Das Licht in den Bildern

ev.theologie.uni.mainz.de

Das Licht in den Bildern

Gt 08020 / p. 923 / 1.10.2007

Das Licht in den Bildern

EvThom 83

(1) Jesus spricht: »Die Bilder sind dem Menschen sichtbar, aber das Licht in

ihnen ist verborgen im Bild des Lichts des Vaters. (2) Es wird sich offenbaren,

aber sein Bild ist verborgen durch sein Licht

Sprachlich-narrative Analyse (Bildlichkeit)

EvThom 83 (NHC II, 2p. 47,19-24) gehört zu den kompliziertesten und rätselhaftesten

Logien des gesamten Thomasevangeliums, bei dessen Interpretation man mit nahezu allen

Problemen einer religionsgeschichtlichen Verortung dieses Werkes konfrontiert wird.

Wie die meisten Texte des Thomasevangeliums wird das Logion mit der stereotypen Einleitungsformel

»Jesus spricht: …« eröffnet. Es ist als eine unpersönliche bzw. allgemeingültige

Aussageeinheit gestaltet und es wird kein Hinweis geboten, in welcher Situation

Jesus diese Worte an wen richtet. EvThom 83 bietet zwei Thesen (1a bzw. 2a), denen

jeweils eine Antithese gegenübergestellt wird (1b bzw. 2b). Doch trotz der klaren syntaktischen

Struktur des Logions bereitet bereits dessen Übersetzung Probleme. Die oben

vorgeschlagene Übersetzung entspricht dem koptischen Text, welcher in Teilvers EvThom

83,1b mit der Genitivkonstruktion (mpwoin mpiōt) endet. Zuweilen

wurde versucht, die enigmatische Aussage »… aber das Licht in ihnen ist verborgen im

Bild des Lichts des Vaters« durch eine textkritische Konjektur verständlicher zu machen,

indem man (pwoin) statt (mpwoin) liest und diese Worte somit zum

Subjekt des nachfolgenden Teilversteil macht (Schröter/Bethge 2001, 177). Da durch diese

Lesart die inhaltlich-sachliche Aussage des Textes allerdings kaum klarer wird, ist eine

solche Konjektur, die keinen unmittelbaren Anhalt am Text hat, kritisch zu betrachten.

Der Leser des Textes wird mit der These konfrontiert, dass ›Bilder‹ den Menschen

sichtbar sind. In diesen Bildern ist Licht enthalten, das jedoch nicht unmittelbar erkannt

werden kann. Es ist vielmehr in einem anderen Bild verborgen, nämlich in dem Bild des

Lichtes des Vaters. In EvThom 83,2 wird daraufhin konstatiert, dass jenes Licht sich offenbaren

wird, daß aber das Bild des Vaters in seinem Licht verborgen bleibt.

Für sich genommen bleibt EvThom 83 »ebenso tiefgründig wie unverständlich«

(so P. Nagel 2004, 251). Unweigerlich stellt sich die Frage, auf welche traditionsgeschichtlichen

Bezugsgrößen diese fragmentarischen Motive anspielen und in welchem

Verhältnis EvThom 83 zu weiteren Logien des Thomasevangeliums steht. Zunächst fällt

auf, dass das unmittelbare folgende Logion EvThom 84 terminologisch und inhaltlichsachlich

EvThom 83 äußerst nahesteht. EvThom 84 bietet eine Kontrastierung unterschiedlicher

Arten von Bildern, nämlich einerseits von ›Abbildern der Menschen‹

(EvThom 84,1a) und andererseits von ›Bildern, die vor ihnen entstanden sind‹ (EvThom

84,2a). Diese Bilder haben unterschiedliche ontologische Grundbestimmungen. Der

koptische Terminus (hikōn) bezeichnet als Lehnwort des griechischen Begriffs

e§kðn (eikōn) eine Kategorie von Bildern, welche unsterblich sind (EvThom 84,2c). Auch

wenn diese Bilder nur schwer zu erkennen sind, kann ihre Wahrnehmung eine innere

909


Gt 08020 / p. 924 / 1.10.2007

ParabelnimThomasevangelium

Erschütterung auslösen (EvThom 84,2c). Demgegenüber wird mit (ine), einem

Äquivalent zu ¡mofflwsi@ (homoiōsis), eine Abbildhaftigkeit bezeichnet, welche den Betrachter

erfreut (EvThom 84,1b).

