den

Massenmedien eine öff entliche, bundesweite Diskussion

in Gang zu setzen und das sicherheitspolitische

Problembewußtsein des Volkes und seiner Institutionen

zu schärfen. Das ständige öff entliche Gerede darum,

der Bürger müsse mehr Geld in der Tasche haben und

angesichts der wieder angelaufenen Konjunktur „etwas

vom Kuchen abbekommen“, lenkt von den wirklichen


Problemen ab. Notwendig ist zunächst der Wille, dem

Vaterland treu zu dienen und sich gegen die Gefahren

für die Sicherheit des Landes und seiner Bürger zu

wappnen. Ist die Gefahr einmal eingetreten, ist es leicht

zu spät für durchschlagende Gegenmaßnahmen, ähnlich

den jüngsten Flut- und Brandkatastrophen in Pakistan

und Rußland. Es ist höchste Zeit zu handeln. Dabei

verdient die Tatsache hohe Aufmerksamkeit, daß von

„Heimatverteidigung“ überhaupt nicht mehr gesprochen

wird. Merkwürdig ist auch, daß die Öff entlichkeit

nahezu nichts darüber zu hören bekommt, wie sich die

politische Führung die Modernisierung der Armee vorstellt.

Ein „Kaputtsparen“ der Bundeswehr darf es nicht

geben! Ihre Einsatzbereitschaft geht uns alle an! Ohne

den unbeirrbaren Willen der politischen Klasse einerseits

und die allgemeine Dienstbereitschaft des Volkes

zur Gefahrenabwehr andererseits wird allerdings eine

durchschlagende wirkliche Bundeswehrreform nicht zu

haben sein. Der Staatsbürger ist aufgerufen und eine

willensstarke politische Führung. Mehr denn je bleibt

wünschenswert, daß der Verteidigungsminister dem

Bundestag eines Tages melden kann: „Abwehrbereit!“

*

In Kaiser Theodosius tritt nach zahlreichen

fremdstämmigen Herrschern am Ende des

Reiches noch einmal und zum letzten Male

ein Geblütsrömer an die Spitze des Staates.

So sammelte der preußische Adel sich am

Ende des Deutschen Reiches noch einmal im

20. Juli 1944.

*

Die Gelehrten der Perser behaupten, an der

Zwietracht zwischen den Hellenen und Barbaren

seien die Phoiniker schuld … Ich selber will nicht

entscheiden, ob es so oder anders gewesen ist … Ich

weiß, daß menschliche Größe und Herrlichkeit nicht

von Bestand ist, und darum will ich der Schicksale

beider in gleicher Weise gedenken.

Herodot

*

2. Teil Deutschland und die Welt

57


2. Teil Deutschland und die Welt

58

Weder in den Taten oberfl ächlich und nachlässig sein,

noch im Umgang mit anderen Verwirrung stiften, noch

in den Vorstellungen ziellos umherschweifen, noch mit

der Seele sich ganz und gar hinreißen lassen noch im

Leben keine Muße haben.

Sie töten uns, zerfl eischen uns, verjagen uns unter

Verwünschungen. Was bedeutet dies im Verhältnis

dazu, dass die Seele rein, klug und gerecht bleibt?...

Entwickle dich selbst jeden Tag zu einer Unabhängigkeit

hin, die verbunden ist mit Freundlichkeit, Einfachheit

und Taktgefühl.

Marcus Aurelius Wege zu sich selbst.8. Buch, Nr. 51


Deutschland - das Land

der Deutschen und der Türken?

von Stefan Hug 147·

„Was, wenn die Mehrheit der Türken sich gar nicht integrieren

will? (...) Wenn sie, von Erdogan dazu angespornt,

türkische Schulen und Universitäten in Deutschland verlangt?

Wenn sie eigene Parteien fordert und das Türkische

als Amtssprache in Berlin-Kreuzberg?“ 148

Mit diesen Worten beschrieb die „Frankfurter Allgemeine“

Anfang 2008 ein diff uses Gefühl des Mißtrauens

gegenüber den Türken in Deutschland. Wer mit off enen

Augen und Ohren durch das Leben geht, konnte schon

viele Jahre früher die bedenkliche Tendenz zu türkischen

Parallelgesellschaften ausmachen. Diese Tendenz

verdichtet sich in letzter Zeit mehr und mehr, und sie

wird durch zwei Faktoren verstärkt: durch eine immer

ungeniertere Einfl ußnahme der Türkei in Deutschland

und eine im Gegenzug immer schwächer und zögerlicher

werdende Reaktion des deutschen Staates.

Türkische Staatsgewalt auf deutschem

Boden

Die zahlenmäßige Dominanz der Türken unter den

Muslimen und den verschiedenen nichtdeutschen Nationalitäten

in der Bundesrepublik wird in den letzten

Jahrzehnten zunehmend bekräftigt durch die Tatsache,

daß ihnen der off ensiv auftretende türkische Staat an

147 · Leicht veränderter Auszug aus dem im September 2010 publizierten

Buch von Stefan Hug: „Migrantengewalt. Wie sich unser

Staat selbst entmachtet.“ (Verlag Siegfried Bublies, 304 Seiten,

19,80 Euro).

148 „Frankfurter Allgemeine“ vom 12. Februar 2008

die Seite tritt. Die Türken in Deutschland werden durch

die Türkei unterstützt, die über die NATO bereits seit

Jahrzehnten mit der Bundesrepublik in einem von der

politischen Führung als überaus wichtig betrachteten

Pakt verbunden ist. Außerdem ist die Türkei seit Jahrzehnten

auch Anwärter zum Beitritt in die Europäische

Union. Das unterscheidet die Türken wesentlich von den

Arabern, die aus vielen verschiedenen Staaten kommen,

deren politische Verbundenheit mit Deutschland weniger

intensiv ist.

Die Türkei hat eine stark wachsende Bevölkerung,

die an Zahl jene der deutschen in den nächsten

Jahren übertreffen wird – es wird mehr Türken als

Bundesdeutsche geben, wobei sich bereits jetzt in der

bundesdeutschen Bevölkerung ca. drei Millionen aus

der Türkei stammende Menschen befi nden! Darunter

zählen Hunderttausende türkische Staatsbürger kurdischer

Ethnie; doch die kurdischen Verbände in der

Bundesrepublik werden nicht von einem kurdischen

Staat protegiert und haben deswegen kaum ein politisches

Gewicht. Durch einen EU-Beitritt der Türkei

würden langfristig Millionen Türken zusätzlich nach

Deutschland kommen. Sie träfen auf eine türkische Infrastruktur,

die es jetzt schon ermöglicht, sich innerhalb

Deutschlands in einer rein türkischen Welt zu bewegen.

Nichts würde sie dazu animieren, Deutsch zu lernen

und sich den Sitten und Gebräuchen unseres Landes

anzupassen. Während die geostrategische Bedeutung

Deutschlands mit der Wiedervereinigung gesunken ist

und die Bundesrepublik zum sicheren Hinterland der

NATO wurde, ist jene der Türkei mindestens gleich stark

geblieben bzw. sogar noch gewachsen. Das Ende des

2. Teil Deutschland und die Welt

59


2. Teil Deutschland und die Welt

60

Ost-West-Konfl ikts hat die Bedeutung des Bosporus

minimiert, da nun nicht mehr die Gefahr besteht, daß

sowjetrussische Marineverbände in das östliche Mittelmeer

durchbrechen und den Suezkanal bedrohen

könnten. Andererseits grenzt die Türkei an viele Staaten,

die in den strategischen Planungen der USA eine bedeutende

Rolle spielen (Irak, Iran, Syrien), weshalb sie

auf Drängen Washingtons auch am Golfkrieg 1990/91

teilnahm. Die Waff enbrüderschaft beim Golfkrieg 2003

verweigerte die inzwischen islamistische Führung der

Türkei trotz heftigen Werbens der USA mit Hinweis auf

die muslimische Bevölkerung des Irak. Dennoch besitzt

die Türkei immense strategische Bedeutung und

beherbergt auf ihrem Boden große Militärbasen der

USA, auf die das Pentagon nicht verzichten will. Syrien

und der Iran stehen im Fadenkreuz Washingtons, und

beide Staaten haben gemeinsame Grenzen mit der

Türkei. Unter US-amerikanischer Ägide arbeiteten bis

vor kurzem sogar israelisches und türkisches Militär

einträchtig zusammen!

Diese Schlüsselstellung wird zusätzlich durch die

wachsende Bedeutung der Türkei im Energiesektor

unterstrichen. Zwar verfügt sie über keine eigenen

Energiequellen, fungiert aber in den strategischen

Planungen der US-Amerikaner als „Energiekorridor“

für Erdöl und Erdgas aus Zentralasien. Damit sollen

Rußland, China und der Iran umgangen werden. Eine Öl-

Pipeline vom aserbaidschanischen Baku in die türkische

Hafenstadt Ceyhan wurde bereits 2006 fertiggestellt.

Die „Nabucco“-Pipeline soll Erdgas bis nach Österreich

bringen. Das würde den potentiellen politischen Einfl uß

Ankaras verstärken; die türkische Führung hat bereits

bekundet, daß mit dieser Stellung im Energiesektor die

Europäische Union nicht mehr länger die Tür für eine

Mitgliedschaft der Türkei verschlossen halten könne

und im Gegenteil der Beitrittsprozeß beschleunigt

werden muß - die Pipeline wird von Ankara für eine politische

Erpressung benutzt, noch bevor sie gebaut ist! 149

Diesen globalen strategischen Entwicklungen läuft

eine wachsende Einfl ußnahme der Türkei in Deutschland

selbst parallel. Der türkische Regierungschef

Erdogan rief unbekümmert in einer Massenversammlung

in Köln die Türken in Deutschland dazu auf, sich

nicht zu assimilieren. In einem Interview bekundete er

gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen“, daß sogar

die Türken mit deutscher Staatsbürgerschaft beiden

Staaten gegenüber loyal sein sollen! 150 Das direkte

staatliche Handeln der Türkei wird ergänzt durch die

DITIB. Die meisten in Deutschland errichteten Moscheen

entstehen in Trägerschaft der „Diyanet Isleri Türk

Islam Birligi“. Diese ist letztlich nichts anderes als ein

Anhängsel des türkischen Staates, weil sie dem „Präsidium

für Religionsangelegenheiten“ untersteht, einer

staatlichen Behörde der Türkei! Bezeichnenderweise

149 „Der Standard“ vom 20. Januar 2009

150 „Frankfurter Allgemeine“ vom 12. März 2008

sind viele Moscheen der DITIB mit der türkischen Fahne

geschmückt - falls die deutsche Flagge überhaupt

verwendet wird, ist sie oft kleiner als die türkische oder

hängt niedriger als diese. 151

Der türkische Staat besoldet zudem die Imame, die

nach Deutschland geschickt und regelmäßig nach

wenigen Jahren ausgetauscht werden, damit sie nicht

„verdeutschen.“ Schon in den neunziger Jahren wurde

eine starke Beeinfl ussung der deutschen Innenpolitik

durch die sich zuspitzende Kurdenproblematik off enkundig.

Die Auseinandersetzungen zwischen Kurden

und Türken führten dazu, daß die kurdische Separatistenorganisation

PKK ihren Krieg gegen die Türkei

nicht nur in Ostanatolien führte, sondern auf deutschen

Boden verlagerte, etwa mit Anschlägen gegen türkische

Konsulate. Zugleich wurden Abweichler in den eigenen

Reihen ermordet oder mit dubiosen Methoden Geld

unter den kurdischen Landsleuten eingetrieben. Das

trug dazu bei, daß die PKK in der Bundesrepublik als

terroristische Organisation eingestuft und 1993 verboten

wurde. Gegen den Führer der PKK, Öcalan, wurde in

der Bundesrepublik ein Haftbefehl erlassen. 1999 mußte

Öcalan Syrien verlassen, da die Türkei dem südlichen

Nachbarn damit gedroht hatte, den Zufl uß des lebenswichtigen

Euphratwassers zu drosseln. Der deutsche

Haftbefehl wurde akut, als Öcalan nach seinem Weggang

aus Syrien weltweit Zufl ucht suchte. Anfang 1999

wurde er in Rom von der Polizei festgenommen. Mit

Italien besteht ein Auslieferungsabkommen, so daß er

an die Bundesrepublik hätte überstellt werden müssen.

Doch der Generalbundesanwalt verzichtete; die

Italiener ließen ihn daraufhin wieder frei, wenig später

wurde er in Kenia von türkischen Geheimdienstlern

angeblich mit Hilfe des israelischen Geheimdienstes

gekidnappt und in die Türkei gebracht. Daraufhin

kam es abermals zu bürgerkriegsähnlichen Szenen in

Deutschland. In Berlin wollten Kurden das israelische

Generalkonsulat stürmen. Doch die israelischen Sicherheitskräfte

eröff neten im Gegensatz zu den deutschen

Bewachern, welche den Angriff nicht abhielten, ohne

Zögern das Feuer und töteten vier der Kurden. 152 Dr.

Hans Plattner, in den neunziger Jahren Botschafter

der Republik Österreich in der Türkei, kommentierte

von außen das Geschehen trocken mit den Worten:

„Die Türken in Deutschland beeinfl ussen schon jetzt die

deutsche Innenpolitik.“ 153

Daß Deutschland Öcalan nicht haben wollte, ist verständlich:

zu heftig wären die Auseinandersetzungen

gewesen, die sich Türken und Kurden während eines

Prozesses um ihn geliefert hätten. Wahrscheinlich hätte

auch der türkische Staat mit allen ihm zur Verfügung

stehenden Mitteln versucht, ein Urteil in Ankaras Sinne

oder sogar die Auslieferung in die Türkei zu erzwingen.

151 Vgl. den Bericht über die Ingolstädter Moschee auf der Netzseite

von „Politically Incorrect“ vom 18. Mai 2008

152 „Der Spiegel“ vom 1. Juni 1999

153 Plattner, Die Türkei, Eine Herausforderung für Europa, S. 76


All diesen unbequemen Szenarien ging die politische

Führung der Bundesrepublik aus dem Weg. Um so

unverständlicher, daß sie die unveränderte Problemlage

zwischen Türken und Kurden kurz darauf sogar

„eindeutschte“, als sie Hunderttausenden türkischen

Staatsbürgern (und damit auch Kurden) die deutschen

Pässe förmlich hinterher warf.

Innenminister Schäuble hatte 1990 mit der Neuordnung

des Staatsangehörigkeitsrechtes dafür gesorgt,

daß dessen strenge Kriterien gelockert wurden. So

konnten von 1990 bis 1997, vor der rot-grünen Regierungsübernahme,

bereits fast 166 000 Türken die deutsche

Staatsbürgerschaft erlangen, durchschnittlich über

20 000 pro Jahr, wogegen über die achtziger Jahre hinweg

die jährliche Einbürgerungsrate der Türken noch

im dreistelligen und niedrigen vierstelligen Bereich

gelegen hatte. Doch diese Steigerung war der Türken-

Lobby zu wenig, sie stieß sich vor allem am Widerstand

der CDU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.

Fünf Wochen vor der Bundestagswahl 1998 rief der

liberalkonservative Ministerpräsident der Türkei, Mesut

Yilmaz, dazu auf, nicht die CDU zu wählen, weil die

Partei gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und den

EU-Beitritt der Türkei sei. Sogar die Opposition Yilmaz’

in der Türkei unterstützte seine Forderung. Die CHP,

das türkische Pendant zur SPD, verschickte an jeden

einzelnen wahlberechtigten Türken in Deutschland

einen Brief mit der Auff orderung, die SPD zu wählen,

insgesamt 160 000 Schreiben. Bei der Bundestagswahl

votierten dann die Türken mit deutschem Paß zu 70%

für die SPD und verhalfen Rot-Grün mit zum knappen

Sieg. Seitdem werden die „Deutsch-Türken“ von allen

großen Parteien, zunehmend auch der CDU/CSU, als

Wähler umworben. Und die Masseneinbürgerung

wurde daraufhin erst so richtig ausgeweitet: In den

Jahren von 1998 bis einschließlich 2004, vor dem Beginn

der zweiten Großen Koalition, wurden fast eine halbe

Million Türken eingebürgert. Die generelle Akzeptanz

der doppelten Staatsangehörigkeit konnte allerdings

nicht durchgesetzt werden, da Roland Kochs Wahlsieg

in Hessen 1999 die Mehrheit im Bundesrat zugunsten

der Konservativen veränderte.

So gestalteten sich die deutlich sichtbaren, aber

kaum skandalisierten Zugriff e türkischer Staatsgewalt

auf deutschen Boden. Anfang 2008 fanden sie einen

bisher unerreichten Höhepunkt. Am 3. Februar 2008 forderte

ein Brand in einem von Türken bewohnten Haus

in Ludwigshafen neun Tote. Sofort wurde der Verdacht

laut, daß Deutsche bzw. „Rechte“ den Brand gelegt

hatten – dieser Verdacht wurde nach den Anschlägen in

Mölln und Solingen in den neunziger Jahren praktisch

institutionalisiert. Doch die Ermittlungen ergaben keine

eindeutig bestimmbare Brandursache. Brandstiftung

wurde schließlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit

ausgeschlossen, wohl aber hatte einer

der türkischen Mieter im Keller, wo der Brand ausbrach,

illegal Strom abgezapft!

Die Türkei schickte kurz nach dem Brand eigene Ermittler

nach Ludwigshafen. Der deutsche Innenminister

und damit oberste Chef der Bundespolizei, Wolfgang

Schäuble, ließ dazu nichts anderes verlauten als „Das

würden wir selbstverständlich begrüßen. Die türkische

Regierung kann das tun, auch wenn wir wissen, daß

das Mißtrauen gegenüber unseren Polizeibehörden

unbegründet ist.“ 154

Damit hat der deutsche Staat seine volle Souveränität

auf dem eigenen Territorium freiwillig in Frage gestellt

und vor allem einen verhängnisvollen Präzedenzfall

geschaffen – in Zukunft wird jeder Brand mit Toten in

einem von Türken bewohnten Haus auf deutschem Boden

dazu führen, daß der türkische Staat mit Hinweis auf

Ludwigshafen eigene Ermittler senden will und kann! In

einer anderen Hinsicht aber konstituiert Ludwigshafen

ebenfalls einen – positiven – Präzedenzfall. Erstmals ließ

die deutsche Bevölkerung sich nicht mehr dazu hinreißen,

ohne begründeten Verdacht in großen Massen

gegen „Rechts“ zu protestieren und in Lichterketten

gegen einen imaginierten Feind zu demonstrieren. Die

offene Berichterstattung verschwieg nicht, daß Türken

deutsche Feuerwehrleute beleidigt und sogar tätlich

angegriffen hatten, weil diese angeblich zu spät am

brennenden Haus erschienen waren. 155 Offensichtlich

haben sich die Wahrnehmung und das Problembewußtsein

der deutschen Bevölkerung seit Beginn der

neunziger Jahre stark verändert. Die unzähligen Fälle

von Migrantengewalt, die ungeahndet blieben bzw.

nicht politisiert oder skandalisiert wurden, haben ihre

Wirkung genausowenig verfehlt wie die sich häufenden

Falschmeldungen über ausländerfeindliche Taten, z.B.

im sächsischen Sebnitz.

Türkische Wähler als Königsmacher

Auf der politischen Ebene hat die Einbürgerung

Hunderttausender von Türken das Phänomen hervorgebracht,

daß dieser Klientel zunehmend eine wahlentscheidende

Qualität zugesprochen wird. 156 Dabei

üben sie, gemessen an ihrer Zahl, unverhältnismäßig

viel Einfl uß aus. Die faktische Rolle türkischer Wähler

als „Königsmacher“ erinnert dabei an die FDP in der

Bundesrepublik, die über viele Jahre einem gefl ügelten

Wort zufolge „mit 5 % der Wählerstimmen 50 % der

Politik“ machte. Schon 1998 galten vielen die Wähler

türkischer Herkunft als entscheidendes Zünglein an der

Waage, bei der Bundestagswahl 2002 hat sich dieser

Trend noch einmal verstärkt, wobei eine eindeutige

Neigung der Türken zu linken Parteien festzustellen

154 „Frankfurter Allgemeine“ vom 5. Februar 2008

155 „Der Spiegel“ vom 6. Februar 2008

156 „Süddeutsche Zeitung“ vom 4. September 2009

2. Teil Deutschland und die Welt

61


2. Teil Deutschland und die Welt

62

war und ist. 157 Die CDU-Führung verstand das als Signal,

vermehrt um Türken zu werben, womit sie sich immer

stärker von der Parteibasis entfernte.

Die Ergebenheitsadressen deutscher Spitzenpolitiker

betreff end die zukünftige Präsenz türkischstämmiger

Politiker im politischen Leben Deutschlands scheinen

sich in den letzten Jahren fast zu überschlagen: so

prognostizierte Wolfgang Schäuble, Innenminister

der CDU, einen türkischstämmigen Bundeskanzler. 158

Gerhard Schröder, ehemaliger SPD-Bundeskanzler,

sah zu Beginn des Jahres 2009 mindestens einen türkischstämmigen

Minister im nächsten Kabinett. 159 Die

Grünen glänzen seit November 2008, der Wahl Cem

Özdemirs, bereits mit einer zur Hälfte türkischen Spitze

ihres doppelköpfi gen Parteivorsitzes.

Die Linkspartei duldet die Relativierung des Genozids

an den Armeniern durch ihr Mitglied, den Bundestagsabgeordneten

Hakki Keskin. 160 Die FDP wirbt zwar nicht

speziell um türkische Migranten, weitet aber ihren Liberalismus

so weit aus, daß sie inzwischen nichts mehr

gegen den EU-Beitritt der Türkei einzuwenden hat.

Hat diese FDP einstmals als Partei der Zahnärzte und

Rechtsanwälte mit 5 % der Wählerstimmen 50 % der

Politik gemacht, deutet sich bei der türkischen Minderheit

ein noch krasseres Mißverhältnis an. Dadurch,

daß fast alle Parteien explizit um sie buhlen, können

sie im Zweifelsfall 100 % der Politik mit weniger als 3%

der Gesamtbevölkerung bestimmen, wobei in diesen

3 % die nichtdeutschen, türkischen Staatsbürger mit

eingerechnet sind. Die Bildung einer türkisch/muslimischen

Partei, von vielen als „Worst-case“-Szenario an

die Wand gemalt, wäre dagegen nur halb so schlimm.

Eine solche Partei stünde einzig als Indiz dafür, daß

die Türken bereits in solchen Massen vorhanden sind,

daß sie sich – neben der Einfl ußnahme auf deutsche

Parteien – eine „eigene“ Partei leisten könnten. Der

schlimmste aller Fälle ist aber bereits mit dem Einfl uß

auf eigentlich alle deutschen Parteien im Bundestag

längst eingetreten …

Diese fatale Entwicklung war klar vorhersehbar.

Schon zu Beginn der achtziger Jahre warnte der Rechtswissenschaftler

Quaritsch vor einer Masseneinbürgerung

von Ausländern, ohne diese zuvor ausreichend

assimiliert zu haben.

„Gäbe es aber (...) eine relevante Wählergruppe türkischer

Abstammung, dann stiege dieses Problem 161 zu

einem Wahlkampfthema von hohem Rang auf. Da das

bürgerliche und das sozial-liberale Lager fast gleich

stark sind, würde der Mechanismus der Entscheidung

durch Nichtentscheidung in Gang gesetzt, den wir aus

157 „Süddeutsche Zeitung“ vom 4. September 2009

158 „Focus“ vom 19. November 2008

159 „Süddeutsche Zeitung“ vom 28. Januar 2009

160 „junge welt“ vom 9. März 2006

161 (Quaritsch bezieht sich auf die Freizügigkeit von Türken innerhalb

Europas)

allen Ländern nördlich der Alpen kennen, in denen

die Wähler ebenso gleichgewichtig verteilt sind. Wo

300 000 Stimmen die Frage beantworten können, wie

der nächste Regierungschef heißt, dürfen auch kleine

Minderheiten nicht vor den Kopf gestoßen werden.

Objektiv notwendige Entscheidungen oder programmatische

Aussagen dieser Art werden unterlassen, um

die Macht zu erhalten oder die Macht zu erwerben. (...)

Welche Partei riskierte dann den allfälligen Verdacht

der Türken- und Fremdenfeindschaft (...)? Vor allem:

welche Partei riskiert den Verzicht auf die Wähler dieser

Gruppe? (...) Wie dem auch sei: Die Einbürgerung nicht

assimilierter ethnischer Gruppen schlägt unmittelbar

durch auf Innen- wie Außenpolitik.“ 162

Die Präsenz türkischstämmiger Politiker in der

deutschen Politik soll nach Ansicht von „Integrationsexperten“

und der türkischen Interessenverbände die

Gleichberechtigung und Emanzipation der türkischen

Volksgruppe in der Bundesrepublik symbolisieren, in

Augen der (noch) deutschen Führungselite steht sie

stellvertretend für die „multikulturelle Gesellschaft“ an

sich. Daß diese Kooptation zwar die Repräsentation

innerhalb der Politik verändert, jedoch keine wirkliche

Basis bei den Deutschen hat, wird nicht begriff en. Der

Akt der Kooptation selbst läßt sich als Alibi der Eliten

verstehen und ist für diese nicht weiter gefährlich, wenn

die Zahl und die Macht der Kooptierten einen gewissen

Grad nicht überschreiten. Selbst die Grünen verweigerten

Özdemir ein sicheres Bundestagsmandat und lassen

damit erkennen, daß sie außer dem Vorstandsvorsitz für

ihren „Vorzeige-Türken“ keine weitere Macht türkischer

Personen dulden.

Anders als die USA haben wir in der Bundesrepublik

kein Amalgam, das verschiedene Völker und Rassen

zusammenschweißt, wie es der beständige Verweis auf

den sozialen Aufstieg und die beständige Beschwörung

der Nation im Alltag jenseits des Atlantiks konkretisiert.

Die Führung der Bundesrepublik ist auf dem Wege – im

krampfhaften Versuch, multikulturelle US-Muster zu

kopieren – das eigene Volk zu vergessen, einen Staat

ohne Staatsvolk zu repräsentieren. Dabei spricht das

Grundgesetz explizit und nur vom „deutschen Volk“,

von keiner anderen Volksgruppe. Sollten die Eliten

der Bundesrepublik der Meinung sein, dieses vermischen

zu können oder auch nur dem deutschen Volk

eine „türkische Volksgruppe“ beizugesellen, sei ihnen

empfohlen, dies schnellstmöglich in das Grundgesetz

einzubringen - um so mehr, da ja inzwischen in allen

Parteiführungen, selbst der Union, ein Konsens dafür

besteht. Ein solcher Schritt würde jenen Deutschen,

die anderer Meinung sind, die Gelegenheit geben, sich

eindeutig zu positionieren.

