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Die Einwanderungs- und Asylpolitik der EU

Die Einwanderungs- und Asylpolitik der EU

Monika Bösche

Monika Bösche Die Einwanderungs- und Asylpolitik der EU (vgl. Kapitel 3.4, S. 75) 116 . Dies führt zu dem Problem, dass die theoretische Vorhersage nur eindeutig bestätigt, nicht aber eindeutig widerlegt werden kann, da die vorhergesagte Integration durch den spill-over-Effekt ja in der Zukunft noch stattfinden könnte. Das konstruktivistische Modell von Marcussen u.a. [1999] kann die Unzulänglichkeiten, die bei den beiden klassischen Integrationstheorien bleiben, gut erklären. Die Aufnahme von kompatiblen, supranationalen Ideen in die politische Ordnung der EU findet zu kritischen Zeitpunkten statt, an denen auch die Akteure versuchen, ihre Interessen durchzusetzen; wenn neue Ideen und Interessen angenommen wurden, werden diese in der Regel von den Akteuren internalisiert (vgl. Kapitel 2.3, S. 19). Die von diesem konstruktivistischen Modell gemachten Vorhersagen lassen sich auch an der Empirie völlig bestätigen (vgl. Kapitel 2.4.1, S. 25 und Kapitel 3.5, S. 76). Die Probleme des konstruktivistischen Modells werden aber in Kapitel 3.5.4 (S. 83) deutlich: Das Modell alleine gibt keine klaren Anhaltspunkte dafür, wann ein kritischer Zeitpunkt von den entscheidenden Akteuren wahrgenommen bzw. konstruiert werden wird. Ein weiterer Problempunkt ist, dass die Ideen, die von den Akteuren als kompatibel zur politischen Ordnung gesehen oder besser konstruiert werden, auch nicht a priori eindeutig und abschließend identifiziert werden können. Moravcsik mahnt hier z.B. an, dass konkrete Kausalmechanismen fehlen: Welche Ideen und Diskurse welche Politiken unter welchen Umständen beeinflussen, bleibt unklar beim Konstruktivismus [Moravcsik 1999: 671]. Moravcsik kommt daher zu folgendem Urteil bezüglich des Konstruktivismus: "Absent a more precise specification, any observed outcome [...] is 'explained' by this theory" [1999: 672, Hervorhebung im Original]. Bezüglich des konstruktivistischen Modells von Marcussen u.a. [1999] kritisiert Moravcsik explizit das Konzept des kritischen Zeitpunktes: "(T)he claim is unspecified to the point of near-tautology" [Moravcsik 1999: 674]. Dies ist ein schwerer Vorwurf an den Konstruktivismus und das hier verwandte konstruktivistische Modell: Denn damit, dass das Modell alles erklären kann, erklärt es eigentlich nichts [vgl. Foerster 2000: 47]. Dennoch ist diese negative Bewertung des Konstruktivismus nur aus einer ganz bestimmten theoretischen 116 Das gleiche Problem beim Neofunktionalismus wird auch von anderen Autoren bei anderen Themenkomplexen identifiziert (Beispiele): Wolfgang Wessels identifiziert die fehlende Erklärung solcher "time lags" durch den Neofunktionalismus bei der Integration der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik [Wessels, Wolfgang: Von der EPZ zur GASP - Theorienpluralismus mit begrenzter Aussagekraft. in: Regelsberger, Elfriede (Hrsg.) (1993): Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union. Profilsuche mit Hindernissen. Bonn: Europa Union Verlag, S. 9-29; hier insbesondere S. 24] Auch Lars-Erik Cederman und Gerald Schneider verweisen auf "stop-and-go pattern of high-level interaction" in der EG. Ohne sich explizit auf eine der beiden klassischen Integrationstheorien zu beziehen, stellen sie allgemein Folgendes fest: "EC integration proceedings have oscillated between short-lived euphoria and agonizingly protracted stalemates. Institutional development has thus been rather unpredictable". In ihrem Artikel findet sich auch eine Tabelle mit entscheidenden stop-and-go- Ereignissen in der Geschichte der EG. [Cederman, Lars-Erik/Schneider, Gerald (1994): The Chance of Tide in Political Cooperation: A Limited Information Model of European Integration. in: International Organization 48/4, S. 633-662, hier insbesondere S. 633, 636, 638] Druckdatum: 10.09.02 Seite 86 von 119

