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Hugo und die Schwarze Hulda

Baumfalke Hugo hatte sich nach der Rückkehr von seinem kürzlichen

Ausflug und der Begegnung mit der Baumfalkendame Hulda sehr

verändert. Er war ständig zerstreut, schlief schlecht und patrouillierte

nur wenig sorgfältig in seinem Reich der Lüfte, auch das Kartenspielen

mit seinen alten Freunden machte ihm keinen rechten Spaß mehr,

und somit war er nicht mehr der gestrenge Kämpfer für Ordnung im

Revier wie früher. Den anderen Vögeln und Kleintieren entging dies

nicht, und sie rätselten gemeinsam darüber, was wohl geschehen sein

mochte. Auch das Amselmännchen wusste nichts, auch nicht Star

Stefan, und das wollte schon etwas heißen, denn diese zwei wussten

doch sonst immer alles! Wir müssen der Sache schnell auf den Grund

gehen – sagte eines Morgens die alte Krähe Käthe. Das kommt doch

nicht einfach so von selbst. Und sie begab sich schnell zu den anderen

Tieren, um dort etwas in Erfahrung zu bringen.

Am Teich unterhielt sie sich eine Weile mit Ente Hanna und Fröschlein

Quack – die wussten aber überhaupt nichts und hatten auch nicht

bemerkt, dass der Baumfalke anders war. Wenn er am Himmel

auftaucht, gehe ich ihm sicherheitshalber lieber aus dem Weg, meinte

die Ente und ordnete das Gefieder. Quak, quak – so ist das; du hast

Recht, es ist besser, ihm manchmal aus dem Weg zu gehen – fügte

das Fröschlein hinzu. Ich weiß nicht, vielleicht ist es die Liebe? –

dachte die Krähe Käthe laut nach, doch das Fröschlein und das

Entchen waren schon vom Ufer weggepaddelt und suchten

gemeinsam auf der Wasseroberfläche nach etwas Fressbarem – und

so flog die Krähe Käthe weiter auf einen Schwatz im Lärchenhain bei

der Storchenfamilie – man aß gerade zu Mittag, und Käthe wurde

auch herzlich dazu eingeladen, von den Kümmernissen des

Baumfalken wussten sie jedoch bisher auch noch nichts. Und so

schaute der Baumfalke in seinem Kiefernnest hoch über den

Baumwipfeln nur verträumt und etwas traurig in die Ferne, hin ins Tal

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


eider Flüsse, unentschlossen zupfte er an seinem Gefieder herum.

Auf einmal erhob er sich, schaute sich vorsichtig in der Umgebung um

und flog dann pfeilschnell aus dem Nest, genau in die Richtung, in die

er vorher verträumt geblickt hatte. Er gewann an Höhe und war schon

weit fort von seinem Nest, und es war ihm auch egal, dass er für den

Nachmittag zur regelmäßigen Kartenpartie beim alten Bären Bruno,

Biber Hans und Hund Bobby eingeladen war. Er flog, so schnell er

konnte und erblickte wenig später die bekannte Buchen- und

Eichengruppe am Teich Blubberling, und sein Herz machte vor Freude

einen Sprung, als er am Wasser die ihm ebenfalls vertraute blaurostfarbene

Gestalt mit dem schwarzen Köpfchen erblickte. Kiki-kiki,

Hulda, ich bin´s, Hugo, kiki-kik – rief er ihr von Weitem zu, vielleicht,

um sie nicht aufzuschrecken. Ich grüß dich schön, lieber Hugo – Hulda

drehte sich in seine Richtung und flog ihm entgegen. Sie trafen sich

über den hohen Bäumen und kreisten eine Weile da oben – schneller

und immer schneller – dabei vollführten sie einige akrobatische

Kunststücke, die ihnen viel Spaß machten, und versetzten dabei die

anderen Vögel aus der Umgebung in Erstaunen, die sich an diesem

Tanz in den Lüften nicht sattsehen konnten.