162 Quaritsch, Einwanderungsland Bundesrepublik Deutschland?,

S. 64–65


Ankara regiert mit

Der überproportionale politische Einfluß einer

ethnisch-religiös defi nierten Wählergruppe ist nur eine

Seite des Problems. Verschärfend kommt hinzu, daß

ein türkischer Staat existiert, der diese Gruppe immer

noch als seine Untertanen ansieht, selbst wenn sie die

deutsche Staatsbürgerschaft besitzt – so äußerte sich,

wie bereits erwähnt, der türkische Ministerpräsident

im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen“ dahingehend,

daß auch die Türken mit deutschem Paß der

Türkei gegenüber loyal sein sollen. In diesem Interview

lud er zudem die Bundeskanzlerin Merkel ein, mit ihm

zusammen auf einer Veranstaltung wie in der Köln-

Arena, in welcher Erdogan seine berüchtigte Rede hielt,

aufzutreten. Süffi sant schrieb die „Frankfurter Allgemeine“

dazu: „Erdogan lädt Merkel nach Deutschland ein.“ 163

Wie die Staatsführung der Türkei die türkische

Minderheit in Deutschland betrachtet, darüber geben

folgende Sätze Auskunft: Angesichts der bestehenden

Interessengegensätze in den Beziehungen zu Deutschland

muß die Türkei ein selbstverständliches Interesse daran

haben, die türkische Bevölkerungsgruppe als strategisches

außenpolitisches Instrument einzusetzen. Dies erfordert

unausweichlich das Ziel, die Gruppe zu mobilisieren und

zu politisieren, die dann als organisierte Minderheit in die

Politik der Bundesrepublik eingreift. 164

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat diese

Analyse einer „deutsch-türkischen“ Akademikerin in

seiner Kölner Rede bestätigt, einen Machtanspruch der

Türken in Deutschland zugunsten der Türkei geradezu

eingefordert und dabei indirekt auf die armenische

Lobby in den USA als Vorbild angespielt. Das türkische

Staatsoberhaupt sprach gegenüber den in Deutschland

lebenden, zu einem nicht geringen Teil über deutsche

Pässe verfügenden Türken von „unseren Interessen“.

Dieser klar ausgesprochenen Vereinnahmung kommt

eine zunehmende „Hüter-Stellung“ des türkischen

Staates seit den neunziger Jahren hinzu.

Indem er sich in vielen praktischen Dingen als Fürsprecher

der türkischen Minderheit einsetzt, will er die

Türken auf deutschem Boden, auch die mit deutschem

Paß, dauerhaft an sich binden.

„In der Tat hat die türkische Politik und Diplomatie

in den Verhandlungen mit der deutschen Regierung in

den letzten Jahren die Belange ihrer Staatsangehörigen

verstärkt thematisiert. Die türkischen Forderungen

konzentrierten sich vor allem auf Themen wie Staatsangehörigkeitsfrage,

wachsende Ausländerfeindlichkeit

und Bildungspolitik. Für die politischen Verantwortungsträger

in Ankara ist ein resoluter Einsatz für die

vielschichtigen Probleme ihrer Bürger nicht nur eine

moralische Verpfl ichtung, sondern sie liegt auch im

staatlichen Eigeninteresse. Die Fähigkeit der Türkei, den

Erwartungen der Deutschland-Türken entsprechende

Dienstleistungen zu erbringen, werden die Bindung an

163 „Frankfurter Allgemeine“ vom 13. März 2008

164 Atilgan, Türkische Diaspora in Deutschland, S. 169

sie stärken und folglich die Motivation und die Bereitschaft

steigern, sich in der bundesdeutschen Politik für

die Türkei einzusetzen.“ 165

Die staatliche Führung der Türkei mischt sich also

immer stärker und ungenierter in die deutsche Innenpolitik

ein. Irrig ist die Vorstellung, sie täte das erst seit

kurzem, um ihre Staatsbürger auf deutschem Boden

vor Anfeindungen zu schützen. Bereits in den achtziger

Jahren gab es Vorstöße aus Ankara, kurdischen Vereinen

in Deutschland den Gebrauch der kurdischen Sprache

zu verbieten!

Die Einmischungen zeugten sich unverändert fort,

denn ein Staat, der solchen Interventionen keine

klare Grenze setzt, muß sich nicht über immer weiter

gehendere Forderungen wundern. Im Bundesland

Brandenburg ist seit 2002 der Völkermord der Osmanen

an den Armeniern fakultativer Bestandteil des Lehrplans

in Geschichte. Zu Beginn des Jahres 2005 nahm

die Regierung in Potsdam auf Grund eines Vorstoßes

des türkischen Generalkonsuls den Genozid aus dem

Lehrplan. Sogar die linke „taz“ empörte sich darüber

und bezeichnete dies als feigen und servilen Akt der

Selbstzensur des brandenburgischen Ministerpräsidenten

Matthias Platzeck. 166

Auf Grund des starken Protests aus armenischen

Kreisen, der evangelischen Kirche in Brandenburg, aber

auch von Personen des öff entlichen Lebens wurde der

Schritt rückgängig gemacht und der Völkermord wieder

in den Lehrplan aufgenommen.

Doch die Türken-Lobby läßt nicht locker und zeigt,

wie das Muster in Zukunft aussehen wird: nicht mehr

der türkische Staat selbst, sondern Mitglieder der

Türken-Lobby melden sich zu Wort und werden über

ihre Vertretungsmacht den türkischen Staat wirken

lassen. Der Vorsitzende der „Türkischen Gemeinde in

Deutschland“, Kenan Kolat, forderte 2009 erneut die

Streichung des Genozids aus dem brandenburgischen

Lehrplan, unter anderem mit der Begründung, das

Thema setze die türkischstämmigen Schüler unter

„psychologischen Druck“. Wie viele bzw. wie wenige

türkischstämmige Schüler es in diesem mitteldeutschen

Bundesland überhaupt gibt, erwähnte er nicht. Die

„Frankfurter Allgemeine“ schrieb dazu, daß es Kolat

„wohl weniger um das Wohlergehen der türkischen

Schüler, als vielmehr um die Interessenwahrung des

türkischen Staates geht.“ 167

Die Einfl ußnahme steigert sich, wenn die deutsche

Exekutive – quasi in vorauseilendem Gehorsam – in

die Türkei reist, um den Zuspruch der türkischen Regierungsstellen

auf Türken in Deutschland zu erbitten.

2008 reiste der Arbeitsminister Nordrhein-Westfalens,

Karl-Josef Laumann, nach Ankara. Einziger Zweck

165 Atilgan, Türkische Diaspora in Deutschland, S. 172–173

166 „taz“ vom 26. Januar 2005

167 „Frankfurter Allgemeine“ vom 7. August 2009

2. Teil Deutschland und die Welt

63


2. Teil Deutschland und die Welt

64

seines Besuchs: er wollte die jungen Türken in seinem

Bundesland dazu animieren, Berufsausbildungen zu

machen, um so der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken.

Warum er sich dafür in die Türkei begab, sich mit seinem

türkischen Amtskollegen traf und sein Anliegen

nicht vor Ort an der Ruhr propagierte? „Viele türkische

Familien bei uns hören eben immer noch mehr auf die

türkische Obrigkeit als auf die deutsche.“ 168 Wieso sollte

sich die offen ausgesprochene und praktizierte Politik

der Türkei, türkische Volksgruppen in fremden Staaten

massiv zu bevorteilen und zu instrumentalisieren bzw.

zu „schützen“, nicht auch auf die Bundesrepublik erstrecken?

Nur, weil Deutschland historisch nicht zum Siedlungsraum

des Osmanischen Reiches gehörte? Durch

die Intervention türkischen Militärs wurde 1974 die Insel

Zypern geteilt und seitdem eine massive Ansiedlung

von Festlandtürken betrieben; die türkische Staatsführung

hat 2003 im Norden des Irak Truppen stationiert;

nicht allein mit der Begründung, kurdische Separatisten

zu bekämpfen, sondern auch turkmenische Minderheiten

in diesem Gebiet zu schützen. Ankara hat über viele

Jahrzehnte die Diskriminierung der türkischen Minderheit

im griechischen Thrakien beklagt, im eigenen Land

aber eine weitaus härtere Verfolgung der griechischen

Minderheit betrieben, so daß diese in den fünfziger

und sechziger Jahren größtenteils auswanderte. Die

nach dem Ende des Kommunismus 1989 in Bulgarien

entstandene „Bewegung für Rechte und Freiheiten“

fungiert praktisch als Partei der türkischen Minderheit

in Bulgarien, und Gerüchte wollen nicht verstummen,

daß sie über versteckte Kanäle vom türkischen Staat

subventioniert wird.

Die deutschen Politiker denken wahrscheinlich

immer noch, daß sie in Ankara einen Sonderstatus besitzen.

Das trifft zwar zu, aber in völlig anderer Hinsicht,

als sie es begreifen – der politische und ökonomische

Status der Bundesrepublik ist nämlich weitaus höher

einzuschätzen als der von kleinen und korrupten Balkanstaaten.

In keiner Weise wird die Türkei deshalb davon absehen,

ihre Minderheit hierzulande nicht für ihre Zwecke

zu instrumentalisieren – dazu ist das Potential des

möglichen Gewinns viel zu verlockend. Die Türkei wird

eher danach trachten, ihre Landsleute auf deutschem

Boden noch viel stärker zu vereinnahmen als jene in

ihren unmittelbaren Nachbarstaaten – das ist der besondere

Status Deutschlands in den Augen der türkischen

Regierungen gleich welcher Couleur!

Eine militärische Intervention ist nicht möglich, deshalb

spielt man unter anderem virtuos auf der Klaviatur

der Geschichtspolitik, um Druck auf die Deutschen und

indirekt auch auf die Türken auf deutschem Boden

auszuüben. Ein türkischer Generalkonsul in Nordrhein-

Westfalen warnte 2008 im Gespräch mit oppositionellen

türkischen Gruppierungen davor, auf den Schutz der

168 „WAZ“, 28. November 2008

Türkei zu verzichten – die Deutschen hätten braunes

Blut in ihren Adern und würden im Zweifelsfall die

Türken so behandeln wie die Juden im Dritten Reich. 169

Hat die Regierung Kohl noch de facto den Zugang

der Türkei nach Europa verschleppt, aber gegenüber

Ankara das Gegenteil behauptet, bietet sich nun mit der

zunehmenden Präsenz türkischstämmiger Politiker in

Deutschland die Gelegenheit, über das wirtschaftsstarke

Deutschland positiv auf die Beitrittsverhandlungen

der Europäischen Union Einfl uß zu nehmen. Gerade in

dieser Frage gibt es keine streng nach Parteien gegliederte

Meinungsvielfalt der türkischstämmigen Funktionäre,

sondern einen quasi „alltürkischen“ Konsens. So

sprechen sich Bülent Arslan und Emine Demirbüken-

Wegner, beide Funktionsträger innerhalb der CDU,

vehement gegen das (noch) propagierte Modell der

„Privilegierten Partnerschaft“ ihrer Partei aus und

befürworten uneingeschränkt den Beitritt der Türkei!

Der türkische Staat als hineinregierender und

mitregierender Faktor in Deutschland wird weiter an

Bedeutung zunehmen. Beide Seiten – Ankara und die

sogenannten „Deutsch-Türken“ bzw. deren Interessenvertreter

– arbeiten darauf hin. Ein maßgeblicher Teil der

„Deutsch-Türken“ betrachtet die Türkei nach wie vor als

hauptsächlichen Bezugspunkt ihres Lebens, selbst bei

langdauerndem Aufenthalt in Deutschland. Vor allem

vom Beitritt zur Europäischen Union versprechen sich

beide Seiten ungeheure Vorteile. Für die „Deutsch-

Türken“ ohne deutschen Paß hierzulande würde sich

mit dem Status als EU-Bürger einiges verbessern, sie

könnten z.B. frei innerhalb der EU reisen. Die Türkei

sähe sich außenpolitisch aufgewertet und einen uralten

Minderwertigkeitskomplex besänftigt, da sich ihre

Führungsschicht seit Atatürks Zeiten geistig zu Europa

zählt - allerdings nimmt die islamische Orientierung zur

Zeit deutlich zu. Für die Pragmatiker in Ankara ist dies

kein Widerspruch, sie schielen neben der symbolischen

Aufwertung vor allem auf die materiellen Vorteile etwa

in Form von Wirtschaftshilfen. So oder so: wie mit einer

Nabelschnur ist die türkische Minderheit in Deutschland

mit der Türkei verbunden, und alles deutet darauf

hin, daß die Nabelschnur zukünftig nicht durchtrennt,

sondern von zusätzlichem Blut durchpulst wird. Der

Orientalist Raddatz bringt es auf den Punkt: „Sprache,

Familiennachzug, Reisen in die Heimat, türkisches

Fernsehen, Besuche türkischer Politiker verdichten sich

zu einer mentalen – und fi nanziellen – Nabelschnur.

Durch sie schiebt sich die Türkei biologisch und geistig

nach Deutschland vor und macht aus einer simplen

Anwesenheit eine politische Einheit.“ 170

Es sind im wesentlichen zwei Punkte, die ein beständiges

und fast direktes Mitregieren Ankaras in der

169 „Frankfurter Rundschau“ vom 28. April 2009

170 Raddatz, Die türkische Gefahr?’ S. 224-225


deutschen Politik wahrscheinlich machen. Erstens ist es

nach wie vor Strategie des türkischen Staates, die doppelte

Staatsbürgerschaft von „Deutsch-Türken“ möglich

zu machen bzw. als anerkannte Praxis zu etablieren.

Die Hinnahme der doppelten Staatsbürgerschaft ist in

der Bundesrepublik zwar bei vielen anderen Staaten

akzeptiert, wird aber zum Ausnahmefall, wenn allein

die Zahl der möglichen Doppelstaatler aus der Türkei

die Doppelstaatler aller anderen Nationen in der

Bundesrepublik weit übersteigt – und weil viele dieser

Doppelstaatler in ihrer Loyalität faktisch der Türkei den

Vorrang geben.

Zweitens existiert die DITIB, die letztlich nichts

anderes ist als eine staatliche Behörde der Türkei,

ursprünglich geschaff en in der Absicht, islamistische

Bestrebungen zu unterbinden, spätestens mit der

Machtergreifung der AKP in der Türkei selbst im Ruch,

Islamisierung zu betreiben.

Minderheitenstatus und Türkisch als

Amtssprache

Die Türken haben sich bereits „Türken-Ghettos“ auf

deutschem Boden geschaffen, aber die Träume ihrer

Funktionäre und Fürsprecher gehen noch weiter. Sie

wollen für die Türken den Status einer anerkannten

Minderheit erreichen, also Volksgruppenrechte für die

Türken auf deutschem Boden. So drückt es Atilgan aus:

„Für den Status der Türken in Deutschland ist die Defi

nition des Hohen Kommissars der OSZE für Nationale

Minderheiten als eine Gruppe „mit eigener Identität, die

sich deutlich von der Identität der Mehrheit der Bevölkerung

unterscheidet, darüber hinaus den dringenden

Wunsch hat, die Identität zu behalten oder sogar zu festigen

und/oder die Empfehlung der Parlamentarischen

Versammlung des Europarates Nummer 1201 aus dem

Jahr 1993 am aussagekräftigsten. Allerdings ist dieses

Dokument nicht juristisch bindend, da die Versammlung

nur empfehlen kann. Dieser Text defi niert eine Gruppe

dann als nationale Minderheit, wenn sie eigenständige

ethnische, kulturelle, religiöse oder sprachliche Merkmale

aufweist, wenn sie hinreichend groß ist sowie den

Willen hat, ihre Identität zu erhalten. Zusätzlich heißt

es, die Angehörigen dieser Gruppe müßten mit dem

betreffenden Staat langdauernd, fest und bleibend

verbunden sowie dessen Staatsbürger sein.

Nach dieser Defi nition befi ndet sich die türkische

Bevölkerungsgruppe in Deutschland auf dem Weg

zur Bildung einer Minorität. Sie hat die erforderlichen

‚spezifi schen Eigenschaften‘, und ihr Vereinsleben zeigt

den Willen zu ihrer Erhaltung. Ebenso ist die Gruppe

hinreichend groß. Das letzte Kriterium der lang dauernden

Präsenz ist zwar nicht genau defi niert, wird sich

aber im Laufe der Zeit selbst erfüllen. Die relativ geringe

Einbürgerungsquote der Türken in Deutschland war u.

a. in der rechtlichen und konzeptionellen Geschlossenheit

der deutschen Staatsangehörigkeit begründet, mit

der Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes wird

die Zahl der Einbürgerungen von türkischen Staatsbürgern

jedoch voraussichtlich erheblich steigen. Das

Zentrum für Türkeistudien rechnet auf der Grundlage

von Hochrechnungen im Jahre 2003 mit 900 000 deutschen

Staatsbürgern türkischer Abstammung. Es ist also

durchaus davon auszugehen, daß es auf lange Sicht in

Deutschland eine türkische Minderheit geben wird.“ 171

Betrachtet man die gegenwärtig existierenden Minderheitenrechte

in Deutschland, dann stellt man fest, daß

es sich sowohl zahlenmäßig als auch gesamtpolitisch

um marginale Erscheinungen in der Bundesrepublik

handelt. Sorben in Brandenburg/Sachsen und Dänen

in Schleswig-Holstein stellen selbst in ihren jeweiligen

Bundesländern nur einen kleinen Teil der Bevölkerung;

Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen

sind zudem Länder mit zahlenmäßig schwacher Bevölkerung

– deswegen auch geringer Bedeutung im

Bundesrat – und ohne großes ökonomisches Gewicht.

Sie beherbergen außerdem keine repräsentativen Millionenmetropolen.

Wenn den Türken in Deutschland in absehbarer

Zeit, nur auf Grund ihres drängenden Forderns und

aus Angst vor einem Bürgerkrieg, Minderheitenrechte

zugestanden würden, hätte dies dagegen unabsehbare

Folgen für die territoriale Integrität der Bundesrepublik.

Das sind keine Horrorszenarien von Rechtsradikalen,

sondern logische Folgerungen aus der Geschichte jener

Länder, in denen sich eine große türkische Minderheit

befi ndet, die die Gesamtpolitik des Landes beeinfl ussen

will – so etwa in Zypern vor 1974. Jeder anfangs höfl ich

ausformulierte Anspruch auf „Partizipation“ wird auf

Grund der historischen Erfahrung und dem Anspruchsdenken

vieler Türken/Muslime – nämlich Herrschaft

über Christen auszuüben – langfristig zumindest in

der Forderung nach einem Sonderstatus für die eigene

Volksgruppe, wahrscheinlich aber in bürgerkriegsähnlichen

Zuständen enden. So prophezeit es Peter Scholl-

Latour für Deutschland bei einer weiteren Zunahme der

Muslime und einem Beitritt der Türkei zur Europäischen

Union: „Die „multikulturelle“ Utopie weltfremder Ideologen

liefe Gefahr, in Mord und Totschlag, in off enen

Bürgerkrieg einzumünden.“ 172

Es sei daran erinnert, daß die Türken auf Zypern in

den sechziger Jahren ca. 30% der Sitze im Parlament

zugestanden bekamen, obwohl sie nur 20% der

Bevölkerung der Mittelmeerinsel stellten, zusätzlich

garantierte die Verfassung ihnen ein Vetorecht, welches

sie so exzessiv nutzten, daß Zypern unregierbar

wurde. Da es im Gegensatz zu Dänen und Sorben keine

historisch abgegrenzten Siedlungsgebiete von Türken

in Deutschland gibt, würde die Türken-Lobby selbstverständlich

versuchen, diese Volksgruppenrechte

auf breitestmöglicher Ebene, nämlich bundesweit, zu

verankern. Selbst wenn dies scheitern würde, wäre

eine Verwurzelung von Sonderrechten in bestimmten

171 Atilgan, Türkische Diaspora in Deutschland, S. 95

172 Scholl-Latour, Allahs Schatten über Atatürk, S. 308

2. Teil Deutschland und die Welt

65


2. Teil Deutschland und die Welt

66

Bundesländern und eine starke Beeinflussung der

Bundespolitik immer noch möglich. Die zahlenmäßig

größte türkische Gruppe lebt in Nordrhein-Westfalen,

einem Land mit ökonomischer Potenz und Stärke im

Bundesrat, da es über die höchste Einwohnerzahl aller

Bundesländer verfügt. Die Zentrale der DITIB befi ndet

sich ebenfalls dort. Dazu gesellen sich die besonders

rührigen Gruppen der Türken-Lobby in solchen Metropolen

wie Berlin, Hamburg und Köln, das ebenfalls in

Nordrhein-Westfalen liegt. Deutschland würde einen

binationalen Charakter bekommen, es wäre das Land

der Deutschen und der Türken!

Die sich jetzt bereits deutlich abzeichnenden Tendenzen

in den „Türken-Ghettos“ weisen darauf hin, daß

diese potentiellen Enklaven einen prinzipiell anderen

Charakter besitzen, als etwa das sorbisch und dänisch

besiedelte Gebiet. In Bautzen, Lübbenau und Flensburg

käme niemand auf die Idee, die Hoheit des deutschen

Staates in Frage zu stellen oder das Gewaltmonopol

deutscher Polizisten anzuzweifeln. Mit einer staatsrechtlichen

Emanzipation der „Türken-Ghettos“ hätten

wir tatsächlich Enklaven in Deutschland, die sich nicht

nur sprachlich, sondern auch religiös und kulturell gravierend

vom deutschen Siedlungsgebiet unterscheiden

würden – mit einer Tendenz zur Ausbreitung durch

zunehmende Einwanderung aus Anatolien und zur

„Protektion“ durch Ankara.

Die mögliche Einführung von Türkisch als Amtssprache

muß nicht unbedingt mit der Einführung von

Volksgruppenrechten einhergehen, sondern hat einen

eigenständigen Charakter. Seit Jahren versuchen Funktionäre

der Türken-Lobby und ihre Parteigänger unter

den Deutschen, die türkische Sprache aufzuwerten, obwohl

diese international keinen Stellenwert besitzt. Die

Absicht ist klar: das Manko der Türken, eine im weltweiten

Maßstab unbedeutende Sprache als Muttersprache

zu haben, soll durch die Anerkennung des Türkischen

im deutschen Schul- und Bildungsbetrieb kompensiert

werden. Eine Einführung von Türkisch als Amtssprache,

von einer allgemeinen Einführung von Türkisch in

Schulen befördert, würde aber die Chance einer jetzt

schon ungewissen Integration durch Spracherwerb

massiv verschlechtern. Es bestünde dann nicht mehr der

geringste Anreiz, die deutsche Sprache zu erlernen und

gut zu beherrschen. Die Bildung türkischer Exklaven

würde zementiert, was der SPD-Bezirksbürgermeister

Neuköllns, Heinz Buschkowsky, treff end kommentierte,

als der türkische Ministerpräsident Erdogan 2010

türkischsprachige Schulen in Deutschland forderte: „Es

kann nicht die Aufgabe der deutschen Gesellschaft sein,

den Jugendlichen Türkisch beizubringen (…) Wir sind

keine Exklave der Türkei.“ 173

Latent gefördert wird ein solcher Schritt aber

dadurch, daß Türkisch de facto bereits in vielen

Kommunen zur Amtssprache erhoben wurde. Es gibt

innerhalb vieler Behörden Beschilderungen auf Türkisch,

türkischsprachige Ausfüllhilfen für Formulare

173 „Welt“ vom 28. März 2010

und türkischsprachige Mitarbeiter. Mit Berufung darauf

könnten die Funktionäre der Türken-Lobby drängen,

aus einem „Gewohnheitsrecht“ einen formal anerkannten

Status zu machen. Es ist bezeichnend, daß sich nicht

nur die CDU-Spitze, sondern auch Türken- und Islam-

Verbände dagegen aussprachen, als von der CDU-Basis

ein Vorstoß gemacht wurde, Deutsch als Sprache der

Bundesrepublik im Grundgesetz zu verankern. Daß

die Türken-Lobby dagegen Sturm lief 174 , obwohl sie

nicht direkt davon tangiert wäre, läßt nur einen Schluß

zu: sie befürchtet, daß ein solcher Schritt zum gegenwärtigen

Zeitpunkt Signalcharakter hätte und eine

spätere Einführung des Türkischen erschweren bzw.

verhindern würde. Es ist in ihren Augen taktisch besser,

erst abzuwarten und dann nach Zuzug von weiteren

Millionen Türken gegebenenfalls Deutsch und Türkisch

im Grundgesetz zu verankern.

Wenn Deutschland aber zu einem Land der Deutschen

und der Türken wird, erleidet es über kurz oder

lang das Schicksal Westarmeniens und Ostgriechenlands:

die ursprünglichen Bewohner des Landes werden

ausgelöscht oder vertrieben, so wie es in Konstantinopel,

Smyrna und Adana geschah.

Literatur

Canan Atilgan: Türkische Diaspora in Deutschland.

Chance oder Risiko für die deutsch-türkischen Beziehungen,

Hamburg 2002

Hans Plattner: Die Türkei. Eine Herausforderung für

Europa, München 1999

Helmut Quaritsch: Einwanderungsland Bundesrepublik

Deutschland? 2. Aufl ., München 1982,

Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr? Risiken

und Chancen, München 2004

Peter Scholl-Latour: Allahs Schatten über Atatürk.

Die Türkei in der Zerreißprobe, 6. Aufl ., München 2001

Walter Rathenau, von Nazis als Nichtarier und Jude

verunglimpft und 1922 ermordet, schrieb: Der Inbegriff

der Weltgeschichte ist die Tragödie des arischen Stammes.

Ein blondes, wundervolles Volk erwächst im Norden …

aber (es) quellen die Fluten der dunklen Völker immer näher.

Eine orientalische Religion ergreift die Nordländer …

174 „Süddeutsche Zeitung“ vom 3. Dezember 2008

*


3. Teil Geschichte

Immer öfter wird die Frage gestellt, warum wir Deutschen so erpicht darauf sind, die NS-Verbrechen als weltgeschichtliche

Singularität zu bezeichnen. Waren sie das wirklich, oder liegen unerkannte psychologische Mechanismen

zugrunde?

Ihr Deutschen wollt wohl

in allem die Größten sein

– also auch bei Verbrechen

Geschichte

von

Teil

N. N. (Name dem Herausgeber bekannt) 3.

Der zitierte Ausspruch stammt von meiner Kollegin

Anneliese St. (Jahrgang 1921). Ich lernte Anneliese,

inzwischen Ann-Lise, ca. 1990 in Paris bei einer Tagung

„kritischer“ deutscher und französischer Psychoanalytiker

kennen. Am zweiten Tagungstag hielt ich einen

Vortrag, der inzwischen unter dem Titel „Kollektive

Verbrechen und die Zweite Generation“ in der Festschrift

für meinen ehemaligen Chef veröff entlicht ist.

Ich wählte darin die Methode der Distanz, des Blicks

auf das Eigene im Fremden. Mein Beispiel war die Vandalisierung

eines jüdischen Friedhofs in Carpentras. Ein

Blick über den Zaun, um einige Aspekte des Erbes der

Zweiten Generation in Frankreich nach dem Algerienkrieg

zu beleuchten.