Die in EvThom 83 und EvThom 84 formulierten Aussagen korrespondieren innerhalb

des Thomasevangeliums mit weiteren Logien, die für die Anthropologie dieses Werkes

von grundlegender Bedeutung sind. Im besonderen Maße gilt dies für den Logienkomplex

EvThom 49; 50. In diesem Zusammenhang wird einerseits betont, dass die

wahren Jünger Jesu aus einem ewigen, ungeschaffenen Licht bzw. aus dem Königreich

stammen und wieder in dieses zurückkehren werden. Diesen Logien liegt somit jeweils

die Vorstellung einer seelisch-geistigen Präexistenz der Jünger zu Grunde. Andererseits

ist in diesem Zusammenhang wie in EvThom 83 von einer Offenbarung des Lichtes in

Bildern die Rede. EvThom 50,1 zufolge hat sich das ewige Licht, aus dem die Jünger

stammen, ›hingestellt‹ und ist ›in ihrem Bild erschienen‹. Die lichtmetaphorischen Facetten

von EvThom 50,1; 83; 84 korrespondieren wiederum mit weiteren Logien des Thomasevangeliums,

in denen zur Sprache gebracht wird, dass die Jünger ihr lumen internum

erkennen und entfalten müssen, um einer eschatologischen Errettung teilhaftig zu

werden (EvThom 24,3; 61,5 [vgl. den Kommentar zu EvThom 24 in diesem Kompendium]).

Wenn durch die Unterscheidung von sterblichen und unsterblichen Bildern unterschiedliche

Komponenten menschlicher Existenz umschrieben werden soll, so könnte

EvThom 84 zudem eine Affinität zu denjenigen Logien des Thomasevangeliums aufweisen,

in denen die Leser dazu aufgefordert werden, sich von der irdisch-körperlichen

Dimension ihres Daseins zu distanzieren (EvThom 56; 80; 87; 112).

Auf Grund der skizzierten thematischen Bezüge wird selbst von Auslegern, die das

Thomasevangelium ansonsten für ein frühes, jüdisch-weisheitlich inspiriertes Werk halten,

eingeräumt, daß EvThom 83 »very gnosticizing tendency« erkennen lässt (so Patterson

1993, 198). Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man die traditionsgeschichtlichen

Hintergründe von EvThom 83 und EvThom 84 zu erfassen versucht. Die in diesen Logien

vorgenommene Unterscheidung zweier unterschiedlicher Formen einer Abbildhaftigkeit

menschlicher Existenz erinnert an traditionsgeschichtliche Hintergründe wie die

platonische Ideenlehre und an das Motiv der Gottebenbildlichkeit des Menschen, einem

anthropologischen Leitmotiv der biblischen Schöpfungserzählungen (Gen 1,26f.). Dass

insbesondere Gen 1,26 f. einen Hintergrund von EvThom 83 und EvThom 84 bildet,

wird zudem durch EvThom 85 und weitere Logien des Thomasevangeliums nahegelegt,

in welchen der Leser dieses Werkes dazu aufgefordert wird, protologische Schöpfungsgeheimnisse

bzw. die ontologischen Grundbestimmungen seiner Existenz zu erkennen

(vgl. insbesondere den Logienkomplex EvThom 18/19; zu diesen Bezügen Pagels 1999,

477 ff.; Zöckler 1999, 125). Unstrittig ist, dass EvThom 83 nicht direkt auf Gen 1,26 f.