Wenig später meinte Hulda bei einem Sturzflug: komm, wir ruhen uns

etwas bei uns zu Hause aus, du hast sicher Hunger und Durst, vor

allem nach der ganzen Akrobatik. Hugo verdrehte nur zustimmend die

Augen, und gemeinsam landeten beide in der Krone einer hohen

Eiche in der Nähe des Damms des Blubberlings. Ihr habt wirklich ein

geräumiges und hübsch eingerichtetes Nest – meinte Hugo gleich

nach der Landung anerkennend. Von hier aus hat man einen

herrlichen Blick in die Umgebung, dabei kann man von außen nicht

hereinschauen – meinte Hulda stolz. Das ist unser alter Familiensitz,

den wir von einem alten Vogelbaumeister aus der Gegend geerbt

haben. Und gleich zog sie ein paar Baumfalkenleckerbissen aus der

Speisekammer, die sie auf der Wasseroberfläche des Blubberlings

gefangen hatte, und sie trug in einem Fingerhut aus Gras auch frisches

Trinkwasser aus dem Brunnen heran, der im Unterholz des Waldes

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


versteckt und nur den hiesigen Herren der Lüfte zugänglich war. So

hielten sie gemeinsam einen kleinen Festschmaus und unterhielten

sich angeregt, dabei vergaßen sie völlig, dass sie sich beim letzten

Mal zu einer gemeinsamen Reise an die Moldau und einem Besuch

bei Huldas Verwandten verabredet hatten. Sie erinnerten sich erst

daran, als es schon dunkel über dem Wald wurde und der Abend

nahte.

Also schaffen wir es heute wieder nicht, seufzte Hulda. Wir können

nicht so spät hinfliegen, sie haben doch Junge, und wir würden ihre

Familienidylle stören. Du hast Recht, da werde ich wohl bald

wiederkommen müssen – aber dann fliegen wir sofort hin – meinte

Hugo und war froh, wieder einen praktischen Grund zu haben, um

Hulda bald wieder besuchen zu können.

Und so verabschiedeten sie sich wieder – diesmal schon wie gute

Freunde – und Hugo musste versprechen, wirklich bald zu kommen

und dann ganz sicher für längere Zeit.

Hugo machte sich auf den Heimweg, zurück flog er viel langsamer und

bedächtiger, dabei beobachtete er achtsam das Leben in der Luft

unter sich und ließ seinen Baumfalkenblick über die Landschaft

streichen. Zu Hause angekommen, flog er an seinem leeren Nest

vorbei und begab sich gleich zur Höhle, wo seine Freunde fröhlich

Karten spielten und ihn als schon verloren geglaubten Mitspieler

begrüßten, den sie den ganzen Nachmittag nicht hatten erreichen

können. Ich habe dich von allen Störchen suchen lassen, vom

Amselmännchen, von den Krähen und dem Star, ich wollte sogar die

Schwalben zu Hilfe holen – erzählte Bär Bruno. Wo warst du nur, du

alter Streuner? Ach, ich wollte einfach in eine andere Ecke des Landes

fliegen – antwortete Hugo verträumt und geheimnisvoll und meinte

dann zu Bobby: Also, wo klemmt es, alter Bruder, teil schon aus,

damit ich euch zeigen kann, wie eine richtige Partie aussieht. Eine

richtige Partie – das sind wir – meinte darauf Biber Hans – deshalb

könntest du uns schon dein, wie ich deiner guten Stimmung

entnehme, wohl sehr angenehmes kleines Geheimnis verraten … !?

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


Wartet bitte lieber noch eine Weile, ich will nichts beschreien oder

übereilen, ich bin etwas abergläubisch – bat Hugo ungewöhnlich

sanft. Gut, dann spiel zumindest beim Blatt anständig Trümpfe aus –

meinte Bruno großmütig, und Bobby streckte Hugo ständig

ausgelassen die Zunge heraus.

Und so spielten sie an diesem Abend noch bis lange in die Nacht, und

für Hugo, der zwar fast nie gewann, war dies wieder einmal ein sehr

gelungener Sommertag gewesen.