Während der Diskussion gab es einen ziemlichen

Eklat, denn einige deutsche Kollegen warfen mir „Vergleich“

zwischen Nationalsozialismus, Judenvernichtung

und Frankreich, Algerienkrieg vor. Ein Kollege

fiel ziemlich aus dem Rahmen und schrie mich an:

„Mein Vater war in Lodz, Sie als Deutsche haben kein

Recht, den Franzosen eine Lektion zu erteilen.“ Das war

schon ziemlich verrückt.

Meine französischen Kollegen waren etwas diff erenzierter,

denn auch in Frankreich hatte die sog. „Vergangenheitsbewältigung“

nach dem Algerienkrieg in

einigen Kreisen bereits begonnen und treibt auch dort

seltsame Blüten. Anneliese war telefonisch informiert

worden und kritisierte die Reaktionen meiner deutschen

Kollegen mit den Worten der Überschrift. Sie war

als Zwölfj ährige nach der vorübergehenden Verhaftung

ihres sozialistischen Vaters in ihrer Heimatstadt Mannheim

mit den Eltern nach Frankreich ausgewandert und

1938 eingebürgert worden. 1944 wurde sie, trotz guter

falscher Papiere, eben durch Verrat, durch die Gendar-

merie verhaftet und interniert. Von dort ging es nach

Auschwitz etc. und 1945 zurück nach Frankreich, Arbeit

mit traumatisierten Kindern, Analyse bei Francoise Dolte

und Jaques Lacan, von dem sie sagt, daß er ihr wieder

die deutsche Sprache „wert gemacht“ habe. Dadurch

(Analyse, Sprache) fühle sie sich als Überlebende. Bei

ihr habe ich keinen Haß kennengelernt, den hatte sie

überwunden, der zerstöre die eigene Person.

*

Jacob Burckhardt beobachtet (in: Griechische Kulturgeschichte):

Denn so sehr ist das Gemüt der Menschen

von Ruhmsucht zerrüttet, daß sie lieber durch das größte

Unglück berühmt als ohne Unglück obskur sein wollen.

*

Joachim Fest, Im Gegenlicht – Eine italienische

Reise, Siedler Verlag Berlin 1988, S. 140, wendet diesen

Gedanken auf uns Deutsche an: Manchmal denkt man,

die fortgesetzte Aufgebrachtheit der Deutschen über die

Hitlerjahre könnte weniger mit dem moralischen Entsetzen

und der begriff enen geschichtlichen Lektion zu tun haben,

als behauptet wird. Vielmehr macht sich darin der Versuch

einer geistig auf vielen Bereichen unproduktiv gewordenen

Nation geltend, wenigsten durch Hitler und die Greuel jener

Jahre einige Aufmerksamkeit zu erregen … Oft klingt

sogar etwas wie ein pervertierter Stolz darüber durch,

wessen sie fähig waren. Bezeichnenderweise ist der Ort

solcher Selbstanklagen fast durchweg die Vorderbühne,

wo das Spektakel zu Hause ist: in Pamphleten, Fernsehshows.

… So kann der Verdacht nicht ausbleiben, die

Deutschen ahnten, daß sie der Welt durch nicht viel mehr

als durch den Schatten interessant sind, den die Untaten

jener Herrschaft werfen.

67


3. Teil Geschichte

68

Der algerische Unabhängigkeitskrieg war grausam, und zwar wohl besonders auf französischer Seite. Im Jahre 2008

hatte ich in Oran/Algerien Gelegenheit, mit dem aus Lothringen stammenden Bischof von Oran zu sprechen, der die

letzte Phase des 1962 beendeten Krieges miterlebt hatte. Dieser überließ mir sein gedrucktes Tagebuch mit Widmung.

Daraus ist die folgende Episode genommen.

Das blonde Kind

Aus dem Tagebuch des Bischofs von Oran

aus der Zeit des Algerienkrieges

Mittwoch, 26. Oktober 1960: Hier läuft ein kleiner

Junge herum mit blonden Locken, etwa 6–7 Jahre alt.

Er treibt sich ständig mit den Soldaten herum, ißt mit

ihnen und schläft bei ihnen. Das wundert mich. Ich frage

einen Soldaten: Was macht dieses … Kind hier eigentlich?

A: Das ist ein kleiner Araber, den haben wir … mitgebracht.

F: Wieso – mitgebracht? Und seine Eltern haben ihn einfach

so gehen lassen?

A: Der hat keine Eltern mehr. Die Kameraden unserer

Kompanie haben kürzlich einen Trupp von Fallschirmjägern

in die … transportiert. Die Fallschirmjäger haben da

ein Massaker in einem Dorf angestellt und die gesamte

Einwohnerschaft niedergemacht. Nach dem Einsatz hat

einer unserer Kameraden diesen kleinen Jungen gefunden

und ihn als Andenken hergebracht, weil er ihm so gefallen

hat. Na ja, so ist er halt hier.

F: Das kann doch nicht sein. A: Wieso denn nicht? Andere

nehmen sich doch auch Andenken mit: Schmuckstücke,

Töpfersachen, auch mal einen Hund …

Der Autor sieht den kleinen Jungen seit einigen

Tagen nicht mehr und fragt sich, wo er abgeblieben sei.

Dienstag, 22. November: Ich habe jetzt die Erklärung

für das Verschwinden des kleinen blonden Jungen. Als

ich heute abend von meiner Arbeit aus Castiglione

zurückkam, traf ich den Adjutanten der 2. Kompanie

zusammen mit dem Adjutanten der CSS, die sich vor

der Telefonzentrale in meinem Büro gefl äzt hatten.

Eigentlich mehr aus Zufall frage ich den Adjutanten,

was aus dem kleinen Kind geworden sei.

A: Mach dir keine Sorge, der wird uns nicht weiter stören.

F: Was soll das heißen? A: Na, ich hab ihn abgeschaff t.

F: Wie das?

A: Na, ich habe ihn in eine Schlucht gebracht, in einem

kleinen Gehölz, und dann habe ich ihm mit meiner Pistole

eine Kugel in den Kopf gegeben.

F: Nein – das ist nicht wahr! Sie sind ein Krimineller!

A: Was du nicht sagst! Das Kind wurde wirklich lästig.

Ich konnte vor Bestürzung einige Augenblicke lang

nichts sagen … Der Adjutant albert herum, schlägt dem

anderen auf die Schultern und beide gehen hinaus –

stolz über ihre Leistung.

Das ist ja entsetzlich. Erbarmen, Herr Gott!

Inschrift in der Kuppel der Kathedrale Notre

Dame - d`Afriqe in Algiers (gesehen 2008 von M. A.

im Rahmen eines Vespergottesdienstes, der von

10 Personen besucht war, welche nach Auskunft

des Priesters fast seine gesamte Gemeinde ausmachten):

*

Ste Marie, prie pour nous et pour les musulmans.

Heilige Maria, bitte für uns und für die Muslime.


Der Geist des Warschauer Ghettos

von

Rabbi Stephen Wise 175•

… Ich werde nicht versuchen, auf diesen Seiten auch

nur eine Zusammenfassung der Eindrücke wiederzugeben,

die ich während der Tage in Warschau (1936!)

sammelte. Diese Eindrücke waren größtenteils ergreifend

und traurig machend, obwohl sie auch ein Gefühl

von unbezähmbarer mystischer Hoffnung vermittelten.

Ich beschränke mich auf eine unvergeßliche Stunde und

Szene, die mir viel über den Schrecken und die Größe

des Lebens der polnischen Juden erzählte.

Zu den Büroräumen der zionistischen Bewegung

kam eine Gruppe von Männern aus Przytyk 176 , einer

Stadt, die später noch berühmt wurde. Einige aus der

Gruppe waren eingesperrt gewesen, einige freigesprochen

und einige nur entlassen, aber nicht entlastet. Ihr

Fall lag noch bei der Berufungsinstanz. Diese waren keine

Bittsteller, noch weniger Klagende, obwohl in ihren

anklagenden Reden Bitterkeit mitschwang. Nur wenige

Monate zuvor hatte es sechshundert jüdische Familien

in Przytyk gegeben, die so lebten, wie jüdische Familien

eben größtenteils in kleineren polnischen Städten

lebten; d. h., sie lebten in einigermaßen annehmbarer

Armut. Es kam ein Tag, an dem diese Menschen fühlten,

175 · Kap. XVI der Autobiographie „Challenging Years, Putnam’s Sons“,

Newyork 1949; aus dem Englischen von Karl-Heinz Kuhlmann

176 PRZYTYK, Stadt in Mittelpolen nahe Radom. 1936 waren 90 %

ihrer 3000 Einwohner Juden. Przytyk wurde bekannt durch das

Pogrom von 1936. Dieses wurde von der *Endecja party, deren

Führer der Antisemit Roman Dmowski war, getragen. Drei Juden

wurden getötet, 60 verwundet. Der von den Juden organisierten

Selbstverteidigung fi el 1 Pole zum Opfer. Der betreff ende Jude

wurde schuldig gesprochen und hart bestraft. Das führte zu

landesweiten Protesten der Juden.

daß, aus der allgemein wachsenden jüdischen Unruhe

im Lande heraus, sie angegriffen werden würden. Ein

Mitglied der Gruppe sagte mit Feuer in seiner Stimme

und natürlich auf jiddisch: „Sie dachten, daß sie mit uns

Juden alles machen könnten und daß wir Juden wie

Lämmer unter der Hand eines Schlachters ohne Widerstand

sterben würden. Aber wir leisteten Widerstand,

und einer von ihnen (also ein Pole), der losstürmte, um

unsere Frauen und Kinder zu ermorden, fi el.“

Sie erzählten von der unglaublichen Ungerechtigkeit

eines quasigerichtlichen Verfahrens, das die Pogrommacher

freisprach und die jüdischen Verteidiger ihrer

Gemeinde zu Gefängnisstrafen verurteilte. Einer nach

dem anderen sprach mit leidenschaftlicher Anspannung,

wobei ihre Hauptforderung war, irgendwie eine

Milderung der über ihre Verwandten verhängten ungerechten

Strafen zu erreichen. Einer sprach besonders für

seinen sehr jungen Bruder, der schwer bestraft worden

war. Sie bekannten ihr Verbrechen der Selbstverteidigung,

einer Selbstverteidigung, die durch einen wilden

und mörderischen Angriff provoziert worden war. Sie

baten um mehr. Und die Führer der zionistischen Partei,

die mit mir dort saßen, waren nicht weniger tief bewegt

als ich. Der zentrale Punkt ihrer Petition lautete:

Wir wollen keinen Gewinn aus unserem Unglück

schlagen. Wie sind nicht gleich den Juden,

die über Palästina erst dann nachdenken, wenn

ihnen mit Vernichtung und Heimatlosigkeit

gedroht wird. Wir waren und wir sind, alle von

uns, Zionisten. Wir wissen, daß die noch unge-

3. Teil Geschichte

69


3. Teil Geschichte

70

fähr fünfhundert Familien unserer Gemeinde

nicht nach Palästina gebracht werden können.

Wir verdienen es nicht mehr als andere, und

wir verstehen, daß, wenn es für alle (Ausreise-)

Bescheinigungen geben würde, dann wäre alles,

was die Polen zu tun brauchen würden, um ihre

Juden loszuwerden, Pogrome in allen Städten

und Dörfern zu beginnen. Wir wissen, daß wir

bleiben müssen, wo wir sind, obwohl wir nicht

wissen, wie wir über den Winter kommen sollen.

Die Polizei tritt schon den Bauern entgegen, die,

wenn sie könnten, den Hungrigen unter uns Essen

bringen würden.

„Aber“ – und hier lag das Herz ihres Hilferufes – „wir

sind keine Zwangsjuden, wie einige andere Juden“, und

sie bezeichneten sie nach den Wohngebieten. „Wenn wir

in Palästina leben würden, dann würden wir uns selbst

verteidigen. Wir sind bereit, für das jüdische Land zu

sterben und für die jüdische Ehre zu leiden. Laßt einige

von uns gehen.“ Dann nannten sie eine Zahl und sofort

nannte ein anderer eine geringere Zahl. „Wenn auch nur

so wenige“ – und es wurde eine höchst bescheidene

Zahl genannt –, „wir fühlen, daß unser Leben uns nicht

so viel gilt, und wenn wir sterben, dann wird es für das

Land ISRAEL sein.“

Mit tränenerstickter Stimme fragte ich: „Wie lange

habt ihr in Przytyk gelebt?“ Schnell kam die Antwort: „Es

gibt Steine auf unserem Friedhof, die sind sechshundert

Jahre alt.“ Zwei Dinge waren klar: Erstens die tragische

Demut der Juden, die ihre Geschichte von Jahrhunderten

nach Grabsteinen datierten. Und zweitens: Diese

moralische Größe, welche, mit der Geduld ihres ewigen

Glaubens, „Ich werde nicht sterben, sondern leben“, die

Werke Gottes wieder in seinem Land zu erzählen plant.

Während ich in Warschau war, entdeckte ich, daß es die

Anfänge einer Selbstverteidigungsbewegung, natürlich

im Untergrund, gab. Und das Schönste von allem war,

daß sie ein Zweig der palästinensischen Selbstverteidigung

war. Diese Anfänge der Selbstverteidigung waren

dazu bestimmt, mächtige und ruhmreiche Konsequenzen

in der jüdischen Partisanenbewegung Polens zu

haben, die dann ihren Höhepunkt in der Tragödie und

dem Ruhm der Zerstörung Warschaus fanden. Die

Verteidiger Warschaus, die gegen die nationalsozialistische

Übermacht standen, haben ihren Platz neben

den makkabäischen Verteidigern Judäas und nahmen

die heroischen Leistungen der palästinensischen Hagana

177 vorweg.

Ich muß noch vom tiefsten Eindruck, den die Juden

Polens auf mich machten, erzählen. Zum ersten Mal sah

ich selbst etwas von der sagenhaften Frömmigkeit und

der unsäglichen Armut der meisten Juden. Ich hatte ja

177 Die Hagana war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation

während der britischen Besatzung Palästinas

(1920–48).

schon viele schmerzliche Einblicke in das New Yorker

Ghetto vierzig bis fünfzig Jahre zuvor, als die Lebensumstände

am niedrigsten waren. Ich habe etwas gesehen

von den überfüllten, von Armut geplagten Ghettos in

den großen Städten anderer Länder. Aber nichts, das ich

vorher gesehen oder gewußt hatte, warf ein Licht auf

das Leben in Warschau und ihre ärmsten Bewohner. Ich

ging tiefer hinein, und man zeigte mir Kellerwohnungen,

die unvorstellbar dunkelsten unterirdischen Löcher.

Viele von diesen waren von großen Familien bewohnt

und manchmal auch von zwei Familiengruppen, die sie

tags- und nachtsüber wechselnd belegten. Indem ich

meine Fragen so schüchtern wie nur möglich stellte,

erfuhr ich, daß manche dieser Familien von fünfzehn

bis zwanzig Zloty in der Woche lebten, was drei bis vier

Dollar entspricht.

Vielleicht sollte ich mich schämen, die Geschichte

von einem elenden, hungrig aussehenden Familienoberhaupt,

dem ich mich zuwandte, zu erzählen. Ich

fragte ihn: „Wie kann man mit so wenig auskommen?“

Schnell wie ein Blitz und so zuversichtlich kam die Antwort

auf Jiddisch: „Gott wird schon helfen.“ Keine Klage,

kein Jammern, keine Bitterkeit! Allein die Aussage eines

unerschütterlichen Glaubens: Gott wird schon helfen.

Das war nicht die Resignation einer dumpfen Frömmigkeit.

Sie verkörperte den vollen und unerschütterlichen

Glauben wie auch die Annahme der fürchterlichsten

Trübsale des Körper und des Geistes als Ausdruck des

göttlichen Willens und Zieles. Ich fühlte, daß ich auf

die Verkörperung des Geistes der Frömmigkeit des

Judentums gestoßen war, auf die Frömmigkeit eines

nicht klagenden Märtyrertums, die Annahme eines

solchen Märtyrertums als einer Phase des Lebenskampfes.

Wie blaß und dünn und blutleer und veräußerlicht

erscheint dagegen das religiöse Leben der Habenden,

der Besitzenden, die ich alle in meinen Tagen kennengelernt

habe.

Ich werde nie aufhören, demütig dankbar zu sein

für die Off enbarung, die Polen, d. h., die das polnische

Judentum mir von der Innerlichkeit des jüdischen

Glaubens und Lebens gewährt hat. Ich füge das Leben

hinzu, weil außer einigen wenigen abweichenden

Assimilierten diese polnischen Juden eins waren in

ihrem Elend, in ihrem Leiden, in ihrem Heroismus, im

Reichtum und Adel ihres Glaubens. Indem ich einen

Blick davon erhalten habe, war ich nicht überrascht

von der Verteidigung dieser Stadt Jahre später, tapfer

und wundersam verlängert. Auch nicht vom Mut der

nur halbbewaff neten jüdischen Partisanen gegen die

stolzesten Armeen Europas! Mein Besuch in Polen

war mehr als eine schicksalhafte Episode. Er war einer

meiner mich am meisten bereichernden Erfahrungen

aller meiner Tage.

*


Jüdische Bevölkerung in Europa: Der französische

Botschafter am Zarenhof während des 1. WK, Maurice

Paleologue, beklagt in seinem Tagebuch die schweren

Rechtsverletzungen gegenüber Juden im Zarenreich,

insbesondere in Polen. Der russische Antisemitismus sei,

wie er dem Zaren mehrfach darlegt, ein Haupthindernis

für die USA, an der Seite Rußlands in den Krieg gegen

Deutschland einzutreten. Zur Zahl der Juden vermerkt

er am 5. September 1916:

Die Gesamtzahl der über die ganze Erde verteilten

Israeliten wird auf 12,5 Mio. geschätzt,

davon 5,3 Mio. in Rußland. Und 2,2 Mio. in den

Vereinigten Staaten. Mit Ausnahme dieser zwei

Länder befi nden sich die größten Ansammlungen

von Juden in Österreich-Ungarn (2,25 Mio.), in

Deutschland (615.000), in der Türkei (485.000),

in England (445.000), in Frankreich (345.000), in

Rumänien (260.000) und in Holland (115.000).

Von den genannten 5,3 Mio. Juden im Zarenreich

lebte offenbar der größere Teil im späteren Polen.

Großer Brockhaus 1970 Juden unter Bezug auf Yewish

Yearbook 1929 nennt für damaliges Polen 3,5 Mio. und

die Sowjetunion 2,7 Mio. Juden. Für etwa dasselbe

Gebiet nennt der Der Neue Brockhaus (2. Aufl . Leipzig,

1941) (Stichwort: Juden) etwa dieselben Zahlen.

*

3. Teil Geschichte

71


3. Teil Geschichte

72

Alles, was du siehst, wird äußerst schnell vergehen,

und diejenigen, die zusehen, wie es vergeht, werden

auch selbst sehr schnell vergehen. Und wer im höchsten

Alter stirbt, wird in den gleichen Zustand versetzt wie

derjenige, der früh stirbt.

Marcus Aurelius , 9. Buch Nr. 33


Der mit der japanischen Besetzung Burmas (1942) beginnende burmesische Unabhängigkeitskrieg wurde von

diversen Aufstandsgruppen geführt. England hatte sich bereiterklärt, Burma zu einem off engelassenen Zeitpunkt in

die Unabhängigkeit zu entlassen. Diesen wollten die Aufständischen nicht abwarten. Aus dieser Zeit stammt der folgende

Bericht. Die von England praktizierte Hinrichtung durch den Strang ist wohl eine der am wenigsten grausamen.

Der folgende Bericht berührt daher nicht durch die Grausamkeit des Geschehens, sondern fast noch mehr durch die

nüchterne Klarheit des Hinrichtungsvorganges.

Eine Hinrichtung – A Hanging

Geschichte

von

Teil

A. E. Blair (alias George Orwell) 3.

Es war in Burma. Ein schmutziger Morgen der Regenzeit.

Fiebriges Licht, wie gelbes Wellblech, ragte über

die hohen Mauern in den Gefängnishof. Wir warten

vor den Todeszellen, Verschläge in einer Reihe, vorne

mit doppelten Balken, wie kleine Tierkäfi ge. Jede dieser

Zellen maß etwa 10 x 10 Fuß und war völlig leer, bis auf

eine Pritsche und einen Krug für Trinkwasser. In einigen

saßen braune Männer, wortlos ans Gitter gedrängt, die

Decken um ihren Leib geschlagen. Das waren die Verurteilten,

die in der nächsten Woche oder so gehängt

werden sollten.

Ein Gefangener war aus seiner Zelle herausgebracht

worden. Ein Hindu. Ein zierliches Männchen, mit geschorenem

Kopf und glasigem, wäßrigem Blick. Er hatte

einen dichten, starkwüchsigen Schurrbart, geradezu

unsinnig groß bei seiner Statur, ein Schurrbart fast wie

bei den Witzfi guren im Film. Sechs stämmige indische

Wärter führten ihn und machten ihn galgenfertig. Zwei

standen etwas abseits mit Gewehren und aufgesetzten

Bajonetten. Die anderen legten ihm Handschellen an

und zogen durch diese eine Kette, die sie an ihrem eigenen

Gürtel befestigten. Seine Arme wurden an seinem

Leib festgezurrt. Die Wärter blieben nah um ihn, sie

hielten ihn sorgsam, fast liebevoll fest, so als wollten sie

immer sicher sein, ob er auch noch da sei. So wie man

einen Fisch hält, der noch lebt und vielleicht wieder

ins Wasser springt. Er aber stand ohne Widerstand da,

streckte seine Arme zur Fesselung entgegen, so als ob

er kaum merkte, was geschah.

Es schlug 8 Uhr, und von den entfernten Unterkünften

tönte der Weckruf kläglich durch die feuchte Luft.

Der Gefängnisleiter, etwas abseits von uns, rührte sinnierend

mit seinem Stock im Sand herum, und hob bei

dem Ton den Kopf. Er war ein Armeearzt, hatte einen

grauen, bürstenartigen Schnauzbart und eine schnarrige

Stimme: Mein Gott, Francis, nun mach mal zu – rief

er ungehalten. Der Mann sollte eigentlich jetzt schon tot

sein. Seid ihr immer noch nicht fertig?

Francis, der Oberaufseher, ein fetter Drawide, also

kein Hindu, in weißer Uniform und mit Goldbrille hob

seine dunkle Hand. Jawohl, Sir, sofort! brachte er hervor.

Alles iss z` Zufriedenheit färtig! Der Henker wartet schon.

Kann losgehn.

Also Marsch, aber fl ott. Die Gefangenen kriegen kein

Frühstück, bevor wir diese Sache nicht hinter uns haben.

Wir machten uns auf den Weg zum Galgen. Zwei

Wächter an jeder Seite des Gefangenen, ihre Gewehre

im Anschlag; weitere zwei gingen eng aufgeschlossen

hinter ihm und hielten ihn an Arm und Schultern, ihn

zugleich schiebend wie haltend. Wir anderen, Offi zielle

und so weiter, hinterher. Es waren etwa 30 m bis zum

Galgen. Ich schaute auf den bloßen braunen Rücken des

Gefangenen, der da vor mir ging. Mit seinen zusammengebundenen

Armen bewegte er sich ungeschickt, aber

doch zügig, mit dem geduckten Gang der Inder, die ja

ihre Knie nie durchstrecken. Bei jedem Schritt glitten

seine Muskeln voran. Die Haarlocke auf seinem Schädel

hüpfte auf und ab, seine Fußspuren drückten sich in den

nassen Sand. Und plötzlich, ungeachtet der Männer, die

ihn an jeder Schulter hielten, trat er etwas zur Seite, um

einer Pfütze im Wege auszuweichen.

73


74

Merkwürdig. Aber bis zu diesem Augenblick war

mir gar nicht bewußt gewesen, was es bedeutet, einen

gesunden, geistig klaren Menschen zu zerstören. Als

ich den Gefangenen zur Seite treten sah, um der Pfütze

auszuweichen, erkannte ich das Ungeheuerliche,

die unsägliche Verkehrtheit, ein Leben abzuscheiden,

welches in voller Kraft steht. Dieser Mann war nicht

sterbenskrank, er war lebendig wie wir. Seine Organe

arbeiteten – sein Gedärm verdaute die Nahrung, seine

Haut erneuerte sich und seine Fingernägel wuchsen

und bildeten sich neu aus – alles nur zum Zwecke dieser

feierlichen Ungeheuerlichkeit. Seine Nägel würden

noch wachsen, wenn er auf der Falltür steht, und auch

dann noch, wenn er ins Freie fällt und nur noch eine

Zehntelsekunde leben wird. Seine Augen sahen den

gelben Sandboden, die grauen Gefängnismauern,

und sein Hirn erinnerte sich, schaute voraus und wog

vernünftig ab – wegen einer Pfütze. Er und wir waren

gemeinsam Menschen, zusammen einen Weg gehend,

sehend, hörend, fühlend, verstehend dieselbe Welt;

und in zwei Minuten mit einem jähen Schlag würde

einer von uns weg sein – ein Wesen weniger, eine Welt

weniger.

Der Galgen stand in einem kleinen Hof, abseits vom

Hauptfeld des Gefängnisses, seine Mauern stark mit

Gestrüpp überwachsen. Es war ein Ziegelbau, an drei

Seiten umschlossen wie ein Stall, oben mit einem Gerüst

und darüber zwei Balken mit einem Querbalken, von

dem das Seil herabhing. Der Henker, ein grauhaariger

Gefangener in der weißen Gefängnisuniform, wartete

neben seiner Maschine. Er grüßte uns mit einer servilen,

tiefen Verbeugung, als wir eintraten. Auf ein Wort

von Francis griff en die beiden Wärter den Gefangenen

noch fester und führten halb, halb schoben sie ihn zum

Galgen und halfen ihm etwas ungeschickt auf die Leiter.

Dann stieg der Henker hinauf und legte das Seil um das

Genick des Gefangenen.

Wir standen keine 3 Meter entfernt und warteten. Die

Wärter hatten sich in einer Art Halbkreis um den Galgen

aufgestellt. Und dann, als die Schlinge um seinen Hals

gelegt war, begann der Gefangene seinen Gott anzurufen.

Es war ein hoher, sich wiederholender Ton: Ram!

Ram! Ram! Nicht drängend oder ängstlich wie ein Gebet

um Hilfe, aber inständig und rhythmisch, fast wie das

Schlagen einer Glocke. Der Hund antwortete darauf mit

Gewinsel. Der Henker, oben auf dem Gerüst, zog einen

Sack aus Baumwolle, so eine Art Mehlsack, hervor und

stülpte ihn dem Gefangenen über den Kopf. Aber der

Ton, nur gedämpft durch das Tuch, dauerte an. Immer

und immer wieder: Ram! Ram! Ram! Ram! Ram!

Der Henker stieg herab und stand bereit, die Hand

am Hebel. Minuten schienen zu vergehen. Das ständige

gedämpfte Rufen des Gefangenen hörte nicht auf.

