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Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

© 2012 Egbert Jahn –

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 6 oder Sterbenlassens durch Hunger, Durst, Krankheiten, Selbstmord, werden die vielfältigen Demütigungen vor dem Tod und die Leiden der wenigen Überlebenden. Auch die Leugnung eines Völkermordes kann viele Facetten besitzen. Sie kann von einem schieren Verschweigen und Bestreiten des massenhaften Tötens unbewaffneter Angehöriger eines Volkes als solchen, über eine Minimierung der Opferzahl bis zur Rechtfertigung des Tötens als Vergeltung für die Verbrechen reichen, die von Angehörigen des Opfervolkes tatsächlich oder angeblich begangen wurden. Außerdem finden Massenmorde als Reaktion auf Massenmorde oftmals großes Verständnis. Vergeltungsmassenmorde werden nur selten als Völkermord bezeichnet, sondern gar manchmal als verdiente kollektive Strafe angesehen. 2 Wechselseitiges Bürgerkriegsgemetzel oder Völkermord? Gab es überhaupt einen Völkermord an den Armeniern? Die Beantwortung dieser Frage setzt zweierlei voraus, zum einen eine Klärung des Begriffs Völkermord, zum anderen eine Sichtung der Literatur über die empirischen Belege, die einen Völkermord im Osmanischen Reich beweisen oder widerlegen sollen. Der engste Begriff von Völkermord bezeichnet einen Vorgang, mit dem die Ausrottung eines ganzen Volkes als solches nicht nur beabsichtigt sondern auch weitgehend ausgeführt wird. Nach diesem Verständnis gab es zwar viele Völkermorde in der fernen Vergangenheit, als die Völker nur einige Hunderte oder Tausende Menschen umfaßten, aber in der jüngsten Geschichte nur einen einzigen, den deutschen nationalsozialistischen Mord an den Juden in dem vom Deutschen Reich zeitweise beherrschten Europa. Oft wird für dieses einzigartige Ereignis auch der Ausdruck Holokaust monopolisiert, als ein besonderer Völkermord unter vielen anderen, gewöhnlichen Völkermorden. Einige Autoren gebrauchen allerdings das Wort Holokaust im Plural für die ganz großen, massenhaften Völkermorde mit Hunderttausenden und Millionen Opfern im Unterschied zu den häufigeren Völkermorden mit weit geringerer Opferzahl, etwa dem von Srebrenica im Juli 1995 mit 7-8.000 bosniakischen Opfern oder dem von Sumgait vom 27./28.2.1988 mit Dutzenden armenischen Opfern (nach sowjetischen Behörden: 26 Armenier und 6 Aserbaidschaner) oder von Xocalı am 25.2.1992 mit nach unterschiedlichen Angaben 161 bis 613 aserbaidschanischen Opfern. Eine sehr weite Definition von Völkermord enthält die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ der Vereinten Nationen vom 9. Dezember 1948, die am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Danach bedeutet „Völkermord eine der folgenden Handlungen, die

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 7 in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören: (a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe; (b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe; (c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen; (d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind; (e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“ Hiernach kann ein Völkermord sogar dann vorliegen, wenn kein einziger Mensch getötet wird. Gemäß der weiten VN-Definition ist das Verbrennen von fünf Mitgliedern einer Familie in ihrem Haus in Solingen am 29. Mai 1993, aus dem einzigen Grund, daß sie Türken waren, bereits ein Völkermord, da keine Mindestgröße für einen Völkermord angegeben wird. Lediglich der Plural „von Mitgliedern der Gruppe“ besagt, daß die Ermordung eines Menschen noch kein Völkermord sein, wohl aber die von zweien. Legt man den weiten Völkermordbegriff von 1948 zugrunde, so kann es nicht den geringsten Zweifel an einem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich geben, da unstrittig – auch in der Sicht fast aller türkischer Wissenschaftler – seinerzeit viele Menschen ermordet wurden, nur weil sie Armenier waren. Der türkischen offiziellen und offiziösen Leugnung eines Völkermords an den Armeniern liegt ein weitaus engerer Völkermordbegriff zugrunde als der der VN. Einige Autoren kritisieren, daß die Völkermordkonvention der VN in mancher Hinsicht viel zu eng ist, da sie das Töten von Mitgliedern des eigenen Volkes nicht verbietet. Nur der Völkermord (Genozid), nicht der Volks- oder Bevölkerungsmord (Demozid) wird in der VN- Konvention verurteilt, da die Sowjetunion und wohl auch andere Staaten als Mitunterzeichner der Konvention seinerzeit ein Interesse hatten, die staatlichen Massenmorde am eigenen Volk von einer Strafverfolgung auszunehmen. Die Konvention ist somit auch nicht anwendbar im Falle eines sozialen Klassenmords (Soziozid) oder eines politischen Massenmords (Politizid) wie im Falle der Ermordung von 500.000 „Kommunisten“ in Indonesien im Jahre 1965. Von den Überlegungen zum Völkermordbegriff und seinen nach Zeit und Ort höchst wechselhaften Verwendung vor Gericht abgesehen lassen sich doch einige Tendenzen im Sprachgebrauch beobachten. Auf wenige Stunden oder Tage begrenzte Morde an Mitgliedern nationaler, ethnischer, rassischer oder religiöser Gruppen, die im weiteren zusammenfassend fremde Gruppen genannt seien, die oft zwar privat organisiert und veranstaltet, aber staatlich geduldet und angestiftet werden, werden häufig als Pogrome bezeichnet, im Unterschied zu

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