Bezug nimmt, sondern auf eine Interpretation des Motivs der Gottebenbildlichkeit des

Menschen. Strittig ist lediglich, um welche Auslegungstradition es sich hierbei konkret

handelt.

SozialgeschichtlicheAnalyse(Bildspendender Bereich)

Die religions- und sozialgeschichtlichen Hintergründe des biblischen Motivs der Gottebenbildlichkeit

des Menschen können in ägyptischen und altorientalischen Königsideo-

910


Gt 08020 / p. 925 / 1.10.2007

logien gefunden werden, in denen ein irdischer Herrscher als ein Repräsentant Gottes

bzw. selbst als göttliche Gestalt verehrt wurde (vgl. Ockinga 1984, passim). Die Besonderheit

von Gen 1,26 f. gegenüber jenen religionsgeschichtlichen Vorgaben besteht darin,

dass nicht etwa nur einzelnen Königsgestalten die Aufgabe zugestanden wird, die göttliche

Fürsorge für seine Untertanen bzw. für die Welt auszuüben, sondern jedem einzelnen

Menschen. In der weiteren Geschichte der Rezeption und Interpretation von Gen

1,26 f. trat der Gedanke der Repräsentation der göttlichen Macht durch den Menschen

jedoch in den Hintergrund. Stattdessen wurde das Motiv der Gottebenbildlichkeit

menschlicher Existenz mehr und mehr als eine Aussage über das ontologische Verhältnis

von Gott und Mensch verstanden. Dies zeigt sich v. a. bei denjenigen frühjüdischen Traditionen,

bei denen in einem besonderen Maße der Einfluss platonisch-mittelplatonischen

Denkens zu beobachten ist (vgl. v. a. die Septuagintaübersetzung von Gen 1,26 f.

sowie SapSal 2,23; 7,26). Dies bedeutet jedoch, dass für das Verständnis von EvThom 83

weniger die Frage der sozialgeschichtlichen Hintergründe des Motivs der Gottebenbildlichkeit

von Relevanz ist als vielmehr die Bildfeldtraditionen, welche sich aus diesem

Motiv heraus in frühjüdischen, frühchristlichen und gnostischen Traditionsbildungen

entwickelten.

Analysedes Bedeutungshintergrunds(Bildfeldtradition)

Das Licht indenBildern EvThom 83

Im facettenreichen Spektrum alttestamentlich-frühjüdischer und frühchristlicher Traditionsbildungen

lassen sich völlig unterschiedliche Interpretationen des Motivs der

Gottebenbildlichkeit des Menschen beobachten. Die ursprüngliche anthropologische

Aussageintention von Gen 1,26 f. MT, die v. a. auf die stellvertretende Verantwortung

des Menschen in der göttlichen Schöpfung abzielte, hat in der jüdischen Bibel nur wenige

Analogien. Die deutlichste Parallele bietet zweifelsohne Ps 8,5. Auch wenn dieser Text die

Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht explizit anspricht, entspricht er der Grundaussage

der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung, derzufolge der Mensch zwar gottähnlich,

aber nicht gottgleich ist und als Geschöpf Gottes inmitten der göttlichen Schöpfung

eine besondere Stellung einnimmt. Die meisten Aufnahmen von Gen 1,26 f.

begegnen hingegen in verhältnismäßig jungen Traditionen, die bereits deutlich von einer

Auseinandersetzung mit der griechisch-hellenistischen Kultur geprägt sind (vgl. Sir

17,3 f.; Sap 2,23 f.; 7,26). Dabei lässt sich insbesondere bei alexandrinischen Autoren

wie dem Verfasser des Sapientia Salomonis, Pseudo-Phokylides und v. a. Philo von Alexandrien

eine Interpretation des Motivs der Gottebenbildlichkeit des Menschen erkennen,

die in Grundzügen bereits bei der Septuagintaübersetzung von Gen 1,26 f. beobachtet

werden kann. Gen 1,26 f. wird nun v. a. als eine Aussage über eine ontologische Beziehung

zwischen Gott und Mensch gedeutet, derzufolge der Mensch durch die seelischgeistige

Komponente seiner Existenz an der göttlichen Unsterblichkeit partizipiert (Sap-

Sal 7,26; Ps-Phok 97-108; Philo opif. 72-75; LA III,96; her 56 etc.).