Ram! Ram! Ram! – keinen Augenblick nachlassend. Der

Gefängnisleiter, den Kopf nach vorn geneigt, stocherte

langsam mit seinem Stock im Boden. Vielleicht zählte

er die Rufe und hatte dem Gefangenen eine bestimmte

Anzahl zugestanden – fünfzig, oder vielleicht, hundert.

Allen hatte sich die Gesichtsfarbe verfärbt. Die Inder

waren grau geworden wie schlechter Kaff ee, und ein

oder zwei der Bajonette begannen zu zittern. Wir

schauten auf den gebundenen, verhüllten Mann auf

der Falltür und hörten auf seine Rufe. Ein jeder Ruf eine

Sekunde Lebens; wir dachten alle dasselbe – oh, tötet

ihn schnell, bringt es hinter euch, macht ein Ende mit

dieser gräßlichen Ruferei!

Plötzlich raff te sich der Gefängnisleiter zusammen. Er

warf den Kopf auf, machte eine raschen Zug mit seinem

Stock: Chalo! rief er fast wütend.

Da war ein krächzendes Geräusch, und dann Todesstille.

Der Gefangene war nicht mehr, und das Seil drehte

sich um sich selbst. Ich ließ den Hund laufen, und er

rannte sofort auf die Rückseite des Galgens. Dort blieb

er mit einem Ruck stehen, bellte und verzog sich unter

das Gestrüpp in einer Ecke des Hofes. Er schaute uns

furchterfüllt an. Wir gingen um den Galgen, um den

Körper des Gefangenen zu untersuchen. Er hing da

mit ausgestreckten Zehen, drehte sich sehr langsam,

tot wie ein Stein.

Übersetzung von M. A.

*


Lust am Leiden anderer 3. Teil Geschichte

Die beklemmendste Ausprägung menschlicher Niedrigkeit

ist wohl, wenn wir mit Jubel und Schadenfreude,

oder nur zur Unterhaltung, fremdes Leid genießen.

Wir Menschen haben Lust am Leiden anderer. Es wird

richtiger sein, uns zu dieser Erbsünde zu bekennen, als

daß wir den Splitter im Auge des anderen sehen und herausziehen

wollen (Matth. 7,3). Diese Sünde hindert uns,

an unserer eigenen Besserung zu arbeiten. Vielleicht ist

sogar die folgende Blütenlese aus Lesefrüchten auch

nicht mehr als Voyeurismus. Hauptsächlich sollen diese

und viele andere mögliche Beispiele aber doch zeigen,

was wir Menschen einander antun, und wo wir ansetzen

sollten, wenn wir das Gute wollen.

M.A.

Erhängen

Aus Pepy`s Tagebuch, 13. Oktober 1660: Ich ging nach

Charing Cross hinaus, um zu sehen, wie Gen.-Major

Harrison gehängt, geschleift und gevierteilt würde. Das

wurde da vollzogen. Er sah so fröhlich aus (cheerful), wie

man in dieser Lage nur aussehen kann. Er war gerade

(d. h. vom Galgen) abgeschnitten worden; sein Kopf

und sein Herz wurden dem Volk gezeigt, worauf große

Freudenrufe gehört wurden … So habe ich also gesehen,

wie der König (d. h. Karl I.) in White Hall enthauptet

wurde, und auch das erste Blut, welches in Vergeltung

für den King in Charing Cross fl oß. 178

*

178 Thomas Harrison war Parteigänger von Oliver Cromwell gewesen

und hatte für die Hinrichtung von König Karl I. (1649) gestimmt.

Nach der Restauration wurden die führenden Köpfe der Cromwellzeit

hingerichtet.

21. Jan. 1663.: Machte mich, nachdem ich meine

Frau zu ihrer Tante geschickt hatte, auf, um einen Platz

zu ergattern, um Turners Hinrichtung zuzuschauen

… Für einen Schilling bekam ich einen Stehplatz auf

einem Wagenrad, wo ich sehr unbequem über eine

Stunde stand, bevor die Hinrichtung vollzogen wurde.

Er (= Turner) hat die Sache durch lange Ansprachen

und Gebete, eines immer nach dem anderen, ziemlich

hingezogen, in der Hoffnung auf Begnadigung. Die

kam aber nicht; schließlich wurde er, so wie er war, von

der Leiter gestoßen. Er war ein gutaussehender Mann

und hielt sich bis zum Schluß gut. Es tat mir leid, ihn so

zu sehen. Da waren wohl an die 12–14 000 Menschen

auf der Straße.

Enthaupten

Aus Aegerter (La Vie de Saint Just, Gallimard – Paris

1929): Um 5 Uhr nachmittags besteigt Saint Just den

ersten Karren, großartig in seinem Gleichmut, in seinem

blauen, aufgeknöpften Rock über dem weißen

Vorhemd. Es sind 18 Verurteilte … zusammen mit Robespierre

und seinen drei Kollegen gepfercht auf den

Karren. Das Schafott war in Eile zum Platz der Revolution,

nahe der Freiheitsstatue, geschafft worden, auf dasselbe

Pfl aster, welches Ludwig XVI. und Danton betreten

hatten. Eine unzählige Menge säumte die Straße. Frauen

in Sommerkleidern stellten Blumen in die Fenster …

geschminkte Mädchen applaudierten dem vorüberziehenden

gespenstischen Zug … Die Karren kamen

langsam vorwärts. Der infame Carrier, der Mann der

Massenertränkungen in Nantes, der sich nun gerettet

75


3. Teil Geschichte

76

glaubte 179 , tanzte vor Freude und jubelte: A mort – aufs

Schafott mit ihnen! ... Frauen tanzten wie die Furien um

die zum Tode Geführten … Ungeheurer, frenetischer

Beifall begrüßte jeden abgeschlagenen Kopf. Jählings

befi el die Riesenmenge ein Schweigen. Saint Just stieg

die Stufen empor…mit einer roten Blume im Knopfl och.

Er starb ohne ein Wort zu sagen. Die Henkerknechte

schoben ihn, das Beil fi el. Er hat vor dem Tode nicht

gezittert, und der Henker zeigte der schweigenden

Menge ein blasses Haupt mit weit geöffneten Augen

… Die Revolution war vorbei.

Rädern und Vierteilen

Aus Hermann Kurz, Der Sonnenwirt: Mein Vater …

ist zu Alpirsbach auf dem Schwarzwald gerädert worden,

und ich hab als ein zwölfjähriger Bube hart dabei

zusehen müssen … In meinem ganzen Leben vergess’

ich’s nicht … Ich übe mein Gedächtnis, daß es mir die

Stöße des schweren, mit Blei ausgefüllten Rades und

das Krachen der Glieder immer wieder als gegenwärtig

vorstellen muß: erst den rechten Fuß und den linken

Vorderarm, dann den linken Fuß und den rechten Vorderarm,

dann den rechten Schenkel und den linken

Oberarm, dann den linken Schenkel und den rechten

Oberarm, und endlich, wenn sie’s leidlich machen, den

Gnadenstoß auf die Brust. Meinem Vater ist’s nicht so gut

geworden: lebendig haben sie ihn aufs Rad gefl ochten,

stundenlang ächzen und stöhnen lassen in der gräulichen

Marter, bis sie ihm endlich den Kopf abgeschnitten

und auf den Pfahl gesteckt haben. Und dabei haben die

Pfaffen immerfort in ihn hinein geschrieen und ihm ihre

Kreuze unter die Nase gestoßen. Das halt ich mir täglich

vor, damit mich kein dummes Mitleid übermannt …

179 Er wurde am 16. Dezember 1794 guillotiniert.

Verbrennen

Aus: Ulrich von Riechental Chronik des Konzils von

Konstanz 1414–18: In dreifachem Verhör wurde Hus

zum Widerruf aufgefordert. Hus blieb fest. Nach dem

letzten Verhör am 8. Juli 1415 wurde er verurteilt und

sofort verbrannt. (Der Vogt) rief die Ratsknechte und

den Henker herbei, damit sie ihn hinausführten, um

ihn zu verbrennen … Er trug eine weiße Bischofsmütze

auf seinem Kopf, auf der waren zwei Teufel gemalt, und

zwischen beiden stand, Heresiarcha, das heißt soviel wie

Erzbischof aller Ketzer … (Hus will beichten) … Als er

daraufhin anfangen wollte, deutsch zu predigen, wollte

das Herzog Ludwig nicht leiden und befahl, ihn zu

verbrennen. Da ergriff ihn der Henker und band ihn in

seinem Gewand an einen Pfahl. Er stellte ihn auf einen

Schemel. Legte Holz und Stroh um ihn herum, schüttete

etwas Pech hinein und brannte es an. Da begann er

gewaltig zu schreien und war bald verbrannt … Man

führte alles, was man von der Asche fand, in den Rhein.

Öffentliche Hinrichtung: Die letzte öffentliche

Hinrichtung fand 1937 in Missouri/USA vor rd. 20 0000

Zuschauern statt.

*


4. Teil Grundwerte

Die öff entliche Aufregung um die Thesen von Th. Sarrazin hat die Aufmerksamkeit auf ein Thema gelenkt, dem

alle, Regierung und Bürger, seit Jahren ängstlich ausweichen. Man will nicht sehen, was auf uns nicht zukommt,

sondern zurast. Es ist, als ob die westeuropäischen Staaten auf eine Art Wunder hoff ten, mit welchem das Problem

der schleichenden Selbstaufgabe jählings gelöst wäre.

Die unaufhaltsame Islamisierung

Europas180·

von

M. Aden

1. Ausgangspunkt

Das Christentum eroberte das Römische Reich in

dergleichen Geschwindigkeit wie heute der Islam

Deutschland und Westeuropa. Beide Prozesse weisen

große Ähnlichkeiten auf. Das aggressive Christentum

fraß sich mit derselben Sturheit durch die Institutionen

des Reiches, mit der sich auch der Islam, offenbar nicht

weniger schnell, in die höheren Lagen des Staates

durcharbeitet. Die von den antiken Christen oft nur

vorgetäuschte Verfolgungssituation 181 schuf ihnen

ein Anspruchsklima, in welchem, und zwar auf stetig

steigendem Niveau, Gleichberechtigung eingefordert

wurde. Anfangs verlangte man nur Toleranz; dann Teilhabe

an den staatlichen Ämtern, dann diese überhaupt.

Die in den meisten Fällen wohl nicht wirkliche Bedrohungslage

der Christen schweißte diese zusammen und

ließ Netzwerke und Einfl ußzonen entstehen, zu denen

Nichtchristen keinen Zugang mehr hatten.

Es ist anzunehmen, daß auch bei uns Netzwerke im

Aufbau sind, die sich aus einer gefühlten oder vorgegebenen

Verfolgungssituation speisen. Die im heutigen

Deutschland und Westeuropa von islamischer Seite erhobenen

Diskriminierungsvorwürfe halten nicht immer

der näheren Überprüfung stand. Sie werden aber, wo sie

doch einmal wahr sind, mit großem medialem Lärm aufbereitet,

oder es wird, wie im Falle Sarrazin (September

180 · Zum Thema: Aden, M., Christlicher Glaube – Kommentar zum

christlichen Glaubensbekenntnis, www.dresaden.de unter D.

181 v. Harnack, Die Mission und die Ausbreitung des Christentums,

Nachdruck der Ausgabe von 1924, S. 508: Die Christen konnten sich

dauernd als verfolgte Herde fühlen, und waren es doch in der Regel

nicht; sie konnten sich in Gedanken alle die Tugenden des Heroismus

zubilligen und wurden doch selten auf die Probe gestellt.

2010), aus unglücklichen Formulierungen eine Diskriminierungsgesinnung

der Noch-Mehrheit herausgelesen,

deren Instrumentalisierung durch die Noch-Minderheit

zu einem neuen Gleichberechtigungsschub führt. In der

Antike endete die Toleranz des Heidentums gegenüber

dem Christentum in bestürzend kurzer Zeit mit dem

brutal durchgesetzten Verbot des Heidentums durch

das siegreiche Christentum, obwohl die heidnische Religion

immer noch die der Mehrheit der Reichsbewohner

war. Das sei zur Beherzigung kurz dargestellt. Vestigia

terrent. Oder mit Worten der Bibel (Matthäus 11, 15): Wer

Ohren hat, der höre!

2. Indifferenz des Bürgertums

Im Frühjahr 2010 erschütterten Anklagen wegen

sexueller Mißbräuche die katholische Kirche. Diese

waren im Grundsatz leider oft berechtigt. Mehr als

diese Vorfälle selbst mußte aber eigentlich auffallen die

äußerst laue Solidarität anderer christlichen Kirchen mit

ihrer katholischen Mutterkirche. Bestürzend geradezu

waren die Lieblosigkeit, Häme, Hohn und Spott, womit

unsere kulturtragenden Schichten, das Bürgertum,

die ehrwürdigste Institution unseres Kulturkreises, die

katholische Kirche, überschütteten und schmähten. Der

christliche Glaube sagt den meisten nichts mehr. Noch

ehrt der Staat den hergebrachten Kult. Parlamentseröffnungen

und große Staatsakte werden mit ökumenisch

genannten Gottesdiensten, die in Wahrheit ein Hybride

aus verschiedenen Kultformen sind, eingeleitet, aber

die Mehrheit der Teilnehmer sieht sich nur noch als

Zuschauer einer nicht mehr verstandenen Zeremonie.

4. Teil Grundwerte

77


4. Teil Grundwerte

78

Der Glaube verdunstet und zieht sich in freikirchliche

Gruppierungen und Konventikel zurück.

Die kultur- und staatstragenden Schichten des spätantiken

Kulturraumes, im wesentlichen identisch mit

dem des Römischen Reiches um 250, das gebildete

Bürgertum damals, waren der überkommenen antiken

Religion ebenso entfremdet wie die bürgerlichen Kreise

heute der christlichen Religion. Die staatlichen Kulte

wurden weiter gefeiert und geachtet, aber sie trafen

auf keinen Glauben mehr. Nach beendeter Kulthandlung

schauten sich die Repräsentanten des Reiches

ebenso selbstspöttisch an, wie heute die Parlamentarier

nach beendetem „ökumenischen Gottesdienst“. Privat

bildeten sich unter Mystagogen und Sektengründern

Kleingruppen, die, wie es bei heutigen Sekten geschieht,

Elemente der heidnischen und anderer Religionen

zu oft sehr kurzlebigen neuen Formen mischten. Um

250 waren die traditionellen Formen des Götterkultes

Gegenstand der allgemeinen Mißachtung oft auch

Verachtung geworden. Statt vieler sei auf Lukian (3. Jh.)

verwiesen. Seine Göttergespräche zerreißen mit Hohn

und Spott die etwa noch verbliebene Glaubensbereitschaft

seiner Zeitgenossen. 182 Ganz ähnlich spricht eine

zunehmende Anzahl unserer Bildungseliten heute über

die Kirche, freilich, kulturell bedingt, in heutigen Formen

und Bildern. Wenn sie diese überhaupt noch wahrnimmt.

Auch Lukian hatte recht. Aber es scheint ihm nur

um die eigenen Geistreicheleien zu gehen, nicht um

die Sache selbst. So wenig wie unsere bürgerlichen

„Eliten“ heute sahen er und seine Gesinnungsgenossen

Veranlassung, das Erbe der Väter ggfs. durch Umformung

zu verteidigen und zukunftsfähig zu machen.

Das vordringende Christentum nahm man nur am

Rande wahr. Lukian kennt das zu seiner Zeit schon

ziemlich verbreitete Christentum, die Sekte der Galiläer,

anscheinend überhaupt nicht. Die der hergebrachten

Kultur daraus drohende Gefahr wurde nicht gesehen

oder dadurch heruntergespielt, daß man die Christen

zu kulturlosen Exoten erklärte. Diesen Weg scheinen

auch wir heute in bezug auf den Islam zu gehen. Als

exotische Erscheinung blieb dieser bis vor kurzem unterhalb

der Wahrnehmungsschwelle: Seine aus unserer

Sicht manchmal merkwürdigen Gebräuche erzeugten

Kopfschütteln – und Wegschauen. Der (freilich fern

der „besseren“ Wohnlagen sich vollziehende) Bevölkerungsaustausch

in ganzen Stadtbezirken wird kaum,

die allmähliche religiöse oder kulturelle Überfremdung

immer noch nicht wahrgenommen. Erst der Bau größerer

Moscheen weckte weitere Kreise auf. Ob freilich zu

religiösem Eifer, stehe dahin. In der Antike endete diese

Haltung mit dem Untergang der alten Religion und dem

Ende des sie tragenden Staates eine Generation später.

Für die christliche Religion ist ein ähnliches Ende zu

befürchten, was dann auch die Frage nach der Zukunft

unseres Staates eröffnet.

182 Lukian, Sämtliche Werke – Übersetzt von Christoph Martin Wieland,

Hrg. H. Floerke, 1911. Vielleicht kann man Lukian in seiner

Kritik der heidnischen „Theologie“ mit David Friedrich Strauß

vergleichen und der von ihm angestoßenen radikalen Kritik.

3. Kampf gegen die neue Religion

Der staatliche Widerstand gegen das Vordringen

der Christen setzte in Rom erst spät ein. Schon Gibbon

legt dar, daß die Kirche die Verfolgungen, denen ihre

Religion bis zum endlichen Sieg ausgesetzt gewesen

war, sehr übertrieben habe. Noch die heutige Kirche

rühmt sich dieser Verfolgungen. Tatsächlich waren die

Christenverfolgungen im Römischen Reich bis etwa

um 250 nicht allzu schlimm. Christen aus dem mittleren

Bürgerstand blieben im ganzen unbehelligt. Die Zahl der

Märtyrer war klein und leicht zu zählen. 183 Erst zwischen

249 und 258 kommt es zu ernst gemeinten und strategisch

geplanten Verfolgungen unter den Kaisern Decius

und Valerian. Dann ging 303 unter Diokletian (284–305)

noch einmal eine heftige Verfolgungswelle über das

Reich. Das war es dann auch schon. Auch die Gebildeten

befaßten sich erst spät mit der Sekte der Galiläer, wie

sie zumeist noch hieß. Celsus (Ende 2. Jhdt.) wollte sie

geistig überwinden. Er ist nur indirekt bekannt durch

die Gegenschrift des Origines. Der ernsthafteste und

intellektuell redlichste Kämpfer gegen die neue Religion

war Porphyrios (234 bis ca. 300). 184 Aber v. Harnack stellt

fest: (Zwar ist) Porphyrios auch heute noch nicht widerlegt

… Aber die Religion der Kirche war schon Weltreligion

geworden; solche Weltreligionen vermag kein Professor

mit Erfolg zu bekämpfen.

Es zeigt sich also, daß Staat und staatstragende

Schichten die schleichende Umwertung ihrer Religion

und Kultur anfangs gar nicht zur Kenntnis nahmen oder

nehmen wollten. Als man sich endlich zur Gegenwehr

aufraffte, war die Entscheidung, ohne daß es noch

jemand wußte, zugunsten des Christentums schon

gefallen.

4. Kampf für die alte Religion: Antike

Einer Neuerung kann auch dadurch entgegengetreten

werden, daß man das gefährdete Alte stärkt.

Das ist gewiß eine edlere Form des Widerstandes als

blutige Verfolgungen auszurufen oder in unseren Tagen

mit Aufmärschen gegen den Bau von Moscheen

zu polemisieren, welche, wenn wir ehrlich sind, nicht

schlechter in unsere Städtebilder passen als in Berlin

die Große Synagoge oder auch der Dom. 185 Diesen

Weg ging ein Schüler des Porphyrios, Jamblichos (ca.

250–330). Nicht Bekämpfung der neuen christlichen

Religion war sein Ziel, sondern eine Neubestimmung

der von uns „heidnisch“ genannten antiken Religion. 186

Jamblichos gab nicht nur dem griechischen Glauben eine

neue theoretische Begründung … er schuf auch eine ver-

183 v. Harnack , FN 1, S. 504

184 Vgl. die ausführliche Würdigung durch v. Harnack, a. a. O., S. 520f.

185 Hierzu vgl. www.dresaden.de E 1 Nr. 195

186 Jamblich – Pythagoras,Wbg. 2002, Reihe SAPERE; Vgl. Dillon,

John, S. 295 f.: Vita Pythagorica – ein Evangelium, ähnlich dem

des Johannes.


tiefte religiöse Praxis dadurch, daß er durch Gebet, Opfer,

Kultus … verinnerlichte und sie als symbolischen Ausdruck

seelischer Vorgänge betrachtete. 187 Das zeigt neben anderen

Schriften dieses Mannes seine Vita Pythagorica,

das Leben des Pythagoras. Diese wurde wie schon seine

Schrift über Plotin in unseren Tagen ein antichristliches

Evangelium genannt. Dillon nennt die Vita Pythagorica

ein Evangelium nach Art des Johannesevangeliums,

in welchem der Anspruch des Pythagoras bzw. seiner

Schüler unterstrichen werde, ein griechisch-heidnisches

Gegengewicht zu Jesus, eigentlich sogar sein Vorbild

und Vorläufer, zu sein.

Die auf Platon und letztlich Pythagoras (ca. 570–497)

gestützte Religion der Spätantike 188 ist ein Beispiel für

den geistigen Kampf. Auch Jamblichos lehrte in der

Tradition des Pythagoras und Platon die Erlösung des

Menschen. 189 Die komplizierten Lehrgebäude und

schwierigen Praktiken der antiken Religionen oder

Konfessionen stießen den nicht Eingeweihten zurück.

Jamblichos schreibt in seinem Leben des Pythagoras

(29,157): Von dem, was der menschlichen Erkenntnis

überhaupt zugänglich ist, gibt es nichts, was in den Schriften

des Pythagoras nicht erschöpfend dargelegt ist …

Pythagoras war in allen zu Genüge in jeder Wissenschaft

erfahren (ÜvV). Hieraus ergeben sich mystische Weiterungen

merkwürdigster Art. Lehren mit immer feineren

Vorschriften und eine Kosmologie, die dem Gläubigen

am Ende zumutete, das Weltganze als Konstrukt aus

183 Welten zu verstehen usw.

Die von Jamblichos und ein wenig später von Kaiser

Julian (362–365) und anderen unternommenen

Versuche, die antike Religion geistlich aufzufrischen

und wieder aufzurichten, waren ehrenwert, aber vergeblich.

Was Pythagoras gelehrt haben mochte, oder

was immer von den antiken Göttern zu erwarten war

– all das war ebenso umgreifend in Christus als Person

beschlossen (1. Kolosserbrief 1,16/17). Der Christ mußte

keine besondere Lehren oder Sitten befolgen, sondern

nur an Christus als den Erlöser glauben; vgl. Apg. 2,38.

Das Christentum war einfacher und versprach ebenso

viel, ja unendlich viel mehr, indem es gegen den Spott

der Intellektuellen ganz kompromißlos die leibliche

Auferstehung eines jeden im Glauben an Christus

Verstorbenen predigte. Diese klare Einfachheit war

vermutlich der entscheidende Wettbewerbsvorteil der

neuen Religion gegenüber den Konkurrentinnen, welche,

wie die Pythagoräer, statt leiblicher Auferstehung

eine umständliche Reinkarnationslehre nach Art des

Buddhismus lehrten.

187 RGG 2. Aufl . 1929 Jamblichos

188 Zu dieser „hellenistischen Mischreligion“ vgl. Aden, Apostolisches

Gaubensbekenntnis, www.dresaden.de S. 81

189 Lurje, M in Jamblich FN 4, S. 225: Philosophie des Pythagoras als

Erlösungslehre.

5. Kampf für die alte Religion: heute

Die Aufgabe der christlichen Religion in allen ihren

Ausprägungen wäre es heute, sich dem Islam geistlich

und theologisch zu stellen und neuen Glauben zu

entfachen.

Als im 7. Jahrhundert der Islam auftrat, war das

Christentum zu einer lehrhaft verfestigten Schrift- und

Gelehrtenreligion geworden. Seither trifft der Wettbewerbsvorteil

der Einfachheit auf den Islam zu. Heute ist

es der Islam, der gegen den Spott der anderen kompromißlos

die leibliche Auferstehung des Frommen in

Aussicht stellt, während die christlichen Kirchen sich

bei dieser Frage in wolkigen Ausfl üchten verlieren und

in Wahrheit nicht mehr wissen, was sie dem frommen

Christen jenseits des Grabes versprechen sollen. 190

Gegenüber dem Islam hat das Christentum seit

dessen Auftreten stets und ständig Anhänger verloren.

Es ist umgekehrt bis heute niemals vorgekommen, daß

das Christentum zu Lasten des Islam in größerer Zahl

Anhänger gewinnen konnte. Die christliche Botschaft

konnte sich in ihren Ursprungsländern im östlichen

Mittelmeer nicht halten und verlor diese an den Islam,

heute stößt sie auch in ihren europäischen Kernländern

auf immer größere Verständnisschwierigkeiten. Sie ist

von mythischen Bildern durchsetzt wie Erbsünde, Erlösung

von Schuld, Opfer des Gerechten am Kreuz für

die sündige Menschheit, leibhaftige Auferstehung von

den Toten usw., welche selbst Kirchenobere kaum mehr

verstehen. Der Islam ist dagegen ungeheuer einfach!

Viel einfacher als das christliche Glaubensbekenntnis!

Viele Deutsche sind Muslime geworden, weil sie das

Christentum nicht verstehen.

Es wäre aber billig, den Islam nur als einfach hinzustellen!

Der Islam kann einen ungeheuren Reichtum

entfalten. Christen müssen sich fragen, ob ihre Religion

dieselben Höhen und Tiefen erschließt. Das Christentum

steht in Gefahr, gegenüber dem Islam abzufallen. Es

mutet dem Anfänger zu viel Gedankenarbeit zu und

gibt dem fortgeschrittenen Suchenden zu wenig Raum

für seelische Erhebung. Jeder Christ müßte dem zweiten

Satzteil widersprechen. Der Verfasser nimmt ihn auch

sofort zurück, freilich mit der Maßgabe: Das Christentum

in seinen kirchlich verlautbarten Formen spricht die

Herzen nur noch selten an. Wenn sich das nicht ändert,

wird es dem Ansturm des Islam erliegen.

6. Beschleunigung gesellschaftlicher

Veränderungen

Gesellschaftliche Veränderungen geschehen nicht

plötzlich, sondern als dynamische Vorgänge in der Zeit.

Sie benötigen vom Beginn bis zur allgemeinen Anerkennung

einen gewissen Vollzugszeitraum. Die Dauer

190 Aden , Apostolisches Glaubensbekenntnis, www.dresaden.de,

S. 258 ff .

4. Teil Grundwerte

79


4. Teil Grundwerte

80

des Vollzugszeitraums ist von vielen, im einzelnen kaum

benennbaren Umständen abhängig. Gesamtgeschichtlich

kann aber ein Akzelerationsgesetz festgestellt

werden, welches wohl hauptsächlich auf der ständigen

Beschleunigung der Informationsübertragung beruht.