Monika Bösche Die Einwanderungs- und Asylpolitik der EU Sichtweise nachvollziehbar: Nämlich aus einem positivistischen Theorieverständnis und einer ganz bestimmten, etwas verkürzenden Rezeption des Konstruktivismus heraus. Daher wird an dieser Stelle eine wissenschaftstheoretische Betrachtung notwendig: Es müssen ontologische und vor allem epistemologische Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Theorieansätzen betrachtet werden. Ontologische Unterschiede sind solche, die sich auf den Untersuchungsgegenstand und den Inhalt der jeweiligen Theorien beziehen117 . Die ontologischen Unterschiede werden auch schon im theoretischen Teil deutlich (Kapitel 2, S. 6) und müssen hier daher nicht mehr detailliert ausgeführt werden118 . Epistemologische Unterschiede beziehen sich dagegen "auf die Verfahren der Gewinnung von Aussagen über den Gegenstand und den Geltungsanspruch, der diesen Aussagen jeweils zukommt" 119 . [Meyers 1990: 55] Um die Frage nach den ontologischen und epistemologischen Unterschieden der hier verwandten Theorien zu beantworten, wird genauer betrachtet, welche Funktionen Theorien erfüllen sollen und ob diese von den verschiedenen Theorien auch erfüllt werden [vgl. Meyers 1998: 393-395 und 1990: 52f]. Die jetzt notwendige wissenschaftstheoretische Thematisierung erfolgt im nächsten Kapitel. 4.2 Problematisierung: Was ist eine gute Theorie? Was soll eine Theorie leisten? Meyers nennt folgende idealtypische Funktionen einer Theorie [1998: 393-395, 1990: 52f]: Allgemein ist die Aufgabe von Theorien, "die verwirrende Mannigfaltigkeit der vielschichtigen und komplexen Phänomene, die in ihrer Gesamtheit den Gegenstand des Faches ausmachen, für den wissenschaftlichen Erkenntniszugriff zu ordnen und zu erschließen" [Meyers 1998: 393]. Damit kommt den Theorien eine "Interpretationsfunktion" 120 und eine "Orientierungsfunktion" 121 zu. An Theorien wird hier das Kriterium der Einfachheit gestellt: Sie sollen die Phänomene erschließen. [Meyers 1998: 394, 1990: 58; vgl. Welz/Engel 1993: 129-132] Theorien haben desweiteren eine epistemologische Funktion: Sie geben eine "Anleitung für die Formulierung wissenschaftlicher Aussagen über den von der Großtheorie konstituierten Realitätsausschnitt" und bestimmen "Kriterien für deren Geltung" [Meyers 1998: 395]. Viele Theorien enthalten 117 Es wird folgende Frage gestellt: "Welche Vorstellungen, welches Weltbild erzeugt eine Theorie von der 'Sache', vom Gegenstand"? [Meyers 1998: 393] 118 Ontologische Unterschiede zeigen sich z.B. in der unterschiedlichen Beantwortungen der folgenden Fragen durch die verschiedenen Theorien bzw. das konstruktivistische Modell: "Wer sind Hauptakteure"?; "Welches sind die Kernfragen"?; "Welches sind die Hauptprozesse"?; "Was sind die hauptsächlichen Ergebnisse"? [Meyers 1998: 413] 119 Es wird hier folgende Frage gestellt: "Wie begründet und legitimiert eine Theorie ihre Aussagen über den Gegenstand, auf den sie sich bezieht?" [Meyers 1998: 393] 120 Meyers definiert die Interpretationsfunktion so: "Strukturierung von Teilbereichen der (erfahrbaren) Realität" [Meyers 1998: 394]. 121 Meyers definiert die Orientierungsfunktion folgendermaßen: "Reduktion komplexer Sachverhalte auf vermeintlich einfache bzw. idealtypische Einsichten" [Meyers 1998: 394]. Druckdatum: 10.09.02 Seite 87 von 119

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