Frühchristliche Rekurse auf jenes Motiv begegnen z. B. in ethischen bzw. ekklesiologischen

Argumentationszusammenhängen, in denen die Adressaten durch einen Verweis

auf ihre Gottebenbildlichkeit zu einem angemessenen Verhalten ermahnt werden

(vgl. v. a. Jak 3,9 und die theologisch problematische These über unterschiedliche Grade

einer Gottebenbildlichkeit bei Mann und Frau). Die bedeutendste Interpretation, welche

911


Gt 08020 / p. 926 / 1.10.2007

ParabelnimThomasevangelium

Gen 1,26 f. im frühen Christentum erfuhr, begegnet jedoch in christologischen Applikationen

des Motivs der Gottebenbildlichkeit. Diesen Konzeptionen zufolge ist Jesus das

Ebenbild Gottes (2 Kor 4,4; Kol 1,15, im weiteren Sinne auch Hebr 1,3]), mit dem Gott

sich bereits bei der Erschaffung des Menschen beratschlagte (Barn 5,5; 6,12 bietet somit

eine christologische Deutung der in Gen 1,26 MT vorliegenden Formulierung, derzufolge

Gott sich und Jesus dazu auffordert, den Menschen zu erschaffen). Entsprechend orientiert

sich die eschatologische Neuschöpfung des Menschen an Jesus als dem Ebenbild

Gottes (1Kor 15,49; Röm 8,29; Kol 3,10; 2 Clem 14,2).

Zuweilen wurde versucht, auch EvThom 83 als Zeugnis einer solchen frühjüdischen

bzw. frühchristlichen Interpretation von Gen 1,26 f. zu verstehen (S. L. Davies

1992, 665 bzw. 670; DeConick 2006b, 248). Allerdings lassen sich im Spektrum der

überlieferten Interpretationen dieses Motivs keine Texte finden, von denen her die Eigentümlichkeiten

von EvThom 83 erläutert werden können. Während z. B. die thematischen

Korrelate, die mit dem Motiv der Gottebenbildlichkeit in alttestamentlich-frühjüdischen

und frühchristlichen Entwürfen in Beziehung stehen, nicht im Thomasevangelium begegnen

(v. a. nicht die christologischen und erwählungstheologischen Interpretationen),

haben jene Themen, mit denen das Motiv der Abbildhaftigkeit menschlicher Existenz im

Thomasevangelium korrespondiert, keine Analogien in jenen alttestamentlich-frühjüdischen

und frühchristlichen Texten. Auch Versuche, EvThom 83 unmittelbar auf platonisch-mittelplatonische

Vorstellungen zurückzuführen (so z. B. Asgeirsson 2006, 166),

sind wenig hilfreich. Einerseits bieten EvThom 83; 84 eine zu begrenzte Textbasis, um

ihr Verhältnis z. B. zur platonischen Ideenlehre bzw. deren mittelplatonischen Reformulierungen

zu analysieren. Andererseits ist beachten, dass EvThom 83 innerhalb des Thomasevangeliums

mit Themenfeldern in Beziehung steht, die von neuplatonischen Autoren

(insbesondere von Plotin) und von kirchlichen Häresiologen als Eigentümlichkeiten

gnostischer Platointerpretationen gekennzeichnet werden. In den Kontroversen zwischen

gnostischen und antignostischen Autoren entwickelte sich das Motiv der Gottebenbildlichkeit

des Menschen nämlich zu einem Gegenstand scharfer Kontroversen (vgl. z. B. die

Skizze der ptolemäischen und valentinianischen Kosmogonie und Anthropogonie bei

Iren. haer. I 5,1-6; Tert.Val. 24,1-3). Auch wenn die kirchlich-häresielogischen Darstellungen

polemisch gefärbt sind und den heute zugänglichen gnostischen Originalzeugnissen

nicht gerecht werden, lassen sich in diesen Kontroversen Interpretation von Gen

1,26 f. erkennen, vor deren Hintergrund nahezu alle Facetten von EvThom 83 interpretiert

werden können, die im Kontext des Thomasevangeliums rätselhaft bleiben. Dies gilt

v. a. für die Schrift, die im zweiten Kodex der Nag Hammadi-Bibliothek direkt vor dem