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


Bärenschlaf

Einmal im November, als bereits fast das gesamte Laub abgefallen

war und der Wind immer öfter und freier durch die Äste der Buchen,

Eichen und Lärchen sauste und auch die Kronen der Kiefern, Fichten

und Tannen zerzauste, saß Bär Bruno wie immer in der netten

Gesellschaft des alten Bibers Hans vor seiner Höhle, beide

debattierten über alles Mögliche. Da ist der Sommer aber schnell

vorbeigegangen, der Herbst ist zwar schön, aber auch kurz, und dann

– erwartet und trotzdem unerwartet früh – wird es von Norden

wehen, und das ist ein Zeichen dafür, dass mit Riesenschritten der

Winter naht – philosophierte der alte Biber. Alle Tiere bereiten sich

schon auf den Winter vor, sie suchen und sammeln die letzten

Vorräte, und so ist es hier auf einmal so traurig und leer. Wir Biber

haben auch schon unser Heim und die Werkstatt winterfest gemacht

– erzählte der Biber dem Bär. Ich habe eine Idee, meinte Bruno auf

einmal: wir spielen heute mit unseren Freunden die letzte Partie

Karten, und ich ziehe mich dann in die Höhle zum Winterschlaf zurück.

Ich fühle mich dieses Jahr irgendwie müder als sonst. Eine gute Idee,

ich rufe Hugo, der soll unsere alten Freunde informieren, dann spielen

wir heute Abend das letzte Mal, meinte der Biber und erhob sich

langsam, um zu gehen. Mit der Müdigkeit ist das bei mir genauso wie

bei dir, jedes Jahr bin ich ein bisschen müder, aber im Frühjahr ist

dann alles vorbei, und ich bin fröhlich und glücklich, auf dieser Welt zu

sein, hier bei euch allen – sagte er noch beim Gehen und verschwand

langsam im Kieferngehölz.

Der Bär erhob sich auch und trollte sich nach hinten in die Höhle, um

– ehe sich alle am Abend wieder vor der Höhle treffen würden – zum

letzten Mal seine Vorräte für den Winter zu kontrollieren. Er stellte

voller Freude fest, dass ihm die Bienen schon seinen

Bärenleckerbissen zubereitet hatten, den er immer aß, wenn er im

Winter aus dem Schlaf erwachte.

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


Am Abend trafen sich alle Freunde vor der Höhle, sie spielten

spannende Partien, lachten und amüsierten sich, und als der schon

leuchtend runde Mond über den Gipfeln der hohen Kiefern stand, hob

der Bär bedeutungsvoll den Kopf und verkündete allen, er werde sich

nun zum Winterschlaf zurückziehen und die Höhle bliebe ab jetzt

geschlossen. Ihr könnt mich natürlich stören, aber nur bei wirklich

wichtigen Dingen. Ich glaube aber, dass ihr schon gemeinsam

zurechtkommt, wie jeden Winter. Mit diesen Worten verabschiedete

er sich und lief langsam zur Höhle, am Eingang schaute er sich noch

einmal um und winkte mit seiner mächtigen Bärentatze. Die anderen

Tiere winkten ihm auch fröhlich zu und wünschten ihm noch einen

ruhigen, süßen Winterschlaf.

Da sind wir wieder für einige Zeit verwaist – ließ sich ungewöhnlich

schüchtern Bobby hören. Unsere Kartenpartien werden mir den

ganzen Winter über fehlen. Das kann ich mir gut vorstellen, du hast

doch fast immer gewonnen – Wildschwein Ferdinand konnte sich

diesen bissigen Kommentar nicht verkneifen. Warum wühlst du in

meinen Gefühlen? – brummte Bobby. Weil ich ein Wildschwein bin,

und Wildschweine wühlen bekanntlich in allem.

Deshalb habe ich doch auch meinen Wühlrüssel, oder? Aha, heute

hast du wahrscheinlich etwas Witzbrei gefrühstückt … - ließ sich

Bobby zwar stichelnd, aber trotzdem etwas versöhnlicher hören, und

es war zu merken, dass ihm die witzige Debatte mit dem kleinen

Wildschwein gefiel. Wisst ihr, dass heute Vollmond ist? – mischte sich

Hulda ein, die wie immer treu ihren Freund Hugo begleitete.

Vollmond – was ist das? – fragte das an diesem Tag zufällig

vorbeischauende Füchslein Knabber. Vollmond ist, wenn wir den

Mond ganz rund sehen wie heute, und in so einer Nacht scheint er

auch am hellsten – gab Bobby mit seinen Kenntnissen an.