Sucht man miteinander vergleichbare Neuerungen

damals und heute auf und ermittelt den damals und

heute erforderlichen Vollzugszeitraum, so ist er früher

in der Regel deutlich länger als heute. Man könnte sogar

versuchen, einen Akzelerationsfaktor zu errechnen, um

welchen heutige Vollzugszeiträume schneller ablaufen

als damals. Es soll aber hier keiner Mathematisierung

geschichtlicher Verläufe das Wort geredet werden, welche

in falscher Sicherheit Vorhersagen träfe. Wohl aber

folgendes: Vergleichbare Vorgänge geschehen heute

gegenüber der Antike in stark, vielleicht bis um das

Zehnfache, verkürzten Vollzugszeiträumen. Das, was

auf uns zukommt, wird also nicht in fernen Jahrzehnten

geschehen, sondern wahrscheinlich bald. Wenn noch

gehandelt werden soll, dann rasch!

7. Vergleichende Chronologie

Christentum damals/Islam heute

Etwa um das Jahr 50 verschwindet der Völkerapostel

Paulus. Seine Saat ging auf. Das Christentum begann,

sich in der antiken Welt auszubreiten. Dieses Jahr kann

man als Beginn der christlichen Religion ansetzen. Im

Jahre 303 wurden Christen letztmalig verfolgt. Dann

gelang ihm der Durchbruch zur praktisch herrschenden

Religion (311: Toleranzedikt des Galerius). Um 400

war die Sekte der Galiläer stark genug geworden, die

Konkurrenzreligion verbieten zu lassen (392 Verbot der

heidnischen Kulte). Der Zeitraum vom ersten Auftreten

des Christentums bis zum Verbot der heidnischen Kulte

durch das Christentum betrug ziemlich genau 350 Jahre.

Für den heutigen westeuropäischen Christen stellt

sich die Frage, wie lange es dauern wird, bis der Islam

in Westeuropa in der Lage sein wird, die aus seiner Sicht

heidnischen Kulte, also das Christentum, zu verbieten,

wie er es in den Ländern seiner Dominanz heute tut.

Alles kann nur Spekulation sein. Diese kann aber vielleicht

doch wie folgt etwas eingegrenzt werden. Das

vermutlich als Siegeszug endende Vordringen des

Islam begann bei uns um 1970, als die ersten Türken

kamen. Etwa ab 1990 begannen kritische Stimmen zu

fragen, was denn angesichts der türkischen Einwanderung

nach Deutschland eigentlich vor sich gehe. Ab

etwa 2000 ist diese Stimmung in Westeuropa ziemlich

allgemein geworden. Es kam zu ersten Widerstandshandlungen

der Bevölkerung gegen Moscheebauten

und Islamisierung. Wer will, kann diese Erscheinungen

mit den Christenverfolgungen in Rom parallelisieren.

Heute werden diese Gegenkräfte von den (noch

christlichen) Behörden mit allem rechtlichen und

ideologischen Aufwand unterdrückt. Die im April 2010

durch einen CDU-Ministerpräsidenten vollzogene Er-

nennung einer muslimischen Ministerin ist eindeutiges

Zeichen dafür, daß die Anerkennung des Islam als dem

Christentum gleichrangige Religion praktisch vollzogen

ist. Derselbe Ministerpräsident hat, nun als Bundespräsident,

den Islam als dem Christentum praktisch

gleichrangige Religion in Deutschland bezeichnet. Die

Diskussion um islamisch-theologische Fakultäten wird

an unseren Universitäten erst seit etwa 2005 ernsthaft

geführt. Im Oktober 2010 verlautete bereits, daß an drei

Standorten solche Fakultäten eingerichtet werden sollen.

Ausgerechnet Tübingen, eine der Hauptstätten der

deutschen theologischen Wissenschaft, gehört dazu.

Bei diesen wird es nicht bleiben. Die christlichen theologischen

Fakultäten bluten mangels Studenten und des

qualifi zierten wissenschaftlichen Nachwuchses immer

mehr aus. In zehn bis fünfzehn Jahren werden diese

weitgehend funktionslos geworden sein. Man wird –

diese Voraussage sei gewagt – erst christlich-islamische

Simultanfakultäten schaff en, die dann wegen des viel

größeren Zulaufs von Imamschülern immer mehr zu

muslimischen Fakultäten werden. Der Islam steht in

Deutschland also heute dort, wo das Christentum 311

mit dem Toleranzedikt des Galerius stand. Dafür brauchte

die christliche Religion rund 250 Jahre; der Islam in

Deutschland aber kaum 40 Jahre.

8. Verbot des Christentums in

Westeuropa?

Es ist heute nicht mehr befremdlich, über ein Ende

des Christentums in Deutschland und Westeuropa

nachzudenken. Als noch nicht öff entlich gedacht, wird

man aber den Gedanken zurückweisen, die christliche

Religion werde einmal bei uns verboten werden. Absurd,

darüber zu spekulieren, wann das der Fall sein

könnte. Es sei hier doch gewagt: In 25 Jahren wird

es keine christlich-theologischen Fakultäten mehr an

unseren Hochschulen geben, wohl aber islamische.

Das Christentum wird dann noch nicht durch Gesetz

verboten sein, wohl aber derartig marginalisiert sein,

daß es politisch unkorrekt sein wird, im öff entlichen

Diskurs christliches Gedankengut zu zitieren.

Das muß auf den unvorbereiteten Leser wie eine verstiegene

Panikmache wirken. Aber die Geschichte hat

keine Sympathie mit Verlierern. Im Weihnachtsgottesdienst

im Breslauer Dom 1944 kam auch wohl niemand

auf den Gedanken, daß dieses der letzte deutschsprachige

Weihnachtsgottesdienst in dieser Kirche sei, und

daß der Gebrauch der deutschen Sprache in dieser

rein deutschen Stadt einmal verboten sein werde. Es

geschah doch, und zwar ein halbes Jahr später.

Das Christentum im späten Rom brauchte nach

seiner förmlichen Gleichberechtigung im Jahre 311

mit dem Heidentum weitere 80 Jahre, bis es den Spieß

umdrehen und nun die heidnische Religion verfolgen

und schließlich förmlich verbieten konnte (392: Widerruf

des Toleranzediktes und Verbot der heidnischen Kulte).


Verteidigungsschriften zugunsten des Heidentums

wurden öffentlich verbrannt, auch wenn sie von einem

Kaiser stammten. 191 Setzt man einen Akzelerationsfaktor

von etwa 6, dann entsprächen diesen 80 Jahren in der

Antike heute etwa 15 Jahre. Der Islam wäre also etwa

2025 stark genug, in Deutschland das zu tun, was er in

den Ländern seiner bereits bestehenden Dominanz in

oft sehr brutaler, sogar tödlicher Weise tut, nämlich die

christliche Kirche und die Christen zu entrechten und

zu verfolgen.

Es wird hier nicht gesagt, daß es so kommen muß.

Es wird auch nicht gesagt, daß irgend jemand im

islamischen Bereich heute Gedanken hegt, wie hier

beschrieben. Es wird freilich auch nicht gesagt, daß

dieser Gedanke den führenden Muslimen fern liege.

Muslime, die der Verfasser auf Reisen und auch hier

kennengelernt hat, sind oft fromme Menschen. Viele

von ihnen weisen den Gedanken zurück, bei uns eine

religiöse Dominanz des Islam errichten zu wollen. Es

sei ihnen geglaubt. Aber auch die christlich-frommen

ersten Einwanderer nach Nordamerika, die Pilgerväter,

dachten nicht entfernt daran, die ihnen freundlich

entgegenkommende Urbevölkerung zu vernichten. Es

geschah dann doch – irgendwie.

Ergebnis

Um 350 stand das Reich unter seinem jungen Kaiser

Julian wieder einmal an allen Fronten siegreich da. Wer

hätte denken können, daß das Palladium des Staates

und seiner Macht, die Göttin Victoria, schon binnen

einer Generation geschändet und entehrt sein würde?

Mit Rührung und Mitgefühl verfolgen wir das Aufbäumen

der alttreuen Anhänger der antiken Religion

gegen die Unduldsamkeit der Christen. Die Tränen der

Verzweifl ung, welche die letzte Vestalin über den an

ihr begangenen Religionsfrevel der Christen vergoß,

empfi nden wir noch. 192 Mit Beklemmung folgen wir

Symmachus an den Kaiserhof, wo er 384 im Auftrage

des römischen Senats Kaiser Gratian fl ehentlich bat, den

Altar der Victoria wieder aufrichten zu dürfen. Symmachus

legt dieser Göttin die beschwörenden Worte an

den Kaiser in den Mund: Diese Religion hat die Welt unter

meine Gesetze getan. Dieser Kult hat Hannibal von Rom

und Kelten vom Kapitol vertrieben. 193 Umsonst. So kann

es auch einmal den Kreuzen und Kruzifi xen in unseren

Domen und Kathedralen ergehen! Und so ist es auch

bereits passiert. Die älteste und ehrwürdigste Kirche

der Christenheit, die Hagia Sophia in Konstantinopel

ist seit 1453 ihrer christlichen Zeichen entkleidet und

zur Moschee geworden. So wird es wohl kommen. Die

meisten der heute lebenden Deutschen werden es noch

191 Z. B. Kaiser Julians Schrift gegen die Galiläer

192 Gregorovius, F., Geschichte der Stadt Rom, Buch 1. Nr. 2

193 Gibbon, E. History of the Decline and Fall of the Roman Empire,

London 1813, VI, S. 96 f.

erleben, daß im Kölner Dom muslimische Gottesdienste

gefeiert werden,

Wahrscheinlich ist es schon zu spät, das Christentum

in Deutschland zu retten.

M. A.

Stand: 17. 10. 2010

*

Papst Benedikt XVI. hat auf seiner Englandreise im

September 2010 einen Vorschlag gemacht, der auf eine

Doppelmitgliedschaft zwischen der anglikanischen und

katholischen Kirche zielt. In diesem Vorschlag habe ich

Gedanken wiedergefunden, welche ich als Privatmann

Papst Benedikt in einem Brief v. 15. Mai 2006 vorgetragen

habe. Mir liegt ein Antwortschreiben seines Büros

vor. Vielleicht ist der Zeitpunk gekommen, diese Gedanken

öff entlich zu machen. Der geistliche Zustand des

Protestantismus, nicht nur der anglikanischen Staatskirche,

ist von der Art, daß das Erbe Luthers bei den in

der EKD verbundenen Landeskirchen weniger gut als

in einer christlichen Weltkirche aufgehoben scheint.

Der Brief, der hier zur Diskussion gestellt wird, lautet:

Seiner Heiligkeit

Papst Benedikt XVI.

V a t i k a n

15. Mai 2006

500. Jahrestag der Reformation im Jahre 2017

Euer Heiligkeit!

Im Jahre 2017 wird sich die von Martin Luther ausgelöste

Reformation zum 500. Male jähren. Dieses herausragende

Datum ist geeignet, um mit einem kühnen Schritt

die seither getrennten Teile der abendländischen Kirche

zusammenzuführen. Hierzu erlaube ich mir folgende

Überlegung:

1. Martin Luther wird anlässlich des 500. Jahrestages

der Reformation heiliggesprochen.

2. Die katholische Kirche verlautbart anlässlich

dieses Jahrestages einseitig eine Erledigungserklärung

betreffend der Gründe, welche zur

Kirchenspaltung geführt haben. Getaufte evangelische

Christen gelten hinfort als katholisch,

wenn sie nicht je für ihre Person widersprechen.

Die einzuleitenden Schritte brauchen einen längeren

Vorlauf. Es gibt viele schwierige, aber wohl nicht unlösbare,

theologische und rechtliche Fragen. Es besteht daher

schon heute Handlungsbedarf, wenn der Gedanke verfolgt

werden soll.

Zu 1: Heiligsprechung Martin Luthers.

a. Luther wurde als Mitglied der einen Kirche geboren

und getauft. Die längste und geistlich wirksamste Zeit

4. Teil Grundwerte

81


4. Teil Grundwerte

82

seines Lebens war Luther Mitglied der katholischen Kirche.

Es ist wohl nicht einmal sicher, ob er in einem förmlichen

Sinne jemals aufgehört hat, es zu sein. Die geltend gemachten

Trennpunkte zwischen den evangelischen Kirchen und

der Römischen Kirche sind dem christlichen Laien, gleich

ob evangelisch oder katholisch, kaum nachvollziehbar.

In der evangelischen Predigt spielen diese heute keinerlei

Rolle. Die Wiedereingliederung Luthers in die Weltkirche

als Heiliger entzöge den protestantischen Konfessionen

und Glaubensgruppen die vielleicht wichtigste Geschäftsgrundlage

für ihren Sonderweg.

b. Die geistlichen Leistungen Luthers waren und sind für

die katholische Kirche als in dem Maße herausragend, daß

– wäre es nicht zur Kirchenspaltung gekommen – Luther

nach den einschlägigen Vorschriften für eine Heiligsprechung

ohne weiteres in Betracht käme. Das bis heute die

katholische Kirche prägende Trienter Reformkonzil war,

wenn zwar nicht Luthers bewusstes Werk, so doch dessen

unmittelbare Folge. Der Vorwurf gegen Luther, die Kirchenspaltung

herbeigeführt, jedenfalls in Kauf genommen zu

haben, hat Gewicht. Die Kirchenspaltung war aber nach

heute wohl einhelliger Ansicht auch Folge eines falschen

Verhaltens der Kurie. Luther hat die Spaltung nicht betrieben,

sondern von seinem Standpunkt aus als das geringere

Übel hingenommen.

2. Erledigungserklärung

a. Die katholische Kirche stellt lehramtlich fest, daß es

keinen theologischen Grund gebe, welcher die Fortdauer

der Kirchenspaltung rechtfertige. Getaufte evangelische

Christen können daher ohne Änderung ihres Glaubensstandes

Glieder der katholischen Weltkirche sein. Die fortdauernde

Spaltung gefährdet aber die Kirche Jesu Christi

in der Welt. Sie ist auch in der Mission kontraproduktiv.

Die Römische Kirche würde durch einen solchen Schritt

alle Getauften als Angehörige der einen katholischen

Kirche anerkennen. Katholisch ist danach, ohne weitere

Formalitäten, ipso iure, wer christlich getauft ist.

b. Es wird angeregt, den Mitgliedern evangelischer

Kirchen (ausgenommen die gemäß näherer Defi nition

als Sekten anzusehenden Gruppen) die Doppelmitgliedschaft

mit der katholischen Kirche zuzuerkennen. Diese

Christen werden damit katholisch, ohne konvertieren zu

müssen. Diese können aber durch schlichte Mitteilung an

die zuständige katholische Stelle die Doppelmitgliedschaft

zurückweisen.

Erwartete Folge: Die Hemmungen, die Konfession, in

welcher man geboren ist, zu verlassen, würden weichen.

Die evangelische Kirche würde einer sehr heiklen Darlegungs-

und Beweislast unterworfen werden. Sie müsste

ihren Mitgliedern darlegen, was das evangelische proprium

sei, und warum dieses mit einer Doppelmitgliedschaft

in der katholischen Kirche unvereinbar sei. Die geistliche

Substanz der evangelischen Seite ist oft sehr ausgedünnt.

Es ist daher anzunehmen, daß das Stadium der Doppelmitgliedschaft

nach ein, zwei Generationen überwunden

sein wird. Es wird nur noch eine Kirchenmitgliedschaft, die

katholische, geben.

c. Die Doppelmitgliedschaft ist mit keinen zusätzlichen

Pfl ichten verbunden. Die Kirchensteuer fl ießt weiterhin an

die Erstkirche. Das Doppelmitglied hätte aber das Recht,

durch einfache schriftliche Erklärung seine Mitgliedschaft

in der evangelischen Kirche zugunsten seiner Mitgliedschaft

in der katholischen zu beenden.

Ich bin Lutheraner wie meine Vorfahren seit jeher. Treue

zu diesen würde mich wie viele meinesgleichen immer

hindern zu konvertieren. Dinge, welche ich in meiner Kirche

beobachte, sind nicht sehr ermutigend. Aufenthalte

im auch außereuropäischen Ausland lassen mich fragen,

ob wir Christen je an unserer Stelle genug tun, um das

Eigentliche der christlichen Botschaft zu formulieren und

in der Welt zu vertreten. Sie wollen mir daher die Kühnheit,

Ihnen den obigen Gedanken nahezubringen, verzeihen.

*


Wiedervereinigung

der christlichen Kirchen?

von

Hinrich E. Bues, Hamburg

Der historische Staatsbesuch von Papst Benedikt

XVI. in Großbritannien im September 2010 könnte ein

neues Kapitel für die Christenheit aufgeschlagen haben.

Feindselige und aggressive Stimmen schlugen dem Besucher

aus Rom zunächst entgegen. Während des viertägigen

Besuches wandelte sich freilich die Stimmung

vollständig. Historisch ist dieser Staatsbesuch nicht nur

deswegen zu nennen, weil noch nie ein Papst in offi zieller

Mission auf den britischen Inseln war, sondern auch

auf Grund der besonderen Situation der anglikanischen

Staatskirche. Sie verdankt ihre Gründung einer in der

Kirchengeschichte einzigartigen Gewalttätigkeit durch

König Heinrich VIII. im Jahr 1534, der die Schwäche der

katholischen Kirche infolge der lutherischen Reformation

nutzte und sich zum Oberhaupt der Kirche seines

Landes machte.

Die auf königlichem Machtmissbrauch aufgebaute

Kirche ist heute geistlich offenbar ausgezehrt und

auch organisatorisch ihrer Aufl ösung nahe. Zum einen

verliert die ehemalige „Church of England“ in dramatischem

Ausmaß Mitglieder und Pastoren an Freikirchen

oder die katholische Kirche und krankt zum anderen

an innerer Zustimmung ihrer noch verbleibenden Mitglieder.

Zudem ist die anglikanische Weltgemeinschaft

innerlich tief gespalten. In Amerika und Australien bereiten

sich ganze Gemeinden und Teilkirchen auf einen

Übertritt in die katholische Kirche vor.

Auf dieser Grundlage ist der Vorstoß von Papst

Benedikt zu sehen. In der Konstitution „Anglicanorum

Coetibus“ vom Dezember 2009 besteht nun für Anglikaner

eine völlig neue Möglichkeit des Übertritts zur

katholischen Kirche. Es wird nicht mehr die Absage an

die bisherige Glaubenspraxis gefordert, sondern nur

noch die Anerkennung des katholischen Katechismus

(KKK) sowie des Papstes. So leuchtet am Horizont – 470

Jahre nach der Spaltung der Christenheit durch die

Reformation – eine neue und von vielen unerwartete

Möglichkeit der Kircheneinheit auf.

Ganz in dieser Linie liegt eine zweite Entscheidung

des römischen Gastes, die Seligsprechung von John

Henry Kardinal Newman (1801-1890). Bei diesem Mann

handelt es sich um den berühmtesten und anerkanntesten

Theologen des Anglikanismus im 19. Jahrhundert.

Er trat 1845 zur katholischen Kirche über und wurde

1879 zum Kardinal ernannt. 120 Jahre nach seinem Tod

erfolgte nun am 19. September seine Erhebung zur Ehre

der Altäre, was Benedikt klugerweise als „Zeichen der

Versöhnung“ mit der Anglikanischen Kirche deutete. So

fühlten sich bei der Seligsprechungsfeier in Birmingham

am 19. September nicht nur 55.000 katholische Gläubige,

sondern auch eine Reihe anglikanischer Bischöfe

und Pastoren willkommen.

Insgesamt zeigt die Entwicklung der Kirche in

England viele Parallelen zur deutschen Situation. Die

Aufl ösungsescheinungen in den den deutschen evangelischen

Landeskirchen sind wie in England Folge

einer geistlichen Auszehrung sowie völlig überholter

Srukturen, welche auf der territorialen Einteilung des

Deutschen reiches vor 1806 zurückgehen.

Vor 60 Jahren bezeichneten sich noch 42,2 Millionen

als evangelisch, heute noch 24,5 Millionen. Der Mitgliederrückgang

einer jahrhundertealten Institution

um über 42 Prozent in diesem relativ kurzen Zeitraum

ist einzigartig. Ähnliche Zerreißproben wie in England

4. Teil Grundwerte

83


4. Teil Grundwerte

84

sind auf theologischem Gebiet auch in Deutschland zu

beobachten. Die katholische Kirche hat demgegenüber

im gleichen Zeitraum ihre Mitgliederzahl seit 1950 von

23,2 auf 24,9 Millionen Mitglieder steigern können, ein

Plus von 7,3 Prozent.

Will sich das Christentum gegen den andrängenden

Islam halten, ist eine Vereinigung der Kirche dan das

Gebot der Stunde.

*

Mohammed u. George Washington: Mohammed, der

nicht nur den Islam, sondern auch das arabische Großreich

gründete, und George Washington, der Gründer

der USA, hatten Gemeinsamkeiten, die jeweils für ihre

Karriere ausschlaggebend waren. Beide

• stammten aus besseren, aber veramten Familien;

• heirateten im etwa gleichen Alter von rd. 25 Jahren

Witwen, die älter als sie und sehr reich waren.

Die Heirat mit Khadija erlaubte Mohammed die

Muße, seinen religiösen Eingebungen nachzugehen.

Washington wurde durch seine Frau zu

einem der reichsten Landbesitzer in Virginia, was

ihm erlaubte, ab 1774 politisch tätig zu werden;

• hatten einen starken Hang zu Frauen, aber keine

Kinder. Washington hatte einige illegitime Kinder

mit seinen Negersklavinnen; Mohammed hatte

zwar mehrere Kinder, von denen aber nur eine

Tochter, Fatima, überlebte;

• besaßen große Beredsamkeit;

• verdankten ihren epochalen Aufstieg ihren militärischen

Leistungen, die sie zu Gründern jeweils

ihrer Staaten machten.

*


Gewissen und Verantwortung

Zum Gewissen gehört die zuverlässige Information

Grundwerte

Von

Teil

Pater Lothar Groppe SJ 4.

Fragestellung

Artikel 4 (3) des Grundgesetzes bestimmt: „Niemand

darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der

Waff e gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

Der Text geht off enbar davon aus, daß jedermann

hinlänglich bekannt ist, was Gewissensgründe

und letztlich das Gewissen sind. Im täglichen Umgang

sprechen wir ja von gewissenhaften und gewissenlosen

Menschen. Angesichts ständig steigender Zahlen

von Kriminaldelikten hat man bisweilen den Eindruck,

es werde heutzutage ein wenig häufi g vom Gewissen

gesprochen. „Wer allzu leicht das Gewissen im Munde

führt, macht sich ähnlich verdächtig wie derjenige, der

den heiligen Namen Gottes ins Gewöhnliche herabzerrt

und damit Götzen- statt Gottesdienst treibt“, schrieb

der damalige Kardinal Ratzinger bereits 1972 194 . Der

Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen,

der glaubt, den Dienst mit der Waffe nicht leisten

zu dürfen, ohne per sönlich schuldig zu werden,

kann sich dennoch zu Recht auf das Grundgesetz

berufen.

Als seinerzeit im Parlamentarischen Rat vor der Gründung

der Bundesrepublik Deutschland über die Frage

einer Kriegsdienst verweigerung aus Gewissensgründen

beraten wurde, warnte der spätere Bundespräsident

Theodor Heuß entschieden davor, diesen Artikel in

das Grundgesetz aufzunehmen, da es zu einem ungeheuren

Gewissensverschleiß kommen werde. Dabei

war Professor Heuß alles andere als militärfromm. Die

194 Internationale katholische Zeitschrift 1 (1972), S. 435.

Folgezeit sollte seine Befürchtungen nur allzu sehr

bestätigen. Steigende Zahlen von Wehrdienstverweigerern

rechtfertigen noch nicht ohne weiteres den Schluß,

die allgemeine Gewissenhaftigkeit habe erfreuliche

Fortschritte gemacht. Nicht selten kann man sich des

Eindrucks nicht erwehren, die Anträge auf Befreiung

vom Wehrdienst könnten eher aus „gewissen“ als Gewissensgründen

gestellt worden sein.

Dem Seelsorger fällt immer wieder auf, daß echte

Gewissens bildung nicht eben häufi g anzutreff en ist.

Den Grund hierfür gab der Salzburger Pastoraltheologe

Professor Dr. Gottfried Griesl auf der XXIII. Internationalen

Pädagogischen Werktagung 1974 an. Er machte

darauf aufmerksam, daß die Frage der Gewissensbildung

von der wissenschaftlichen Pädagogik sehr

stiefmütterlich behandelt werde. „Das Abschieben der

Aufgabe der Gewissensbildung an den Pfarrer dürfte

das öff entliche Fehlurteil verstärken, daß Gewissen

nichts mit Wissen, sondern nur etwas mit glauben zu

tun habe.“ Jedoch sei an der Gewissensfunktion die

ganze Persönlichkeit mit Er kenntnis, Wertgefühl und

tätiger Selbsterfahrung beteiligt.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen ein wenig

zur Er hellung des Spannungsfeldes „Gewissen und

Verantwortung“ beitragen.

85


4. Teil Grundwerte

86

Der Begriff des Gewissens

Was ist denn eigentlich das Gewissen? Ist es eine

oder gar die höchste Berufungsinstanz im Bereich

menschlicher Entschei dungen? Aber wenn dem so ist,

wie kommt es dann, daß Menschen mit voneinander

abweichenden oder gar einander widersprechenden

sittlichen Urteilen sich darauf berufen können? Hat

jeder Mensch ein eigenes Gewissen? Gibt es eine

gemeinsame Basis für das Gewissen? Wenn wir den

Begriff des Gewissens untersuchen, so unterscheiden

wir zweierlei verschie dene Rücksichten: Im weiteren

Sinn bedeutet Gewissen die Fähigkeit des menschlichen

Geistes zur Erkenntnis der sittlichen Werte, Normen,

Gebote und Verbote (Synderesis). Es ist dies die Gewissensanlage.

Wir fi nden hierfür einen Hinweis im 1. Buch

der Könige 3,9 – der Bitte Salomons an Gott: „Schenke

also deinem Knecht ein gehorsames Herz, damit er

dein Volk regieren und zwischen Gut und Böse unterscheiden

könne.“ Interessant ist, daß der atheistische

tschechische Philosoph Milan Machovec, der öfter Gast

bei wissenschaftlichen Veranstaltun gen im Westen war,

sich verblüff end ähnlich äußert: Die „Beurteilung der

menschlichen Angelegenheiten vom Gesichts punkt

der Unterscheidung des Guten vom Bösen“ leistet das

Gewissen – und vermittelt „das Bewußtsein der Verantwortung

einem anderen Menschen gegenüber“ 195 .

Im engeren Sinn verstehen wir unter Gewissen das

sittlich urteilende Selbstbewußtsein, das über das eigene,

hier und jetzt zu vollziehende Handeln zu befi nden

hat. Im 1. Korintherbrief des hl. Paulus fi nden wir im 11.

Kapitel ein klassisches Beispiel hierfür. Es geht um die

Frage der Würdigkeit, die Eucharistie zu empfangen:

„Es prüfe ein jeder sich selbst, und so esse er von dem

Brot und trinke von dem Kelch, denn wer unwürdig ißt

und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, da er den

Leib des Herrn nicht unterscheidet.“ Gemeint ist: nicht

von gewöhnlicher Speise unterscheidet. Hier kommt

klar zum Ausdruck, daß wir durchaus in der Lage sind,

unser eigenes Tun und Lassen zu beurteilen.