Thomasevangelium angeordnet ist. Aufgrund der Komposition des zweiten Codex und

einer Vielzahl redaktioneller und inhaltlich-sachlicher Berührungen wurde bereits verschiedentlich

die Einschätzung formuliert, dass das koptische Thomasevangelium und

die Langfassung des Johannesevangeliums zu einer Leseeinheit verbunden wurden (so

vermutet z. B. Klauck 2 2005, 226, dass »wir mit dem AJ nur den ersten Teil einer Bibel

vor uns haben, der ein eigentliches Evangelium [EvThom z. B.] erst noch folgen muss.)«.

Die Langfassung des Johannesapokryphons bietet eine der ausführlichsten gnostischen

Reformulierungen der biblischen Schöpfungserzählungen, die auf einer strikten Unterscheidung

zwischen einer oberen und unteren Theogonie und Kosmogonie und auf dem

Mythos von dem Fall der Sophia basiert (zur ausführlichen Skizze des Mythos vgl. Luttikhuizen

2006, passim). Die für die Interpretation von EvThom 83 relevanten Facetten

912


Gt 08020 / p. 927 / 1.10.2007

Das Licht indenBildern EvThom 83

dieses Konzeptes können folgendermaßen skizziert werden. Die in Gen 1-3 beschriebenen

Schöpfungsakte beziehen sich dieser Konzeption zufolge im wesentlichen auf die

Schöpfung der unteren Welt. Der biblische Schöpfergott wird mit dem Demiurgen Jaldabaoth

identifiziert, einer niederen Gottheit, die ihre Existenz nur einem Fehlverhalten

seiner Mutter Sophia verdankt. Sophia gebiert ihren Sohn ohne die Zustimmung der

obersten Gottheit Metropater (Muttervater) als eine unvollkommene Kreatur, die in Anlehnung

an die platonischen Kosmogonievorstellungen auch als ›Demiurg‹ bezeichnet

wird. Da Sophia ihren Sohn vor den weiteren Gottheiten der oberen Welt zu bergen versucht,

hält Jaldabaoth sich selbst für die einzig existente Gottheit (dabei werden u. a. auch

die in Ex 20,5; 34,14; Jo 2,27; Jes 45,5; Dtn 5,9; 32,29 etc. formulierten monotheistischen

Bekenntnisse zu Aussagen des eifersüchtigen Demiurgen umgestaltet, der die Existenz

höherer Gottheiten leugnet [vgl. AJ NHC II,1 p. 13,8 f.]). Der Demiurg erschafft sich

seine eigene Welt und eine Vielzahl von Archonten, die ihm als ergebene Mächte dienen.

Aufgrund seiner Herkunft aus der oberen Welt trägt Jaldabaoth allerdings Lichtelemente

in sich, die seine Mutter Sophia bei seiner Geburt auf ihn übertrug. Die Sophia wiederum

versucht, diese Lichtelemente in das obere Lichtreich zurückzuholen. Sie veranlasst ihren

Sohn dazu, einen Menschen zu erschaffen. Am Himmelsgewölbe der unteren Welt erscheint

Metropator in Gestalt eines anthropomorphen Bildes, welches von Licht erfüllt

ist (vgl. v. a. AJ NHC II,1 p. 14,19-34). Der Demiurg und seine Archonten versuchen das

Bild der obersten Gottheit nachzubilden, um so jenes Licht für ihren Kosmos zu gewinnen.