Und da gibt es jedes Mal einen anderen Mond? – fragte das

Füchslein? Nein – erklärte nun Hulda – es ist immer derselbe Mond,

doch wir sehen zumeist nur einen Teil, entweder nimmt er zu oder ab,

und so sieht er dann auch aus. Nach Vollmond, also morgen Nacht,

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4


nimmt er wieder langsam ab. Das sagt man so, weißt du, Knabber.

Nun – ein bisschen – eigentlich weiß ich nicht, ob ich es weiß, meinte

das Füchslein etwas verwirrt. Aber das ist nicht so schlimm, mit der

Zeit wird dir das klarer – mischte sich Hugo in die Debatte ein. Und

wenn nicht, dann schau einfach nicht nach oben, dann brauchst du dir

darüber keine Gedanken zu machen – riet ihm etwas von oben herab

der alte Besserwisser Bobby. Ich habe den Eindruck, dass heute der

Vollmond doch ein bisschen auf dich wirkt, Bobby – fügte der alte

Biber Hans hinzu – und Bobby war nun lieber still, denn er hatte

Respekt vor dessen Alter und der Achtung, die Hans bei den Tieren im

Wald genoss.

Hugo und die Schwarze Hulda verabschiedeten sich langsam – am

nächsten Morgen wollten sie nämlich Falke Heinrich besuchen fliegen

und dann noch hinunter zum Fluss zu ihrem Freund, Amsel Jakob, der

für sie Neuigkeiten von der Storchenfamilie hatte. Ein Bekannter,

Storch Michael, hatte diese mitgebracht, der unerwartet aus dem

fernen Afrika zurückgekehrt war. Hulda hoffte dabei insgeheim, dass

er vielleicht auch jemanden aus ihrer großen Baumfalkenfamilie

getroffen haben könnte. Danach verabschiedete sich auch Dachs

Dagobert, die alte Schlafmütze, der sonst zu dieser Nachtzeit schon

längst in seiner Höhle in der Nähe der Schlucht schlief, in der immer

noch die Rehe zusammen mit der Hasenfamilie wohnten. Du solltest

auch nach Hause gehen, Füchslein, damit man dich nicht sucht –

meinte Eichhörnchen Emma. Ja, ich gehe schon, aber ich wollte doch

noch fragen, was der Mond macht, wenn er abnimmt, wie sieht das

aus? Weißt du was, dann schau jeden Abend an den Himmel, dann

wirst du es sehen, und wenn er nur noch als Sichel zu sehen ist,

verschwindet er wenig später ganz für eine Zeit, er versteckt sich, und

dann kommt er wieder und nimmt langsam wieder zu, und wenn er

ganz zugenommen hat, ist wieder Vollmond – meinte Bobby zu

Knabber. Und jetzt kannst du ruhig nach Hause schlafen gehen – fügte

Biber Hans hinzu. Das Füchslein verabschiedete sich also und rannte

schnell nach Hause. Die anderen Tiere unterhielten sich aber noch bis

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Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

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tief in die Nacht über alles Mögliche und gingen erst spät nach

Mitternacht heim. Am weitesten hatte es wie immer Bobby, der sich

jedoch auch im nächtlichen Wald gut und sicher auskannte. Er lief

fröhlich heimwärts, war mit sich zufrieden und stolz auf sich, dass er

wieder vor allen mit seinem Wissen hatte glänzen können, diesmal

über den Mond. Und wie er sich langsam seinem Zuhause näherte,

dachte er schon wieder darüber nach, was ihm wohl seine Menschen

zum heutigen verspäteten Abendessen in die Futterschale getan

haben könnten – und so nahm er das klare Mondlicht, das ihn auf

dem ganzen Weg begleitete, gar nicht richtig wahr.

Leseprobe aus dem Buch „GUTENACHTMÄRCHEN aus dem Wald“

Verfasser: J. Černohorský, Übersetzung ins Deutsche: S. Klein,

Umschlaggestaltung: M. Paulíková; ISBN: 978-80-87415-47-4

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