Mit dem Apostel Paulus kommt aus der stoischen

Popular philosophie der im 1. Jahrhundert vor Christus

in die Umgangs sprache eingebürgerte Fachausdruck

„Syneidesis“, d. h. Ge wissensurteil, in das christliche

Schrifttum.

Es ist jene innere Instanz, die dem Menschen in einer

ganz persönlichen, unüberhörbaren Weise kundtut,

was er tun oder lassen soll. Er nimmt sie vor der Tat als

anfeuernde, warnende, verbietende oder gebietende

Stimme wahr, nach der Tat erfährt er sie als lobende,

richtende, verurteilende Macht. Ein jeder von uns kennt

die Gewissensbisse, die uns eindeutig sagen, daß wir

schlecht, schäbig, gemein handelten. Aber wir erfuhren

alle auch schon ein Gefühl der inneren Beglückung,

wenn wir gut handelten, wenn wir jemandem eine

Freude machten, ohne auf Belohnung unserer guten

Tat zu hoff en.

195 „Dialog als Menschlichkeit“, in: „Neues Forum“, 1967, S. 321 f.

Der Gewissensbefehl

Gemeinsam ist allen Gewissensregungen der innere

Befehl: Tue das, was du als gut und richtig erkannt hast!

Diese „Stimme“ gebietet uns allen, ausnahmslos, unser

Denken, Reden und Tun mit dem als gut, richtig, wertvoll

Erkannten in Überein stimmung zu bringen. Voraussetzung

hierfür ist das Bemühen um die Erkenntnis des

sittlich Guten. Nicht derjenige ist ja schon gewissenhaft,

der sich mit der oberfl ächlichen Sicht der Dinge begnügt,

der etwa das tut, was „man“ tut, der sich von der

Masse als Mitläufer treiben läßt, sondern wer den Dingen

auf den Grund geht, wer sich bemüht, zu erkennen,

was hier und jetzt notwendig, was das Bessere mehrerer

sich bietender Möglich keiten ist. Die Gewissensbildung

muß aber nach objektiven Normen erfolgen. Wir fi nden

sie in den 10 Geboten oder den Forderungen Christi.

Die Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von

heute“ sagt hierzu in Nr. 16: „Im Inneren seines Gewissens

entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht

selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen

Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten

und zur Unter lassung des Bösen anruft, und, wo nötig,

in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes.

Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem

Herzen eingeschrieben ist und gemäß dem er gerichtet

werden wird. Das Gewissen ist die ver borgenste Mitte

und das Heiligtum im Menschen, wo er alleine ist mit

Gott, dessen Stimme in seinem Innersten zu hören ist.

Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes

Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten

seine Erfüllung hat. Nicht selten jedoch geschieht es,

daß das Gewissen aus unüberwind licher Unkenntnis

irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert. Das

kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zu

wenig darum bemüht, nach dem Wahren und Guten zu

suchen, und das Gewissen durch Gewöhnung an die

Sünde allmählich fast blind wird.“ Der Mensch ist also in

seiner Gewissensbildung keineswegs autonom – denn

dies hieße, der Willkür Tür und Tor öff nen –, sondern er

ist, jedenfalls als Christ, auf die Off enbarung und das

kirchliche Lehramt angewiesen. Wenn man bisweilen,

wörtlich oder doch sinngemäß, selbst von Priestern

hören kann, der Mensch sei Schöpfer seiner Moral, so

ist das vielleicht ehrliche Überzeugung, aber letztlich

unchristlich und anti kirchlich.

Nun können zwar weder Off enbarung noch kirchliches

Lehramt jemandem eine Entscheidung abnehmen.

Wohl vermögen sie, ihm zu einem sach- und

situationsgerechten Gewissensurteil zu verhelfen.

Hierzu sagt die Pastoralkonstitution weiter: „Durch die

Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen

Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit

und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen

Probleme, die im Leben der einzelnen wie

im gesellschaftlichen Zu sammenleben entstehen. Je

mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto

mehr lassen die Personen von der blinden Willkür ab


und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit

zu richten.“ Das Streben nach Wahrheits- und

Wert erkenntnis und die Orientierung am Willen Gottes

gehören unausweichlich zur Gewissenhaftigkeit.

Gewissen und Verantwortung

Wenngleich das Gewissen einem jeden Menschen

befi ehlt, sein Denken, Reden und Tun in Übereinstimmung

zu bringen mit dem, was er als gut, richtig und

wertvoll erkennt, so ist doch die Intensität dieser Gewissensregung

sehr verschieden. Das Ge wissen kann

noch schwach entwickelt, es kann zart gebildet, aber

auch völlig abgestumpft sein. Aber in einer Hinsicht

kann – bei aller Möglichkeit, objektiv zu irren – das

Gewissen nicht in die Irre gehen: Niemals fühlt sich

jemand verpfl ichtet, gegen seine bessere Erkenntnis zu

handeln. Dort, wo es keinen Drang mehr gibt, nach dem

als sittlich gut Erkannten zu handeln, ist das Gewissen

erstorben. Aber niemand hält diesen Zustand für normal

und identifi ziert sich mit dem „gewissenlosen“, mit dem

„bösen“ Menschen. Der Hl. Schrift ist das Phänomen der

Gewissensstumpfheit wohl bekannt, aber sie qualifi ziert

es sogleich ab, wenn sie sagt: „Der Tor spricht in seinem

Herzen: Es gibt keinen Gott!“ (Psalm 14,1). Im Sprachgebrauch

der Schrift ist der „Tor“ gleichbedeutend mit

dem „Gottlosen“.

Das Alte Testament kennt, abgesehen vom Buch der

Weisheit (17,11) – wo der Einfl uß der griechischen Zeitphilosophie

spür bar wird – das Wort „Gewissen“ nicht.

Als Ersatzbezeichnung dient das Wort „Herz“, das im

biblischen Sprachgebrauch Inbegriff des inneren Menschen,

seiner seelischen und geistigen Fähigkeiten ist.

So heißt es etwa im 24. Kapitel des 2. Buches Samuel im

10. Vers: „David schlug das Herz, weil er das Volk zählen

ließ“. Das mag uns etwas sonderbar erscheinen, denn

eine Volkszählung ist bei uns – schon allein wegen der

damit ver bundenen Kosten – zwar nicht gerade alltäglich,

aber ein ganz normaler Vorgang. Ganz anders im

Orient. Dort diente eine Volkszählung in erster Linie der

Feststellung der wehrfähigen Männer. Man machte einen

Überschlag, ob die eigenen Kräfte wohl ausreichten,

über den Nachbarn herzufallen, und kam man zu einem

entsprechenden Ergebnis, so schlug man los. Vgl. auch

das 14. Kapitel bei Lukas, wo der Herr sagt: „Wenn ein

König gegen einen anderen König in den Krieg ziehen

will, setzt er sich dann nicht zuvor hin und überlegt, ob

er mit 10 000 Mann dem entgegentreten könnte, der

mit 20 000 gegen ihn heranzieht? Kann er das nicht, so

läßt er jenen, solange er noch fern ist, durch eine Gesandtschaft

um Frieden bitten.“ (31 f.) Gott hat seinem

auserwählten Volk unter Androhung schwerster Strafe

verboten, eine Volkszählung abzuhalten. Zur Strafe für

Davids Unge horsam ließ er eine Pest über Israel kommen,

der 70 000 Menschen zum Opfer fi elen.

Verschiedene Beurteilungsmaßstäbe

Wie ist es aber möglich, daß durchaus auch gewissenhafte

Menschen in der gleichen Sache einen

verschiedenen oder gar entgegengesetzten Gewissensanspruch

anmelden? Jedoch hier geht es nicht um den

Drang nach gewissenhaftem Handeln an sich, sondern

vielmehr um den Inhalt der sittlichen Erkenntnis. Verschiedene

Arten von Sittlichkeit gibt es nicht, denn das

Reich der sittlichen Werte muß notwendigerweise eins

sein, wenn es alle Menschen binden will. Sonst gäbe

es tatsächlich keine für alle verbindliche Moral. Dann

wäre auch kein geordnetes Mit einander in Gesellschaft

und Staat möglich, und die Einhaltung bestimmter

Verhaltensnormen wäre nicht durch die Einsicht der

Staatsbürger, sondern lediglich durch Strafandrohung

zu erreichen. Dann käme es nur darauf an, sich nicht

„erwischen“ zu lassen. Freilich ist der Inhalt der sittlichen

Erkenntnis nicht jedermann in gleicher Weise zugänglich.

Der Philosoph Karl Jaspers sagt einmal etwas

boshaft: „Die Durchschnittsbegabung der Menschheit

ist schwache Idiotie!“ Artur Schopenhauer formulierte

es so: „Das Gewissen setzt sich zusammen aus 1/5 Menschenfurcht,

1/5 Frömmigkeit, 1/5 Vorurteil, 1/5 Eitelkeit

und 1/5 Gewohnheit.“

Voraussetzungen einer verantwortlichen

Gewissensentscheidung

Man darf nicht übersehen, daß die klare Erkenntnis

des Guten und Richtigen grundsätzlich und auch in

der konkreten Situation von einer ganzen Reihe von

Voraussetzungen ab hängt: einmal von der eigenen

Urteilsfähigkeit, sodann von der vorbehaltlosen Ehrlichkeit

im Suchen nach dem sittlich Guten und Erlaubten.

Denken wir etwa an das allzu wahre Wort des

Volksmundes: Was man wünscht, das glaubt man gern!

Schließlich spielen Erziehung und Umwelt, öffentliche

und veröffentlichte Meinungen, auch das, was „man“ tut,

das, was „in“ ist, wie man heute sagt, und nicht zuletzt

Sitte und Gewohn heit eine nicht zu unterschätzende

Rolle in der Gewissensent scheidung.

Es ist unzweifelhaft, daß eine sittlich hochstehende

Umgebung eine richtige Gewissensentscheidung erleichtert.

Aber dort, wo das Ellenbogendenken oder das

gewissenlose Karrierestreben, das „Vorwärts-kommen-

Wollen“ um jeden Preis stark ausgeprägt sind, muß der

einzelne alle sittliche Energie zusammenballen, um den

Ruf seines Gewissens zu hören und ihm zu folgen. Deshalb

„ist es von großer Bedeutung, daß allen die Möglichkeit

geboten wird, in sich die rechte menschliche

Verantwortung zu bilden, die sich am göttlichen Gesetz

orientiert und die jeweiligen Verhältnisse berücksichtigt.

Das erfordert aber, daß weithin die erzieherischen

und sozialen Bedingungen verbessert werden und vor

allem, daß eine religiöse Bildung oder wenigstens eine

umfassende sittliche Unterweisung geboten wird“, wie

4. Teil Grundwerte

87


4. Teil Grundwerte

88

die Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von

heute“ in der Nr. 87 sagt.

Die Frage nach dem Gewissen ist eine Zentralfrage

des sittlich-religiösen Lebens. Das Gewissen ist oberste

Richtschnur des sittlichen Handelns, der Kompaß für

das Tun und Lassen eines Menschen. Papst Pius XII. sagt

hierzu in einer Ansprache zum Tag der Familie: „Hier

entscheidet sich der Mensch für das Gute oder Böse.

Hier wählt er zwischen dem Weg des Sieges und der

Niederlage. Auch, wenn er wollte, könnte der Mensch

es niemals abschütteln. Mit ihm, mag er es loben oder

verwerfen, wird er den ganzen Weg des Lebens durchlaufen,

und ebenso wird es sein wahrhaftiger und unbestechlicher

Zeuge sein, wenn er sich vor dem Gerichte

Gottes stellt“ (23. 3. 1952). Für das Gewissen gelten

die Worte des Herrn: „Das Auge ist die Leuchte deines

Leibes. Ist dein Auge gesund, so hat dein Leib Licht, ist

es aber krank, so ist dein ganzer Leib in Finsternis. Sieh

also zu, daß das Licht in dir nicht Finsternis sei! Ist dein

Leib ganz erhellt und kein Teil davon dunkel, so wird

er ganz hell sein, wie wenn ein Licht mit seinem Glanz

dich erleuchtet.“ (Lk 11,34 ff.) In diesem Sinne schreibt

Paulus: „Alles, was nicht aus Überzeugung geschieht, (d.

h. aus dem Gewissen) ist Sünde.“ (Röm. 14,23)

Niemand ist eine Insel

Der Menschen Tun ist nie in sich isoliert, es reicht

hinein in die Gemeinschaft, etwa die Familie, eine

Schulklasse, einen Betrieb, ins öffentliche Leben. Welch

psychologische Zwänge und Ab hängigkeiten gibt es

da häufi g, auch wenn man sich dessen vielfach nicht

bewußt ist und diese Tatsache oft zu verdrängen sucht.

Je größer der Kreis von Mitmenschen, desto weiter

reichend ist die Wirkung seines Tun und Lassens zum

Wohl oder Schaden der Gemeinschaft. Um so schwerer

wiegt dann etwa die Verantwortung der Akademiker

und Professoren (nicht zuletzt der Theologen!), die sich

der Wirkung ihrer Worte und Schriften in der breiten

Öffentlichkeit bewußt sein sollten.

Das Gewissen als Uranlage des Menschen

Die Gewissensanlage ist unabhängig von Religion,

Rasse, Kultur und Volk. Im November 1964 hielt Kardinal

König, der Erz bischof von Wien, einen Vortrag vor der

El-Azhar-Universität in Kairo, der höchsten Bildungsstätte

des Islam. In seiner Dank adresse sagte der Rektor:

„Es gibt zwischen Christen und Moslems dogmatische

Unterschiede, doch keine Unterschiede der sittlichen

Werte und des sozialen Verhaltens.“ Auch der Ungläubige,

auch der, dem die Offenbarung aus welchem Grund

auch immer verschlossen blieb, weiß, daß er das Gute

tun und das Böse meiden muß. Paulus macht im 2. Kapitel

des Römer briefes hierauf aufmerksam. Da geht es um

das Gericht am Jüngsten Tag. Gerichtet wird nicht auf

Grund der äußeren Zuge hörigkeit zum auserwählten

Volk Gottes – denn Gott kann dem Abraham aus den

Steinen Kinder erwecken –, sondern nach dem Maß

der Beobachtung des göttlichen Gesetzes nach dem

Zeugnis des Gewissens: „Wenn nämlich die Heiden, die

das Gesetz nicht haben, von Natur aus die Vorschriften

des Gesetzes erfüllen, so sind sie, die das Gesetz nicht

haben, sich selbst Gesetz.“ (Röm. 2,14) Nach Paulus

tragen auch die Heiden, die keine göttliche Offenbarung

kennen, das göttliche Gesetz in ihrem Herzen. So

fi nden sich etwa im Codex Hammurapi, in der Mitte

des 20. Jahr hunderts vor Christus, einige dem Dekalog

sehr ähnliche Vorschriften. „Sie zeigen, daß das Werk

des Gesetzes in ihrem Herzen geschrieben steht“, fährt

Paulus im Römerbrief fort (2,15). Plastisch schildert der

Apostel den Hergang des Gerichtes. Da treten Ankläger

und Verteidiger des Menschen auf. Das sind die guten

und bösen Ansichten und Gedanken, die sein Tun und

Lassen im Leben bestimmten: „Ihre Gedanken werden

sich untereinander anklagen oder verteidigen an dem

Tage, da Gott das Verborgene im Menschen richten

wird.“ Gerade weil es sich hier um das Verborgene im

Menschen handelt, muß ein unbe stechlicher Zeuge

aussagen, was an diesen Gedanken und Absichten gut

oder böse war. Dieser Zeuge ist das Gewissen: „Wobei

ihr Gewissen ihnen Zeugnis ablegen wird.“ (15)

Sittliche Zentralfunktion im Menschen

Wie ist das möglich? Das Gewissen ist eben die sittliche

Zentral funktion im Menschen. Es hat ihm das ins

Herz geschriebene Gesetz Gottes vorgelegt. Es hat die

Gesinnungen und Absichten des Menschen begleitet

und hat nach der Tat sein Urteil gefällt. So ist es ein

unbestechlicher Zeuge über das verborgene Gute und

Böse des Menschen, wenn dieser vor das Gericht Gottes

tritt. Wer das formale Gesetz Gottes nicht kennt, erkennt

in sich selbst das Gesetz, vorausgesetzt, daß er nicht

die Stimme des Gewissens in sich zum Verstummen

gebracht hat.

Allerdings gibt es neben dem natürlich-sittlichen

Gesetz des Heiden noch ein anderes Gesetz, unter das

wir Christen gestellt sind, das Gesetz Christi. Wer Christi

Namen kennt, muß sein Leben nach ihm ausrichten:

„Brüder, seid gesinnt wie Christus Jesus“, schreibt Paulus

im Philipperbrief (2,5). Für jeden Menschen gibt es

außerdem noch eine persönliche Führung Gottes. Jeder

hat von Gott einen bestimmten Auftrag, eine Sendung,

die nur er verwirklichen kann. Deshalb sprechen wir

vom „Beruf“, weil, wenigstens im Idealfall, der Mensch

dem Ruf folgt zu einem Handeln, zu einer Lebensaufgabe,

zu der er „berufen“ ist. Aber nur, wer sein Gewissen

schulte, wird diesen Anruf Gottes vernehmen. Deshalb

ist es für uns wichtig, unser Gewissen zu bilden und

zu schärfen. Hierbei könnten uns etwa die ??? „GewissensDer

Spiegel“ ??? aus dem „Gotteslob“ wirksame

Hilfe leisten.


Äußere Hilfen und Hindernisse

„Die Wandlungen von Denkweisen und Strukturen

stellen häufi g überkommene Werte in Frage, zumal bei

der jüngeren Generation, die nicht selten ungeduldig, ja

angsthaft rebellisch wird … Die von früheren Generationen

überkommenen Institutionen, Gesetze, Denk- und

Auffassungsweisen scheinen den wirklichen Zuständen

von heute nicht mehr in jedem Fall gut zu entsprechen.

So kommt es zu schweren Störungen im Ver halten und

sogar in den Verhaltensnormen.“ 196

Es ist heutzutage ungleich schwerer als in früheren

Zeiten, immer und in allem das rechte Verhalten zu

fi nden, da ehedem das äußere Leben durch Sitte und

Brauchtum, gemeindliche und staatliche Verordnungen

und Gesetze geregelt war und zwar nach christlichen

Grundsätzen.

Wenngleich diese auch keineswegs immer befolgt

wurden, so waren sie doch allgemein anerkannt. Man

nannte das Gute gut und das Böse schlecht, während

heute der Begriffsinhalt vieler Worte häufi g umgebogen

und umgelogen wird. Man denke bloß etwa an den

Slogan: Kann denn Liebe Sünde sein?, wobei man mit

der „Liebe“ selbstverständlich nicht selbstlose Hingabe

an ein Du, sondern sexuelle Zügellosigkeit meint. In

der vorigen Generation etwa wäre es völlig undenkbar

gewesen, daß ein junger Mann mit einem jungen

Mädchen allein auf Reisen ging. Gemeinsames Zelten

gar hätte ihre Vorstellungskraft völlig gesprengt, während

sich heute „auch unter katholischen Schrift stellern

eine romantische Verideologisierung der Sexualität“

ausbreitet, wie Kardinal Höffner in seinem Hirtenbrief

über „Ehe und Familie im Licht des Glaubens“ vom

Dezember 1969 fest stellt. Jaques Maritain spricht im

„Bauer von Garonne“ von der „katholischen Verehrung

des Fleisches“ (S. 63). Während eine Reihe von Bischöfen

in ihren Hirtenbriefen der letzten Jahre betonten,

es widerspreche der christlichen Auffassung von der

menschlichen Geschlechtlichkeit und Ehe, vor der Ehe

die geschlechtliche Hingabe einzuüben und sei eine

Mißachtung der menschlichen Personenwürde – eine

Lehre, die im Hirtenbrief aller deutschen Bischöfe zu

Fragen der menschlichen Geschlechtlich keit vom März

1973 bestätigt wurde –, glaubte beispielsweise ein

Autor, der aber zweifelsohne nicht vereinzelt dasteht

und auch immer wieder selbst von katholischen Zeitschriften

herange zogen wird, in einem katholischen

Publikationsorgan 197 keine Bedenken gegen „Zelten mit

17 zu zweit“ anmelden zu müssen. Wenn das Paar sich

über seine Gefühle klar sei, füreinander Verantwortung

trage und auch in der Empfängnisverhütung zu einer

verantwortlichen Lösung gekommen sei, dann könnten

ihre „Leiber kommunizieren“. Selbst vor dieser geradezu

blasphemischen Bezeichnung eines Verhältnisses, das

in der katholischen Moral sonst schlicht als Unzucht

bezeichnet wird, scheut man nicht zurück.

196 Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, Nr. 7, Text des 2. Vatikanischen

Konzils.

197 „Neue Gespräche“, September/Oktober 1973.

Man muß sich darüber klar sein, daß solche Veröffentlichungen

gerade in einem katholischen Publikationsorgan

leicht verhäng nisvolle Folgen haben können, da

sie besonders von nicht gefestigten Persönlichkeiten

zumindest als mögliche Verhaltens form christlicher

Lebensgestaltung betrachtet werden könnten. Die

Berufung auf das eigene Gewissen vermag hier nicht

weiter zuhelfen, denn was man wünscht, das glaubt

man gern. Die deutschen Bischöfe betonten in ihrem

Hirtenwort vom März 1973 zu Recht, daß zu „einem

guten Gewissen immer auch eine zuverlässige Information

gehört. Sie kann nicht darin bestehen, daß eine

mehr oder minder große Zahl anderer in gleicher Lage

dasselbe tun. Das wäre billiges Mitläufertum.“ Noch vor

wenigen Jahrzehnten gehörte es, zumindest in vielen

katholischen Gegenden, zum guten Ton, sonntags zum

Gottesdienst zu gehen. Zweifellos ermunterte nicht immer

nur Frömmigkeit zum Kirchgang. Soziale „Zwänge“

spielten nicht selten eine erheb liche Rolle. Immerhin

war eine Folge des mehr oder minder regelmäßigen

Gottesdienstbesuches – man denke etwa auch an

die ehedem weit verbreiteten Fastenpredigten und

Volks missionen –, daß im allgemeinen erheblich mehr

religiöses Wissen vorhanden war als heute und die

Menschen, die den religiösen Unterweisungen folgten,

ein besseres Unterschei dungsvermögen besaßen als

heutzutage. Dieses wiederum und eine im ganzen doch

stärkere religiöse Prägung bewahrten vor mancher

Kurzschlußhandlung, wie sie einem Areligiösen leichter

widerfährt. So stimmen die Statistiken der Länder

überein, daß etwa Selbstmorde bei praktizierenden

Christen erheblich seltener sind als bei religiös nicht

gebundenen Menschen. Es dürfte weitgehend auf das

Konto der immer stärkeren Entchristlichung unseres

Kontinents zurückzuführen sein, wenn die Weltgesundheitsorganisation

in Genf mehr als 150 000 Selbstmorde

jährlich in Europa registriert 198 .

Es läßt sich nicht leugnen, daß die Öffentlichkeit

heutzutage weitgehend entchristlicht ist. Zu diesem

Phänomen sagt die Pastoralkonstitution „Die Kirche

in der Welt von heute“ in der Nr. 7: „Breite Volksmassen

geben das religiöse Leben praktisch auf. Anders als in

früheren Zeiten sind die Leugnung Gottes oder der Religion

oder die völlige Gleichgültigkeit ihnen gegenüber

keine Ausnahme und keine Sache nur von einzelnen

mehr. Heute wird eine solche Haltung gar nicht selten

als Forderung des wissenschaftlichen Fortschritts und

eines sogenannten Humanismus ausgegeben.“ Der einzelne

wird nicht mehr von außen auf die rechte Fährte

geführt, sondern vielfach davon abgezogen.

So muß der einzelne durch eigene Überlegung

und selbständige Entscheidung das Rechte finden

und wählen. Die Verhältnisse sind heute oft so unübersichtlicht,

die Zusammenhänge in Wirtschaft,

Technik und Politik häufi g derart kompliziert, daß es

dem einzelnen oft sehr schwer wird, zu entscheiden,

was für ihn hier und jetzt sittlich geboten oder erlaubt,

198 Statistik der WHO von 2010

4. Teil Grundwerte

89


4. Teil Grundwerte

90

was zu tun oder zu unterlassen, was das Bessere oder

doch wenigstens das geringere Übel ist. Der Einfl uß

der öffentlichen und mehr noch der veröffentlichten

Meinung, die keineswegs mehr christlich sind, und

die öffentliche Meinung bestimmende Faktoren, wie

Rund funk, Fernsehen, Film und Presse erschweren weitgehend

die Bildung einer selbständigen christlichen

Entscheidung. Es soll nun keineswegs in den Klageruf

eingestimmt werden, heute sei alles viel schlimmer als

früher. Jedoch, wenn die Menschen – jedenfalls in der

großen Mehrheit – sich im wesentlichen wohl gleich

bleiben dürften, so scheint es doch, daß sie vielfach

den Orientierungssinn verloren haben. Der moderne

Mensch weiß vielfach nicht mehr, was des Interesses

wert ist und was nicht. Viele vermögen nicht mehr

zwischen echten und Ersatzwerten zu unterscheiden.

Das schon fast psychopathisch zu nennende Interesse

der Bevölkerung an Massenveranstaltungen jeder Art,

der geradezu alberne Kult mit Fußballgrößen, Film- und

Rockstars legen diesen Gedanken zumindest nahe.

Mit Millionen Zeitgenossen ist während Fußballweltmeisterschaften

nichts anzufangen, ganz abgesehen

von der maßlosen Überbewertung eines gewonnenen

Spiels. Manche Sensationsprozesse bieten wochen- und

monatelang Gesprächs- und Lesestoff für ein breites

Publikum. Als seinerzeit Rosemarie Nitribitt, „des deutschen

Wirtschaftswunder liebstes Kind“, ermordet

wurde, rissen sich die Filmgewaltigen darum, diesen

makabren Stoff verfi lmen zu dürfen. Der Geist der heutigen

Menschen gleicht vielfach einem Trödlerladen, in

dem alles kreuz und quer durcheinander – oder doch

gleichberechtigt nebeneinander liegt: Die Giftmischerin

und der Politiker, der Forscher und der Fußballstar, das

Film sternchen und die Krankenschwester, die Tag und

Nacht bei ihren Patienten ausharrt. Viele besitzen kein

Unterscheidungs vermögen, keine objektiven Maßstäbe

mehr. Der Instinkt für wahr und falsch, echt und unecht,

zu dem im wesentlichen nur die lebendige Bindung

an Gott befähigt, ist verkümmert oder ganz abhanden

gekommen. „Der Mensch von heute, auch jener, der

noch religiös und christlich sein will, hat weithin das

Gespür für die Sünde verloren ...“ Papst Pius XII. nannte

es geradezu „die größte Sünde unserer Zeit, daß die

Menschen das Gespür für die Sünde preisgegeben

hätten“ 199 . Das Gebet Salomons: „Schenke also deinem

Knecht ein gehorsames Herz, damit er zwischen Gut

und Böse unterscheiden könne“, stößt vielfach nicht

mehr auf Verständnis, wird nicht mehr als existentielles

Anliegen begriffen.