Die Existenz dieses Menschen ist von einer doppelten Abbildhaftigkeit geprägt. Er

ist einerseits das Ebenbild des lichterfüllten Bildes, das am Himmelsgewölbe des unteren

Kosmos erschienen ist, andererseits das Ebenbild Jaldabaoths und seiner Archonten (vgl.

AJ NHC II,1 p. 14,33f.). Der von Jaldabaoth erschaffene Mensch besteht allerdings aus

körperlich-choischer Materie und bleibt aus diesem Grunde leblos. Seine Belebung wird

nur durch eine List der oberen Gottheiten ermöglicht. Sophia veranlasst Jaldabaoth dazu,

seine pneumatisch-lichterfüllten Elemente in den choischen Menschen zu übertragen. In

Anlehnung an Gen 2,7 wird erzählt, dass er seinen Geist in den von ihm erschaffenen

Menschen hineinbläst (AJ NHC II,1 p. 19,31 f.). Der auf diese Weise zum Leben erweckte

Mensch partizipiert somit an der oberen und unteren Welt. Die geistige Dimension seiner

Existenz verbindet ihn mit der oberen Welt, die körperlich-choische hingegen mit der

unteren. Dem Mythos zufolge realisiert Jaldabaoth die Gefahr, dass die Lichtelemente,

die er auf den Menschen übertragen hat, aus seiner Schöpfung in die obere Welt zurückkehren.

Um dies zu verhindern, gestaltet er den ursprünglich androgynen Menschen nun

als Mann und Frau. Aufgrund der sexuellen Begierde, die er zwischen den Geschlechtern

entstehen lässt, kommt es dazu, dass die Lichtelemente des ersten Menschen auf die folgenden

Generationen übertragen und so verstreut werden. Die Menschen der unteren

Welt werden wiederum durch Boten der oberen Welt daran erinnert, dass die in ihnen

enthaltenen Lichtpartikel wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen (vgl. diesbezüglich

v. a. den ausführlichen Monolog der Vorsehung [AJ NHC II,1 p. 30,11-31,25]). Dies

kann den Pneumatikern aber nur gelingen, wenn sie sich radikal von der körperlichen

Verfasstheit ihrer Existenz, geschweige denn von einer Fortpflanzung distanzieren. Auf

diese Weise überwinden sie die Gefangenschaft im Körper (AJ NHC II,1 p. 31,4) und

ermöglichen die Rückkehr ihrer Lichtelemente in die obere Welt.

913


Gt 08020 / p. 928 / 1.10.2007

ParabelnimThomasevangelium

Zusammenfassende Auslegung(Deutungshorizonte)

In EvThom 83 lassen sich eindrücklich die hermeneutische Grundstruktur und die religionsgeschichtlichen

Hintergründe des Thomasevangeliums erkennen. Für sich genommen

und vor dem Hintergrund frühjüdischer und frühchristlicher Interpretationen des Motivs

der Gottebenbildlichkeit bleibt dieser Text rätselhaft. Liest man EvThom 83 aber vor dem

Hintergrund der Langfassung des Johannesapokryphons, welches im zweiten Codex der

Nag Hammadi-Schriften unmittelbar vor dem koptischen Thomasevangelium angeordnet

ist, lassen sich jene fragmentarischen Motivbestände relativ leicht interpretieren.

Vor dem Hintergrund des in AJ genannten Mythos können nahezu alle Facetten

interpretiert werden, die in EvThom 83 und den thematisch verwandten Logien des Thomasevangeliums

rätselhaft bleiben. EvThom 83/84 nimmt offensichtlich Bezug auf die

im Johannesevangelium vorliegende Vorstellung, dass die menschliche Existenz von zwei

unterschiedlichen Aspekten einer Abbildhaftigkeit bestimmt ist. Die in EvThom 84 für

diese Differenzierung verwendete Terminologie begegnet identisch auch in AJ NHC II,1

p. 14,33f., wo die unterschiedlichen Bezugspunkte der Abbildhaftigkeit menschlicher

