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Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

© 2012 Egbert Jahn –

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 10 staatliche Stellen oder gar private Organisationen wie eine Partei die Vernichtungstaten befehlen oder durchführen. Deutsche, österreichisch-ungarische und amerikanische Diplomaten haben die osmanische Führung mehrmals auf die Greueltaten hingewiesen. Die beiden osmanischen Verbündeten hielten sich zwar mit allzu scharfer und vor allem öffentlicher Kritik zurück, da sie den wichtigen Kriegspartner nicht verlieren wollten, der die eigenen Streitkräfte von höheren Todesraten entlastete, forderten aber eine geordnete und einigermaßen humane Durchführung der Deportation der Armenier. Der US-amerikanische Botschafter Henry Morgenthau bot sogar die Einreiseerlaubnis für alle Armenier in die USA an, was Mehmet Talat Pascha zunächst annahm, dann aber ablehnte, weil er fürchtete, die in die USA ausgewanderten Armenier würden über die bereits geschehenen Greueltaten berichten. Unzweifelhaft wußte die osmanische Regierung sowohl von den Massenmorden sowie von dem Massensterben der Deportierten. Selbst wenn sie ursprünglich nicht die teilweise Vernichtung der Armenier gewollt haben sollte, so gab sie wissentlich die Befehle, die zur fortgesetzten massenhaften Vernichtung von Armeniern durch Taten und Unterlassungen führte. 3 Die Modernität des Völkermordes im Zeitalter der Nationalstaatsbildung Der Völkermord an den Armeniern steht im Zusammenhang mit der Durchsetzung des ethnisch fundierten Nationalstaatsprinzips in Europa, vor allem in den dynastischen Reichen des Ostens. Dieses beruht auf dem Gedanken, daß ein meist monoethnisches Volk, das sich als Nation versteht, den Anspruch hat, auf seinem Siedlungsgebiet einen eigenen Staat zu errichten. Aus den Diskrepanzen zwischen dem oft nicht geschlossenen, sondern gemischt besiedelten Siedlungsgebiet und dem Anspruch auf einen territorial geschlossenen und möglichst imperial ein wenig durch fremdes Gebiet arrondierten Nationalstaat folgte die Neigung, ethnische Minderheiten oder gar lokale und regionale Mehrheiten zu vertreiben, im äußersten Fall auch zu vernichten. Zwar wurde nur selten der ethnisch homogene, aber meist der monoethnisch hegemoniale Nationalstaat unter der Prämisse der Volkssouveränität und der Akzeptanz eines Staats durch die Mehrheit seiner Bevölkerung beansprucht. Vor 1914 hatte nur das Osmanische Reich bereits riesige Gebiete verloren, während die christlichen Ostreiche bis zum Ersten Weltkrieg ihre Gebiete erhalten oder gar noch ausdehnen konnten. Mit Hilfe der europäischen Großmächte hatten sich bereits Griechenland, Serbien, Montenegro, Rumänien, Bulgarien, faktisch auch Ägypten, und schließlich auch Albanien

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 11 als neue Nationalstaaten separiert. Das damals weithin als Armenien bezeichnete Gebiet Ostanatoliens mit den sechs bzw. sieben ostanatolischen Wilayets (Provinzen) Erzurum, Diyarbekir, Harput, Van, Bitlis und Sivas sowie eventuell auch Trabzon hätte nach den Vorstellungen vieler armenischer und christlicher Politiker in Rußland und ganz Europa nach Mazedonien der nächste unabhängige christliche Nationalstaat werden sollen, zumindest aber ein weitgehend autonomes Gebilde nach dem Vorbild Finnlands im Rußländischen Reich. In diesem historischen „Armenien“ bildeten die Armenier wahrscheinlich kaum die Hälfte der Bevölkerung und nur in einigen Städten und Gebieten, insbesondere im Wilayet Van, die klare Mehrheit, während in anderen Gebieten die Kurden die Mehrheit und die Türken oft nur eine Minderheit darstellten. Seit 1878 hatte es mehrere international erzwungene osmanische Versprechen gegeben, eine armenische oder auch armenisch-kurdische territoriale Autonomie in den östlichen Wilayets einzurichten. Osmanische Reformpolitiker versuchten seit Mitte des 19. Jahrhunderts vergeblich, die osmanische Herrschaft, die jahrhundertelang auf dem Prinzip der islamischen Vorherrschaft beruht hatte, zu modernisieren und durch die Förderung eines osmanischen Staatsbewußtseins auf der Grundlage der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen und aller Nationalitäten zu stabilisieren. 1908 zeigte sich mit dem Verlust Bulgariens und Bosnien-Herzegowinas endgültig das Scheitern des polyethnischen Osmanismus an. Der Islamismus blieb eine kurze Übergangserscheinung und wurde schließlich durch den Türkismus und Turanismus (Idee einer Vereinigung der Turkvölker) abgelöst, der durch den Ausgang der beiden Balkankriege weiteren Auftrieb erhielt. Der junge türkische Nationalismus stimulierte seinerseits den griechischen, den armenischen, den arabischen und den kurdischen Nationalismus und begrub die Idee eines polyethnischen türkisch-kurdisch-armenisch-griechischen Staates in Anatolien und Ostthrazien. Damit drohte nicht nur die Abspaltung Griechisch-Westkleinasiens, sondern auch die Abspaltung Armeniens bzw. Kurdistans. In Ostanatolien wären die christlichen Armenier und die islamischen Kurden die eigentlichen nationalen Kontrahenten geworden, falls die osmanisch-türkische imperiale Oberhoheit über Ostanatolien zusammengebrochen wäre. Wegen der Sympathie vieler Armenier in Rußland und zum kleineren Teil auch im Osmanischen Reich mit der Allianz Rußlands und der Westmächte im Ersten Weltkrieg war die Gefahr einer armenischen Separation größer als die der kurdischen. Die Kurden konnten also leicht von den Türken gegen die Armenier instrumentalisiert werden, was bereits Sultan Abdul Hamid II. seit 1891 systematisch bei Armenierpogromen betrieb. Schon zu seiner Zeit soll ein Minister gesagt haben, daß man die armenische Frage am besten aus der Welt schaffe, wenn man

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