Persönliche Verantwortung

Und doch bleibt jeder letztlich für sein eigenes Tun

verant wortlich. Der Mensch weiß, daß er diese Verantwortung

nicht auf andere abwälzen kann, und

199 Bacht, Heinrich: Weltnähe oder Weltdistanz, Frankfurt a. M., 1962,

S. 47.

deshalb gewöhnt er sich weitgehend ab, über sein

Tun und Lassen nachzudenken. Deshalb vielfach auch

diese ständige Selbstbetäubung durch pausenloses

Radio- und Musikhören, das stundenlange Hocken vor

der „Flimmer kiste“, der ununterbrochene Rummel, der

einen nicht mehr zu sich selbst kommen läßt, die Flucht

vor der Stille, das Hineinfl üchten in den Tröster Alkohol,

der die Sorgen, aber auch die Gewissen ersäuft. Selbst

diejenigen, die sich in Exerzitien begeben, bringen es

häufi g nicht mehr fertig, einige Tage in der Stille zuzubringen.

„Wir treff en nicht darum nie auf Gott, weil er

abwesend wäre in der Welt und im Leben, sondern weil

wir ständig abwesend sind! Hören wir auf mit der steten

Flucht vor uns selber, wir fl iehen damit auch vor Gott!“ 200

Viele Menschen jagen ihren Wunschvorstellungen und

Träumen nach, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen,

ob diese auch verantwortbar sind.

Ein klassischer Vertreter dieser Gruppe ist „Des Teufels

General“. Als der junge Leutnant Hartmann, dem die

Welt seiner Ideale zerbrochen ist, seinen väterlichen

Freund Harras fragt: „Glauben Sie an Gott“, da muß

dieser erst überlegen, die Frage kam zu unvermutet.

Doch dann sagt er: „Ich weiß es nicht. Aber das lag

an mir. Ich wollte ihm nicht begegnen. Er hätte mich

vor Ent scheidungen gestellt, denen ich ausweichen

wollte ... Die größte Findung aller Zeiten habe ich nicht

erkannt. Sie heißt Gott. Der Mensch träumt nichts, was

nicht ist und war und sein wird. Wenn er Gott geträumt

hat – dann gibt es Gott. Ich kenne ihn nicht. Aber ich

kenne den Teufel. Den hab ich gesehen – Auge in Auge.

Drum weiß ich, daß es Gott geben muß. Mir hat er sein

Angesicht verhüllt. Ich habe seine Hand nicht ergriff en.

Ich habe – die andere gewählt.“

Harras wählte die andere Hand in klarer Erkenntnis,

daß es die falsche war. Er wollte den Entscheidungen

ausweichen. Aber es gibt keinen Menschen, der ungestraft

der Entscheidung, der sittlichen Verantwortung

ausweichen kann. Darin liegt die tragische Schuld von

Harras: Obwohl er das Dritte Reich durch schaute und

verachtete, hat er sich doch seiner bedient. Nicht so sehr

des Ruhmes wegen, nicht einmal der Macht und des

Geldes wegen, denen so viele Menschen verfallen. Aber

er wollte seine Gaben entfalten, um große technische

Erfi ndungen zu machen, um seine geliebte Fliegerei

aufzubauen. Sein Gewissen sagte ihm klar, was er zu

tun hätte. Er war sich seiner Verantwortung durchaus

bewußt. Aber um der Fliegerei willen entschied er sich

– wissend – gegen Gott.

Der Christ muß sich vielfach im Gegensatz zur öff entlichen

Meinung und im Widerstreit mit den Einfl üssen

seiner Umgebung entscheiden, und in Zukunft wird

dies voraussichtlich noch viel mehr gelten. Darum

bedarf es eines hohen Maßes an Selbständigkeit, Verantwortungsbewußtsein

und Verantwortungsfreude. Es

bedarf heute wohl mehr denn je der Zivilcourage, des

Mutes, gegen den Strom zu schwimmen.

200 Ders.(Hg.): Tage des Herrn, Frankfurt a. M., o. J., S. 93.


Ein überzeugter Christ, der aus seinem Glauben

leben will, hat in der freien Welt – im Gegensatz zu

Diktaturen – nicht mit Gefängnis oder gar Schwererem

zu rechnen. Er wird sich aber darauf gefaßt machen

müssen, nicht für voll genommen oder mitleidig belächelt

zu werden. Das scheint vielen noch schwerer

erträglich als regelrechte Verfolgung, die wenigstens

den Glorien schein des Märtyrers verheißt.

Gewissenlosigkeit im persönlichen Bereich hat oft

nur Folgen für den einzelnen, und dieser muß sie vor

Gott verantworten. Aber Gewissenlosigkeit im öff entlichen

Bereich, die nichts von einer Verantwortung vor

Gott weiß oder wissen will, kann leicht zu katastrophalen

Folgen für ungezählte Menschen führen. Deshalb

sagte Generaloberst Beck am 16. Juli 1938 in seinem

Vortrag vor Generalen: „Es stehen hier letzte Entscheidungen

über den Bestand der Nation auf dem Spiel. Die

Geschichte wird die militärischen Führer mit einer Blutschuld

belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachlichen

und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln.“

Der ehemalige Rüstungsminister Speer hat in den langen

Jahren seiner Gefangenschaft über seinen Anteil

am Niedergang des Bewußtseins sittlicher Verantwortung

für die Folgen des eigenen Handelns nachgedacht

und kommt in seinen „Erinnerungen“ zu folgendem

Ergebnis: „Im Grunde nutzte ich das Phänomen der

kritiklosen Verbundenheit des Technikers mit seiner

Aufgabe aus. Die scheinbare moralische Neutralität der

Technik ließ bei ihnen die Besinnung aufs eigene Tun

gar nicht erst aufkommen. Je technischer unsere vom

Krieg diktierte Welt wurde, um so gefährlicher wirkte

sich dieses Phänomen aus, das dem Techniker keine

direkte Beziehung zu den Folgen seines anonymen Tuns

vermittelte.“ (S. 226)

Keine Patentrezepte

Es lassen sich keine Patentrezepte geben. Jede Situation

unter scheidet sich in oft wesentlichen Details von

der anderen, und bekanntlich steckt der Teufel im Detail.

Worauf es ganz wesent lich ankommt, ist, sein Gewissen

an den Prinzipien zu orien tieren, die uns in den Geboten

Gottes, in der Hl. Schrift und vom Lehramt der Kirche an

die Hand gegeben werden. Es kommt ferner auf ein gehöriges

Maß an Sachkenntnis an, denn Prinzipien allein

können uns nicht weiterhelfen, weil sie zu allgemein

sind. Schließlich hat Gott uns auch noch den Verstand

gegeben, den zu gebrauchen keineswegs sündhaft ist.

Es liegt aber nicht im Belieben des einzelnen, sich mit

den sittlichen Prinzipien der katholischen Lehre vertraut

zu machen und sich die gehörigen Sachkenntnisse zu

erwerben. Darum mahnt das Konzil die Gläubigen, „genau

unterscheiden zu lernen zwischen den Rechten und

Pfl ichten, die sie haben, insofern sie zur Kirche gehören,

und denen, die sie als Glieder der menschlichen Gesellschaft

haben. Beide sollen sie harmonisch miteinander

verbinden suchen und daran denken, daß sie sich auch

in jeder zeitlichen Angelegenheit vom christlichen

Gewissen führen lassen müssen: keine menschliche

Tätigkeit, auch in weltlichen Dingen nicht, läßt sich ja

der Herrschaft Gottes entziehen.“ 201

Mündiges Gewissen

Seit dem Konzil weisen nicht wenige Christen immer

wieder auf ihre Mündigkeit hin. Hierbei ist aber sehr zu

beachten, daß Mündigkeit keineswegs bedeutet, sich

nach Belieben bestehen den Verpfl ichtungen zu entziehen

oder sich seine Privatmoral oder seinen eigenen

Katechismus zurechtzulegen. Mündigkeit bedeutet,

auf Grund eigenen Nachdenkens und gründlichen

Studiums der Lehre der Kirche in Eigenverantwortung

selb ständige Entscheidungen zu fällen. Wenn man

früher vielleicht zu sehr immer wieder auf ein Wort

der Kirche zu aktuellen Anlässen wartete, sollte man

heute mehr und mehr fähig werden, auch ohne einen

Hirtenbrief zu einer echten Gewissensent scheidung zu

kommen. „Bei ihrer Gewissensbildung müssen jedoch

die Christgläubigen die heilige und sichere Lehre der

Kirche sorgfältig vor Augen haben. Denn nach dem

Willen Christi ist die katholische Kirche die Lehrerin der

Wahrheit; ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit, die Christus

ist, zu verkündigen und authentisch zu lehren, zugleich

auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem

Wesen des Menschen selbst hervorgehen, autoritativ

zu erklären und zu bestätigen“ 202 .

Mündigsein im christlichen Sinn bedeutet, herangewachsen

zu sein, zur Fülle des Mannesalters Christi

(Epheser 4,13), sich die Gesinnung Christi (Phil. 2,5) zueigen

gemacht zu haben. Ohne Studium und Betrachtung

der Hl. Schrift kann niemand zu dieser Geisteshaltung

gelangen, deshalb sagt das Konzil: „Der Jünger hat

gegenüber Christus, dem Meister, die Pfl icht, die von

ihm empfangene Wahrheit immer vollkommener

kennenzu lernen, in Treue zu verkünden und kraftvoll

zu verteidi gen ...“ 203

Mehr als in früheren Zeiten muß uns bewußt sein,

daß es nicht nur gilt, die eigene Seele zu retten, sondern

Verantwortung zu tragen auch für die anderen: „So stark

ist in diesem Leib die Ver bindung und der Zusammenhalt

der Glieder (vgl. Eph. 4,16), daß man von einem

Glied, das nicht nach seinem Maß zum Wachstum des

Leibes beiträgt, sagen muß, es nütze weder der Kirche

noch sich selber.“ 204

Wissen, Gewissen und Verantwortung stehen dicht

nebenein ander, ja sind unlöslich miteinander verwoben.

Zwar macht ein waches Gewissen die Entscheidung

schwerer, aber es allein gibt dem Leben Würde und

201 Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, Nr. 36, Text des 2. Vatikanischen

Konzils.

202 Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis Humanae“, Nr. 14,

Text des 2. Vatikanischen Konzils.

203 Ebenda.

204 Dekret über das Laienapostolat „Apostolicam Actuositatem“, Nr.

2, Text des 2. Vatikanischen Konzils.

4. Teil Grundwerte

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4. Teil Grundwerte

92

Klarheit, es allein ermöglicht uns letzten Endes ein

menschenwürdiges Dasein.

Die Frage nach der christlichen Verantwortung für

unser eigenes Leben und den Bereich, in dem wir in

Familie, Beruf und Öffentlichkeit tätig sind, ist heute

drängender als früher, weil die Öffentlichkeit weitgehend

die christlichen Prinzipien ignoriert, ja bekämpft.

Der Christ muß sich an Christus und seinen Forderungen

aus richten. Der Katholik erhält darüber hinaus

durch das Lehr amt der Kirche in vielen Fragen von

Bedeutung Orientierungs hilfen für eine christliche

Lebensführung. So auch für das kom plexe Gebiet der

Friedenssicherung und -förderung. Bereits im November

1981 veröffentlichten die österreichischen Bischöfe

eine Erklärung zur Friedensproblematik. Sie ist des halb

von besonderer Bedeutung, weil sie von den Oberhirten

eines neutralen Staates stammt:

„Der Einsatz für den Frieden hat seine Wurzeln im

Evangelium Jesu Christi, der seinen Jüngern den Auftrag

zur Brüderlich keit gegeben und diese durch seine

Menschlichkeit begründet hat. Er hat der Welt den

Frieden versprochen, wie sie ihn selbst nicht geben

kann. So sehen wir in den ehrlichen Bemühungen um

den Frieden eine Verwirklichung der Nachfolge Christi

in einer Welt, die anders denkt.

Dies verpfl ichtet uns aber auch, ernsten, kritischen

und zum Teil ungelösten Fragen nicht auszuweichen:

So muß gefragt werden, wie sich Frieden, Gewaltlosigkeit

einerseits und berechtigte Not wehr anderseits

zueinander verhalten. Das führt zur Frage, welche

Werte auch unter Opfern verteidigungswürdig sind, ja,

verteidigt werden müssen. Zu undifferenziert erscheint

uns die öfter geäußerte Meinung, als dürften staatliche

Unabhängigkeit, Freiheit und Menschenrechte unter

allen Umständen nur durch absolute Gewaltlosigkeit

verteidigt werden. Weder aus der Hl. Schrift noch aus

der Lehre der Kirche kann abgeleitet werden, daß Beruf

und Dienst des Soldaten in sich unehrenhaft seien ...

Die Friedensbewegung unserer Tage birgt großen Idealismus

und zugleich mitunter auch Kurzsichtigkeiten

in sich und könnte in Gefahr sein, politisch mißbraucht

zu werden.“

Die Kirche darf die Gläubigen in den oft schwierigen

Problemen des gesellschaftlichen wie privaten Lebens

nicht allein lassen. Sie kommt aber dieser Verpfl ichtung

neben einer Fülle von Stellungnahmen ihrer verantwortlichen

Repräsentanten auch in den Massenmedien

mit zahlreichen Hirtenbriefen zu aktuellen Fragen nach.

Aus der großen Bandbreite dieser Publikationen

seien einige Veröffentlichungen in Erinnerung gerufen:

„Zur gesellschaftspolitischen Entwicklung in der Bundesrepublik“;

„Gegen Gewalt und Terror in der Welt“; „Zur

Sorge um die straffällig gewordenen Mitbürger“, „Gesellschaftliche

Grundwerte und menschliches Glück“; „Zu

Fragen der menschlichen Geschlechtlichkeit“; „Zur Seelsorge

an Be hinderten“ oder das Hirtenwort „Gerechtigkeit

schafft Frieden“. In ihm betonen die Bischöfe, daß

es dem kirchlichen Amt aufgetragen ist, „die Prinzipien

und Normen des sittlich Verpfl ichtenden in Fragen des

Friedens zu verkündigen, sei es gelegen oder ungelegen.

Dadurch werden dem Gewissen der Gläubigen und

aller Menschen guten Willens Orientierungs hilfen für

das Handeln gegeben. Die Verantwortung für die Anwendung

moralischer Grundsätze trägt der Handelnde

selbst, sie kann ihm nicht abgenommen werden.“ (S. 64

f.) „Militärischer Dienst ist nur sinnvoll zur Sicherung und

Erhaltung, notfalls zur Wiederherstellung des Friedens.

Spätestens seit den Über fällen auf Kambodscha und

Afghanistan scheint es klar zu sein, daß ein Volk ohne

bewaffnete Streitkräfte und den ent schlossenen Willen

zur notfalls bewaffneten Verteidigung ver brecherischen

Angriffen seitens Dritter schutzlos ausgeliefert ist. Wer

trotz dieser Erkenntnis aus ehrlicher Gewissensüberzeugung

glaubt, nicht Soldat werden zu dürfen, ohne

persön lich schuldig zu werden, ist nach unserer Verfassung

berechtigt und nach dem Sittengesetz verpfl ichtet,

den Waffendienst zu verweigern. Allerdings muß er

zu einem anderen Dienst an der Gemeinschaft bereit

sein, denn bloße Wehrdienstverweigerung allein ist

noch kein positiver Beitrag zum Frieden. Soldaten und

Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen sollten

sich um mehr Verständnis und Toleranz für den jeweils

anderen Standpunkt bemühen, vorausgesetzt, daß

es sich bei beiden um eine echte Gewissensentscheidung

handelt. Soldatsein wie auch Verweigerung des

Wehrdienstes müssen ja vor dem eigenen Gewissen

verantwortet werden.“ 205

Wer sich von seinem Gewissen leiten läßt, wer seine

Bindung an Gott immer enger zu knüpfen sucht, um sich

von ihm führen zu lassen, der wird auch die Kraft und

Hilfe dessen an sich erfahren, der uns verheißen hat, bei

uns zu sein alle Tage bis ans Ende der Welt.

P. Lothar Groppe SJ, geb. 1927 in Münster, ist Militärpfarrer

a. D. und war u. a. als Dozent und Militärdekan

an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg

tätig. Daneben hielt er Vorlesungen und Seminare für die

österreichischen Generalstabslehrgänge. Eine Zeitlang

leitete er die deutsche Sektion des Radio Vatikan. Ferner ist

er publizistisch tätig und veröffentlicht vielfältige Aufsätze,

u. a. in der „Jungen Freiheit“ und in „Soldat im Volk“. Zur

Zeit arbeitet er als Seelsorger in einer kirchlichen Mutter-

Kind-Einrichtung.

Dieser Aufsatz ist zuerst erschienen in: IBW-Journal, Informationsdienst

des Deutschen Instituts für Bildung und

Wissen, Paderborn, September 1983. Er wurde für die vorliegende

Ausgabe geringfügig redaktionell überarbeitet.

205 Groppe, Lothar: Müssen Christen die Waff en niederlegen? In „Auftrag“,

Nr. 122/123, August 1982, S. 45. Vgl. hierzu auch die Veröffentlichungen

des Verfassers in „Theologisches“, „Friedens dienste

mit und ohne Waff en“, 6/1982; „Was sagt das 11. Vati kanische

Konzil zum soldatischen Dienst und zur Verteidigung?“ in: „Die

Ethik des Soldaten in der Gesellschaft von Morgen“, Weltforum

Verlag, München 1978, S. 85 f.; „Wenn Soldaten nach Lourdes

ziehen?“ in „Publik“, 4. 9. 1970.


5. Teil Bücher

1. Die SWG hat ein Buch angeregt wie folgt:

Prof. Dr. Harald Seubert, »Was wir wollen können«.

Bürgerliche Identität am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Aus dem Expose:

In jüngster Zeit wird die Forderung nach dem konservativen

Element der Politik in Deutschland wieder

verstärkt erhoben. Unübersehbare ungelöste Probleme,

u. a. im Zusammenhang der Integrationspolitik,

machen deutlich, daß Politik und Medien sich den

Realitäten kaum mehr stellen. Diese „Apperzeptionsverweigerung“

(H. von Doderer) ging in den letzten zwei

Jahrzehnten mit einer zunehmenden Zurückdrängung

bürgerlicher Denkweisen einher. Umgekehrt wird aber

auch deutlich, daß der Begriff des Konservativen bzw.

Bürgerlichen nicht klar ist. Noch weniger deutlich ist,

was ein moderner Konservatismus auf der Höhe des 21.

Jahrhunderts sein kann. Diese Unschärfe macht es dem

Gegner leicht, bürgerliche Kreise als rückwärtsgewandte,

„rechts“ und sogar „rechtsextrem“ zu verunglimpfen.

Dadurch, daß (seit dem Sarrazin-Buch und der anschließenden

„Debatte“) das Konservatismus-Thema

im Zusammenhang der Frage der Meinungsfreiheit

debattiert wird, und dies in einem breiten intellektuellen

Diskurs (Einlassungen von Baring, aber auch Journalisten

wie Broder und Thea Dorn), deutet sich eine

Kehrtwende an. Um so wesentlicher ist es, daß sich ein

moderner Konservatismus heute zu artikulieren – und

nicht nur zu reagieren – vermag. Ein entscheidender

Schlüssel für konservatives Selbstverständnis ist der

Begriff des Bürgertums und der bürgerlichen Identität.

Ihm wird eine schmale Monographie (von ca. 80 Manuskriptseiten)

gewidmet, die sich indirekt zugleich als Positionsbestimmung

konservativer Grundlagen versteht.

(1) In dem einführenden Kapitel wird eine begriff s-

und problemgeschichtliche Bestimmung von Bürgertum

und Bürgerlichkeit gegeben. Damit muß in diesem

Kapitel auch von Untergang und Zerstörung des Bürgertums

im Sog des linken und rechten Totalitarismus die

Rede sein. Sowohl der Bolschewismus als auch der Nationalsozialismus

zielen explizit auf die Zerstörung der

bürgerlichen Welt. Indessen nistete auch in ihr selbst der

Keim der Selbstzerstörung. Das Décadence-Bewußtsein

und seine Deutung durch Nietzsche und Thomas Mann

muß zur Kenntnis nehmen, wer in der Moderne an den

Begriff des Bürgerlichen anschließen will.

(2) Das zweite Kapitel wird der Aktualität, aber

zugleich der notwendigen Transformation des Bürgertums

nach dem Ende des totalitären Zeitalters

gewidmet sein. Die deutsche Situation unterscheidet

sich hier durchaus von jener in Frankreich oder England,

insofern die „Angestelltenkultur“ der sechziger Jahre im

Westen, die DDR-Ideologie im Osten eine Aushöhlung

bürgerlichen Selbstverständnisses und bürgerlicher

Selbstverständlichkeiten bedeutete. Dennoch war es

gerade eine (nie gänzlich zerstörte) bürgerliche Lebenswelt,

die die „friedliche Revolution“ von 1989 auslöste.

Man muß sich zwanzig Jahre später auch fragen, wo

ihre Impulse im geeinten Deutschland geblieben sind.

Von heute her legt sich ein sehr ambivalenter Eindruck

nahe: Zum einen ist gerade in der jüngeren Generation

eine starke Neigung zu bürgerlichem Habitus und

seinen Lebensformen zu erkennen, auch wenn er sich

nicht durchgehend politisch artikuliert. Zum anderen

haben, durch unverhältnismäßigen medialen und politischen

Einfl uß (Noelle-Neumann: „Schweigespirale“),

5. Teil Bücher

93


5. Teil Bücher

94

die Ideologen der „Kulturrevolution“ von 1968 auf den

Feldern von Geschichts-, Familien- und Genderpolitik,

aber auch im sozial- und gesellschaftspolitischen Sinn

die bürgerliche Mitte vermeintlich besetzt. Tatsächlich

ist diese Mitte damit erodiert und unkenntlich geworden,

sehr zum Schaden der „Freiheit in der Republik“.

(3) Diese Diagnose muß im dritten und letzten Kapitel

des Buches auf den Rahmen einer Therapie hin

fortgeschrieben werden. Hier wird vor dem Hintergrund

der globalen Welt gefragt, wie Bürgerlichkeit, als ein

singuläres Proprium europäischer Identität, am Beginn

des 21. Jahrhunderts Leitfaden für die Politik und das

2. Die SWG ist Mitherausgeberin des folgenden Buches

Die missbrauchte Republik

*

Selbstverständnis eines liberalen Konservatismus sein

kann. Besonderes Augenmerk gilt der Universitäts- und

Bildungspolitik. Auch wird die Bedeutung des Christentums

und eines Patriotismus, der nach Kant zugleich

die Weltbürgerlichkeit garantiert, für jene bürgerliche

Identität herausgearbeitet. Und nicht zuletzt ist zu

fragen, was Bürgerlichkeit für den geforderten „fl exible

man“ des globalen Zeitalters bedeuten kann?

Es wird sich zeigen, daß es eine freie Republik und

eine wirklich politische Dimension des Gemeinwesens

ohne bürgerliche Identität nicht geben kann. Zugleich

wird deutlich werden, wie weit wir davon heute entfernt

sind.

Aufklärung über die Aufklärer (Hrsg. Späth/Aden) Verlag Inspiration Un Ltd Hamburg/London 2010

Seit AnfangFrühjahr 2010 sieht sich die bundesdeutsche

Gesellschaft mit einer beispiellosen Welle

von Enthüllungen über den Missbrauch von Kindern

und Jugendlichen konfrontiert. Aus der häufi g veröff

entlichten und durch bestimmte gesellschaftliche

Kreise gestützten Meinung, der sexuelle Missbrauch

von Kindern sei eine Art römisch-katholisches Problem,

wurde, wie Umfragen zeigten, schnell öff entliche Meinung.

Die nackten Fakten polizeilicher Kriminalstatistik

zeigten freilich ein völlig anderes Bild: „„Den einigen

hundert bisher bekannten Übergriff en in katholischen

Einrichtungen seit den fünfziger Jahren... stehen ca.

16.000 Übergriff e jährlich in der gesamten Gesellschaft

gegenüber.“ Diese Feststellung ist nur eine von vielen

wichtigen Korrekturen, die das neue Buch „Die missbrauchte

Republik – Aufklärung über die Aufklärer“ in

der aktuellen Missbrauchsdebatte anbringt. Während

in dieser Zeitschrift sonst meist Veröff entlichungen

von dritter Seite besprochen werden, ist in diesem

Falle die Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft

selbst Herausgeberin – zusammen mit der evangelischkonservativen

„Kirchlichen Sammlung um Bibel und

Bekenntnis in Bayern e.V.“ und ihrem Vorsitzenden

Andreas Späth.“

In dem neuen Buch geht es, wie Prof. Menno Aden

in der Einleitung des Buches darstellt, nicht nur um Kindesmissbrauch.

Es geht um die von der 68er-Bewegung

proklamierte sogenannte „sexuelle Revolution“ und

damit um deren Gesellschaftspolitik insgesamt, die

seit jeher im Fokus der kritischen Aufmerksamkeit der

SWG steht.

So furchtbar jeder einzelne Fall gerade in der Kirche

ist, so heuchlerisch war der Aufstand der vermeintlich

Anständigen. Sexueller Missbrauch ist in unserem Land

ein Thema, das zwar strafrechtlich klar defi niert ist, über

das sich jedoch bestimmte Kreise - merkwürdigerweise

mitunter dieselben, die nun auf die katholische Kirche

einprügeln -– in den Jahren nach 1968 und teilweise

bis weit in die neunziger Jahren hinein - ein sehr

eigenwilliges Bild gemacht hatten, das von massiver

Verharmlosung der Pädosexualität bis zu deren off ener

Befürwortung reicht und dieses propagierten, wie in

dem neuen Buch in eindrucksvoller Weise nachgewiesen

wird..


So waren es nicht nur Pädophilenverbände, sondern

auch Greminen von Parteien und sogenannter

Bürgerrechtsbewegungen wie der Humanistischen

Union, der wiederum zahlreiche Politiker aus FDP, SPD

und Bündnis90/Die Grünen angehören, die sich nicht

entblödeten, für ein angebliches „„Recht der Kinder

auf Sexualität“„ einzutreten. Der Vorstand der Humanistischen

Union warnte noch vor wenigen Jahren vor

einer Kriminalisierung und Dämonisierung von Pädophilen,

und Pro Familia, sowie die Bundeszentrale für

gesundheitliche Aufklärung förderten bis vor kurzer Zeit

mit Steuermitteln Broschüren, in denen Erzieher und

Familienmitglieder im Rahmen sogenannter Sexualerziehung

im Grunde off en zu pädophilen Handlungen

aufgefordert wurden.

Diese Tatsachen und die fast schon refl exartigen

Anklagen antiklerikaler und antikirchlicher Kreise waren

die beiden Impulse für die Aufnahme zu den Arbeiten

am das oben genannten Buch. Es gliedert sich grob in

zwei Teile, wobei der erste Teil Der erste Teil besteht

aus Aufsätzen von Kurt J. Heinz, Weihbischof Prof. Dr.

Andreas Laun, Dr. Gerard van den Aardweg, Andreas

Späth, Gabriele Kuby, Christa Meves, Dr. Albert Wunsch

und Jürgen Liminskiin denen das Phänomen der

Pädosexualität in allen Facetten beleuchtet wird: Welchen

Umfang hat die Pädophilie in den verschiedenen

Bereichen der Gesellschaft? Welchen Zusammenhang

gibt es mit dem Zölibat und mit Homosexuellen im

Priesteramt? Was ist von der griechischen „Knabenliebe“

zu halten, auf die sich neuzeitliche Verharmloser und

Förderer der Pädophilie so gern berufen? Ab wann

begann die Infi zierung der im frühen 20. Jahrhundert

aufgekommen Reformpädagogik mit dem „Virus“ der

Pädophilie? Warum haben maßgebliche Vordenker der

68er-Bewegung sexuelle Kontakte von Erwachsenen

mit Kindern oft verharmlost und teilweise sogar off ensiv

befürwortet? Wie kann die Pädophilie am besten zurückgedrängt

werden? Was ist vom „Runden Tisch“ der

Bundesregierung zu halten, der vor wenigen Wochen

seine Tätigkeit aufgenommen hat? Auf alle diese und

viele weitere Fragen geben Autoren wie Kurt J. Heinz,

Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun, Dr. Gerard van

den Aardweg, Andreas Späth, Gabriele Kuby, Christa

Meves, Dr. Albert Wunsch und Jürgen Liminski klar und

umfassend Antwort.

Interessant ist, wie sehr Organisationen, die sich nun

ganz besonders über Sünden im Bereich der Kirche

ereifern, es selbst waren, die diese Sünden einst am

liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklären wollten.

Dies wird im zweiten Teil des Buches besonders

deutlich, und der zweite Teil einer Dokumentation,

die dem Leser immer wieder die Sprache verschlagen

kann. Minutiös dokumentieren die Autoren des Buches

anhand von Originalzitaten in der Sachverhalte und

Texte veröff entlicht werden, die die Aktivitäten der ie

Apologeten sexueller Handlungen von Erwachsenen an

Kindern und deren Wirken in Kirche und Gesellschaft

in erschütternder Deutlichkeit der Öff entlichkeit zu-

gänglich machen. Insbesondere in den Jahren 1968

bis etwa 1998, teilweise aber bis in die jüngste Zeit

hinein, gab es einfl ussreiche gesellschaftliche Kräfte,

die pädosexuelle Kontakte strafl os stellen wollten oder

sogar als für das Kindeswohl nützlich propagierten. Mit

Schaudern erfährt der Leser, wie die Pädophilenlobby

nicht ohne Erfolg versucht hat, Kinderschutz-Verbände

zu unterwandern und für ihr im Wortsinne perverses

Anliegen auch noch Steuergelder zu bekommen. Das

Buch belegt Querverbindungen dieser Kräfte – etwa zur

Jugendarbeit der EKD, zur „feministischen Theologie“,

zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zur

Zeitschrift „Bravo“ oder zu Homosexuellenverbänden –

über die andere Publikationen zum Pädophilie-Skandal

heute lieber schweigen.

Abgerundet wird der Band durch philosophische

Überlegungen von Prof. Dr. Harald Seubert zu den

„emanzipatorischen Quellen des Bösen“, aus denen sich

der gesellschaftliche Umgang mit der vorher betrachteten

Missbrauchsproblematik speist. Nicht uninteressant

ist dabei, wie sehr Organisationen, die sich nun

in höchstem Maße über Sünden in der katholischen

Kirche ereifern, es selbst waren, die diese Sünden einst

am liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklären wollten.

Fachaufsätze und Dokumentation zeigen durch Einblicke

auch in szenerelevante Kreise, wo die eigentlichen

Probleme liegen - sowohl qualitativ, als auch quantitativ.

Das die Problematik - zumindest des Missbrauchs an

Jungen - wohl eher brisanter wird, zeigt ein erschütternder

Aufsatz des niederländischen Therapeuten

Gerard van den Aardweg, dem wir tiefe Einblicke in die

Zusammenhänge von Pädophilie und Homosexualität

verdanken. Die Autoren sind dem heißen Eisen nicht

ausgewichen, sondern haben zupackend die Situation

unserer Gesellschaft aus verschiedensten Blickwinkeln

analysiert.Dabei werden auch die Hinter- und Abgründe

ausgeleuchtet und die schier unglaubliche Dreistigkeit

selbsternannter Aufklärer aufgedeckt. Eine kleine Zahl

bestens vernetzter Pädo-Aktivisten hat in den verschiedensten

Bereichen – von den Universitäten über die

Justiz bis zur Gesetzgebung im Ehe- und Familienrecht

– unheilvoll gewirkt. Eine Schlüsselfi gur ist dabei der im

Jahr 2008 verstorbene Professor für Sozialpädagogik

Helmut Kentler: Besonders bedauerlich ist in diesem

Zusammenhang, dass wo immer man sich mit der

Apologie sogenannter Kindersexualität beschäftigt

hat, sei es bei „Pro Familia“„, der Bundeszentrale für

gesundheitliche Aufklärung oder entsprechend einschlägigen

Organisationen stößt man auch seinen

auf den Namen des Sozialpädagogen Helmut Kentler

stößt. Er war es, der hofiert von der evangelischen

Kirche, insbesondere verschiedener Einrichtungen

der Jugendarbeit, die Frühsexualisierung von Kindern

propagierte und Sexualität zwischen Minderjährigen

und Erwachsenen verteidigte, ja sogar stolz verkündete,

im Rahmen seiner Gutachtertätigkeit für den Berliner

Senat einräumte bewirkt zu haben, dass Jugendliche bei

wegen Missbrauchs vorbestraften Päderasten unterge-

5. Teil Bücher

95


5. Teil Bücher

96

bracht zu habwerden -– im vollen Wissen, ja sogar mit

der Begründungwohl wissend, dass diese Verkehr mit

den ihnen Anvertrauten haben würdätten (was dann

off enbar auch tatsächlich der Fall war).

Aber auch der zwischenzeitlich ebenfalls verstorbene

Gerald Becker und sein Lebensgefährte Hartmut

von Hentig waren in ein evangelisch-landeskirchliches

Beziehungsgefl echt eingebunden, dass ihrem pädagogischen

und sonstigem Treiben gegenüber Politik und

breiter Öff entlichkeit den Nimbus der Seriosität, ja des

moralisch Hochstehenden verlieh. Heute können auch

noch so warme Worte von kirchlichen Vertretern nicht

beispielsweise über die kaum aussprechbarenschockierende

Verstrickungen des evangelischen Theologen Gerold

Becker in den vermutlich größten systematischen

Missbrauchsskandal der bundesdeutschen Geschichte

hinwegtäuschen. Zur Wahrheit über die „chronique

scandaleuse“ des bundesdeutschen Pädophiliedebatte

gehört übrigens, dass es Figuren wir Kentler und Becker,

die ganz off en die Pädosexualität bis in den kirchlichen

Bereich hinein salonfähig machen wollten, auf katholischer

Seite nicht gab.

Getäuscht hatten sich aber vielleicht auch Täter vom

Schlage Beckers selbst. Womöglich glaubten er und

andere im Laufe der Jahre den zum Teil selbst in Umlauf

gebrachten Lügen, über angebliche sexuelle Bedürfnisse

von Kindern. In diesem Klima fortschreitender kollektiver

Gehirnerweichung, in dem weite gesellschaftliche

Kreise Sex mit Kindern nicht mehr verwerfl ich fi nden

wollten, gab es einen Fels in der Brandung, den auch

mächtigste Interessenverbindungen wohl abzuschleifen,

aber nicht aufzulösen vermochten - das Strafrecht.

So wundert es nicht, dass einschlägig engagierte Persönlichkeiten,

darunter auch Politikern und (oft selbst

3. Kirsten Heisig:

Das Ende der Geduld

Herder-Verlag, 205 Seiten, 14,95 Euro

ISBN 978-3-451-30204-6

Dr. med. Patricia Aden, Essen

Vorsitzende des Landesfrauenrates NW

Wie kommt es, daß ein Buch über kriminelle Jugendliche

in Berlin, über heruntergekommene Schulen und

sich wiederholende Jugendgerichtsverfahren zum

Bestseller wird? Hier geht es nicht um ein lokales Phänomen

oder bedauerliche Einzelfälle. Vielmehr wird die

Symptomatik einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung

anschaulich beschrieben. Die Erosion der staatlichen

Ordnung ist so weit fortgeschritten, daß nur sofortige

und konsequente Maßnahmen ein endgültiges Abgleiten

verhindern können. So ist bereits der Titel als Auf-

*

einschlägig interessierten!) Wissenschaftlern so viel

von der (teilweisen oder sogar vollständigen) Entkriminalisierung

der Pädophilie schwadronierten. Dass es

allerdings auch in Paragraphen „gegossenes“ Unrecht

gibt, zeigen nicht nur viele Gesetze der NS-Zeit und der

DDR, sondern auch der bundesdeutsche § 218. , so als

ob sich durch das Verdrehen von Worten aus Unrecht

Recht machen ließe...Das neue Buch belegt, wie zäh und

hartnäckig fast 30 Jahre lang in Deutschland versucht

wurde, sexuellen Kindesmissbrauch für rechtmäßig zu

erklären. Erst Mitte/Ende der 1990er Jahre ist dieser

Anschlag auf unsere Rechtsordnung angesichts einer

durch schreckliche Verbrechen alarmierten Öff entlichkeit

(vorerst) gescheitert.

Abgerundet wird der Band durch philosophische

Überlegungen von Prof. Dr. Harald Seubert zu den

„emanzipatorischen Quellen des Bösen“, aus denen sich

der gesellschaftliche Umgang mit der zuvor betrachteten

Missbrauchsproblematik speist. An dem neuen Buch

wird die bundesdeutsche Pädophiliedebatte kaum

vorbeigehen können. Auch all denjenigen, die eine

grundsätzliche Auseinandersetzung mit der sogenannten

68er Bewegung für notwendig halten, liefert dieses

Buch frappierende neue Erkenntnisse und Argumente.

A.S./K.B.

Das Buch kann bei der SWG bezogen werden. Da die

SWG als gemeinnütziger Verein keine kaufmännische

Tätigkeit entfalten darf und will, werden wir dieses Buch

zum Selbstbezugpreis von 6 Euro/Stück abgeben. Wir

würden es aber als Bestätigung unserer Arbeit ansehen,

wenn Sie uns überdies eine Spende in Höhe von

6 Euro (= Diff erenz zum Ladenpreis von 11.80 Euro )

zukommen lassen.

schrei zu verstehen: Das Ende der Geduld. Die Autorin

Kirsten Heisig war Jugendrichterin am Amtsgericht

Berlin-Tiergarten. Sie beschreibt aus ihrer täglichen

Erfahrung Täterkarrieren. Eigentlich sind alle jungen

Täter Opfer einer verfehlten Erziehung. Sie kommen

aus Familien, in denen Alkohol und Videos den Alltag

bestimmen, aus Wohlstandsverwahrlosung und aus

Migrantenfamilien, die sich weigern, irgend etwas für

die Zukunft ihrer Kinder zu tun.


Um eine Täterkarriere zu vermeiden, muß man beim

ersten Regelverstoß schnell und konsequent reagieren.

Dazu aber ist unser Staat nicht in der Lage. Zu viele

Instanzen sind beteiligt, und entsprechend langsam

und wirkungslos sind die Bemühungen, die Täter auf

den Weg von Recht und Ordnung zurückzuführen.

Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung libanesischkurdischer

Großfamilien (mit zehn und mehr Kindern),

die mit ungeklärter Staatsangehörigkeit hier einwandern,

Sozialhilfe beziehen und sich jeder Maßnahme

der Integration widersetzen. Die Autorin plädiert dafür,

in solchen Fällen delinquente Jugendliche zu ihrem

eigenen Schutz aus ihren Familien zu nehmen, da sie

sonst unweigerlich in die Kriminalität gedrängt werden.

Es gibt gewisse Ansätze zur Hilfe, wie z. B. das Neuköllner

Modell. Aber einzelne Projekte verlieren sich,

wenn sie nicht von einem politischen Konzept und

dem Willen zur Veränderung getragen werden. Dazu

muß man das Ausmaß der Verwilderung erkannt haben.

4. Schenk, Fritz/ Siebeke, Friedrich- Wilhelm

Der Fall Hohmann

Ein Deutscher Dreyfus

Dokumentation eines Medien- und Rechtsskandals

Universitas 3. Überrbeitete und ergänzte Aufl age 2010

Martin Hohmann, damals CDU MdB, hielt in seinem

Wahlkreis zum Tag der deutschen Einheit 2003 eine

Rede. Darin hat er, in Entgegnung zu der damals (vgl.

D. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker) neu entfachten

Tätervolk-Debatte folgenden Gedanken entwickelt:

An der bolschewistischen Oktoberrevolution

und an den nachfolgenden Verbrechen im Sowjetkommunismus

seien, was völlig unstreitig

ist, sehr viele Täter jüdischer Herkunft beteiligt

gewesen. Aber diese Täter seien keine wirklichen

Juden (mehr) gewesen, weil sie sich von ihrem

Judentum losgesagt hätten und in die Gottlosigkeit

gefallen seien. In ähnlicher Weise seien auch

die NS-Verbrechen von Menschen begangen

worden, die ihrer Religion abgesagt hätten. Das

zeige, dass Gottesferne und Religionsverlust der

Nährboden für die schlimmsten Verbrechen sei,

nicht aber die Zugehörigkeit zu einem bestimmten

Volk. Wie es abwegig wäre, die Juden als Tätervolk

der Verbrechen im Sowjetkommunismus

zu bezeichnen, so liege es fern, das deutsche Volk

als Tätervolk der NS-Verbrechen zu bezeichnen.

Darin wurde Antisemitismus gesehen. Braungeist –

Bandstifter – charakterloser Lump waren die Ausdrücke,

die nun auf den völlig Überraschten niederprasselten.

*

Kriminalstatistiken täuschen darüber hinweg – so die

Autorin –, daß die Intensität der Gewalt und der Anteil

der Intensivtäter zugenommen haben. Andere Länder

haben die gleichen Probleme wie wir und gehen damit

anders und erfolgreicher um. Das wird am Beispiel von

Rotterdam gezeigt. Deutschland ist europäischen Nachbarländern

aber in einem Punkt voraus: Bei uns gibt

es eine eigene Jugendgerichtsbarkeit, was in anderen

Ländern nicht der Fall ist.

Kirsten Heisig schreibt mit erkennbar innerer Beteiligung,

dennoch sachlich und an eigenen Erfahrungen

orientiert. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre Aussagen

nicht sofort zerrissen wurden. Ein anderer ist der,

daß die Autorin nicht mehr lebt.

Als Todesursache wird Selbstmord angegeben, Ende

Juni, kurz vor dem Erscheinen ihres Buches. Frau Heisigs

Tod ist ein Verlust für den Rechtsstaat. Ihr Buch sollte

uns aufrütteln.

Es entstand der Fall Hohmann. Niemand trat für ihn ein.

Auch die katholische Kirche, welcher Hohmann eng

verbunden war, stand schweigend beiseite. Hohmann

wurde aus der CDU ausgeschlossen. Dagegen wehrte

er sich durch alle Instanzen mit allen Rechtsmitteln, die

ihm aber nicht halfen.

Fritz Schenk von 1971-88 zuerst Co-Moderator,

zuletzt Redaktionsleiter im ZDF-Magazin, schrieb die

1. und 2. Aufl age des vorliegenden Buches. Friedrich-

Wilhelm Siebeke (Jahrgang 1922) , erfolgreicher Anwalt

in Düsseldorf und viele Jahre Mitglied des Bundesparteigerichts

der CDU besorgte nun die 3. Aufl age. Dem

2006 verstorbenen Schenk gilt ein ehrendes Andenken.

Siebeke verdient höchste Anerkennung dafür, dass er

sich die Mühe gemacht hat, das Verfahren gegen Hohmann

von Anfang bis Ende rechtlich auszuleuchten.

Das Buch hat in der 3. Aufl age vom Verlag den Untertitel

bekommen Ein deutscher Dreyfus. Man muss

als Deutscher beschämt dazu ausrufen: Wenn es doch

so wäre! Dreyfus wurde vor dem 1. Weltkrieg in einer

aufgehetzten Atmosphäre zu Unrecht des Landesverrats

zugunsten Deutschlands bezichtigt und in einem

formal richtigen Strafverfahren verurteilt. Als aber das

Unrecht erkannt worden war, hat die französische Regierung

Dreyfus rehabilitiert, entschädigt und in volle

Ehren wieder eingesetzt. Dafür verdient Frankreich Respekt.

Die völlige Unschuld Hohmanns ist längst, nicht

5. Teil Bücher

97


5. Teil Bücher

98

erst durch dieses Buch, erwiesen. Niemand von der CDU

hat aber die Größe, sich bei Hohmann zu entschuldigen

und ihn zu rehabilitieren. Auch die Bundeskanzlerin

nicht. Das ist schändlich von ihr und beschämend für

alle Deutschen. Hohmann ist wie Autor Siebeke privat

berichtet, heute von allen verlassen und menschlich

völlig zerbrochen.

Schenk hatte hohen SED-Funktionären gedient,

ehe er 1957 in die Bundesrepublik fl oh. Er sagte aus

Erfahrung im Vorwort zur 1. Auflage: Zu den ersten

Gewaltmaßnahmen jeder Diktatur gehören die Unterdrückung

und schließlich die Beseitigung der Meinungsfreiheit.

Er erinnert an den Skandal um den damaligen

Bundestagspräsidenten Jenninger, der aufgrund einer

unseligen Rede sein Amt verlor und fortan als Ausgestoßener

lebte – und daran, dass der Vorsitzende des

Zentralrates der Juden, Ignaz Bubis, (ohne Jenningers

Namen zu nennen) genau die gleiche Rede gehalten

hat und dafür allgemeine Zustimmung erfuhr. Jenninger

wurde trotzdem nicht rehabilitiert! Zur 2. Aufl age

(2004) sagt Schenk: Der Fall Hohmann ist… ist zu einem

Politikum höchsten Ranges geworden. .. und spricht von

der öff entliche Verdammnis, der Hohmann preisgegeben

wurde, wie sie bisher kaum ihresgleichen hatte. Schenk

zeichnet den Verlauf des Verfahrens akribisch nach. Karl

Feldmeyer (FAZ-Redakteur a.D.) im Geleitwort zur 3. Auflage

kann in der Rede Hohmanns (natürlich) nichts Antisemitisches

erkennen. Das Thema, das sich Hohmann

gewählt hatte, war die Forderung nach Gerechtigkeit für

Deutschland (S. 13). Auch wenn man das Ergebnis nicht

wüsste – man fühlt mit von Seite zu Seite wachsender

Beklemmung, welche unsinnige Forderung Hohmann

hier gestellt hat, man sieht ihn förmlich – wie Laokoon

mit den Schlangen – in einem aussichtlosen Kampf

mit linken Intriganten und feigen Parteifreunden, in

welchem er untergehen wird.

Das Uhrwerk der linken Meinungsmacher (S. 37 f)

beschreibt Wirkweise der linken Seilschaften, die sich

locker die Bälle zuwerfen. Der Ablauf des so genannten

Skandals zeigt vor allem, wie das Räderwerk der Political

Correctness im deutschen Pressewesen läuft. Obwohl

Hohmanns Rede noch praktisch unbekannt war, keilten

die Zeitungen bereits los. Berliner Zeitung: Charakterloser

Lump! Usw. Wir haben dasselbe im September

2010 wieder bei Sarrazin erlebt. Bundespräsident,

Bundeskanzlerin, höchste Repräsentanten des Staates

schämen sich nicht, ein vernichtendes Urteil über ein

Buch abzugeben, das sie zugeben, gar nicht gelesen zu

haben. Das Buch ist erschütternd und erregend – aber

leider auch von der Art, dass ein freiheitlicher Bürger

es kaum erträgt, weiter zu lesen. Alle, alle schwenken

in die vorgegebene Linie ein, auch die sich freiheitlich

gebende FAZ (S. 44). Hohmann hatte keine Chance! Die

CDU – Granden, taub für jedes sachliche Wort, lassen

Hohmann fallen, ehe sie noch wissen, was er gesagt,

gedacht oder getan hat. Wie bei Barschel - feige bis ins

Mark. Siebeke hat als Mitglied im erkennenden Bundesparteigericht

der CDU entsetzt zusehen müssen,

wie Hohmann gegen alles Recht mißhandelt wurde. In

einem Sondervotum hat er gegen den Parteiausschluß

Hohmanns gestimmt. Alle zum Fall Hohmann ergangenen

zehn (!) bis zum BVerfG ergangenen Entscheidungen

hat er zusammen mit seinem Sondervotum und

der hierzu vom verstorbenen FAZ-Redakteur Fromme

verfaßten Anmerkung in der 3. Aufl age veröff entlicht.

Zusammen mit hier erstmals veröff entlichten Entscheidungen

zum Fall ist das eine in der bundesdeutschen

Rechtsgeschichte einmalige Dokumentation!

Es will etwas heißen, wenn der hoch betagte Anwalt

es als Verpfl ichtung beschreibt, diese Dokumentation

vorzulegen, und wenn er sagt: Das Hohmann- Verfahren

war kein “gerechtes Verfahren“ ( S. 185). Auf S. 186 f gibt

Siebeke ein Verzeichnis der von den verschiedenen

Instanzen gemachten Verfahrensfehler. Diese werden

auf den Seiten 181-272 darlegt und erläutert. Auch der

juristische Laie kann oft nur den Kopf schütteln, und

der Jurist fragt sich betroff en: Haben wir Deutschen aus

zwei Diktaturen, aus NS- Zeit und DDR nichts gelernt?

Herrscht dieselbe Feigheit? Dieselbe Duckmäuserei?

Dieselbe nassforsche Missachtung des Rechtes auch

bei uns unter dem Grundgesetz? Das wird man leider

so sehen müssen, jedenfalls immer dann, wenn es um

bestimmte Themen geht.

Das Buch sollte jeder freiheitliche Bürger lesen. Und

wenn er es vor lauter Empörung nicht zuende liest –

dann möge er es für seine Kinder und Enkel hinstellen,

und folgende Belehrung hinzufügen: So fängt die

Unfreiheit an!

M.A.

12.11.10


Zum Schluß

Odysseus

Wie elend stillzusitzen, abzuschließen,

zu Rost verwittern, alt und ungebraucht.

Als ob es Leben wäre, nur zu atmen!

Doch Alter hat noch Würde und Bestimmung.

Der Tod schließt alles. Doch bevor er naht,

sei etwas noch des Ruhmes wert getan.

Die Sterne glitzern schon vom Bergeskamm,

der Tag zerfl ießt, es steigt der Mond gemach,

und aus dem Meer raunt es mit tausend Stimmen.

Kommt, Freunde, auf! Noch ist es nicht zu spät,

uns eine Welt, die neuer ist, zu suchen.

Stoßt ab, und schlagt in klarem Takt die Ruder.

Denn jenseits, wo die Sonne untergeht,

und jenseits aller Sterne dort im Westen,

da muß ich hin, soweit, bis daß ich sterbe. 206·

206 · Nach ägyptischer und griechischer Vorstellung lagen das Totenreich

oder die Inseln der Seligen jenseits der Säulen des Herkules

im Westen.

sei das Gedicht Ulysses – Odysseus von Alfred Lord

Tennyson (Auszug) eingerückt. Viele unserer Leser

haben ihre Berufsjahre hinter sich, schauen etwas

resigniert auf die Entwicklungen und meinen, es sei

zu spät, uns eine Welt, die neuer ist, zu suchen. So ist es

nicht. Der Tod schließt zwar alles. Doch bevor er naht, sei

etwas noch des Ruhmes wert getan … Sie können uns

eine Spende zukommen lassen oder die SWG auch in

Ihrem Testament bedenken.

Mag sein, daß uns die Brecher unterspülen.

Mag auch sein, und wir sehen jene Inseln

der Seligen und sehen auch Achill,

den Helden, den wir kannten, noch einmal.

Und sind wir gleich nicht mehr so stark wie einst,

da wir die Erde und den Himmel faßten,

so sind wir doch noch immer, die wir sind:

ein Bündnis heißer, gleichgestimmter Herzen,

zwar schwach durch Alter und durch manchen Schlag,

doch stark in einem ungebeugten Willen,

zu streben, suchen, fi nden und nicht weichen.

(gekürzt; übersetzt aus dem Englischen von M. Aden.

Das ungekürzte Gedicht übersetzt unter: www.

dresaden.de B III Nr. 2 Englisch)

Zum Schluß

99


100

Unsere Veröff entlichungen

Best.Nr. Titel Preis

320047 Fragen zur Zeit 1986/87 2,50 €

320049 Fragen zur Zeit 1987/88 2,50 €

320050 Fragen zur Zeit 1988/89 2,50 €

320051 Fragen zur Zeit 1990 2,50 €

320052 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 1991 2,50 €

320053 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 1992 2,50 €

320054 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 1993 2,50 €

320059 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 1997 2,50 €

320063 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 1999 2,50 €

320065 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 2002 2,50 €

330000 „Sonderausgabe Deutschland Journal 2002” –

Die Stellung der Frau im 21. Jahrhundert 2,50 €

330008 Meinrad von Ow – Verbrechen der Wehrmacht.

Dimensionen Vernichtungskrieges 1941–1944, 1.Aufl age 2003

(Sehr empfehlenswert) 2,50 €

330009 DJ Sonderausgabe 2006:

Preußen und das preußisch – deutsche Reich.

Die Praxis des effi zienten Staates 2,50 €

320072 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 2006 2,50 €

320073 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 2007 2,50 €

320074 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 2008 2,50 €

320075 Deutschland Journal – Fragen zur Zeit 2009 2,50 €

330013 DJ Sonderausgabe 2008: Wie kann Deutschland seine ….. 2,50 €

330015 DJ Sonderausgabe 2009: Deutsche Soldaten ….. 2,50 €

330016 DJ Sonderausgabe 2010 2,50 €

Folgende Ausgaben vom Deutschland Journal ab dem Jahr 2000 sind leider vergriffen:

2000, 2001, 2003 2004, 2005

DJ Sonderausgabe 2007: Ursachen des 2. Weltkrieges

Wir liefern portofrei ab einem Bestellwert von 20,- €.

Bestellungen bitte an folgende Adressen richten. SWG e.V.

Postanschrift:

Postfach 26 18 27

20508 Hamburg

Fax: 040- 41 40 08 48

E-Mail: geschaeftsstelle@swg-hamburg.de

Bitte beachten Sie auch unsere Büchertische bei den Vortragsveranstaltungen