Existenz zur Sprache gebracht werden. Während mit dem Begriff (hikōn) die Ebenbildlichkeit

des Menschen mit dem lichterfüllten Bild der oberen Gottheit bezeichnet

wird, kennzeichnet (ine) die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Jaldabaoth und

seinen Archonten. Die Korrespondenz von EvThom 84 und AJ NHC II,1 p. 14,33f. tritt

noch deutlicher zu Tage, wenn man beachtet, dass diese Unterscheidung einer zweifachen

Abbildhaftigkeit menschlicher Existenz nur in der Langfassung des Johannesapokryphons

vorliegt, die unmittelbar vor dem Thomasevangelium angeordnet ist (in den

Kurzfassungen des Johannesapokryphons bezieht sich die Ebenbildlichkeit des Menschen

nur auf die obere Gottheit [BG 48,13; NHC III,1 p. 22,5 f.]).

Entsprechend kann auch EvThom 83 vor diesem Motivhintergrund interpretiert

werden. Die Bilder, die den Menschen sichtbar sind, entsprechen den Körpern, die Jaldabaoth

erschaffen hat. Dass in den körperlichen Bildern Licht enthalten ist, ist nicht ohne

weiteres erkennbar (EvThom 83,1). Die Jünger müssen erst von Jesus als einem Boten der

oberen Welt darüber belehrt werden, dass sie aus einem ewigen Licht stammen (EvThom

50,1a). Dieses Licht hat sich in der Offenbarung der obersten Gottheit am Firmament der

unteren Welt ›hingestellt‹ und ist in dem körperlichen Bild der Menschen erschienen

(vgl. die Analogie zwischen EvThom 50,1b und AJ NHC II,1 p. 14,19-34). Das wahre

Bild des Vater bleibt aber in seinem Licht verborgen (EvThom 83).

Auch weitere Facetten des Thomasevangeliums, die für sich genommen bzw. vor

dem Hintergrund frühjüdischer und frühchristlicher Interpretation des Motivs der Gottebenbildlichkeit

rätselhaft bleiben, können vor dem Hintergrund der gnostischen Reformulierung

der biblischen Schöpfungserzählungen, die im Johannesapokryphon vorgenommen

wird, interpretiert werden (ausführlich hierzu Popkes 2007, 314-325 bzw.

die Interpretation von EvThom 24 in diesem Kompendium).

Vor diesem Hintergrund kann EvThom 83 ebenso wie EvThom 84 und EvThom

50 als ein Text verstanden werden, welcher seine Leser dazu herausfordert, die protologischen

Voraussetzungen ihrer Existenz zu erkennen. Ihnen wird in Aussicht gestellt, auf

diesem Wege sich schließlich als ›Kinder des lebendigen Vaters‹ zu erkennen, die aus

einem ewigen, ungeschaffenen Licht bzw. aus dem Königreich stammen und auch wieder

dahin zurückkehren sollen (EvThom 3; 49; 50).

914


Gt 08020 / p. 929 / 1.10.2007

Aspekte der ParallelüberlieferungundWirkungsgeschichte

Eine Parallelüberlieferung oder eigene Wirkungsgeschichte des Logions ist nicht bekannt.

Literatur zumWeiterlesen

Das Licht indenBildern EvThom 83

Enno Edzard Popkes

A. D. DeConick, The Original Gospel of Thomas in Translation. With a commentary and New

English Translation of the Complete Gospel, Library of New Testament Studies 287, London,

New York 2006.

G. Luttikhuizen, Gnostic Revisions of Genesis Stories an Early Jesus Traditions, NHMS 58, Leiden

2006.

E. Pagels, Exegesis of Genesis 1 in the Gospels of Thomas and John, JBL 118 (1999), 477-496.

E. E. Popkes, Das Menschenbild des Thomasevangeliums: Untersuchungen zu seiner religionshistorischen

und chronologischen Verortung, WUNT 206, Tübingen 2007.

915

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine